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Full text of "Deutsche Vierteljahrsschrift Für Öffentliche Gesundheitspflege 17.1885 Michigan"

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Deutsche Vierteljahrssclirift 


öffentliche Gesundheitspflege. 


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Deutsche Vierteljahrsschrift 

•— « 

für 

öffentliche Gesundheitspflege. 

Herausgegeben von ; ;;V* 

Prof. Dr. Finkelnburg in Bonn, Dr. Göttisheim in Basel, 
Pro£Dr. August Hirsch in Berlin, Baurath Hobrecht in Berlin, 
Prof. A. W. Hofmann in Berlin, Prof. M. v. Pettenkofer 
in München, Gen.-Arzt Prof. Dr. Roth in Dresden, San.-Rath 
Dr. A. Spiess in Frankfurt a. M., Geh. San.-Rath Dr. 6 . Yarren- 
trapp in Frankfurt a. M., Ministerialrath Dr. Wasserfnhr in 
Berlin, Oberbürgermeister v. Winter in Danzig. 

Redigirt 

von 

Dr. Georg Varrentrapp und Dr. Alexander Spiess 

in Frankfurt a. M. 


SieJbenzehnter Band. 


Braunschweig, 

Druck und Verlag von Friedrich Vieweg und Sohn. 

1 8 8 5 . 


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Alle Rechte Vorbehalten. 


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Inhalt des siebenzelinten Bandes. 


Erstes Heft. 

Sotto 


Bericht des Ausschusses über die elfte Versammlung des „Deutschen Ver¬ 
eins für öffentliche Gesundheitspflege 44 zu Hannover vom 15. bis 17. Sep¬ 
tember 1884 . 1 

Erste Sitzung. 

Eröffnung der Versammlung. 1 

Rechenschaftsbericht. 3 

Tagesordnung. 4 

Nr. I. Ueber die Förderung des hygienischen Unterrichts 7 
Referat von Professor Dr. C. Flügge (Göttingen) . . 7 

Thesen von Generalarzt Professor Dr. Roth (Dresden) 22 

. Discussion .. 22 

Zweite Sitzung. 

Nr. II. Die hygienische Beaufsichtigung der Schule 

durch den Schularzt. 28 

Referat von Privatdocent Dr. A. Baginsky (Berlin) . 28 

Correferat von Stadtschulrath Professor Dr. Bertram 

(Berlin). 49 

Thesen. 56 

Discussion. 57 

Resolution. 71 

Dritte Sitzung. 

Neuwahl des Ausschusses. 72 

Nr. III. Vortheile und Nachtheile der Durchlässigkeit 

vonMauern und Zwischenböden derWohnräume 73 
Referat von Rector Professor Dr. Recknagel (Kaisers¬ 
lautern) . 73 

Discussion. 90 

Schluss der Versammlung. 91 

Section für öffentliche Gesundheitspflege auf der 57. Versammlung deutscher 
Naturforscher und Aerzte in Magdeburg vom 18. bis 23. September 

1884 . 93 

Di© „Health Exhibition“ in London im Jahre 1884. Von Prof. Dr. L. Hirt 

(Breslau).111 

Das ungesunde und das gesunde Haus auf der Londoner internationalen 
Hygieneausstellung des Jahres 1884. Von Prof. Dr. J. Uffelmann 

(Rostock).118 

Beitrag zur Wiederimpfung. Von Oberstabsarzt Dr. Frölich (Möckern) . 126 


383350 


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VI 


Inhalt des siebenzehnten Bandes. 


Seite 


[Kritiken und Besprechungen.] 

Mittheilungen aus dem kaiserl. Gesundheitsamte, Schluss. (Libbertz, 
Frankfurt a. M.) 

V. Dr. R. Koch, Dr. Gaffky und Dr. Löffler: Experimen¬ 
telle Studien über die künstliche Abschwächung der Milz¬ 
brandbacillen und Milzbrandinfection durch Fütterung . . . 133 

VI. BezirkBarzt Dr. Hesse: Ueber quantitative Bestimmungen 

der in der Luft enthaltenen Mikroorganismen.136 

VII. Dr. F. Hueppe: Untersuchungen über die Zersetzung der 

Milch durch Mikroorganismen.138 

Der Sanitätsdienst bei den deutschen Heeren im Kriege gegen Frank¬ 
reich 1870 —1871 (StabsaraÄ Dr. Zimmern, Frankfurt a. M.) ... 141 
Dr. Wernich, königl. Kreisphysicus und Universitätsdocent in Berlin: 

Lehrbuch für Heildiener (Dr. Heinrich Schmidt, Frankfurt a. M.) 153 
M. Alfred Durand-Claye, Ingenieur: L^pidemie de fiövre typhoide 

ä Paris en 1882 (Dr. E. Marcus, Frankfurt a. M.).155 

Dr. R. Blasius: Die Verwendung der Torfstreu.159 

Dr. Post, Oberstabsarzt: Ueber Morbiditätsstatistik.161 

J. Christin ger: Mens sana in corpore sano.162 

[Hygienische Gesetze, Verordnungen und Entscheidungen.] 

I. Gesetze und Verordnungen. 

Erlass königl. württembergischen Ministeriums vom 2. August 1884, 

betreffend Maassregeln wider die Cholera.163 

Erlass königl. preussischen Kriegsministeriums vom 26. August 1884, 

betreffend Choleramaassregeln in der Armee.173 

Erlass königl. preussischen Kriegsministeriums vom 12. September 1884, 

betreffend Choleramaassregeln in der Armee.174 

Erlass königl. Regierung zu Minden vom 25. Juli 1884, betreffend 

Choleramaassregeln im Regierungsbezirk Minden . *..176 

Erlass des schweizerischen Bundesrathes vom 25. Juli 1884, betreffend 

Instruction für die schweizerischen Cholera-Experten.181 

Erlass des Medicinalamtes vom 18. Juli 1884, betreffend die öffentliche 

Reinlichkeit.184 

Erlass des Medicinalamtes zu Bremen vom 19. Juli 1884, betreffend 

Reinigung und Desinficirung der Latrinen und Hauscanäle .... 185 

Anweisung des Gesundheitsrathes von Bremen vom 19. Juli 1884, be¬ 
treffend zweckmässige Desinfection.185 

II. Entscheidungen deutscher Gerichtshöfe. 

Kunstwein.187 

Weinfalschung.188 

Getränkeverfalschung.188 

[Kleinere Mittheilungen.] Zeitschrift des königlich preussischen statisti¬ 
schen Büreaus. 190 

Verhaltungsmaassregeln bei Kinderkrankheiten für Mütter und Kranken¬ 
pfleger .191 

Noch einmal „Cibils“.192 

Zweites Heft. 

Der fünfte internationale Congress für Hygiene und Demographie vom 21. 

bis 27. August 1884 im Haag.193 

Allgemeine Sitzungen. Berichterstatter Dr. R. Blasius (Braunschweig) 196 

I. Section. Allgemeine, internationale und öffentliche Gesundheits¬ 
pflege. Berichterstatter Dr. R. Blasius (Braunschweig) . . . 213 


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Inhalt des siebenzehnten Bandes. vn 

Seite 

II. Section. Oeffentliche Gesundheitspflege der Städte und des Landes. 

Berichterstatter Dr. R. Blasius (Braunschweig).228 

HI. Section. Nahrungsmittelhygiene, Hygiene des Kindesalters, Pri¬ 
vathygiene. Berichterstatter Dr. G. Custer (Rheineck) .... 244 

IV. Section. Gewerbliche und sociale Hygiene. Kleinkinderhygiene. 

Berichterstatter Dr. G. Custer (Rheineck).254 

V. Section. Demographie. Berichterstatter Dr. Richard Böckh 

(Berlin)..264 

Ueber Bleivergiftung von Jacquardwebern. Von F. Schüler, schweizeri¬ 
scher Fabrikinspector in Mollis..274 

Zur praktischen Lösung der Subsellienfrage. Von Stadtarzt Dr. A. Spiess 

(Frankfurt a. M.).* . . 285 

[Kritiken und Besprechungen.] 

Archiv für offentliche Gesundheitspflege in Eisass-Lothringen (Prof. 

Dr. Uffelmann, Rostock).313 

Dr. Pi8tor, Regierungs- und Medicinalrath: Dritter Generalbericht 
über das Medicinal- und Sanitätswesen der Stadt Berlin im Jahre 

1882 (Dr. E. Marcus, Frankfurt a. M.).317 

W. Roth: Jahresbericht über die Leistungen und Fortschritte auf dem 
Gebiete des Militärsanitätswesens. IX. Jahrgang (Stabsarzt Dr. Zim¬ 
mern, Frankfurt a. M.).319 

Sanitätsrath Dr. Wiener: Handbuch der Medicinalgesetzgebung des 
Deutschen Reiches und seiner Einzelstaaten (Oberlandesgerichtsrath 

Dr. C. Silberschlag, Naumburg a. d. S.).320 

Sanitätsrath Dr. Liersch, königl. Kreiswundarzt in Cottbus: Ueber 
Armenkrankenpflege im Allgemeinen und im Regierungsbezirke 
Frankfurt a. d. 0. im Besonderen (Dr. Heinrich Schmidt, Frank¬ 
furt a. M.)..321 


Oskar Kuntze, Oberbürgermeister: Ueber Reinlichkeit, Hautpflege, 
Bäder und die öffentliche Gesundheit, eine Aufforderung zum Er¬ 
richten öffentlicher Badeanstalten, Volks- und Schwimmbäder . . . 322 
Dr. Julius Kratter, Docent für Hygiene in Graz: Der alpine Creti- 

nismus insbesondere in Steiermark (Dr. G. Custer, Rheineck) . . 324 
E. Ludwig: Medicinische Chemie in Anwendung auf gerichtliche, 
sanitätspolizeiliche und hygienische Untersuchungen etc. (Dr. Hans 

Vogel, Memmingen).326 

Dr. Ph. Biedert: Untersuchungen über die chemischen Unterschiede 

der Menschen- und Kuhmilch (Dr. Th. Petersen, Frankfurt a. M.) 327 
Petersen: Forschungen auf dem Gebiete der Viehhaltung und ihrer 

Erzeugnisse (Dr. Hans Vogel, Memmingen).328 

Dr. Hugo Plaut: Färbungsmethoden zum Nachweis der faulniss¬ 
erregenden und pathogenen Mikroorganismen (Dr. E ding er, 
Frankfurt a. M.).328 

[Zur Tagesgeschichte.] Deutscher Verein für öffentliche Gesundheitspflege 329 

Section der öffentlichen Gesundheistpflege des Wiener medicinischen 

Doctorencollegiums.329 

[Hygienische Gesetze, Verordnungen und Entscheidungen.] 

I. Gesetze und Verordnungen. 

Erlass königl. preussischen Ministeriums der geistlichen, Unterrichts¬ 
und Medicinalangelegenheiten vom 12. December 1883, betreffend 

Heizsysteme für Gebäude höherer Unterrichtsanstalten.331 

Erlass königl. preussischen Ministeriums der geistlichen, Unterrichts¬ 
und Medicinalangelegenheiten und des Ministeriums des Innern 


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VUI 


Inhalt des siebenzehnten Bandes. 


Seite 


vom 14. Juli 1884, betreffend Anwendung zur Verhütung der Ueber- 

tragung ansteckender Krankheiten durch die Schulen.333 

Erlass königl. preussischen Ministeriums der geistlichen, Unterrichts¬ 
und Medicinalangelegenheiten und des Ministeriums des Innern 
vom 14. Juli 1884, betreffend Schliessung von Schulen bei anstecken¬ 
den Krankheiten.336 

Erlass grossherzogl. hessischen Ministeriums an die Kreisgesundheits¬ 
ämter vom 18. März 1884, betreffend hygienische Ueberwachung 

der Schulen.336 

Erlass königl. Regierung zu Arnsberg vom 22. August 1884, betreffend 

Anzeige von Infectionskrankheiten. im Regierungsbezirk Arnsberg . 338 
Erlass königl. preussischen Kriegsministeriums, betreffend animale 

Lymphe bei Militärrevaccination.341 

Erlass herzogl. sächsischen Staatsministeriums vom 10. November 1884, 

betreffend Untersuchung des Schweinefleisches.343 

II. Entscheidungen deutscher Gerichtshöfe. 

Strafbarkeit der Verwendung von Traubenzucker zur Bierbereitung . . 347 

Neu erschienene Schriften über öffentliche Gesundheitspflege (31. Ver¬ 
zeichniss) .349 


Drittes Heft. 


Die neuere Entwickelung der Hygiene in Frankreich. Von Dr. Hermann 

Wasserfuhr (Berlin)...373 

Der gegenwärtige Stand der Fäcalienabfuhr nach dem Differenzirsysteme. 

Eine Reisestudie von J. Kaftan, behördlich autorisirtem Givilingenieur 
(Prag - Smichow).407 


Ueber die durch das Wohnen in neugebauten Häusern bedingten Krank¬ 
heiten, deren Ursachen und Vermeidung. Nach einem in der Herbst- 
versammlung des Vereins der Aerzte im Regierungsbezirk Merseburg 


und Herzogthum Anhalt am 9. October 1881 gehaltenen Vortrage. Von 

Sanitätsrath Dr. Hü 11 mann (Halle).418 

Ueber die ersten Anfänge einer Militärgesundheitspflege im Mittelalter. 

Von H. Frölich.433 

[Kritiken nnd Besprechungen«] 


Bericht über die Allgemeine deutsche Ausstellung auf dem Gebiete der 
Hygiene und des Rettungsw T esens, unter dem Protectorate Ihrer 
Majestät der Kaiserin und Königin, Berlin 1882 — 83 (A. S.) . . . 437 
Les institutions sanitaires en Italie (Prof. Dr. J. Uffelmann, Rostock) 439 
Dritter und vierter Jahresbericht der Untersuchungsstation des hygie¬ 
nischen Institutes der Ludwigs-Maximilians-Universität München 
für die Jahre 1882 und 1883 (Dr. A. Schuster, München) .... 444 
Dr. G. Alten, Medicinalrath: Das öffentliche Gesundheitswesen im 
Landdrosteibezirk Lüneburg im Jahre 1882 (Dr. E. Marcus, 


Frankfurt a. M.).447 

Josef Körösi: Ueber den Einfluss der Wohlhabenheit und der Wohn¬ 
verhältnisse auf Sterblichkeit und Todesursachen. — Die Kinder¬ 
sterblichkeit in Budapest während der Jahre 1876 bis 1881 (Dr. Ja- 

cobi, Breslau). 448 

Dr. F. Hulwa: Beiträge zur Schwemmcanalisation und Wasserversor¬ 
gung der Stadt Breslau (Prof. Baumeister, Karlsruhe).450 

Dr. Felix Putzeys, Professeur d’hygiene ä l’universite de Liege: Du 
drainage domestique ou de la canalisation interieure des habitions 
(J. Stübben, Köln). 453 


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Inhalt des siebenzehnten Bandes. 


IX 


Seito 

W. P. Gerhard, Civilingenieur in Newyork: Die Hauscanalisation 

(J. Stübben, Köln).454 

Professor Dr. Heiden, Professor Dr. Alex. Maller, Oekonomierath 
K. v. Langsdorff: Die Verwerthung der städtischen Fäcalien 

(Prof. Baumeister, Karlsruhe).455 

Dr. F. Hueppe: Die Methoden der Bacterienforschung (Dr. Libbertz, 

Frankfurt a. M.).462 

Dr. W. Zopf: Die Spaltpilze (Dr. F. Hueppe, Wiesbaden).463 

Dr. W. Zopf: Die Pilzthiere oder Schleimpilze (Dr. F. Hueppe, Wies¬ 
baden) .464 

Dr. Grandhomme, Arzt und Kreiswundarzt zu Hof heim a. T.: Die 

Cholera (A. S.). 465 

Dr. med. H. A. Ramdohr, Stabsarzt: Die Typhusepidemie im königl. 

sächs. Ulanenregiment Nr. 17 zu Oschatz im Herbste 1882 (L.) . . 466 
Stabsarzt Hueber in Ulm: Die Typhusepidemie in der Deutschhaus- 

caserne zu Ulm 1881 bis 1882 (L.).466 

Dr. Brennecke: Bauet Wöchnerinnenasyle! (A. S.).467 

Ludwig Degen, fürstlicher von Turn- und Taxisscher Baurath: Die 
öffentliche Krankenpflege im Frieden und im Kriege nach dem 
Ergebnisse der Ausstellung auf dem Gebiete der Hygiene und des 
Rettungswesens zu Berlin 1883 (Dr. Heinrich Schmidt, Frank¬ 
furt a. M.).468 

Prof. Dr. Hermann Cohn: Ueber den Beleuchtungswerth der Lampen¬ 
glocken (Dr. A. Carl, Frankfurt a. M.).473 

Dr. Ernst Fuchs, Professor der Augenheilkunde an der Universität 
Lüttich: Die Ursachen und die Verhütung der Blindheit (Dr. A. Carl, 

Frankfurt a. M.).475 

James Bell: Analyse und Verfälschung der Nahrungsmittel. II. Band, 

übersetzt von Dr. P. Rasenack (Dr. Hans Vogel, Memmingen) 478 
Prof. Fleischmann: Der Stand der Prüfung der Kuhmilch für ge¬ 
nossenschaftliche und polizeiliche Zwecke (Dr. Hans Vogel, Mem¬ 
mingen) .479 

Quesneville: Neue Methoden zur Bestimmung der Bestandtheile der 

Milch (Dr. Hans Vogel, Memmingen).480 

Schmitz: Der Mensch und dessen Gesundheit (Prof. Dr. L. Hirt, 

Breslau).481 

Petri: Plaudereien über die Erhaltung und Beförderung der Gesund¬ 
heit und über die Verhütung von ansteckenden Krankheiten (Prof. 

Dr. L. Hirt, Breslau).482 

[Zur Tagesgeschichte.] 

Die allgemeine Einführung der animalen Vaccination im Deutschen Reiche 483 
Die Berliner Canalisationswerke in der Zeit vom 1. April 1883 bis zum 

31. März 1884 . 506 

[Hygienische Gesetze, Verordnungen und Entscheidungen.] 

I. Gesetze und Verordnungen. 

Erlass königl. bayerischer Regierung der Oberpfalz und von Regens¬ 
burg vom 16. Juni 1884, betreffend Bestimmungen über Schulhaus¬ 
bauten .513 

Erlass königl. bayerischer Regierung der Oberpfalz und von Regens- 
burg vom 21. December 1884, betreffend die Maassregeln gegen 

die Weiterverbreitung von Diphtherie und Scharlach.518 

Erlass königl. bayerischer Regierung der Oberpfalz und von Regens¬ 
burg vom 24. December 1884, betreffend die Schliessung von 
Schulen in Folge Auftretens epidemischer Krankheiten.521 


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X 


Inhalt des siebenzehnten Bandes. 


Soito 

Regulativ des grossherzoglich hessischen Polizeiamtes zu Darmstadt 
vom 14. Januar 1885, betreffend die Errichtung eines Ortsgesund- 

heitsrathes in Darmstadt.522 

Erlass königl. Oberpräsidiums der Provinz Schlesien vom 20. October 
1884, betreffend Erfüllung der den Hebammen im sanitätspolizei- 
liehen Interesse auferlegten Verpflichtungen in der Provinz Schlesien 523 
Erlass königl. Regierung des Regierungsbezirks Königsberg vom 24. No¬ 
vember 1884, betreffend Pflichten der Hebammen im Regierungs¬ 


bezirk Königsberg.524 

Erlass königl. Regierung des Regierungsbezirks Merseburg vom 2. Octo¬ 
ber 1884, betreffend Verpflichtungen der Hebammen und nicht 
gewerbsmässige Ausübung der geburtshülflichen Thätigkeit im Re¬ 
gierungsbezirk Merseburg.525 

Erlass königl. Regierung des Regierungsbezirks Minden vom 18. October 

1884, betreffend Verpflichtungen der Hebammen im Regierungs¬ 
bezirk Minden.526 

Polizeiverordnung vom 16. April 1884, betreffend die Hebammen in der 

* Stadt Berlin.527 

Polizeiverordnung des königl. Polizeipräsidiums zu Berlin vom 2. April 

1885, betreffend den Genuss rohen Schweinefleisches.628 

II. Entscheidungen deutscher Gerichtshöfe. 

Verfälschung von Genuss- und Nahrungsmitteln.529 

Strafbarkeit des Versuchs des Feilhaltens gesundheitsschädlicher Nah¬ 
rungsmittel durch deren Transport.629 

Schlachtvieh als Nahrungsmittel.530 

Bierverfälschung.532 

Künstliche Blumen.533 

[Kleinere Mittheilungen.] Trichinenschau in Hamburg.535 

Maul- und Klauenseuche in der Frankfurter Milchkuranstalt.535 

Transportabele Hospitalbaracke.537 

Dollmayer’sche Schulbank.537 

Neu erschienene Schriften über öffentliche Gesundheitspflege (32. Verzeichniss) 539 
Deutscher Verein für öffentliche Gesundheitspflege. Zwölfte Versammlung 

zu Freiburg i. Br. vom 15. bis 17. September 1885 . 552 


Viertes Heft. 

Welche sanitätspolizeiliche Maassregeln an den Grenzen empfehlen sich 
gegen eine Verbreitung der Cholera aus dem Auslande nach Deutsch¬ 


land? Von Dr. Hermann Wasserfuhr.553 

Bleiröhren zur Wasserleitung. Von E. Reichardt (Jena).565 


Die Cellulose- und Papierfabrikation mit besonderer Berücksichtigung der 

Fabrik zu Cöslin. Dr. Anton Heidenhain, Kreiswundarzt (Cöslin) . 576 

[Kritiken und Besprechungen«] 

L. Hirt: System der Gesundheitspflege (Märklin, Cronberg i. Taunus) 585 
J. Soyka, Professor etc.: Untersuchungen zur Canalisation (Lissauer, 


Danzig).587 

M. P. Wolff, königl. preuss. Hauptmann a. D.: Die Ernährung der 

arbeitenden Classen (L; Egger, Mainz).588 

[Zur Tagesgeschichte.] 

Die hygienische Section auf der 58. Versammlung Deutscher Natur¬ 
forscher und Aerzte in Strassburg im September 1885 . 590 

Section für öffentliche Gesundheitspflege des Wiener medicinischen 

Doctoren-Collegiums.594 


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Inhalt des siebenzehnten Bandes. 


XI 


Seit« 

[Hygienische Gesetze, Verordnungen and Entscheidungen.] 4 

I. Gesetze und Verordnungen. 

Erlass königl. preuss. Ministeriums der geistlichen etc. Angelegenheiten 
vom 10. November 1884, betr. die Erholungspausen zwischen den 
Lehrstunden und die Zeitdauer der häuslichen Arbeit der Schüler 

höherer Unterrichtsanstalten.596 

Erlass königl. preuss. Ministeriums der geistlichen etc. Angelegenheiten 
vom 10. Juli 1884, betr. Vermeidung der Ueberbürdung der Schü¬ 
lerinnen in Lehrerinnen - Bildungsanstalten und höheren Mädchen¬ 
schulen .602 

Erlass herzogl. Sachsen-Coburg-Gotha’schen Ministeriums vom 28. Januar 
und 11. Februar 1885, betr. Verhütung der Verbreitung anstecken¬ 
der Krankheiten durch die Schulen.602 

Erlass königl. sächsischen Ministeriums des Innern vom 13. bis 30. Juli 
1885, betr. Verhalten der Vorsteher von Kinderbewahranstalten, 
Kindergärten und Kinderspielschulen bei dem Auftreten anstecken¬ 
der Krankheiten in diesen Anstalten.605 

Erlass königl. Regierung zu Sigmaringen vom 20. December 1884, betr. 
Anzeigepflicht bei ansteckenden Krankheiten im Regierungsbezirk 

Sigmaringen.605 

Erlass königl. preussischer Regierung zu Minden vom 23. Januar 1885, 
beta. Anzeigepflicht der Medicinalpersonen bei Erkrankungsfallen 
an Rachenbräune (Diphtheritis) und Kindbettfieber im Regierungs¬ 
bezirk Minden ..606 

Erlass herzogl. sachsen-meiningenschen Ministeriums vom 7. März 1885, 

betr. Diphtherieanzeigen.607 

Erlass königl. sächsischen Ministeriums des Innern vom 28. März 1885, 
betr. Verhütung des Kindbettfiebers und Augenentzündung Neu¬ 
geborener .607 

Erlass herzogl. sachsen-meiningenscher Regierung vom SO. Januar 1885, 
betr. Desinfectionsverfahren bei übertragbaren und ansteckenden 

Krankheiten der Menschen.610 

Erlass königl. preussischen Ministeriums des Innern, des Ministeriums 
für Handel und Gewerbe und des Ministeriums der geistlichen etc. 
Angelegenheiten vom 13. Februar 1885, betr. den Erlass einer 

Polizeiverordnung gegen das Aufblasen des Fleisches.614 

Erlass grossherzogl. hessischen Ministeriums des Innern und der Justiz 
vom 20. März 1885, betr. Fleischbeschau und Verwendung des 

Fleisches kranker Thiere zum menschlichen Genüsse.615 

Deutsches Reichsgesetz vom 13. Mai 1884, betr. die Anfertigung von 

Zündhölzern.616 

II. Entscheidungen deutscher Gerichtshöfe. 

Realconcurrenz des Nahrungsmittelgesetzes mit Betrug.617 

Verkauf gesundheitsschädlicher Nahrungsmittel.619 

Verkauf verdorbener Nahrungsmittel.621 

Verkauf von ungeborenen Kälbern als menschliches Nahrungsmittel . . 622 
Fahrlässigkeit des Verkäufers von gesundheitswidrigen Nahrungsmit¬ 
teln .623 

Fahrlässiger Verkauf inficirten Fleisches aus einer Abdeckerei .... 623 

Feilhalten eines verdorbenen Nahrungsmittels.625 

Nahrungsmittelverfalschung.626 

Verfälschung des echten bayerischen Bieres durch Färbung.627 

Strafbarkeit der Veräusserung gesundheitsschädlicher Nahrungsmittel 

an Zwischenhändler.628 


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xil Inhalt des siebenzehnten Bandes. 

Seit« 

[Kleinere Mittheilungen.] 

Römische Wasserleitungen von Lyon.629 

Zeitschrift des königlich preussischen statistischen Büreaus.630 

Neu erschienene Schriften über öffentliche Gesundheitspflege (33. Verzeich- 

nisß).631 

Repertorium der im Laufe des Jahres 1884 in deutschen und ausländischen 
Zeitschriften erschienenen Aufsätze über öffentliche Gesundheitspflege. 
Zusammengestellt von Dr. Alexander Spiess.643 


N 


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Bericht des Ausschusses 

über die 

Elfte Versammlung 

des 

Deutschen Vereins für öffentliche Gesundheitspflege 

zu HannoYcr 

vom 15. bis 17. September 1884. 


Erste Sitzung. 

Montag, den 15. September, Vormittags 9 Uhr. 

Vorsitzender Excellenz Hobrecht (Berlin) eröffnet die Versamm¬ 
lung mit einigen begrüssenden Worten und ertheilt zunächst das Wort 
Seiner Excellenz dem Herrn 

Oberpräsidenten v. Leipziger (Hannover): 

„Meine Herren! Der Einladung Ihres Ausschusses gern Folge leistend 
habe ich die Ehre, Namens der königl. Staatsregierung die Versammlung 
des Deutschen Vereins für öffentliche Gesundheitspflege in hiesiger Stadt zu 
begrüssen und willkommen zu heissen. Die Bestrebungen und Verhandlungen 
Ihres Vereins bewegen sich auf einem Gebiete, auf welchem weitere For¬ 
schungen, die Besserung bisheriger Zustände und die Verbreitung und Ver¬ 
allgemeinerung des in der Bevölkerung leider noch vielfach mangelnden 
Verständnisses und Interesses für Einrichtungen, die den öffentlichen 
Gesundheitszustand zu fördern und zu erhalten geeignet sind, wie in Ihrem 
Vereine so auch von der königl. Staatsregierung als dringendes Bedürfniss 
erkannt sind. Die königl. Staatsregierung wird daher auch Ihren dies¬ 
jährigen Verhandlungen volle Beachtung und Würdigung zuwenden und 
vereinigt sich mit Ihnen zu dem Wunsche, dass die Bestrebungen Ihres 
Vereins auf dem Gebiete der öffentlichen Gesundheitspflege wie bisher so 
auch fernerhin zum allgemeinen Wohle werthvolle praktische Erfolge zeitigen 
mögen ! u 

Stadtsyndicus Ostermeyer (Hannover): 

„Hochgeehrte Herren! Gestatten Sie auch mir, dass ich Sie Namens 
der Stadt Hannover begrüsse und in diesen Bäumen willkommen heisse. 
Die Bestrebungen des Vereins für öffentliche Gesundheitspflege sind von 
hervorragender Bedeutung für die communalen Interessen, sie betreffen zum 
grossen Theil Fragen, deren praktische Lösung mehr oder minder in erster 
Linie an die Communen herantritt. Die Verhandlungen des Vereins liefern 

Viertoljahrsschrift für Gesundheitspflege, 18 S 6 . 2 


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2 


Bericht des Ausschusses über die elfte Versammlung 

den coramunalen Behörden ein reiches schätzbares Material zur Belehrung 
und zur praktischen Verwerthung bei Ausführung von Arbeiten von sani¬ 
tärer Bedeutung. 

„Es war uns desshalb eine grosse Freude, als wir die Nachricht erhiel¬ 
ten, dass der Verein für öffentliche Gesundheitspflege in diesem Jahre Han¬ 
nover zu seinem Versammlungsorte erwählt habe, und es gereicht uns zu 
ganz besonderer Ehre, dass Sie Ihre Sitzungen in diese Räumlichkeiten 
verlegt haben. 

„Mögen Ihre Verhandlungen hier einen gedeihlichen Verlauf nehmen 
und von reichen Erfolgen für die öffentliche Gesundheitspflege gekrönt sein. 
Möge Ihnen aber auch für die Zeit, die Sie der Erholung widmen wollen, 
unsere Stadt einen angenehmen Aufenthalt gewähren/ 

Dr. m ed. Lohinann (Hannover): 

„Meine Herren! Gestatten Sie auch mir, Sie im Namen des hiesigen 
Vereins für öffentliche Gesundheitspflege herzlich willkommen zu 
heissen. Ich kann nicht leugnen, dass mich eine gewisse Beklemmung über¬ 
kam, als ich die Nachricht empfing, dass diese hohe Versammlung in diesem 
Jahre unserer Stadt die Ehre ihres Besuches zugedacht habe. Vorher waren 
fast alle grösseren Städte Deutschlands, zum Theil mit wahrhaft muster¬ 
gültigen hygienischen Einrichtungen, besucht, gerade in den letzten Jahren 
die beiden Weltstädte Wien und Berlin. Wie sollten wir dagegen mit unseren 
bescheidenen Anfängen auf dem Gebiete der öffentlichen Gesundheitspflege 
bestehen! Doch, meine Herren, ein Schelm giebt mehr als er hat. An 
gutem Willen hat es nicht gefehlt, und ich hoffe, das Wenige, das wir 
Ihnen hier zeigen können, werden Sie nicht ganz misslungen finden. Sollten 
Sie dabei entdecken, dass manches noch nicht da ist, so bitte ich Sie, zu 
bedenken, dass an den Säckel einer Stadt, die an sich nicht reich, in den 
letzten Jahrzehnten so rapide, ja fast in amerikanischen Verhältnissen, 
herangewachsen ist, Anforderungen so mancherlei Art gestellt werden, dass 
grosse kostspielige Unternehmungen leider hinausgeschoben werden müssen. 

„Der Gesundheitszustand unserer Stadt ist gottlob im Ganzen ein recht 
erfreulicher gewesen. Wenn Sie Gelegenheit genommen haben, die Zusam¬ 
menstellungen des Reichsgesundheitsamtes zu verfolgen, so werden Sie 
gesehen haben, dass Hannover immer einen der ersten Plätze unter den 
grösseren Städten Deutschlands gefunden hat. Von Epideraieen ist unsere 
Stadt gottlob bis jetzt vollständig verschont geblieben, und auch das ist 
wohl ein Grund, wesshalb die Stadt erst in den letzten Jahrzehnten an¬ 
getrieben ist, für die öffentliche Gesundheitspflege Maassregeln zu ergreifen, 
da sie durch die Natur im Ganzen in eine höchst glückliche Lage versetzt 
ist. In einer Ebene liegend, die der freien Luft von allen Seiten Zutritt 
gewährt, fast in einem Viertel ihres Umfanges umgeben von dem schönen 
Holze der Eilenriede, den grossen Anlagen von Herrenhausen, können wir 
sagen, dass wir uns einer gesunden Luft erfreuen. 

„Nun, meine Herren, ich will Sie nicht länger aufhalten. Indem ich 
Sie bitte, nicht mit zu scharfer kritischer Brille unsere hiesigen Anlagen 
anzusehen, rufe ich Ihnen noch einmal im Namen unseres Vereins ein herz¬ 
liches Willkommen zu.“ 


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des Deutschen Vereins für öff. Gesundheitspflege zu Hannover. 3 

Vorsitzender ExcelleilZ Hobrecht (Berlin): 

„Meine Herren! Den Dank abznstatten für das, was die Stadt Han¬ 
nover, was ihre Bewohner, was die königlichen und städtischen Behörden 
zur Förderung unseres Vereinslebcns thun, das wird am Schlüsse unserer 
Versammlung am Orte sein, und dann will ich auch dem Herrn Präsidenten 
nicht vorgreifen, den Sie wählen werden. Ich darf aber wohl schon in 
diesem Augenblicke ein Wort des herzlichsten Dankes den Herren aus¬ 
sprechen, die so freudig der Einladung gefolgt sind, hier zu erscheinen, 
und die uns mit so sympathischen, wohlwollenden Worten begrüsst haben, 
vor Allem Sr. Excellenz Herrn Oberpräsidenten v. Leipziger, dem Ver¬ 
treter des hiesigen Magistrats Herrn Ostermeyer und Herrn Dr. Loh- 
mann, der an der Spitze des hiesigen Vereins für öffentliche Gesundheits¬ 
pflege steht. 

„Bevor wir zur Wahl des Vorsitzenden schreiten, ist es üblich, den 
Rechenschaftsbericht über das ab gelaufene Geschäftsjahr vorzutragen. Ich 
bitte Sie, ihn aus dem Munde des Herrn Geschäftsführers entgegenzunehmen.“ 

Der ständige Secretär Sanitätsrath Dr. Spiess verliest hier¬ 
auf den 

Rechenschaftsbericht 

des 

Ausschusses des Deutschen Vereins für öffentliche Gesundheits¬ 
pflege 

für die Zeit vom Mai 1883 bis September 1884. 

Nach Schluss der Berliner Versammlung trat der neu gewählte Aus¬ 
schuss, bestehend aus den Herren 

Wirkl. Geheimerath Hobrecht, Excellenz (Berlin), Vorsitzendem, 
Bürgermeister Dr. v. Erhardt (München), 

Sanitätsrath Dr. Graf (Elberfeld), 

Statthaltereirath Dr. Ritter v. Karajan (Wien), 

Professor Hermann Rietschel (Berlin), 

Generalarzt Professor Dr. Roth (Dresden) und 
dem ständigen Secretär Dr. Spiess (Frankfurt a. M.), 

za einer Sitzung zusammen und beschloss unter Anderem: 

1. den Bericht über die Berliner Versammlung in der bisherigen 
Weise zu veröffentlichen und den Mitgliedern zuzustellen; 

2. in Bezug auf den in der zweiten Sitzung angenommenen Antrag des 
Herrn Oberingenieurs Fr. Andr. Meyer, betr. Untersuchung der 
deutschen Flüsse, zunächst eine weitere Eingabe nicht zu machen, 
wohl aber persönlich dem Herrn Reichskanzler nochmals den Gegen¬ 
stand vorzutragen, und auch im Reichstage betr. des Schicksals der 
Petition des Vereins vom 3. April 1878 Erkundigung einzuziehen; 

3. die beim Ausschuss eingegangenen Anträge betr. Themata für die 
nächstjährige Versammlung zunächst bei den Ausschussmit¬ 
gliedern circuliren zu lassen. 

1 * 


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4 


Bericht des Ausschusses über die elfte Versammlung 

Am 24. Februar trat der Ausschuss zu einer Sitzung in Berlin 
zusammen, bei welcher leider die Herren Bürgermeister Dr. v. Erhardt 
und Statthaltereirath Dr. v. Karajan zu erscheinen verhindert waren. 

Der erste Beschluss betraf das gemeinschaftliche Tagen mit dem 
Verein für Gesundheitstechnik, wie es in den letzten Jahren statt- 
gefunden hatte. Nach eingehender Discussion der Vortheile und Nachtheile 
eines solchen Zusammengehens zweier in ihren Zielen ziemlich auseinder- 
gehender Vereine beschloss der Ausschuss einstimmig, in Anbetracht, dass 
es für jeden Verein die Vorbedingung unverkümmerter Entwickelung sei, 
sich vollkommene Freiheit und Selbständigkeit zu wahren und dass es für 
unseren Verein besonders wichtig sei, sich für Zeit und Ort seiner Zusam¬ 
menkünfte, für die Wahl der Referenten und der Themata, auf welche die 
zur Zeit besonders hervortretenden hygienischen Fragen von stets mannig¬ 
fach wechselndem Einflüsse seien, vollkommene Selbständigkeit zu erhalten, 
von einem weiteren Zusammentagen mit dem Verein für Gesundheitstechnik 
abzusehen und diesen Beschluss dem Vorstande des Vereins für Gesundheits¬ 
technik durch Schreiben mitzutheilen. 

Es wurde sodann über Ort und Zeit der Vereinsversammlung 
im Jahre 1884 berathen. Bisher war es stets üblich gewesen, mit dem Orte 
der Versammlung des Deutschen Vereins für öffentliche Gesundheitspflege 
zwischen Nord- und Süddeutschland abzuwechseln uud örtlich und zeitlich 
sich der Versammlung deutscher NaturTorscher und Aerzte, 
die den gleichen Wechsel einhält, anzulehnen. Die hygienische Ausstellung 
in Berlin, sowie die besonderen örtlichen Verhältnisse daselbst machten es 
im Vorjahre nöthig, von dieser Regel abzugehen und ohne Rücksicht auf 
die Naturforscherversammlung im Mai in Berlin zu tagen. Da durch den 
Ausfall einer Versammlung des Vereins im Jahre 1882 ein ferneres Zu¬ 
sammengehen mit der Naturforscherversammlung nur möglich war, wenn 
der Verein dieses Jahr nochmals in Norddeutschland tagte, so glaubte der 
Ausschuss eine Ausnahme des bisher gebräuchlichen Wechsels machen zu 
sollen und hat Hannover und die Tage des 15. bis 17. September, im 
Anschluss an die am 18. September in Magdeburg zusammentretende Natur¬ 
forscherversammlung gewählt, und folgende Tagesordnung festgestellt: 

Tagesordnung: 

Montag, den 15. September. 

I. Ueber die Förderung des hygienischen Unterrichts« 

Referenten: Herr Professor Dr. C Flügge (Göttingen). 

„ Professor Dr. Roth, Generalarzt I. CI. (Dresden). 

Dienstag, den 16. September. 

II. Die hygienische Beaufsichtigung der Schule durch den Schularzt« 

Referenten: Herr Privatdocent Dr. A. Baginsky (Berlin). 

„ Stadtschulrath Professor Dr. Bertram (Berlin). 

Mittwoch, den 17. September. 

III« Vortheile und Nachtheile der Durchlässigkeit von Mauern und 
Zwischenböden der Wohnräume« 

Referenten: Herr Director Professor Dr. Recknagel (Kaiserslautern). 

„ Professor Dr. Franz Hof wann (Leipzig). 


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des Deutschen Vereins für öff. Gesundheitspflege zu Hannover. 5 

Leider sind zwei der betreffenden Herren, die ein Referat zuzusagen 
die Güte hatten, die Herren Prof. Dr. Franz Hofmann und Generalarzt 
Prof. Dr. Roth, durch äussere Verhältnisse verhindert, bei dem Gongress 
zu erscheinen. 

Ausser den zur Verhandlung kommenden Thematen batte der Ausschuss 
beschlossen, Herrn Geb. Regierungsrath Dr. Koch nach seiner Rückkehr 
aus Indien zu ersuchen, dem Verein Mittheilungen über seine epoche¬ 
machenden Choleraforschungen zu machen und der Ausschuss wieder¬ 
holte diese Bitte nach dem ebenfalls von Herrn Koch beobachteten Aus¬ 
bruche der Cholera in Toulon und Marseille. Beide Male sah sich Herr 
Koch durch seine Stellvertretung in der Direction des kaiserlichen Gesund¬ 
heitsamtes gezwungen, unter den Ausdrücken lebhaftesten Bedauerns auf 
eine Betheiligung an dem diesjährigen hygienischen Congress verzichten zu 
müssen. 

Die Rechnungsablage für die beiden Jahre 1882 und 1883, für 
welche nur einmal Mitgliederbeiträge erhoben wurden, wurde vom Ausschuss 
geprüft und richtig befunden. Es betrug 

Cassensaldo am 1. Januar 1882 . 2465*62 M. 

Jahresbeiträge von 1229 Mitgliedern . . . 7374*00 „ 

mithin zusammen Einnahmen . . . 9839*62 M. 

dagegen an Ausgaben. 7793*16 „ 

bleibt ein Cassensaldo für 1884 von 2046*46 M. 

Die Mitglieder zahl des Vereins betrug zu Ende des Jahres 
1883: 1212. Von diesen sind im laufenden Jahre ausgetreten 130, 
davon 13 durch Tod. Es sind dies die Herren 

Oberbürgermeister Kohleis in Posen, 

Geh. Obermedicinalrath Prof. Dr. Baum in Göttingen, 

Dr. Debey in Aachen, 

Oberbürgermeister Roos in Crefeld, 

Beigeordneter vom Rath in Duisburg, 

Obermedicinalrath Dr. v. Graf in München, 

Director Mayer in München, 

Herr Ostermaier in München, 

Medicinalrath Dr. Haidien in Stuttgart, 

Medicinalrath Dr. Homburger in Karlsruhe, 

Medicinalrath Dr. Stephani in Mannheim, 

Medicinalrath Dr. v. Preyss in Wien und 
Hofrath Dr. Ritter v. V i v e n o t in Wien. 

Neu eingetreten sind bis heute 52 Mitglieder, so dass der Verein 
zur Zeit*) 1134 Mitglieder zählt, von denen 131 in Hannover anwesend sind. 

J ) Die Zahlen sind die am Schlüsse der Versammlung festgestellten. 


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6 Elfte Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndpflg. zu Hannover. 

Auf Vorschlag des Vorsitzenden erwählt hierauf die Versammlung 
dem bisherigen Gebrauch folgend durch Acclamation den Herrn Ober¬ 
ingenieur F. Andreas Meyer (Hamburg) zum Vorsitzenden für die 
diesjährige Versammlung. 


Vorsitzender F. Andreas Meyer (Hamburg): 

„Verehrte Versammlung! 

„Indem ich die Wahl annehme, danke ich Ihnen, dass sie ein solches 
Vertrauen zu meiner Persönlichkeit haben. Ich weiss sehr wohl, dass die¬ 
selbe in jeder Beziehung für solche Verwendung znrücksteben mu98 in 
einem Kreise so vieler ausgezeichneter Männer, wie sie unser Verein um- 
schliesst, und finde nur darin den Muth, ja sogar die Verpflichtung, als 
langjähriges Mitglied des Vereins und durchdrungen von der Bedeutung, 
die es hat, die verschiedenen in ihm vertretenen Factoren gleichmässig zur 
Wirkung zu bringen, den Vorsitz zu übernehmen, indem ich in meiner 
Wahl eine ehrenvolle Auszeichnung des von mir in Ihrem Kreise vertretenen 
Faches der Bauwissenschaft erkenne. Zwar hat die Bauwissenschaft bei dem 
diesjährigen Programm, soweit es Unterrichts- und Schulfragen behandelt, 
nicht in erster Linie mitzusprechen, aber ich hoffe eben desshalb nicht 
gerade ungeeignet zu sein die Debatten objectiv zu leiten. Das kann ich 
natürlich nur, wenn Sie mir Ihre freundliche Nachsicht entgegenbringen 
und wenn ich durch unseren bewährten Herrn ständigen Secretär unter¬ 
stützt werde. 

„Ich glaube nun, dass es die erste Pflicht ist, die mir als Ihrem Vor¬ 
sitzenden obliegt, den Dank auszusprechen für die Leitung, die Se. Excellenz 
Herr Staatsminister Hobrecht im letzten Jahre dem Vereine hat an ge¬ 
deihen lassen. Er ist als Vorsitzender vor elf Jahren in Frankfurt der 
Gründer des Vereins gewesen, und eine glückliche Fügung hat es gewollt, 
dass er im vorigen Jahre wieder berufen worden ist, an die Spitze der vom 
Vereine ins Leben gerufenen Hygieneausstellung und in der Folge auch 
wieder an die Spitze des Vereins selbst zu treten. Ich bitte, dem geehrten 
Herrn unseren Dank durch Erheben von den Sitzen auszudrücken. 

(Die Versammlung erhebt sich.) 

„Nach §. 4 unserer Statuten hat der Vorsitzende den zweiten und 
dritten Vorsitzenden und die Schriftführer zu wählen. Ich erlaube mir also 
zum zweiten Vorsitzenden Herrn Dr. Loh mann (Hannover) und zum 
dritten Vorsitzenden Herrn Bürgermeister Struckmann (Ilildesheim) zu 
ernennen. Für das Secretariat möchte ich bitten, dass Herr Sanitätsrath 
Dr. Spiess uns wie immer seine Hülfe schenken und Herr Sanitätsrath 
Dr. Nötzel aus Colberg sich ihm*anreihen wolle. 

(Sämmtliche Herren nehmen die ihnen übertragenen Aemter an.) 

„Wir können nunmehr in die Tagesordnung eintreten und ersuche ich 
Herrn Professor Dr. Flügge um seinen Vortrag: 


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Ueber die Förderung des hygienischen Unterrichts. 


7 


TJeber die Förderung des hygienischen Unter¬ 
richts. 

Referent Professor Dr. C. Flügge (Göttingen): 

„Meine Herren! Innerhalb der letzten Jahrzehnte hat sich die Ver- 
theilung des medicinischen Studiums auf die verschiedenen Einzelfächer in 
erheblicher Weise geändert. Noch vor wenigen Decennien umfasste ein 
Fach und ein Fachlehrer ein Gebiet, welches heute in fünf, sechs Einzel- 
disciplinen getheilt ist. Ein einziger Docent lehrte vor einiger Zeit noch 
Physiologie, Anatomie und Chirurgie, jetzt haben wir Institute und 
Ordinariate für systematische Anatomie, für Histologie, für vergleichende 
Anatomie, für pathologische Anatomie, für Physiologie, für physiologische 
Chemie, für Chirurgie, für Ophthalmologie. Diese immer weiter gehende 
Theilung der Arbeit und diese stets fortschreitende Loslösung von Special- 
disciplinen ist nun nicht etwa nach inneren Gründen erfolgt, nicht etwa 
desshalb, weil man erkannt hat, dass die neu abgetrennten Gebiete ein in 
sich abgeschlossenes Wissensgebiet darstellen, das nur ganz unnatürlicher 
und irrthümlicher Weise mit anderen Disciplinen vermengt war, sondern die 
Ablösung erfolgte wesentlich aus äusseren mehr praktischen Gründen, welche 
die Förderung des Unterrichts und die Förderung der Forschung betrafen. 

„Das erste, was gewöhnlich die Anregung zur Ablösung einer neuen Disci- 
plin gab, war die Aufdeckung eines neuen Forschungs- und Unter¬ 
richtsgebietes von bestimmter grosser Ausdehnung. Genialen 
Forschern ist es ja eigen, dass sie Methoden und Resultate von solcher 
Tragweite entdecken, dass sich daran eine grosse Reihe weiterer Fragen, 
weiterer Gesichtspunkte und weiterer Angriffspunkte für die Forschung 
anreiht. Zunächst fasst dann der alte Rahmen des Gebietes noch dieses 
immer mehr anwachsende Material; je mehr aber die Resultate sich häufen, 
um so mehr tritt schliesslich eine wirkliche Ueberfüllung ein; diese Ueber- 
füllung führt schliesslich unausbleiblich zur Vernachlässigung irgend eines 
Theiles des gesammten Gebietes, und dann ist der Moment gekommen, wo 
an eine Trennung der alten Disciplin in zwei Specialfacher gedacht wer¬ 
den muss. 

„Das, was dann die Abtrennung vollenden hilft, ist gewöhnlich die 
Ueberzeugung von einer hervorragenden Wichtigkeit des neu abzugrenzen¬ 
den Gebietes. Ist es vorauszusehen, dass in diesem neuen Forschungs¬ 
gebiet Fragen zur Lösung kommen werden, welche viele praktische Conse- 
quenzen, materielle Vortheile nach sich ziehen, oder deren Behandlung auf 
die übrigen medicinischen Disciplinen von förderndem Einfluss sein wird; 
oder aber ist es vorauszusehen, dass der Unterricht gerade auf diesem Ge¬ 
biete für den praktischen Arzt besonders wichtig sein wird, dass der Arzt 
für seinen Beruf bestimmte Vorth eile daraus ziehen wird, wenn er eingehei^- 


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8 Elfte Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndpflg. zu Hannover. 

dere Kenntnisse auf diesem neuen Gebiete erwirbt, dann wird die Ablösung 
eines solchen neuen Faches zur That. So ungefähr ist es gegangen mit 
der Abtrennung zunächst der Physiologie, mit der Schöpfung physiolo¬ 
gischer Institute in Folge der Arbeiten eines Johannes Müller, in sol¬ 
cher Weise ungefähr haben die Forschungen Virchow’s die Gründung der 
pathologischen Institute veranlasst, in solcher Weise ist die Schöpfung der 
ophthalmologischen Kliniken wesentlich auf die Arbeiten Gräfe’s und 
seiner Schüler zurückzuführen, und so sehen wir wie immer weiter eine 
Trennung, eine Specialisirung des medicinischen Studiums eingetreten ist, 
lediglich in der Absicht, die Forschungen und den Unterricht nach allen 
Seiten hin möglichst eingehend und fruchtbringend zu gestalten. 

„Ganz in derselben Lage nun, wie gegenüber den in den letzten Jahren 
abgetrennten Disciplinen, haben wir uns seit einiger Zeit gegenüber der 
Hygiene befunden. Es ist die Ansicht aufgestellt, dass auch die Hygiene 
durchaus als selbständige Disciplin in das medicinische Studium aufgenommen 
werden müsse. Diese Ansicht ist vielfach discutirt, und sie ist vielfach an- 
gefochten worden, und auch bis in die neueste Zeit haben sich immer noch 
Solche gefunden, die eine selbständige Stellung der hygienischen Disciplin 
nicht für richtig erachten. 

„Dieser Widerspruch wird sich aber vielleicht schon dadurch lösen lassen, 
dass wir uns zunächst einmal darüber klar werden, was wir denn unter Hygiene 
zu verstehen haben. Wir müssen eine möglichst scharfe Definition des Be¬ 
griffes Hygiene aufzustellen suchen. Einzelne Capitel der Hygiene existirten 
bekanntlich schon in frühen Zeiten; sie waren damals auf verschiedene 
andere medicinische Fächer vertheilt und wurden in diesen gelehrt. Ein 
Theil der Hygiene wurde als Staatsarzneikunde vorgetragen, ein anderer 
Theil war aufgenommen in die allgemeine Pathologie und speciell in den 
Theil derselben, der von den Krankheitsursachen handelt, andere hygienische 
Fragen wurden von den Pharmakologen besprochen, einige Capitel der 
Hygiene wurden gern als Anhänge an die einzelnen Abschnitte der Physio¬ 
logie behandelt* Es war in der That ausserordentlich schwer, in diesen 
verschiedenen auf allerlei Disciplinen vertheilten Capiteln der Hygiene den 
Faden zu finden, durch den sich die scheinbar heterogenen hygienischen 
Fragen zu einem einheitlichen Gebiet an einander reihen lassen. Zu einer 
Zusammenfassung des ganzen Gebietes und zu einer scharfen Difinition sind 
wir eigentlich erst seit den Pettenkof er’sehen Untersuchungen gekommen. 

„Diese letzteren führten nämlich direct auf eine correcte Inhaltsbestim¬ 
mung der Hygiene und auf eine scharfe Abgrenzung ihres Gebietes gegen¬ 
über anderen Disciplinen. Sie wissen, dass Pettenkof er vor etwa dreissig 
Jahren die Verbreitung der Cholera in Bayern zu studiren begann, und 
dabei auf irgend einen Factor stiess, der auf die Verbreitung der Cholera 
von ausserordentlichem Einfluss zu sein schien, und der offenbar in der 
äusseren Umgebung des Menschen liegen musste. Er versuchte nun, durch 
Application chemischer und physikalischer Untersuchungsmethoden diesen 
oder diese Factoren herauszufinden; er untersuchte unter Anwendung 
exacter chemischer und physikalischer Untersnchungsmethoden Boden, Was¬ 
ser, Luft u. s. w., und strebte auf diese Weise dem einflussreichen unbekann¬ 
ten Etwas näher zu kommen. Dieselben exactenMethoden wandte Petten- 


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9 


Ueber die Förderung des hygienischen Unterrichts. 

kofer später auch an bei der Erforschung der Erkältungskrankheiten und 
bei der Erforschung der Krankheitszustände, welche durch eine Ueber- 
füllung der Wohnräume entstehen. 

„Nun, das, was Pettenkofer da untersuchte und die Art und Weise, 
wie er es untersuchte, giebt uns unmittelbar die Definition der Hygiene. 
Die Hygiene beschäftigt sich mit nichts Anderem als mit den Vorgängen in 
unserer gewohnheitsmässigen natürlichen oder künstlich geschaffenen Um¬ 
gebung; und zwar des Näheren mit denjenigen Vorgängen, welche auf den 
Ablauf der körperlichen Processe von irgend welchem erheblichem Einfluss 
sind. Die sonstigen medicinischen Fächer beschäftigen sich ja eigentlich 
immer nur mit den Vorgängen innerhalb des menschlichen Organismus. 
Es ist aber yorauszusehen und liegt für jeden Nachdenkenden auf der Hand, 
dass bei der steten Abhängigkeit unseres Körpers von den ihn umgebenden 
äusseren Medien, bei der steten Abhängigkeit jeder einzelnen Function 
unseres Körpers von den äusseren Verhältnissen, dass da diese äusseren 
Medien und die Vorgänge in denselben von gauz ausserordentlicher Be¬ 
deutung für unser Wohlbefinden sein müssen. Die Hygiene füllt offenbar 
geradezu eine klaffende Lücke unter den medicinischen Disciplinen aus und 
es ist nur zu verwundern, dass diese Zusammenfassung des Begriffes der in 
der äusseren Umgebung gelegenen schädlichen Einflüsse nicht schon früher 
erfolgt ist. 

„In solcher Fassung scheidet sich denn auch die Hygiene ganz scharf 
und leicht von den übrigen medicinischen Fächern; zunächst sehr leicht von 
der Physiologie. Die Physiologie hat es zu thun mit den Vorgängen, mit dem 
gesetzmässigen Geschehen innerhalb des normalen menschlichen Körpers. 
Die Hygiene hat es zu thun mit den Vorgängen ausserhalb des Körpers, 
soweit diese auf die Vorgänge im Körper von Einfluss sind. Auch von der 
allgemeinen Pathologie ist die Hygiene durch solche Definition leicht zu 
scheiden. Die allgemeine Pathologie beschäftigt sich zwar auch mit den 
Krankheitsursachen, aber offenbar liegt der Schwerpunkt für ihre For- 
schungsthätigkeit wiederum im Körper; ihre Ermittelung der Wirkung der 
Krankheitsursachen beginnt erst von dem Moment des Eintrittes dieser 
Ursachen in den Körper an; von da ab hat die allgemeine Pathologie zu 
verfolgen, wie der Körper auf das Eindringen der Ursachen reagirt, welche 
Veränderungen von da an im Körper vor sich gehen. Wie aber die schäd¬ 
lichen Ursachen in der Umgebung des Menschen existiren, in welcher Weise 
sie sich in der Umgebung des Menschen entwickeln, wie sie dort sich ver¬ 
breiten und von dort zum Menschen gelangen, das zu erforschen ist alles 
Aufgabe der Hygiene. 

„Sie sehen, die Hygiene hat ein ganz wohl abgegrenztes, in sich ab¬ 
geschlossenes Forschungsgebiet, so gut wie irgend eine andere medicinische 
Disciplin. Des Weiteren ist sie dann selbstverständlich noch zu charakterisiren 
als eine angewandte Wissenschaft. Das ist sie ungefähr in demselben 
Grade wie alle übrigen medicinischen Disciplinen auch. Ferner hat die 
Hygiene selbstverständlich bei ihrer Forschung HülfsWissenschaften nöthig. 
Sie benutzt physikalische, chemische und experimentell - physiologische Me¬ 
thoden. Damit thut sie aber auch nichts Anderes, als was die übrigen 


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10 Elfte Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndpflg. zu Hannover. 

medicinischen Disciplinen mindestens in derselben Weise und in demselben 
Grade thun. 

„Es fragt sich nun, ob diese Hygiene, die ich Ihnen eben charakterisirt 
und definirt habe, eine Berechtigung hat, so wie die übrigen in den letzten 
Jahren neu abgezweigten Fächer, von dem medicinischen Studium abgetrennt 
und selbständig gelehrt zu werden ? Offenbar werden wir diese Berechtigung 
zugeben müssen, wenn das Forschungsgebiet der Hygiene ein hinreichend 
grosses ist, wenn die Hygiene Fragen bietet von besonderer theoretischer 
und praktischer Bedeutung, und wenn es namentlich im Interesse des prak¬ 
tischen Arztes wünschenswerth erscheint, dass der Unterricht in der Hygiene 
möglichst eingehend und sorgfältig ertheilt wird, — Diese Bedingungen 
sind nun aber ganz entschieden erfüllt. 

„Sie zweifeln gewiss nicht, dass die Ausdehnung des Forschungsgebietes 
der Hygiene eine ausserordentlich grosse ist. Darüber ist jede Discussion 
unnöthig. Die Masse der Fragen und der Probleme, welche sowohl in der 
natürlichen, wie in der künstlichen Umgebung des Menschen vorliegen und 
ihrer Beantwortung und Lösung harren, ist geradezu eine verwirrend grosse. 
Ich will Sie nur daran erinnern, dass zur Hygiene jenes ausserordentlich 
umfangreiche und wichtige Gebiet der Lehre von den Mikroorganismen und 
Fermenten gehört, und Sie werden mir zugeben, dass dies Gebiet allein 
fast genügende Ausdehnung besitzt, um als Specialdisciplin behandelt zu 
werden, und dass die hier yorljegenden Probleme ausreicben, um viele Gene¬ 
rationen zu beschäftigen. 

„Gerade so zweifellos ist dann auch die hohe Bedeutung der vorliegen¬ 
den hygienischen Fragen. Diese Bedeutung documentirt sich z. B. schon 
durch den Einfluss, den die hygienische Forschung mit ihren Resultaten auf 
die übrigen medicinischen Fächer letzthin geäussert hat. Sie wissen, wie 
die Chirurgie, die Geburtshülfe, die Pathologie, die Therapie alle mit höch¬ 
stem Interesse namentlich den Forschungen auf mykologischem Gebiete fol¬ 
gen und die Resultate, die da durch die hygienischen Experimente gewonnen 
werden, sich anzueignen und für ihre eigene Disciplin zu verwerthen suchen. 
Ich erinnere Sie daran, wie offenbar die allgemeine Pathologie, die Physio¬ 
logie und die Hygiene in einer innigen Wechselbeziehung stehen, so zwar, 
dass jeder Fortschritt auf dem einen Gebiete auch wieder einen Fortschritt 
auf dem anderen zur Folge hat. Weiter liegt aber ja die hohe Bedeutung 
der hygienischen Fragen noch wesentlich darin, dass so ausserordentlich 
wichtige praktische Consequenzen sich an ihre Lösung knüpfen. Sie wissen, 
dass auf hygienische Lehrsätze hin in allen Staaten und Städten hygienische 
Insitutionen, praktische Maassnahmen geschaffen wurden, dass Millionen 
und Hunderte von Millionen für diese praktischen Maassnahmen verausgabt 
sind und werden, und dies Alles in einer vollständig richtigen Werth¬ 
schätzung der ungeheueren Vortheile, welche erzielt werden, wenn es gelingt 
die Sterblichkeitsziffer und die Zahl der Krankheitstage durch die Befolgung 
hygienischer Grundsätze herabzusetzen. Es sind das ja jedenfalls Ihnen 
geläufige Betrachtungen, welche in früheren Jahren in grosser Zahl und 
sehr ausführlich angestellt worden sind; früher hat man sogar öfter 
ziffermässig die Vortheile herauszurechnen versucht, welche die Hygiene 
den Städten und den Staaten zu bieten vermag, und es ist daher wohl nicht 


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Ueber die Förderung des hygienischen Unterrichts. 11 

nöthig, auf diese Bedeutung der hygienischen Fragen hier noch näher ein- 
zagehen. Das steht sicherlich fest, dass kein einziges der früher abge¬ 
zweigten, jetzt selbständigen medicinischen Fächer auch nur annähernd in 
Bezug auf die Bedeutung der in ihm enthaltenen Fragen mit der Hygiene 
concurriren kann. 

„Wie steht es nun drittens mit dem Unterricht? Ist es nöthig oder 
wünschenswerth, dass der praktische Arzt einen besonderen und eingehen¬ 
den Unterricht in der Hygiene empfangt? Sie wissen, dass in ärztlichen 
Kreisen seit einigen Jahren gerade auf die hygienischen Maassregeln ein 
bedeutender Werth gelegt wird. Mehr und mehr macht sich die Ansicht 
geltend, dass es oft wichtiger und lohnender ist, hygienische Belehrung 
zu ertheilen und zu versuchen, die Entstehung einer Krankheit zu verhin¬ 
dern, als ausgebrochene Krankheiten zu heilen; und dem entsprechend verlangt 
das Publicum jetzt bereits in ausserordentlich vielen Fällen von den Aerz- 
ten hygienische Rathschläge. Man setzt voraus, dass der Arzt aufmerksam 
macht auf Schädlichkeiten, die in der Wohnung, der Nahrung, Kleidung etc. 
gelegen sind, man erwartet, dass bei drohenden Epidemieen, beim Nahen 
infectiöser Krankheiten der Arzt die richtigen prophylaktischen Maassregeln 
an die Hand giebt, dass bei ausgebrochenen ansteckenden Krankheiten der 
Arzt die richtigen desinfectorischen Anordnungen trifft, um eine weitere 
Verbreitung zu verhüten. Ich erinnere Sie sodann ferner daran, dass noch 
eine besondere Kenntniss der Hygiene von dem beamteten Arzt, dem Phy- 
sicus, von dem Arzt an öffentlichen Anstalten, von dem Militärarzt verlangt 
werden muss. Diese Aerzte haben gesunde Verhältnisse herzustellen für 
eine grössere Zahl ihnen anvertrauter Menschen, sie haben denselben gesunde 
Lebensbedingungen, Schutz gegen Epidemieen zu beschaffen. Für diese Aerzte 
ist eine wirklich befriedigende Pflichterfüllung nur möglich, wenn sie über 
eine bedeutende Summe hygienischer Kenntnisse verfügen. 

„Auch bezüglich des Unterrichts ist es also ganz zweifellos, dass eine 
Abtrennung der Hygiene als selbständige Disciplin nur von Vortheil sein 
kann, dass sie im Interesse der praktischen Aerzte ganz entschieden ge¬ 
wünscht werden muss. Und damit sind denn alle die Gründe ausreichend 
gegeben, die in Analogie mit den früher abgetrennten Wissenszweigen für 
die Nothwendigkeit einer Loslösung der Hygiene von den übrigen medi¬ 
cinischen Fächern und einer selbständigen Stellung derselben verlangt wer¬ 
den konnten. 

„Nun dürfen wir mit grosser Befriedigung eigentlich sagen, dass diese 
bisherigen Ueberlegungen heutzutage fast überflüssig erscheinen. Das 
Thema meines Vortrages braucht heute eigentlich kaum mehr discutirt zu 
werden. Denn wir haben ja factisch bereits eine selbständige Hygiene; 
wir haben sogar noch mehr, wir haben jetzt seit einem Jahre ein selbstän¬ 
diges Examen in der Hygiene. Sie wissen, dass in dem medicinischen 
Staatsexamen eine besondere Station, ein besonderer Prüfungsabschnitt ein¬ 
gerichtet ist, in dem jeder Mediciner in der Hygiene examinirt wird, und 
seitdem haben wir selbstverständlich an allen Universitäten hygienische 
Vorlesungen, die sich allerdings meist auf eine einfache Vorlesung ohne 
Mithülfe von Experimenten und Demonstrationen beschränken. Ferner 
wird an vielen Universitäten auch hygienische Forschung cultivirt; an eini- 


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12 Elfte Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndpflg. zu Hannover. 

gen Universitäten wird sogar experimentell-wissenschaftlich gearbeitet, — 
dann allerdings gewöhnlich nur mit Benutzung der für andere Fächer ein¬ 
gerichteten Laboratorien. 

„Es fragt sich nun, ob denn die Zustände nicht sehr wohl so bleiben 
können, wie sie jetzt sind, oder ob wir noch mehr wünschen müssen? Es 
existirt da namentlich eine Partei, welche durchaus verlangt, dass die For¬ 
schung und der Unterricht in der Hygiene wesentlich auf experimen¬ 
teller Basis erfolgen müsse, und dass für eine wirkliche Förderung des 
Unterrichts und der Forschung in der Hygiene durchaus selbständige hy¬ 
gienische Institute an den Universitäten nöthig seien. Wir müssen uns 
mit dieser Frage noch etwas näher beschäftigen; sie bildet den eigentlich 
streitigen Punkt meines Themas. Namentlich im Auslände existirt eine 
grosse Partei, welche die hygienischen Institute und eine solche experimen¬ 
telle Forschung in der Hygiene für überflüssig hält. Manche glauben 
sogar, dass durch andere Forschungsmethoden entschieden eher Erfolge 
auf dem Gebiete der Hygiene erzielt werden. 

„Und doch, meine Herren, ist es ganz zweifellos, dass wir in der That 
zu einem gedeihlichen Fortschritt auf dem Gebiete der Forschung und auf 
dem Gebiete des Unterrichts in der Hygiene nur mit Hülfe selbständiger 
hygienischer Institute und mit vorwiegend experimenteller Behandlung der 
Hygiene kommen können. 

„Was zunächst die Forschung anlangt, so könnte man vielleicht denken, 
dass die empirisch - statistische Beobachtungsmethode, die ja schon vielfach 
in hygienischen Fragen geübt ist, im Grossen und Ganzen genügen müsste, 
um weitere Forschungsresultate zu erzielen; und weiter könnte man denken, 
dass ausserdem in gewissen Fällen technische Untersuchungen und tech¬ 
nische Methoden ergänzend eintreten und ausreichen würden, um die hygie¬ 
nischen Probleme vollständig zur Lösung zu bringen. 

„Es ist ja nun gewiss nicht zu leugnen, dass wir durch Anwendung 
der empirisch - statistischen Methode in früheren Jahren ausserordentlich 
viele schöne Resultate erzielt haben. Wir haben eine Menge von hygieni¬ 
schen Lehrsätzen auf solche Beobachtungen gegründet, und wir haben auf 
diese Lehrsätze andererseits sogar praktische Maassnahmen von grösster 
Ausdehnung basirt; aber wir müssen uns doch immer bewusst sein, dass 
die auf diese Weise gewonnenen Sätze nicht absolut sicher sind, dass sie 
immer nur einen gewissen hypothetischen Charakter haben, und dass sie 
immer nur mehr oder weniger wahrscheinliche Resultate bieten. Dieser 
hypothetische Charakter liegt in der Art solcher Forschung. Meistens hat 
man statistische Erhebungen angewendet; aber gerade diese statistischen 
Erhebungen sind ausserordentlich schwer von allen Fehlern und Fehler¬ 
quellen frei zu machen. Schon bei der Sammlung der Urzahlen ist es 
kaum möglich, die Fehler zu vermeiden. Dann ist es sehr schwer, hin¬ 
reichend lange Perioden der Beobachtung herauszugreifen, durch welche 
allein eine gewisse Sicherheit der Resultate gewährt werden kann; dann 
wieder ist es ausserordentlich mühsam, unter den zahlreichen wirksamen 
Factoren gerade den einzelnen, dessen Wirksamkeit man beweisen will, zu 
isoliren. Denken Sie z. B. nur daran, wie vielfältig die Typhusmortalität 
in den letzten Jahrzehnten mit irgend welchen hygienischen Maassnahmen 


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Ueber die Förderung des hygienischen Unterrichts. 13 

statistisch verglichen ist, und dabei ist es doch ausgemacht, dass auch ohne 
irgend welche hygienische Maassnahmen, ohne irgend welche Eingriffe, die 
Typhusmortalität und die Typhusfrequenz in einer und derselben Gegend 
ausserordentlich schwankt, dass oft Jahre, Jahrzehnte Vorkommen, in denen 
sehr wenig Typhus existirt, während sich dann plötzlich schwere Epidemieen 
rasch auf einander folgen. Denken Sie ferner daran, dass die Procentzahl 
derer, die von den an Typhus Erkrankten an Typhus sterben, ausserordent¬ 
lich verschieden ist, je nach den Epidemieen, nach der Oertlichkeit, nach 
der Behandlung etc. Wie schwer ist es da offenbar, aus der Typhusmorta¬ 
litat und aus den Schwankungen dieser Typhusmortalität auf die Wirksam¬ 
keit eines einzigen hygienischen Factors zurückzuschliessen! — Es ist nicht 
anders möglich, als dass die Resultate, die wir auf solche Weise gewinnen, 
einen gewissen hypothetischen Charakter beibehalten. Hypothese war im 
Grhnde z. B. die Annahme, dass die Fäulnissstoffe in einer gewissen direc- 
ten Beziehung zu den Infectionskrankheiten stehen. Eine hypothetische 
Annahme war es, wenn wir glaubten, in der Salpetersäure, im Ammoniak, 
in den organischen Substanzen des Trinkwassers einen Ausdruck für die 
Gefährlichkeit eiues solchen Wassers zu sehen. Eine hypothetische An¬ 
nahme war es, wenn wir dachten, durch schweflige Säure, durch Eisen¬ 
vitriol die speciflschen Krankheitserreger zu schwächen und zu vernichten. 
Gerade in neuerer Zeit, wo die experimentelle Forschung begonnen hat, 
und wo wir manche schöne und gesicherte Resultate der experimentellen 
Forschung zu verzeichnen haben, tritt dieser hypothetische Charakter 
der bisherigen Resultate und Lehrsätze so ausserordentlich scharf hervor. 
Namentlich sind es die Koch*sehen Untersuchungen, die uns viel Licht 
und Klarheit gebracht haben, deren Ergebnisse aber mit jenen früheren 
Sätzen auffällig contrastiren. Wir wissen z. B. jetzt, dass die Fäulniss- 
erreger mit den Infectionskrankheiten in der That direct nichts zu thun 
haben, dass es sich vielmehr bei allen diesen Infectionskrankheiten um spe- 
cifische pathogene Pilze handelt, die nicht etwa aus den Fäulnisspilzen 
hervorgehen, die nicht etwa in irgend einem genetischen Zusammenhang 
mit jenen stehen, die sogar schlecht in Fäulnissgemischen gedeihen. Wir 
wissen sodann, dass es jetzt bei der Untersuchung von Luft und Wasser 
nicht wesentlich darauf ankommt, Salpetersäure und organische Substanzen 
nachzuweisen, sondern wiederum 'specifische pathogene Krankheitserreger 
aufzuflnden. Wir wissen jetzt ferner durch die Koch’sehen Untersuchun¬ 
gen, dass die Desinfectionsmittel, die man früher zur Vernichtung der 
Krankheitserreger angewandt hat, in der That nicht genügend waren, um 
diese Infectionserreger zu tödten, und dass wir ganz andere Mittel an wenden 
müssen, um einen wirklichen Erfolg zu erzielen; wir müssen uns demnach 
sagen, dass die Millionen, die in früheren Jahren für Desinfection aus¬ 
gegeben worden sind, eigentlich nutzlos vergeudet wurden. Wir mussten 
uns ja allerdings früher auf empirisch-statistische Beobachtungen beschränken, 
und wir mussten vorläufig auf die dadurch erwiesenen Sätze die hygieni¬ 
schen Maassnahmen stützen; aber wir dürfen nur den hypothetischen Cha¬ 
rakter des so Erreichten niemals vollständig vergessen, und müssen uns 
bewusst bleiben, dass es dringend geboten ist, sobald als möglich durch 
experimentelle Methodik zu gesicherteren Resultaten zu gelangen. 


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14 Elfte Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndpflg. zu Hannover. 

„Aehnlich steht es auch mit der Anschauung, dass jetzt wesentlich tech¬ 
nische Methoden ergänzend eintreten müssten, dass einige der wichtigsten 
Probleme der Hygiene, also z. B. die Frage der Wohnung, Heizung und Venti¬ 
lation, der Entfernung der Abfallstoffe etc., eigentlich nur noch technische 
Probleme seien, und dass man es der Technik und der Vervollkommnung 
der Technik einfach überlassen könnte, uns in diesen Fragen zu einer 
Vollkommenheit zu führen. Das ist eine ganz falsche Anschauung, denn 
wir vermögen entschieden noch nicht die richtigen Gesichtspunkte vom 
hygienischen Standpunkte aus aufzustellen, wir können noch nicht die 
hygienischen Forderungen exact formuliren, die an die genannten technischen 
Anlagen gestellt werden müssen. Allerdings, wenn wir uns erst über diese 
Forderungen wirklich klar geworden sind, dann könnte man vielleicht das 
Uebrige vertrauensvoll der Technik überlassen; bis dahin aber werden wir 
immer noch aufs Eifrigste mit hygienischen Experimenten und durch me- 
dicinische Sachverständige uns orientiren müssen, um mehr Licht in diese 
Fragen zu bekommen. Der Einfluss der Temperaturverhältnisse der äusseren 
Umgebung und der Feuchtigkeitsverhältnisse auf unseren Körper muss noch 
viel genauer erforscht werden. Ich erinnere Sie ferner daran, dass in der letzten 
Zeit durch eine experimentelle Untersuchung z. B. nachgewiesen wurde, dass 
ein rein gehaltener menschlicher Körper ein ganz ausserordentlich viel ge¬ 
ringeres Ventilationsquantum bedarf, als man früher immer angenommen hat. 
Ich erinnere Sie weiter daran, dass wir die verschiedenen Systeme zur Ent¬ 
fernung der Abfallstoffe eigentlich immer nur darnach auf ihren hygienischen 
Werth geprüft und beurtheilt haben, wie sie die Fäulnissstoffe zu entfernen 
vermögen; jetzt aber wird es wesentlich darauf ankommen, erst einmal zu 
sehen, wie denn die pathogenen speciflschen Mikroorganismen sich bei die¬ 
sen verschiedenen Systemen verhalten. Es ist z. B. zu fragen, ob bei der 
Canalisation und bei der Aufbringung des Canalinhaltes auf porösen Boden, 
auf Rieselfelder, eine Vernichtung oder aber eine Conservirung der patho¬ 
genen Keime eintritt. Es ist nachzusehen, in welcher Weise die übrigen 
Methoden zur Entfernung der Abfallstoffe, also z. B. Torfclosets, Erdclosets 
und die Poudrettefabrikation eine Vernichtung der pathogenen speciflschen 
Keime veranlassen. Es ist jetzt darauf zu sehen, durch welche Systeme 
mehr oder weniger eine Verbreitung solcher Keime in das Haus erfolgen 
kann; — und erst dann, wenn alle solche Fragen durch wissenschaftliche 
Untersuchungen und durch medicinische Sachverständige festgestellt und 
geklärt sind, dann liegen die exact formulirten Forderungen vor, auf wel¬ 
chen die Technik weiter bauen kann; und erst dann ist es an der Zeit, 
nunmehr alles Uebrige von der Vervollkommnung der Technik zu hoffen. 

„Eigentlich liegt ja die Wichtigkeit der experimentellen Forschung für 
die Hygiene schon auf der Hand, wenn man sich nur die Definition der 
Hygiene recht klar macht. Ich habe Ihnen die Hygiene definirt als die 
Lehre von den Vorgängen in unserer Umgebung, die für unseren Körper 
von Einfluss sind. Nun hängen diese Vorgänge in unserer Umgebung offen¬ 
bar von chemischen, physikalischen und physiologischen Gesetzen ab. Wir 
haben es also evidenterweise mit einer naturwissenschaftlichen Disciplin 
zu thun, und dann ist doch das Einfachste resp. das Einzige, was uns eine 
rasche, sichere Förderung garantirt, dass wir die Hygiene gerade so wie 


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lieber die Förderung des hygienischen Unterrichts. 15 

jede andere naturwissenschaftliche Disciplin behandeln, dass wir vor allen 
Dingen inductiv verfahren. Wir müssen die chemischen, physikalischen 
und physiologisch-experimentellen Methoden appliciren, genau in derselben 
von Speculationen unbeeinflussten Weise, wie wir es bei jeder naturwissen¬ 
schaftlichen Disciplin sonst zu thun pflegen, und wie es bei jeder sonstigen 
naturwissenschaftlichen Disciplin die schönsten Früchte gezeitigt hat. Offen¬ 
bar machen wir nicht etwa einen vermeidbaren Umweg, wenn wir eine 
solche Methode verfolgen, sondern wir können entschieden nur auf solchem 
Wege, durch eine solche experimentelle Forschung zu wirklich gesicherten, 
bleibenden Resultaten gelangen. 

„Wenn das aber zugegeben wird, wenn es anerkannt wird, dass die 
wahre Förderung der hygienischen Forschung in der Anwendung der expe¬ 
rimentellen Methode beruht, — und ich meine, die imponirenden Resultate, 
welche Koch durch Anwendung dieser Forschungsmethede in den letzten 
Jahren erzielt hat, sollten Jeden überzeugen, dass solche Annahme richtig 
ist —, dann sind auch besondere hygienische Institute unerlässlich. 
Denn das ist ganz undenkbar, dass etwa diese ganze experimentelle 
Forschung, so wie ich sie eben angedeutet habe, in anderen medicini- 
schen Fachinstituten stattfindet. Dazu erfordert die hygienische Forschung 
einen viel zu eigenartigen und viel zu complicirten Apparat. Denken Sie 
nur an die eine wichtigste Seite der hygienischen Forschung, an die myko- 
logischen Untersuchungen. Dazu ist eine ganze Reihe von Räumen uner¬ 
lässlich, dazu bedarf es eines Mikroskopirzimmers mit hellem Lichte, dann 
eines Culturenzimmers, welches keine schwankende Temperatur hat, also 
am besten eines besonders aptirten Kellerraumes, zum Aufstellen der Brüt¬ 
öfen etc.; dann ferner sind unerlässlich Stallungen, die zweckmässig einzu¬ 
richten sind für inficirte und für nichtinficirte Thiere. Weiter erfordert 
die hygienische Forschung dann häufig den ganzen Apparat eines chemi¬ 
schen Laboratoriums zur Untersuchung des Wassers, der Nahrung u. s. w., 
und dieses chemische Laboratorium muss wiederum wo möglich in einer 
gewissen räumlichen Verbindung mit den Zimmern für die bacteriologi- 
schen Untersuchungen stehen, da bei vielen Objecten eine combinirte An¬ 
wendung dieser beiden Methoden stattfindet. Denken Sie weiter, dass für 
die Beobachtung der meteorologischen Instrumente, für die Bodenunter¬ 
suchungen und für die Grundwasserbeobachtungen Anlagen auf freiem 
Terrain erforderlich sind, dabei aber doch wieder in nächster Nähe der In¬ 
stitute und in Verbindung mit diesen. Wie wäre es denkbar, alle derarti¬ 
gen Erfordernisse für eine experimentelle Forschung in einem der anderen, 
gewöhnlich schon so wie so überfüllten mediciniscben Institute unterzu¬ 
bringen ? 

„Ganz ähnlich steht es nun auch bezüglich des Unterrichts. Wenn wir 
uns fragen, ob denn der Unterricht auch gerade an eigens dazu eingerich¬ 
teten hygienischen Instituten ertheilt werden muss, so ergiebt sich die Ant¬ 
wort einfach aus einer Darlegung des Unterrichtsbedarfs der Studirenden. 
Offenbar haben die praktischen Aerzte nicht nur die Lehren der Hygiene 
zu kennen, sondern sie müssen auch durch einen Einblick in die für die 
wichtigsten der Lehrsätze erbrachten experimentellen Beweise sich ein eige¬ 
nes Urtheil über Art und Grad der Begründung verschaffen. In sehr vielen 


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16 Elfte Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndpflg. zu Hannover. 

Fällen müssen sie auch über die speciellen Untersuchungmethoden orientirt 
sein. Wie ich vorhin andeutete, verlangt man ja von den Aerzten, dass sie 
nicht nur die Schädlichkeiten kennen, die in der Wohnung, in der Nah¬ 
rung u. s. w. liegen, sondern dass sie auch manche der Methoden beherr¬ 
schen , durch welche diese Schädlichkeiten aufgefunden und nachgewiesen 
werden können, wenn sie auch nicht in die Lage zu kommen brauchen, 
diesen Nachweis selbständig zu führen. Ich möchte ferner darauf hin- 
weisen, dass die praktischen Aerzte auch gründlich in den Einrichtungen 
der öffentlichen Gesundheitspflege orientirt sein müssen. Diese ragen ja so 
vielfach in das Leben, wenigstens eines jeden Städters, hinein, dass es un¬ 
ausbleiblich ist, dass häufig Auskunft und Belehrung vom praktischen Arzt 
verlangt wird über die Construction und Benutzung dieser oder jener 
hygienischen Einrichtung. Es ist daher entschieden wünschenswerth', dass 
der praktische Arzt in diesen Dingen orientirt sei und dass er über solche 
Einrichtungen ein sachverständiges Urtheil abgeben könne. — Für den be¬ 
amteten Arzt ist dann sogar eine solche Beherrschung der Methoden der 
Hygiene nothwendig, dass er selbst auch hier und da untersuchend ein- 
greifen kann; denn ihm liegt ja oft die Pflicht ob, die Ursache von Schädi¬ 
gungen, welche sich innerhalb seines Wirkungskreises documentiren, und 
namentlich die Ursache von ausgebrochenen Epidemieen, aufs Rascheste 
aufzufinden und nach Maassgabe solcher Untersuchung Mittel zur Abhülfe 
in Vorschlag zu bringen. Der beamtete Arzt muss daher zweifellos die 
Untersuchungfimethoden vollständig beherrschen, und zwar muss er sie selbst 
ausführen oder wenigstens die Ausführung durch einen Sachverständigen 
überwachen können. 

„Der hieraus resultirende Unterrichtsbedarf kann nun wiederum aus¬ 
schliesslich nur mit Hülfe von selbständigen hygienischen Instituten gedeckt 
werden nnd mit Hülfe einer Vorlesung, welche aufs Reichste ausgestattet 
ist mit Demonstrationen und Experimenten, und welche zugleich Gelegen¬ 
heit giebt, die praktischen Institutionen der öffentlichen Gesundheitspflege 
in natura kennen zu lernen. Eine einfache theoretische Vorlesung würde 
ganz sicher nicht genügen, um den Studirenden einen klaren Einblick in 
die Art und Methode der hygienischen Forschung zu geben. Auf solche 
Weise würde der Studirende gewiss nicht in den Stand gesetzt werden, 
selbständig hygienisch zu denken und demnächst in der Praxis im gegebenen 
Einzelfalle ein sicheres und richtiges hygienisches Urtheil abzugeben. Viel¬ 
mehr muss diese Vorlesung, wenn auf sie der Unterricht einmal beschränkt 
bleiben muss, wenigstens mit zahlreichen Zeichnungen, Modellen, Apparaten 
und Experimenten ausgestattet sein. Es müssen die pathogenen Mikro¬ 
organismen und die Culturen von Mikroorganismen gezeigt werden, es 
müssen die Methoden zur Wasseruntersuchung, zur Nahrungsmittelanalyse, 
zur Demonstration gelangen; es muss gelehrt werden, wie eine Ventilations¬ 
bestimmung auszuführen ist; einzelne der hierzu nöthigen Apparate müssen 
in Fällen aus der Praxis, in Schulhäusern, in Arbeiterwohnungen zur An¬ 
wendung kommen; es müssen Excursionen mit den Vorlesungen verbunden 
werden, bei denen eine Besichtigung der Schlachthäuser, der Anlagen zur 
Entfernung der Abfallstoffe, der Rieselfelder, der Wasserversorgungs- 
anlagen u. s. w. stattfindet. 


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17 


Ueber die Förderung des hygienischen Unterrichts. 

„Für den beamteten Arzt ist ausserdem ein hygienisches Practicum', ein 
Cursus in praktisch-hygienischen Uebungen, unbedingt erforderlich. Nur 
durch solch ein Practicum, wo er selbst Gelegenheit bekommt, die Methoden 
zu üben und zu appliciren, kann dem beamteten Arzt Gelegenheit gegeben 
werden, die hygienische Methodik so beherrschen zu lernen, wie er es für 
seinen Beruf wünschen muss. 

„Nun, ein derartiger Unterricht, wie ich ihn eben skizzirt habe, kann 
auch offenbar nicht etwa so nebenher in einem anderen mediciuischen 
Institut ertheilt werden. Wie wäre es möglich, ohne ein eigenes hygieni¬ 
sches Institut den ganzen Apparat für die Vorlesungen zu beschaffen, die 
Experimente vorzubereiten, die Arbeitsplätze für ein hygienisches Practicum 
zu gewinnen ? 

„Und so sehen Sie, meine Herren, dass sowohl die Zwecke der For¬ 
schung wie die Zwecke des Unterrichts uns ganz dringend und immer 
wieder darauf hinweisen, dass selbständige hygienische Institute an den 
Universitäten eingerichtet werden müssen. Eine Skepsis bezüglich der 
Kosten dieser Institute wäre ja sehr wenig angebracht, denn Sie müssen 
nur bedenken, wie eine einzige Entdeckung gerade auf hygienischem Ge¬ 
biete zehnfach den Kostenbetrag eines solchen Instituts wieder aufbringt, 
Sie müssen bedenken, wie z. B. nur eine rationelle Correction in den Des- 
infectionsmaassregeln eine Ersparniss schafft, die den Kosten für die Er¬ 
richtung solcher Institute mindestens gleichkommt. 

„Glücklicherweise sind wir nun in Deutschland in der Lage, betreffs 
der Zukunft der Hygiene bei den maassgebenden Behörden die vollste Ein¬ 
sicht und den besten Willen voraussetzen zu dürfen. Sie wissen, dass schon 
einige hygienische Institute an Universitäten bestehen, und wir haben die 
gegründete Aussicht, in der Folge noch mehr derartige Institute errichtet 
zu sehen. Es scheint die Absicht zu bestehen, dass zunächst noch an 
einigen wenigen Universitäten weitere hygienische Laboratorien geschaffen 
werden und dass dann, nach dem Einsammeln weiterer praktischer Er¬ 
fahrungen und nachdem sich die Vortheile solcher Iustitute und der da¬ 
mit erzielten Förderung der Hygiene deutlicher gezeigt haben, auch an 
den übrigen Universitäten diese Ergänzung des hygienischen Unterrichts 
erfolgt. Und das ist ja jedenfalls ein Plan, mit dem wir uns einstweilen 
einverstanden erklären können. Die Gegnerschaft der hygienischen Uni¬ 
versitätsinstitute wird jedenfalls von Tag zu Tag geringer und es werden 
bald nur Wenige noch sich finden, die, wenn die experimentellen For¬ 
schungen so wie bisher Erfolge erzielen, gegen die Errichtung weiterer 
hygienischer Institute sich erklären. Ich glaube, Sie werden mir Recht 
geben, wenn ich behaupte, dass die Gegner der Institute wesentlich nur 
desshalb Gegner sind, weil sie sich die Ziele und die Aufgaben der Hygiene 
nicht hinreichend klar gemacht haben. 

„Gerade weil so ausserordentlich viel darauf ankommt, dass man sich 
die Aufgaben der Hygiene und der hygienischen Institute möglichst deut¬ 
lich vor Augen führt, möchte ich es zum Schluss unternehmen, Ihnen eine 
kurze UeberBicht über die Thätigkeit der hygienischen Institute zu geben, 
so wie wir dieselbe erstreben. — An diesen Instit"+en müsste zunächst eine 

Viertejjahrsschrift für Gesundheitspflege, 1885. 2 


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18 Elfte Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndpfig. zu Hannover. 

Vorlegung gehalten werden, und zwar etwa vierstündig, an grösseren Uni¬ 
versitäten in jedem Semester, an kleinen Universitäten vielleicht nur in 
jedem zweiten Semester. Ich will Ihnen kurz den Inhalt dieser Vorlesung 
skizziren, hauptsächlich um Ihnen zu zeigen, wie innig Demonstrationen, 
Experimente und Excursionen mit in diese Vorlesungen hinein verflochten 
sein müssen. 

„Wir scheiden die Vorlesung über Hygiene in zwei Haupttheile: der 
erste Haupttheil umfasst A. die natürliche, der zweite B. die künstliche 
Umgebung des Menschen (beide werden jedoch aus praktischen Gründen 
nicht überall streng geschieden gehalten; der Schwerpunkt der Disposition 
ist nur auf die einzelnen Capitel zu legen). Im ersten Capitel werden 
die Mikroorganismen besprochen, ihre Systematik, ihre Lebensbedingungen 
und Lebensäusserungen, ihre Absterbebedingungen und die Mittel zur Des- 
infection, die Constanz und Veränderlichkeit ihrer Arten. Zur Demonstra¬ 
tion kommen bei diesem Capitel die wichtigsten Gährungs- und Fäulniss- 
organismen, sowie die wesentlichsten Krankheit erregenden Pilze in 
Zeichnungen, mikroskopischen Präparaten und in Culturen. Die Methoden 
der Cultur, namentlich auf festem Nährboden, werden gezeigt; ebenso 
die Methoden zur Prüfung von Desinfectionsmitteln; die verschiedenen 
De8infection8mittel und -apparate werden, letztere in Form von Zeich¬ 
nungen oder Modellen, vorgeführt; eine grössere Desinfectionsanstalt 
wird besichtigt. Das zweite Capitel bespricht die hygienischen Bezie¬ 
hungen der Luft. Es wird zunächst das physikalische (meteorologische) 
Verhalten der Luft behandelt, wobei die Apparate zur Bestimmung der 
Temperatur, der Luftfeuchtigkeit, der Luftgeschwindigkeit etc. gezeigt und 
bezüglich ihrer Gebrauchsweise erläutert werden. Es folgt die Besprechung 
des chemischen Verhaltens der Luft, wobei namentlich die verschiedenen 
Methoden zur C0 3 -Bestimmung, und zum Nachweis von sonstigen gasigen 
Beimengungen deraonstrirt werden. Weiter werden die morphologischen 
Bestandtheile der Luft, ihre Bedeutung für den Organismus und ihre Be¬ 
stimmung durch die verschiedenen aeroskopischen Methoden abgehandelt. 
Im dritten Capitel wird der Boden, der Einfluss seiner äusseren Ge¬ 
staltung, die mechanische Structur des Bodens, seine physikalischen Eigen¬ 
schaften, das Verhalten der Mikroorganismen im Boden erörtert; daran 
schliesst sich die Bodenluft und das Bodeu- resp. Grundwasser mit seinen 
zahlreichen hygienischen Beziehungen. Dieses Capitel wird illustrirt durch 
Vorführung der entsprechenden Methoden zur Bestimmung der Bodenwärme, 
zur Messung des Grundwasserstandes, zur Analyse der Bodenluft, zur Unter¬ 
suchung auf Mikroorganismen etc. Das vierte Capitel giebt die wich¬ 
tigsten Lehren über die hygienische Bedeutung des Wassers, die Methoden 
der Wasseruntersuchung werden gezeigt, die einzelnen Theile einer öffent¬ 
lichen Wasserversorgungsanlage besichtigt Das fünfte Capitel bespricht 
die Nahrung; zunächst die Ernährungsgesetze und allgemeinen Eigen¬ 
schaften der Nahrungsmittel; dann die einzelnen Nahrungsmittel, Milch, 
Butter, Fleisch etc. Tabellen, plastische Darstellungen und Präparate wer¬ 
den demonstrirt, die wichtigsten Methoden zur Milch-, Butter- und Fleisch¬ 
untersuchung etc. werden gezeigt, Excursionen nach einem Schlachthause 
und nach einer Centralmolkerei eingefügt. 


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19 


Ueber die Förderung des hygienischen Unterrichts. 

„B. Die specielle künstliche Umgebung des Menschen bietet ein 
erstes Capitel über Kleidung, in welchem das Verhalten der Kleidung 
zum Körper erörtert und die mikroskopisch-physikalische Untersuchung der 
Kleidung gezeigt.wird. Das zweite ausgedehnte Capitel umfasst die 
Wohnung. Zunächst ist der Bau des Hauses, der Baugrund, Bauplan, das 
Baumaterial, die Ausführung des Baues, die Vertheilung der Wohnräume 
zu besprechen; Pläne und Zeichnungen, die Methoden zur Untersuchung des 
Baumaterials und der Mauerfeuchtigkeit sind anzufügen. Sodann erfordert 
die Regulirung der Temperatur, die Heizung, die Ventilation und die Be¬ 
leuchtung des Wohnhauses eingehende Erörterung, illustrirt durch die 
Methoden zur Prüfung der Heizanlagen, durch Vorführung von Ventilations¬ 
bestimmungen, durch die Methoden zur Prüfung der Leuchtmaterialien, so¬ 
wie durch Excursionen in einige mit charakteristischen Heiz- und Venti¬ 
lationsanlagen versehene Gebäude. Weiter sind die verschiedenen Systeme 
zur Entfernung und Verarbeitung der Abfallstoffe zu schildern, und mit 
Abbildungen und Modellen zur erläutern; Excursionen zur Besichtigung 
von Canalanlagen, Rieselfeldern, Abfuhrdepöts, Poudrettefabriken, müssen 
die Darstellung ergänzen. Endlich sind die weiter gehenden Wohnungs¬ 
anlagen , Strassen, Städteerweiterungen; dann gewisse besondere Woh¬ 
nungsanlagen, Schulen, Lazarethe, Gefängnisse, Arbeiterwohnungen, endlich 
Leichenhäuser und Friedhofsanlagen zu besprechen, die sämmtlich durch 
Pläne und Modelle, vor Allem aber durch den Besuch der Anlagen selbst 
und dort an Ort und Stelle gegebene Erläuterungen zu genauerer Kenntniss 
gebracht werden müssen. — Als weiteres Capitel tritt hinzu der Einfluss 
der Beschäftigung: dahin gehören die Gewerbekrankheiten, die Gefahren 
durch Verkehrsmittel; ferner ein Capitel, das die Beobachtungen über In- 
fectionskrankheiten und die Schutzmaassregeln gegen dieselben recapitulirt; 
ein solches, welches die Grundzüge der statistischen Methode und die wich¬ 
tigsten Resultate der hygienischen Statistik giebt; und endlich ein Capitel, 
das die sanitäre Gesetzgebung und die Organisation des öffentlichen Gesund¬ 
heitswesens behandelt. * 

„Sie sehen, wie überall ein bedeutender Apparat von Demonstrationen 
nnd Experimenten die Vorlesung begleitet, und dass letztere ohne diese 
ihres wichtigsten Inhalts beraubt sein würde. 

„Neben der Vorlesung ist dann an den hygienischen Instituten ein 
hygienisches Practicum einzurichten. Dasselbe ist nur berechnet 
für solche Studirende, die ein regeres Interesse für Hygiene haben oder die 
entschlossen sind, sich demnächst um eine amtliche Stellung zu bewerben. 
Der Zudrang zu diesem Practicum seitens der Studirenden wird voraus¬ 
sichtlich nicht gross sein; es wird genügen, wenn dasselbe jedes zweite 
Semester, am besten im Sommersemester, in wöchentlich vier Stunden 
gehalten wird. Viele Mediciner gewinnen nun aber erst grösseres Interesse 
an der Hygiene oder entschliessen sich, in eine amtliche Stellung zu treten, 
wenn sie bereits die Universität verlassen und die Praxis eine Zeit lang be¬ 
trieben haben. Ich halte es für sehr wichtig, dass diesen Aerzten passende 
Gelegenheit gegeben wird, sich nachträglich inniger mit den hygienischen 
Methoden vertraut zu machen, und dazu ist nichts geeigneter, als ein sol¬ 
ches hygienisches Practicum, das aber auf kurze Zeit zusammengedrängt 

2 * 


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20 Elfte Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndpflg. zu Hannover. 

werden müsste. Ich glaube es wird am passendsten sein, wenn an jedem 
hygienischen Institute jährlich einmal ein Practicum von sechs wöchentlicher 
Dauer für praktische Aerzte eingerichtet wird, und dass dann während der 
Dauer des Practicum8 die Arbeiten etwa sechs Stunden täglich in Anspruch 
nehmen. 

„Gegenstand des Practicums bilden alle die wichtigeren unter den 
hygienischen Methoden, die auch in der Vorlesung gezeigt werden; nur 
dass hier die Praktikanten lernen müssen, die Methode selbständig auszu¬ 
führen und zu appliciren. Sie müssen die Untersuchung auf Mikroorganis¬ 
men, die Anlage von Culturen und namentlich von Reinculturen lernen, sie 
müssen mit der Beobachtung der meteorologischen Instrumente vertraut 
werden, die einfachsten Methoden zum Nachweis der Nahrungsmittel¬ 
fälschungen kennen lernen, sie müssen Grundwasser- und Bodentemperatur¬ 
beobachtungen anstellen, Heizanlagen prüfen, Ventilationsbestimmungen 
ausführen, die vollständige Untersuchung einer inficirten Oertlichkeit vor¬ 
nehmen u. 8. w. 

„Durch diese praktischen Uebungen wird dann leicht bei einzelnen 
Medicinern das Interesse an der Hygiene so gross werden, dass sie den 
Wunsch haben, genauere Studien darin anzustellen und namentlich sich an 
eigenen Forschungen zu versuchen. Dies führt mich dann auf die 
dritte Thätigkeit der hygienischen Institute, auf welche ein besonderer 
Werth zu legen ist, auf die wissenschaftlichen Untersuchungen durch Fort¬ 
geschrittenere. Eine ausserordentlich grosse Reihe hygienischer Fragen 
eignet sich vortrefflich zur Bearbeitung durch solche relativ wenig in Labo¬ 
ratorium sarbeiten geschulte und über wenig Zeit disponirende Hülfskräfte; 
ich will Ihnen hier nur einige wenige Beispiele solcher Themata aus ein¬ 
zelnen Gebieten der Hygiene geben. — Auf dem Gebiete der Lehre von den 
Mikroorganismen ist z. B. eine genauere Charakteristik und Isolirung der 
auf den Oberflächen des normalen menschlichen Körpers häufiger vor¬ 
kommenden Pilze zu liefern; sodann ist das Schicksal der in den Körper 
gelangenden Pilze näher zu studiren, es ist z. B. zu ermitteln, in wie weit 
eine Aufnahme von Pilzen durch den Darm stattfindet, ob eine Ausscheidung 
von Pilzen aus dem Körper durch den Harn oder sonstige Excrete erfolgt, 
ob durch irgend welche Einflüsse ein Absterben gewisser Mikroorganismen 
im Körper des Warmblüters erfolgt. Ferner ist an Reinculturen von Pilzen 
eine Reihe von biologischen Fragen zu untersuchen; ihre chemische Zusammen¬ 
setzung ist zu ermitteln, die Stoffwechselproducte sind zu studiren, nament¬ 
lich mit Rücksicht auf die Production von freien Säuren, von aromatischen 
Producten und von Alkaloiden. Die Bedingungen der Sporenbildung sind 
näher festzustellen; weitere Prüfung von Desinfectionsmitteln an pathogenen 
Pilzen ist auszuführen. — Auf dem Gebiete der Ernährungsfragen sind die 
bisherigen Versuche nach gewissen Richtungen hin auszudehnen; es ist z. B. 
die Grenze genauer festzustellen, bis zu welcher die einzelnen Nahrungs¬ 
mittel gegeben werden können, ohne die Ausnutzbarkeit der gesammten 
Nahrung zu beeinträchtigen; die Bedeutung gewisser billiger Nahrungsmittel, 
der abgerahmten Milch, gewisser Käsearten, sowie billiger Surrogate etc. 
für die Ernährung ist zu ermitteln; die Veränderung der Ausnutzbarkeit 


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Ueber die Förderung des hygienischen Unterrichts. 21 

der Nahrungsmittel durch gewisse Zubereitungsmethoden, z. B. die neueren 
Kochapparate, ist zu studiren. Ferner ist die Verbreitung der Mikroorga¬ 
nismen auf Nahrungsmitteln zu untersuchen; namentlich sind hier solche 
Nahrungsmittel in Betracht zu ziehen, die roh genossen werden, wie Früchte; 
ferner Nahrungsprfiparate, z. B. Gebäck, Bier, Conserven. — In den Fragen 
der Wohnung sind prficisere Bestimmungen über den Einfluss der Luft¬ 
feuchtigkeit auf den Organismus anzustellen und die Abhängigkeit des 
Feuchtigkeitsgehalts der Zimmerluft von der Einwirkung der Wände und 
Gegenstände und von anderen Einflüssen ist klar zu legen; durch genauere 
Untersuchung der Temperatur, der Feuchtigkeit, des Luftwechsels und durch 
mykologische Untersuchungen ist eine Erkenntniss des schädlichen Ein¬ 
flusses der Kellerwohnungen anzubahnen. Mit Rücksicht auf die Ent¬ 
fernung der Abfallstoffe sind namentlich Studien über das Schicksal von 
pathogenen Organismen in Flüssigkeiten bei gleichzeitiger Anwesenheit 
von Gähr- oder Fäulnissorganismen anzustellen; ferner darüber, wie sich 
einzelne Pilze und Pilzgemenge im porösen Boden verhalten; ob hier etwa 
eine Vernichtung, Entfernung oder Conservirung der Mikroorganismen und 
Sporenbildung eintritt. Diese Untersuchungen sind dann auf die Erd- und 
Torfclosets, sowie auf Rieselfeldanlagen auszudehnen. Des Weiteren ist das 
Verhalten von Pilzgemengen in Flüssen und die Bedingungen ihres Zu¬ 
grundegehens in denselben; endlich das Eindringen von Keimen ins Wohn¬ 
haus von Abtrittanlagen aus, mit Hülfe der neuen verbesserten bacteriolo- 
gischen Methoden zu prüfen. 

„Das sind so einige Beispiele von Aufgaben, die ich nur einzelnen 
Theilen des hygienischen Gebietes entnommen und mit besonderer Berück¬ 
sichtigung ihrer Bedeutung für die öffentliche Gesundheitspflege aus¬ 
gewählt habe, die aber genügen mögen, um Ihnen auch über diese Seite 
der Thätigkeit der hygienischen Institute einen ungefähren Ueberblick zu 
gewähren. 

„Sie sehen, meine Herren, die Aufgaben für die hygienischen Institute 
sind ausserordentlich zahlreich und interessant, und die Lösung dieser Auf¬ 
gaben ist zweifellos in höchstem Grade nutzbringend; hoffen wir, dass sich 
von Jahr zu Jahr nun auch die Stätten mehren, an welchen mit voller Hin¬ 
gabe wissenschaftliche Hygiene gelehrt und gefördert wird.“ 


Vorsitzender Oberingenieur Meyer theilt mit, dass der Correfe- 
rent, Herr Generalarzt Prof. Dr. Roth (Dresden) leider dienstlich verhindert 
sei zu erscheinen und desshalb seine Thesen zu dem vorstehenden Thema 
eingeBandt habe, die er lebhaft bedauere nicht selbst motiviren zu können. 
In diesen Thesen habe Herr Generalarzt Dr. Roth noch die Vertheilung des 
hygienischen Unterrichts auf die verschiedenen Lehranstalten und die Prä- 
ciflirung der einzelnen Zweige desselben für die verschiedenen Berufsarten 
dargelegt und so seien diese Thesen in vieler Beziehung als eine nützliche 
Ergänzung des Referates des Herrn Professor Flügge anznaehen. 

Es lauten die 


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22 Elfte Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndpflg. zu Hannover. 


Thesen 

von Generalarzt Professor Dr. Roth. 

1. Der Unterricht in der Hygiene zerfallt in den auf den Universitäten 
für Mediciner (Studirende und Aerzte) und in den auf anderweitigen 
Fachbildungsanstalten. Derselbe ist in der gewöhnlichen Schule 
nicht zu ertheilen, eine kurze Anweisung der Hülfeleistung bei Un¬ 
glücksfallen ist dort mit dem Turnunterricht zu verbinden. 

2. Der Unterricht in der Hygiene für die Mediciner auf der Universität 
hat die drei Hanpttheile der Hygiene: Den biologischen (darin die 
Bacteriologie), chemischen und technischen Theil in seinen Haupt¬ 
sachen zu umfassen. Derselbe wird für die Studirenden wegen Man¬ 
gel an Zeit hauptsächlich demonstrativ sein müssen, es muss jedoch 
Gelegenheit zum eigenen Arbeiten namentlich für mikroskopische und 
chemische Fragen gegeben sein. Das eigene praktische Arbeiten 
wird besonders den auf der Universität studirenden Aerzten zufallen, 
zumal wenn sie später Medicinalbeamte werden wollen. Zur Aus¬ 
bildung in den technologischen Fragen müssen Sammlungen guter 
Modelle vorhanden sein. 

3. Der Unterricht an besonderen Fachbildungsanstalten: Technische 
Hochschulen, Bergakademieen, Kriegsakademieen, Kriegsschulen und 
Seminaren hat diejenigen Theile der Hygiene besonders zu berück¬ 
sichtigen, welche nach der besonderen Verantwortlichkeit 
der dort Auszubildenden hauptsächlich in Betracht kommen. Hier¬ 
nach werden auf Bauakademieen etc. die ConBtruction der Wohnungen 
und die Hygiene der Gewerbe, auf militärischen Anstalten die Ver¬ 
hältnisse des Soldaten, auf Seminaren die Schul- und Erziehungs¬ 
hygiene besonders zu berücksichtigen sein. 

4. Das Lehrpersonal wird hauptsächlich aus Aerzten zu nehmen sein, 
welche das ganze Gebiet der Hygiene kennen, es sind jedoch hygie¬ 
nisch gebildete Nichtärzte, namentlich Techniker, nicht auszuschliessen. 

5. Als besonders wichtig ist der Anschauungsunterricht zu betrachten, 
so dass gegebene hygienische Verhältnisse zu beurtheilen sind. Hier¬ 
zu wird die Verallgemeinerung hygienischer Sammlungen oder Museen, 
welche in allen grösseren Städten gute hygienische Muster zur An¬ 
schauung des Publicums bringen, ein mächtiges Unterstützungsmittel 
sein und ist daher die Schöpfung derartiger Sammlungen bei Be¬ 
hörden wie Privaten möglichst zu fordern. 


Bei der nun folgenden Discussion erhält zunächst das Wort 

Docent Dr. med. B. Blasius (Braunschweig). Derselbe schliesst 
sich den von Herrn Prof. Flügge vorgetragenen Thatsachen und Wünschen 
vollkommen an und will nur die Frage auch vom Standpunkte der tech¬ 
nischen Hochschule kurz erörtern. Als Lehrer an der technischen 


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Ueber die Förderung des hygienischen Unterrichts. 23 

Hochschule zu Braunsohweig habe er Gelegenheit gehabt, einige der von 
Herrn Prof. Flügge erwähnten Desiderien speciell in Bezug auf die tech¬ 
nische Seite der Hygiene näher kennen zu lernen, insbesondere den in 
These 3 des Herrn Generalarzt Roth berührten Punkt, der von den an den 
verschiedenen Fachbildungsanstalten besonders zu berücksichtigenden Zwei¬ 
gen der Hygiene handele. In den fünf Jahren, während deren er jetzt Vor¬ 
lesungen über öffentliche Gesundheitspflege in Braunschweig halte, habe er 
häufig zu bemerken Gelegenheit gehabt, wie wichtig es speciell für eine 
Hauptabtheilung der technischen Hochschulen, für die Architectur sei, 
dass die Studirenden der Architectur, die späteren Bauleute und Baubeamten, 
die Grundbegriffe der Wohnungshygiene mit in das praktische Leben hin¬ 
einnehmen. Täglich noch komme es vor, dass Gebäude, öffentliche wie 
private, in einer den Principien der Hygiene schnurstracks zuwiderlaufenden 
Weise gebaut werden und es sei dies auch vollkommen erklärlich, da die 
Hygiene noch eine sehr junge Wissenschaft sei und die jetzt amtirenden 
Baubeamten zum grossen Theil gar nicht in der Lage gewesen seien, sich 
mit diesen hygienischen Grundsätzen auf den höheren Lehranstalten, in 
denen sie ausgebildet worden seien, zu beschäftigen. Man könne ihnen 
hieraus so wenig einen Vorwurf machen, wie einem grossen Theil der Aerzte, 
die auf Universitäten öffentliche Gesundheitspflege nicht haben hören können 
und noch viel weniger Gelegenheit gehabt haben, praktisch darin zu 
arbeiten. 

Ganz ähnlich verhalte es sich auf den technischen Hochschulen mit 
dem nicht minder wichtigen Fach der Ingenieurwissenschaft, bei der 
in Bezug auf Reinhaltung von Grund und Boden, auf Canalisations- und 
Entwässerungsanlagen, auf Wegschaffung der Excremente etc. die Hygiene 
eine so wichtige Rolle spiele. Wenn Herr Prof. Flügge sage, dass bei 
allen diesen Fragen die grundlegenden Voruntersuchungen in den hygie¬ 
nischen Laboratorien gemacht werden müssen, so stimme er dem zwar voll¬ 
kommen bei, damit sei die Sache aber noch nicht abgethan; es handele sich 
nachher darum die Sache in die Praxis überzuführen, gerade wie z. B. die 
Herstellung schöner neuer Farben in einem chemischen Laboratorium die¬ 
selben darum noch nicht praktisch für eine grosse Färberei, für eine chemische 
Fabrik verwendbar mache. Diese Frage müsse vornehmlich den technischen 
Hochschulen zufallen, weil diese eine Reihe Docenten besitzen, die sich wesent¬ 
lich mit diesen Fragen zu beschäftigen haben, Chemiker und Physiker, die 
wie an den Universitäten wissenschaftlich den Hygieniker unterstützen 
müssen, weiter aber auch Architekten, Lehrer für Bauconstruction, Wasser¬ 
bauingenieure und andere Ingenieure, die in steter directer Verbindung mit 
ihren hygienischen Collegen die praktische, auf das Leben anwendbare Seite 
der Hygiene cultiviren und die Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschung 
praktisch verwerthen. Es sei dies ein besonderer Vortheil der technischen 
Hochschulen, dass an ihnen jene beiden Classen von Docenten angestellt 
seien und zusammen lehren. 

Weiter seien die Pharmaceuten zu erwähnen, aus deren Reihen 
bereits eine grosse Zahl tüchtiger Hygieniker hervorgegangen sei, die viel¬ 
fach, namentlich in den Ländern, die keine eigenen Universitäten haben, 
ebenfalls in den technischen Hochschulen ihre Ausbildung empfangen und 


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24 Elfte Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndpflg. zu Hannover. 

die wenigstens in Braunschweig die eifrigsten Zuhörer in den hygienischen 
Vorlesungen seien. So lange die Zahl der hygienisch durchgehildeten 
Aerzte noch keine grosse sei, seien die Apotheker für die Praxis, nament¬ 
lich für die Bedürfnisse des Landes ausserordentlich wichtig, da ihnen die 
chemisch-hygienischen Untersuchungen ohnehin nahe liegen; auch sei es 
beim Volke Sitte, sich in vielen Fragen, wenn man keinen Arzt, keinen 
Hygieniker zur Hand habe, an den Apotheker zu wenden und sich von ihm 
Bath zu holen. 

Dies seien die Punkte, die speciell vom Standpunkte der technischen 
Hochschulen hervorzuheben seien; wichtig sei es dafür natürlich auch, 
dass auf den technischen Hochschulen hygienische Laboratorien und hygie¬ 
nische Sammlungen angelegt würden und dass den Lehrern Gelegenheit ge¬ 
geben werde, Excursionen mit den Studirenden zu machen, die wichtigsten 
Fabrikanlagen kennen zu lernen etc., in ganz ähnlicher Weise, wie dies 
seitens des Herrn Prof. Flügge für die Universitäten verlangt worden sei. 

Docent Dr. Hueppe (Wiesbaden) hält das Bedürfnis nach hygie¬ 
nischen Instituten für ein tief empfundenes. Als an ihn im vergangenen 
Frühjahr die Aufforderung herangetreten sei, die Einrichtung und Leitung 
eines derartigen Instituts in Wiesbaden zu übernehmen, sei scheinbar aus 
localen Gründen wenig Aussicht auf Erfolg gewesen; aber kaum sei das¬ 
selbe eingerichtet gewesen, seien alle Erwartungen übertroffen worden, so¬ 
wohl durch Zuspruch von Aerzten als von Technikern und Pharmaceuten. 
An dem Bedürfniss nach hygienischen Instituten und besonders auf den 
Universitäten zweifele heutzutage wohl Niemand mehr, von Seiten des 
Herrn Cultusministers werde den hygienischen Bestrebungen in wünschens¬ 
werter Weise Unterstützung zu Theil; freilich müsse auch die Hygiene, als 
die jüngBte der Doctrinen, nicht unbescheiden in ihren Forderungen sein. 

Die Forderungen der beiden Herren Vorredner seien sehr wohl zu ver¬ 
einen, die Bedürfnisse der Mediciner, Techniker und Pharmaceuten Hessen 
sich sehr wohl in Verbindung bringen durch Vorlesungen mit Demonstra¬ 
tionen über das Gesammtgebiet der Hygiene und durch praktische Curse, 
die, wenn man sie auf das Notwendige beschränke, meist so anregend 
seien, dass die Studirenden ausführlichere Curse nehmen und selbständig 
weiter arbeiten. Dabei müsse man freilich stets im Auge behalten, dass 
nicht in erster Linie Hygieniker gebildet werden sollen, sondern vor Allem 
hygienisch denkende Aerzte und Techniker, die im Stande seien, den hygie¬ 
nischen Forschungen zu folgen. Die Aufgabe so aufgefasst und nicht als 
Heranbildung hygienischer Specialisten werde viel dazu beitragen, den viel¬ 
fach noch bestehenden Widerspruch der älteren Disciplinen gegen die Hygiene 
zu beseitigen und ihr Anerkennung zu verschaffen. 

Bei dem hygienischen Unterricht handele es sich dann aber noch um 
eine zweite Frage, nämlich die Ausbildung der speciell für die Hygiene sich 
interessirenden Medicinalbeamten. Hier seien Feriencurse vorgeschlagen 
worden, kurze, praktische Curse, die sich natürlich viel interessanter und 
praktischer gestalten lassen, wenn der vorausgegangene, von jedem Arzte 
geforderte Unterricht der Hygiene schon ein gewisses hygienisches Denken 
angeregt habe. Bis jetzt sehe es hiermit noch schlimm aus, eine Physicats- 


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25 


Ueber die Förderung des hygienischen Unterrichts. 

prüfung werde zwar verlangt, aber von öffentlicher Gesundheitspflege komme 
da wenig vor. Die Ablegung des Physicatsexamen sei durchaus kein Maass¬ 
stab, dass ein besonderes Wissen in der Hygiene erreicht sei, es lasse nur 
allenfalls den Schluss zu, dass, wer soviel Interesse habe, um bei den jetzigen 
Physicatsverhältnissen überhaupt das Examen zu machen, durch dieses 
Interesse eine viel grössere Garantie gebe, als durch die Ablegung des 
Examens selbst. 

Wie der hygienische Unterricht speciell gestaltet werden solle, werde 
von der Persönlichkeit des Lehrers und von localen Verhältnissen abhängen, 
nach der Schablone könne das nicht geschehen und es würde sehr zu be¬ 
dauern sein, wenn man etwa irgend einer Moderichtung zu liebe die auf¬ 
blühende Hygiene in bestimmte Richtungen einseitig hineinzwängen wollte. 
Im Grossen und Ganzen aber müsse man mit Herrn Prof. Flügge darin 
übereinstimmen, dass die Errichtung hygienischer Lehrstühle und hygie¬ 
nischer Institute eine dringende Nothwendigkeit sei. 

Kreisphy8icus Dr. Nötzel (Colberg) betont vom Standpunkte des 
Medicinalbeamten aus das Bedürfniss nach den erwähnten hygienischen 
Fortbildungscursen, die leider bis jetzt kaum irgendwo beständen und für 
die überwiegende Mehrzahl der Medicinalbeamten schon der pecuniären 
Opfer wegen noch vollkommen unerreichbar seien. Das Bedürfniss nach 
solchen Cursen sei schon auf dem im vorigen Jahre neu gegründeten Medi¬ 
cinalbeamten verein ausgesprochen und allgemein anerkannt, merkwürdiger¬ 
weise freilich auch von manchen Seiten, selbst von Medicinalbeamten als 
kaum erfüllbar angesehen worden. Der ganze Stand der Medicinalbeamten 
werde der Versammlung sehr dankbar sein, wenn sie einer Resolution bei- 
stimme, in welcher sie hygienische Fortbildungscurse, zunächst für Medicinal- 
beamte, nach Art der Fortbildungscurse, wie solche schon längst mit grossen 
finanziellen Beihülfen von Seiten des Staates für Militärärzte und namentlich 
für die jüngeren Militärärzte aus dem Beurlanbtenstande eingerichtet seien, 
für dringend wünschenswerth erkläre. Gerade die Einrichtung der militär¬ 
ärztlichen Fortbildungscurse werde ein naheliegendes Beispiel dafür bieten, 
in welcher Weise der Besuch dieser Fortbildungscurse einem grossen Theil 
der Medicinalbeamten wenigstens ermöglicht werden könne und werde auch 
ungefähr übersehen lassen, mit welchen Beihülfen von Seiten des Staates 
dies geschehen könne. Ein Anfang sei in alleijüngster Zeit dadurch ge¬ 
macht worden, dass seitens der Regierung einzelne Medicinalbeamte zu 
einem bacteriologischen Fortbildungscursus im Reichsgesundheitsamte ein¬ 
berufen werden, offenbar weil das Näherrücken der Cholera es durchaus 
nothwendig erscheinen lasse, in jedem Regierungsbezirk wenigstens einen 
oder den anderen Medicinalbeamten zu besitzen, der im Stande sei, Komma¬ 
bacillen aufzufinden und deren Anwesenheit zweifellos festzustellen. Dies 
sei natürlich nur ein ganz kleiner, immerhin sehr erfreulicher Anfang in 
der vorgeschlagenen Richtung. Er beantrage desshalb folgende Resolution: 

„Der Deutsche Verein für öffentliche Gesundheitspflege erklärt 
die Einrichtung von hygienischen Fortbildungscursen, zunächst für 
Medicinalbeamte, und die Erleichterung des Besuches dieser Curse 
durch staatliche Beihülfe für dringend wünschenswerth.“ 


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2G Elfte Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndpflg. zu Hannover. 

Gymil&siAldirector Dr. Fulda (Sangershausen) lenkt die Aufmerk¬ 
samkeit auf den in §. 1 der vom Herrn Generalarzt Dr. Roth vorgeschla¬ 
genen Thesen, in welchem es heisse: Der Unterricht in der Hygiehe „ist 
in der gewöhnlichen Schule nicht zu ertheilen* und begrüsst diesen Satz 
mit Freude, da in demselben ausgesprochen sei, dass an den allgemeinen 
Bildungsanstalten ein früher wohl von hygienischer Seite geforderter syste¬ 
matischer Unterricht in der Hygiene nicht stattfinden solle. Mit diesem Satze 
solle aber nicht gesagt sein, dass eine Berücksichtigung der Hygiene an den 
allgemeinen Bildungsanstalten überhaupt nicht stattfinden solle, eine solche 
könne sehr wohl an verschiedenen Stellen des allgemeinen naturkundlichen Un¬ 
terrichts eintreten, der nach den neueren preussischen Verordnungen in allen 
Classen, von den untersten bis zu den obersten, in zwei Stunden wöchentlich 
ertheilt werden müsse und bei welchem auch ein elementarer Unterricht in 
Anthropologie vorgesehen sei. Hier liege es sehr nahe und sei vielfach 
auch schon geschehen, einschlägige hygienische Fragen mit zu berücksichtigen, 
z. B. bei der Lehre von den Functionen der Lungen die mannigfachen Ur¬ 
sachen und Gefahren der Luftverderbniss, hei den Functionen des Magena 
Manches aus der Hygiene der Nahrungsmittel u. dergL, ebenso werde in der 
Physik bei der Lehre von der Wärme sich die Kleidungsbygiene natur- 
gemäss anschliessen und Anderes mehr. Das diene einerseits dazu, den 
Unterricht lebendiger und anschaulicher zu gestalten, andererseits befördere 
es Interesse und Verständniss für mannigfache wichtige Fragen der öffent¬ 
lichen und privaten Gesundheitspflege. Es empfehle sich daher nach dem 
Satze in These 1: „Derselbe (der hygienische Unterricht) ist in der gewöhn¬ 
lichen Schule nicht zu ertheilen u , einzufügen: 

„doch erscheint es wünschenswerth, dass in derselben bei dem 
allgemeinen naturkundlichen Unterricht die wichtigsten hygieni¬ 
schen Fragen in geeigneter Weise mit berücksichtigt werden. 1 * 


Dr. Kalischer (Berlin) glaubt, dass die These 1 der vom Herrn Direc- 
tor Fulda vorgeschlagenen Amendirung nicht bedürfe. In der These sei 
offenbar nur der planmässige Unterricht der Hygiene in den gewöhn¬ 
lichen Schulen gemeint, das vom Herrn Director Fulda Gemeinte sei daher 
nicht ausgeschlossen. 

Hiermit ist die Discussion geschlossen. 


Vorsitzender Oberingenieur Meyer fragt die Versammlung, ob 
es ihre Absicht sei, über die Thesen des Herrn Generalarzt Roth im Ein¬ 
zelnen zu discutiren event. abzustimmen. In den letzten Jahren sei wieder¬ 
holt von einer Abstimmung abgesehen worden und die Versammlung habe, 
auch wenn sie den Standpunkt des Referenten getheilt habe, das dargebotene 
Material als einheitliches Ganzes entgegengenommen, zur Veröffentlichung 
geführt und auf diese Weise zur vollen Wirkung gebracht. In dem vor¬ 
liegenden Falle habe die Versammlung es mit einem umfassenden und 


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Ueber die Förderung des hygienischen Unterrichts. 27 

durchgearbeiteten Vortrag zu thun und ausserdem mit Thesen, an welche 
sich noch andere Anträge knüpfen und es frage sich nun, ob über die 
Thesen und Amendements im Einzelnen discutirt und abgestimmt, oder ob 
über dieselben en bloc abgestimmt werden solle oder ob yon jeder Ab¬ 
stimmung abgesehen und, wenn kein Widerspruch von irgend welcher Seite 
erfolge, von Seiten des Präsidiums nur ausgesprochen werde, dass die Ver¬ 
sammlung sich mit den Herren Referenten in Uebereinstimmung befinde. 

Sanitätsrath Dr. Graf (Elberfeld) Bpricht sich für den zuletzt seitens 
des Herrn Vorsitzenden vorgeschlagenen Modus aus, da bei der speciellen 
Berathung der einzelnen Thesen mancherlei Bedenken auftreten und Amen- 
dirungen aufgestellt werden würden, die die Discussion ins Unendliche ver¬ 
längern könnten. Die Versammlung sei gewiss mit dem Gehörten im Grossen 
und Ganzen einverstanden, nachdem Herr Prof. Flügge wesentlich die For¬ 
derungen für den Unterricht der Hygiene im Allgemeinen aufgestellt habe 
und durch die dankenswerthen Thesen des Herrn Generalarzt Roth und 
die Ausführungen der DDr. Blasius und Hueppe die Scheidung präcisirt 
worden sei, wie an den technischen Hochschulen und anderen Lehranstalten 
die Hygiene den ihnen vertretenen Berufsclassen angepasst werden solle. 

Vorsitzender Oberingenieur Meyer fragt die Versammlung, ob 
sie in Uebereinstimmung mit dem Vorschläge des Herrn Sanitätsrath Dr. Graf 
einverstanden sei, dass er in seiner Stellung als Vorsitzender erkläre: 

„Der Deutsche Verein für öffentliche Gesundheitspflege hat den 
Vortrag von Herrn Prof. Dr. Flügge und die vom Herrn General¬ 
arzt Prof. Dr. Roth aufgestellten Thesen über das Thema der För¬ 
derung des hygienischen Unterrichts mit grossem Interesse ent¬ 
gegengenommen , spricht den beiden Herren Referenten für ihre 
Mühe und Arbeit Dank aus und fühlte sich im Grossen und Ganzen 
mit ihnen einig.“ 

Die Versammlung stimmt diesem Vorschläge mit grosser Majorität zu. 

Hiermit ist die Tagesordnung des ersten Tages erledigt und nach eini¬ 
gen geschäftlichen Mittheilungen wird die erste Sitzung geschlossen. 


Schluss der Sitzung V 2 I 2 Uhr. 


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28 bäte Versammlung d. D. Vereins f. off. Gsndpflg. zu Hannover. 


Zweite Sitzung. 

Dienstag, den 16. September, Vormittags 9 Uhr. 

Vorsitzender Oberingenieur Meyer eröffnet die Versammlung 
und erhält das Wort zum Referate über den zweiten Gegenstand der 
Tagesordnung: 


Die hygienische Beaufsichtigung der Schule 
durch den Schularzt 


Privatdocent Dr. A. ßftglnsky (Berlin). 

„Meine Herren! Es ist nicht das erste Mal, dass innerhalb dieses 
Vereines und auch innerhalb der hygienischen Section der Versammlung 
Deutscher Naturforscher und Aerzte gelegentlich der Berathungen über 
Verbesserungen der hygienischen Einrichtungen der Schulen die Frage 
der Beaufsichtigung der Schulen durch den Schularzt zur Discussion steht. 
Indess hat bisher gerade über diesen Theil der Schulhygiene ein sonder¬ 
barer Unstern geschwebt, und es ist neben dem Danke, welcher dem leiten¬ 
den AusschuBBe des Vereins gebührt dafür, dass er consequent die Frage 
von Neuem auf die Tagesordnung gebracht und die Möglichkeit einer ein¬ 
gehenden Discussion angebahnt hat, einem guten Geschick von vornherein 
der Dank dafür zu sagen, dass nicht auch dieses Mal irgend ein Unvorher¬ 
gesehenes die Verhandlungen verhindert. 

„In der Section für öffentliche Gesundheitspflege auf der Naturforscher¬ 
versammlung in Innsbruck hatten sich die Herren Reel am und Varren- 
trapp in das Thema „Anforderungen der öffentlichen Gesundheitspflege 
an das Schulwesen“ so getheilt, dass der Erstere die gesundheitspflegerische 
Ueberwachung des Schulwesens im Allgemeinen, der Letztere „den Schul¬ 
bau“ zum Referat übernommen hatte. Lang hin geschleppte Discussionen 
über reine Formfragen verhinderten innerhalb der Section eine eingehende 
wissenschaftliche Berathung der von den beiden Herren aufgestellten Vor¬ 
schläge, so dass, wenn ich anders den aus dem I. Bande der Vierteljahrs¬ 
schrift entnommenen Bericht richtig verstanden habe, dieselben nur zur 
Vorlesung kamen. Unter diesen Thesen befindet sich eine von Reel am 
aufgestellte mit folgendem Wortlaut: 


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Die hygienische Beaufsichtigung der Schule durch den Schularzt. 29 

„Jede Schulbehörde (Schulvorstand, Schulcommission, Schul¬ 
synode), welche die Aufsicht des Staates über die Schulen einer 
Gemeinde ausübt — sowie jede höhere Schulbehörde einer Provinz 
oder eines Staates —, habe unter ihren Mitgliedern einen Arzt. 
Dieser besitzt die gleichen Rechte, wie die übrigen Mitglieder, 
und nimmt an allen Sitzungen, Berathungen und Abstimmungen 
Theil“. 

„Auf der Naturforscherversammlung zu Breslau im Jahre 1874 hatte 
eine in Breslau gewählte Commission für die nächstjährige Naturforscher- 
Versammlung in Graz neben anderen Themata das folgende zur Berathung 
aufgestellt: „Welche Anforderungen hat die Hygiene im Interesse des 
Schutzes der Gesundheit der Schüler an die Schuleinrichtungen zu stellen? 
Ist der Lehrer behufs Ausführung solcher Anforderungen in der Hygiene 
auszubilden, und welche Machtvollkommenheit soll dem Arzte gegeben 
werden behufs Ueberwachung der Schale in hygienischer Beziehung? Zu 
Referenten waren die Herren Yarrentrapp und Gau st er ernannt.“ — 
Der Referent über die Verhandlungen in Graz berichtet: „Ein eigener 
Unstern schwebt über diesem Thema, wenn es in der hygienischen Section 
auf das Programm gesetzt ist.“ Um kurz zu sein — wie im Jahre 1869 
war auch dieses Mal Herr Yarrentrapp am Erscheinen in der Section 
verhindert, die Berathungen waren für eine frühe Morgenstunde nach einer 
am vorigen Tage ausgeführten Gebirgspartie festgesetzt, das Berathungs- 
local war verlegt worden, die einzuladenden Mitglieder der Section für 
wissenschaftliche Pädagogik hatten die Einladungen zu spät oder gar nicht 
erhalten. Nur vor wenigen Anwesenden entwickelte der zweite Referent, 
Herr G aast er, seine Thesen. Unter diesen, welche sich auf alle mög¬ 
lichen hygienischen Verbesserungen beziehen, finden sich zwei, für unser 
heutiges Thema interessante: 

1. Es ist nöthig, dass die unbedingt nothwendige sanitäre Fürsorge 
der Lehrer für die Schüler beim Unterricht durch gesetzliche Vor¬ 
schriften und Amtsinstructionen überall möglichst klar gestellt und 
präcisirt werden, und dass die pädagogische und sanitäre Schulauf¬ 
sicht auf deren Beobachtung genau Acht haben und 

2. Es ist unbedingt nothwendig, dass in den Lehrerbildungsanstalten 
die Gesundheitslehre überhaupt und die Pflege der Gesundheit in 
und durch die Schule insbesondere unter die obligat zu hörenden 
Lehrgegenstände aufgenommen wird. 

„Eine wesentliche Einwirkung auf die schulhygienische Entwickelung 
haben die Grazer Verhandlungen nicht gehabt. 

„Für die fünfte Versammlung unseres Vereins in Nürnberg im Jahre 
1877 hatte der Ausschuss von Neuem die Schulhygiene zum Berathungs- 
thema gewählt. Ein hervorragender Pädagoge und ein eben solcher Hygie¬ 
niker sollten sich in dem Referat über den Gegenstand theilen. Zum ersten 
Male wollte man Fachmänner aus den beiden zumeist betheiligten Kreisen 
über den Gegenstand vernehmen. — Das Geschick beschloss es anders. Der 
hervorragende Pädagoge, Realschuldirector Dr. Ostendorf, starb kurze 
Zeit vor dem Zusammentritt der Versammlung, oder wie der zweite Refe- 


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30 Elfte Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndpflg. zu Hannover. 

rent, Herr Finkelnburg, selbst sich ausdrückt: „in demselben Augen¬ 
blicke, als er sich anschickte, der heutigen Aufgabe mit dem eingehendsten 
Ernste näher zu treten, welche er allen seinen Bestrebungen zu Grunde 
legte . . . .“ Herr Märklin, welcher nach dem Tode von Ostendorf in 
das Referat neben Herrn Finkelnburg ein trat, plaidirte am Schlüsse 
seiner Ausführungen dafür: „dass dem Arzte, als ständigem Mitglieds der 
Schulbehörden, ein nicht minder grosser und wichtiger Wirkungskreis (in 
der Schule) wird zuerkannt werden müssen, als dem Schulmanne u , und die 
Versammlung entschied sich für die Annahme der These V: „In allen Schul¬ 
behörden müssen neben dem Verwaltungsbeamten und den Mitgliedern der 
Vertretungen, welchen die Bewilligung der Geldmittel zusteht, auch Schul¬ 
männer und Aerzte Sitz und Stimme haben. tf 

„Wiederum stand im folgenden Jahre für die sechste Versammlung 
unseres Vereins in Dresden die Schulhygiene auf der Tagesordnung. Man 
wollte in die Details der Ueberbürdungsfrage eingehen, die beste Art 
der Vertheilung des Lehrstoffes auf die einzelnen Tagesstunden erörtern. 
Sanitätsrath Sander hatte neben einem Pädagogen das Referat übernom¬ 
men; doch auch der erlebte den Sitzungstag nicht, und Dr. Chalybäus 
aus Dresden musste für den verstorbenen Collegen eintreten. Die Ver¬ 
handlungen, denen sich Jeder, der damals zugegen war, mit einer gewissen 
Genugthuung erinnern wird, weil sie ein ernstes Stück Arbeit repräsentiren, 
in welchen namentlich auch die divergirenden Anschauungen der Herren 
Pädagogen in lebhafter Weise zum Ausdruck und zur Berathung kamen, 
haben nicht wenig dazu beigetragen, die sogenannte „Ueberbürdungsfrage“ 
aus den Redensarten heraus auf die richtige Bahn wissenschaftlicher Be¬ 
handlung zu führen. — Die Frage der hygienischen Ueberwachung der 
Schule durch den Arzt kam bei dieser Discussion nicht zur Berathung." 

„Mit mehr oder weniger Glück wurde weiterhin in den Sitzungen der 
internationalen hygienischen Congresse die Schulfrage erörtert. In Turin 
plaidirte im Jahre 1880 Ghini aus Florenz dafür, dass in den Schullehrer- 
seminarien überall ein Lehrcursus für häusliche und private Gesundheits¬ 
pflege, sowie für Schulhygiene eingerichtet werden solle, mit besonderer 
Berücksichtigung der Lehre von den Schuleinflüssen auf die Erkrankungen 
der Kinder, und dass dieser Unterricht durch einen Arzt ertheilt würde. — 
In demselben Jahre wurde gelegentlich der Verhandlungen der Aerzte- 
kammer von Mittelfranken über die rechtsBchiefe Currentschrift auf Antrag 
der Herren Aub und Dörfler einstimmig beschlossen, an das Cultus- 
ministerium die Bitte zu richten: dasselbe wolle im Verordnungswege be¬ 
stimmen, dass in jeder Schulcommission, welche sich am Wohnsitze von 
Aerzten befindet, ein Arzt obligatorisch Sitz und Stimme habe. — Auf 
dem internationalen hygienischen Congresse in Genf im Jahre 1882 brachte 
Prof. Hermann Cohn eine Reihe von Thesen über „die Nothwendigkeit 
der Ernennung von Schulärzten in allen Ländern und ihre Obliegenheiten" 
ein. Cohn war selbst nicht in Genf anwesend, und die von ihm ein¬ 
gereichten Thesen, die, wie ich gleich erwähnen will, nicht mit dem Zu¬ 
sammenfällen, was ich als Aufgabe der Schulärzte bezeichnen würde, 
wurden ohne Discussion von der Versammlung angenommen — sehr zu 
Unrecht, wie wir vielleicht in der weiteren Verhandlung noch sehen werden. 


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Die hygienische Beaufsichtigung der Schule durch den Schularzt. 31 

„Aus dem kurzen Ueberblicke über die Verhandlungen des Gegen¬ 
standes in öffentlicher Discussion geht hervor, dass trotz der mannigfachen 
Störungen, welche dieselben erlitten haben, sich zwei Tendenzen zur Gel¬ 
tung bringen, auf der einen Seite die Tendenz, dem Arzte Sitz und Stimme 
bei der Ueberwachung der hygienischen Maassnahmen für die Schule zu 
geben, auf der anderen Seite, den Arzt dadurch entbehrlich zu machen, 
dass die Lehrer hinreichend hygienisch vorgebildet werden, um selbst¬ 
ständig die hygienischen Maassnahmen für die Schule und die Schüler zu 
treffen. 

„Meine Herren! Es kann nicht in meiner Absicht liegen, Sie an die¬ 
ser Stelle mit der Geschichte der Entwickelung der hygienischen Fortschritte 
in den Schulen, speciell im Deutschen Reiche und den Nachbarstaaten, zu 
behelligen; nur in soweit, als die Frage der hygienischen Ueberwachung 
durch den Arzt davon berührt wird, kann ich gewisse Hinweise auf diese 
Entwickelung nicht umgehen. — In der Literatur ist die Forderung, dem 
Arzte einen definitiven Einfluss auf die hygienische Gestaltung der Schule 
zu gewähren, eine alte. — Peter Frank stellt in dem I. Bande seines 
1786 geschriebenen classischen Werkes „System einer vollständigen medi- 
cinischen Polizei“ neben den bis auf den heutigen Tag unübertroffenen 
hygienischen Regeln für die Einrichtungen der Schule und des Unterrichts¬ 
systems die ausdrückliche Forderung auf, „dass die Sanitätspolizei sich um¬ 
zusehen hat, dass in die öffentliche Erziehung kein die Jugend entnerven¬ 
des, oder ihre Fasern vor der Zeit steifmachendes System sich mische“. 
„Sie muss die Regeln und Vorschriften, welche die jugendlichen Beschäfti¬ 
gungen, Spiele und Vergnügungen, welche ihre Seelen- und Leibesübungen 
leiten sollen, genau prüfen und mit gleicher Aufsicht, Ueberspannung 
und Vernachlässigung der Kräfte .... zu verhüten trachten M .... und 
weiter: „So vieles bisher über Erziehung geschrieben worden ist, so finde 
ich doch, dass man den Artikel Gesundheit in den mehrsten öffentlichen 
Schulen und Erziehungshäusern noch am wenigsten bedacht habe, und es 
verdient ein jeder der hier berührten Gegenstände nachgeholt und von 
einem Arzte unter solcher Gesichtslage besonders betrachtet zu werden.“ — 
Es folgen auf diese Einleitung drei ausgezeichnete Abhandlungen über 
Schulhygiene. Der bekannte Aufruf Lorinser’s (1836) zum Schutze 
der Gesundheit in den Schulen gab den Antrieb dazu, dass die Aerzte sich 
mit den Schulfragen überhaupt ernster zu befassen anfingen. Eine syste¬ 
matische Anordnung des der Schulhygiene und der sanitären Ueberwachung 
zugehörenden Stoffes finden wir erst bei Pappenheim in dessen Hand¬ 
buch der Sanitätspolizei, Artikel Schulwesen (1858) und später bei Falk 
(1868) in dessen „Sanitätspolizeiliche Ueberwachung höherer und niederer 
Schulen“. Von da an begegnet man immer häufiger der von Aerzten auf- 
gestellten Forderung, eine ärztliche Ueberwachung der Schulen eintreten 
zu lassen. V e r n o i s verlangt wenigstens für die Lyceen und Internate 
eigens an gestellte Aerzte, welche jährlich einen genauen Bericht über die 
Anstalten abgeben sollen, in welchem alle hygienischen Verhältnisse der An¬ 
stalten Berücksichtigung finden. Ein besonders anzustellender Arzt, Specialist 
für Hygiene, soll diese Berichte zusammenfaBsen und einen jährlichen Rap¬ 
port über den Gesundheitszustand der sämmtlichen Lyceen veröffentlichen. 


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32 Elfte Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndpflg. zu Hannover. 

Die Aerzte sollen Beisitzer im Verwaltungsrathe der Lyceen sein t und dem 
Vorsteher derselben jährlich eine Liste der nothwendigen Verbesserungen 
einreichen, deren Ausführungen überwachen (s. Virchow, Hygienischer 
Jahresbericht 1868, S. 477). — In ähnlicher Weise verlangt Alois Gruber 
(1870) besondere Schulinspectoren, die gewisse Schulen zu inspiciren haben, 
überdies aber die ihuen zugewiesenen Schulbezirke der Stadt controliren 
sollen. — Farquhar (1873) verlangt eine von den Lehrern geführte 
Krankenstatistik in den Schulen, deren Listen dem Schulgesundheitsbeamten 
'Und dem OrtsgeBundheitsrathe übermittelt werden sollen. Daran anknüpfend 
sollen Schulrevisionen und selbst Revisionen in den Wohnungen der Schul¬ 
kinder Btatthaben. Mit ganzer Energie sind überdies für die Anstellung 
von Schulärzten eingetreten Ellinger (der ärztliche Landesschulinspector), 
Baumeister (Vierteljahrsschrift für öffentliche Gesundheitspflege 1883), 
Cohn in seiner neuesten Publication (Die Hygiene des Auges in den Schulen), 
und auch ich habe sowohl in der ersten 1875 erschienenen Auflage meines 
Handbuches der Schulhygiene wie auch in der zweiten 1883 erschienenen 
für dieselbe plaidirt. 

„Wenn man weiterhin die amtlichen Kundgebungen berücksichtigt, so 
muss zugestanden werden, dass die Bemühungen der Einzelregierungen 
des Deutschen Reiches in den letzten Jahren in continuirlich steigendem 
Maasse zugenommen haben. Neben eingehenden, die gesammten äusseren 
Einrichtungen der Schulen betreffenden Verordnungen, wie solche seitens 
der königlich württembergischen Regierung aus dem Jahre 1870, welche 
von Haus aus den begutachtenden Einfluss von Aerzten für dieselben 
sicherstellt, sind noch in Einzelrescripten (so vom 28. Januar 1876) sani¬ 
tätspolizeiliche Visitationen der Gemeinden und speciell der Schulen vor¬ 
geschrieben. Allerdings wird für jede Gemeinde Württembergs nur in 
sechsjährigem Turnus eine Visitation zum Gesetz gemacht. — Aehnliche 
Verordnungen sind der Reihe nach in Baden, Bayern, Hessen erfolgt, stets 
mit der ausdrücklichen Anweisung, dass die Pläne für neue Schulbauten in 
gesundheitlicher Beziehung unter Begutachtung der Bezirksärzte zu stel¬ 
len sind. 

„Die Regierungen Hessen sich indess, augenscheinlich unter dem Drucke 
der nicht verstummen wollenden Klagen über „Schulüberbürdung der Jugend“ 
und der parlamentarischen Interpellationen und Petitionen an diesen Ver¬ 
ordnungen nicht genügen, vielmehr sehen wir dieselben der Reihe nach 
den fruchtbringenden Weg betreten, hervorragende aus ärztHchen und 
Verwaltungskreisen zusammengesetzte Commissionen zur Berathung schul¬ 
hygienischer Fragen zusammen zu berufen. — So entstanden in neuester 
Zeit die gutachtlichen Aeusserungen der medicinischen Sachverständigen¬ 
commission in Eisass-Lothringen, die Berathungen in Württemberg und 
Hessen und in seiner ganz hervorragenden Bedeutung das Gutachten der 
königlich preussischen wissenschaftlichen Deputation für das Medicinalwesen. 

„Im Grossherzogthum Baden bestehen über die Erbauung und Ein¬ 
richtung der Schulgebäude der höheren Lehranstalten (Mittelschulen) keine 
allgemeinen Vorschriften. Es werden vielmehr die Pläne nach dem vorlie¬ 
genden Bedürfnisse und unter Berücksichtigung der bestehenden Verhält¬ 
nisse unter der Leitung und Aufsicht des Oberschulraths (bezw. bei den 


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Die hygienische Beaufsichtigung der Schule durch den Schularzt. 33 

wesentlich von den Gemeinden zu unterhaltenden Realschulanstalten (Real¬ 
gymnasien und höheren Bürgerschulen) im Zusammenwirken der Gemeinde¬ 
behörden und des Oberschulraths) festgestellt und ausgeführt. — Ueber die 
gesundheitBpolizeiliche Beaufsichtigung der Schulhäuser und der Schul¬ 
jugend besteht eine Vorschrift vom Jahre 1841,-dass die Bezirksärzte wenig¬ 
stens zweimal jährlich die Mittelschulen ihres Bezirks besuchen sollen, um 
sich von dem Gesundheitszustände und dem äusseren Ansehen der Schul¬ 
jugend zu überzeugen, ferner um von der Beschaffenheit der Schulhäuser 
und Schulzimmer Einsicht zu nehmen und über das Ergebniss der Besich¬ 
tigungen an das Ministerium zu berichten. Zum Vollzüge dieser Anord¬ 
nung ist unter dem 16. October 1844 eine Instruction erlassen, welche die 
Thätigkeit der Amtsärzte bei Neubauten, Bauveränderungen, sowie bei 
Fragen der inneren Einrichtung der Schulhäuser feststellt und denselben 
die Sorge für das körperliche Wohl der Schüler durch Nachforschung nach den 
Ursachen vorhandener Krankheitsanlagen oder wirklicher Krankheits¬ 
zustände und Ergreifung geeigneter Maassregeln dagegen zur Pflicht 
macht. — Hinsichtlich der Beschaffenheit der Subsellien ist eine Verord¬ 
nung des Oberschulraths vom 26. Mai 1868 auch für die Mittelschulen 
maassgebend; es sind in Ziffer 5 dieser Verordnung die Dimensionen der 
Schulbänke sowohl für Elementarschüler als für Schüler, welche über dem 
schulpflichtigen Alter stehen, vorgeschrieben. 

„Für Elsass-Lothringen haben die vom Oberpräsidenten unter 
dem 3. Juli 1876 erlassenen Bestimmungen über die Anlage, Einrichtung 
und Ausstattung der Elementarschulhäuser auf dem Gebiete des niederen 
Unterrichtswesens das Erforderliche angeordnet. Für Neu- und Umbauten 
höherer Schulen, sowie für die Beschaffung des Ausstattungsmaterials der¬ 
selben fehlen dagegen allgemeine Bestimmungen, welche die Sicherheit 
schaffen, dass auf die Gesundheit der Schüler die erforderliche Rücksicht 
genommen werde. Den Erlass derartiger Bestimmungen halten wir für ein 
dringendes Bedürfniss. Nicht minder wichtig erscheint uns eine regel¬ 
mässige Inspection der höheren Schulen durch sachverständige Aerzte bezw. 
Medicinalbeamte, welche über ihre Wahrnehmungen an den Oberschulrath 
zu berichten und Mittel zur Abhülfe der vorhandenen Mängel anzugeben 
hätten. Es bedarf einer solchen Inspection auch für die bestangelegten 
Schulen, damit in denselben nicht etwa die Vorzüge der ersten Einrichtung 
durch geringe Sorge für die Instandhaltung beeinträchtigt werden. Die 
Reinhaltung der Räume, namentlich die Beseitigung des nach vielen Richtun¬ 
gen hin der Gesundheit schädlichen Staubes, muss in jeder Schule auf das 
Dringendste gefordert werden. Sache des Arztes ist es, sich zu überzeugen, 
dass die darauf bezüglichen Anordnungen in ihrem vollen Umfange zur 
Ausführung kommen. Wird es ihm möglich gemacht, sich von Zeit zu 
Zeit durch Besichtigung der Anstalten von der Handhabung der getroffe¬ 
nen Bestimmungen zu überzeugen, so lässt sich einerseits hoffen, dass dem 
Eindringen gesundheitsgefährlicher Zustände in solche Räume vorgebeugt 
wird, welche wir uns auf Grund der zu erlassenden Normativbestimmungen 
in der möglichst zweckmässigen Weise hergestellt denken, und andererseits 
erwarten, dass auf die Verbesserung mancher alten, einer Erneuerung be¬ 
dürftigen Räume die Aufmerksamkeit der zuständigen Behörde dauernd 

Vierteljahraschrift für Gesundheitspflege, 1889. 3 


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34 Elfte Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndpflg. zu Hannover. 

hingelenkt werde; — und ein Satz der praktischen Schlussfolgerungen 
heisst: Entwürfe für Um- und Neubau einer höheren Schule sind nach 
Maassgabe der Normativbestimmungen von einem sachverständigen Arzte 
bezw. Medicinalbeamten zu prüfen und zu begutachten. 

„In dem Gutachten der königl. preussischen wissenschaftlichen 
Deputation für das Medicinalwesen finden sich aber folgende höchst be- 
merkenswerthe Sätze. Nachdem von den Verpflichtungen der Lehrer, in 
höherem Maasse als bisher bei den Schülern zu individualisiren, die Rede 
gewesen ist, heisst es: „Es giebt kein constantes Maass, wonach die Grenze 
zwischen Ueberbürdung und zulässiger Belastung bestimmt werden kann. 
Was in gewissen Fällen^oder Zeiten Belastung ist, wird in anderen Üeber- 
bürdung. Die Zeichen, dass letztere eingetreten ist, ergeben sich erst nach¬ 
träglich aus der Beobachtung. Ob eine solche Beobachtung sich durch die 
eigenen Organe der Schule in genügender Weise und ohne ärztliche Mitwirkung 
ausführen lässt, das ist freilich eine sehr zweifelhafte Sache ... Wir folgern 
also, dass selbst für die Sammlung eines genügend sicheren Beobachtungs- 
materiais über die Wirkung der einzelnen belastenden Momente die Mit¬ 
wirkung von tüchtigen und zuverlässigen Aerzten nicht wird entbehrt wer¬ 
den können “, und weiter bezüglich der einzelnen ursächlichen Momente der 
Ueberbürdung: „Eine exacte Antwort wird erst ertheilt werden können, 
wenn es möglich werden sollte, in den Schulen eine zuverlässige ärztliche 
Controle der pädagogischen in geeigneter Weise hinzuzugesellen.“ Im 
Schlussergebnis8 wird darauf hingewiesen, dass an einzelnen, besonders ge¬ 
eigneten Orten die Hauptfragen (der Untersuchungen) durch Aerzte in An¬ 
griff zu nehmen sind. — Es kann ergänzend hinzugefügt werden, dass, so¬ 
weit ich persönlich unterrichtet bin, dieser Weg seitens des preussischen 
Cultusministeriums neuerdings rüstig betreten worden ist. 

„In der Schweiz sind nach der Verordnung des Züricher Regierungs- 
rathes, betreffend die örtlichen Gesundheitsbehörden (1877), dieselben ge¬ 
halten, die Situations- und Baupläne der Schule zu prüfen, überdies aber 
auch eine fortwährende Controle über die Schulen zu üben, eventuell nach 
Bedürfniss Nachschau in Öfteren unregelmässigen Fristen zu halten und 
„fortlaufendes Protokoll zu führen“. Die Schulen sind hierbei allen übrigen 
Objecten der Observation gleichgestellt. 

„Meine Herren! Es erübrigt, nur noch einige Worte bezüglich des 
Standes der Dinge in ausserdeutschen Staaten hinzuzufügen. — Oester¬ 
reich hat seit dem Jahre 1873 nahezu denselben Weg ein geschlagen, wie 
Deutschland. In den österreichischen Schulcommissionen fungiren Aerzte als 
ständige Berather und Aufsichtsbehörden der Schulen. — In Italien sind die 
Medici condotti diejenigen, denen die Beaufsichtigung der Schulen obliegt. 
Die Schulhygiene selbst liegt aber nach dem Urtheile von Uffelmann 
trotz derselben sehr darnieder. — Einen definitiven Anfang mit einer conti- 
nuirlichen Ueberwachung der Schulen durch eigens angestellte Schulärzte 
hat neuerdings Paris gemacht; ich habe mir erlaubt, das betreffende Reglement 
in deutscher Uebersetzung jüngst in der Vierteljahrsschrift zur Publication 
zu geben. — Ueber die englischen Verhältnisse entnehme ich den jüngsten 
Veröffentlichungen von Weber: (Verhandlungen des dritten Congresses für 
innere Medicin. Wiesbaden 1884), die Angabe, dass England keine von der 


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Die hygienische Beaufsichtigung der Schule durch den Schularzt. 35 

Regierung angestellten ärztlichen Inspectoren für Schulen und Schulgebäude 
und auch keine speciellen Gesetze über Einrichtungen von Schulen hat. Die 
Schulen fallen einfach in das Gebiet der Public Health Act von 1875, welche 
Regulationen über die Einrichtung des Hauses hat. Weber fügt hinzu : 
„Die Ueberwachung der Ausführung der Regulationen ist nichtärztlichen 
Inspectoren anvertraut, welche nicht besonders streng sind. Dagegen hat 
das Local Government Board , speciell der Theil, welchen wir Gesundheits¬ 
amt nennen, und welcher aus mehreren ausgezeichneten Aerzten besteht, die 
sich ausschliesslich diesem Amte widmen v die Gewohnheit, das Education 
Department auf Mängel in den Schulen aufmerksam zu machen, welche in. 
den Berichten der Medical Officers of Health bemerkt werden. Diese Offi- 
cers of Health halten es nämlich für ihre Pflicht, auf die öffentlichen Ele¬ 
mentarschulen ihrer Districte ihre Aufmerksamkeit zu richten.“ Man sieht 
also, dass hier eine Art freiwilliger hygienischer Ueberwachung der Schulen 
statt hat. 

„Abgesehen aber davon verlangen in ihren neuesten Publicationen 
The Lancet und British medical Journal die Anstellung von eigentlichen 
Schulärzten. Es heisst in Nr. 1233 des British medical Journal , 
16. August 1884: 

In our great public schools, the medical supervision of the boys and 
the sanitary arrangements of the buildings should be under the absolute 
and andivided control of one medical offleer, who should be responsible 
to the governors only, and independent of the head master; while for eie¬ 
rn entary schools there should be a staff of medical inspectors under the 
education department, ranking with H. M. inspectors of schools. 

„Aehnlich in The Lancet , Nr. IV, 9. August 1884, p. 224: 

We believe there will be provided in due course a much more 
minute supervision of our public schools by an officer of health absolutely 
independent of and free from the authority of head master, of house 
mastere, and the governing authority of schools, whatever it may be; an 
offleer responsible to the local sanitary authority and through that autho¬ 
rity to the Local Government Board. At no very distant time no build- 
ing will be permitted to be occupied for school purposes, either private 
or public, which has not been inspectet and approved by a public sanitary 
authority. We believe ever more that this to be desirable in the interest 
of the schoolboys, and that there should be special and periodical in- 
spections of all our schools, public and private, by officers of the sani¬ 
tary department of the Local Government Board for all there functions 
in hygiene whith are fast passing out of the sphere of the medical atten- 
dant on the sick. 

„In den scandinavischen Ländern begegnet man ganz ausgezeichneten, 
mit allen neuesten hygienischen Anforderungen ausgerüsteten Schulgebäuden 
und Schuleinrichtungen. In wie weit eine ärztliche Ueberwachung der 
Schulen statt hat, ist mir aber nicht möglich gewesen zu eruiren 1 ). — Aus 
- • 

*) Nach einem mir vor wenigen Tagen zngegangenen Bericht des Herrn Dr. Hertel 
aus Kopenhagen hin ich im Stande mitzutheilen, dass in den Schulen Dänemarks sehr ein¬ 
gehende ärztliche Untersuchungen der Schulkinder statt habe. Ich verweise auf die dem¬ 
nächst erscheinenden Mittheilungen im Archiv für Kinderheilkunde. 

3* 


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36 Elfte Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndpflg. zu Hannover. 

Amerika sind einheitliche Einrichtungen des Schulwesens überhaupt nicht 
zu berichten. Aus einem Berichte von Prof. Hitchcock geht hervor, dass 
in dem Amherst College in Massachusetts ein Mediciner als Lehrer angestellt 
ist mit folgenden Verpflichtungen: 1) Turnunterricht zu ertheilen; 2) den 
Gesundheitszustand der Studirenden zu überwachen; 3) die physische Seite 
der Beredsamkeit zu lehren; 4) von Zeit zu Zeit hygienische Belehrungen 
zu geben, gestützt auf die Elemente der Anatomie und Physiologie; 5) der 
betreffende Lehrer muss ein gebildeter Arzt und der Gesundheitszustand 
der Zöglinge jederzeit Gegenstand seiner besonderen Aufmerksamkeit sein. 

„Es erübrigt nunmehr nur noch nachzutragen, dass ebenso wie oben 
schon gelegentlich der Beschlüsse des in Turin abgehaltenen hygienischen 
Congresses erwähnt wurde, der Wunsch nach hygienischem Unterricht in 
Lehrerbildungsanstalten, auf den Versammlungen unseres Vereins in Nürn¬ 
berg und in Dresden, auf letzterer in dem Vortrage des Herrn Roth, aus¬ 
gesprochen wurde, und dass in Bayern, nach Mittheilung des Herrn 
Hessler, das Ministerium für Schulangelegenheiten der Unterricht in den 
Grundprincipien der Hygiene in Schullehrerseminarien, höheren Töchter¬ 
schulen und in den oberen Classen der Volksschulen schon seit dem Jahre 
1878 eingeführt habe. 

„Meine Herren! Nach dieserUebersicht über den Entwickelungsgang, 
den die Einführung ärztlicher Organe in die Beaufsichtigung der Schulen ge¬ 
nommen hat, kann ich an die mir gestellte Frage definitiv herantreten. 
Ich habe vor einigen Wochen Gelegenheit genommen, in der Deutschen 
Gesellschaft für Öffentliche Gesundheitspflege zu Berlin meine Stellung¬ 
nahme zu der Frage zu skizziren und bin kaum in der Lage^, dem 
damals Ausgeführten hier etwas Neues hinzuzufügen. Im Wesentlichen 
kann ich auf diese früheren Erörterungen zurückgehen und dieselbeh hier 
recapituliren. Man hat bezüglich der Einführung der hygienischen Ueber- 
wachung der Schulen durch den Schularzt drei Dinge von vornherein zu 
trennen : 

1. Ist diese Ueberwachung überhaupt nothwendig? 

2. Wie kann die Thätigkeit des Schularztes, falls sich die Nothwendig- 
keit ärztlicher Ueberwachung der Schulen herausstellen sollte, der- 
artig gestaltet werden, dass sie für die Culturaufgaben der Schule 
nicht hemmend, sondern förderlich ist? 

3. Ist nach der augenblicklichen Beschaffenheit des ärztlichen Standes 
und den vorhandenen Verhältnissen in Stadt und Land die Einfüh¬ 
rung von Schulärzten überhaupt durchführbar? 

„Die Antwort auf die erste dieser drei Fragen wird von dem Ergeb- 
niss einer Untersuchung abhängig sein, welche darthnt, in wieweit die Ein¬ 
flüsse der Schule auf den kindlichen Organismus derartig sind, dass sie 
überhaupt dauernd und für dessen Entwickelung bestimmend zur Geltung 
kommen; denn Alles, von dem sich erweisen lässt, dass es in mehr oder 
weniger directer W^ise die physische Beschaffenheit der Menschen beein¬ 
flusst, gehört, in dem weitesten Sinne des Begriffs genommen, nothwendig 
in den Beobachtungskreis des Arztes, — naturgemäss diejenigen Einflüsse 
am meisten und am strictesten, deren directeste Einwirkung auf den mensch- 


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Die hygienische Beaufsichtigung der Schule durch den Schularzt. 37 

liehen Organismus zu Tage tritt. — In der Schale sind es nun drei Grup¬ 
pen von Factoren, von welchen a priori eine Beeinflussung des kindlichen 
Organismus erwartet werden kann. 1) Obenan die äusseren, baulichen und 
technischen Einrichtungen der Schulen. 2) Die inneren Einrichtungen des 
eigentlichen Unterrichts nnd die damit in directester Beziehung stehenden 
Ausstrahlungen auf die häusliche Beschäftigung der Kinder. 3) Das Zu¬ 
sammenströmen und Zusammenleben einer grösseren Gruppe von Menschen 
überhaupt in einem abgeschlossenen Raume. — In dem ersten Augenblicke 
dürfte es scheinen, als wären bezüglich der ersten zwei Gruppen gerade 
die ärztlichen Urtheile und event. daraus fliessenden Befugnisse am wenig¬ 
sten am Platze, dass vielmehr in der ersten Gruppe der Architekt, in der 
zweiten der Schulmann der eigentlich competente Beurtheiler der Verhält¬ 
nisse wäre; für die dritte Gruppe allenfalls könnte die ärztliche Function 
als zweckmässig, wenn auch nicht nothwendig sich zu empfehlen scheinen. 
Handelte es sich in der That nur um die rein objective Beurtheilung bau¬ 
technischer oder pädagogisch-technischer Fragen, so wäre diese Ausschei¬ 
dung ärztlicher Urtheile und ärztlicher Function gewiss am Platze, um so 
mehr, als bekannt ist, dass der grosse Fehler oft begangen ist und es von 
jeher zu recht bedeutsamen Uebeln geführt hat, wenn ärztliche Eingriffe 
in rein technische Fragen erfolgten und dieselben gerade bei den wohl¬ 
wollendsten und sachkundigsten Fachmännern in Misscredit brachten. Aber 
um rein technische Fragen handelt *s sich hier durchaus nicht, oder wenig¬ 
stens erat in zweiter Linie; die erste wichtige, und maassgebende Frage 
lautet nicht dahin, in wieweit die genannten Einrichtungen technisch 
an sich gut seien, sondern in wieweit sie auf den kindlichen Orga¬ 
nismus zur Wirkung kommen. In diesem Sinne ist diese Frage aber 
geradezu eine physiologische und gehört von physiologischen Gesichts¬ 
punkten voll und ganz, ja durchaus einzig in das Gebiet ärztlichen Urtheils. 
So kann also schon von vornherein eine gewisse Nothwendigkeit ärztlichen 
Eingreifens in das Schulleben im Allgemeinen constatirt werden, und es 
musB, dies zugegeben, nunmehr daran gegangen werden, diese Nothwendig- 
keit auch im Einzelnen darzuthun und neben diesem Nachweise gleichzeitig 
die Möglichkeit der ärztlichen, auf physiologischer Basis beruhenden Thätig- 
keit erwiesen werden. 

„Es würde zu weit führen und ist an dieser Stelle, wo volles Verständ- 
niss für hygienische Fragen vorhanden ist, auch nicht nöthig, darzuthun, 
wie bei der bekannten Einwirkung der Bodenluft und der Grandwasser¬ 
beschaffenheit auf die Bewohner eines Hauses schon die Wahl deB Bodens, 
auf welchem ein Schulhaus errichtet werden soll, keine gleichgültige ist, 
wie weiterhin bei der bekannten Wechselwirkung zwischen Beschaffenheit 
des Baumaterials und der Ventilation durch die Wände, die zweckmässige 
Auswahl des Baumaterials durchaus nicht gleichgültig ist für die späteren 
Bewohner deB zu errichtenden HauseB. Die Orientirung deB Gebäudes, die 
Beziehungen zu den Nachbargebäuden, die Anlage der Treppen, ferner die 
Grössenverhältnisse der Räume, die Höhe derselben, das Verhältniss zwischen 
Fensterfläche und Bodenfläche, die Art und Beschaffenheit der Heiz- und 
Ventilation8anlagen, jedes im Einzelnen und alles im Verein ist das Maass¬ 
gebende für die Einwirkungen, denen die Bewohner der Räume unterliegen. 


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38 Elfte Versammlung d. D. Vereins f. öf£ Gsndpflg. zu Hannover. 

Hier sondert sich nun das rein technisch Beste von dem sanitarisch Besten 
auf das Vielfachste, und nicht selten kann ohne Meinungsaastausch der 
beiden in Concurrenz kommenden Richtungen bei dem besten Willen und 
Wohlwollen das Verfehlteste und später Unbrauchbarste zur Anlage kommen. 
Liesse man, um nur ein Beispiel anzuführen, dem Techniker unter der 
Forderung der Beschaffung bestmöglichster und ausgiebigster Tagesbeleuob- 
tung die absolut freie Wahl, so wird es gar nicht ausbleiben, dass die 
Fensteröffnungen in den einzelnen Zimmern des Hauses so angelegt werden, 
dass bei jedweder beliebigen Orientirung der Raume zum Gebrauche, das 
Licht von mehreren Seiten zuströmt; die nach physiologischen Principien 
verwerflichen Beleuchtungen von vorn oder von zwei gegenüberliegenden 
Seiten werden gewiss nicht ausbleiben. Aehnliches liesse sich von den 
Heizanlagen und von den übrigen oben angezogenen Momenten sagen. — 
Weitaus noch mehr trifft dies aber für die eigentliche Ausstattung der 
Schulräume zu, und hier wiegen technische Missgriffe um so schwerer, als 
die Einrichtungsgegenstände noch weit direqter zu den Schulkindern in Be¬ 
ziehung treten und sonach intensiver auf deren Organismus bestimmend 
einzuwirken vermögen. So sehen wir denn, dass so anscheinend kleinliche 
Dinge, wie die Farbe und Bekleidung der Schultafeln, die Beschaffenheit 
der Wandkarten von hervorragender physiologischer Bedeutung werden, 
gar nicht zu reden von den Subsellien, deren normale Gestaltung erst an- 
flng in richtige Bahnen zu kommen, %ls eingehendste physiologische Stu¬ 
dien die Gesetze des normalen Aufrecht sitzen 8 klar gemacht hatten, Studien, 
welche bezüglich des normalen Sitzens beim Schreiben und Lesen bis zu 
diesem Augenblicke noch nicht völlig zum Abschluss gekommen sind. In 
der Erledigung dieser einen, vielfach verkannten, und doch noch bis zum 
heutigen Tage gewiss nicht völlig gewürdigten Frage, hat die Technik all- 
mälig das Heft fast ganz aus der Hand verloren, sie hat bis auf Kleinig¬ 
keiten gänzlich in den Dienst der Physiologie treten müssen, und da, wo sie 
es versucht, eine gewisse Unabhängigkeit und Selbständigkeit zu wahren, 
ist sie heute noch ebenso wie früher in der Gefahr, Unbrauchbares zu Tage 
zu fördern. Meine Herren, genug der Thatsachen und Beispiele auf diesem 
ersten Theile des zu behandelnden Gebietes. Wohin Sie auch blicken, sehen 
Sie geradezu die Unmöglichkeit einer normalen Gestaltung ohne die sach¬ 
kundige physiologische, die ärztliche Beihülfe; auf diesem Theile wird aber 
auch thatsächlich die Nothwendigkeit einer ärztlichen Ueberwachung kaum 
mehr bestritten. Alle früher erwähnten Verordnungen aller Staaten kom¬ 
men darin überein, dass eine ärztliche Controle der Baupläne, der Pläne 
für Schuleinrichtungen etc. nothwendig sei. 

„Wenn wir uns nun den Factoren der zweiten Gruppe, den Einflüssen 
des eigentlichen Unter richte Wesens auf den kindlichen Organismus, zuwen¬ 
den, so ist zwar nach vielen Richtungen der Nachweis der Nothwendigkeit 
ärztlicher Mitwirkung nicht schwierig. Niemand kann heute mehr be¬ 
streiten , dass die strenge Durchführung der Schulpfliohtigkeit, ohne 
Individualisirung in den zur Schule herangezogenen jüngsten Alters¬ 
stufen, von früh an zu den ernsten Schädigungen der Gesundheit der 
fehlerhafter Weise unter das Gesetz gestellten Kinder führen kann. Auch 
dass Fehler in der Aenderung der Schulpläne, die Ueberzahl der Unter- 


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Die hygienische Beaufsichtigung der Schule durch den Schularzt. 39 

richtsstunden überhaupt x das. Aufeinanderdrängen vieler Sitzstunden, dass 
d&s Zusammendrängen von Unterrichtsstunden, welche eine exclusive gei¬ 
stige Anstrengung erheischen, dass endlich eine fehlerhafte Vertheilung oder 
geringe Ausdehnung der Erholungspausen für den kindlichen Organismus 
auf die Dauer nachtheilig werden können, wird kein verständiger Pädagoge 
heute leugnen. Dasselbe gilt für die Anwendung der häuslichen Arbeiten, 
dasselbe für einzelne zur eigentlichen Schuldisciplin gehörige Einrichtungen, 
für Schulstrafen etc. Und doch muss man zugestehen, dass auf keinem 
Theile des ganzen Gebietes ein Zugeständnis für ärztliches Eingreifen von 
Pädagogen und Behörden schwieriger zu erringen ist, pls hier, wo die Interna 
des Unterrichts in Frage kommen. Die Ursache für die$e Erscheinung liegt 
darin, dass einmal das Abgrenzen zwischen Erlaubtem oder sogar Erspriess- 
lichem und Nachtheiligem überaus schwierig ist, und die absolute natur¬ 
wissenschaftliche Sicherheit in dem Abwägen den Arzt verlässt, der in vielen 
hier einschlägigen Fragen noch keineswegs auf sicherem Boden steht, sodann 
aber auch, weil der Pädagoge durch Einschränkung seiner Vollmachten in 
Conflict gebracht wird mit der eigenen Ueberzeugung, dem Gefühl der 
Pflicht, durch möglichst vollkommene Entwickelung von Geist und Gemüth 
der ihm anvertrauten Kinder, die ihm heilige Berufs- und Culturmission zu 
erfüllen. Ich habe schon in meinem Handbuch der Schulhygiene ausdrück¬ 
lich hervorgehoben, „dass die Hygiene in den Fragen, welche sich auf den 
eigentlichen Unterricht beziehen, ihre Competenz gegenüber denjenigen 
Forderungen, welche seitens der Erziehung aufgestellt sind, und zur Durch¬ 
führung gebracht werden müssen*, wohl abzuwägen habe“,’ und ich freue 
mich, constatiren zu können, dass auch die preussische wissenschaftliche 
Deputation für das Medicinalwesen dieser Auffassung im Wesentlichen bei¬ 
getreten ist; auch sie befindet, dass „eine einigermaassen genügende Lösung 
der Einzelfragen (bezüglich der Dauer der Schul- upd Arbeitszeit) vom 
medicinischen Standpunkte allein schwerlich gefunden werden könne; dazu 
gehöre die Mitwirkung, und zwar die entscheidende Mitwirkung der Päda¬ 
gogen“. 

„Wenn dies nun aber offen und geradeaus zugestanden werden muss, 
so bleibt auf der anderen Seite ebenso sicher die Thatsache bestehen, dass 
die ärztliche Mitwirkung selbst bei den Internis des Unterrichts nicht mehr 
ausgeschlossen werden kann. Wenn in der That du^ch die oben angeführ¬ 
ten Momente beim Unterricht Schädlichkeiten eipgeführt werden können, 
welche sich in dem kindlichen Organismus abspiegeln, so bleibt kaum etwas 
Anderes übrig, als dass bei der Festsetzung der Bestandtheile des Unter¬ 
richts, also der Unterrichtspläne, die ärztliche Mitwirkung herbeigezogen 
wird, und dass weiterhin da, wo bisher eine genügende Erfahrung über das 
Maass des Nützlichen und den Beginn des Schädlichen noch nicht vorliegt, 
durch ärztliche Mitwirkung dieses Maass allmälig festgestellt wird. 

„Am energischsten spricht sich in jüngster Zeit Baumeister in 
dieser Frage aus. Es heisst bei ihm (s. diese Vierteljahrsschrift, Bd. XV, 
p. 448): Der öffentliche Unterricht, mit Ausnahme der Volksschule, ist bis 
jetzt ein allseitig verschlossenes, in unbeschränkter Gewalt der Fachleute, d. h. 
der Philologen, befindliches Gebiet. Während der Richter in den Schöffen 


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40 Elfte Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndpflg. zu Hannover. 

und Geschworenen, der Verwaltungsbeamte in den Bezirksräthen den aus¬ 
gleichenden und ergänzenden Gegensatz findet, während für viele andere 
wichtige Interessen das Laienelement zur Theilnahme an den Aufgaben des 
Staates berufen wird, ist der Gymnasiumsdirector einsam auf der Höhe seiner 
fachlichen Autorität geblieben. Kein Mensch, der sich einem speciellen Beruf 
mit seiner ganzen Arbeitskraft hingiebt, wird sich vor gewissen, aus der 
auferlegten Beschränkung erwachsenden Einseitigkeiten schützen können, 
am wenigsten der Lehrer, welchem in seinem amtlichen Wirken nur das 
nachgiebige oder zum Widerstand unberechtigte Material der Jugend gegen¬ 
übersteht. Ein treffliches Correctiv hiergegen wäre eine Schulcommission 
von Mitgliedern aus bürgerlichen und ärztlichen Kreisen. Der Wirkungs¬ 
kreis würde wesentlich umfassen: allgemeine Aufsicht über Unterricht, 
Schulzucht und Gesundheitspflege, Genehmigung für schwere Strafen, ins¬ 
besondere für den Ausschluss von Schülern, gutachtliche Mitwirkung bei 
Anstellung und disciplinärer Behandlung von Lehrern, Auswahl von Schul¬ 
requisiten, Anzeige wahrgenommener Missstände. Namentlich wäre der 
zuletzt genannte Punkt wichtig, indem die Schulcommission ein lebendiges 
Bindeglied sein würde zwischen der Schule einerseits, der Oeffentlichkeit 
und der Familie andererseits, welchen gegenwärtig eine solche Vermitte¬ 
lung gänzlich fehlt. Die Eltern scheuen sich bekanntlich und begreiflich, 
mit Klagen gegen einen Lehrer hervorzutreten, weil sie die Vergeltung 
fürchten, welche in unbeikömmlicher Weise von dem Angeschuldigten an 
ihren Kindern geübt werden kann. Oder es werden Denunciationen gemacht, 
am schlimmsten solche in der Presse, unter schwerer Schädigung der Schule, 
besonders der Lehrerautorität. Den Mitgliedern einer Schulcommission 
dagegen werden erfahrungsmässig Beschwerden wohl an vertraut, und kann 
dann für loyale Erledigung gesorgt werden. Die Betheiligung des Laien¬ 
elements wird daher sicherlich das gegenwärtig vielfach erschütterte Ver¬ 
trauen zur Leitung der Schule kräftigen, das Verständniss für die Zwecke 
und Bedürfnisse der Schule fördern, den isolirten Fachmann dem Volke 
wieder näher bringen. 

„Indem die vorstehenden Erörterungen meines Erachtens den Nutzen 
von Schulcommissionen einleuchtend darlegen, ist auf der anderen Seite die 
Besorgniss nicht unerwähnt zu lassen, dass es zwischen Fachmännern 
und Laien leicht zu Reibungen kommen könne, in welchen schliesslich 
der Laie unterliegt, somit vergeblich dasitzt. Allerdings pflegt gerade bei 
Schulmännern das Bewusstsein der Unfehlbarkeit stark ausgeprägt zu sein, 
und der Laie gegenüber dem Anspruch einer solchen „Autorität“ einen 
schweren Stand zu haben. Aehnliches ist aber in allen gemischten Com¬ 
missionen mehr oder weniger der Fall, und sollte von der besprochenen 
Einrichtung um so weniger abhalten, als sich dieselbe in beschränktem 
Umfang bereits bewährt hat. In bestimmten wirklichen Fachfragen pflegt der 
Laie sich willig unterzuordnen, in allgemein culturellen Fragen aber braucht 
er sich eben nicht als Laie anzusehen, sondern als Glied seiner Nation, 
welche denn doch, trotz des bekannten Rufes der Deutschen, glücklicher¬ 
weise noch nicht von lauter Schulmeistern regiert wird. Von diesem 
Moment werden wir nun noch zu einer weiteren Ausdehnung der Frage 
von der Mitwirkung der Laien im Schulwesen geleitet. 


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Die hygienische Beaufsichtigung der Schule durch den Schularzt. 41 

„Es giebt wohl kaum ein Gebiet des öffentlichen Lebens, welches einem 
so allgemeinen Interesse begegnet wie das Schulwesen. Keines greift so 
tief in das Privat- und Familienleben ein, keines ist andererseits so wichtig 
für das geistige Gedeihen des ganzen Volkes. Und doch ist von diesem 
Gebiet nur die Elementarschule Gegenstand gesetzgeberischer Mitwirkung 
der Volksvertretung, die Mittelschule aber bisher lediglich durch Behörden 
regiert. Auf Klagen und Wünsche, welche gelegentlich der Budgetberathung 
in allen Landtagen geäussert worden, ist der Tenor der höflichen Antwort 
nur zu oft ein ignoratis gewesen, während bei wichtigen, doch auch 
specielle Kenntnisse erfordernden Interessen der Volkswirtschaft, der 
Justiz u. 8. w. Laien zur Mitwirkung an der höchsten entscheidenden Stelle 
berufen sind und herzhaft mitstimmen. Ueber jeden Pfennig Steuern übt 
die Volksvertretung Controle, aber die weit kostbareren Güter, unsere 
Kinder, müssen ohne ein geregeltes Recht des Einflusses den „Fachmän¬ 
nern“ überlassen werden. Es hat wohl des übergrossen Respectes der 
Deutschen vor Schalen und Gelehrten bedurft, um ein so unnatürliches 
Verhältniss bis in unsere Tage aufrecht zu erhalten. Erst jetzt treten in 
Hessen und in Baden die ersten Merkmale einer Correctur hervor. Möge 
man sich nicht einschüchtern lassen durch die Behauptung, über die Frage 
der Bildung verständen nur Schulmänner zu entscheiden. Wir alle sind 
dazu mit berufen, sofern wir wenigstens nach höherer Bildung streben oder 
sie besitzen, und als Väter wollen wir die uns gebührende Verantwortung 
für Wege und Ziele der Jugendbildung nicht abwerfen. Auf die „Forde- 
derungen der Cultur“ berufen sich freilich heutzutage alle Parteien, auch 
diejenigen, welche der sittlichen und der intellectuellen Barbarei zutreiben, 
aber werden die Schulmänner, soweit es an ihnen liegt, einer solchen 
Zukunft nicht freudiger und wirksamer entgegenarbeiten, wenn sie den 
geistigen Halt an den Laien, an der Volksvertretung besitzen? Und 
schlimmsten Falles haben wir uns in unheilvolle Beschlüsse zu ergeben, 
beim Schulwesen so gut wie bei anderen öffentlichen Fragen, weil wir eben 
Glieder unseres Volkes sind.“ Soweit Baumeister. 

„Nach meiner Auffassung kann aber, wie die Sachen augenblicklich 
liegen, den Pädagogen eine gewisse Mitwirkung der Aerzte an dieser Stelle 
nur lieb sein, denn bei Erfüllung der Aufgabe wird dem Arzt das Studium 
der als echte Schulkrankheiten beschriebenen Krankheitsformen, die Unter¬ 
suchung ihrer Abhängigkeit von Schuleinflüssen obenan zufallen, und hier 
eröffnet sich nunmehr dasjenige Gebiet, in welchem verständige Pädagogen, 
eingedenk des alten „Mens sana in corpore sano“, die ärztliche Thätigkeit 
gewiss nur als Unterstützungsmittel für die eigene Berufsarbeit mit Freuden 
werden begrüssen können, wobei noch der Vortheil erwächst, dass die ein¬ 
gehende und sorgfältige Forschung im Stande Bein wird, die Schule und das 
Unterrichts wesen an vielen Stellen von Vorwürfen zu befreien, die denselben 
von gedankenlosen und nur nach dem post hoc ergo propter hoc urtheilenden 
Menschen ohne Weiteres gemacht werden. Was auch immer an Ueberbür- 
dungszeichen, Kopfschmerzen, Nasenbluten, Kurzsichtigkeit, an Verkrüm¬ 
mungen der Wirbelsäule und all den übrigen unter den Schulkrankheiten 
aufgeführten Krankheitsformen bei Kindern Vorkommen mag, so wird 


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42 Elfte, Versammlung d, D, Vereins f, öff. Gsndpflg. zu Hannover. 

immerhin erst die sorgfältige, von Aerzten geführte Enquete qnd eine um¬ 
fassende, durchaus wissenschaftliche Statistik das Maass der Verschuldung 
der Schulen an diesen Uehelp festzustellen habe?. 

„Nun, meine Herren, wenn ich auch überzeugt davon bin, dass es 
fehlerhaft ist, wenn Aerzte in Dingen zur Entscheidung herbeigezogen wer¬ 
den, die ausserhalb der Möglichkeit eines wissenschaftlich absolut sicher zu 
begründenden Urtheils liegen, und dies wäre bezüglich der Frage, was man 
Kindern in bestimmter Altersstufe an geistiger Arbeit zumuthen könne, der 
Fall, so muss ioh doch sagen, dass ich nicht einsehen kann, warum nicht 
Schulvorsteher und Aerzte in der Feststellung der Schulpläne etc. so sich 
theilen sollen, dass der Pädagoge vom Arzt den Rath einholt, ob nicht das 
Eine oder Andere in der Masse und Anordnung des Lernstoffes das geeignete 
Maass überschreite. Nur berathend soll ja der Arzt sein, und wenn unter 
gemeinsamer Berathung nach den allgemeinen Normativbestimmungen der 
Regierung für die einzelnen Schulen die Pläne entworfen sind, würde es ja 
immer bei den höheren Behörden stehen, die so festgestelRen Pläne einem, 
von Pädagogen und höher gestellten Aerzten zusammengesetzten Rathe zu 
einer nochmaligen Correction zu unterbreiten. Eine solche Einrichtung 
würde sicher dazu beitragen, ebensowohl die heissspornige Ueberstürzung 
von Pädagogen, wie diejenige von naturschwärmenden Aerzten im Zaume 
zu halten, würde endlich im Publicum wesentlich dazu beitragen, die Beun¬ 
ruhigung wegen Ueberbürdung zu beseitigen, 

„Indem ich mich der dritten Gruppe der oben erwähnten Schädlich- 
keitsfactoren zu\vende, kann ich mir an dieser Stelle wohl ersparen, den 
Nachweis zu führen, dass eine Benacbtheiligung der Gesundheit durch das 
Zusammensein vieler Personen auf einem Raume möglich ist, nnd dass diese 
Möglichkeit um so näher liegt, je mehr sich diese Personen in einer gewis¬ 
sen Prädisposition zu gewissen Erkrankungen überhaupt befinden. Diese 
Prädisposition ist aber für contagiqse Krankheiten bei Schulkindern, ins¬ 
besondere der jüngeren Altersstufen, in ausreichendem Maasse vorhanden. 
Sonach kann es keinem Zweifel unterliegen, dass eine ärztliche Controle 
unter solchen Verhältnissen direct geboten ist, und zwar um so mehr, je 
mehr sich her^usstellt, dass Uebertragungen zu einer Zeit stattfanden, wo 
die Krankheiten noch keineswegs vollkommen entwickelt sind, sondern sich 
noch in dem Stadium der ersten Entwickelung befinden; so ist es bekannt, 
dass die Verbreitung der Masern durch den Masernschnupfen statt hat, 
längst bevor ein eigentliches Masernexanthem zum Ausdruck gekommen 
ist; ähnlich ist das Verhältnis beim Keuchhusten, und wahrscheinlich auch 
hei der Diphtherie und dem Scharlach. Wer wird leugnen wollen, dass 
hier ein geschultes und geübtes ärztliches Auge Gelegenheit haben dürfte, 
Unheil zu verhüten, ünd doch gestehe ich offen, dass gerade an dieser Stelle, 
wo die eigentliche Domäne der ärztlichen Wirksamkeit in der Schule zu 
liegen scheint, letztere völlig illusorisch wird ohne die thätige und sach¬ 
verständige Mitwirkung der Lehrer. Bei dem Maass von Thätigkeit, wel¬ 
ches dem Arzte in der Schule überhaupt wird zugemessen werden können, 
ist es fast unmöglich, dass er auch nur zu einem kleinen Theile die Ueber- 
tragungsquelle verstopfen kann, weil er die Kinder ja nur für Minuten 


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Die hygienische Beaufsichtigung der Schule durch den Schularzt. 43 

sieht. Hier ist der Lehrer, welcher die Kinder stundenlang unter Augen 
hat, ihr Aussehen, ihr Naturell kennt, sonach auch etwaige Veränderungen in 
ihrem Wesen beobachtet, vielmehr im Stande, prophylactisch einzugreifen, 
als der Arzt. Der Arzt wird in vielen Fällen nur dazu beitragen können, 
dem Lehrer in den zu treffenden Maassnahmen zu Hülfe zu kommen und 
demselben etwa die richtige Direotive zu geben. 

„Gerade hier ist also eine gewisse Kenntniss nicht nur hygienischer 
Thatsachen, sondern auch derjenigen Erscheinungen am kindlichen Orga¬ 
nismus, welche in den Anfangsstadien infectiöser Krankheiten zu Tage 
treten, für den Lehrer sehr wünschenswerth. Neuerdings sind übrigens 
gerade über diese Dinge seitens des Herrn Ministers der geistlichen, Unter¬ 
richts- und Medicinalangelegenheiten und des Herrn Ministers des Innern in 
Preussen sehr wichtige Bestimmungen getroffen worden. In der betreffen¬ 
den Verordnung vom 14. Juli 1884 heisst es: 

1. Zu den Krankheiten, welche vermöge ihrer Ansteckungsfähigkeit be¬ 
sondere Vorschriften für die Schulen nöthig machen, gehören: 

a) Cholera, Ruhr, Masern, Rötheln, Scharlach, Diphtherie, Pocken, 
Flecktyphus und Rückfallfiebej:. 

b) Unterleibstyphus, contagiöse Augenentzündung, Krätze und 
Keuchhusten, der letztere sobald und so lange er krampfartig 
auftritt. 

2. Kinder, welche an einer in Nr. la und b genannten ansteckenden 
Krankheit leiden, sind vom Besuche der Schule auszuschliessen. 

3. Das Gleiche gilt von gesunden Kindern, wenn in dem Hausstande, 
welchem sie angehören, ein Fall der in Nr. la genannten Krank¬ 
heiten vorkomrat; es müsste denn ärztlich bescheinigt werden, dass 
das Schulkind durch ausreichende Absonderung vor der Gefahr dor 
Ansteckung geschützt ist. 

4. Kinder, welche gemäss 2 und 3 vom Schulbesuch ausgeschlossen 
sind, dürfen zu demselben erst dann wieder zugelassen werden, wenn 
entweder die Gefahr der Ansteckung nach ärztlicher Bescheinigung 
für beseitigt anzusehen, oder die für den Verlauf der Krankheit 
erfahrungsmässig als Regel geltende Zeit abgelaufen ist. 

5. Für die Beobachtung der unter Nr. 2 bis 4 gegebenen Vorschriften 
ist der Vorsteher der Schule (Director, Rector, Hauptlehrer, erster 
Lehrer, Vorsteherin etc.), bei einclassigen Schulen der Lehrer (Leh¬ 
rerin) verantwortlich. Von jeder Ausschliessung eines Kindes vom 
Schulbesuch wegen ansteckender Krankheit — Nr. 2 und 3 — ist 
der Ortspolizeibehörde sofort Anzeige zu machen. 

„Man sieht aus diesen Paragraphen, wie die höchsten Behörden zwar 
eine ärztliche Ueberwachung der Schulen durch den Arzt nicht annehmen, 
indess die ärztliche Function neben derjenigen der Schulvorstände ausdrück¬ 
lich zur Geltung bringen. Noch deutlicher tritt dies zu Tage in dem Para¬ 
graphen 9, welcher von der Schliessung der. Schule handelt. Wir kommen 
alsbald auf denselben zurück. 

„Die ärztliche Function ist übrigens auf diese Thätigkeit an dieser Stelle 
nicht beschränkt, vielmehr treten hier neue Aufgaben an den Arzt heran, 


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44 Elfte Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndpflg. zu Hannover. 

dahin gehend, die bisher überhaupt noch nicht aufgeklärten Fragen der Art 
und Weise der Uebertragung von Infectionskrankheiten in und durch die 
Schule zur Entscheidung zu bringen. Noch fehlt uns hier die positive 
wissenschaftliche Erkenntniss; insbesondere ist die Frage, in wie weit die 
Uebertragung durch gesunde Mittelspersonen Btatthaben kann, noch durchaus 
in der Discussion, und doch hängen von ihrer definitiven Entscheidung die 
legislatorischen Maassnahmen ab, die zu treffen sind, insbesondere bezüglich 
der Zulassung zur Schule von Kindern, in deren Familien Erkrankungen an 
acuten Infectionskrankheiten vorgekommen sind. Könnte es doch fast 
scheinen, wenn man die jüngsten Publicationen von Kerschensteiner 
über den Gegenstand verfolgt, als sei man in der Frage zu rigoros vor¬ 
gegangen. Wie man sieht, würde sich hier an die ärztliche Ueberwachungs- 
thätigkeit gleichzeitig ein Stück ärztlichen Forschens anknüpfen, und gerade 
ein solches Stück, bei welchem Lehrer und Arzt gemeinschaftlich thätig 
sein können. 

„Wie dem allem nun auch sei, so geht wohl aus der ganzen Summe 
von Ausführungen hervor, dass die ärztliche Mitwirkung zum Zweck der 
hygienischen Ueberwachung und die damit Hand in Hand gehende ätio¬ 
logische Forschung in der Schule nicht entbehrt werden kann. Ich habe 
mich nach diesen Erwägungen veranlasst gesehen den ersten Theil meiner 
Sätze aufzustellen. 

1. Trotz der vielfachen Verbesserungen, welche sowohl die äusseren 
Einrichtungen der Schulen, wie auch die Gestaltung des Unterrichts¬ 
systems erfahren haben, gehen noch Schädlichkeiten aus dem Schul¬ 
besuch hervor, welchen der kindliche Organismus unterworfen ist. 

2. Die Frage der Verbesserungen ist aus diesem Grunde keine rein 
technische, von Architekten und Pädagogen zu lösende, sondern in 
hervorragender Weise eine physiologische. 

3. Daher gebührt dem Arzte eine Stellung bei der Entscheidung der 
Verbesserungen, welche bezüglich der äusseren Einrichtungen der 
Schulen und des Unterrichtssystems einzuführen sind. 

„Ich wende mich nunmehr der zweiten, oben gestellten Frage zu: 
Wie kann die Thätigkeit des Schularztes gestaltet werden, um nicht die 
Culturaufgabe der Schule zu hemmen, sondern sie zu fordern? Zunächst 
ist hier die Frage zu beantworten, ob die ärztliche Ueberwachung der 
Schule eine continuirliche sein müsse, oder ob zeitweilige, in gewissen Zeit¬ 
räumen ausgeführte ärztliche Schulvisitationen dem in Aussicht genomme¬ 
nen Zwecke, der Beseitigung der Schädigung der Gesundheit der Schul¬ 
kinder durch die Schule, genügen. Schon die Thatsache, dass die der Schule 
' zugeschriebenen Uebel, mit Ausnahme der Infectionskrankheiten, chronische, 
langsam und stetig sich entwickelnde und fortschreitende sind, musste 
darauf hinführen, denselben durch ein ebenso stetiges und dauernd wirk¬ 
sames Mittel entgegenzutreten; hier kommt ein einfaches, in der ärztlichen 
Praxis ebenso wie in allen Lebens Verhältnissen geübtes Princip zur Geltung. 
Ich konnte sonach der Forderung zeitweiliger Schul Visitationen, wie Falk 
(dessen hohe Verdienste um die ganze Schulfrage übrigens durch die viel¬ 
fachen Bestrebungen und Arbeiten der letzten Jahre etwas in den Hinter- 


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Die hygienische Beaufsichtigung der Schule durch den Schularzt. 45 

grund gedrängt erscheinen, die aber hervorzuheben ich an dieser Stelle für 
meine besondere Pflicht halte) dieselben forderte, nicht beistimmen, sondern 
musste mich für eine continuirliche hygienische Ueberwachung der Schulen 
aussprechen. Was kann es bei der rapiden Zunahme der Kurzsichtigkeit 
der Schulkinder nützen, wenn halbjährige Visitationen den Fortschritt con- 
statiren und erst dann die demselben zu Grunde liegenden Uebelstände 
beseitigt werden, was bei den ebenso stetig auftretenden, aber je nach den 
Individuen wechselnden, anderweitigen Anomalieen, wie Kopfschmerzen, 
Nasenblutungen etc.; insbesondere leidet unter den vereinzelten Visitationen 
die Beaufsichtigung und Ueberwachung des einzelnen Schulkindes, und 
gerade bei der Schule hat jedes Individuum volle Berechtigung der Rück- 
sichtsnahme. Ueberdies ist, wie ich in meinem Buche betont habe, nicht 
ausgeschlossen, dass bei den vereinzelten Schulvisitationen der beaufsichti¬ 
genden Sanitätsbehörde Schädlichkeiten entgehen oder gar künstlich ver¬ 
borgen gehalten werden, welche nunmehr Zeit haben, ihren deletären Ein¬ 
fluss auf längere Dauer hin zur Geltung zu bringen. Wirklich nutzbringend 
und wirksam wird also nur die dauernde stetige Controle. 

„Wird dieses Princip einmal angenommen, so gliedert sich die Thätig- 
keit des Schularztes in folgender Weise. Man wird zu unterscheiden haben 
zwischen einer Art von Extraordinarium der Thätigkeit und einem Ordi- 
narium derselben. Zu ersterem rechne ich diejenigen Functionen, welche 
der Arzt nur ausnahmsweise, vielleicht überhaupt nur ein einziges Mal in 
Beinern Wirkungskreise zu erfüllen hat; hierher gehört also die sanitäre 
Beurtheilung eines Baugrundes für eine neu zu erbauende Schule, der Bau¬ 
pläne und der Ausstattungseinrichtungen, hierher würde ferner gehören die 
ärztliche Untersuchung und Beurtheilung besonderer und ausnahmsweis zu 
Tage getretener Schädlichkeiten in einem schon längere Zeit hindurch in 
Gebrauch stehenden Schulgebäude, die Nachforschung nach den Ursachen 
einer plötzlich hereingebrochenen Epidemie u. s. f. In dem Ordinarium der 
Thätigkeit lassen 'sich weiterhin zwei Gruppen von Functionen unter¬ 
scheiden , die erstere diejenige Thätigkeit umfassend, welche nur nach 
gewissen längeren Zeiträumen für den Arzt wiederkehrt, die letztere die¬ 
jenige, in deren Ausübung er alltäglich betheiligt ist. ^ Zur ersteren gehört 
die ärztliche Controle der von dem Schulvorstande aufgestellten Schulpläne, 
die Beihülfe bei der Aufnahme neuer Schulkinder, die Feststellung des 
Gesundheitszustandes derselben, mit besonderer Berücksichtigung der 
Leistungsfähigkeit der Augen und Ohren, ferner die Hand in Hand damit 
gehende Anpassung der Schulbänke u. s. w.; zu der letzteren endlich würde 
der alltäglich sich wiederholende Besuch der Schulclassen während des 
Unterrichtes, mi^Ausübung aller damit in Verbindung stehenden Leistungen, 
der Ueberwachung sowohl des hygienischen Zustandes der Schule im Gan¬ 
zen, wie des Gesundheitszustandes deB Schülers im Einzelnen, soweit dieB 
überhaupt möglich ist, gehören. 

„Bei allen diesen Functionen wird indess, und dies kann nicht häufig 
genug betont werden, die volle Rücksicht auf die Lehrer und auf 
die Endzwecke der Schule als Lehr- und Unterrichtsanstalt, 
statthaben müssen. Der Arzt wird nie vergessen dürfen, dass die Schule 
noch andere als rein gesundheitliche Zwecke zu verfolgen hat, und in dem 


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46 Elfte Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndpflg. zu Hannover. 

steten Eingedenken der Culturaufgabe des Unterrichtes wird er in sich 
schon das Maass und die Grenze finden für seine immerhin bedeutende 
und weit umfassende Thätigkeit. 

„Ueberdies liegt es in der Natur der Sache und in der Art der soeben 
skizzirten Functionen, dass eine souveräne, ganz selbständige 
Thätigkeit des Arztes in der Schule überhaupt ausge¬ 
schlossen ist. Der Arzt wird in der Schule zumeist nur als berathender, 
äusserst selten, und zwar nur wenn pericülum in mora ist, als selbständig 
beschliessender Factor zur Geltung kommen können, wenngleich seine 
berathende Stimme zumeist als eine gewichtige wird betrachtet werden 
müssen, ln diesem Sinne kann der Schularzt also nur gedacht werden als 
ein Mitglied einer Commission, welche jeder Schule vorgesetzt ist. Dieser 
Einrichtung hat aber das oben erwähnte Rescript der preussischen Mini¬ 
sterien Rechnung getragen. Die Paragraphen, welche von der eventuellen 
Schliessung der Schulen handeln (§. 7, 8, 9), sprechen vom Schulvorstande 
(Curatorium), der Ortspolizeibehörde, dein Landrathe (Amtshauptmann) und 
Kreisphysicus, welche bei der NothWendigkeit des Schulschlusses gemein¬ 
sam zu handeln haben, jene erstgenannten beiden, indem sie Anzeige 
machen, die letztgenannten, indem sie gemeinsame Entscheidung treffen. 

„Es ist nun leicht zu übersehen, wie mit Zugrundelegung dieser Art 
von Behörde die Organisation einer sanitären Controle der Schulen zu 
ermöglichen ist. Sehr einfach gestaltet sich die Organisation für kleinere 
Städte oder Dörfer, wo nur je eine Schule vorhanden ist; hier wird ein 
Arzt einer gewissen Anzahl von Commissionen angehören können. In 
grösseren und insbesondere in ganz grossen Städten werden die bisherigen 
DiBtrictsschulcommissionen ohne Weiteres bestehen bleiben können mit ein¬ 
facher Hinzuziehung von Aerzten; so würde es speciell für die Berliner 
Commune ein Leichtes sein, unter Bestehenlassen der bisherigen Eintheilung 
in Schulinspectionen und diesen untergeordneten Schulcommissionen, die 
eigentlichen Sanitätsfunctionäre den Inspectionen einzufügen. Nach oben 
hin würde sich die Schulbehörde, ganz wie bisher, den früheren Organen 
einzureihen haben. 

„Eine derartige Einrichtung von Schulcommissionen würde von vorn¬ 
herein heis88pornige Uebergriffe von Schulärzten unmöglich machen, sie 
würde aber auch übertriebenen Anforderungen von Pädagogen Zügel an- 
legen. Speciell aber würde sie übereilten Anforderungen an den Säckel 
der Communen Vorbeugen, ebenso wie sie allzu selbständige Handlungen 
des Arztes, wie sie unter Anderem bezüglich der Schliessung von hygienisch 
nicht ganz normalen Schulen von Cohn vorgeschlagen wurden, durchaus 
verhindern würde. • 

„Ich kann demnach die aufgestellten Grundsätze in den Sätzen 4, 5 
und 6 zusammenfassen. 

4. Jede der Schule Vorgesetzte Schulcommission soll gehalten sein, 
einen sachverständigen Arzt als Mitglied zu haben. 

5. Die Thätigkeit jeder Schulcommission im Ganzen, und diejenige des 
Arztes im Speciellen, soll eine continuirliche sein. Periodische 
Revisionen erfüllen den anzustrebenden Zweck nicht. 


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Die hygienische Beaufsichtigung der Schule durch den Schularzt 47 

6. Keinem Mitgliede der Schnlcommis&ion kann das Recht absoluter, 
selbständiger und entscheidender Thätigkeit, soweit dieselbe Aende- 
rungen in der Gestaltung der Schule und des Unterrichtes bedingt, 
zugestanden werden; — auch dem Arzte nicht 

„Bei der Beantwortung der dritten Frage, welche sich auf die Durch¬ 
führbarkeit der schulärztlichen Ueberwachung bezieht, hat man zunächst ins 
Auge zu fassen, wie viel Kinder dem einzelnen Arzte und eventuell der 
einzelnen Schulcommission überwiesen werden dürfen, und weiterhin, was 
damit in Zusammenhang steht, wie oft die ärztlichen Besuche in den ein¬ 
zelnen Schulen stattzufinden haben. Ich habe in meinem Buche den Wunsch 
ausgesprochen, dass dem einzelnen Arzte nicht mehr alß circa 1000 bis 
1200 Schüler in grossen und 500 bis 600 Schüler in kleinen Städten an¬ 
vertraut Werden sollen. Nach reiflicher Ueberlegung erscheint es mir 
unmöglich, die Fikirung dieser Zahlen festzuhalten, insbesondere ist die 
Zahl für so grosse Städte wie Berlin zu niedrig gegriffen. Damit soll natür¬ 
lich nicht gesagt sein, dass es nicht wünfcchens werth sei, dem einzelnen 
Arzte je eine möglichst kleine Anzahl von Kindern AnzuVertraüen; sicher 
wird die ärztliche Controle in dem Mäasse, wie dies geschieht, besser ; aber 
es wird sehr wesentlich nach den localen Verhältniseren variiren. Dieselbe 
kann grösser sein, wo die Grösse der Schulen die Beaufsichtigung räumlich 
erleichtert, während kleine weit aüB einander liegende Schulen, wie solche 
auf Dörfern sind, die Beaufsichtigung erschweren und eo ipso Zeitraubender 
machen. Ueberdies darf hier mit den Anforderungen thatsächlich nicht zu 
weit gegriffen werden, weil damit die ganze Angelegenheit in Frage gestellt 
werden kann; denn einmal ist bei der Anforderung, die oben gestellt ist, 
die entsprechende Anzahl von Sanitätsbeamten resp. Schulärzten überhaupt 
nicht zu haben und die Kosten übersteigen überdies meistens die Kräfte 
der ohnedies unter der Schullast seufzenden Communen. Für Berlin dürf¬ 
ten z. B. unter der Annahme von 18 Schulinspectionen je 2 Aerzte für jede 
Inspection genügen müssen, so dass im Ganzen 36 Aerzte die Ueberwachung 
der Schulen führten. Denselben würden allerdings circa 150 000 Schul¬ 
kinder in 285 Schulen mit circa 3200 Schulclassen Zufällen. Da aber hier¬ 
bei also circa 90 Classen auf den einzelnen Arzt kommen, so würde der¬ 
selbe, wenn er allmonatlich je einmal in jeder der Classen anwesend 
gewesen sein soll, täglich drei Classen zu besuchen haben, was allerdings 
nicht als zuviel erscheint und noch als eine ausreichende Controle angesehen 
werden dürfte, wenn dieselbe, wie voraüsgeBitzt, geeignet gehandhabt wird. 
Allerdings kommen hinzu üoch die früher erwähnten, eventuell ausser¬ 
ordentlichen und die periodisch wiederkehrenden ordentlichen Arbeiten des 
Schularztes. Bei alledem lässt sich überblicken, dass auch der Kostenpunkt 
die Kräfte der Commune Berlin nicht übermässig in Anspruch nehmen 
würde, namentlich dann nicht, wenn, was sehr gut anginge, diejenigen 
Aerzte, welche bisher schon als Armenärzte der Commune fungiren, mit 
sanitärer Ueberwachung der Schulen betraut würden und mutatis mutandis 
würde das Gleiche für andere Communen Platz greifen. 

„Die Herren Collegen, welche aber eventuell die Schulüberwachung 
Übernehmen würden, würden allerdings gehalten sein müssen, den Nach¬ 
weis zu führen, dass sie sich mit schulhygienischen Fragen beschäftigt 


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48 Elfte Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndpflg. zu Hannover. 

haben. Jeder praktische Arzt kann dies nicht, und in diesem Sinne habe 
ich also in Satz 7 ausgesprochen: 

7. Jeder praktische Arzt kann Mitglied der Schulcommission werden, 
sofern er durch ein Examen seine Befähigung erweisen kann. Das 
Bestehen des Physicatsexamens giebt diese Befähigung. 

„Es würde aber eigentlich nichts Anderes nöthig sein, als dass bei der 
Staatsprüfung, bei welcher ja jetzt auch im Schlussexamen die Hygiene 
geprüft wird, die schulhygienischen Fragen etwas schärfer vorgenommen 
werden als bisher. Im Uebrigen aber ist gar nichts dagegen zu sagen, dass 
der Kreisphysicus, der als Behörde functionirende Arzt, wo es irgend an¬ 
geht, diese Stellung übernimmt. 

„Dies, meine Herren, ist dasjenige, was ich zu erörtern hatte. Ich bin 
am Schlüsse meiner Ausführungen, möchte aber doch nicht schliessen, ohne 
noch einige allgemeine Worte hinzuzufügen. 

„Meine Herren! wenn wir nach dem Auslande reisen und die anderen 
Nationen kennen lernen, so bekommen wir einen sonderbaren Eindruck 
von der körperlichen Entwickelung unserer Nation. Wenn man sieht, wie 
andere Nationen in Bezug auf Abhärtung, in Bezug auf Körperübungen 
alles Dasjenige leisten, was wir thatsächlich nicht leisten (Widerspruch), 
oder wenigstens sehr Vieles, meine Herren, wenn man dies sieht, dann muss 
man darauf aufmerksam werden, dass sehr Vieles bei uns mit Bezug auf 
körperliche Entwickelung gebessert werden muss. Wenn Jemand Sympathie 
hat für die Schule, so sind es ganz bestimmt die Aerzte. Wir sind die¬ 
jenigen, welche zuletzt die wirklich gedeihliche Fortentwickelung unserer 
Jugend hemmen würden. Aber unsere Aufgabe ist es, auf der anderen 
Seite aufzupassen, dass unter der geistigen Entwickelung die körperliche 
thatsächlich nicht unterliegt. Unser Turnunterricht genügt nicht. Vieles, 
was wir bei den Engländern gewissermaassen lächerlich finden, ihren Sport, 
die Öffentlichen Spiele von Jung und Alt, das energische Bergsteigen, das 
Schwimmen, Rudern, Fischen und Angeln fehlt uns in Deutschland that¬ 
sächlich (Widerspruch), und würden wir nicht bei uns die ausgezeichnete 
militärische Ausbildung haben, würden wir nicht das Glück gemessen, dass 
unsere Jugend im zwanzigsten Lebensjahre, sogar mit einiger Strenge und 
Rücksichtslosigkeit hergenommen wird zur körperlichen Entwickelung, so 
dass nicht in jedem Augenblicke gefragt wird: ob der junge Mann das 
Eine oder das Andere leisten kann oder nicht, sondern dass ein gewisser 
Zwang über seine körperliche Entwickelung geübt wird; wenn wir dieses 
grosse Glück nicht gemessen würden, dann, meine Herren, würden wir in 
Deutschland rückwärts gehen in der körperlichen Entwickelung der Jugend. 
Nun, meine Herren, ein grosser Procentsatz unserer Bevölkerung geniesst 
dies Glück nicht, zunächst gemessen es unsere Frauen nicht, und aus 
diesem Grunde halte ich es für meine Pflicht, darauf den Ton zu legen, 
dass die Herren Pädagogen Hand in Hand mit uns Aerzten gehen mögen, 
diejenigen Dinge, welche sie vielleicht doch nicht so beurtheilen können, 
wie wir, diejenigen Dinge, welche dazu beitragen können, einen wirklich 
ausgezeichneten Volksstamm normal zu erhalten, geistig und körperlich, 
gemeinsam mit uns zu bearbeiten/ 


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Die hygienische Beaufsichtigung der Schule durch den Schularzt. 49 

Correferent: St&dtschulr&th Profe8SOr Br. Bertram (Berlin): 

„Geehrte Herren! Mit einigem Zagen bin ich der Aufforderung des 
Ausschusses Ihres geehrten Vereins gefolgt, in der Frage über die Schul¬ 
ärzte hier das Correferat zu übernehmen. Mein Amt führt mich ja von 
selbst dahin und meine Sympathie noch mehr, yon den Bestrebungen Ihres 
Vereins möglichst Früchte zu ziehen; aber es ist mir bisher nicht vergönnt 
gewesen, als Mitglied an seinen Arbeiten theilzunehmen, nnd nun kann ich 
mir nicht verhehlen, dass ich in dieser Frage, wo ich unter Ihnen zum 
ersten Male das Wort nehmen soll, mich vielleicht mit der grossen Mehr¬ 
zahl der geehrten Herren im Gegensätze befinde. Indess ich habe mir 
gesagt: es würde unrecht sein, Wenn eine Frage gestellt wird, sie nicht 
offen und ehrlich so zu beantworten, wie ich es im Interesse der Sache für 
dienlich halte, und ich werde auch von der Hoffnung geleitet, dass wir 
gemeinsam den Weg finden werden, um zu dem grossen Ziele zu gelangen, 
in dem wir alle einig sind: Erziehung der Jugend zu einem kräftigen 
und charaktervollen Geschlecht. 

„Einigermaassen ist mir die Aufgabe durch den Vortrag des Herrn 
Prof. Flügge erleichtert. Er hat den wesentlichen Grund meiner De- 
ductionen bereits ausgesprochen. Er nannte wenigstens einen Theil der 
Lehrsätze der Hygiene hypothetisch, und wenn Herr Prof. Flügge das 
vielleicht auch hauptsächlich auf die mikrobiologischen Untersuchungen 
bezogen hat, so werden Sie es uns Pädagogen nicht verdenken, dass wir 
ähnliche Zweifel auch auf andere Fragen "ausdehnen, und wir werden ja 
darin auch durch das von dem Herrn Referenten bereits genannte Gut¬ 
achten der wissenschaftlichen Deputation für das Medicinalwesen in Preussen 
bestärkt, welches ja an verschiedenen Stellen ausspricht, dass für fast alle 
diese Fragen der Schulhygiene noch die wissenschaftlichen Grundlagen 
fehlen. Wenn Sie ferner den Abriss der Schulhygiene überblicken, welchen 
Prof. Erismann in dem Werke von Pettenkofer und Ziemssen über 
Hygiene geliefert hat, so werden Sie sehen, dass fast an jeder Stelle, bei 
jeder bedeutenden Frage der Schluss dahin lautet: Im Allgemeinen ist die 
Frage noch zweifelhaft. 

„Wenn Sie die Fj*age von den Schulkrankheiten durchgehen, so ist die 
erste Frage die: wird das Kind, wenn es in die Schule eintritt, durch die 
Anstrengungen, die Disciplin der Schule in seinem körperlichen Befinden 
zurückgedrückt oder wird es gehoben? Die Frage ist unentschieden, und 
wenn wir da aus eigener Beobachtung reden sollten und uns — diese 
Unterscheidung muss man ja immer machen — zunächst zur Volksschule 
wenden, so glauben wir da zu beobachten, und wir können die Herren 
Aerzte nur bitten, die Beobachtungen mit uns auch anzustellen, dass gerade 
ein Fortschritt in der körperlichen Entwickelung, ein besseres leibliches 
Befinden eintritt, j& höher man mit den Classen hinaufgeht. Ich habe 
Gelegenheit gehabt, mit einem früheren Unterstaatssecretär im Unterrichts¬ 
ministerium gerade solche Schulen zu beobachten, und ihm selbst stiess das 
auf, wie in den untersten Gassen am meisten der Druck bemerkbar ist, den 
die Enge, die Dürftigkeit der häuslichen Verhältnisse auf die Entwickelung 
der Kinder ausgeübt hat, wie aber, je mehr diese Kinder in das für sie 

ViertlcjAlirMchrift für Gesundheitspflege, 1886 . 4 


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50 Elfte Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndpflg. zu Hannover. 

geeignete öffentliche Leben der Schule eintreten, desto mehr die Entwicke¬ 
lung gesunder, normaler wird, und das kann ja nicht Wunder nehmen, 
wenn man sieht, wie in unseren jetzigen Scbulhäusern die Kinder während 
der Schulstunden in gesunderer Luft sind, als in ihrer Wohnung, in besserer 
Haltung, in normalerer Bewegung, in besserer Thätigkeit, als zu Hause. 

„Also über diese Frage ist man noch zweifelhaft, und nun nehmen Sie 
die so vielfältig besprochene Frage von der Schulskoliose. Auch hier kann 
man noch nicht mit Bestimmtheit sagen, dass gerade die Schule diese Krank¬ 
heit befördert habe, und wenn Sie noch andere Fragen nehmen,— ja, meine 
Herren, der Herr Referent hat die Beleuchtung, die richtige Anbringung 
der Fenster erwähnt; Sie können für fast jede Weltgegend, nach der die 
Fenster hinausliegen sollen, eine ärztliche* Autorität finden. 

„Nun, meine Herren, ich möchte diese Zweifel hier jetzt nicht weiter ver¬ 
folgen, wir werden vielleicht im Laufe der Discussion noch auf einzelne zurück¬ 
kommen, aber wenn das der Zustand der jungen Wissenschaft der Hygiene 
ist, wenn er es ist trotz der hohen Verdienste, die eine Reihe von Forschern 
sich um sie erworben haben, so, glaube ich, ist es noch nicht an der Zeit, mit 
neuen organischen Einrichtungen störend in die Verhältnisse der Schulleitung 
einzugreifen, es ist noch nicht an der Zeit, mit neuen Anforderungen die 
Lasten der Gemeinden in Bezug auf die Schuleinrichtungen zu vermehren. 

„Machen wir uns doch darüber keine Illusionen, meine Herren; dass 
es Schulübel giebt, geben wir Alle zu, und das beklagen wir und suchen es 
zu bessern; aber dass die Schule an sich eine ausgezeichnete hygienische 
Einrichtung ist, das werden Sie Alle nicht bezweifeln, und soweit sind wir 
noch nicht einmal, dass wir allen den Schulpflichtigen an allen Orten die 
gehörigen Schulen nur können zukommen lassen. Es ist noch gar nicht 
lange her, dass der Lehrermangel überwunden ist, und mit dem Aufbau der 
Schulhäuser, mit der Creirung der Schullehrerstellen, mit der Beseitigung 
der Ueberfüllung der Classen sind wir noch lange nicht fertig. Wenn Sie 
nun die Gemeinden, die bei Erfüllung ihrer Pflichten in Bezug auf die 
Schulen mit den allergrössten Schwierigkeiten zu kämpfen haben, jetzt 
noch in neue Schwierigkeiten dadurch versetzen, dass sie in das ganze 
Getriebe der verschiedenartigsten Interessen, welche bei dem Ankäufe des 
Schulgrundstückes, bei der Herstellung des Baues, bei der Einrichtung der 
Classen zu überwinden sind, neue Instanzen hineinbringen, so werden wir 
von dem Ziele, zunächst nur für die Schulpflicht einigermaassen zu sorgen, 
noch weit zurückgeworfen. 

„Aber, meine Herren, Sie dürfen nicht glauben, dass die Pädagogen 
sich ablehnend gegen die Anforderungen der Hygiene verhalten; Sie dürfen 
nicht glauben, dass sie sich nicht überzeugen lassen von dem, was besser 
zu machen ist, und Sie dürfen nicht glauben, dass die Bestrebungen der 
Hygieniker nicht schon ihre grosse Wirkung gethan haben. Sie können die 
einzelnen Fragen, selbst wenn sie noch nicht völlig erledigt sind, hierauf 
prüfen. Nehmen Sie die so viel ventilirte Frage der Subsellien. Da können 
wir ja nicht sagen, dass die Untersuchungen über die Mechanik des Sitzens, 
in welchen der Züricher Anatom Meier bahnbrechend gewesen ist, zu Ende 
geführt seien. Ich wage nicht, hier in anatomische Erörterungen einzutre¬ 
ten, aber bei Betrachtung der Mechanik des Sitzens muss ich sagen, ioh 


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Die hygienische Beaufsichtigung der Schule durch den Schularzt. 51 

bin nicht davon überzeugt, dass einzig und allein die hintere Sitzlage die 
vortheilhafte sei, dass es nicht auch möglich sei, eine vordere Sitzlage her¬ 
zustellen, die den hygienischen Ansprüchen genügt, oder vielmehr, dass es 
nicht möglich sei, die Subsellien so zu construiren, dass vor Allem der dem 
menschlichen Organismus so nöthige Wechsel in verschiedene Haltungen 
hervortreten kann. Ich halte diese Frage also für unentschieden, und doch, 
vergleichen Sie die Subsellien heutzutage mit denen vor 20, vor 30 Jahren! 
Da ist überall ein enormer Fortschritt! Auch wenn die jetzt für eigentlich 
normal erklärten Subscllien sich nicht überall finden, so ist immer die neue 
Construction eine bessere, sie liefert mehr Raum, bessere Gelegenheit zum 
geraden Sitzen, zur Bewegung, als die alten. Die wissenschaftliche Bewegung 
hat also gewirkt, nur auf eine bestimmte Formel war sie noch nicht zu 
bringen, und so wird es uns in sehr vielen Fragen gehen. 

„Nehmen Sie weiter diö Untersuchungen über die Kurzsichtigkeit. 
Ja, meine Herren, sie sind vielleicht diejenigen, die am weitesten geführt 
sind und die auch das preussische Gutachten am meisten anerkannt hat, 
aber fertig sind sie auch nooh nicht. Wir sehen und erkennen an, dass 
sich im Allgemeinen unter den Schülern der höheren Lehranstalten mehr 
Kurzsichtige finden als in den Volksschulen, und auch mehr unter den 
jungen Leuten, die in der freien Natur aufwachsen; wir sehen das An¬ 
wachsen der Kurzsichtigkeit in den höheren Classen, aber es wird schon 
bemerkt, dass in der obersten Classe vielleicht ein Stillstand im Anwachsen 
eintritt, und es ist sehr fraglich, ob dieser Einfluss der Beschäftigung mit 
Lesen und Schreiben überhaupt durch die beste Schuleinrichtung wird 
beseitigt werden können, ob er nicht immer da gewesen ist und immer 
bleiben wird. Es liegt auf der Hand, dass die Beschäftigung mit den 
Wissenschaften auf die Entwickelung des Auges einen ganz anderen Ein¬ 
fluss ausüben muss, als die Beschäftigung des Jägers oder des Hirten, und 
da ist noch nicht nachzuweisen, dass wir durch die vollkommenste Schul¬ 
einrichtung diesen Einfluss beseitigen können, und dennoch, der Impuls, 
der durch die wissenschaftlichen Untersuchungen gegeben ist, hat weithin 
gewirkt und wird weiter wirken. Betrachten Sie die Art der Beleuchtung 
jetzt und vor 20, vor 30 Jahren, die Construction der Fenster! Immer 
mehr brechen sich die Gruppenfenster Bahn, so dass fast die ganze eine 
Seite der Classe durch eine Glasfläche eingenommen ist; immer heller, 
immer höher, immer luftiger werden die Räume. Das ist die Folge der 
wissenschaftlichen Untersuchungen, und wenn wir die Resultate noch nicht 
auf bestimmte Formeln bringen können — und die aufgestellten Formeln 
widersprechen sich ja in der mannigfachsten Weise —, so werden wir, da 
wir nicht auf den Schluss der wissenschaftlichen Untersuchungen warten 
können, die Schulen so gut einrichten, wie es nach der gegenwärtigen 
Erkenntniss und nach den Verhältnissen möglich ist. 

„Und nun, meine Herren, ich bin bei der Begründung meiner ersten 
Thesen ich glaube an diesen beiden Beispielen gezeigt zu haben, dass das 
kräftigste Mittel zur Förderung der Schulhygiene diese wissenschaftlichen 
Untersuchungen sind. Sie wirken — dafür sind wir wenigstens in Deutsch¬ 
land das intelligente Volk —, auch wenn sie nachher nicht in amtlichen 
Vorschriften ausgeprägt sind, sie werden weiter wirken auch auf andere 

4* 


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52 Elfte Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndpflg. zu Hannover. 

Fragen der Schulhygiene. Wir sind ausserordentlich begierig auf die 
Beantwortung solcher Fragen. Da tritt z. B. eine Frage auf: Welches ist 
das richtige Lebensalter für den Anfang des Schulunterrichtes und wie ist 
der Schulunterricht in den ersten Schuljahren zu leiten, um der Entwicke¬ 
lung des Skeletts, der Sinnesorgane möglichst wenig Hindernisse in den 
Weg zu legen? Da treten solche Fragen auf wie: Ist es richtig, in Bezug 
auf die allgemeine Schulpflicht so zu verfahren, wie es in England geschieht, 
dass das Ende der Schulpflicht nicht von einem zurückgelegten Lebensalter 
abhängig ist, sondern von dem Besitze gewisser erworbener Kenntnisse und 
Fertigkeiten? Ja, meine Herren, das ist eine weitgreifende Frage, und die 
Folge des jetzigen Zustandes in England, wo das Kind erst nach bestande¬ 
ner Prüfung von der Schulpflicht entbunden wird, ist die, dass das Kind 
übermässig früh, mit drei, vier Jahren, in die Schule geschickt wird, damit 
es nur möglichst bald dies Minimum von Kenntnissen erwerbe und dann 
für den eigentlichen Erwerb zur Disposition stehe. 

„So giebt es für die höheren Schulen Fragen, welche die Pädagogen 
lebhaft beschäftigen, für die ein Anhalt gewiss aus physiologischen Unter¬ 
suchungen zu entnehmen sein wird, wenn sie zu Ende geführt sind, z. B. 
die Frage: Wie stellt sich die Arbeit des Gehirns bei der Erlernung einer 
fremden Sprache? Ist es richtig, diese Arbeit in so jungem Lebensalter, 
wie es jetzt geschieht, mit dem neunten Jahre, mit voller Consequenz aus- 
führen zu lassen, oder liegt nicht vielleicht gerade an der Stelle der Mangel 
der Entwickelung, der nachher zu der Erscheinung führt, die jetzt mit 
Ueberbürdung bezeichnet wird? 

„Meine Herren, ich wollte an diesen Beispielen darthun, dass es nicht 
ein leerer Schall sein soll, wenn ich in der These sage: Die Schulhygiene 
wird am wirksamsten gefördert durch wissenschaftliche Erörterungen, welche 
von Aerzten ausgehen, die über Schuleinrichtungen umfassende Beobach¬ 
tungen anstellen, und ich darf hinzufügen: das ist auch der Standpunkt 
des preussischen Gutachtens. Auch das sagt an seinem Schlüsse: „Wir 
möchten daher meinen, dass es an der Zeit sei, endlich einmal einen prak¬ 
tischen Anfang zu machen, und wenn nicht sofort im ganzen Staate, so 
doch an einzelnen besonders geeigneten Orten, die Hauptfragen durch 
Aerzte in Angriff nehmen zu lassen. Um ein Beispiel zu nennen, bietet 
Berlin für alle Arten von höheren Schulen ein so reiches Feld, dass recht 
wohl ein voll durchgeführter Versuch gemacht werden könnte, durch die 
ärztlichen Organe die nöthigen Untersuchungen vornehmen zu lassen. Auf 
diese Weise würde nicht bloss ein sofort zu verwertendes Material gewon¬ 
nen werden, sondern die königliche Staatsregierung würde sich auch über¬ 
zeugen können, ob in der That die Mitwirkung der Aerzte einen erheblichen 
Nutzen gewährt.“ 

„Nun, meine Herren, die Consequenz der ersten These ist die zweite. 
Wenn es in Bezug auf die Reformen der Schule, die einen physiologischen 
Bezug haben, die anatomischen Untersuchungen erfordern, Fragen giebt, 
über die wir alle einig sind, ja dann sehnen wir uns nach den Autoritäten, 
die auf solche Fragen je nach dem gegenwärtigen Standpunkte der Wissen¬ 
schaft Antwort geben können, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, den 
Stand des gegenwärtigen Wissens und Forscbens in dieser Beziehung ken- 


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Die hygienische Beaufsichtigung der Schule durch den Schularzt. 53 

nen zu lernen, die dann mit ihrer eingehenden Kenntniss das Urtheil ab¬ 
geben können, wie es zur Zeit das mögliche ist. Darauf ist stets hinzuwirken, 
dass diese Männer an bestimmten Stellen vorhanden sind, und die Pro¬ 
fessoren der Hygiene werden wohl die Männer sein, die hier zunächst in 
Aussicht zu nehmen sind. Wenn diese da sind, dann wird sich das ganz 
von selbst ergeben, dass ihr Rath in allen diesen Fragen eine wichtige 
Rolle spielt, nur ist es nicht erforderlich, dass es Überall in allen Städten, 
in allen Orten dergleichen Männer gebe, denn so kommen ja unsere Schal¬ 
einrichtungen, so kommen unsere Lehrpläne gar nicht zu Stande, dass sie 
singulär an einzelnen Stellen gemacht würden. Da giebt es vom Staate 
geordnete Centren und im Allgemeinen ist ja die Schulleitung so centrali- 
sirt, dass in Bezug auf innere Einrichtungen das Ministerium das Centrum 
ist. Von da aus werden die Einrichtungen vorgeschrieben, und wenn sie 
specialisirt werden, so werden sie zunächst bei den Provinzialbehörden 
specialisirt. Also das sind die Stellen, wo der ärztliche Rath einzuholen ist. 

„Nun aber drittens: Der Herr Referent hat auch hervorgehoben, es 
kommt nicht allein auf die Einrichtungen, es kommt darauf an, ob der 
Betrieb normal ist, und da ist die Frage die: soll man das Vertrauen haben, 
dass die Lehrer, dass die eigentlichen Schulaufsichtsbehörden diesen Betrieb 
richtig leiten, oder ist dazu noch eine besondere ärztliche Aufsicht erforder¬ 
lich? Auch hier sind zwei Fragen zu trennen: die Frage von den höheren 
Lehranstalten und die Frage von den Volksschulen. In dem einen Punkte 
kann ich dem Gutachten der Deputation nicht zustimmen, dass es für den 
Arzt, der von Zeit zu Zeit die Classe besucht, möglich sei, auch darüber 
ein Urtheil abzugeben, ob je nach der Entwickelung dem einzelnen Knaben 
mehr individuelle Freiheit gewährt werden müsse, ob dieser oder jener 
Knabe von einigen Arbeiten, von einigen Stunden zu befreien sei. Ja, 
meine Herren, wenn diese Individualisirung das Heil sein soll — und es ist 
möglich, dass wir zu sehr generalisirt haben —, dann muss von Seiten der 
Unterrichtsbehörde den Leitern der Schulen die Ermächtigung zu solcher 
Individualisirung gegeben werden, da müssen die Prüfungsreglements ge¬ 
ändert werden. Das sind Fragen, die der Erörterung werth sind. Aber 
die Beobachtung der einzelnen Individuen ist Sache der Lehrer, die täglich 
mit ihnen verkehren, die ihre volle Entwickelung kennen; das kann nicht 
durch ein einmaliges oder seltenes Beobachten geschehen. Nun kommt 
gerade bei den Zöglingen der höheren Lehranstalten hinzu: Wenn Sie den 
Arzt in die Schule schicken, um das Befinden der Zöglinge unter dem Ein¬ 
flüsse der Schulen zu beobachten, nicht etwa zu dem Zwecke, eine allge¬ 
meine Instruction zu geben — da würde gar nichts dagegen zu sagen 
sein —, sondern dauernd, ja, meine Herren, da nehmen Sie ja der Familie 
die Sorge, die ihr obliegt, und die Erziehung, die jetzt durch die Schule 
hinreichend verstaatlicht ist, wird noch mehr verstaatlicht. 

„Etwas Aehnliches tritt für die Volksschule ein, nur in anderem Sinne. 
Bei der Volksschule ist ja im Allgemeinen von Ueberbürdung nicht die Rede; 
da ist die Rede von der gehörigen Reinlichkeit, Lüftung, Helligkeit, Hal¬ 
tung, und nun sollen diese Dinge nicht der Beurtheilung der Lehrenden 
und von Schulwegen Beaufsichtigenden unterliegen, sondern besonderen 
ärztlichen Inspectoren! Ja, meine Herren, der Versuch ist allerdings 


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54 Elfte Versammlung 4 D. Vereins f. öff. Gsndpflg. zu Hannover. 

begonnen, soweit wir wissen, er ist begonnen in Paris, wie Ihnen Herr 
Dr. Baginsky auch eben mitgetheilt hat, vom 1. Januar 4 J. ab; aber 
man muss eine solche Instruction, wie die der Pariser Schulärzte, nur lesen, 
um sich die Frage vorzulegen: Ist denn das ausführbar? und wenn es aus¬ 
führbar ist: Nehmen wir nicht den Schulen das, was sie für die Disciplin 
am allerersten brauchen, die Autorität der Lehrer? Also der Schularzt, 
der etwa 15 bis 20 Classen bekommt, soll monatlich zweimal jede Gasse 
revidiren, er soll zunächst die Reinlichkeit des Hauses und der Anstalten 
prüfen, die mit ihm verbunden sind, und darüber ein Protocoll aufnehmen, 
er soll aber auch die einzelnen Kinder prüfen, und zwar diese mindestens 
monatlich einmal nach Artikel 13 in Bezug auf Zähne, Augen, Ohren und 
Gesnndheitszustand. Ja, wie viel Zeit er bei einer Gasse von 50, 60 dazu 
braucht, wenn das einen Effect haben soll, das ist schwer zu Übersehen, 
und was soll dann geschehen? Dann werden die Eltern benachrichtigt, 
also wieder die Erziehung, die den Eltern gehört, in die Schule genommen. 
Es ist sehr fraglich, wie weit denn für den Staat das Recht geht, sich um 
die Kinder zu bekümmern, für die Erziehung, für die Bildung des Charak¬ 
ters zu sorgen. Wir sorgen auch für die Gymnastik, für die körperliche 
Entwickelung, aber das hat Grenzen, die durch die geschichtliche Ent¬ 
wickelung gegeben sind. Es ist sehr bedenklich diese Grenzen noch weiter 
auszudehnen. Ja, meine Herren, schliesslich ist die beste hygienische Ein¬ 
richtung eine gute Ernährung, und die Folge würde sein, dass die Schule 
auch verpflichtet ist für gutes Essen und Trinken bei den Kindern zu sorgen. 

„Aber, meine Herren, trotz aller dieser Widersprüche geben wir ja 
doch zu und erstreben wir, dass die hygienischen Gesichtspunkte befolgt 
werden müssen, und damit dies geschehe, und zwar so gut als es unsere 
gegenwärtige Erkenntniss gestattet, halte ich es allerdings auch für wün- 
ßchenswerth, bei uns in unseren Schulen, die in Bezug auf das Lehrpersonal 
überhaupt dadurch charakterisirt sind, dass der Lehrer nicht ein Pensum 
abarbeitet, sondern als ein Mann vor dem Schüler steht, ganz anders wie 
in Frankreich oder England; ich sage, ich halte es für wünschenswerth, 
dass diese Lehrer auch gehörig über die hygienischen Gesichtspunkte, über 
die Hauptsachen, die wir als hygienische Lehrsätze auffassen können, in- 
struirt sind, und da wird man wieder unterscheiden zwischen den Lehrern 
der Volksschulen und den Lehrern der höheren Lehranstalten, weil bei 
beiden verschiedene Fragen Vorkommen. Man wird also in den Seminarien 
hygienischen Unterricht ertheilen, und man wird auf den Universitäten die 
Gesichtspunkte mit vortragen, die auch maassgebend sind in der Entwicke¬ 
lung eines für das gelehrte Studium zu erziehenden Knaben. In dieser 
Beziehung stimme ich nicht mit der Definition der Wissenschaft der Hygiene 
überein, welche Herr Prof. Flügge gestern gegeben hat. Ich glaube nicht, 
dass wir die Hygiene als eine Specialwissenschaft auffassen sollen. Sie hat 
Specialfacher, die hat Herr Prof. Flügge ja aufgeführt, aber das Charak¬ 
teristische und das, was sie als ein gesundes Product redlichen Strebens 
charakterisirt, ist, dass sie eine ganz grosse Zahl der verschiedensten 
Specialuntersuchungen unter einem leitenden Gesichtspunkte zusammenfasst, 
und wenn das geschieht und systematisch geschieht, so ist ein solches 
System, so weit es in die Praxis eiuzuführen ist, auch lehrbar, und darum 


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Die hygienische Beaufsichtigung der Schule durch den Schularzt. 55 

ist es sehr wohl möglich, dass durch die richtige Vorbildung der Lehrenden, 
sei es, dass sie vor dem Eintritte oder unmittelbar nach dem Eintritte in 
das Amt erfolgt, mit grösserer Exactheit bewirkt werden kann, dass die 
hygienischen Vorschriften erfüllt werden, als durch so periodisch wieder¬ 
kehrende Revisionen, die seitens der Aerzte vorgenommen werden. 

„Ganz ausserhalb des Rahmens dieser Betrachtung liegt die Frage von 
der Sicherung der Schule bei ansteckenden Krankheiten. Ja, meine Herren, 
hierüber ist im Augenblicke kaum Veranlassung, näher zu discutiren, denn 
da ist jetzt eben seitens des Ministeriums eine Vorschrift ergangen, welche 
den Aerzten, den Kreisphysikern eine ausgiebige Mitwirkung in Bezug 
hierauf ertheilt. Ich möchte fast sagen, diese Mitwirkung ist so scharf 
präcisirt, dass die Schulleitung in der schnelleren Sicherung vor anstecken¬ 
den Krankheiten fast gehemmt ist, denn dass jetzt — Ausnahmefälle bei 
Seite gelassen — zunächst immer der Kreisphysicus auch befragt werden 
muss, wenn nur eine Classe geschlossen werden soll, das wird in sehr vielen 
Fällen den Effect der Schliessung mindern. Wir scbliessen, wenn wir 
beobachten, dass eine grössere Zahl von Schülern von ansteckenden Krank¬ 
heiten, Masern, Scharlach u. s. w., befallen ist, und indem wir in demselben 
Moment scbliessen, wo die Beobachtung gemacht ist, hindern wir die Ueber- 
tragung. Gehen aber mit Verhandlungen von Behörde zu Behörde erst fünf, 
sechs Tage vorüber, so bat sich während der Zeit das Uebel fortgesponnen. 

„Also dass hier in Bezug auf die Epidemieenfrage der Arzt in Betracht 
kommt, dass der Arzt der Ratbgeber sein muss in Fragen, wo der Lehrer 
selbst und die Schulleitung selbst zweifelhaft sind, das versteht sich von 
selbst. Das geschieht auch jetzt und wird ferner geschehen; das ist 
Bedürfhiss. Aber das giebt noch keine Veranlassung zur Creirung besonde¬ 
rer Schulärzte, und am allerwenigsten zur Beaufsichtigung der Schulen 
durch Schulärzte. 

„Meine Herren, wenn Sie die Entwickelung der Schulen verfolgen, so 
werden Sie es nicht verwunderlich finden, dass die Schulen gegen den 
Begriff der Beaufsichtigung etwas empfindlich sind. Die Beaufsichtigung 
kann von den verschiedensten Seiten in Anspruch genommen werden; nicht 
bloss die körperliche, sondern auch die geistige Entwickelung haben die 
Schulen zu fördern, und die ärztliche Aufsicht von der einen Seite giebt 
die religiöse Aufsicht von der anderen, und der Verantwortliche, das ist der 
Schulleiter und der Lehrer. Dessen Lebensaufgabe ist es, dahin zu wirken, 
dass die Zöglinge sich entwickeln, kräftig entwickeln, aber auch wider¬ 
standsfähig entwickeln, muthig entwickeln, in dem Ertragen von Schwierig¬ 
keiten geübt. Unsere jungen Leute sind zum grossen Theile nicht in der 
Lage, jede medicinische Schädlichkeit im Leben zu vermeiden; sie müssen 
hinein in den Kampf des Lebens, und dafür sie zu stählen, dazu ist die 
Schule mit da, und darum können Sie es den Schulmännern nicht verdenken, 
wenn sie bei aller Hochachtung für die physiologischen Untersuchungen, 
bei allem Streben, von denselben für ihr Amt, für ihren Beruf den möglich¬ 
sten Vortheil zu ziehen, doch danach trachten, auf ihrem Gebiete die 
Selbständigkeit zu bewahren.“ 


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56 Elfte Versammlung d. D. Vereins f. off. Gsndpflg. zu Hannover. 


Die von den Herren Referenten vorgelegten Thesen lauten wie folgt: 

Thesen 

des Referenten Herrn Dr. Baginsky. 

1. Trotz der vielfachen Verbesserungen, welche sowohl die äusseren 
Einrichtungen der Schulen, vtie auch die Gestaltung des Unterrichts¬ 
systems erfahren haben, gehen noch Schädlichkeiten aus dem Schul¬ 
besuche hervor, welchen der kindliche Organismus unterworfen ist. 

2. Die Frage der Verbesserungen ist aus diesem Grunde keine rein 
technische) von Architekten und Pädagogen zu lösende, sondern in 
hervorragender Weise eine physiologische. 

3. Daher gebührt dem Aerzte eine Stellung bei der Entscheidung der 
Verbesserungen, welche bezüglich der äusseren Einrichtungen der 
Schulen und des Unterrichtssystems einzuführen sind. 

4. Jede der Schule Vorgesetzte Schulcommission soll gehalten sein, 
einen sachverständigen Arzt als Mitglied zu haben. 

5. Die Thätigkeit jeder Schulcommission im Ganzen, und diejenige des 
Arztes im Speciellen, soll eine continuirliche sein. Periodische 
Revisionen erfüllen den anzustrebenden Zweck nicht. 

6. Keinem Mitgliede der Schulcommission kann das Recht absoluter, 
selbständiger und entscheidender Thätigkeit, soweit dieselbe Aende- 
rungen in der Gestaltung der Schule und des Unterrichtes bedingt, 
zugestanden werden; — auch dem Aerzte nicht. 

7. Jeder praktische Arzt kann Mitglied der Schulcommission werden, 
sofern er durch ein Examen seine Befähigung erweisen kann. Das 
Bestehen des Physicatsexamens giebt diese Befähigung. 

Thesen 

des Correferenten Herrn Stadtschulrath Professor 
Dr. Bertram. 

1. Die Schulhygiene wird am wirksamsten gefördert durch wissenschaft¬ 
liche Erörterungen, welche von Aerzten ausgehen, die über Schul¬ 
einrichtungen umfassende Beobachtungen anstellen. 

2. Aerztliche Autoritäten sollen bei der Entscheidung allgemeiner Fra¬ 
gen und der Aufstellung von Normativbestimmungen über Schul¬ 
hygiene zu Rathe gezogen werden. 

3. Für die praktische Durchführung anerkannter Normen der Schul¬ 
hygiene sind geeignete Instructionen für die Lehrer zweckmässiger 
als schulärztliche Revisionen. 


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Die hygienische Beaufsichtigung der Schule durch den Schularzt. 57 

Der Vorsitzende eröffnet hierauf die Discnssion. 

Sanitätsrath Dr. Graf (Elberfeld) glaubt, dass bei den scharfen 
Gegensätzen, welche sich zwischen den Auffassungen und Anträgen des Herrn 
Referenten und denen des Herrn Correferenten herausgestellt haben, wohl 
kaum Aussicht auf eine Verständigung zwischen den differirenden Parteien 
sei, wenn man sich nicht zunächst die Gründe der grossen Renitenz gegen 
die Schulärzte, wie sie der Herr Correferent vorgeführt habe, klar mache. 
Diese Gründe seien wesentlich die, dass die Lehrer sich besonders gegen 
die persönliche Controle der Schule, gegen die Controle des Lehrers durch 
den einzelnen Arzt sträuben. Einen grossen Theil dieser Bedenken löse 
aber die wichtigste der Thesen des Herrn Dr. Baginsky, die vierte, 
welche sage, dass jede der Schule Vorgesetzte Schulcommission gehalten 
sein solle, einen sachverständigen Arzt als Mitglied zu haben. Der Ein¬ 
fluss, den der Arzt auf die Schule, auf ihre technischen Einrichtungen, auf 
den Unterricht, auf die aus dem Zusammenfluss von vielen Menschen her¬ 
vorgehenden Schädlichkeiten etc. ausüben solle, solle sich nicht in einer 
persönlichen Oberaufsicht, sondern in dem Rahmen einer Commission geltend 
machen. Mit dieser Auffassung der Stellung eines Schularztes gehe man 
einer Menge von Schwierigkeiten aus dem Wege. Dem Lehrer solle die 
volle Verantwortlichkeit für die Schule überlassen bleiben, darum solle er 
auch eine möglichst reiche hygienische Bildung haben; er solle nicht, in 
allen seinen einzelnen Maassnahmen, in den Einrichtungen der Schule der 
permanenten persönlichen Einwirkung eines Arztes unterstellt werden, von 
dem er dann mit Recht die Gefahr befürchten könne, dass derselbe in ein¬ 
seitiger, persönlicher Auffassung Anordnungen treffen und sich in Dinge 
einmi8chen könne, von denen er vielleicht viel weniger verstehe, als der be¬ 
treffende Lehrer oder Director. Wohl aber habe der Lehrer die Pflicht 
und zwar in Folge staatlicher Anordnung, sich in seiner Thätigkeit einer 
Commission unterzuordnen und in derselben seinen Standpunkt geltend zu 
machen, und in dieser Commission solle sich auch die Thätigkeit des Schul¬ 
arztes vollziehen, der hier stets den Einfluss bekommen werde, den er ver¬ 
diene. Desshalb sei es zweckmässig, bei der etwaigen Aufstellung von 
Thesen, gerade diese Auffassung zu betonen, dass man nicht etwa auf die 
französische Art der Aufsicht, wie sie der Herr Referent mitgetheilt habe, 
hinziele, und zu dem Zwecke schlage er vor, statt der These 4 des Herrn 
Referenten zu sagen: 

1. „Die Versammlung erkennt die volle Berechtigung der Forderung an, 
dass in jeder Schulcoramission, bei welcher dies durchführbar ist, 
ein Arzt Sitz und Stimme habe. 

2. „Die Competenz dieses Arztes ergiebt sich aus den einer solchen Com¬ 
mission zustehenden und ihm durch dieselben übertragenen Befugnissen. 

3. „Die den Staatsärzten durch ihre amtliche Stellung ertheilten Rechte und 
Pflichten zu selbständigen Revisionen werden hierdurch nicht berührt/ 

Im Uebrigen erscheine es gerade in einer gemischten Versammlung 
nicht zweckmässig, bei etwaigen Beschlüssen so sehr ins Detail einzugehen, 
wie einzelne der Thesen des Herrn Referenten dies verlangen, man möge 
lieber den ernstlichen Versuch zum Ausgleich darin suchen, dass man aus- 


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58 Elfte Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndpflg. zu Hannover. 

spreche, die Thätigkeit des Schularztes soll sich zunächst nur in dem Rah¬ 
men einer Commission vollziehen. 

Hinisterialrath Dr. Wasserfuhr (Strasshurg). Die Frage, in 
welcher Weise eine sanitäre Ueberwachung der Schulen am zweckmässigsten 
herbeizuführen sei, gehöre nicht der wissenschaftlichen Hygiene, sondern 
dem Gebiete der Verwaltung an, und zwar sowohl dem der Schulver¬ 
waltung, wie dem der Medicinalverwaltung. Die Auferlegung der Schul¬ 
pflicht seitens des Staates bedingt für denselben auf der anderen Seite die 
Verpflichtung, dafür zu sorgen, dass dem Gesetze genügt werden könne 
ohne besondere, aus dem obligatorischen Schulbesuch sich ergehende Schä¬ 
den für die Gesundheit der Jugend. Dazu bedürfe es einerseits prophylak¬ 
tischer gesetzlicher Verordnungen, welche, da es sich um gesundheit¬ 
liche Fragen handle, nach Maassgabe ärztlicher Wissenschaft und Erfahrung 
abgefasst sein müssen, andererseits amtlicher Organe, welche die Be¬ 
folgung dieser Verordnungen beaufsichtigen und überwachen. 

Die in ersterer Beziehung unter den Aerzten stattfindende Bewegung, 
welche dahin gehe, Schäden von der Gesundheit der Schüler abzuwenden 
durch Vorschriften der Behörden über gesundheitsgeinässe Wahl der Bau¬ 
plätze für Schulen, über die baulichen Einrichtungen der Schulgebäude und 
Schulzimmer, deren Beleuchtung, Heizung, Ventilation, Abtrittsanlagen, Spiel- 
und Turnplätze, über die Beschaffenheit der Schulbänke, die gesundheits¬ 
unschädliche Regelung des Unterrichts und die Verhütung ansteckender 
Krankheiten unter den Schülern sei allgemein bekannt. Dieselbe sei zwar 
noch keineswegs zum Abschluss gelangt; in Einzelfragen herrschen unter 
den Sachverständigen noch manche abweichende Meinungen, begünstigt 
durch die Mangelhaftigkeit exacter und namentlich statistischer Grundlagen 
für die Beurtheilung der Einflüsse, welche die Schule auf die Gesundheit 
der Schüler ausübe; im Allgemeinen aber habe sich im Laufe des letzten 
Jahrzehnts bezüglich der wesentlichen Forderungen, deren Erfüllung die 
wissenschaftliche Schulhygiene von den Behörden durch gesetzliche Vor¬ 
schriften verlange, ein grosses Einverständnis herausgebildet, und wenn 
der Herr Correferent das Gegentheil behauptet habe, so sei dies mit Unrecht 
geschehen. Die deutschen Schulbehörden haben ja bekanntlich auch mehr 
oder weniger begonnen, jenen Forderungen in grösserem oder geringerem 
Umfange auf dem Verordnuugswege gerecht zu werden, und dass dies ge¬ 
schehen sei, dürfe die Medicin, und besonders der jüngste Zweig derselben, 
die Hygiene, sich mit Recht als Verdienst um das Volkswohl und die Civi- 
lisation anrechnen. 

Anders liege es mit der zweiten Aufgabe der Behörden, nämlich der 
Sorge für die Befolgung der erlassenen schulhygienischen Vorschriften. Eine 
solche Sorge finde zwar schon jetzt principiell statt, insofern es zu den all¬ 
gemeinen Aufgaben der Obrigkeiten gehöre, die Ausführung ihrer Verord¬ 
nungen zu beaufsichtigen und zu sichern. Diese Beaufsichtigung entbehre 
aber zur Zeit einer festen Organisation und werde, falls sie überhaupt vor¬ 
genommen werde, ungenügend ausgeübt, weil sie in den Händen von Leh¬ 
rern liege, welche der erforderlichen medicinischen Einsicht und Sachkennt¬ 
nis fast immer entbehren, häufig aber an einer bedenklichen Halbwisserei 


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Die hygienische Beaufsichtigung der Schule durch den Schularzt. 59 

leiden. Der Arzt begegne desshalb fast in jeder Schule hygienischen Unter¬ 
lassungen und Missgriffen, welche der Gesundheit der Schüler zum Schaden 
gereichen. Solle diesem Fehler abgeholfen werden, so bedürfe es bei der 
Aufsicht über die bezüglich der Schulgesundheitspflege erlassenen Verord¬ 
nungen einer geordneten Mitwirkung sachverständiger Aerzte. 
Eine solche Mitwirkung werde daher seitens der Aerzte in allen europäi¬ 
schen Culturstaaten immer allgemeiner und dringlicher als öffentliches Be- 
dürfniss hingestellt, und der Herr Referent habe sich mit Recht dieser Be¬ 
wegung angeschlossen. Aber über den Umfang und die Organisation jener 
Mitwirkung finden Meinungsverschiedenheiten statt. 

Für die deutschen Verhältnisse frage es sich: l) Was soll ärzt¬ 
licherseits in der Schule und bei den Schülern beaufsichtigt 
werden? 2) Was für Aerzte sollen die Beaufsichtigung vor¬ 
nehmen? 

Vor Allem müsse in ersterer Beziehung Klarheit geschaffen und müssen 
Grenzen gesteckt werden. Von manchen Seiten Beien die dem sogenannten 
Schulärzte zu überweisenden Functionen so allgemein und unbestimmt for- 
mulirt worden, dass ihm ausreichende Anhaltspunkte für seine Zuständig¬ 
keit fehlen. Von anderen Seiten aber werden für ihn Befugnisse in Anspruch 
genommen, welche theils über das Gebiet der ärztlichen Wissenschaft hin¬ 
aus in das des Unterrichts eingreifen und desshalb Conflicte mit den Lehrern 
und Schulvorstehern unvermeidlich machen müssen; theils nicht mehr in 
das Gebiet der öffentlichen Gesundheitspflege, von welcher die Schulgesund¬ 
heitspflege nur ein Zweig ist, sondern in das der Privathygiene gehören, in¬ 
sofern sie den Schularzt viel zu speciell mit den Gesundheitsverhältnissen 
der einzelnen Schüler befassen, und so zu Collisionen mit den Familien 
sowie den Haus- und Privatärzten führen müssen. Eine Beaufsichtigung 
der einzelnen Schüler seitens des Schularztes würde sich nur auf die 
Beziehungen ihres Gesundheitszustandes zu den Schuleinrichtungen und zu 
anderen Schülern erstrecken dürfen, niemals weiter. Die vorbezeichneten 
Klippen müssen bei Formulirung der dem Schulärzte zu übertragenden 
Functionen umschifft werden. Dieselbe müsse einerseits bestimmt genug 
sein, um ihm als Richtschnur für seine Dienstthätigkeit dienen zu können; 
andererseits müssen seine Aufgaben sachlich sowohl nach der Seite des 
Unterrichts als nach der der Privathygiene hin begrenzt werden. Beides 
werde am zweckmässigsten erreicht, wenn dem Schulärzte zunächst keine 
andere Mission ertheilt werde, als die Aufsicht über die Befolgung der sei¬ 
tens der zuständigen Behörden bezüglich der Schulhygiene erlassenen all¬ 
gemeinen Vorschriften in den Schulen seines Amtsbezirks. Die Mittel die¬ 
ser Beaufsichtigung würden in periodischen, unter Zuziehung des Schulvor¬ 
stehers vorzunehmenden, Inspectionen der Schulen und in regelmässigen 
kritischen Berichterstattungen über die Befunde an die obere Schulauf¬ 
sichtsbehörde bestehen. 

Die zweite Frage sei, welche Aerzte als sogenannte Schulärzte fun- 
giren sollen. In dieser Beziehung könne es keinem Zweifel unterliegen, 
dass nicht jeder Arzt für ein solches Amt befähigt sei und dass nicht jeder 
für sachverständige Ausübung desselben die nöthige Gewähr biete. Ein 
Arzt, der amtlich öffentliche Gesundheitspflege ausüben solle, müsse seiue 


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60 Elfte Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndpflg. zu Hannover. 

specielle hygienische Sachkenntnis nachgewiesen haben. Die dürftige 
halbstündige Prüfung in der Hygiene bei Ablegung der ärztlichen Staats¬ 
prüfung sei kein genügender Nachweis derselben, wohl aber die in fast 
allen deutschen Ländern eingeführte Befähigung zur Anstellung in der Me- 
dicinalverwaltung als Kreisphysicus, Bezirksarzt, Kreisarzt u. dergl. Eine 
blosse Prüfung in der Schulhygiene sei unzweckmässig, weil letztere nur 
ein Theil der öffentlichen Gesundheitspflege und nur die Anwendung all¬ 
gemeiner hygienischer Grundsätze und Erfahrungen auf die speciellen Ver¬ 
hältnisse der Schule und der Schüler sei. Es folge hieraus, dass als Schul¬ 
ärzte in der Regel nur solche Aerzte bestellt werden sollten, welche eine 
staatsärztliche Prüfung abgelegt haben, d. h. Medicinalbeamte, oder, wo 
solche nicht zu haben seien oder nicht ausreichen, doch solche Aerzte, 
welche ihre Befähigung zur Anstellung als Medicinalbeamte vorschrifts- 
mässig nachgewiesen haben. 

ln dieser Weise geordnet würde die sanitäre Inspection der Schulen 
sich leicht und zweckmässig an die in den einzelnen Staaten bestehenden 
Organisationen der MedicinalVerwaltung anschließsen, ohne mit der Schul¬ 
verwaltung zu collidiren. Sie würde im Wesentlichen eine instructions- 
mässig geordnete Function der Medicinalbeamten werden, und man könne, 
falls ein nach den vorbezeichneten Gesichtspunkten aufgestelltes Programm 
vorgelegt werde, darauf rechnen dürfen, dass letztere dasselbe als ein an 
die vorhandenen Einrichtungen sich anlehnendes, wohiausführbares, mit ge¬ 
ringen Kosten verbundenes, ernstlich prüfen und berücksichtigen werden, 
während zu befürchten sei, dass den durch das öffentliche Interesse gebotenen 
Anforderungen an eine sachverständige Beaufsichtigung der Schulhygiene 
bei den maassgebenden Stellen keine Folge gegeben werden würde, wenn 
jene Anforderungen zu unbestimmt oder zu weit gehend gehalten seien, oder 
besondere, neue Verwaltungseinrichtungen und Beamtenstellen erfordern. 

Gymnasialdirector Dr. Fulda (Sangershausen) findet, so verschie¬ 
den auch der Standpunkt der beiden Referenten zunächst erscheine, doch 
darin eine Uebereinstimmung, dass beide eine gewisse Mitwirkung hygieni¬ 
scher Sachverständiger wünschen. Der Correferent, Herr Schulrath Dr. 
Bertram, wünsche diese Einwirkung wesentlich bei der Feststellung von 
Normativbestimmungen eintreten zu sehen, und es sei ja jedenfalls von 
vornherein klar, dass hier eine solche Mitwirkung Bedürfniss sei. Was 
speciell PreuBsen betreffe, so habe man zwar bereits manche einzelne Be¬ 
stimmungen auf diesem Gebiete, aber ein umfassenderes Regulativ über die 
auf die Gesundheitspflege bezüglichen Einrichtungen der Schule sei noch 
nicht vorhanden. Es liege in der Natur der Sache, dass ein solches Regu¬ 
lativ nur die allgemeinsten Grundzüge bieten könne. Das sei schon darin 
begründet, dass eben, wie sehr treffend hervorgehoben worden sei, die Fra¬ 
gen, um die es sich handele, vielfach noch im Flusse befindlich seien, dass 
ferner die localen Verhältnisse ausserordentliche Verschiedenheiten bedingen. 
Dies scheine darauf hinzuweisen, dass doch auch eine persönliche Mitwir¬ 
kung der hygienischen Sachverständigen wünschenswerth sei. Eine solche 
sei ja nun von dem ersten Herrn Referenten vorgeschlagen worden und er 
stimme in dieser Frage im Wesentlichen mit der Auffassung des Herrn 


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Die hygienische Beaufsichtigung der Schule durch den Schularzt. 61 

Sanitätsrath Dr. Graf überein, müsse hingegen ganz entschieden eine specielle 
Beaufsichtigung der Schule durch den Schularzt ablehnen, wie sie von Herrn 
Ministerialrath Dr. Wasserfuhr soeben ins Auge gefasst zu sein scheine. 
Wenn sich gegenwärtig noch heraussteilen sollte, dass die hygienische Aus¬ 
bildung der Lehrer und speciell der Dirigenten noch nicht der Art sei, dass 
ihnen überlassen werden könne zu beobachten, in wiefern die von den Be¬ 
hörden erlassenen Bestimmungen im gewöhnlichen Verlaufe des Schullebens 
ausgeführt werden, so dürfe man zu dem deutschen Lehrerstande doch das 
Zutrauen haben, dass er mehr und mehr sich diese hygienische Bildung an¬ 
eignen werde, und der Lehrer, und speciell der Dirigent einer Lehranstalt, 
müsse im Grossen und Ganzen auch auf diesem Gebiete die Hauptverant¬ 
wortung behalten. Aber es sei nicht zu verkennen, dass dennoch vielfach 
eine persönliche Mitwirkung des hygienischen Sachverständigen sehr wün¬ 
schenswert sei. Selbstverständlich sei dies in den Fällen des Eintritts 
von Epidemieen. Bei Neubauten liege die Sache so, dass es sich nur in 
vereinzelten^Fällen um solche Neubauten handele, bei denen man einfach 
nach Normativbestimmungen verfahren könnte, es handele sich in der weit 
überwiegender^Mehrzahl der Fälle dagegen um vorhandene Gebäude und 
damit zusammenhängende Veranstaltungen. Es komme also meistens auf 
die Erwägung an, in wie weit man den idealen Forderungen auf Grund 
der realen gegebenen Verhältnisse gerecht werden könne, und diese Frage 
sei keineswegs im concreten Falle so leicht zu lösen und vielfach würde 
die Sache so liegen, dass der Director in den Bestrebungen, die er auf die¬ 
sem Gebiete verfolge, eine wesentliche Stütze an dem hygienischen Sach¬ 
verständigen erhalte, wenn dieser in der betreffenden Schulcommission 
Mitglied sei. Es kommen ferner in solchen Commissionen auch bezüglich 
der PersonalverhältnisBe der Lehrer mannigfache Angelegenheiten vor, bei 
denen es sehr wünschenswerth sei, dass der Arzt Mitglied einer solchen 
Commission ist. Er würde also principiell durchaus wünschen, dass ein 
Arzt Mitglied der Localcommission würde, aber auch von der Aufstellung 
dieser Forderung dürfe man sich nicht zu grosse Erfolge versprechen. Er 
habe einmal auf einer Directorenconferenz fast genau dieselbe These, wie die 
hier vorliegende, gestellt, da habe der Director eines königl. Gymnasiums 
erklärt: für ihn sei diese These bedeutungslos, an seiner Anstalt bestehe 
kein Curatorium und keine Commission irgend welcher Art. Gleiches treffe 
in Preussen für sämmtliche königl. Anstalten zu, auch für eine grosse Zahl 
von städtischen höheren Schulen, bei denen keine Behörde zwischen Magi¬ 
strat und Schule stehe, bei denen demnach eine solche locale Schulcommis¬ 
sion nicht vorhanden sei. Also schon deshalb dürfe man einen durchgrei¬ 
fenden Einfluss bezüglich des höheren Schulwesens von dieser Forderung 
nicht erwarten. Auf dem Gebiete des Volksschulwesens aber ergeben sich 
ähnliche Schwierigkeiten; auf dem Lande z. B. gebe es zwar vielfach Schul. 
Vorstände, aber es sei überhaupt kein Arzt da. 

Nach derartigen Erwägungen schon scheine es zweckmässig, eine per¬ 
sönliche Mitwirkung des hygienischen Sachverständigen noch in einer ande¬ 
ren Form zu befürworten, die allerdings von Herrn Dr. Baginsky als 
weniger günstig bezeichnet sei, nämlich in der Form der periodischen In- 
spectionen. Es scheine ihm sehr wünschenswerth, wenn solche Persönlich- 


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02 Elfte Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndpflg. zu Hannover. 

keiten, die sieb ganz besonders mit der Schulhygiene beschäftigt haben und 
das ganze Gebiet derselben beherrschen, von Zeit zu Zeit in eine Schule 
hineintreten und sich den ganzen Zustand derselben vom hygienischen 
Standpunkte aus ansehen, also z. B. alle baulichen und sonstigen äusseren 
Einrichtungen; aber auch der Eindruck, den die Schüler in gesundheitlicher 
Beziehung machen, würde zu berücksichtigen sein. Ein solcher Sachver¬ 
ständiger werde sich natürlich auch genaue Auskunft über Epidemieen 
geben lassen, die vorgekommen seien; er werde aus den Schultagebüchern 
entnehmen können, welche Arbeiten aufgegeben werden und welche Zeit 
etwa zur Anfertigung derselben erforderlich sei. So werde er sich nach 
den verschiedensten Richtungen hin über die gesammten in hygienischer 
Hinsicht bedeutungsvollen Verhältnisse eingehend informiren, er werde 
dann im Verkehr mit den Lehrern und Directoren Anregungen zu Ver¬ 
besserungen geben können, er werde endlich, wenn er Missstände treffe, 
die entschieden eine Abhülfe erheischen, auch mit grösserer Autorität auf 
eine solche Abhülfe an zuständiger Stelle dringen können, als es den Orga¬ 
nen der allgemeinen Schulaufsicht möglich sei. 

Es komme auf diesem Gebiete gewiss, wie mehrfach hervorgehoben sei, 
ganz besonders darauf an, dass die Einrichtungen, die geschaffen werden, 
auch von beiden Seiten als zweckmässig anerkannt werden, und in dieser 
Beziehung sei in Bezug auf diesen Vorschlag einer periodischen Inspection, 
die vielleicht nur alle 5 bis 6 Jahre eine höhere Schule zu berühren brauche, 
noch ein Moment anzuführen, das Hoffnung gebe, dass gerade diese Art 
der Einwirkung der hygienischen Sachverständigen auch auf Seiten der 
Schulmänner gerne angenommen werde. Genau denselben Vorschlag habe 
er auf der vorhin erwähnten Directorenconferenz 1880 in Magdeburg 
gemacht, die aus etwa 40 Schulräthen und Directoren bestanden habe. 
Anfangs seien demselben wesentliche Bedenken entgegengetreten, aber das 
Ergebnis8 einer sehr eingehenden Debatte sei gewesen, dass derselbe gegen 
vier Stimmen angenommen worden sei. Ferner mache er darauf aufmerk¬ 
sam, dass in Preussen schon etwas ganz Aehnliches auf einem verwandten 
Gebiete vorhanden sei. Neben den allgemeinen Revisionen der Schule 
durch die Schulräthe gehen Special re Visionen des Turnunterrichts einher, 
die von Lehrern der Turnlehrerbildungsanstalt in Berlin, namentlich von 
Herrn Prof. Euler, von Zeit zu Zeit vorgenommen werden, und die Er¬ 
fahrungen, die bei dieser Einrichtung gemacht seien, sprechen gewiss nur 
für eine weitere Verfolgung dieses Weges der Specialinspectionen durch 
hervorragende Sachverständige. Auch sei schon in den in Aussicht ge¬ 
nommenen Untersuchungen auf dem Gebiete der Angenhygiene an den ein¬ 
zelnen Anstalten, die vorhin schon erwähnt worden seien, ein ähnlicher 
Weg ins Auge gefasst und so lasse sich hoffen, dass derartige periodische 
Inspectionen, die ja, wie erwähnt sei, auch den in Württemberg thatsächlich 
bestehenden Verhältnissen sich einigermaassen annähern, in der That von 
segensreichem Einfluss sein werden. 

Endlich sei noch darauf hinznweisen, dass der Vorschlag solcher In¬ 
spectionen sich leicht praktisch ausführen lasse. Wenn man auch etwa 
zwei Tage auf die Revision einer Anstalt rechne , so werde doch ein ein¬ 
ziger Sachverständiger, der sich lediglich damit beschäftige, für sämmtliche 


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Die hygienische Beaufsichtigung der Schule durch den Schularzt. 63 

preussischen höheren Lehranstalten ansreichen; er würde in noch nicht 
fünf Jahren durch den ganzen Staat herum kommen. Wenn es sich nun 
auch schwerlich empfehlen würde, nur einen Sachverständigen zu wählen 
und ihn lediglich mit diesen Inspectionen zu beschäftigen, so ergebe sich 
doch aus dieser Betrachtung, dass die vorgeschlagene Einrichtung ohne 
Anforderung allzu grosser Mittel ausführbar sein werde. Diese Ausführun¬ 
gen wolle er in folgenden drei Sätzen zusammenfassen. 

1. „Es erscheint wünschenswerth, dass Normativbestiranmngen über die 
auf die Gesundheitspflege bezüglichen Einrichtungen der Schule 
unter Mitwirkung von hygienischen und pädagogischen Sachverstän¬ 
digen erlassen werden. 

2. „Es ist darauf Bedacht zu nehmen, dass alle localen Schulcommissio- 
nen einen Arzt zum Mitgliede erhalten. 

3. „Auch die Einführung von periodischen hygienischen Inspectionen 
der Schule durch solche Sachverständige, welche auf dem Gebiete 
der Schulhygiene besonders erfahren sind, erscheint wünschenswert!].* 

Santtätsrath Dr. Spiess (Frankfurt a. M.) glaubt durch seine jetzige 
Stellung als Stadtarzt in Frankfurt a. M. die Berechtigung zu haben einige 
Bemerkungen dem Gehörten hinzuzufügen. Es sei ja nicht zu leugnen, 
dass von mancher Seite Uebertreibungen ausgegangen seien, von Aerzten 
wie von Behörden, in Versammlungen wie in Lehrbüchern, die die Lehrer 
hätten kopfscheu machen müssen. Er sei seit 1 Vs Jahren in Frankfurt 
a. M. Stadtarzt, in welcher Stellung er durchaus nicht als Mitglied der 
Sanitätspolizei, sondern lediglich als hygienischer Beirath des Magistrats 
in allen communalen Sachen thätig sei und da sei neben der Armenver¬ 
waltung gerade die Schulverwaltung das Gebiet, auf welchem er am meisten 
Gelegenheit gehabt habe, thätig einzugreifen. Ehe die Stelle geschaffen 
gewesen sei und er Bie bekleidet habe, habe er vielfach mit befreundeten 
Schuldirectoren die lebhaftesten Discussionen und selbst heftige Kämpfe 
gehabt, weil die Directoren, und meist mit dem Hinweise auf das Baginsky’- 
sche Lehrbuch, nicht ganz ohne Grund vor dem Schularzt Scheu gehabt 
haben; jetzt, seit er die Stelle eines Stadtarztes — und der Stadtarzt in- 
volvire vielfach ja auch den geplanten Schularzt — inne habe, sei die 
Sache wie umgewandelt, mit den Directoren, mit denen er stets im Streit 
gewesen sei, wenn die Rede auf den Schularzt gekommen sei, stehe er jetzt 
auf dem besten Fusse und von sämmtlichen Directoren der 27 öffentlichen 
Schulen Frankfurts, mit denen er in vielfachen amtlichen Verkehr trete, 
werde er als eine Stütze und ein Rathgeber und keineswegs als ein Feind 
angesehen. So arbeite er in der schönsten harmonischen Weise mit 
ihnen zusammen und dürfe wohl sagen, dass er in den 1V 2 Jahren bereits 
sehr viel habe leisten können, sowohl im Kreise der Schulbehörden als im 
persönlichen Umgang mit den Directoren und Lehrern, die sich vielfach in 
hygienischen Dingen direct an ihn wenden. Da die jetzigen Lehrer grossen- 
theils an Seminarien oder Universitäten ihre Studien gemacht hätten zu 
Zeiten, in denen man an Hygiene noch nicht gedacht habe, sei es nicht 
zu verwundern, dass sehr Viele in hygienischen Fragen nicht zu Hause 
seien, ein grosser Theil aber arbeite sich eifrig hinein und nehme jeden 


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G4 Elfte Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndptig. zu Hannover. 

hygienischen Rath und Wink dankbar an. In Frankfurt lägen die Ver¬ 
hältnisse vielleicht besonders günstig, die Schulbehörde bethätige ein leb¬ 
haftes Interesse und reges Verstau dniss für alle sch ul hygienischen Fragen, 
Frankfurt besitze eine grosse Reihe neuer Schulbauten, die allen Anforde¬ 
rungen der Hygiene entsprächen — Alles in erster Linie die Frucht der 
rastlosen Thätigkeit Varrentrapp’s. Neuerdings sei auf Wunsch der Stadt¬ 
verordneten für eine Doppel Volksschule eine Concurrenz ausgeschrieben 
worden und es seien 52 Pläne eingegangen; aber Neues habe man aus 
ihnen nicht gelernt, alle besseren Pläne haben sich genau geglichen. So 
fest stehend seien heutzutage die wesentlich auf die Forderungen der 
Hygiene aufgebauten Grundsätze für Schulneubauten. Hier habe der 
Schularzt wirklich nichts zu thun als aufzupassen, dass der Baumeister 
nicht etwa aus architektonischen Rücksichten von den feststehenden hygie¬ 
nischen Forderungen abgehe und etwa die Pfeiler zu breit, die Fenster 
nicht bis gegen die Decke reichend etc. entwerfe. Weit wichtiger sei hin¬ 
gegen die Thätigkeit des Schularztes bei der Ueberwachung der Schulen 
in hygienischer Hinsicht und hier habe er in Frankfurt vielfach Gelegen¬ 
heit gehabt, auf sanitäre Missstände im Bau oder in der Handhabung auf¬ 
merksam zu machen und deren Abstellung soweit thunlich zu bewirken. 
Immer aber habe er dazu bei den Directoren der betreffenden Schulen Ver¬ 
ständnis und Mitwirkung gefunden, da ihnen ja die Gesundheit der Jugend 
nicht weniger am Herzen liege als dem Schulärzte. In Frankfurt bestehe so¬ 
mit der Schularzt und, wie er glaube, zum Nutzen der Schule, zum Nutzen 
der Schüler und auch zum Nutzen der Lehrer. Wenn andere Städte in 
ähnlicher Weise vorgingen und die Sache versuchten, würden die Aerzte bald 
einsehen, dass die Schulmänner nicht so schlimm seien, wie die Aerzte sie oft 
hinstellen, und die Aerzte nicht so schlimm, wie sie die Schulmänner ansehen. 

Landesrath Fnss (Danzig) hat aus den bisherigen Verhandlungen 
den sehr erfreulichen Eindruck gewonnen, dass eigentlich ein klaffender 
Gegensatz zwischen den verschiedenen Ansichten im Grossen und Ganzen 
nicht mehr existire, da die Lehrer erklären, mit lebhaftem Interesse von 
Allem Kenntniss nehmen zu wollen, was die hygienischen Anforderungen 
an das Schulwesen betreffe und um recht eingehende Instruction bitten, die 
Aerzte andererseits versprechen, keine Uebergriffe machen, den Lehrern 
die Freude am Lehrberuf nicht verleiden und, wie er hinzusetzen möchte, 
auch den Communalbeamten das Leben nicht zu schwer machen zu wollen. 
Wolle man aber an die Fassung von Thesen herantreten, wie sie von den 
Herren Referenten vorgeschlagen worden seien, so werden sich unüber¬ 
windliche Differenzen zeigen und zwar desswegen, weil damit der Verein 
in ein Element hineingreife, das seiner Competenz fern liege. Es handele 
sich hierbei in erster Linie um eine Organisationsfrage, und dabei sei doch 
nicht zu vergessen, dass der Deutsche Verein für öffentliche Gesundheits¬ 
pflege es sei, der hier Beschlüsse fassen solle, die dann doch für ganz Deutsch¬ 
land, für die einzelnen Staaten des Deutschen Reiches Geltung haben sollen. 
Wenn Herr Sanitätsrath Graf in seinen Thesen als die Quintessenz der 
ganzen Frage die Forderung stelle, dass in jeder SchulcommisBion ein Arzt 
Mitglied sein solle, so frage er, als Verwaltungsbeamter, was eigentlich eine 


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Die hygienische Beaufsichtigung der Schule durch den Schularzt 65 

Schulcommission sei. Sei damit eine locale Commission gemeint, eine 
Commission an jedem Orte, wo eine Schule sei, dann sei das Postulat absolut 
unausführbar; man denke nur an die Dorfschulen, speciell in den östlichen 
Provinzen, wo oft kaum halbwegs gebildete Menschen seien und der Schul¬ 
lehrer der einzige Mann sei, der gewandt die Feder zu führen vermöge; da 
werde eine solche Schulcommission schön ausfallen und ein Arzt, wenn er 
überhaupt zu haben sei, werde sieb bedanken hier Mitglied zu werden. 
Sei aber unter Schulcommission eine höhere Behörde zu verstehen, die, 
nach preussischen Begriffen zu reden, am Orte der Kreis- oder Regierungs¬ 
verwaltung ihren Sitz habe, so sei das ja schon vorhanden, der Kreis- 
phyöicus, der Regierungsmedicinalrath übe die verlangten Functionen aus. 
Wolle der Verein aber beschliessen, in welcher Weise dieser Arzt seine 
Functionen ausüben solle, ob als Mitglied einer Commission, ob nach 
periodischen Revisionen, ob nach continuirlichen Revisionen, da lasse sich 
kein Beschluss fassen, der für alle Theile des Vaterlandes passend sei. In 
Sachsen existire der Bezirksarzt als besondere Behörde mit dem Recht 
selbständiger Requisition, in anderen Gegenden, z. B. in Preussen, sei der 
Arzt weiter nichts als eine begutachtende Instanz; und im Wesentlichen sei 
man damit wohl zufrieden. 

Er beantrage desshab, die Thesen, wie sie von den beiden Herren 
Referenten aufgestellt worden seien, dankbar anzunehmen als Ausdruck des 
Standpunktes, der auf der einen Seite wesentlich übereinstimmend von den 
Aerzten, auf der anderen Seite von den Scbulmännern eingenommen werde. 
Es sei ja sehr wünschenswerth, dass die Aerzte aussprechen, wie sie ihren 
Einfluss allmälig zu gewinnen denken und andererseits sei es sehr zu wün¬ 
schen, dass seitens der Schulmänner und auch seitens der Verwaltungen 
den ärztlichen Forderungen in ihnen zustehende Bedeutung beigemessen 
werde. Sollte wirklich einmal in dem Eifer für hygienische Einrichtungen, 
der, Gott sei Dank, bei den communalen und Staatsverwaltungen zur Zeit 
rege sei, nachgelassen werden, dann sei die Zeit zu sagen, jetzt müsse dem 
Arzte eine wichtigere Stellung eingeräumt werden. Für heute solle sich 
der Verein mit einem non liquet begnügen und wünschen, dass der Eifer, 
der für die hygienischen Einrichtungen überall zu Tage getreten sei, auch 
zur That werden möge. Sein Antrag laute desshalb: 

„Die Versammlung wolle von einer Beschlussfassung über die 
vorgeschlagenen Thesen Abstand nehmen.“ 

Kreisphysicns Dr. Rapniund (Nienburg) kommt auf den von dem 
Herrn Referenten am Schlüsse seines Vortrages zur Begründung seines Mahn¬ 
rufes, dem Arzte eine grössere Thätigkeit hinsichtlich der Ausübung der Schul¬ 
hygiene zu geben, berangezogenen Vergleich des Auslandes zurück und 
speciell auf die Behauptung, dass Deutschland in Bezug auf die hygienischen 
Einrichtungen und die deutsche Jugend in Bezug auf ihre körperliche Ent¬ 
wickelung wegen das Ausland zurückstehe. Diese Motivirung müsse er 
entschieden als unrichtig zurückweisen. Es treffe durchaus nicht zu, dass 
die hygienischen Einrichtungen an den deutschen Schulen schlechter seien 
als im Auslande, was die Volksschulen betreffe, seien sie sogar besser, als 
z. B. in Frankreich und England, wo man wohl in den grösseren Städten 

Vierteljahrsfichrift für Gesundheitspflege, 1886. 5 


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66 Elfte Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndpflg. zu Hannover. 

prachtvolle Schulen habe, wie sie Deutschland auch besitze, wo aber in 
kleineren Orten die Volksschulen meist entschieden hinter den deutschen 
zurückstehen. Noch viel weniger aber brauche die deutsche Bevölkerung 
hinsichtlich ihrer körperlichen Entwickelung den Vergleich mit dem Aus¬ 
lande zu scheuen; denn was dieselbe an Ausdauer und Kraft zu leisten im 
Stande sei, das habe vor 14 Jahren der Feldzug gezeigt. 

Trotzdem sei er aber nicht im Entferntesten gegen eine grössere Be¬ 
rücksichtigung der Hygiene in der Schule und möchte ebenfalls dem Arzte 
eine grössere Mitwirkung hierbei zuweisen, als dieser bisher in den meisten 
Staaten habe. Wenn er hierin auch nicht so weit wie der Herr Referent 
gehe, so sei ihm doch andererseits das, was der Herr Correferent Bertram 
Vorschläge, viel zu wenig. Nach seiner Ansicht sei es unbedingt nöthig, 
dass der Arzt nicht bloss in den oberen, sondern auch in den unteren 
Instanzen bei der Schulhygiene mitwirke. Den oberen Behörden vor Allem 
komme es zu, allgemeine Fragen bei der Aufstellung von Normativbestim¬ 
mungen zu entscheiden, und auf diese Weise dem Uebelstande vorzubeugen, 
dass von dem einen Schulärzte so, von dem anderen umgekehrt entschieden 
werde, wie dies z. B. bei infectiöscn Krankheiten, dem eventuellen Schliessen 
der Schulen hierbei etc., wobei die Ansichten der einzelnen Aerzte noch 
ziemlich aus einander gingen, der Fall sein könne. Wolle man eine er- 
spriessliche Wirksamkeit des Schularztes in den betreffenden Schulcommis¬ 
sionen erreichen, dann sei es nöthig, ihm gerade für die wichtigsten Fälle 
Normativbestimmungen an die Hand zu geben, die von anerkannten Auto¬ 
ritäten in den Oberbehörden erlassen seien und deren Ausführung der 
Schularzt zu veranlassen und zu überwachen habe. Ohne eine solche 
Commission und ohne einen in derselben befindlichen Schularzt werde jede in 
hygienischer Hinsicht erlassene Bestimmung einfach auf dem Papier stehen 
bleiben und von dem Lehrer nur zu häufig nicht beachtet werden. 

Da zweifellos die meisten der Anwesenden darüber einig seien, dass 
eine grössere ärztliche Thätigkeit bei Handhabung der Schulhygiene nöthig 
sei und auch darüber, dass bestimmte Schulcommissionen zu schaffen seien, 
in denen ein qualificirter Arzt Sitz und Stimme habe, so seien es eigent¬ 
lich nur die vorzunehmenden Revisionen, hinsichtlich deren die Ansichten 
aus einander gehen. Wolle die Commission Einfluss auf die Hygiene der 
Schule haben, dann sei es aber auch nöthig, dass sie Revisionen abhalte, 
continuirliche oder periodische, und zwar durch den Schularzt in Gemein¬ 
schaft mit dem Schulinspector und einem Baubeamten, die sich dann gleich 
über die hygienisch zu beanstandenden Punkte einigen könnten. 

Desshalb beantrage er, der These 1 und 2 des Herrn Correferentcn 
Bertram beizustimmen, statt der These 3 aber Zusagen; 

„Für die praktische Durchführung anerkannter Normen der 
Schulhygiene sind Schulcommissionen, in denen ein qualificirter 
Arzt Sitz und Stimme hat, erforderlich, sowie geeignete Instruc¬ 
tionen für die Lehrer.“ 

Das Wort „qualificirter Arzt“ habe er gewählt, ohne näher zu bestimmen, 
wann ein Arzt für dieses Amt als qualificirt zu erachten sei, da dies eine 
Verwaltungssache sei und die Regierung allein darüber zu entscheiden und 
die entsprechenden Bestimmungen zu treffen habe. 


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Die hygienische Beaufsichtigung der Schule durch den Schularzt. 67 

Obermedicinalrath Dr. Battlehner (Karlsruhe) bestätigt nach 
seinen Erfahrungen, daßs bei dem besten Willen der Lehrer und Directoren die 
für die Entwickelung der Kinder nöthigen hygienischen Bedingungen nicht 
so gehandhabt werden, wie es sein sollte. Die Schule sei nicht, wie der 
Herr Correferent meine, ein der Gesundheit günstiges Institut, sondern der 
Schulbesuch habe vielfache sanitäre Nachtheile und diese durch stete ärzt¬ 
liche, sachverständige Beaufsichtigung der hygienischen Verhältnisse thun- 
lichßt zu verringern, müsse das Hauptbestreben sein. Komme man in eine 
Schule mit hoch hinaufgehenden Fenstern, die zur Lüftung vollkommen 
hinreichen, so finde man die Fenster geschlossen, die Luft verdorben, dick 
zum Schneiden; der Thermometer hänge an der Wand, aber die Tempe¬ 
ratur sei 23°, 24° und der Lehrer merke gar nichts davon. Hier müsse 
Wandel geschaffen werden. Die nöthige Beaufsichtigung finde aber nicht 
statt: zeitweise gehe der Bezirksarzt in die Schule, bei gewissen Gelegen¬ 
heiten auch die Referenten des Ministeriums selbst, aber das genüge nicht, 
die Beaufsichtigung müsse eine stetigere sein. 

In einer Conferenz der sämmtlichen Schuldirectoren des badischen 
Landes sei die Frage zur Verhandlung gekommen und man habe sieb gegen 
den sogenannten Aufsichtsratb, der allerdings auch noch andere Aufgaben 
haben solle und in welchem ausser dem Arzte noch Männer anderer Stel¬ 
lungen Eintritt finden sollen, anfangs heftig gesträubt und zwar, wie der 
Herr Correferent, hauptsächlich aus pädagogischen Gründen, man habe es 
durchaus für nöthig gehalten, in der Alleinherrschaft, namentlich in Bezug 
auf die Disciplin, nicht beeinflusst zu werden. Im Laufe der Discussion 
aber, in der ausgeführt worden sei, dass selbst die höchsten Staatsbeamten 
heutigen Tages eine gewisse Controle und nicht zum Nachtheil des Ganzen 
sich gefallen lassen müssen und dass sich die Directoren in dieser Beziehung 
nicht ausschliessen dürfen, und zwar weil durch die Beigabe eines Schul- 
aufsiebtsrathes ihre Wirksamkeit in disciplinärer Beziehung nur von 
grösserem Erfolg sein werde, habe sich die Stimmung der Directoren ge¬ 
ändert und schliesslich sei seitens der Directorenconferenz einstimmig die 
Entschliessung angenommen worden, dass, wo es irgend möglich sei, für 
jede Schule, auch für die Volksschule, Schulräthe geschaffen würden, denen 
wenn thunlich, ein Arzt angehören solle und ferner, dass den Lehrern, so¬ 
wohl denen für das höhere Schulfach als denen für die Volksschule, während 
ihrer Unterrichtszeit Gelegenheit gegeben werden müsse, Bich in Bezug auf 
die Schulhygiene hinlängliche Kenntnisse zu verschaffen; ja es sei sogar in 
Aussicht genommen worden, dass die Candidaten des Schulfaches in Zukunft 
bei der Prüfung auch Zeugniss ablegen sollten, ob sie auf dem Gebiete der 
Schulhygiene gehörig zu Hause seien. 

Bfirgermeister Strnckmann (Hildesheim) constatirt, dass in der 
Versammlung darüber Einverständniss herrsche, dass den Aerzten in Betreff 
der Schulverwaltung eine Mitwirkung eingeräumt werden müsse, dass manche 
Frage bei der Schulverwaltung ohne ärztlichen Beistand nicht gelöst werden 
könne. Der Streit bestehe hauptsächlich darin, in welcher Form diese Mit¬ 
wirkung der Aerzte herbeigeführt werden Bolle und hier theile er viele der 
von dem Herrn Correferenten hervorgehobene Bedenken. Die Sache müsse 

5 * 


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68 Elfte Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndpflg. zu Hannover. 

mit ganz ausserordentlicher Vorsicht an gefasst werden, damit nicht von 
vornherein in dieser sehr wichtigen Angelegenheit Zwiespalt entstehe zwi¬ 
schen denen, die zunächst die ganze Schulverwaltung zu fuhren haben und 
denen, die nur nach einer gewissen Richtung hin zur Einwirkung auf die 
Schulverwaltung berufen werden sollen. Das Bedenken, das man dagegen 
haben könne, dass Jemand in einzelnen Fragen der Schulverwaltung mit¬ 
zuwirken berufen werden solle, werde sehr bedeutend dadurch gehoben, 
wenn dem Betreffenden eine Stellung in der Organisation der Schulverwal¬ 
tung überhaupt gegeben werde, da sich dadurch, dass der Arzt in der 
Schulbehörde nicht immer lediglich vom Gesichtspunkte des Arztes aus zu 
arbeiten habe, sondern als integrirender Bestandteil der Behörde auch für 
die übrigen Gesichtspunkte mitverantwortlich sei, die Gegensätze am besten 
ausgleichen. In Hildesheim sei z. B. in der Schulcommission der höheren 
Töchterschule ein Arzt — weil er zufällig Bürgervorsteher sei — und hier 
seien Differenzen bislang nie vorgekommen, die gemeinsame Arbeit schleife 
die Differenzen ab. Eine solche Anwesenheit eines Arztes in der Schul¬ 
commission als allgemeine Forderung hinzustellen, das sei jedoch unmög¬ 
lich, da nicht überall Schul Commissionen seien und sein könnten, und wo 
sie seien, seien sie vielfach gar nicht geeignet einen Arzt als Mitglied zu 
haben. Ausserdem sei auch die erforderliche Anzahl von Aerzten wohl gar 
nicht vorhanden und diese würden vielfach auch gar keine Lust haben, ein 
solches oft sehr undankbares Geschäft neben einer vielleicht ausgedehnten 
Landpraxis zu übernehmen, das sie mit Arbeit überlaste, ohne ihnen ein 
für sie geeignetes Arbeitsfeld zu geben. Er halte es desshalb für bedenklich, 
wenn der Verein eine ganz undurchführbare Forderung aufstelle, von der 
jeder Verwaltungsbeamte sagen müsse, das sei von Leuten ausgearbeitet, 
die nicht in der Verwaltung stehen und denen die Gonsequenzen nicht klar 
gewesen seien. Wohl aber könne man den Satz so aufstellen: 

„Es ist eine berechtigte Forderung, dass dem Arzte eine unter 
Berücksichtigung der localen und sonstigen einschlagenden Ver¬ 
hältnisse näher zu ordnende Mitwirkung bei der Schulverwaltung 
eingeräumt werde.“ 

Diese Mitwirkung brauche man sich ja nicht nothwendigerweise nur 
in der Eigenschaft als Mitglied einer Schulcommission zu denken, wo eine 
geeignete Schulcommission nicht sei, finde sich wohl eine andere Form, da 
werde man den Arzt nur zu Gutachten auffordern, oder man werde ihm 
vielleicht eine beaufsichtigende Stellung geben können, die einem Dorf¬ 
schullehrer gegenüber auch etwas viel weniger Unangenehmes haben werde, 
als dem Director eines Gymnasiums gegenüber. Jedenfalls dürfe man die 
Aufsicht oder Mitwirkung des Arztes bei einer Dorfschule und diejenige bei 
einer höheren Schule in einer Stadt mit einem geordneten Schulwesen nicht 
gleich behandeln, hier seien die localen Verhältnisse zu berücksichtigen 
und die in den verschiedenen Gegenden ganz verschiedene Gesetzgebung. 
Desshalb sei es wohl das Zweckmässigste, der Verein bestehe nicht auf dem 
ärztlichen Mitgliede der Schulcommission und stelle nur die Forderung, der 
wohl Alle zustimmen können, dass dem Arzte in irgend geeigneter Weise 
eine Mitwirkung bei der Schulverwaltung eingeräumt werde, wie dies in 
dem von ihm gestellten Anträge Ausdruck finde. 


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Die hygienische Beaufsichtigung der Schule durch den Schularzt. 69 

Stadtrath Marggraff (Berlin) glaubt die von Herrn Bürgermeister 
Struckmann aufgestellte These sei wohl nur aufgestellt, um einen ein¬ 
stimmigen Beschluss der Versammlung herbeizuführen. Da die ganze Frage 
aber, wie verschiedentlich hervorgehoben worden sei, eine wesentlich orga¬ 
nisatorische sei, da sich, in welcher Fassung eine Resolution auch angenom¬ 
men werde, Jeder je nach den örtlichen, ländlichen oder städtischen Ver¬ 
hältnissen und je nach der in seinem Lande gerade bestehenden Gesetzgebung 
unter der Instanz, in der die Aerzte eingeführt werden sollen, etwas ganz 
Anderes denke, da mit einer solchen Resolution eigentlich gar nichts gesagt 
sei und jede Commune, jede Verwaltung damit doch machen könne, was sie 
wolle, so wäre es wohl das Zweckmässigste, von jeder Beschlussfassung 
Abstand zu nehmen; der Verein folge damit auch seiner bisherigen Praxis, 
keine Resolutionen zu fassen. 

Dr. med. Kalischer (Berlin) ist der Ansicht, der Verein müsse eine 
gewisse Gleichmässigkeit in der Handhabung der Geschäfte zeigen, wenig¬ 
stens innerhalb einer Sitzungsperiode, und da gestern von einer Beschluss¬ 
fassung über die Thesen des Herrn Generalarzt Roth Abstand genommen 
worden sei, weil es gegen den Gebrauch sei, so könne der Verein doch 
heute nicht wieder anders beschlossen und von dem Gebrauch wieder 
keinen Gebrauch machen; er schliesse sich desshalb der Ansicht des Herrn 
Stadtrath Marggraff an. 

Sanitätsrath Dr, Spiess (Frankfurt a. M.) tritt den Behauptungen 
der beiden Herren Vorredner entgegen, dass es gegen die bisherige Praxis, 
gegen den Gebrauch im Vereine sei, Resolutionen zu fassen und weist darauf 
hin, dass der Verein sehr häufig Beschlüsse gefasst habe — er erinnere nur 
an die Münchener Thesen über Bauhygiene, die in allen seit jener Zeit 
erlassenen Bauordnungen Berücksichtigung gefunden hätten — und erst in 
der letzten Zeit habe man öfters aus Zweckmässigkeitsgründen von Beschluss¬ 
fassungen abgesehen. Aber bedauerlich würde es sein, wenn der Verein 
das Princip aufstellen wolle, dass gar keine Resolutionen mehr gefasst werden 
sollen; diese Frage müsse in jedem einzelnen Falle nach Lage der Sache 
für sich entschieden werden. Im vorliegenden Falle sei nicht Ein Redner 
gewesen, den Herrn Correferenten nicht ausgenommen, der nicht in irgend 
einer Form die Mitwirkung der Aerzte bei der Schulhygiene für nothwen¬ 
dig erklärt habe und der Verein müsse, wenn er nicht überhaupt von dem 
Mitsprechen in solchen Fragen gänzlich abdanken solle, auch ein Urtheil 
in dieser Frage abgeben. Der Grund, dass der Verein gestern keinen 
Beschluss gefasst habe und desswegen auch heute keinen fassen dürfe, halte 
er für durchaus hinfällig; der Verein habe gestern keinen Beschluss gefasst, 
nicht weil es nicht Usus sei, sondern weil es ihm bei der vorliegenden Frage 
nicht zweckmässig erschienen habe und heute fasse er vielleicht einen 
Beschluss, wenn er es für die Frage forderlich erachte. 

Stadtrath Hendel (Dresden) stimmt dem Vorredner vollständig bei; 
seit acht oder neun Jahren, seit er dem Vereine angehöre, wisse er gar nicht 
anders, als dass regelmässig Beschlüsse über die verhandelten Fragen gefasst 
worden seien, wenn diese Fragen dazu angethan gewesen seien. Der Verein 
verzichte auf alle grösseren praktischen Erfolge, wenn er keine Beschlüsse 


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70 Elfte Versammlung d. D. Vereins f. off. Gsndpflg. zu Hannover. 

fasse; sonst käme es nur darauf hinaus, dieCongresse abzuhalten, um einige 
akademische Vorträge zu hören, die Jeder ebenso gut gedruckt lesen könne. 
Gerade in der Schulhygiene habe, wie der Herr Referent ja auch mit- 
getheilt habe, der Verein wiederholt bereits Beschlüsse gefasst und er halte 
es für sehr wünschenswerth, dass der Verein auch bei der vorliegenden Frage, 
die eine eminent wichtige sei, zu einer Beschlussfassung komme. 

Hiermit ist die Discussion geschlossen. Es erhalten das 
Schlusswort 

Referent Dr. Baginsky: 

„Meine Herren! Sie dürfen nicht glauben, dass der Widerstreit der 
Anschauungen zwischen mir und dem Herrn Correferenten so bedeutend ist, 
wie dies aus der Gegenüberstellung der Thesen scheint. Private Unter¬ 
redungen haben es mir nicht unwahrscheinlich gemacht, dass ein Aus¬ 
gleich möglich ist. Daher vermeide ich an dieser Stelle eine eingehende 
Replik der vielfach anfechtbaren Ausführungen des Herrn Correferenten und 
hebe ausdrücklich hervor, dass mir nicht in den Sinn kommt, aus der Stel¬ 
lung der Aerzte in der Schule eine Machtfrage für dieselben zu machen. 
Mir kommt es lediglich auf den Zweck, der hygienischen Normalgestaltung 
der Schule an, und wenn dieselbe durch so vorzüglich hygienisch vor¬ 
gebildete Pädagogen erreicht werden kann, wie der Herr Correferent selbst 
ist, so würde ich keinen Augenblick Anstand nehmen vorzuschlagen, dem 
Pädagogen die Schule selbst zu überlassen. Leider fehlt aber einer sehr 
grossen Anzahl von Pädagogen jede hygienische Kenntniss, ja oft selbst der 
Sinn für die Gesundheitspflege. Ersparen sie es mir bei der vorgeschritte¬ 
nen Zeit diese Behauptung, die auf eigener Wahrnehmung beruht, zu bewei¬ 
sen. Weil dies aber so ist, wird man die Mitwirkung des Arztes in der 
Schule nicht entbehren können. Ob man nun dem Arzte, als Schularzt, in 
der Art und Weise, wie ich es ansgeführt habe, eine Stellung in der Schule 
geben will, ob man andere Abgrenzungen der ärztlichen Competenz finden 
will, halte ich für völlig gleichgültig. Wichtig ist einzig und allein die 
Sicherstellung des ärztlichen Einflusses in der Schule. In diesem Sinne 
bitte ich die verehrte Versammlung ihre Entschliessungen zu fassen.“ 

Correferent Stadtschulr&th Dr. Bertram: 

„Meine Herren! Trotz der sehr freundlichen Captatio des Herrn 
Referenten möchte ich doch hier wenigstens die Bitte aussprechen: Ver¬ 
meiden Sie das Wort „Beaufsichtigung durch den Schularzt“; daran liegt 
sehr viel. Im Uebrigen, glaube ich, würden Sie die von mir vorgeschlagenen 
Thesen eigentlich annehmen können, insofern Sie die Mitwirkung des Schul¬ 
arztes an höchst bedeutenden Stellen voraussetzen. Sie könnten vielleicht, 
um die dritte These annehmbarer zu machen, die Worte fortlassen: „als 
schulärztliche Revisionen“ und dann schreiben: „Für die praktische Durch¬ 
führung anerkannter Normen sind geeignete Instructionen für die Lehrer 
wünschenswerth“ und damit abbrechen. 

„Es ist mir fraglich, ob der Vorschlag des Herrn Bürgermeister Struck- 
mann eine wesentliche Wirkung ausübeü wird, eben weil die Organi- 


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Die hygienische Beaufsichtigung der Schule durch den Schularzt 71 

sationen für diese Schulbehörden sehr verschiedene sind. Nehmen Sie unter 
den Begriff Commission — ich weiss nicht, ob Herr Bürgermeister Struck - 
mann gesagt hat Commission — nur die Ministerialinstanz oder die Pro¬ 
vinzialinstanz, so sagen Sie etwas, was schon besteht, denn die ziehen immer 
den Arzt zu Käthe. Verstehen Sie darunter Schuldeputationen grosser Städte, 
so sagen Sie auch etwas, was in der Regel stattfindet, denn fast alle der¬ 
artigen Schuldeputationen haben Aerzte als Mitglieder. Eine Organisation 
der Schulen nach Kreisen, wie hier erwähnt wurde, haben wir ja aber nicht. 
Die Schulen stehen nicht zunächst unter der Kreisverwaltung. Wir haben 
zwar Kreisschulinspectoren; diese stehen aber unter der Regierung in 
PreuBsen. In anderen Staaten werden sich noch wieder andere Organi¬ 
sationen zeigen. AIbo wenn Sie unter Commission die Schulvorstände der 
einzelnen Schulen meinen, so wird damit nicht viel bewirkt werden. Jeden¬ 
falls aber möchte ich bitten, die Resolution so zu fassen, dass Sie dem Lande 
der Schulen, das durch seine Schulen wirklich gross geworden ist, nun 
schliesslich, nachdem es zu der Grösse gelangt ist, nicht in Bezug auf die 
Schulen ein directes Misstrauensvotum geben. u 


Es wird hierauf zur Abstimmung geschritten und zunächst der 
Antrag des Herrn Landesrath Fuss, „von jeder Beschlussfassung abzu¬ 
sehen u , mit grosser Majorität abgelehnt. Sodann wurde auf Antrag des 
Herrn Sanitätsrath Dr. Nötzel beschlossen, die verschiedenen Antragsteller, 
die beiden Herren-Referenten, sowie die Herren Dr. Graf, Gymnasial- 
director Dr. Fulda, Dr. Rapmund und Bürgermeister Struckmann, 
zu ersuchen, sich über eine gemeinsame Fassung der Thesen zu verstän¬ 
digen und diese in der nächsten Sitzung ohne weitere Discussion zur 
Abstimmung vorzulegen. 

Schluss der Sitzung V 2 3 Uhr. 


Nach Schluss der Sitzung traten die Herren Referenten und Antrag¬ 
steller mit Ausnahme des nicht mehr anwesenden Herrn Sanitätsrath Dr. Graf 
zu einer Besprechung zusammen, in der sie sich über folgende Fassung der 
Thesen einigten: 

1. „Die Schulhygiene wird am wirksamsten gefordert durch wissen¬ 
schaftliche Erörterungen, welche von Aerzten ausgehen, die über 
Schnleinrichtungen umfassende Beobachtungen anstellen. 

2. „Aerztliche Autoritäten sollen bei Aufstellung von Normativbestim¬ 
mungen über Schulhygiene, sowie bei der Entscheidung allgemeiner 
auf dieselbe bezüglichen Fragen zu Rathe gezogen werden. 

3. „Behufs praktischer Durchführung anerkannter Normen der Schul¬ 
hygiene ist sowohl die hygienische Ausbildung der Lehrer als die 
Mitwirkung dazu qualificirter Aerzte wün sehen swertb.“ 

Die so vereinbarten Thesen wurden zu Anfang der dritten Sitzung zur 
Abstimmung gebracht und nahezu einstimmig angenommen. 


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72 Elfte Versammlung d. D, Vereins f. öfF. Gsndpflg. zu Hannover. 


Dritte Sitzung. 

Mittwoch, den 17. September, Vormittags 9 Uhr. 

Vorsitzender Ober Ingenieur Meyer eröffnet die Versammlung mit 
folgender Mittheilung: 

„Meine Herren! Gestern, als wir uns zum Essen versammelt hatten, 
kam ein Abgesandter des Comites für das Stromey er-Denkmal, Herr Bau¬ 
rath Köhler, zu mir und lud uns freundlichstein, an der Enthüllungsfeier 
theilzunehmen. Die Enthüllung war aber auf 5 Uhr angesetzt, und so 
gross die Sympathie unseres Vereins für das Stromey er- Denkmal ist, so 
gern sich insbesondere die Aerzte betheiligt haben würden, und so gern 
wir nachträglich in den Zeitungen mit vollem Interesse dem würdigen Ver¬ 
laufe der Feier gefolgt sind, so war es uns doch durch die freundlichen 
Veranstaltungen, die insbesondere der Magistrat der Stadt gerade um die¬ 
selbe Zeit für das Wohl unseres Vereins getroffen hatte, die denn auch einen 
so günstigen Verlauf genommen und uns belehrt und ernährt haben, nicht 
möglich, an der Enthüllungsfeier theilzunehmen. Ich wollte das hier con- 
statiren und das sympathische Interesse, welches unsere Versammlung der 
Errichtung des Stromeyer-Denkmals entgegenbringt, hier ausdrücklich an 
den Tag gelegt haben.“ 

Hierauf gelangen die auf Grund des gestrigen Beschlusses von den 
Antragstellern in der Frage der ärztlichen Beaufsichtigung der 
Schulen vereinbarten Thesen zur Verlesung und werden nahezu einstimmig 
angenommen (siehe oben S. 71). 

Sodann schreitet die Versammlung zur Neuwahl des Ausschusses. 
Derselbe bestand bisher aus den Herren Staatsminister a. D. Hobrecht 
(Berlin), Bürgermeister Dr. v. Erhardt (München), Ingenieur Professor 
Rietschel (Berlin), Statthaltereirath Dr. Ritter v. Karajan (Wien), 
Sanitätsrath Dr. Graf (Elberfeld), Generalarzt Professor Dr. Roth (Dresden) 
und Sanitätsrath Dr. Spiess (Frankfurt a. M.). 

Auf Antrag des Herrn Sanitätsrath Dr. Le nt (Köln) wurden durch 
Acclamation, nachdem der Vorsitzende durch Abstimmung ausdrücklich 
constatirt hatte, dasB von keiner Seite ein Widerspruch dagegen erhoben 
werde, die folgenden Herren gewählt: 

Staatsrainister Hobrecht, Excellenz (Berlin), 

Bürgermeister Dr. v. Erhardt (München), 

Sanitätsrath Dr. Graf (Elberfeld), 

Statthaltereirath Dr. Ritter v. Karajan (Wien), 

Bürgermeister Struckmann (Hildesheim), 


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Durchlässigkeit von Mauern u. Zwischenböden der Wohnräume. 73 

welche in Gemeinschaft mit den Herren 

Oberingenieur F. Andreas Meyer (Hamburg) als Vorsitzendem und 
Sanitätsrath Dr. Spiess (Frankfurt a. M.) als ständigem Secretär 
den Ausschuss für 1884 —1885 bilden werden. 


Fs erhält hierauf das Wort zum Referat über den dritten Gegenstand 
der Tagesordnung: 


Vortheile und Nachtheile der Durchlässigkeit 
von Mauern und Zwischenböden der Wohn- 
räume. 


Referent Rector Professor Dr. Recknagel (Kaiserslautern): 

„Hochgeehrte Versammlung! 

„Sie erinnern sich aus dem Vortrage des Herrn Prof. Flügge, dass 
die Physik unter die HülfswisBen schäften der Hygiene gerechnet wird. Ich 
möchte Ihnen heute ein Beispiel geben, in wie weit die Physik im Stande 
ist, der Hygiene zu helfen. 

„ProgrammmäBsig soll ich sprechen über die Vorth eile und Nachtheile 
der Porosität, der Durchlässigkeit der Wände unserer Wohnungen. Glück¬ 
licherweise brauche ich die Sache nicht in der Weise einzutheilen, dass ich 
etwa erst von den Vortheilen und dann von den Nachtheilen spreche, son¬ 
dern es giebt einen allgemeinen Gesichtspunkt, von welchem aus diese Vor¬ 
theile und Nachtheile ganz von selbst in die Augen springen werden. Dieser 
allgemeine Gesichtspunkt ist die Theorie der Luftbewegung in den Gebäuden, 
oder, wie man auch kurz zu sagen pflegt, die Theorie deB Luftwechsels. 

„Wie auf vielen anderen Gebieten, so hat auch hier Pettenkofer 
nicht nur etwa eine Anregung, sondern sogar einen recht kräftigen Anstoss 
gegeben, indem er nämlich schon im Jahre 1858 über die Grosse des Luft¬ 
wechsels in seinem Arbeitszimmer Versuche anstellte. Er that das mittelst 
einer von ihm selbst erfundenen Methode, der jetzt fast allgemein bekannten 
Methode der Kohlensäurebestimmung, und kam zu dem merkwürdigen 
Resultate, dass in einem Zimmer, welches 20° wärmer war alB seine Um¬ 
gebung, in der Stunde 95 cbm Luft ein- und ausgingen, also 95 cbm hinein 
und zu gleicher Zeit 95 cbm hinaus. 

„Als er denselben Versuch bei einer Temperaturdifferenz von 4° wieder¬ 
holte, fand er nur 22 cbm, so dass sofort eine Proportionalität zwischen der 
Temperaturdifferenz des Zimmers und seiner Umgebung einerseits und der 
Grösse des Luftwechsels andererseits angenommen wurde. 

„Pettenkofer hat sich nun nicht auf die Constatirung dieses Luft¬ 
wechsels beschränkt, sondern er versuchte, unterstützt von zahlreichen 


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74 Elfte Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndpflg. zu Hannover. 

Schülern, in der Folge noch weitere Aufschlüsse über denselben Gegenstand 
zu gewinnen. 

„Insbesondere ist in dieser Zeit der Versuch gemacht worden, gewisse 
Grenzen für die noch zulässige Stärke der Verunreinigung der Luft, wie sie 
durch das Athmen der Menschen stattfindet, aufzustellen. Die Grenze, die 
Pettenkofer hier anfgestellt hat, 1 pro mille Kohlensäuregehalt, ist nur so 
zu verstehen, dass diese 1 pro mille die Grenze für die Verunreinigung der 
Luft für den Fall sein soll, dass die Kohlensäure, die in die Luft hinein¬ 
kommt, nur durch das Athmen von Menschen hineingebracht wird. Also 
Pettenkofer will keineswegs, wie das häufig missverständlich gedacht 
wird, sagen, dass eine Luft, die 1 pro mille oder 2, oder 3, 4 pro mille 
Kohlensäure enthält, gesundheitsschädlich ist, sondern er hat aus der Ein¬ 
wirkung, welche Luft, die diesen oder jenen Kohlensäuregehalt hatte, auf 
seinen Geruchssinn, auf sein Wohlbefinden und auf den Geruch und das 
Wohlbefinden Anderer aasübt, den Schluss gezogen, dass, wenn einmal der 
Kohlen säuregeh alt der Luft 1 pro mille übersteigt, sie durch das Athmen 
und die Ausdünstung der Menschen so verschlechtert ist, dass eine Erneue¬ 
rung derselben dringend geboten erscheint. So ist das zu verstehen. Keines¬ 
wegs hat man dabei gedacht, zu behaupten, dass eine Luft, welche so und 
so viel Kohlensäure enthält, gesundheitsschädlich sei. 

„In der Folge nach dem Jahre 1858 haben sich dann Wolffhügel, 
Lang und Andere bemüht, Weiteres zur Beleuchtung des Gegenstandes bei¬ 
zutragen, theils durch literarische Arbeiten, indem sie weitere Kreise dafür 
zu interessiren suchten, theils auch durch directe Forschungen. 

„In diese Zeit fallen die wichtigen Versuche über die Durchlässigkeit 
der Baumaterialien, wie sie insbesondere von Lang und Anderen angestellt 
worden sind. Sie wurden in der Weise gemacht, dass man Stücke von ein¬ 
zelnen Steinen oder auch von Mörtel, selbst von Sand und dergleichen prä- 
parirte, unter einem verhältnissmässig sehr starken Druck Luft durch 
diese Stücke hindurchtrieb, und zu messen versuchte, wie viel Luft etwa in 
einer Stunde durch ein solches Stück hindurchgepreBst wurde. Diese Ver¬ 
suche haben ein sehr merkwürdiges und eigentümliches, ganz gewiss un¬ 
erwartetes Resultat ergeben. Man nahm Drücke von 17 bis 20 mm Wasser, 
also von 17 bis 20kg pro Quadratmeter, Drücke, die bei der natürlichen 
Ventilation, wie wir sehen werden, kaum Vorkommen, und fand dabei, dass 
die Durchlässigkeit dieser Baumaterialien ausserordentlich gering ist. 

„Wenn man diejenige Definition der Durchlässigkeit eines Bau¬ 
materials annimmt, welche ich im Jahre 1878 gegeben habe, wonach man 
unter Durchlässigkeit die Menge von Luft versteht, welche unter dem 
Drucke eines Millimeters Wasser oder eines Kilogramms pro Quadratmeter 
in einer Stunde durchgelassen wird, so bewegen sich alle die Zahlen, die 
damals gefunden worden sind, in der zweiten Decimale, also 0*02, 0*05 
u. dergl. Es wird sich zeigen, dass sich aus diesen Zahlen kein derartiger 
Luftwechsel, wie ihn Pettenkofer gefunden hat, erklären lässt, und wir 
werden also darauf zurückkommen, dass es nicht die eigentlichen Bau¬ 
materialien sind, welche den Luftwechsel vermitteln, sondern dass es viel¬ 
mehr die zwischen ihnen bei ihrer Aneinanderfügung gebliebenen Ritzen, 
Fugen u. s. w. sind, denen wir den Luft Wechsel verdanken. 


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Durchlässigkeit von Mauern u. Zwischenböden der Wohnräume. 75 

„In diese Zeit zwischen 1858 und der Gegenwart fallt auch der Nach¬ 
weis, dass ein physikalisches Gesetz, welches schon längst als gültig für den 
Luftdurchgang durch capillare Röhren bekannt ist, auch für den Durchgang 
der Luft durch die Poren der Wände Gültigkeit besitzt. Es wurde nämlich 
an denselben Stücken, welche zur Bestimmung der Durchlässigkeit dienten, 
Versuche unter verschiedenem Drucke gemacht, und es zeigte sich, dass 
die Menge der unter diesen verschiedenen Drücken durchgegangenen Luft 
einfach dem an ge wendeten Drucke oder besser dem Ueberdrucke von der 
einen Seite gegen die andere Seite proportional ist, so dass also bei 2-, 3-, 
4 mal so grossem Drucke auch die 2-, 3-, 4 fache Luftmenge hindurch¬ 
getrieben wird. 

„Ohne Druck geht natürlich nichts durch, das folgt sofort aus diesem 
Gesetz. Also man kann sich nicht etwa denken, dass die Luft von selbst 
durch die Poren durchgeht, etwa zu ihrem Vergnügen oder zu ihrer Unter¬ 
haltung; von selbst geschieht gar nichts, die Luft kann sich von seihst 
nicht in Bewegung setzen, am allerwenigsten aber bemüht sie sich, durch 
unsere Baumaterialien hindurchzudringen, sondern es muss ein statischer 
Druck vorhanden sein, welcher die Luft hin durch treibt. Die Bewegung der 
Luft ist ja eine Wirkung, und eine Wirkung muss eine Ursache haben. 
Wenn wir also sehen, dass sich ruhige Luft plötzlich in Bewegung setzt, 
um durch Ziegelsteine hindurchzugehen, so werden wir nothwendig auf 
Kräfte schliessen müssen: die Luft geht nicht durch die Ziegelsteine, die 
Luft geht nicht durch unsere Wände, sondern sie wird durchgedrückt und 
muss durchgedrückt werden. 

„Mit diesem Resultat über die Durchlässigkeit und mit diesem Gesetze 
der Durchlässigkeit konnte man doch immer noch nichts Rechtes anfangen. 
Es fehlte an einem Messinstrumente, um die geringen Drücke, welche die 
Luft durch die Poren hindurchtreiben, nach zu weisen, und es fehlte in der 
Folge auch an der Erkenntniss, in welcher Weise man sich diesen Durch¬ 
gang der Luft zu denken hat, in welchem der Luftwechsel besteht. 

„Ich glaube, der guten Meinung, die meine Freunde von meinen eigenen 
Leistungen in dieser Beziehung haben, verdanke ich die Ehre, heute vor 
Ihnen zu sprechen. 

„Es ist mir nämlich gelungen, die betreffenden Instrumente wirklich 
herzustellen und die bereits bestehenden soweit zu verfeinern und zu ver¬ 
bessern, als es für diese Zwecke der Messung von Drücken, die sich inner¬ 
halb eines Millimeters Wasserhöhe bewegen, erforderlich ist. 

„Dann ist es mir auch gelungen, mit Hülfe dieser Instrumente zu 
finden, wie die Bewegungen vor sich gehen. 

„Meine ersten Darstellungen des Gegenstandes in den Schriften der 
Münchener Akademie und in der Zeitschrift für Biologie sind zwar in 
mathematischer Form gehalten, die Sache selbst ist aber keineswegs noth¬ 
wendig mathematischer Natur, sondern sie ist einer grossen Popularität 
und Deutlichkeit fähig, und ich wünsche sehr, dass es mir gelingen 
möchte, mich heute so deutlich auszudrücken, wie ich glaube, dass es 
erreichbar ist. 

„Schon aus den Versuchen von Pettenkofer geht hervor, dass die 
Grösse des Luftwechsels in einem ganz engen Zusammenhänge mit der 


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76 Elfte Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndpflg. zu Hannover. 

Temperaturdifferenz steht, also mit dem Temperaturunterschiede zwischet 
dem Zimmer, welches den Luftwechsel haben soll, gegenüber dem Freien. 
Wie kommt man nun von der Temperatnrdifferenz zwischen den Luftmassen 
auf die Kraft, welche die Luft bewegt und sie in das Zimmer hinein- und 
wieder herausdrücken soll? Das geht auf folgende Weise: Wir wissen, dass 
die Luft auf zweierlei Art kräftig gemacht oder mit Kräften ausgestattet 
werden kann, oder, wie man sich gewöhnlich ausdrückt, dass die Spannkraft 
der Luft auf zweierlei Art erhöht werden kann, einmal, indem man die 
Luft dichter macht als sie vorher war, und zweitens, indem man sie 
wärmer macht: Vermehrung der Dichtigkeit und des Wärmeinhaltes der 
Luft sind die Ursachen, durch welche sie spannkräftiger, kräftiger, stärker 
gemacht wird. 

„Das eine Gesetz von der Dichtigkeit wird bekanntlich dem holländi¬ 
schen Seecapitän Mariotte zugeschrieben, und das andere über den Ein¬ 
fluss des Wärmeinhalts der Luft auf ihre Spannkraft verdanken wir dem 
berühmten Gay-Lussac, der im Anfang unseres Jahrhunderts gelebt hat. 

„Die Natur selbst giebt uns ein merkwürdiges Beispiel für den Fall, 
wo durch Vermehrung der Dichtigkeit die Luft spannkräftiger wird. Wir 
leben nämlich auf dem Grunde eines grossen Luftmeeres, das eine Tiefe von 
etwa 9 Meilen besitzt. Diese Luftsäule von 9 Meilen von der Erdoberfläche 
bis an die Grenze der Atmosphäre besitzt ein ganz erhebliches Gewicht, 
und drückt nun mit ihrem Gewicht die Luft, die sich zunächst dem Erd¬ 
boden beflndet, an die Erde an. In Folge dieses starken Druckes, der 
durch das Gewicht der Atmosphäre selbst verursacht wird, besitzt nun die 
Luft unserer Umgebung, welche sich zusammennehmen muss, um dem Drucke 
der oberen Luftschichten das Gleichgewicht zu halten, eine solche Dichtig¬ 
keit und eine solche Expansivkraft, dass sie auf jedes Quadratcentimeter 
mit der verhältnissmässig sehr grossen Kraft von 1 kg drückt, was auf das 
Quadratmeter schon 10 000 kg ausmacht. Wenn wir auf einen Berg 
steigen, lassen wir einen Theil der drückenden Luftmasse hinter uns zurück, 
und wir bemerken, dass zugleich die Spannkraft der Luft abnimmt oder 
dass das Barometer fällt. Auf dem Gipfel eines Berges steht das Barometer 
niedriger, als unten am Fusse desselben. Das kommt daher, weil das Ge¬ 
wicht der Luftmasse, die zwischen dem Gipfel des Berges und der Ebene 
liegt, oben nicht mitdrückt. Ich muss hier diese einfachen physikalischen 
Gesetze erwähnen, denn in ihnen liegt theilweise die Erklärung des 
Folgenden. 

„Wenn es nun zwei Ursachen giebt, grosse Dichtigkeit und Wärme¬ 
inhalt, welche beide dahin wirken, die Luft stark, spannkräftig zu machen, 
so lässt sich ja recht wohl der Fall denken, dass wärmere Luft mit kälterer 
Luft gleich kräftig ist. Das kann aber nur unter der Bedingung 
stattfinden, dass die wärmere Luft weniger dicht ist. Also 
eine warme, weniger dichte Luft kann mit einer kalten dichteren Luft im 
Gleichgewichte sein, sie kann mit ihr gleich spannkräftig sein. 

„Nun, wenn das so ist, so könnte man sich ja wohl denken, dass die 
warme Luft in einem Gebäude mit der kalten Luft, die sich ausserhalb 
desselben beflndet, im Gleichgewichte sei; dass sie also beide durchaus nicht 
auf einander drücken oder reagiren. Man braucht sich nur den einfachen 


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Durchlässigkeit von Mauern u. Zwischenböden der Wohnräume. 77 

Fall zu denken, dass die warme Luft innerhalb des Gebäudes dünner ist, 
als die kalte ausserhalb, und wenn man sich nun gar überzeugt hat, dass 
das auch wirklich der Fall ist, so könnte man zu dem Schlüsse kommen: Ein 
Luftwechsel sei eigentlich hier nicht nöthig, es sei nicht nöthig, dass da 
Kräfte vorhanden sind, mit denen die warme auf die kalte oder die kalte auf 
die warme Luft drückt, es können beide ganz gut im Gleichgewichte sein. 

„Hier liegt nun der für das Verständniss wichtigste Punkt, hier ist der 
Knoten; über diesen Knoten ist man früher nicht hinaus gekommen. In 
Folge dessen haben über die Art des Luftwechsels allerhand Vorstellungen 
existirt, welche durchaus keine Berechtigung haben. Z. B. dachte man sich, 
dass die Luft durch die ganze aufrechte Begrenzung in das Zimmer hinein¬ 
geht und nur durch die Decke hinaus; ich will hier nicht näher auf die 
specielle Widerlegung dieser Vorstellung eingehen, weil dieB schon hin¬ 
reichend an anderer Stelle geschehen ist. Es ist unmöglich, dass der Luft¬ 
wechsel in dieser Weise vor sich geht, wie 
sich auch aus dem Folgenden ergeben 
wird. 

„Wenn man nämlich näher zusieht, so 
bemerkt man, dass das Gleichgewicht 
zwischen einer warmen und einer kal¬ 
ten Luftsäule nur in einer einzigen 
horizontalen Ebene möglich ist. 

„Nehmen wir an, AB (Figur 1) sei 
die Grenze zwischen der kälteren und der 
wärmeren Luft — wir können uns ja 
gleich die warme Luftsäule in einem Zim¬ 
mer denken und die kalte Luft, die durch 
die Wand AB von jener wärmeren ge¬ 
trennt ist, im Freien. Nehmen wir an, 
diese beiden Luftsäulen seien in irgend 
einer horizontalen Schicht NH im Gleich¬ 
gewichte, so kann das, wie ich schon 
bemerkt habe, nur der Fall sein, wenn die 
wärmere Luft weniger dicht ist als die käl¬ 
tere. Wäre sie nämlich ebenso dicht oder 
dichter, so wäre sie der kälteren an Spannkraft überlegen und könnte nicht 
mit ihr im Gleichgewichte sein. Gehen wir nun von dieser einen horizon¬ 
talen Ebene H , wo unserer Annahme gemäss Gleichgewicht herrschen soll, 
abwärts, so kommen wir rechts durch dünnere, leichtere Luft als links, und 
da nun beim Abwärtssteigen der Luftdruck immer um das Gewicht der 
zurückgelegten Luftschicht wächst, so muss überall unterhalb der neu¬ 
tralen Linie NH die kältere Luft der wärmeren an Druckkraft überlegen 
sein, und es drückt überall unterhalb der neutralen Linie die kalte Luft 
in die warme hinein — da haben wir also schon Kräfte. 

„Sie sehen auch ganz leicht, dass diese Kräfte nach unten hin wachsen 
müssen, denn je weiter wir hinunter gehen, desto grösser muss ja der 
Unterschied zwischen dem Gewichte der kalten und dem Gewichte der 
warmen Luftsäule werden. Deswegen nehmen die Ueberdrücke von der 


Fig. 1. 



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78 Elfte Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndpflg. au Hannover. 

neutralen Linie NH nach unten hin stets zu, und zwar dürfen wir bei den 
kleinen Dimensionen, die wir in unseren Zimmern haben, annehmen, dass 
das Wachsen gleichmässig, linear stattfindet, so also, dass man die Ueber- 
drücke durch eine gerade Linie wie HU begrenzen kann. Nun haben wir 
schon etwas gewonnen: dass nämlich unterhalb der neutralen Grenzlinie 
die kalte Luft in das Zimmer, in dem sich warme Luft befindet, mit nach 
unten hin gleichmässig wachsender Stärke hineindrückt. 

„Wie wird es nun oberhalb sein? Oben erheben wir uns rechts um 
eine dünnere Schicht, ebenso wie wir vorher rechts an einer dünneren 
Schicht abwärts gegangen sind. 

„Indem ich eine dünnere Schicht nach oben durch messe, nimmt der 
Luftdruck weniger ab als da, wo ich eine dichtere Schicht zurücklege, also 
nimmt der Luftdruck rechts weniger ab als links. Abnehmen muss er auf 
beiden Seiten, denn er nimmt immer ab um das Gewicht der zu durch- 
messenden Luftschicht, aber da rechts die Luft dünner ist, so nimmt er 
rechts weniger ab als links, und in Folge dessen muss er rechts überall 
stärker bleiben als links. Denn wo die Abnahme geringer ist, da ist der 
grössere Rückstand, und nun muss oberhalb der neutralen Linie überall die 
wärmere Luft über die kältere Ueberdruck haben, sie ist überall kräftiger 
als die kältere, und ich kann also einfach diese Linie nach oben verlängern 
und durch sie die Pfeile begrenzen, welche den Ueberdruck der wärmeren 
Luft über die kalte andeuten. Das sind also die Kräfte, welche längs einer 
verticalen Wand thätig sind. 

„Wie steht es nun mit den horizontalen Wänden, mit den Fussböden 
und den Decken? Nun, die Druckverhältnisse am Boden und an der Decke 
können nicht anders sein, als an der untersten und obersten Grenze der 
verticalen Wände, denn der Druckunterschied rührt ja von der Beschaffen¬ 
heit der Luftschichten her, welche zu beiden Seiten, aussen und innen an 
dieser Stelle anliegen. Wenn Sie sich nun hier bei B einen Boden angesetzt 
denken, so hat erstlich die Luft längs des ganzen Bodens gleiche Spann¬ 
kraft, ebenso hat sie längs der ganzen Decke gleiche Spannkraft, denn ihre 
Spannkraft ändert sich bloss mit der Höhe, mit dem Aufsteigen oder Ab¬ 
wärtsgehen und zwar dadurch, dass Schichten von einem gewissen Gewichte 
zurückgelegt werden: Diese Spannkraft ist, wenn wir uns den Boden als 
eine durch B gelegte Horizontalebene denken, inwendig gleich der Spann¬ 
kraft der untersten inneren Luftschicht, auswendig gleich der höheren 
Spannkraft der untersten äusseren Luftschicht, also ist auch der Unter¬ 
schied beider Spannkräfte gleich dem an der untersten Stelle der aufrechten 
Wand bestehenden, durch den Pfeil B U angedeuteten Ueberdrucke, und es 
gilt der Satz: 

„Mit der gleichen Stärke, mit welcher die Luft durch den 
untersten Theil der aufrechten Begrenzung hinein drückt, 
drückt sie auch durch den Boden hinein. Ebenso drückt sie 
durch die Decke mit derselben Stärke heraus, mit der sie 
durch den obersten Theil der aufrechten Wand herausdrückt. 

„Ich will, um eine Uebersicht über die ganze Vertheilung der Druck¬ 
kräfte zu geben, die Zeichnung in einem etwas kleineren Maassstabe wieder¬ 
holen (Fig. 2). 


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Kalt 


Durchlässigkeit von Mauern u. Zwischenböden der Wohnräume. 79 

„Diese ganze Druckvertheilung ist nothwendig, wenn irgendwo in der 
aufrechten Begrenzung die Luft des Zimmers wirklich mit der äusseren, 
freien Luft im Gleichgewichte ist. 

„Nun lässt sich überdies ganz streng beweisen, dass die Luft von je¬ 
dem Anfangszustande aus, in welchem wir uns das Zimmer denken, von 
selbst dieser Druckvertheilung als dem allein möglichen Beharrungszu¬ 
stande zustrebt. 

„Wir wollen uns einen einzigen solchen Fall vorstellen, wie er that- 
sächlich vorliegen würde, während ein porös begrenzter, geschlossener Raum 
durch eine starke Wärmequelle in sehr kurzer Zeit auf eine höhere Tempe¬ 
ratur gebracht wird. 

„Denken Sie sich nämlich, überall im Zimmer sei die Luft stärker, 
spannkräftiger als aussen. Wenn die Luft überall im Zimmer kräftiger 

ist als aussen, so drückt 
Fig * 2 ' sie sich zunächst durch 

alle Poren hinaus, und 
es wird also durch alle 
Fugen und Poren Luft 
hinausströmen. Was ist 
die unmittelbare Folge 
davon ? Dass die Luft 
im Zimmer dünner wird 
lind folglich auch ihre 
Spannkraft abnimmt und 
sich der als schwächer 
vorausgesetzten Spann¬ 
kraft der äusseren Luft 
fortwährend nähert. Es 
wird so lange ein Hin¬ 
ausströmen durch alle 
Poren stattfinden, bis an 
irgend einer Stelle ein 
vollkommener Ausgleich 
der Spannkräfte eingetreten ist. Die Luft wird sich also schliesslich an 
irgend einer Stelle mit der äusseren Luft ins Gleichgewicht setzen. 

„Es ist nun allgemein ganz klar, dass diejenige Stelle, an welcher 
sich das Gleichgewicht auf die Dauer festsetzt, nicht etwa an der 
Decke oder am Boden liegen kann. Denn läge das Gleichgewicht an 
einer dieser Grenzflächen, so würde an dieser selbst keine Luftbewegung 
stattfinden, die ganze übrige Begrenzung aber würde unseren vorhin an- 
ge8teilten Betrachtungen gemäss nur in einem Sinne thätig sein, d. h. ent¬ 
weder ausschliesslich Luft hinauslassen oder ausschliesslich Luft herein¬ 
lassen, was wegen der damit nothwendig verbundenen Veränderung der 
Dichtigkeitsverhältnisse kein Dauerzustand sein kann. 

„Dauerhaft kann vielmehr nur derjenige Zustand sein, 
bei welchem zu gleicher Zeit Luft einströmt und ausströmt 
und die einströmende Menge der ausströmenden gleich ist. 
Ein solcher Zustand ist nur dann möglich, wenn die neutrale oder Gleich- 



Kalt 


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80 Elfte Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndpflg. zu Hannover. 

gewichtslinie in der aufrechten Begrenzung liegt. Es stellt somit aus 
theoretischen Erwägungen Fig. 2 nicht nur eine mögliche, sondern die 
unter Voraussetzung eines Dauerzustandes allein mögliche 
Thätigkeit derjenigen Kräfte dar, welche den durch Temperaturunter¬ 
schiede bedingten Luftwechsel bewirken. Indessen kann das Vorhandensein 
einer neutralen Zone auch experimentell bewiesen werden, und zwar da¬ 
durch, dass man bei Windstille von dem einen Schenkel eines empfindlichen 
Manometers aus einen Schlauch nach und nach in verschiedener Höhe 
einer an das Freie grenzenden aufrechten Wand ansetzt; man findet dann, 
dass der Druck der Luft, wenn das Zimmer warm ist, ganz unten jeden¬ 
falls in das Zimmer hineingerichtet ist, während er ganz oben aus dem 
Zimmer hinausdrängt. Im Uebrigen zeigt er in der verticalen Begrenzung 
verschiedene Stärke, die zunächst von unten nach oben abnimmt, dann 
umschlägt und sich in einen aus dem Zimmer hinaus gerichteten Druck 
verwandelt, während, wenn Sie an verschiedenen Stellen des Bodens das 
Manometer ansetzen, oder an verschiedenen Stellen der Decke, der Druck 
sich überall gleich bleibt und genau in der Grösse, wie er an der höchsten 
Stelle der verticalen Begrenzung vorhanden ist. 

„Ich glaube, das ist eine Erkenntniss von der allergrössten Wichtig¬ 
keit, nämlich die Erkenntniss, dass überden ganzen Boden hin der Druck in 
das Zimmer hinein gleich gross ist, und so gross, wie er da ist, wo er an 
der verticalen Begrenzung am stärksten ist. Ebenso wichtig ist es zu 
wissen, dass der stärkste auswärts gerichtete Druck durch die Decke hinaus 
stattfindet. Er ist ebenso stark wie der stärkste Druck durch die aufrechte 
Wand, und ist über die ganze Decke hin gleich gross. 

„Das ist nun das Fundament, von dem aus alle Excursionen über den 
Werth der Durchlässigkeit der Baumaterialien stattfinden müssen. 

„Wenn wir uns das Bild der Fig. 2 immer vor Augen halten, ergeben 
sich die Schlüsse auf den Werth dieser Durchlässigkeit sofort Ich werde 
die folgende Betrachtung an zwei bestimmte Zimmer anknüpfen und für 
deren Begrenzungen Durchlässigkeiten annehmen, welche ich experimentell 
ermittelt habe. 

„Das erste ist ein Parterrezimmer, welches 20° warm sein soll, 
während die dasselbe umgebende äussere Luft auf dem Gefrierpunkte des 
Wassers ist. Denken wir uns ferner, der Boden habe eine Grösse von 5 m 
auf 6m, also 30qm, was einem gewöhnlichen Wohnzimmer entspricht. 
Wenn das Zimmer 20° warm ist und eine Höhe von SV^ni hat, so sind im 
Ganzen ungefähr an Druck verfügbar 0‘32 kg pro Quadratmeter. Also 
ungefähr Vs mm Wassersäulendruck. Sie erhalten dieses, wenn Sie ver¬ 
gleichen, um wieviel grösser das Gewicht von 3 J / 2 cbm kalter Luft ist als 
das Gewicht von 3V 2 cbm 20° warmer Luft. Der Gewichtsunterschied be¬ 
trägt Vs kg* V3 kg pro Quadratmeter ist aber genau Vs mm Wasserhöhe. 
Mit so kleinen Drücken haben wir es zu thun. 

„Denken Sie sich der Einfachheit wegen die neutrale Zone, die sich 
um das Zimmer herumzieht, in der Mitte der Höhe. Diese Lage wird sie 
immer haben, wenn Boden und Decke die gleiche Durchlässigkeit besitzen. 
Also denken Sie sich das so, dann beträgt der Druck, welcher Luft durch 
den Boden hineintreibt, die Hälfte, also 0*16kg, und der Druck, welcher 


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Durchlässigkeit von Mauern u. Zwischenböden der Wohnräume. 81 

Luft zur Decke hinaustreibt, ebensoviel. Das sind kleine Grössen. Es ban¬ 
delt sich nun noch um eine Annahme über die Durchlässigkeit des Bodens 
und über die Durchlässigkeit der aufrechten Begrenzung des Zimmers, dann 
haben wir die Elemente zur Berechnung des gesammten Luftwechsels und 
desjenigen Antheiles, den einerseits der Boden, andererseits die aufrechte 
Begrenzung an demselben hat. 

„Die Durchlässigkeit des Bodens ist sehr verschieden. Ich habe an 
ordinär gedielten Fussböden Durchlässigkeiten gefunden, welche zwischen 
den Grenzen 20 und 2 liegen; die erstere Zahl will sagen: ich habe die 
Durchlässigkeit eines Bodens gemessen, der durch jedes Quadratmeter in der 
Stunde 20 cbm Luft einliess, wenn der Druck 1mm Wasser betrug. Das 
war ein Boden mit erheblichen Zwischenräumen zwischen den Brettern, 
sogenannten Rlumsen, der sich über einer Sandauffüllung befand, und dieser 
Sand bildete die innere Füllung einer von Bruchsteinen (rothem Sandstein) 
aufgeführten terrassenartigen Aufmauerung, ln demselben Zimmer besass 
die verticale Begrenzung nur die Durchlässigkeit 3. 

„Wenn wir auf Grund dieser Annahmen den Luftwechsel des Zimmers 
berechnen, so finden wir, dass durch die 30 qm des Bodens stündlich 
30 X 20 X 0*16 = 96 cbm Luft eindringen, während durch den einlassen¬ 
den Theil der aufrechten Begrenzung, welcher 38 1 /* qm gross ist, 38 1 /* 
X 3 X 0*08 oder wenig mehr als 9 cbm kommen. 

„Da der obere Theil der aufrechten Begrenzung und die mit dem Boden 
gleich durchlässig angenommene Decke nur mit Hinauslassen einer der ein¬ 
dringenden gleich grossen Luftmenge beschäftigt sind, so ist der gesammte 
Luftwechsel dieses Zimmers 96+9 oder 105 cbm pro Stunde, ungefähr von 
der Grösse, wie sie Pettenkofer bei einer nahezu gleichen Temperatur- 
differenz in seinem Arbeitszimmer gefunden hat. 

„Die ansehnliche Grösse dieses Luftwechsels verdankt man zu neun 
Zehnteln dem Boden, nur ein Zehntel desselben kommt durch die aufrechten 
Wände. 

„Es hat dieses seinen Grund darin, dass wir erstens den Boden (und 
die Decke) weit durchlässiger angenommen haben als die aufrechten Wände 
und zweitens, weil der Druck durch den Boden doppelt so gross ist als der 
mittlere Druck an dem einlassenden Theile der aufrechten Begrenzung. 

„Sie sehen aus diesem Beispiele, welche ansehnliche Grössen für die 
Durchlässigkeit angenommen werden müssen, wenn man einen ansehnlichen 
Werth für den Luftwechsel erhalten soll, einen Werth, wie er dem Luft¬ 
bedürfnisse von zwei bis drei gesunden und reinlichen Personen entspricht. 

„Bei einem anderen Boden, der ein Zwischenboden war, indem er zu¬ 
gleich die Decke eines Parterrezimmers bildete, hatte ich Gelegenheit zu 
einer interessanten Studie. Der Boden war ebenfalls ordinär gediehlt und 
mit ansehnlichen Klumsen ausgestattet, die Decke, welche die untere Grenze 
des Zwischenbodens bildete, war in Folge von Balkensenkungen vielfach 
gesprungen, besonders an ihrer äussersten Grenze. Das Zwischenliegende, 
Lehm, Sand, Stroh und Holz, konnte als nennenswerthes Hinderniss für den 
Luftdurchgang nicht gelten. 

„Die Durchlässigkeit dieses Bodens hatte ich ursprünglich gleich 5 
gefunden. Nachdem die Decke ausgebessert und mit Gyps geweisst war — 

Vierteljahrsschrift für Gesundheitspflege, 1885. Q 


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82 Elfte Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndpflg. zu Hannover. 

die Gypsscbicht war ungefähr 0*2 in dick — bestimmte ich die Durchlässig¬ 
keit von Neuem und fand, dass sie auf 2 beruntergegangen war. Diese 
Zahl möchte ich für Zwischenböden, welche einerseits ordinär gediehlt, 
andererseits mit Decken ohne sichtbare Risse und Sprünge versehen sind, 
als Mittelzahl aufstellen. 

„Denken wir uns nun diesen Boden statt des früheren eingesetzt und 
die Decke ihm gleich, so sinkt offenbar, da nun 2 statt 20 in Rechnung 
steht, die durch den Boden eindringende Luftmenge auf den zehnten 
Theil der vorhin berechneten herunter und beträgt nur noch 9*6 cbm 
pro Stunde. 

„Dazu die 9 1 / 4 cbm, welche durch die untere Hälfte der aufrechten Be¬ 
grenzung einströmen, gieht im Ganzen einen Luftwechsel von ungefähr 
19 cbm pro Stunde. Trotz der hohen Temperaturdifferenz (20°), welche wir 
der Rechnung zu Grunde gelegt haben, kommen wir demnach bei Annahme 
einer mittleren Bodendurchlässigkeit auf einen sehr geringen, kaum für 
eine Person ausreichenden Luftwechsel herunter. 

„Nehmen wir kleinere Unterschiede in der Temperatur an, so wie sie 
im Frühling und Herbste bestehen, wenn es nicht warm genug ist, um den 
durch Oeffnen der Fenster entstehenden Luftwechsel erträglich zu machen, 
so sinkt der Luftwechsel, der durch die Poren vermittelt wird, ungefähr im 
gleichen Verhältnisse wie die Temperaturdifferenz. 

„Wir haben uns bisher nur mit der Menge der Luft beschäftigt, welche 
durch die Poren der Begrenzung ein- und ausströmt, und sind zu dem 
Schlüsse gekommen, dass dieselbe nicht unter allen Umständen als genügend 
betrachtet werden kann, um das Lüftungsbedürfniss auch nur einer Person 
zu befriedigen. 

„Es wird wesentlich zur weiteren Aufklärung des Gegenstandes bei¬ 
tragen, wenn wir nun unser Augenmerk auch auf die Beschaffenheit 
der eindringenden Luft richten. 

„Denken Sie sich zunächst ein Parterrezimmer, ein Zimmer im Erd¬ 
geschosse, da dringt durch den Boden die Grandluft ein, kalte Luft, welche 
den Untergrund oder den Keller durchstrichen hat. Da kommt unter Um¬ 
ständen auch einmal Luft herein, die durch Zerspringen einer Gasröhre mit 
Leuchtgas vermischt ist. Ich erinnere Sie an die merkwürdigen Fälle, die 
Pettenkofer in dieser Beziehung constatirt hat, wo Leuchtgasvergiftungen 
in Parterrelocalitäten vorgekommen sind. Wo anders ist da die reichlich 
mit Leuchtgas geschwängerte Luft hergekommen als durch den Boden ? 
Die Grundluft ist immer verdächtig. 

„Aber auch die durch die aufrechten Wände eindringende Luft ist 
nicht alle zuverlässig gut und frisch. Denn selten wird ein Zimmer mit 
mehr als zwei Seiten an das Freie grenzen, auf den beiden anderen Seiten 
wird es an die Hausflur oder an ein anderes Zimmer anstossen, woraus nicht 
immer „frische u Luft Zuströmen kann. Es bleibt somit als unbedingt nütz¬ 
lich nur die Porosität derjenigen aufrechten Wände übrig, welche an das 
Freie grenzen; was aber durch den unteren Theil dieser Wände einströmen 
kann, ist unter allen Umständen zu wenig, um als Ausschlag gebend in Be¬ 
tracht zu kommen. 


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Durchlässigkeit von Mauern u. Zwischenböden der Wohnräume. 83 

„Denken Sie sich zweitens ein Zimmer, welches etwa in dem ersten 
Geschosse liegt, nnd zwar über einem anderen Zimmer, das ebenfalls ge¬ 
heizt und bewohnt ist. Ein solches Zimmer, das über einem geheizten 
Zimmer liegt, bat durch den Boden einen noch stärkeren Luftwechsel, als 
wenn das unterhalb liegende Zimmer nicht geheizt wäre. Was bekommt 
nun der Bewohner des oberen Zimmers durch den Boden aus dem bewohn¬ 
ten unteren Zimmer? Offenbar die Abluft, die durch Ausathmung und 
Ausdünstung der unterhalb Wohnenden bereits verschlechterte Luft. Da nun 
das durch den Boden Kommende im Allgemeinen den grösseren Theil der 
zuströmenden Luft bilden wird, so lässt sieb auch von der durch die Poren 
vermittelten Lüftung der oberen Geschosse nichts Vertrauensvolles sagen, 
ln der That kann man sich nur ausnahmsweise einen Boden so gelegen 
denken, dass der durch ihn stattfindende Luftwechsel völlig unverdächtig 
und mit Freuden zu begrüssen wäre. 

„Es scheint mir demnach vom hygienischen Standpunkte aus unzu¬ 
lässig, sich auf einen Luftwechsel zu verlassen, der vorzugsweise dadurch 
bedingt ist, dass die Luft durch den Fussboden zuströmt. 

„Hingegen könnten Sie denken, dass die Durchlässigkeit der Decke 
denn doch etwas unbedingt Günstiges ist, weil durch diese die Luft ab- 
zieben kann. 

„Ich gebe das zu: für den Winter. Im Winter schadet uns die 
Durchlässigkeit der Decke durchaus nicht, sie ist ganz günstig, aber 
wie ist es im Sommer? Im Sommer, wenn die äussere Luft wärmer ist als 
die innere, ist die Strömung der Luft durch das Gebäude gerade die ent¬ 
gegengesetzte wie im Winter. Im Winter kann man unser Haus etwa mit 
einem Kamin vergleichen. Der Vergleich hinkt zwar etwas dadurch, dass 
durch das Haus nicht bloss ein Luftstrom aufwärts geht, wie durch den 
Kamin, sondern dass auch in allen aufrechten Wänden die Luft unten ein¬ 
strömt und oben abströmt, also das Zimmer förmlich mit Luft auch von 
der Seite her ausgewaschen wird. An Sommertagen aber finden alle diese 
Bewegungen in entgegengesetzter Richtung statt, denn man kann versichert 
sein, dass schon um 9 Uhr Morgens, sowie die Sonne mächtig wird, das 
Haus kälter ist als seine Umgebung, und so wird es, wenn anders die Haus* 
frau auf Anwendung der üblichen Schutzmittel gegen die Sonnenhitze be¬ 
dacht ist, auch bis in die späten Nacbmittagsstunden, ja sogar bis in die 
Abendstunden, bleiben, bis sich wieder die kühlere Temperatur der Nacht 
geltend macht. 

„Also werden wir an den Sommertagen, wo wir in unserm Hause die 
Kühlung aufsuchen und gern im Zimmer sind, einen Strom zu erwarten 
haben, der von oben nach unten geht, gerade entgegengesetzt der Rich¬ 
tung, die der Strom im Winter hat, und dieser Strom führt uns nun 
durch die Decke die Luft zu, in welcher bereits unser Nachbar in dem 
oberen Geschosse geathmet hat. Also gerade da, wo wir uns ohne Luft¬ 
wechsel gern der angenehmen Kühle erfreuen würden, bekommen wir die 
etwaigen üblen Gerüche von oben herunter. Auch die Porosität der Decke 
kann demnach dieser Sommerströmung wegen ungünstig wirken, und wir 
haben, wenn von oben etwas zu fürchten ist, ein Interesse daran, dass auch 
unsere Decke undurchlässig sei. Wir kommen demnach zu dem Schlüsse, 

6 * 


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84 Elfte Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndpflg. zu Hannover. 

dass die Porosität der horizontalen Wände insofern ihre Schattenseiten hat, 
als diese häufig Luft in grosser Menge durchlassen, welche nicht geeignet 
ist, die Luft des Zimmers, dem sie zuströmt, zu verbessern. Auch von den 
aufrechten Wänden wirken als unbedingt günstig nur diejenigen, welche an 
das Freie grenzen, das ist in einem Privatzimmer eine Wand, höchstens 
zwei hei einem Eckzimmer. Von diesen Wänden kann man sagen, dass der 
Luftwechsel, der durch sie stattfindet, günstig ist. Das durch diesen 
kleinen Tbeil der Begrenzung vor sich gehende Auswaschen ist aber viel 
zu wenig ausgiebig. Ich glaube nicht, dass in einem städtischen Wohn¬ 
gebäude der Fall vorkommt, dass dieser Luftwechsel, den man als un¬ 
bedingt günstig bezeichnen kann, bis auf 10cbm pro Stunde anwächst, 
und das ist viel zu wenig frische Luft für einen Menschen, da die gering¬ 
sten Annahmen für das Lüftungshedürfniss ja doch noch immer 30 bis 
40 cbm fordern. 

„Ich kann also nicht sagen, dass die durch Temperaturunterschiede 
bedingte und durch die Poren vermittelte, im Gegensätze zu einer künst¬ 
lichen sogenannte natürliche oder spontane Ventilation, soweit sie in hy¬ 
gienischer Beziehung unverdächtig ist, ausreicht; und soweit die natürliche 
Lüftung vorhanden ist und etwa ausreichend wäre vermöge einer grossen 
Porosität der Baumaterialien, muss sie, bezüglich der Beschaffenheit der 
zuströmenden Luft, in den allermeisten Fällen als verdächtig bezeichnet 
werden. 

„Was machen wir nun? Luft müssen wir doch haben! Es wird offen¬ 
bar nichts Anderes übrig bleiben, als die Durchlässigkeit des Bodens und 
auch der Decke möglichst zu vermindern, auch diejenigen Wände, welche an 
Nachbarzimmer und Hausflur angrenzen, möglichst luftdicht abzuschliessen, 
etwa durch gute Tapeten, die von einem guten Tapezierer aufgeklebt 
sind, um uns zum Ersatz für die so unterdrückte oder doch auf wenige 
Cubikmeter beschränkte Poren Ventilation durch besondere Vorrichtungen 
eine andere, der Beschaffenheit nach unverdächtige, der Grösse nach zu¬ 
reichende Lüftung zu verschaffen. 

„Ehe ich einige Rathschläge in dieser Beziehung näher entwickele, 
möchte ich mir erlauben, Ihnen einen Versuch zu zeigen, der die Art des 
Luftwechsels, von der ich im Anfänge meines Vortrages behauptet habe 
dass sie sich mit Hülfe von physikalischen Gesetzen und einfachen mathe¬ 
matischen Betrachtungen unzweifelhaft erweisen lässt, noch besser ver¬ 
anschaulichen soll als eine Zeichnung. Sie sehen hier (Fig. 3) einen Kasten 
vor sich, unter dem Sie sich ein Zimmer denken sollen. Er ist auf drei 
Seiten verglast, damit man hineinsehen kann, und die Poren der Wände sind 
durch eine Reihe von Luftlöchern (ca. 10 mm Durchmesser) dargestellt. 
Solche Luftlöcher befinden sich im Boden, in einer aufrechten Wand, die 
aus Zink besteht, und hier oben in der Decke des Zimmers. Das Zimmer 
ist, wie Sie sehen, durch zwei inwendig auf dem Boden stehende Wein¬ 
geistlampen geheizt. Wenn ich nun in diesem Zimmer, um sichtbare Luft 
zu erhalten, eine Trübung der Luft durch Beimischung von Pulverdampf 
hervorbringe, so werden Sie aus den einzelnen Oeffnungen die Luft hinaus¬ 
gehen sehen. Die Einströmung werden Sie von ferne nicht beobachten 
können, aber Sie werden die mit Dampf vermischte Luft so ausströmen 


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Durchlässigkeit von Mauern u. Zwischenböden der Wohnräume. 85 

sehen, wie es nach dem Bilde (Fig. 2, a. S. 79) zu erwarten ist. Durch 
die Löcher hier in der Decke und durch diejenigen Löcher, die sich hier 
in dem oberen Theile der aufrechten Wand befinden, und wenn Sie ge¬ 
nauer Zusehen, so werden Sie auch bemerken, dass die Luft mit um so 
grösserer Stärke ausströmt, je näher die seitliche Ausströmungsöfihung 
an der Decke liegt, so also, dass das Bild, welches ich hier an die Tafel 
gezeichnet habe, soweit es die Ausströmung betrifft, hier in natura voll¬ 
ständig dargestellt ist. 

(Nachdem durch, die Entzündung von Schiesspulver ein dichter Qualm 
im Innern des Modells erzeugt ist, fährt der Vortragende fort:) 

„Sie sehen, dass der Rauch keineswegs durch sämmtliche Löcher 
ausströmt, sondern bloss durch die obere Hälfte derselben. Sie sehen fer- 

Fig. 3. 



ner, dass er in der oberen Hälfte nicht nur zu den Löchern herausströmt, 
sondern sich auch durch die Fugen zwängt, während hier unten rings¬ 
herum gar nichts herauskommt. Sie werden nicht einen einzigen Rauch¬ 
strahl hier unten ringsherum wahrnehmen, auch nicht wenn Sie diesen 
Schieber hier unten nahe am Boden öffnen, zu dem ja viel herausströmen 
könnte. Das Oeffnen des Schiebers hat vielmehr bloss den einen Erfolg, 
dass nun die Luft auch zu solchen Löchern aus strömt, die unterhalb der 
Mitte liegen. 

„Das belehrt uns über den Einfluss, welchen die Durchlässigkeits- 
Verhältnisse auf die Lage der neutralen Zone haben. Bei geschlossenem 
Schieber lag die neutrale Zone ungefähr in der Mitte in der Höhe des¬ 
jenigen Loches, oberhalb dessen Sie die ersten schwachen Spuren von 


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86 Elfte Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndpflg. zu Hannover. 

Dampfausströmung beobachtet haben. Dadurch, dass ich den Schieber von 
der Oeffnung wegzog, habe ich gleichsam die Durchlässigkeit des Bodens 
verstärkt. Wenn aber der Boden durchlässiger wird, dann verlegt sieb die 
neutrale Zone tiefer. Diese Wirkung haben Sie hier vor Augen. Sowie 
ich die Oeffnung wieder schliesse, werden Sie keinen Rauch mehr durch 
die unterhalb der Mitte liegenden Löcher austreten sehen. Die neutrale 
Zone ist wieder hinaufgerückt in die Mitte, wie es nothwendig ist, wenn, 
wie hier, Boden und Decke gleich durchlässig und die aufrechte Begrenzung 
gleichmässig durchlässig sind. 

„Die Erklärung für diese Verschiebung der neutralen Zone liegt darin: 
Wenn hier unten mehr Luft einströmt als vorher, so muss sich dafür 
der obere Theil der Begrenzung, der die Aufgabe hat, die Luft hinaus¬ 
zulassen, ebenfalls mehr betheiligen. Die Natur macht das dadurch, dass 
die neutrale Zone tiefer hinabrftckt, allgemein gegen den durchlässiger 
gewordenen Theil hin sich verschiebt. Daraus folgt auch das merkwürdige 
Resultat, dass, wenn man vorher in einem Zimmer mittelst des Manometers 
gemessen hat, wie stark die Ueberdrücke sind, die an einer gewissen Stelle 
der Begrenzung eines Raumes stattfinden, und man daraus berechnen 
wollte, wie viel Luft durch ein an dieser Stelle gemachtes Loch strömen 
wird, man zu sehr irrthümlichen Resultaten kommen würde, denn sowie 
man ein Loch macht und die Luft dort wirklich einströmen lässt, verlegt 
sich die neutrale Zone tiefer und der Druck an der Oeffnung nimmt ab, 
man bekommt immer weniger Luft, als man nach den früheren mano¬ 
metrischen Messungen erwarten sollte. 

„Dass zu der unteren Schieberöffnung wirklich Luft einströmt, lässt 
sich mit Hülfe von Anemometern nicht nur nachweisen, sondern auch mes¬ 
sen. (Demonstration). 

„Es wäre nun recht schön, wenn man hier die Sache gleich umkehren 
könnte, wenn man nämlich das Modell sofort unter die Temperatur des 
Zimmers abkühlen und nun mittelst des beigemischten Pulverdampfes zeigen 
könnte, wie dann alle Luft unten herausströmt, zum unteren Theile der 
verticalen Begrenzung und zum Boden. Allein das lässt sich nicht machen. 
Wenn ich nämlich einen sichtbaren Effect von diesem kleinen Zimmerchen 
(Modell) haben will, welches nur eine geringe Höhe (Im) hat, dann muss 
ich es sehr warm machen, so wie es in einer halben Stunde durch die zwei 
starken Weingeistflammen wird, und es würde ganz gewiss eine Stunde 
oder noch länger dauern, bis es etwa durch eingehängte Eissäcke soweit 
abgekühlt ist, um die gewünschte augenscheinliche Wirkung zu geben. 
Ich will mir desswegen erlauben, diese zweite Thatsache, nämlich die Um¬ 
kehrung der Strömung, an einem anderen Versuche zu zeigen. Ich nehme 
hier zwei Lampencylinder, von welchen ich den einen etwas mit der Hand 
erwärme, während ich den anderen in Brunnenwasser abkühle. Es genügen 
nämlich schon die kleinen, auf diese Weise hervorgebrachten Temperatur¬ 
unterschiede, um die gewollten Erscheinungen hervorzubringen. Also diese 
beiden Cylinder sollen das kalte und das geheizte Zimmer vorstellen. Ich 
befeuchte ein wenig den Tisch an der Stelle, wo ich sie aufstelle, um zu¬ 
nächst unten einen luftdichten Schluss zu haben, werde nun in beide etwas 
Cigarrenrauch hineinblasen, und sie so lange durch ein Kartenblatt bedecken, 


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Durchlässigkeit von Mauern u. Zwischenböden der Wohnräume. 87 

bis die Luft in beiden zur Ruhe gekommen ist und sich der Temperatur 
der Cylinder angepasst hat. Wenn ich nun das Kartenblatt entferne und 
den lauwarmen Cylinder auf hebe, so werdep Sie die bekannte Erscheinung 
sehen: er wirkt wie ein Schlot, der ganze Inhalt entleert sich nach oben. 
Anders verhält sich der kalte Cylinder, er sendet den Luftstrom nach 
unten, und die kalte Rauchwolke breitet sich langsam auf dem Tische aus. 
(Demonstration). 

„Damit ist der Unterschied zwischen der Richtung des Lüftungs- 
stromeB veranschaulicht, je nachdem das Haus oder seine Umgebung das 
Wärmere ist. 

„Wenn Sie mir nun noch einige Minuten ihre Aufmerksamkeit schen¬ 
ken wollen, so will ich über die Mittel sprechen, welche man anwenden 
kann, um die sowohl der Grösse als der Art nach unzuverlässige Poren¬ 
lüftung durch etwas Besseres zu ersetzen. Das Dichtmachen der Fuss- 
böden gelingt am besten durch Parquettiren. Der Parquetboden ist an und 
für sich nicht dicht, aber er kann durch Wichsen sehr leicht so dicht 
gemacht werden, als es mit Rücksicht auf die hier zu stellenden Ansprüche 
erforderlich ist. Also dieser luxuriöseste Boden, der gewichste Parquet¬ 
boden, ist den hier entwickelten und begründeten Sätzen und meinen Ver¬ 
suchen über Durchlässigkeit gemäss zugleich am geeignetsten, die Bewohner 
eines Zimmers gegen die schlechte Luft zu schützen, welche von unten her 
eindringen kann. Um einen ordinär gedielten Boden in hygienischer 
Beziehung mit dem gewichsten Parquetboden gleichwerthig zu machen, wird 
man ihn vor Allem, wenn er noch neu ist, austrocknen lassen, damit die 
Klumsen die schliessliche endgültige Breite bekommen. Sodann wird er 
gut ausgespänt, d. h. man leimt Holzspäne, welche ungefähr die Dicke 
der Klumsen haben, zwischen die Dielen, und giebt endlich dem sorgfältig 
ausgespänten Boden noch einen Anstrich, welcher die etwa noch zwischen 
den Spänen übrig gelassenen kleinen Zwischenräume vollends ausfüllt. 
Das blosse Einölen hilft nichts, weil es die Klumsen nicht ausfüllt. Wenn 
Sie das gethan haben, werden Sie nicht mehr das Vergnügen haben, in 
Ihrem Zimmer zu beurtheilen, ob Ihr Nachbar im unteren Stockwerke eine 
gute oder eine schlechte Cigarre raucht. 

„Wir haben ferner ein Interesse daran, dass auch unsere Decken dicht 
sind. Nun, bei städtischen Neubauten werden die Decken in der Regel 
so gemacht, dass ihre Durchlässigkeit, so lange sie neu sind, ausserordent¬ 
lich gering ist. Eine alte, von Sprüngen durchzogene Decke, über welcher 
sich ein ordinär gedielter Fussboden befindet, wird sich durch oberfläch¬ 
liches Ausbessern und Anstriche von Kalk oder Gyps nicht leicht unter die 
Durchlässigkeit 2 bringen lassen. Es ist dann vorzuziehen, seinen Einfluss 
auf den Fussboden geltend zu machen, welcher dem in Rede stehenden 
Zwischenboden an gehört. Was die Seitenwände betrifft, so lassen sich 
diese, wie ich schon vorhin bemerkt habe, durch Tapezieren hinreichend 
undurchlässig machen. Wenn wir auf diese Weise uns nach allen Seiten 
luftdicht abgeschlossen haben, damit nicht schlechte Einflüsse von Seite 
unserer Nachbarschaft unsere Luft verderben, dann handelt es sich darum, 
einen Luftwechsel herzustellen, welcher die durch die Bewohner des Zim¬ 
mers selbst verunreinigte Luft abführt und durch frische gute Luft ersetzt. 


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88 Elfte Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndpflg. zu Hannover. 

„Das lässt sich nun mit einigem guten Willen sehr leicht machen. Man 
hat zunächst sein Augenmerk auf die Luftzufuhr zu richten und bekommt 
leicht einen Luftstrom von dei^ gleichen Reinheit, wie durch das Fenster 
und auch von hinreichender Stärke, wenn man einen horizontalen Canal 
von einer Wand, die an das Freie grenzt, bis in die Nähe des Ofens führt 
und daselbst mit der Richtung nach oben ausmünden lässt. Dieser 
Canal scheint auf den ersten Blick dadurch Schwierigkeiten zu bieten, dass 
er mit ästhetischen Rücksichten in Conflict geräth. Im Innern der Gebäude 
lässt sich einem solchen Einwande wohl sofort begegnen. 

„Es wird in der letzten Zeit bei Anlage unserer Zimmer gewöhnlich 
dort, wo die aufrechte Wand sich an die Decke anschliesst, irgend ein 
Uebergangsgesims angebracht. Dieses Uebergangsgesims, dieses kleine 
Gewölbe, ist vorläufig bloss eine Verzierung. Man könnte es aber ganz gut 
ausnutzen, um einen Canal einzuschalten, der sich dann an der geeigneten. 
Stelle nach oben wendet und die Decke in der Nähe derjenigen Stelle 
durchbricht, an welcher im oberen Zimmer der Ofen steht. Bei einem 
Parterrezimmer ist es vielleicht möglich, den Canal unmittelbar unter dem 
Fussboden luftdicht hinzuführen, oder an der Decke des Kellers. 

„Ich will zunächst nur einen Augenblick über die Leistungsfähigkeit 
eines solchen Canals sprechen und dann noch auf die Mittel zu sprechen 
kommen, wie man einen störenden Einfluss des Windes paralysiren kann. 
Ich habe schon in verschiedenen Zimmern derartige Canäle ausführen lassen, 
und einen derselben, der rund ist, einen Durchmesser von 20 cm hat und 
sich mittelst eines abgekröpften Kniees nach oben wendet, häufig controlirt. 
Er liefert bei schwachem Winde und einer Temperaturdifferenz von 13° 
schon 90 cbm pro Stunde, so dass also die Stärke des Luftwechsels, den ich 
durch diesen Canal bekomme, natürlich unter den Umständen, unter denen 
man überhaupt einen kostenfreien Luftwechsel haben kann — bei vorhan¬ 
denen Temperaturdifferenzen — bei Weitem dasjenige überwiegt , was wir 
von der Poren Ventilation zu erwarten haben. Wenn Sie den Canal rich¬ 
tig führen, indem Sie ihm eine aufwärts gerichtete Mündung geben, so dass 
die einströmende Luft mit nach oben gerichteter Geschwindigkeit 
in das Zimmer tritt, dann ärgert sie niemand, sie breitet sich keineswegs 
am Boden aus, denn sie besitzt eine aufwärts strebende Geschwindigkeit 
von 50 bis 60 cm und steigt, wie mit dem Anemometer nachgewiesen wer¬ 
den kann, bis zu einer Höhe von 2 bis 2 1 / 2 m auf, um sich dort mit der 
warmen Luft zu vermischen. Man kann ganz nahe an den Canal heran¬ 
treten, ohne die geringste Empfindung von der einströmenden kalten Luft 
zu haben, selbst im kältesten Winter nicht. Es ist somit bei der von mir 
angegebenen Anordnung durchaus nichts von der kalten Luft zu fürchten. 
Ausserdem bietet sich noch der Vortheil, dass das, was etwa durch die 
Thür- und Fensterritzen hereinkommt und durch seine sehr kleine Ge¬ 
schwindigkeit nicht abgehalten werden kann, innerhalb der dünnen Zimmer¬ 
luft zu Boden zu sinken, wo es dann, am Boden hinstreichend, kalte Füsse 
macht, vermindert wird, wie Sie sich vorhin überzeugt haben, als Sie 
sahen, dass durch das Freigeben der Oeffnung am Boden des Zimmermodells 
die Grösse desjenigen Theils der aufrechten Wand, der Luft einliess, ver¬ 
mindert worden ist. 


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Durchlässigkeit von Mauern u. Zwischenböden der Wohnräume. 89 

„Wenn Ihr Nachbar im oberen Stockwerke gleich Ihnen dafür gesorgt 
hat, dass er einen undurchlässigen Fussboden hat, dann haben Sie eine un¬ 
durchlässige Decke, und es kann Vorkommen, dass der Zuströmungscanal 
desshalb nicht recht wirksam werden will, weil die Abströmung einen zu 
grossen Theil der aufrechten Wand beansprucht oder, was dasselbe ist, 
weil bei seiner Eröffnung die neutrale Zone zu tief sinkt. 

„In solchen Fällen ist es nöthig, dem Luftzuflusscanal noch einen Ab¬ 
zug hinzuzufügen. Der Luftzuflusscanal bleibt immer die Hauptsache, die 
Abzug8öffnung kommt immer erst in zweiter Linie, und hat ausschliesslich 
die Aufgabe, den Luftzufluss zu verstärken, falls derselbe in Folge einer 
zu tiefen Lage der neutralen Zone unter die Grenze des Bedarfs sinken 
würde. 

„Also wenn Sie bemerken, dass der Canal nicht recht ziehen will, 
dann ist es angezeigt, dem Luftwechsel noch durch einen Abzug aufzuhelfen. 
Bei Neubauten ist derselbe vorzusehen. 

„Es ist aber nicht ökonomisch, diesen Abzug etwa oben nahe der 
Decke anzubringen. Denn wenn Sie das thun, dann geht die warme Luft, 
die selbstverständlich über dem Ofen aufsteigt, sofort zu dem der Decke 
nahe liegenden Abzüge hinaus, und Sie haben keinen Genuss davon. Ja es 
ist sogar möglich, dass die frische Luft, die Sie desshalb in der Nähe des 
Ofens einführen, damit sie sich erwärme, nachdem sie am Ofen aufgestiegen 
ist, grossen Theils zum oberen Abzug hinausgeht, ohne unsere Nase 
überhaupt zu berühren, dass wir also, wie man diesen Zustand gut kenn- 
zeichen kann, im todten Winkel liegen bleiben. In Anbetracht dieser 
Umstände ist es unbedingt geboten, die Abzüge so einzurichten, dass sie 
unten münden; die Einmündung des Abzuges, der die Luft abführen soll, 
muss in der Nähe des Bodens angebracht sein. Ausserdem ist es günstig, 
dass der Abzug warm liege; demnach soll er nicht in der Aussenwand des 
Hauses angebracht sein, sondern da, wo er durch die Umgebung vor Ab¬ 
kühlung geschützt ist. 

„Wenn Sie wünschen, dass ein Abzug auch im Frühjahr, Sommer 
und Herbst wirksam sei, dann müssen Sie darauf Bedacht nehmen, dass der 
Abzug geheizt werden kann. Indem Sie den Abzug heizen, reizen Sie auch 
den Zuzug zu grösseren Leistungen. 

„Man kann mehrere solche Abzüge in einen Sammelcanal leiten, zuletzt 
müssen sie ganz gewiss über den First des Daches hinausgeführt werden, 
damit ihre Ausmündung nicht unter Winddruck kommen kann. Es ist ein 
bedenklicher Fehler, den Abzugscanal in einer aufrechten Wand ausmünden 
zu lassen. Jeder einigermassen kräftige Wind der gegen die Wand bläst, 
macht einen solchen Abzug unbrauchbar, stärkerer Wind ist im Stande, 
Luft durch den Abzug in das Zimmer zu drücken, die sich dann als kalter 
Zug gegen die Beine unangenehm fühlbar macht. 

„Nun habe ich noch ein Wort über die Mittel zu sagen, welche man 
besitzt, um die Wirkung des Windes auf den Luftzufluss unschädlich zu 
machen. Wenn der Wind an derselben Wand, in welcher die äussere 
Mündung des Luftzufuhrcanales liegt, vorbeistreicht, so kann es leicht 
kommen, dass der Druck an dieser Stelle geringer wird, als an der inne¬ 
ren Ausmündung des Canals. Der Wind ist ein mächtiger Ventilator, und 


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90 Elfte Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndpflg. zu Hannover. 

es gehört nicht viel Windgeschwindigkeit dazu, um die kleinen Kräfte zu 
überwinden, welche aus den Temperaturunterschieden herstammen. 

„Es ist desshalb nützlich, bei einer Lüftungsanlage den Wind zu be¬ 
achten und ihn wo möglich dem angestrebten Zwecke dienstbar zu machen. 
Es geschieht dieses dadurch, dass man ihn fangt. Die äussere Mündung 
muss mit einem Wind fang versehen werden. Ich bediene mich dazu 
eines sogenannten Presskopfes, der in die äussere Mündung des Luftzufnhr- 
canales eingesetzt wird. Die Grundform des Presskopfes kann dem Schall¬ 
becher eines Waldhorns oder einer Posaune verglichen werden (Fig. 4). 

Durch die Achse des Kegelmantels 
AB CD ist eine Scheidewand EF 
gelegt, welche den Mantel zwei¬ 
mal schneidet, also hier die Form 
AB CD hat, welche ja selbst auch 
nichts Anderes ist als ein Achsen¬ 
schnitt, den die Ebene der Zeich¬ 
nung durch den Kegelmantel macht. 
Senkrecht zu EF ist an diesem die 
runde Deckscheibe UH befestigt. 

„Der Presskopf wird so ein¬ 
gesetzt, dass die Scheidewand EF 
vertical steht. Diese Scheidewand 
hält dann den an der Aussenmauer 
vorbeistreichenden Wind auf, die 
Luft verdichtet sich etwas und glei¬ 
tet an der krummen Fläche BD oder A C in den Canal. Selbstverständ¬ 
lich könnte man den Apparat noch dadurch etwas verbessern, dass man 
das scharfe Eck HFE durch eine krumme Fläche ersetzt, welche der Luft 
ebenfalls als Leitfläclie dienen kann. 

„Am besten wirkt der Windfang, wenn er an einer südlichen oder 
nördlichen Wand angebracht ist, weil er dann die herrschenden Winde 
fängt. In Strassen geht ohnedies der Wind meistens der Richtung der 
Strasse parallel. 

„Derartige „Pressköpfe“ "an der Front eines Hauses anzubringen, wäre 
allerdings eine Neuerung aber nicht nothwendig unschön, wenn die Archi¬ 
tekten bei Ausbildung der Fagade darauf Rücksicht nehmen und die Platte 
HH mit einer passenden Verzierung versehen wollten.“ 



Doceiit Dr. Hueppe (Wiesbaden) spricht dem Referenten für seinen 
lichtvollen Vortrag den Dank der Versammlung aus (dem sich auf Antrag 
des Vorsitzenden die Versammlung anschliesst). Schon längst habe die 
Hygiene erkannt, dass die Durchlässigkeit des Bodens in der verschiedensten 
Weise höchst unangenehm werden könne und besonders die Militärhygiene 
habe Zahlen im Grossen dafür beibringen können, namentlich aus dem 
letzten russischen Feldzuge, die in höchst treffender Weise den Werth eines 
undurchlässigen Bodens zeige. Es erscheine beispielsweise wunderbar, wie 
in manchen südlichen Gegenden, in denen die berühmte und berüchtigte 


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Durchlässigkeit von Mauern u. Zwischenböden der Wohnräume. 91 

„conservirende Dreck- und Speckschicht“ nicht nur auf dem Körper son¬ 
dern auch in der Umgebung in höchster Blüthe stehe, doch die sanitären 
Verhältnisse, soweit sie sich in Zahlen aussprechen, merkwürdigerweise 
günstig seien und man dort fast überall nur auf Lehmschichten oder andere 
undurchlässige Schichten des Bodens recurriren könne, die eben die Woh¬ 
nungen trotz gehäuften Schmutzes hygienisch besser stellen, als manche 
moderne Paläste, bei denen dies nicht der Fall sei. Aber über die physi¬ 
kalischen Gründe dieses Verhaltens sei man im Allgemeinen, selbst sonst 
sehr competente Beurtheiler noch recht im Unklaren gewesen, so dass 
Herr Professor Recknagel durch seine einschlägigen, hier heute so all¬ 
gemein verständlich entwickelten Untersuchungen die moderne Wohnungs¬ 
hygiene aus einer gewissen Verlegenheit befreit habe, in der sie sich bis¬ 
her befunden habe. 

Sanitätsrath Dr. Nötzel (Colberg) fragt an, ob vielleicht von einem 
der Sachverständigen über den hygienischen Werth und die technischen 
Vortheile oder Nachtheile der in Norddeutschland bei Neubauten jetzt so 
vielfach angewandten Luftisolirschichten in den verticalen Wänden der 
Häuser etwas mitgetheilt werden könne. 

Baupolizei-Inspector Classen (Hamburg) ist der Ansicht, dass die 
erwähnte Luftisolirschicht schwerlich mit der Ventilationsfrage in Verbin¬ 
dung zu bringen sei; sie werde als Zwischenlage zwischen den massiven 
Aussenmauern von Backsteinbauten angewandt, um die Witterungsverhält- 
nisse, wesentlich die Feuchtigkeit, die durch Schlagregen hervorgebracht 
werde, von der Innenseite der Mauern abzuhalten, mit der Ventilationsfrage 
in Wohnräumen aber habe sie nichts zu thun. 

Professor Hermann Fischer (Hannover) bestätigt, dass diese Luft¬ 
schichten in hygienischer Beziehung nur dann Werth haben, wenn ohne die 
Luftschicht die Wände nass wären, auf den Luftwechsel aber könne eine 
solche Luftschicht niemals Einfluss üben, da es in der Wirkung gleich sei, 
ob die Luft durch eine dicke oder durch zwei getrennte dünnere Mauer¬ 
schichten hindurch müsse. 


Hiermit ist die Discussion über den letzten Gegenstand beendet und 
die Tagesordnung erschöpft. 

Vorsitzender Oberingenieur Meyer: 

„Meine Herren! Somit ist unserCongress am Schlüsse seiner Arbeiten 
angelangt. Ob dieselben einen Einfluss gewinnen werden auf die Ver¬ 
besserung sanitärer Zustände, können wir heute [noch nicht übersehen. 
Aber wir können constatiren, dass sie in ernster und aufrichtiger Anstren¬ 
gung entstanden sind und dass die Vorträge und Debatten stets eine wissen¬ 
schaftliche Objectivität bewahrt haben. Wir danken insbesondere den 
Herren Referenten, welche uns ihre interessanten und eingehenden Arbeiten 


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92 Elfte Versammlung d. D. Vereins f. öff. Gsndpflg. zu Hannover. 

zur Verfügung gestellt haben, Herrn Prof. Dr. Flügge, Herrn Generalarzt 
Prof. Dr. Roth, der ja leider selbst verhindert war, aber uns doch seine 
Thesen eingeschickt hat, Herrn Dr. Baginsky, Herrn Schulrath Prof. Dr. 
Bertram und Herrn Prof. Dr. Recknagel, ebenso allen Herren, die an 
der Discussion theilgenommen und beigetragen haben zur Förderung der 
Aufgaben, die wir uns auf diesem Congresse in den Fragen des hygienischen 
Unterrichts, der hygienischen Schulaufsicht und der sanitären Verbesserung 
von Bauconstructionen gestellt hatten. 

„Wenn die Congressmitglieder sich jetzt in geistiger und materieller 
Frische trennen, so können sie nicht umhin, dankbar der günstigen localen 
Umstände zu gedenken, die hier zu ihrer Erfrischung beigetragen haben: 
zuerst des Sonnenscheins, den uns der Himmel gespendet, sodann aber der 
freundlichen Veranstaltungen, welche die Stadt Hannover und viele unserer 
hier ansässigen Freunde und Collegen getroffen haben, um uns das Leben 
behaglich zu machen. 

„Wir hoffen, dass der Verein im nächsten Jahre ebenso arbeitsbereit 
an anderen Stellen unseres Bchönen Vaterlandes sich wieder versammeln 
werde! Und dass ich Sie alle, meine Herren Vereinsgenossen, dort in guter 
Gesundheit Wiedersehen möge, ist mein lebhafter persönlicher Wunsch, mit 
welchem ich die elfte Versammlung des Deutschen Vereins für öffentliche 
Gesundheitspflege schliesse. u 


Schluss der Sitzung 12 Uhr. 


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Section für öffentliche Gesundheitspflege. 


93 


Section für öffentliche Gesundheitspflege 

auf der 

57. Versammlung deutscher Naturforscher und Aerzte 
in Magdeburg. 

(18. bis 23. September 1884.) 

Nachdem in den letzten Jahren die hygienische Section der Natur- 
forscherversammlnng mehr und mehr an Bedeutung verloren hatte, die Zahl 
der Theilnehmer meist eine geringe war und wichtige oder interessante 
Mittheilungen immer seltener wurden, zeigt die diesjährige Versammlung 
eine sehr bedeutende Wendung zum Bessern: die Sitzungen waren gut 
besucht und eine ganze Reihe interessanter Vorträge kamen zu Gehör, an 
die sich mitunter eine lebhafte Discussion anschloss. 

Der Grund dieses erfreulichen Umschwungs in der hygienischen Section, 
die in den letzten Jahren gänzlich dahinzusiechen schien, lag in der aus¬ 
gezeichneten Weise, wie die Section von den Magdeburger Collegen, ganz 
besonders von den Herren Sanitätsrath Dr. Leo Schulz und Oberstabs¬ 
arzt Dr. Rosenthal vorbereitet war; diesen beiden Herren gebührt das 
wesentlichste Verdienst, die Section zu neuem Leben erweckt zu haben r 
und der Dank, der ihnen hierfür vielfach privatim und zu Anfang wie zu 
Ende der Verhandlungen auch öffentlich gezollt wurde. Eine Stütze hier¬ 
bei fanden sie freilich in dem durch seine Thätigkeit und seine aus¬ 
gezeichneten Publicationen längst rühmlich bekannten Magdeburger Verein 
für öffentliche Gesundheitspflege. 

Der sehr nachahmenswerthe Weg, den die Herren einschlugen, war 
der, dass sie eine Anzahl interessanter hygienischer Fragen aufstellten und 
über die Zweckmässigkeit deren Verhandlung in der hygienischen Section 
der Naturforscher Versammlung zunächst das Gutachten einer grossen Anzahl 
deutscher Hygieniker einholten. Dadurch lenkten sie zeitig die Aufmerk¬ 
samkeit auf die diesjährige Versammlung und erregten in vielen Kreisen 
Interesse für dieselbe, in denen man in den letzten Jahren wenig mehr an 
die hygienische Section der Naturforscherversammlung gedacht hatte. So 
gelang es ihnen ein reichhaltiges Programm aufstellen zu können und als 
Referenten eine Anzahl der besten und anerkanntesten Hygieniker zu ge¬ 
winnen. Dass gerade von ihnen eine ziemliche Anzahl, deren Namen wohl 
besondere Anziehungskraft gehabt hatten — ich nenne nur Emmerich, 
Soyka, Börner, Hermann Cohn u. A. —, schliesslich nicht erschienen 
sind, bleibt im Interesse einer erschöpfenden Durchberathung der einzelnen 
Themata lebhaft zu bedauern, ist aber wohl nur zum geringsten Theile 


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57. Naturforscherversammlung. 

Schuld der Geschäftsführung, die vielleicht mitunter zu sanguinisch eine 
Nichtablehnung oder eine bedingte Zusage für eine sichere Zusage ange¬ 
sehen hatte. 

Immerhin blieb noch eine genügende Anzahl anregender Vorträge und 
Discussionen, über die in Nachfolgendem in Kürze berichtet werden soll. 

Nachdem in der constituirenden Sitzung Herr Sanitätsrath Dr. Leo 
Schulz die Anwesenden herzlich begrÜBst hatte, wurde für die erste 
Sitzung Herr Ministerialrath Dr. Wasserfuhr (Strassburg) zum Vor¬ 
sitzenden gewählt, der auch in der zweiten Sitzung das Präsidium führte, 
während in der dritten und letzten Sitzung Herr Geb. Regierungs- und 
Medicinalrath Dr. Schwartz (Köln) die Verhandlungen leitete. 

Der erste Gegenstand der Tagesordnung lautete: 

Ueber die Licht- und Schattenseiten der Wasserversorgung 
der Städte aus den Flüssen. 

Referent Prof. Dr. Reichard (Jena) stellt, conform den Wiener Be¬ 
schlüssen von 1864, als Anforderung an ein gutes Trinkwasser auf, dass es 
klar, farblos und geruchlos sei, wenig feste Bestandtheile habe und ständig 
in Quantität und Qualität sei. Dieser Anforderung genüge nur ein weiches 
Quellwasser und den Standpunkt, auf dem er auf der Danziger Versamm¬ 
lung des Deutschen Vereins für öffentliche Gesundheitspflege (1874) gestan¬ 
den habe, halte er auch noch jetzt aufrecht. Danach sei eine Trinkwasser¬ 
versorgung durch Flusswasser zu verwerfen. Später habe der Deutsche 
Verein für öffentliche Gesundheitspflege auf seiner Versammlung zu Düssel¬ 
dorf (1876) jenen Standpunkt im Interesse der Massenversorgung modificirt. 
Jetzt dominire der Begriff der Massenversorgung und dränge die sanitären 
Forderungen immer mehr in den Hintergrund. Dies sei zu* bedauern. 
Trinkwasser sei ein Nahrungsmittel und man sei berechtigt an dasselbe die¬ 
selben Anforderungen wie an andere Nahrungsmittel zu stellen, vor Allem, 
dass es rein und nicht gesundheitsschädlich sei; diesen Anforderungen 
genüge Flusswasser nie. Durch die zunehmende Industrie werden die Flüsse 
immer mehr verunreinigt und namentlich in Magdeburg sei dies durch die 
Stassfurter Industrie in hohem Grade der Fall; andererseits sei es erwiesen, 
dass eine Filtration des Wassers ganz ohne Einfluss auf Mikroben sei, 
während reines Quellwasser frei von Mikroorganismen sei. Halle beispiels¬ 
weise habe heftig an Epidemieen gelitten, man habe dann die Flusswasser¬ 
leitung aufgegeben und eine Quellwasserleitung eingeführt und die Epide¬ 
mieen seien verschwunden. Desshalb müsse das Augenmerk in erster Linie 
immer auf das Auffinden und Herleiten von Quellen, wenn nöthig aus 
grosser Entfernung, gerichtet sein. Genüge dies quantitativ nicht, so solle 
man zwei Leitungen anlegen, eine für Trinkwasser und eine für Wasser zu 
gewerblichen Zwecken, zu Spülung etc., da solches Wasser geringere An¬ 
forderungen an Reinheit zu machen brauche; darunter aber solle man das 
Nahrungsmittel Trinkwasser nicht leiden lassen, und als Nahrungsmittel sei 
Flusswasser ganz ungeeignet. 


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Section für öffentliche Gesundheitspflege. 95 

Bei der Discussion sprach Dr. Ewich (Köln) ebenfalls gegen filtrir- 
tes Flusswasfler nnd für das dem Flussbette zuströmende Grundwasser. 

Prof. Dr. Reichard erwidert, dass das, was man gemeiniglich als 
Grundwasser in der Nähe der Flüsse ansehe, oft aus Quellen in unmittel¬ 
barer Nahe der Flüsse komme. 

Physicus Dr. Wallichs (Altona) stimmt mit dem Referenten zwar 
darin überein, dass das Trinkwasser möglichst rein sein solle, hält aber ein 
ausschliessliches Verlangen von Quellwasser für unberechtigt, da die Be¬ 
schaffung solches vielfach unmöglich sei, namentlich für dio grossen Städte 
des Tieflandes mit ihrem colossalen Bedürfnisse von Wasser und eine Tren¬ 
nung von zwei verschiedenen Wasserleitungen technisch und auch sonst 
bedeutende Schwierigkeiten habe. Ausserdem theile er aber auch die von 
dem Referenten geschilderten gesundheitlichen Nachtheile der Flusswasser¬ 
leitungen nicht, Altona habe seit Jahren eine solche Leitung gut filtrirten 
Flusswa88er8, dort sei man sehr zufrieden damit, das Wasser sei rein und 
gesundheitliche Nachtheile haben sich nirgends gezeigt. 

Physicus Dr. Noetzel (Colberg) hebt hervor, dass es jedenfalls 
dankenswerth sei, immer wieder darauf hinzuweisen, dass bei Anlage neuer 
Wasserversorgungen ein möglichst reines Wasser, also, wenn möglich, ein 
reines Quellwasser, wenn auch erst ein durch Bohrungen zu erschliessen- 
des, benutzt werde, da erfahrungsmässig die städtischen Behörden im All¬ 
gemeinen sehr geneigt seien, das Wasser des nächstliegenden Flusses ohne 
Weiteres zur Wasserentnahme zu benutzen. In Colberg sei leider das Auf¬ 
finden eines Exemplars von Crenothrix polyspora in dem sonst ganz 
brauchbaren Wasser der in der Nähe erschlossenen Quellen, wie ihm scheine, 
ungerechtfertigterweise die Veranlassung gewesen, auf die Benutzung dieser 
Quellen ganz zu verzichten. 


Da der Referent über den zweiten Gegenstand der Tagesordnung: 

Die Flussverunreinigung durch mineralische Effluvien 

Herr Dr. Emmerich (München) zu erscheinen verhindert war, refe- 
rirt der 

Correferent Prof. Dr. Schreiber (Magdeburg) über die Verunreini¬ 
gungen, die die Elbe speciell durch die Kalisalzindustrie erfahre, die sich in 
den letzten 20 Jahren um das 42fache vermehrt habe und die eine beträcht¬ 
liche Menge des Rohmaterials in Form von löslichen Salzen den Neben¬ 
flüssen der Elbe übergebe, wodurch die rapide Zunahme der Verunreinigung 
des Elbwassers wohl erklärlich sei. Nun sei aber Magdeburg als Festung 
darauf angewiesen, sein Trinkwasser innerhalb des Rayons der Festungs¬ 
werke zu entnehmen, um bei einer etwaigen Belagerung nicht ohne Trink- 
wasser zu sein. Da nun die Brunnen in Magdeburg meist sehr schlecht 
seien, sei die Stadt auf das Elbwasser als Trinkwasser angewiesen und da 
müsse Magdeburg die Hülfe der Regierung gegen die Verunreinigung des 
Flusswassers anrufen, das seit etwa sechs Jahren schon zum Genuss als 
Trinkwasser kaum mehr zu verwenden sei, namentlich im Sommer, in dem 


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96 


57. Naturforscherversammlung. 

das Wasserbedürfniss am grössten, der Wasserstand aber am niedrigsten 
und dem entsprechend die Verunreinigung noch viel bedeutender sei als zu 
anderen Zeiten, und in den letzten Jahren nehme diese Verunreinigung 
stetig in erschreckender Weise zu. Hier müsse Abhülfe geschaffen werden 
und die könne nur darin bestehen, dass man einen Canal anlege, der neben 
der Elbe herlaufend die Abwässer aller oberhalb Magdeburg gelegenen 
Fabriken aufnehme und unterhalb Magdeburg in die Elbe münde. Unter¬ 
halb Magdeburg sei die Wassermasse eine schon wesentlich grössere, es 
liege keine grössere Stadt an der Elbe, die Gegend sei weniger stark bevöl¬ 
kert und das Elbwasser werde nicht zur Trinkwasserversorgung benutzt. 
Für Magdeburg werde es daher immer ein Gebot derNothwehr sein, dahin 
zu streben, dass alle Fabriken, welche ihre Effluvien der Elbe zuführen, sich 
an einen unterhalb Magdeburg mündenden Canal anschliessen und durch 
Gesuch an die Reichsregierung ein Gesetz zu erwirken, welches für die 
dem Stromgebiete der Elbe angehörenden, der Jurisdiction Preussens nicht 
unterliegenden Länder dieselben Bedingungen bezüglich der Stromver¬ 
unreinigung stellt, wie sie für das Preussen angehörende Elbgebiet Geltung 
haben. 

Prof. Dr. Kraut (Hannover) bestreitet, dass der Chlor- und Magnesia¬ 
gehalt des Elbwassers bei Magdeburg durch die Effluvien aus den Chlor¬ 
kaliumfabriken bei Stassfurt, Aschersleben und Bernburg in irgend be- 
merkenswerther Weise und namentlich biB zu dem Grade gestiegen sei, 
dass dadurch die Verwerthung des Wassers zu industriellen Zwecken ge¬ 
schädigt werde oder der Genuss desselben gesundheitliche Gefahren mit 
sich führe. 

Dr. Frank (Charlottenburg) weist darauf hin, dass neben der Ver¬ 
unreinigung der Flüsse durch Salze nahezu grössere und jedenfalls gefähr¬ 
lichere Verunreinigungen durch organische Stoffe resp. Industrieabgänge 
dem Wasser zugeführt werden und dass also der Vorschlag des Herrn Prof. 
Schreiber, die Stassfurter Laugen in einem separaten Canal abzuführen, 
in hygienischer Beziehung wenig Nutzen schaffen würde. Wenn übrigens 
wirklich festgestellt wäre, dass die jetzige Beschaffenheit des Elbwassers 
es zu dauerndem Genuss unbrauchbar mache, eine Ansicht, die er auf Grund 
seiner Erfahrungen nicht theile, so sei damit die Frage der Trinkwasser- 
beschaffung für Magdeburg aus Quellgebieten doch nicht ausgeschlossen, 
da ja der Zustand eines unglücklichen Krieges resp. Belagerung, welcher 
zu einer Abschneidung solcher Zuleitung führen könnte, doch schlimmsten 
Falles nur vorübergehend zu befürchten sei und dann die Elbe noch immer 
als letzte Aushülfe bliebe. 

Dr. Rapmund (Nienburg) theilt die Ansicht des Herrn Prof. Kraut, 
dass die mineralischen Effluvien nicht im Entferntesten die Wichtigkeit für 
die Flussverunreinigung haben wie die organischen, und dass die ersteren, 
selbst wenn sie in grossen Massen den Flüssen zugeführt werden, durch die 
noch grösseren Wassermassen derselben und durch die Schnelligkeit ihres 
Stromlaufes in unglaublich schneller Zeit in solchem Grade verdünnt 
werden, dass irgend welche Schädlichkeit für die Gesundheit der Anwohner 
daraus nicht erwachse. 


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97 


Section für öffentliche Gesundheitspflege. 

Zu Beginn der zweiten Sitzung sprach zuerst 

Ueber die Technik der Desinfection in ihren Beziehungen 
zu den neuen hygienischen Forschungen 

Dr. Frank (Charlottenburg). Derselbe constatirt zunächst, dass eine 
grosse Zahl der bisher gebräuchlichen Desinfectionsmittel vor den neueren 
strengen Prüfungsmethoden nicht Stich halten und dass eine absolute Des¬ 
infection, eine sichere und vollkommene Zerstörung aller Ansteckungsstoffe 
nur durch Mittel zu erreichen sei, die zugleich den Träger des Ansteckungs¬ 
stoffes mit zerstören, was doch in sehr vielen Fällen nicht anwendbar sei. 
Desshalb müsse man auch bei der Desinfection sich mit dem praktisch 
Möglichen und Erreichbaren genügen lassen. 

Die Desinfection könne eine dreifache sein, eine physikalische, 
durch üitze, eine Methode, die sich aber nur auf eine geringe Zahl von 
Gegenständen an wenden lasse, — eine physiologische, die die Tödtung 
der Mikroorganismen bezwecke, durch Sublimat und Carbolsäure, von denen 
aber erstere wegen ihrer grossen Giftigkeit nur sehr beschränkte Anwen¬ 
dung finden könne, letztere wegen ihrer Unzuverlässigkeit, — und endlich 
eine chemische Methode mittelst schwefliger Säure, Chlor oder Brom, die 
zertrümmernd und zerstörend auf die den Fasern anhaftenden Krankheits¬ 
stoffe wirken. Darauf aber komme es oft an, den Krankheitsstoff zu zer¬ 
stören und nicht den Krankheitsträger, Werthobjecte oder Einrichtungsstücke, 
da sonst das Publicum dieses mehr fürchten werde als die Krankheit selbst 
und desshalb Anzeige und ärztliche Behandlung thunlichst meiden werde. 
Von den drei letztgenannten Mitteln habe sich nach neueren Versuchen die 
schweflige Säure am wenigsten bewährt, dem schwierig zu behandelnden 
Chlor gegenüber biete das Brom durch die Sicherheit und Bequemlichkeit, 
mit der es sich dosiren lasse, bedeutende praktische Vorzüge. Durch die 
technischen Verbesserungen, welche für Brom in den letzten Jahren aus¬ 
geführt worden seien, sei es jetzt möglich, mit Hülfe höchst einfacher und 
überall ohne besondere Einrichtungen anwendbare Methoden, Bromdämpfe 
in jeder Quantität, rein, oder mit Luft, oder mit Dampf gemischt, in die 
zu desinficirenden Räume zu schicken, die erfolgte Verwendung genau zu 
controliren und die mit der Desiufectionsarbeit Betrauten wirksam zu 
schützen. Dass die Desinfection mit Brom keine absolute Garantie für Zer¬ 
störung jedes Ansteckungskeimes leiste, gebe er zu, aber das sei mit allen 
chemischen Desinfectionsmitteln der Fall und doch könne man sie nicht 
entbehren, um so weniger, als es sich meist darum handele, einen Feind zu 
bekämpfen, der noch sehr wenig genau gekannt sei; erst wenn die Krank¬ 
heitsstoffe genauer erkannt seien, dürfe man hoffen, sicher wirkende Des¬ 
infectionsmittel zu erhalten und ein specielles Studium der einzelnen Infec- 
tionsstoffe und der zu ihrer Vernichtung wirksamsten Agentien sei desshalb 
von grösster Bedeutung, da nur auf diese Art die Auswahl der Desinfections- 
methode sachgemäss erfolgen könne. 

Ausserdem eigene sich Brom auch als Desodorisationsmittel, das, wenn 
auch die Hygieniker heutzutage nicht viel von ihm wissen wollen und wohl 
mit Recht Luftwechsel und nicht Reinigung der Luft durch Desodorisation 

Vierteljahrs schrift für Gesundheitspflege, 1885. 7 


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57. Naturforscherversammlung. 

verlangen, doch in vielen Fällen, bei ekelerregenden nnd dadurch zu Krank¬ 
heit disponirenden Gerüchen, an Orten, wo Lüftung schwer möglich ist, in 
Krankenzimmern, auf Schiffen bei Sturm etc. für Comfort und Wohlbefinden 
von grossem Werthe sein könne. Hier werde schweflige Säure und Chlor 
selbst in kleinstem Ueberschuss als schwere Belästigung empfunden, Brom 
hingegen bleibe ein bequemeres, von Gesunden und Kranken leicht zu er¬ 
tragendes Luftreinigungsmittel, das jeden Schwefelwasserstoff und Ammoniak 
sicher zerstöre. 


Das meiste und allgemeinste Interesse der Tagesordnung hatte viel¬ 
leicht das folgende Thema erregt: 

In wie weit hat sieh die in verschiedenen Gegenden Deutsch¬ 
lands eingeführte obligatorische Trichinenschau zur Ver¬ 
hütung der Trichinenkrankheit bewährt? 

um so mehr als für diese praktich so äusserst wichtige und von den ver¬ 
schiedenen Hygienikern so verschieden beurtheilte Frage eine Aufklärung 
in doppelter Weise zu erwarten stand, indem Dr. Börner (Berlin) zugesagt 
hatte die Erfahrungen mitzutheilen, die man in Berlin, wo seit über zwei 
Jahren alle geschlachteten Schweine einer vorzüglich organisirten, wirkungs¬ 
vollen Trichinenschau unterzogen werden, gemacht hatte und andererseits 
Dr. Rupprecht (in Hettstädt) aus dem Centrum der bisherigen bedeuten¬ 
deren Trichinenepidemieen ein reiches Material von interessanten Erfahrun¬ 
gen aus den verschiedenen Epidemieen in Aussicht stellte. Leider aber fehl¬ 
ten bei Eröffnung der Versammlung beide Referenten; Dr. Rupprecht, 
durch Krankheit am Erscheinen verhindert, hatte sein Referat schriftlich 
eingeschickt, das verlesen wurde. 

Dr. Rupprecht tbeilt mit, dass sich seit Einführung der obliga¬ 
torischen Trichinenschau im Regierungsbezirk Merseburg die Zahl der an 
Trichinose Erkrankten im Allgemeinen erheblich vermindert habe, ein 
absoluter Schutz gegen Trichinenkrankheit werde durch die Trichinenschau 
aber nicht gewährt, noch immer kämen hier und da mörderische Trichinen¬ 
epidemieen vor. Die Ursache dafür sei, dass die Untersuchung häufig nicht 
gewissenhaft genug, nicht überall kundig, mit blöden Augen oder mit un¬ 
vollkommenen Mikroskopen ausgeführt werde, dass aus einigen trichinenfrei 
gefundenen Proben nicht immer mit Sicherheit das ganze Schwein für tri¬ 
chinenfrei erklärt werden könne. Desshalb habe man geglaubt das Zwangs- 
mikroskopiren als sichere Gewähr gegen Trichinenkrankheit verwerfen zu 
müssen und das genügende Kochen und Braten des Schweinefleisches als 
( alleiniges sicheres Schutzmittel gegen Trichinenerkrankung empfehlen zu 
sollen. Dieses genügende Kochen, die Erzielung einer Temperatur von 
mindestens 64° R. im Inneren aller Fleischtheile, geschehe aber trotz aller 
Belehrungen und Warnungen vielfach nicht, noch schlimmer freilich sei die 
leider immer mehr um sich greifende Unsitte, das Fleisch roh zu essen. 
Da nun die obligatorische Fleischschau keinen absoluten Schutz gegen Tri- 


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Section für öffentliche Gesundheitspflege. 

chinenkrankheit gewähre, das Kochen und Braten des Schweinefleisches aus 
Fahrlässigkeit oder absichtlich nicht trichinensicher bewirkt werde und die 
Vorliebe für rohes und halbrohes Fleisch immer mehr zunehme, so bleibe 
der Gesundheitspolizei nur übrig, ein strengeres Zwangsmikrosko- 
piren anzuordnen. Es müsse desshalb ein jedes auf rohes Hackfleisch, 
oder auf geräucherte Waare zu verarbeitendes Schwein durch je zwei 
Fleischbeschauer, unabhängig von einander, untersucht werden. Um 
gefährliche Trichinenherde nicht aufkommen zu lassen, genüge es nicht, die 
Trichinenschweine polizeilich dem Verkehr als Nahrungsmittel zu entziehen, 
sondern es müsse die Behörde, wo solche Herde eine besondere Intensität 
erlangen oder erlangt haben, rattensicheren Um- oder Neubau der Schweine¬ 
ställe anordnen. 

Geh. Medicinalrath Dr. Günther (Dresden) berichtet über den 
Einfluss der obligatorischen Trichinenschau in Sachsen, der bei flüchtiger 
Beobachtung ein günstiger zu sein scheine; denn während die drei Jahre 
1874 bis 1876 bei 672 Erkrankungen 8 Todesfälle und die drei Jahre 1877 
bis 1879 bei 693 Erkrankungen 12 Todesfälle gehabt haben, seien 1880 
bis 1882 nur 544 Erkrankungen und nur 2 Todesfälle vorgekoramen. Bei 
näherer Prüfung aber zeige sich, dass auch vor der Zeit, in welcher obli¬ 
gatorische Trichinenschau stattgefunden habe, Jahre mit geringerer Trichinen¬ 
frequenz vorgekommen seien, so 1862 bis 1864 mit 77 Erkrankungen und 
nur 3 Todesfällen, 1865 bis 1868 mit 161 resp. 3, 1869 bis 1871 mit 195 
resp. 7 und 1871 bis 1873 mit 399 Erkrankungen und nur 2 Todesfällen; die 
Zeit seit Einführung der obligatorischen Trichinenschau sei eben noch zu 
kurz, um sichere Schlüsse auf ihre Einwirkung zu ziehen. — In den 22 
Jahren 1860 bis 1882 seien in Sachsen beinahe 11 Millionen Schweine ge¬ 
schlachtet worden und von ihnen seien es nur 87 gewesen, die die circa 
2700 Erkrankungen und circa 40 Todesfälle bedingt hätten, mithin habe 
unter je 125000 geschlachteten Schweinen nur je eines eine Trichinenepidemie 
verursacht. Dass jedoch unter diesen 125 000 wohl noch manches trichinöse 
Schwein gewesen sei, gehe daraus hervor, dass unter den im Jahre 1882 im 
Dresdener Schlachthause untersuchten Schweinen ein trichinöses auf 3800 
und im Jahre 1883 eines auf 6297, im übrigen Lande aber eines auf 3181 
untersuchte Schweine gekommen sei und es sei somit eine Menge trichinöser 
Schweine ohne Nachtheil verzehrt worden, wahrscheinlich nur in gut ge¬ 
kochtem oder gründlich gepökeltem Zustande. 

Kreisphysicus Dr. Rapmund (Nienburg) giebt zu, die obligato¬ 
rische mikroskopische Untersuchung des Schweinefleisches habe bis jetzt noch 
nicht den Erfolg gehabt, dass die Trichinenerkrankungen aufgehört haben, 
wohl aber, dass sie sich erheblich verringert und das erstere Ziel nur 
desshalb nicht erreicht worden sei, weil eben die Ausführung dieser 
segensreichen sanitätspolizeilichen Maassregel Personen an vertraut sei, die 
in vielen Fällen nicht die erforderliche Sicherheit hinsichtlich der Ausübung 
ihres wichtigen Amtes bieten. Man müsse sich wundern, dass gerade der 
Staat bei Auswahl, Ausbildung, Anstellung, Controle der Fleischbeschauer 
so freien Spielraum lasse und dieselben nicht den gleichen scharfen Bestim¬ 
mungen unterwerfe, wie die Hebammen; hänge doch von der Zuverlässig¬ 
keit eines Fleischbeschauers oft die Gesundheit und das Leben von mehr* 

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57. Naturforscherversammlung. 

als hundert Menschen ab. Also strengere allgemeine Normativbestimmun- 
gen in dieser Hinsicht, nicht für einen einzelnen Bezirk, sondern für den 
ganzen Staat, seien unbedingt erforderlich. Diese Normativbestimmungen 
haben sich vor Allem auf die Auswahl des auszubildenden Perso¬ 
nals (z. B. Ausschluss von schlechtsehenden, über 40 Jahre alten etc.), 
auf die sorgfältigste Ausbildung derselben durch entsprechende 
Sachverständige, auf schärferes Examen und Controle resp. Nachprü¬ 
fungen, auf Beschaffung besserer Instrumente zu erstrecken. Solchen 
an die Fleischbeschauer zu stellenden erhöhten Anforderungen gegenüber 
müsse aber auch eine bessere Besoldung derselben gewährt und besonders 
mit aller Strenge der Unsitte der einzelnen Gemeinden, das Honorar der 
Fleischbeschauer herunterzudrücken, gegenüber getreten werden; dann wer¬ 
den die angestellten Fleischbeschauer immer zuverlässiger werden und der 
Erfolg werde nicht ausbleiben, dass die obligatorische mikroskopische Unter¬ 
suchung des Schweinefleisches in Wirklichkeit auch das Auftreten der Tri¬ 
chinenerkrankungen verhüte. 

Geh. Regierungs- und Medicinalrath Dr. Schwartz (Köln) 
führt aus, dass er früher an der Möglichkeit gezweifelt, beim Mangel appro- 
birter Thierärzte eine genügende Anzahl zuverlässiger sogenannter empiri¬ 
scher Fleischbeschauer für die Ausführung der Trichinenschau gewinnen 
zu können und sich desshalb auch gegen die obligatorische Einführung der 
genannten Maassregel ausgesprochen habe. Nachdem aber im Regierungs¬ 
bezirke Köln, namentlich in den Städten Köln und Mühlhausen, Trichinen- 
epidemieen constatirt worden seien und bezügliche Ministerialerlasse 
dringend die Trichinenschau als Schutzmaassregel gegen wiederholte Epide- 
mieen empfohlen haben, habe er unter Mitwirkung erfahrener Kreis-, Medi- 
cinal- und Veterinärbeamten die Ausbildung empirischer Fleischbeschauer 
selbst in die Hand genommen und sich persönlich überzeugt, dass Laien 
ohne besondere naturwissenschaftliche Vorbildung, wenn sie nur gute Augen 
und Hände, genügende Verstandeskräfte und Schulbildung besitzen, nament¬ 
lich aber nur gewissenhaft und zuverlässig und bei der Fleischschau un- 
betheiligt seien, für die erfolgreiche Ausführung der Trichinenschau recht 
wohl ausgebildet werden können. Zwei in der letzten Zeit in der Stadt Köln 
vorgekommene Trichinenepidemieen seien nachweisbar in einem Falle durch 
vorschriftswidrig in Folge Nachlässigkeit eines Polizeibeamten in Verkehr 
gebrachten, zur Vernichtung bestimmten trichinösen Schinken und im 
anderen Falle durch Unsicherheit eines Fleischbeschauers, der nach beende¬ 
tem 60. Lebensjahre ungenügend vorgebildet gewesen sei, verursacht gewesen. 
Seitdem seien bezüglich Ausbildung der Fleischschauer und polizeilicher 
Ueberwachung inficirter Schweine und Fleischwaaren strengere Vorschriften 
erlassen und keine weiteren Trichinen er krankungen mehr vorgekomraen. 
Er könne desshalb die obligatorische Trichinenschau in allen Bezirken, wo 
der Genuss rohen oder mangelhaft gekochten Schweinefleisches üblich sei, 
als eine sehr nützliche sanitätspolizeiliche Maassregel nur empfehlen, unter 
der Voraussetzung, dass in der Trichinenschau erfahrene Medicinal- oder 
Veterinärbeamte die Fleischschauer ausbilden und fortwährend unter geregel¬ 
ter Controle halten. Auf die halbe oder ganze Mark, die für Untersuchung 
t eines Schweines gezahlt werde, könne es doch wahrlich nicht ankommen, 


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Section für öffentliche Gesundheitspflege. 101 

wenn es sich um Schutz von Menschenleben handele. Ansserdem bleibe 
das Geld im Lande und werde an Mitbürger für eine durchaus nützliche 
Beschäftigung, die Untersuchung eines der wichtigsten Volksnahrungsmittel, 
verausgabt. Schliesslich könne er aber auch empfehlen, die Finnenschau 
gleichzeitig mit der Trichinenschau vorzuschreiben, um auch den Band¬ 
wurmkrankheiten vorzubeugen, was im Regierungsbezirk Köln nach all¬ 
gemeiner ärztlicher Erfahrung und nach den in den Apotheken gemachten 
Nachfragen über den Consum von Band wurm mittein jetzt nach erfolgter 
Einführung der Finnenschau entschieden gelungen sei. 

Dr. med. R. Blasius (Braunschweig) hält ein längeres Durch¬ 
kochen resp. Durchbraten des Schweinefleisches (über 64°) für 
ein absolut sicheres Mittel gegen die Trichinose; da diese Maassregel aber 
bei einer grossen Mehrzahl der deutschen Bevölkerung, speciell in Nord¬ 
deutschland, nicht durchgeführt werden könne, weil sie gegen den Volks¬ 
gebrauch, rohes Schweinefleisch zu essen, verstosse, so sei eine exacte Tri¬ 
chinenschau erforderlich. Diese werde nur nützen, wenn sie gleichmässig 
über das ganze Deutsche Reich gesetzlich durchgeführt werde und 
die Trichinenschauer möglichst genau ausgebildet und controlirt werden. Die 
Anforderungen, die hygienischerseits zu stellen seien, lassen sich in folgen¬ 
den Thesen, wie sie von ihm schon bei einer früheren Gelegenheit vor¬ 
geschlagen und angenommen worden seien, zusammenfassen: 

1. Die obligatorische Trichinenschau ist durch Gesetz mit einheitlichen 
Vorschriften für das ganze Deutsche Reich einzuführen. 

2. Die Trichinenschauer (soweit sie nicht Aerzte, Thierärzte oder Apo¬ 
theker sind) werden alle drei Jahre nachgeprüft und die Mikoskope 
derselben revidirt. 

3. Die Gebühr für die einzelne Untersuchung eines Schweines auf Tri¬ 
chinen soll mindestens 75 Pfennig bis 1 Mark betragen und nicht 
an die Fleischbeschauer selbst gezahlt, sondern durch die Polizei 
eingezogen werden. 

4. In den Städten ist die Fleischschau, wie überhaupt das Schlachten, 
möglichst auf die Schlachthäuser zu beschränken. 

5. Durch eine Marke ist auf der Schwartenseite des untersuchten Stückes 
Schweinefleisch Name und Wohnung des betreffenden Fleischbeschauers 
und Zeit der stattgehabten Untersuchung zu bezeichnen. 

6. Diejenigen Fleischbeschauer, die Trichinen in einem Stück Schweine¬ 
fleisch Anden, erhalten Prämien. 

7. Es ist seitens der Behörden dafür zu sorgen, dass stets frisches tri¬ 
chinenhaltiges Fleisch zu Unterrichtszwecken vorräthig ist. 

8. Auch die Wildschweine unterliegen einer obligatorischen Unter¬ 
suchung auf Trichinen. 

9. Gegen die Verbreitung der Trichinose unter den Schweinen ist mög¬ 
lichst zu wirken durch Reinlichkeit der Stallungen, Vertilgung der 
Ratten, Verhütung der Verfütterung trichinöser Schweine u. s. w. 

10. Das Publicum ist darauf aufmerksam zu machen, dass auch die sorg¬ 
fältigste Trichinenschau keine absolute Sicherheit gegen Trichinose 
bietet, und diese nur in einer rationellen Zubereitung des Schweine¬ 
fleisches durch tüchtiges Kochen oder Braten gefunden werden kann. 


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57. Naturforscherversammlung. 

Ministerialrath Dr. Wasserfuhr (Strassburg) sieht den Zweck 
der allgemeinen Trichinenschau in der Verhütung der Trichinenkrankheit 
bei Menschen. In vielen Fällen möge dieser Zweck erreicht worden sein; 
im Allgemeinen aber habe die Erfahrung gelehrt, dass in den Gegenden, 
in welchen eine allgemeine Trichinenschau eingeführt worden sei, trotzdem 
sporadische und epidemische Erkrankungen an Trichinose bei Menschen 
Vorkommen, und nicht einmal eine grössere Seltenheit solcher Erkrankungen 
gegen früher bemerkbar sei. Es folge hieraus, dass die Trichinenschau 
ein unzuverlässiges Mittel gegen die menschliche Trichinose sei. 
Dieser Mangel rühre davon her, dass die Trichinenschau in den meisten 
Fällen nur in der oberflächlichen Untersuchung einiger weniger MuBkel- 
proben durch ungeübte, oft nicht einmal gewissenhafte Personen bestehe. 
Diese Unzuverlässigkeit sei auch den Freunden der Trichinenschau nicht 
entgangen. Aber statt sich nach zuverlässigeren Mitteln umzusehen, be¬ 
harre man vielfach auf dem falschen Wege; wenn trotz der allgemeinen 
Trichinenschau die Trichinose bei Menschen in einem Bezirke auftrete, so 
erhöhe man die Zahl und die Remuneration der Trichinenschauer, die Zahl 
der zu untersuchenden Muskelproben, die Zeitdauer für die Untersuchung 
der einzelnen Schweine, beschränke die Zahl der Schweine, welche ein Tri¬ 
chinenschauer an dem nämlichen Tage in maximo untersuchen solle, lasse 
die Mikroskope inspiciren u. dergl., ohne zu erwägen, dass ein solches um¬ 
ständliches, kostspieliges und langweiliges Verfahren vielleicht in einzelnen 
kleinen Bezirken und unter besonderen Umständen bis zu einer gewissen 
Grenze durchführbar sei, aber ausser Verhältniss zu dem beabsichtigten 
Zwecke stehe, und als allgemeine sanitäre Maassregel unmöglich sein würde. 
Andere Freunde der Trichinenschau seien der Ansicht, dass wenn die Trichinen¬ 
schau auch nicht alle vor Erkrankung schütze, es doch schon ein Vorth eil 
sei, dass durch die Trichinenschau wenigstens ein Theil der Menschen, 
welche trichinöses Schweinefleisch verzehrt haben, vor der Trichinose be¬ 
wahrt werde, während ohne Trichinenschau alle, oder doch fast alle an 
Trichinose erkranken würden. Dem sei entgegenzuhalten, dass thatsächlich 
sehr viel rohes trichinöses Schweinefleisch verzehrt werde, ohne dass der 
Genuss desselben bei Menschen Trichinose erzeuge. 

Er würde daher die Frage dahin beantworten: die allgemeine mikro¬ 
skopische Sohweinefleischuntersuchung habe sich als ein unzuverlässiges 
Mittel zur Verhütung der Trichinose bei Menschen erwiesen, und selbst, wo 
sie Erfolge erzielt habe, Btehe dieselbe ausser Verhältniss zu dem dazu 
erforderlich gewesenen Aufwande von Menschen, Mikroskopen, Geld und 
Arbeitszeit. Ferner sei die allgemeine amtliche mikroskopische Schweine¬ 
fleischuntersuchung geradezu ein Mittel, um die Trichinose in Nord- und 
Mitteldeutschland — in Süddeutschland kenne man keine Trichinose — zu 
verewigen, indem sie das Publicum in eine trügerische Sicherheit wiege 
und dadurch den barbarischen Genuss rohen Schweinefleisches in demselben 
conservire, ja begünstige. Von diesem Gesichtspunkte aus halte er die obli¬ 
gatorische Trichinenschau nicht bloss für unnütz und unzweckmässig, sondern 
geradezu für schädlich. Damit solle aber nicht gesagt sein, dass man nichts 
gegen die Trichinose thun könne. Wer Schweinefleisch nur gut gekocht 
oder gebraten geniesse, sei vor letzterer völlig gesichert. Hier müsse der 


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Section für öffentliche Gesundheitspflege. 

Schwerpunkt aller Schutzmaassregeln liegen. Dass in ganz Süddeutsch- 
land, in Frankreich, England, Belgien, Spanien, Italien die Trichinose bei 
Menschen noch niemals beobachtet worden sei, dass man dort die Kosten 
der mikroskopischen Schweinefleischuntersuchung spare, über das sonder¬ 
bare Amt eines mitteldeutschen Trichinenschauers lächele, habe einfach 
seinen Grund, weil es dort für barbarisch gelte, rohes Schweinefleisch zu 
gemessen. Wenn einer der Vorredner zwar auch die Trichinenschau als 
unzuverlässig und das Kochen und Braten als einziges sicheres Verhütungs¬ 
mittel der Trichinose bei Menschen erachtet, aber dennoch die Trichinen¬ 
schau vertheidigt habe, weil die Sitte, rohes Schweinefleisch zu essen, nun 
einmal in manchen Gegenden Deutschlands verbreitet sei, und man dieser 
Sitte Rechnung tragen müsse, so könne er sich auf den Standpunkt, gesund¬ 
heitsschädliche Gewohnheiten unter der Bevölkerung nicht bloss zu dulden, 
sondern die Leute, welche solche Gewohnheiten haben, polizeilich vor den 
üblen Folgen der letzteren zu schützen, die Kosten aber der Gesammt- 
heit aufzuerlegen, niemals stellen. Im Gegentheil, er sehe die Hauptaufgabe 
der Hygiene im Kampfe gegen schlechte Gewohnheiten und Vorurtheile. 
Ohne einen solchen Kampf sei kein Fortschritt, kein Sieg möglich. Vor¬ 
zugsweise Aufgabe der Aerzte sei es, in den sächsischen und thüringischen 
Landen, in welchen dieser Genuss eine — wenn auch nicht berechtigte — 
Eigenthümlichkeit sei, überall den Genuss rohen Schweinefleisches zu be¬ 
kämpfen. Aber die staatliche Gesundheitspflege solle desshalb keineswegs 
bei Seite stehen. Man solle die amtliche obligatorische mikroskopische 
Schweinefleischuntersuchung aufgeben, verlangen dagegen von den obersten 
Sanitätsbehörden — nicht bloss von Local- und Provinzialpolizeibehörden — 
amtliche Warnungen des Publicuras vor dem Genuss rohen Schweinefleisches, 
das Verbot des Verkaufs alles solchen Fleisches, welches zum Genuss fertig 
präparirt von sächsischen Metzgern vielfach in ihren Läden verkauft werde, 
und das obligatorische Auf hängen eines gedruckten amtlichen Placats, in 
welchem das Publicum vor dem Genuss rohen Schweinefleisches gewarnt 
werde, in jedem Metzgerladen derjenigen Gegenden, in welchen Trichinose 
bei Menschen beobachtet worden sei. 

Physicus Dr. Wallichs (Altona) will den Ausführungen des Herrn 
Vorredners eine gewisse Berechtigung nicht absprechen. In seiner Heimaths- 
provinz habe man anfangs eine obligatorische Trichinenschau einführen 
wollen, habe aber, zum Theil wegen der Schwierigkeiten durch die grossen 
Exportschlächtereien in Hamburg, davon abgesehen. Man habe eine facul- 
tative Schau eingerichtet, die sich als im Ganzen werthlos erwiesen habe. 
Jetzt habe sich die Furcht verloren, weil Erkrankungen an Trichinose, trotz 
nicht selten gefundener trichinöser Schweine so gut wie gar nicht vor¬ 
gekommen seien. Schweinefleisch werde in rohem Zustande in Altona nicht 
genossen, auch durch trichinöse amerikanische Schinken und Speckseiten 
werde bei Menschen Trichinose anscheinend nicht erzeugt. Es frage sich 
also, ob die grossen Kosten einer für das ganze Reich obligatorischen 
Trichinenschau gerechtfertigt seien. 

Geh. Medicinalrath Dr. Günther (Dresden) constatirt in Bezug auf 
die Ausbildung der Trichinenschau, dass man in Sachsen schon seit mehre¬ 
ren Jahren allen den Anforderungen genüge, die heute hier gestellt worden 


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57. Naturforscherversammlung. 

seien. Jeder, der sich als Trichinenschauer verpflichten lassen wolle, müsse 
einen vierzehn tägigen Curaus in der Thierarzneischule durchmachen, in 
welcher der Unterricht sowohl als die Prüfung durch die an derselben an- 
gestellten Lehrer erfolge. Controle und Revision der Trichinenschauer auf 
Güte ihrer Mikroskope finde statt. In dem der Genehmigung der Regierung 
zu unterbreitenden Regulativ sei ausdrücklich bemerkt, dass nur eine be¬ 
stimmte Zahl von Schweinen (höchstens 20) an einem Tage untersucht 
werden dürfe. Die Vergütung dafür dürfe nicht unter 50 Pfennig pro Stück 
betragen. 

Medicinalrath Dr. Böhm (Magdeburg) warnt davor, bei dem gegen¬ 
wärtigen Standpunkt der Angelegenheit, welche durchaus noch nicht 
spruchreif sei, eine Resolution zu fassen. In allernächster Zeit stehe die 
Einführung von Fleischschauämtern im Regierungsbezirke Magdeburg in 
Aussicht und werde dann namentlich durch die Anstellung von vereidigten 
Fleischholern es möglich werden, besseres Material aus den gebildeten Stän¬ 
den für die anzustellenden Fleischbeschaner zu erhalten. Sei auch die obli¬ 
gatorische Fleischschau nicht unter allen Umständen absolut zuverlässig, so 
sei sie doch stets neben der Empfehlung des Genusses gargekochten Flei- 
ches aaszuführen und durch ein für alle Provinzen gültiges Gesetz zu regeln. 

Dr. Rosenthal (Magdeburg) stellt sich auf den Standpunkt des Mini- 
ßterialraths Wasserfuhr und erweist namentlich aus den jüngst im Re¬ 
gierungsbezirk Magdeburg in Emersleben Ende vorigen Jahres and noch 
Anfang Sommer dieses Jahres in einem Dorfe des mansfelder Seekreises 
gemachten Erfahrungen, dass selbst die schärfsten Bestimmungen und thun- 
lichsten Verbesserungen der obligatorischen Trichinenschau ohnmächtig 
seien, um die immer wiederholte Wiederkehr der schrecklichsten Epidemieen 
zu verhüten. Es bleibe also nichts weiter übrig, als das Uebel bei der Wur¬ 
zel, nämlich der Unsitte des Genusses von rohem Fleische, anzufassen. 
Ueber die Gefahren desselben müsste das Volk in öffentlichen Versamm¬ 
lungen und der Presse, die Schuljugend in der Schule eindringlich und 
immer wiederholt belehrt werden; in allen Fleischerläden müssten darauf 
hinzielende Warnungstafeln aushängen; man müsse die Leute thunlichst 
zwingen, der gefahrvollen Sitte des rohen Fleischgenusses zu entsagen, 
indem man ihnen denselben so viel als irgend möglich erschwere und ver¬ 
leide. Das Verführerische liege nämlich darin, dass die Leute das fein zer¬ 
kleinerte, mit Pfeffer und Salz zubereitete Fleisch in den Fleischerläden 
erhielten und die gar keiner weiteren Zubereitung bedürftige nahrhafte Kost 
bequem mit Bich auf die Arbeit nehmen könnten. Es werde ihnen das un¬ 
möglich gemacht oder wenigstens bedeutend erschwert, und sie würden sich 
leichter entschliessen, wie es bei anderen gesitteten Völkern üblich, nur 
gekochtes Fleisch zu gemessen, wenn man den Fleischern verbiete, das in 
angegebener Weise zerkleinerte und für den Genuss fertige Fleisch feil zu 
halten. Dieses Verbot werde dazu beitragen, die Quelle der Trichinen¬ 
erkrankungen, die schlechte Gewohnheit des rohen Fleischgenusses allmälig 
und sicher zum Verschwinden zu bringen. 

Medicinalrath Dr. Richter (Erfurt) theilt mit, im Regierungs¬ 
bezirk Erfurt bestehe die obligatorische Trichinenuntersuchung seit 1874, 
nachdem vorher Mahnungen und Belehrungen aller Art ergangen seien. 


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Section für öffentliche Gesundheitspflege. 

Auch sei facultativ die Möglichkeit zur Untersuchung geboten gewesen, und 
in allen Fleischerläden habe man Tafeln ausgehängt und Untersuchungs- 
Scheine vorgezeigt, ohne dass deren Richtigkeit hätte controlirt werden 
können. Dadurch sei das Publicum in noch verhängnisvollerer Weise sicher 
gemacht worden, als jetzt, wo eine regelmässige Untersuchung eingeführt 
sei. Während früher fast jedes Jahr Fälle von Trichinosenerkrankungen 
vorgekommen seien, seien nach Einführung der obligatorischen Untersuchung 
bis jetzt nur leichtere Erkrankungs- aber keine Todesfälle beobachtet wor¬ 
den. Wenn nun behauptet werde, dass vielfache Fälle von Trichinose beim 
Schweine vorgekomraen seien, ohne dass dieselben auf den Menschen über¬ 
tragen worden, so könne dies in der Zubereitung des Fleisches, der geringen 
Intensität der Erkrankungen oder dem Verwechseln der letzteren mit ande¬ 
ren Krankheiten liegen und daher nicht als Gegenbeweis gegen eine all¬ 
gemeine obligatorische Untersuchung dienen. Wenn auch geringere Durch¬ 
setzung mit Trichinen übersehen werden könne, so sei es doch leicht möglich, 
einen stärkeren Trichinengehalt des Fleisches aufzufinden, wodurch die 
gefährlichen Erkrankungsgruppen hervorgerufen werden, und sei solches 
Uebersehen nur als grosse Fahrlässigkeit zu bezeichnen. Die möglichste 
Vermeidung solcher gefährlicher Erkrankungen rechtfertige aber die Auf¬ 
wendung der Kosten, die übrigens im Verhältniss zum Werthe des Objectes 
nicht erheblich seien. Wenn auch Mangelhaftigkeit der Handhabung und 
Ausführung das Uebel bisher nicht vollständig habe vermeiden lassen, so 
sei es darum doch nicht gerechtfertigt, die obligatorische Untersuchung 
selbst zu verwerfen, denn wenn man das Beste und Vollkommene nicht 
erreichen könne, solle man doch desshalb das Gute und Erreichbare nicht 
vernachlässigen. 

Hiermit war die Discussion geschlossen» eine Beschlussfassung er¬ 
folgte nicht. 


In der dritten und letzten Sitzung sprach zuerst 

Ueber den Hausschwamm (Merulius lacrymans) 

Professor Dr. Po 1 eck (Breslau). Derselbe macht auf die auffallende 
Thatsache aufmerksam, dass der Hausschwamm in den letzten Decennien 
durch ganz Deutschland immer grössere Verheerung in den Gebäuden an- 
richte, vorzugsweise in neu erbauten Häusern, so dass es dringend geboten 
erscheine, den Ursachen dieses Umsichgreifens und den Mitteln dagegen 
nachzuforschen. Diese Forschung habe auch für die Hygiene eine nicht zu 
unterschätzende Bedeutung, da die Entwickelung des Hausschwammes an 
nassen Untergrund, feuchtes Holz und Mauerwerk geknüpft sei oder trockene 
Mauern und Wohnräume feucht maöhe, ganz abgesehen von dem widerlichen 
Geruch und der möglicherweise gesundheitsschädlichen Wirkung der Sporen 
und Ausdünstungen, welche er verbreite. 

Nach einer eingehenden, sehr interessanten Schilderung der Eigen¬ 
schaften und Lebensbedingungen des Merulius vom botanischen Standpunkte, 
auf die an dieser Stelle einzugehen zu weit führen würde, aus der aber zu 
erwähnen ist, dass der Hausschwamm sich vorzugsweise auf Goniferenholz, 


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57. Naturforscherversammlung. 

nie aber auf lebendigem Holz entwickele und dass er rasch wachse, indem 
er in langen, spinnengewebeartigen Fasern die Holz- und Mauerflächen oft 
mit fächerförmiger Ausbreitung überziehe, dabei in das Innere des Holzes 
dringe, wobei seine Fäden die Gefösse und Zellen durchbohren und hier die 
chemischen Processe einleiten, durch welche das Holz in eine leichte, 
brüchige Masse verwandelt werde, bespricht Redner ausführlicher diese 
chemischen Processe und zahlreiche darauf bezügliche Untersuchungen, aus 
denen sich ergiebt, dass der Hausschwamm in derselben Weise auf Kosten 
der Holz8ubstanz lebt, wie alle Parasiten sich von ihrem Substrat ernähren, 
dass er dem Holz zunächst die mineralischen Bestandteile entziehe, dadurch 
seine Structur auflockere und der weiteren Zersetzung zugänglich mache, 
wobei der Pilz zu seiner Ernährung verhältnissmässig grosser Quantitäten 
Holzsubstanz bedürfe, die er in noch nicht gekannter Weise chemisch ver¬ 
mindere und dann direct assimilire. Je reicher ein Holz an Phosphorsäure 
und Kalinmverbindungen sei, um so rascher finde die Entwickelung des 
Pilzes statt. Da nun das Holz der im Saft gefällten Goniferen fünfmal 
mehr Kalium und achtmal mehr Phosphorsäure enthalte und reicher an 
Stickstoff sei, wie das im Winter gefällte Holz, werde seine Verwendung zu 
Bauten verhängnisvoll, wenn gleichzeitig Sporen des Hausschwammes in 
den Neubau gelangen. Nun werde aber tatsächlich in grossen Forst¬ 
gebieten Bauholz im ersten Frühjahr gefällt, weil dann die Rinde ungleich 
besser verwertet werden könne, ferner werden die in der Vegetations¬ 
periode durch Windbruch gefällten Bäume nicht selten ebenfalls zu Bauholz 
verarbeitet und das von Osten her nach Deutschland eingeführte Bauholz 
gestattet bezüglich seiner Fällungszeit kaum eine Controle, so dass hierin 
zweifellos eine der Ursachen der rapiden Ausbreitung des Hausschwammes 
beruhe, welche sich jetzt geradezu zu einer öffentlichen Calamität gesteigert 
habe. Die Annahme erscheine nicht zu gewagt, dass in normaler Winter¬ 
zeit gefälltes Holz unter gleichen Bedingungen der Infection durch den 
Hausschwamm weniger zugänglich sein werde, weil es der Spore einen un¬ 
gleich weniger günstigen Keim- und Nährboden biete. Hieraus erkläre es 
sich, warum der Pilz in alten Häusern verhältnissmässig seltener vorkomme, 
weil deren Bauholz nicht unter dem Einfluss der gegenwärtigen Praxis ge¬ 
fällt sei. — Das wirksamste Präservativ gegen Einschleppung des Haus¬ 
schwammes sei daher die Verwendung von Bauholz von normaler Beschaffen¬ 
heit und andererseits die Vermeidung alles dessen, wodurch Sporen des 
Pilzes in die Häuser kommen können, also Beseitigung beziehungsweise 
Nichtbenutzung alten Bauschuttes zur Ausfüllung der Hohlräume und Ver¬ 
brennung verdächtigen Holzwerks. Um bereits vorhandenen Pilz zu ver¬ 
nichten, bleibe nichts Anderes übrig, als dem Pilz die Existenzbedingungen 
zu verkümmern und ihn dadurch zu todten, also in erster Linie vollständige 
Beseitigung des inflcirten Holzes und Mauerwerks und vollständige Trocken¬ 
legung durch Anlage einer geeigneten Ventilation in Verbindung mit 
Heizungen und Schornsteinen. Um die Wirkung der vielgepriesenen che¬ 
mischen Mittel zur Vernichtung des Hausschwammes beurtheilen zu können, 
werde erst durch exacte Versuche festzustellen sein, in wie weit diese Mittel 
im Stande seien, die Keimung der Sporen und die weitere Entwickelung 
ihres Mycels zu unterdrücken. 


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107 


Section für öffentliche Gesundheitspflege. 

Aus der hierauf folgenden kurzen Discussion sei nur erwähnt, dass 
Herr Dr. Köttnitz (Greiz) mittheilte, er habe Gesundheitsschädigungeu 
in Folge des Hausschwammes constatirt, periodisch recidivirende Bindehaut¬ 
katarrhe und katarrhalische Affectionen der Schleimhäute des Respirations- 
tractus, die nach Beseitigung des Merulius lacrymans verschwunden seien. 


Ueber die Gefahren, welche der Gesundheit durch den 
Genuss in verzinnten Conservebüchsen aufbewahrter 
Nahrungsmittel drohen 

sprach Docent Dr. Ungar (Bonn). Derselbe hatte durch vielfache che¬ 
mische Untersuchungen gefunden, dass sehr häufig in Büchsen mit conser- 
virten Gemüsen, namentlich bei Spargeln, Zinn in geringen Mengen, in 
denen es in der Regel nicht gesundheitsschädlich wirkt, enthalten sei, dass 
aber ausnahmsweise auch einmal von dem flüssigen Inhalte der Büchsen so 
viel Zinn in eine lösliche, mit ätzenden Eigenschaften versehene Form 
gebracht werden könne, dass es gesundheitsschädlich werde. Fütterungs¬ 
versuche an Thieren mit solchen zinnhaltigen Conserven und analoge Ver¬ 
suche beim Menschen haben ergeben, dass das Zinn im Körper zum Theil 
wenigstens absorbirt werde und dass auf diese Art täglich zugeführte kleine 
Mengen Zinn bei Thieren nach längerer Zeit zu das Leben gefährdenden 
Intoxic&tionen führen. Hieraus folgert Redner, dass aus dem längere Zeit 
hindurch fortgesetzten häufigeren Genuss zinnhaltiger Conserven eine All- 
gemeinintoxication, eine chronische Zinnvergiftung, resultiren könne. Es 
müsse daher vom hygienischen Standpunkte aus für unstatthaft erklärt 
werden, solche zinnhaltigen Conserven in ausgedehnterem Maasse als Nah¬ 
rungsmittel zu verwenden und sich ihrer etwa zur regelmässigen Ernäh¬ 
rung auf grösseren Reisen oder der Truppen im Felde etc. zu bedienen. 
Eine weitere Aufgabe wäre es, durch eine grössere Untersuohungsreihe fest¬ 
zustellen, welche Conserven es seien, die besonders stark zinnhaltig werden 
und unter welchen Bedingungen dies vorzugsweise geschehe. Es wäre dies 
um so wichtiger, als die Conservirung von Nahrungsmitteln in verzinnten 
Eisenblechbüchsen doch immerhin so viele Vortheile darbiete und ein Er¬ 
satz für diese Büchsen so schwer zu beschaffen sei, dass es durchaus wün- 
schenswerth erscheine, des Genaueren zu wissen, wann und unter welchen 
Umständen man dieselben anwenden dürfe, ohne Gefahr zu laufen, dass der 
zu conservirende Inhalt eine nicht mehr zu vernachlässigende Menge Zinn 
aufnehme. 


Ueber die gesundheitlichen Nachtheile der städtischen 
Keller- und Hofwob nungen 

referirte Physicus Dr. Jacobi (Breslau), der darauf hinwies, dass, so oft 
die Frage der Keller- und Hofwohnungen in ärztlichen und hygienischen 
Kreisen discutirt worden sei, stets das Resultat gewesen sei, dass die Anlage 
neuer Kellerwohnungen verboten und den Hofwohnungen fortan in höherem 
Maasse Luft und Licht gesichert werden müsse. Demungeachtet sei in den 


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108 


57. Naturforscheiwersammlung. 

letzten Jahren eine Reihe von Bauordnungen erlassen worden, welche, wenig¬ 
stens in Bezug auf die Kellerwohnungen, jenen Forderungen nicht ent¬ 
sprechen, wenn auch in allen den Kellerwohnungen mancherlei Beschrän¬ 
kungen auferlegt seien, die aber theils zu allgemein gefasst, theils überhaupt 
nicht fixirbar seien und jedenfalls die gesundheitlichen Bedenken in Betreff 
der Kellerwohnungen nicht beseitigen. Die Schädlichkeit der Keller¬ 
wohnungen beruhe auf ihrem Mangel an Licht und Ventilation, auf ihrer 
Zugänglichkeit für die Bodengase und auf dem hohen Feuchtigkeitsgehalt 
ihrer Wände. Ausserdem habe wohl jeder Arzt die Ueberzeugung gewonnen, 
dass in Kellerwohnungen Krankheiten schwerer heilen als in den oberen 
Stockwerken, und dass vielfach Erkältungskrankheiten, wie auch Morbus 
Brightii, ferner Intermittens, Scrophulose, Siechthum der Kinder auf den 
Einfluss dieser Wohnungsart zurückgeführt werden müssen. Diese persön¬ 
liche Ueberzeugung so vieler sachverständiger Beobachter wiege aber viel 
mehr als die ganze sanitäre Kellerstatistik, wie sie bis heute uns vorliege, 
da allen diesen Statistiken der Fehler anhafte, dass die Mortalität nicht in 
Beziehung gebracht sei zu den Altersclassen der Lebenden, die Bevölkerung 
der Kellerwohnungen ferner eine schnell wechselnde sei und endlich schwere 
Krankheitsfälle aus den Kellern fast immer in die Hospitäler transferirt 
werden, so dass, wenn sie im Hospitale mit dem Tode enden, diese Todes¬ 
fälle das Conto der Kellerwohnungen nicht belasten. Er glaube, dass die 
übrigen Erwägungen vollauf genügen, um die Gesundheitsgefahrlichkeit der 
Kellerwohnungen zweifellos darzuthun. Es sei nicht anzunehmen, dass an 
maassgebender Stelle die Uebelständigkeit dieser Verhältnisse verkannt 
werde. Man hege nur zu stark die Besorgniss, durch das Verbot neuer 
Kellerwohnungen werde die Zahl der billigsten Wohnungen und vielleicht 
auch der Antrieb zu Neubauten zu sehr vermindert werden. In dieser Be¬ 
ziehung aber könne die Erfahrung der Engländer vollkommen beruhigen. 
In England seien die Kellerwohnungen früher üblich gewesen als irgendwo 
sonst, bis durch die Public Health Act 1875 neue Kellerwohnungen 
durchaus verboten und die alten rücksichtslos beseitigt worden seien, so 
dass gegenwärtig in London Kellerwohnungen zu den Raritäten gehören. 
Auch in Paris seien, nachdem die Industriestadt Lille mit gutem Beispiele 
vorangegangen, im Jahre 1883 die MiethsWohnungen in Kellern verboten 
worden, die Commission des logements insdtubres habe diesen Erfolg 
durch vieljährige Bemühungen erstritten. Die Sorge für billige Arbeiter¬ 
wohnungen beschäftige nun Staat und Gesellschaft in England weit inten¬ 
siver als irgendwo sonst, und in keinem anderen Lande habe man so reiche 
praktische Erfahrungen auf diesem Gebiete gesammelt wie dort. Trotzdem 
könne in England gar nicht mehr die Rede davon sein, die Kellerwohnungen 
zu rehabilitiren. Man wisse dort, dass das Bedürfniss nach billigen Woh¬ 
nungen in grossen Städten nur gedeckt werden könne durch grosse Mieths- 
casernen, die sich theilweise mitten in der Stadt und in den Centren des 
Verkehrs befinden müssen. Diese Bauten seien unentbehrlich, die Keller¬ 
wohnungen aber haben sich als ganz entbehrlich erwiesen. 

Das Princip der Kellerwohnungen sei ein so schlechtes, dass damit 
nicht pactirt werden dürfe, sondern grundsätzlich gebrochen werden müsse, 
und man könne nur das Votum früherer hygienischer Versammlungen 


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Section für öffentliche Gesundheitspflege. 109 

wiederholen, dass Kellerwohnungen gesundheitsschädlich seien und fortan 
neu nicht mehr angelegt werden sollten. 

Gorreferent Dr. Rosenthal (Magdeburg) giebt Mittheilungen über die 
bedeutenden baulichen Umwälzungen Magdeburgs, von denen inan sich für 
die Verbesserung des Gesundheitszustandes der Stadt grosse Hoffnungen 
gemacht habe, die nur in sehr geringem Maasse in Erfüllung gegangen 
seien. Das beruhe darauf, dass trotz der schönen breiten Strassen die Zahl 
der gesundheitlich ungünstigen Wohnungen immer zunehme, namentlich 
die übermässig hohen Hintergebäude in kleinen, engen Höfen, in denen die 
Luft stagnire und das Sonnenlicht nicht eindringe, so dass den Woh¬ 
nungen ausreichend Licht und Luft fehle. Eine Hülfe sei hier nur von 
einer Aenderung der baupolizeilichen Vorschriften zu erwarten, namentlich 
durch Feststellung eines Minimalmaasses für die Höhe der Gebäude und die 
Grösse der Höfe und durch die Inhibirung des übermässigen Bebauens von 
Grund und Boden. 

Bei der nun folgenden Discussion stimmte Ministerialrath 
Dr. Wasserfuhr (Strassburg) dem Herrn Correferenten bei, dass der 
Nutzen der Stadterweiterungen desswegen meist nicht in gehofftem Maasse 
eintrete, weil die neuen schönen, breiten Strassen meist auf Kosten der 
Höfe angelegt würden, in denen hohe, mit Menschen überfüllte Hinter¬ 
gebäude ständen und hierdurch eine Zunahme der Dichtigkeit der Bevölke¬ 
rung, deren gesundheitsschädigender Einfluss zweifellos sei, bedingt werde. 

Andererseits suchte Dr. Dornblüth (Rostock) den gesundheitswidrigen 
Einfluss der oberen Stockwerke hauptsächlich in der in den Häusern auf- 
steigenden schlechten Luft, die sich bekanntlich, nach den schönen Unter¬ 
suchungen von Recknagel, durch die Zwischendecken hindurch nach 
oben erhebe. 


Den letzten Gegenstand der Tagesordnung bildete ein Referat 

Ueber die Rauohplage in den Städten und die Mittel der 
Abhülfe 

von Director Weinlig (Magdeburg), von dessen hochinteressantem Vor¬ 
trage hier nur ein ganz kurzer Abriss gegeben werden kann. Redner führt 
aus, dass bei dem noch stetig zunehmenden Verbrauch von Kohlen zur 
Heizung und Erleuchtung von Häusern und Strassen wie zum Betriebe der 
Industrie, die Belästigung durch Rauch einen Grad erreicht habe, der drin¬ 
gend Abhülfe fordere, da er gesundheitsschädlich sei, die Veranlassung zu 
schmutzigem Dunst und Nebel gebe, Behagen und Annehmlichkeit des Lebens 
störe, Gebäude, Kunstwerke, Kleidung beschmutze etc. Gegen den Staub 
der Strassen, gegen die flüssigen Abgänge sei man erfolgreich zu Felde 
gezogen, auf dem Gebiete der Rauchbelästigung müsse ein gleiches ge¬ 
schehen, wenn auch nicht zu verkennen sei, dass hier die Schwierigkeiten 
viel grössere seien. Wenn es auch nie gelingen werde, jede Belästigung 
durch Rauch gänzlich zu verhindern, so müsse man doch suchen, das Maass 


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110 57. Naturforscherversammlung, Section für öffentl. Gesundhpfl. 

diese Belästigung auf ein Minimum zu reduciren. Einfaches Rauchverbot 
seitens der Behörde sei ein Schlag ins Wasser, die Durchführung wäre ohne 
die schwerste Schädigung aller Verhältnisse unmöglich, das haben alle die 
zahlreichen Versuche der verschiedenen Länder, die darauf hinausgegangen 
seien, gezeigt. Trotzdem dürfe man nicht müde werden, zu versuchen, die 
vorhandenen Missstände zu verhindern. Gegen die Ofenfeuerungen in den 
Häusern, die bei ihrer vielfach irrationellen Feuerungsmethode grosse 
Mengen Rauch liefern, sei vorderhand nichts zu machen, man müsse die 
Bestrebungen zunächst gegen die gewerblichen Feuerungen incl. der Central¬ 
heizungen richten. 

Die Mittel hierzu seien sowohl generelle, wie solche, die behufs Be¬ 
stellung und Aenderung der Anlage von Fall zu Fall eine technische Beur- 
theilung oder Untersuchung nöthig machen. Zu ersteren gehöre 1) die 
Forderung hoher Essen, die die Verbrennungsprodncte in die höheren 
Schichten führen, wo eine ungehinderte Luftbewegung stattfinde und 2) das 
Verlangen, dass zur Bedienung gewerblicher Feuerungsanlagen nur Leute 
verwendet werden, die die Befähigung dazu haben, Heizer, die auf in 
Deutschland noch viel zu wenig vorhandenen Heizerschulen gebildet seien, 
da bei der Mehrzahl der jetzigen Feuerungsanlagen von einer regelrechten 
und zuverlässigen Bedienung gar nicht die Rede sei, während es bekannt 
sei, dass mit einem intelligenten und tüchtigen Heizer meist alle Plage und 
Klage über die Feuerungsanlage verschwinde. Daneben aber müsse die 
sachverständige Prüfung von Fall zu Fall gehen, da jeder Brennstoff be¬ 
sondere Construction verlange und es eine ganze Reihe guter Constrnctionen 
gebe, unter denen ein Sachverständiger unter Berücksichtigung der örtlichen 
Verhältnisse eine passende Auswahl zu treffen vermöge und Mittel und 
Wege angeben könne, um bestehende Anlagen so zu verändern, dass eine 
wesentliche Verbesserung der Verbrennung und Verringerung der Rauch¬ 
belästigung erzielt werde. Eine solche sachverständige Prüfung fordern zu 
dürfen müsse den Ortsbehörden durch gesetzliche Bestimmungen gewährt 
werden. 


Hiermit schlossen die dreitägigen interessanten Verhandlungen, die, 
wenn sie auch keinen der vorgetragenen Gegenstände in erschöpfender 
Discussion zu einem Abschluss gebracht haben, doch nach vielen Seiten hin 
anregend und fruchtbringend gewirkt haben werden. Mögen die nächst¬ 
jährigen Sitzungen der Section, zu deren Vorbereitung für Strassburg eine 
Commission bestehend aus den Herren Geh. Medicinalrath Dr. Günther 
(Dresden), Dr. Rosenthal und Sanitätsrath Dr. Leo Schulz (Magde¬ 
burg), Geh. Medicinalrath Dr. Schwartz (Köln) und Ministerial- 
rath Dr. Wasserfuhr (Strassburg) gewählt wurde, den diesjährigen 
gleichkommen! 

A. S. 


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Prof. Dr. L. Hirt, Die „Health Exhibition“ in London i. J. 1884. 111 


Die „Health Exhibition“ in London im Jahre 1884. 

Von Prof. Dr. L. Hirt (Breslau). 


Wenn eine Stadt das Privilegium für sich in Anspruch nehmen darf, 
durch eine Ausstellung alle die Mittel und Wege zu veranschaulichen, mit 
deren Hülfe es gelungen ist, die Ursachen der Krankheiten zu studiren, sie 
wenigstens theilweise zu eliminiren und so die Gesundheit der Menschen zu 
fördern, dann ist es London, welches mit seinen 4 Millionen Einwohnern 
sich eines jährlichen Sterblichkeitsprocentsatzes erfreut, wie man ihn kaum 
in gut Bituirten Mittelstädten irgend eines anderen Landes wiederfindet. 
Sicherlich studirt man Hygiene da am liebsten und fruchtbringendsten, wo 
diese Wissenschaft nicht todter Buchstabe geblieben, sondern wo sie zum 
lebendigen Wort, wo sie zur That geworden ist, wo man an ihrer Hand 
dargethan hat, wie Vieles im Leben der Menschen verbesserungsfähig ist, 
wenn nur der feste Wille, der auch vor materiellen Opfern nicht zurück¬ 
schreckt, vorhanden ist. Kein Land hat nach dieser Richtung hin auch nur 
Aebnliches geleistet wie England, und dem Lande ist seine Hauptstadt stets 
mit gutem Beispiele voran gegangen. Der Engländer weiss das und ist stolz 
auf seine Leistungen; mit Vergnügen und Interesse besucht er seine „Health 
Exhibition* und der Umstand, dass er ihr ganze Tage widmet, lässt an¬ 
nehmen, dass ihn neben dem Vergnügen auch ein wirklicher Trieb zum 
Lernen hinführt. An gewöhnlichen Wochentagen (Eintrittspreis 1 Mk.) sank 
der Besuch in den Sommermonaten nie unter 20000 Personen, am Mitt¬ 
woch, wo man 2y a Schilling (2 J / a Mk.) für den Eintritt erlegen muss, waren 
während des August durchschnittlich 14 000 Personen in der Ausstellung 
zu finden. Von der Eröffnung bis Mitte August waren 1 950 000 Besuche 
zu verzeichnen. Aus diesen Zahlen erhellt, dass die Ausstellung ein Er- 
eigniss im Londoner Leben darstellte und den an sich schon hochbedeutenden 
Fremdenverkehr zum wahrhaft kolossalen steigerte. 

Aber nicht bloss der Laie, auch der Fachmann hat alle Veranlassung, 
der Ausstellung seine Aufmerksamkeit zuzuwenden, und sich mit dem darin 
Gebotenen zu beschäftigen; wenn auch hier, wie in allen ähnlichen Aus¬ 
stellungen, so Manches, ja Vieles war, was mit der Hygiene absolut nichts 
zu thun hat, so war doch andererseits mannigfache Gelegenheit zu hygieni¬ 
schen Studien darin geboten. Wir haben die Ausstellung wochenlang täglich 
wiederholt besucht und studirt und können versichern, dass wir ihr un¬ 
schätzbare Anregungen und nach mancher Richtung hin Belehrung zu danken 
haben; mühevoll freilich ist das Suchen und Sortiren, aber der endliche 
Lohn entschädigt dafür. 

Es kann nicht in unserer Absicht liegen, dem hygienisch gebildeten 
Leser eine Beschreibung der ganzen Ausstellung zu bieten; der uns zu Ge- 


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112 


Prof. Dr. L. Hirt, 

bote stehende Ranm würde das nicht zulassen, und das Unternehmen würde 
ein zweckloses sein, denn die Details von Ausstellungen lassen sich nicht 
beschreiben, sie müssen besichtigt werden. Wir wollen nur in grossen Zügen 
andeuten, was etwa geboten und wie das Gebotene aufge6tellt war; zu 
diesem ^wecke empfiehlt es sich unserer Ansicht nach am meisten, einen 
planmässigen Gang durch das ganze Gebäude zu machen und das Wichtigere 
hervorzuheben. 

Im schönsten Theile des Westendes, dicht am South Eensington Museum 
gelegen, bedeckt die Ausstellung einen riesigen Flächenraum mit zahl¬ 
reichen Baulichkeiten, Höfen, Arkaden und Gallerien. Der Haupteingang 
befindet sich an der Ostseite (Exhibition Boad ), von hier beginnen wir am 
zweckmässigsten unseren Rundgang. 

Unmittelbar am Eingänge treffen wir auf eine ungeheure Gallerie (es 
ist die südliche), welche lediglich der Ausstellung von Nahrungsmit¬ 
teln und deren Verfälschungen gewidmet ist. Ein Detailstudium würde 
Wochen erfordern — alles was irgend als Nahrungs- und Genussmittel be¬ 
nutzt werden kann und benutzt wird, alle nur erdenklichen Methoden der 
Herstellung, Bereitung und Conservirung derselben, alle Verfälschungen, 
wie sie nur der ei finderische Kopf eines in der Praxis ergrauten Beutel¬ 
schneiders zu ersinnen und ins Werk zu setzen vermag, alles das findet 
man, sei es in natura, in Modellen, in trefflichen Zeichnungen und in vor¬ 
trefflichen Beschreibungen in der südlichen Gallerie ausgestellt; für den In¬ 
teressenten eine Fülle reicher Belehrung, für das grosse Publicum ein fleissig 
besuchter Tummelplatz, wo man auf verschiedene Weise billig, ja sogar 
gratis zu kleinen Erfrischungen gelangen kann; auch auf die Bedürfnisse 
der Vegetarianer hatte man in anerkennenswerther Weise Rücksicht ge¬ 
nommen, und der Zudrang zu dem 50 Pfennig-Mittagessen, aus Suppe, zwei 
Gemüsearten und Compot bestehend, war ein sehr beträchtlicher. 

Als wesentlichen Bestandtheil der südlichen Gallerie finden wir vier 
Zimmer (Farmen, dairies ) ausgestellt, in denen die Milchwirthschaft 
vor den Augen des Publicums nach den neuesten Principien und selbstver¬ 
ständlich den strengsten Anfordernngen der Hygiene peinlich entsprechend, 
betrieben wird; das Aussehen der Kühe spricht für die richtige Wahl des 
Futters und die zweckmässige Einrichtung (Ventilation, Reinhaltung etc.) 
des Stalles; Fachleute können sich über die beste Art der Butter- und Käse¬ 
bereitung eingehend informiren: wenn erforderlich, nimmt das Melken, die 
Scheidung des Rahmes von der Milch und die Herstellung der Butter im 
Ganzen nur eine Stunde in Anspruch, doch zieht man längere Zeit in An¬ 
spruch nehmende Methoden vor. Die Milch, wie sie von der Kuh kommt, 
fiiesst in zinnerne Gefässe, welche auf einem sogenannten Lewis 1 sehen 
Patentmilchheber {milk raiser) stehen, von dort gelangt sie durch linnene 
Filter zu dem Rahmscheider {cream Separator ), welcher den Rahm in einem 
constant fliessenden Strome abscheidet; dieser Process vollzieht sich in einem 
durch Centrifugalkraft getriebenen sich schnell drehenden Gefässe, in welchem 
die specifisch leichtereu Fetttheile nach oben gelangen, während die ab¬ 
gerahmte (schwerere) Milch auf dem Boden bleibt; durch zwei Oeffnungen, 0 
von oben und von unten, fliessen Rahm und Milch gleichzeitig ab. Neben 
der enormen Zeitersparniss ist auch der Umstand lobend zu erwähnen, dass 


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113 


Die „Health Exhibition“ in London im Jahre 1884. 

die sofortige Abrahmung das Sauerwerden der Milch unmöglich macht. In 
Patentbutterfässern, wie sie Taylor, Bradfordu. A. ausgestellt haben, wickelt 
sich der Process der Butterherstellung in wenigen Minuten ab; mit Hülfe 
von sehr sinnreich construirten Kühlern ist das Fabrikat in einer Stunde 
fest genug geworden, um in Stücke zerschnitten und verpackt werden zu 
können. Die von der London and Provincial Dairy Company , von Welford 
and Sons u. A. ausgestellten Formen liefern nicht bloss vom nationalökono¬ 
mischen, den Ertrag und Nutzen betreffenden, sondern auch vom hygienischen 
Standpunkte aus, wenn es sich um die Reinheit der Producte, die Ver¬ 
hütung der Einschleppung von Krankheitskeimen und dergl. handelt, ge¬ 
radezu Vollendetes. 

Im Ostcorridor, ganz in der Nähe, findet man Bäckereien ( bakeries) 
und allerlei Backöfen ausgestellt; wenn man den ziemlich kläglichen Zu¬ 
stand kennt, in welchem sich gerade diese Etablissements in London noch 
in jüngster Zeit befunden haben, ein Zustand, der aller Hygiene förmlich 
Hohn sprach, dann muss man den Verbesserungen, welche auf der Ausstel¬ 
lung zu sehen sind, Anerkennung und Zustimmung aussprechen. Zweierlei 
besonders hat man anzustrehen versucht: 1) den Ersatz der Handarbeit 
durch Maschinen und 2) das Fernhalten des directen Feuers vom Backraume 
und Backofen; Punkt eins bedarf keiner Besprechung — wer möchte nicht 
gern, und wäre es nur aus ästhetischen Rücksichten, die Hände der Bäcker 
beim Kneten des Teiges entbehren? Und dass die verschiedenen Verbren- 
nungsproducte fortan nicht mehr zu den Backwaaren gelangen können, wird 
man ebenfalls als Fortschritt anerkennen müssen. Ein hochinteressantes 
Backofenmodell hat J. Marshall ausgestellt; die Anwendung der Gibsou’- 
und B o v e r ’ sehen Gasöfen, welche sich mit geringen Kosten auch an kleinen, 
gewöhnlichen („ tenbushel tt bakers oven ) Backöfen anbringen lassen und ohne 
Rauch oder irgend Staub zu erzeugen, ohne irgendwie zu belästigen, func- 
tioniren, darf als grosser hygienischer Fortschritt bezeichnet werden. Weiter 
wäre noch der grossen Bäckerei von Messrs. Hill and Sons ( „bakerstothe 
Queen“) zu erwähnen, in welcher Fachleute den Mason’sehen Ofen und 
die Pfleiderer’sche Brot Verfertigungsmaschine studiren können. 

In unmittelbarer Nähe hei den Backanlagen finden wir einen Pavillon 
in Form einesOctagons, in welchem Sir Bolton, der officielle Untersucher 
der Trinkwasser der Hauptstadt, die Wasserversorgung Londons, 
an der sich acht Gesellschaften hetheiligen, zur Anschauung gebracht hat. 
In dem geschmackvoll decorirten Raume finden sich nicht bloss Zeichnungen, 
Pläne, statistische Mittheilungen und dergl., welche lediglich ein theoretisches 
Interesse haben, sondern man kann auch das praktisch Wichtige, die Art 
des Filtrirens und anderer Reinigungsverfahren, ferner den sehr ingeniösen 
Apparat, mittelst dessen das Wasser ohne jede Schwierigkeit von Zeit zu 
Zeit auf seine Reinheit untersucht wird, studiren und bewundern. In einem 
auf der Aussenseite des Pavillons angebrachten Gorridor befinden sich acht 
Trinkfontainen, welche dem Publicum ad oeülos demonstriren, in welcher 
Weise jede der acht Gesellschaften das Wasser liefert, welchen Grad von 
Klarheit und Frische es besitzt, wie es schmeckt u. s. w. Während der un¬ 
gewöhnlich heissen Augusttage soll der Wasserconsum seitens des besuchen¬ 
den Publicum8 ein staunenswerther gewesen sein. Wer sich eingehender 

Vierteljahruchrift für Gesundheitspflege, 1885. Q 


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Prof. Dr. L. Hirt, 

für die Wasserfrage interessirt, wird u. A. Maignen’s patentirten „ Fütre 
Rapide “, der die Reinigung des für das Aquarium erforderlichen Wassers 
mittelst eines Asbesttuches, auf welchem Thierkohle und Aetzkalk aus- 
gebreitet ist, schnell und zweckmässig besorgt, nicht übersehen dürfen; als 
weiteres neues Filtrirmaterial nennen wir «noch das carboHsirte Papier, 
dessen Wirkung und Haltbarkeit sehr gerühmt wurde. Von älteren Filtrir- 
materialien war der in England sehr geschätzte Eisenschwamm (spongy iron ) 
auffallend stark vertreten. 

Eine höchst originelle, in ihrer Art ganz einzige Ausstellung, finden 
wir nicht weit von dem Wasserpavillon, angrenzend an die südliche Central- 
gallerie — es ist die Darstellung einer Strasse aus dem alten London; 
mit einem Aufwande von 15 000 Pfd. Sterling (etwa 300 000 Mk.) hat man 
nach alten Zeichnungen und Plänen Häuser mit Wohnungen und Werkstätten 
gebaut, welche genau denen des 16. und 17. Jahrhunderts gleichen. Durch 
eines der alten City-Thore (Bishopsgate) tritt man ein und befindet sich in 
einer engen Gasse, welche von charakteristisch gebauten Häusern mit stil¬ 
vollen Giebeln und Fagaden eingescblossen wird; der Besuch bei Abend er¬ 
höht den Effect, denn da auch die Strassenbeleuchtung genau der damaligen 
Zeit entspricht, so umgiebt den Eintretenden ein magisches Dunkel, welches 
von dem Lichtmeere der elektrischen Lampen, die die ganze übrige Aus¬ 
stellung erhellen, wundervoll absticht. Kaum ein anderer Theil war so massen¬ 
haft besucht, so eingehend, man kann sagen so pietätvoll besichtigt, wie 
„OldLondon“, und in der That übertrifft das Geleistete allen Anforderungen, 
wie sie nur der Historiker, der Architekt und in gewissem Sinne auch der 
Hygieniker zu stellen berechtigt ist; für letzteren ist hier eine vortreffliche 
Gelegenheit geboten, sich die Fortschritte, welche man im häaslichen Leben 
betreffs Salubrität und Comfort gemacht hat, klar darzulegen und die soge¬ 
nannte „gute alte Zeit“ nach ihrem Verdienst zu charakterisiren. Für den 
Kenner werden die Ausstellungen, welche sich in den alten Häusern be¬ 
finden, die Art des Gewerbebetriebes (Fabrikation von Spielkarten, Gold- 
sachen, Tapeten, Lederwaaren, die alten Buchdruckereien u. 8. w.) von In¬ 
teresse sein; eine nur halbwegs eingehende Beschreibung des Sehenswerthesten 
würde den uns zur Disposition stehenden Raum bei Weitem überschreiten 
und auch wohl ausserhalb des Rahmens unserer Aufgabe liegen, wesswegen 
wir darauf verzichten. 

Von Old London Street gelangen wir durch den Westcorridor direct 
zu der interessanten Ausstellung der „ Lighting apparatus “, welche 
von den Fachleuten nicht übersehen werden darf. Es handelt sich hier 
nur um die Beleuchtung mittelst Gas, Oel und Kerzen, da Alles, was sich 
auf die elektrische Beleuchtung bezieht, anderweitig untergebracht ist; zu 
erwähnen wäre zunächst der Apparat von Dowson, der ein nicht leuch¬ 
tendes, nur zu Heizzwecken dienendes Gas herstellt, ferner verschiedene 
Arten von Brennern und besonders von Gasmessern; unter letzteren nehmen 
die von Glover and Co., sogenannter Normalgasmesser, mit denen man 
andere, kleinere, in situ prüfen kann, die erste Stelle ein. Auch ein ein¬ 
heitliches Maass für Gas „ the cübic foot bottle“ („Cubikfussflasche“), die erste, 
welche von der genannten Firma als Norm für das Handelsministerium 
gearbeitet wurde, ist ausgestellt. Wer die sanitären Uebelstände kennt, 


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115 


Die „Health Exhibition“ in London im Jahre 1884. 

zu denen mangelhafte Gasleitungen und -Brenner in den Wohnungen führen, 
wie durch sie oft genugdieLuft der Wohnräume verunreinigt wird, der wird 
allen diesen Dingen, besonders auch den Brennern und Regulatoren („ gover - 
nors“), seine Aufmerksamkeit zuwenden. Verschiedene Arten von Mineral¬ 
ölen, Kerzen, Lampen mit Sicherheitsvorrichtungen etc. vervollständigen die 
Ausstellung und machen sie zu einer sehr sehenswerthen. 

Wenden wir uns nunmehr zu den im Gentrum gelegenen Baulich¬ 
keiten, welche zum grossen Theil von den naohher zu besprechenden fremden 
Ausstellungen eingenommen werden, so treffen wir im östlichen Theile der¬ 
selben, in der nächsten Nähe der Schulabtheilung, einen der Gewerbe¬ 
hygiene gewidmeten Raum („ Workshop “), in welchem sich manches Be- 
achtenswerthe findet; mit ganz besonderer Betonung muss darauf hingewiesen 
werden, dass hier in weit höherem Maasse, als es auf der Berliner Aus¬ 
stellung der Fall war, dem Schutze des Arbeiters vor den Gefahren seiner 
Berufsarbeit Aufmerksamkeit zugewendet wird; die hochbeachtenswerthen 
Zeichnungen und Modelle, sowie ausgestellten Apparate, welche sich auf die 
Gefahren des Nähnadelschleifens, der Blei Weissfabrikation beziehen, die Dar¬ 
stellungen der Krankheiten und Deformitäten, welche durch Berufsarbeit er¬ 
worben werden können (von Dr. Steele, Guy’s Hospital), die Vorschläge 
zur Verbesserung der allgemeinen Lebensverhältnisse der Arbeiter u. s. w. 
beweisen die Richtigkeit unserer Behauptung; wie leicht begreiflich ist auch 
dem Kohlenbergbau und seinen Gefahren ganz vorzugsweise Beachtung ge¬ 
schenkt, und werden verschiedene neue Fahrstühle, Sicherheitslampen und 
eine neue Art Patronen aus comprimirtem Kalk für den Sprengbetrieb die 
besondere Aufmerksamkeit der Sachverständigen erregen. 

Die gesammte Westgallerie wird von der imposanten Maschinen¬ 
ausstellung, welche einen der Hauptcentralisationspunkte für das grosso 
Publicum bildet, in Anspruch genommen; die Maschinen werden durch eine 
Dampfmaschine von 70 Pferdekraft in Bewegung gesetzt und sachverständige 
Interessenten werden erfolgreiche Specialstudien über die Herstellung von 
Cbocolade, Confect, Marmeladen, Mineralwasser, Seife, Tabak u. dergl. an- 
stellen können. Was an maschinellen Verbesserungen und Vervollkomm¬ 
nungen existirt, ist hier zu finden — weltberühmte Firmen haben alles 
Hierhergehörige in der anschaulichsten Weise überaus reichhaltig aus¬ 
gestellt. In hygienischer Beziehung verdienen die Apparate von Robert 
Boyle, selbstthätige Heiz- und Ventilationsapparate, und die von James 
Howarth ehrende Erwähnung; mittelst der letzteren kann man die Luft 
der Werkstätten warm und kalt, trocken und feucht machen und die Ver¬ 
unreinigungen durch Zuführung frischer Luft, wobei Zug sorgfältig ver¬ 
mieden wird, schnell und sicher entfernen. In ähnlicher Weise finden sich 
Vorrichtungen (z. B. die von Clark angegebene übrigens ziemlich kost¬ 
spielige Methode der Entkalkung des Wassers durch Hinzufügen von Kalk¬ 
wasser), um schlechtes Wasser und ebenso Seewasser geniessbar und wohl¬ 
schmeckend zu machen. Ausdrücklich erwähnen wollen wir noch zweier 
Kaltluftmaschinen, die im sogenannten West-Annexe aufgestellt und 
von der höchsten Bedeutung für die Versorgung von England mit frischem 
Fleisch geworden sind. Dank dem Vollendungsgrade, zu welchem man es 
betreffs dieser Maschinen gebracht hat, ist es möglich geworden, prima 

8 * 


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116 


Prof. Dr. L. Hirt, 

Hammelfleisch, welches von den Antipoden herbeigeschafft wird, auf dem 
Londoner Markte für 7 bis 8 Pence (60 bis 65 Pf.) pro Pfund zu verkaufen. 
Begreiflicherweise werden diese Kaltluftmaschinen nicht bloss beim Trans¬ 
port geschlachteten Viehes und Fleisches, sondern auch für die Conservirung 
von Butter, Milch und anderen dem Verderben ausgesetzten Artikeln, nament¬ 
lich auch auf Passagierdampfern u. s. w. eine hervorragende Rolle spielen. 
Von den ausgestellten zwei Maschinen (J. u. E. Hall) liefert die grössere 
stündlich 5000 bis 7000 Cubikfuss Luft in einer Temperatur von 75° unter 
Null Fahrenheit (gleich — 59° C.), die kleinere stündlich 2000 Cubikfuss zu 
35° F. unter Null; das erstere Quantum genügt zur Conservirung von 85, 
das letztere von 20 Tonnen Fleisch. Das Princip, nach welchem diese 
Maschinen arbeiten, beruht darauf, dass man Luft (mit Hülfe von durch 
Dampfmaschinen getriebenen Luftpumpen) in eigenen Behältern comprimirt. 
Durch die Compression der Luft wird eine bedeutende Menge Wärme frei, 
die vom Wasser, welches in Röhren circulirt, absorbirt und in den Behältern 
festgehalten wird; die abgekühlte Luft lässt man in einen geschlossenen 
Aufbewahrungsraum strömen, hier dehnt sie sich aus und durch die Aus¬ 
dehnung wird die noch in der Luft zurückgebliebene Wärme latent, so dass 
die Luft selbst eine ausserordentlich niedrige Temperatur annimmt. 

Unter den fremden (nicht englischen) Ausstellungen, welch© 
man im Westende der südlichen Centralgallerie und in der West-Central- 
gallerie vorfindet, war, abgesehen von der chinesischen, die durch die 
Eigenartigkeit und Originalität der Objecte einen ununterbrochenen Vereini¬ 
gungspunkt für Tausende von Neugierigen bildet, die französische als die 
reichhaltigste und am zweckmässigsten geordnete bezeichnet worden. Auf 
der östlichen Hälfte der Gallerie gelegen findet man darin zunächst als höchst 
bemerkenswerth die Ausstellung der Stadt Paris, welche nicht bloss 
ein grosses, vollständig eingerichtetes chemisches Laboratorium, sondern 
auch eine Masse Zeichnungen, Modelle und Apparate, welche sich auf 
Wasserversorgung und Canalisation beziehen, an Ort und Stelle gebracht 
hat; alles, was mit der Strassenreinigung zusammenhängt, Kehrichtkarreni 
Besen, Bürsten und allerhand andere Geräthe sind zu Nutz und Frommen 
für Jedermann mit peinlicher Genauigkeit aufgestellt und die Art ihrer 
Handhabung beschrieben; auch die praktischste Manier der Spülung der 
Canäle lässt sich hier studiren. Das Schuldepartement ist nicht bloss 
durch die landesüblichen Modelle von Classenzimmern, Subsellien u. dergl. 
vertreten, sondern gewährt auch durch die von den jugendlichen Besuchern 
und Besucherinnen der Communalschulen verfertigten Gegenstände Interesse; 
auch die Handwerks- (Gewerbe-) schulen haben Machwerke ihrer Eleven aus¬ 
gestellt: unter den Holzarbeiten verdient eine sehr exact gearbeitete 
Hobelbank Erwähnung, die ein 14 jähriges Bürschchen in 15 Arbeitsstunden 
hergeBtellt hat. Die Ausstellung der Societe des Creches (Krippen) ist reich 
an interessanten Modellen, welche dem Fachmanne manches Neue bieten 
den. Den Centralpunkt der französischen Ausstellung bilden die in der 
Mitte eines Saales aufgestellten Apparate, Modelle, Instrumente und Zeich¬ 
nungen aus dem Laboratorium von Pasteur, welche selbstverständlich 
nur für den Mann der Wissenschaft, der sich an Mikrotomen und Mikro¬ 
skopen, Temperaturregulatoren, Filtern, Sterilisirungsapparaten u. s. w. er- 


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Die „Health Exhibition“ in London im Jahre 1884. 

freut, Interesse haben; wer aber im vorigen Jahre auf der Berliner Aus¬ 
stellung den Pavillon des deutschen Reichsgesundheitsamtes besucht und 
die Schätze desselben, namentlich was die Bacteriologie betrifft, studirt 
hat, dem wird doch das hier Gebotene, mag es sich auf die Züchtung von 
Bacillen, Reinculturen, Impfungen u. s. w. beziehen, mehr vom historischen 
als vom praktisch - wissenschaftlichen Standpunkte aus imponiren: gerade 
auf dem von Pasteur vertretenen, von ihm mit Genie und Hingebung ge¬ 
pflegten Gebiete hat die deutsche Wissenschaft, wie es scheint, einen end¬ 
gültigen Triumph über die französische davongetragen, und es bleibt nur 
zu beklagen, dass ein Vergleich zwischen den Arbeiten und den jüngsten 
Resultaten Pasteur’s und seiner Schüler einer- und denen Koch’s anderer¬ 
seits nicht möglich war, weil das deutsche Gesundheitsamt in London nichts 
ausgestellt hat. Wie denn überhaupt Deutschland auf der ganzen Aus¬ 
stellung nur sehr spärlich vertreten ist, kaum dass einige den Herren 
Treutler & Schwartz in Berlin zugehörige Ventilatoren und etliche 
Respiratoren (Luftfilter), die vor der Einathmung von pathogenen Bacterien 
schützen sollen, daran erinnern, dass auch in Deutschland praktische 
Hygiene geübt wird. Auch Oesterreich-Ungarn hat mehr Luxusartikel 
(böhmische Gläser, Porcellan, Conserven) als wissenschaftlich interessante 
Dinge ausgestellt; ähnliches gilt von Russland, welches hauptsächlich 
durch seine Pelzausstellung brillirt. Italiens Schnitzereien, Cameen und 
Juwelierarbeiten ziehen mehr Neugierige an, als die sehr instructiven Aus¬ 
stellungen der Ministerien, welche fast sämmtlich vertreten sind; beson¬ 
ders Hervorragendes haben die des Ackerbaues, der Marine und des Cultus 
geleistet. Auch die Ausstellung der Stadt Rom, welche die Wasserleitung 
der Stadt, ihre Abfuhr (resp. beginnende Canalisation), ihren Sanitätsdienst, 
und nebenbei auch einige sehr werthvolle Antiquitäten demonstriren will, 
wird nicht verfehlen, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Ganz be¬ 
sonders hervorgethan hat sich auch Belgien, dessen Ausstellungsraum gute 
fünf Sechstel des sogenannten Queen's Gate Annexe für sich in Anspruch 
nimmt; hier findet man vorzugsweise Gegenstände, die sich auf Erziehung 
und Unterricht beziehen, Schulgeräthe, Classenein riebtungen, Kindergärten, 
Gewerbeschulen, wie Modelle und Zeichnungen, vertreten, nur ein kleiner 
Theil ist der Nahrungsmittelhygiene (Herstellung von Chocolade etc.) über¬ 
lassen. Die chinesische Ausstellung, deren wir schon oben vorüber¬ 
gehend gedachten, enthält in origineller und sehenswerther Anordnung Alles, 
was zum Studium von Land und Leuten dienen kann; sie ist mehr eine 
ethnologische, als hygienische Sammlung und kann eine Besprechung an 
dieser Stelle nicht beanspruchen; um so mehr Beachtung hat sie bei 
dem Volke von London gefunden, welches sie so massenhaft frequentirte, 
dass der weitere Zudrang oft polizeilich inhibirt werden musste. — 

Wenn wir unsere Skizzen hiermit schliessen, so sind wir uns sehr wohl 
bewusst, kaum das Hauptsächlichste und Wichtigste angedeutet zu haben; 
nichtsdestoweniger wird man schon aus dem Mitgetheilten ersehen können, 
dass die Londoner Ausstellung ein hochverdienstliches Unternehmen war, 
welches nicht ohne Einfluss auf die Fortentwickelung der Hygiene, vielleicht 
auch in Deutschland, sein wird. 


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Prof. Dr. J. Uffelmann, 


Das ungesunde und das gesunde Haus 
auf der Londoner internationalen Hygieneausstellung 
des Jahres 18S4. 

Von Prof. Dr. J. Uffelmann in Rostock. 


Zu den instructivsten Objecten der Londoner internationalen Hygiene¬ 
ausstellung des Jahres 1884 gehörten ohne jeden Zweifel das gesunde und 
das ungesunde Wohnhaus, welche seitens einer besonderen Commission auf 
den Vorschlag von H. H. Colli ns erbaut worden waren. Sie boten dem 
Besucher eine solche Fülle des Interessanten und Lehrreichen, dass man 
sich unwillkürlich gedrängt fühlte, sie immer aufs Neue zu besichtigen und 
zu studiren. Es war in der That ein sehr glücklicher Gedanke des eben¬ 
genannten Herrn, die Ausstellung durch die Vorführung eines fehlerhaft 
und eines fehlerfrei construirten Hauses zu bereichern. Wie hätte man 
wohl das ganze, wichtige Detail der Bau- und Wohnungshygiene dem Pu¬ 
blicum besser ad oculos demonstriren können, als gerade durch diese Me¬ 
thode? Keine Zeichnung, kein Modell würden in gleichem Grade instructiv 
gewirkt haben. Von besonders hohem Werthe aber war es, dass man bei 
dem Aufbau und der Einrichtung des fehlerhaften Hauses gerade die¬ 
jenigen Mängel und Uebelstände vorführte, welche thatsächlich sehr häufig 
Vorkommen und doch den Meisten nicht einmal als solche bekannt sind, 
die selteneren aber fortliess. So dürfen wir voll und ganz in das Lob 
einstimmen, welches von allen Seiten der betreffenden Commission für ihr 
Vorgehen gespendet worden ist. Da aber die beiden Häuser so ungemein 
belehrend wirkten, so dürfte es wohl am Platze sein, sie auch den Lesern 
dieser Zeitschrift in kurzer Skizze vorzuführen. 

Das „ insanitary “ und das „ sanitary house u standen inmitten des Aus- 
stellung8terrain8 unmittelbar neben einander und so, dass man von dem 
einen direct in das andere trat, ohne dass ein Hofraum zu durchschreiten 
war. Der Geschäftsausschuss hatte nun durch Drehkreuze die Einrichtung 
derart getroffen, dass man zunächst das ungesunde Haus in dessen baSement 
floor betrat, es dann von unten nach oben bis zur höchsten Etage durch¬ 
wanderte, von letzterer in die entsprechende Etage des gesunden Hauses 
gelangte, dieses bis zum basement floor abwärts steigend besichtigte und 
darauf in den Hofraum kam. Man war somit gezwungen, sämmtliche Par¬ 
ti een der beiden Häuser zu betreten. Sehr zweckmässig hatte der Geschäfts- 
ausßchuss noch alle bemerkenswerthen Punkte — 115 an der Zahl — be¬ 
sonders bezeichnet. Ueberdies konnte man am Eingänge des insanitary 
house einen „ Guide to the sanitary and insanitary houses u kaufen, der alle 
jene Nummern in kurzer, gemeinfasslicher Weise erläuterte. 


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Das ungesunde und das gesunde Haus. 

Ich beginne mit der Besprechung des ungesunden Hauses. Bei 
der Construction desselben hatte zweifellos nach vielen Richtungen hin die 
vortreffliche Abhandlung Pridgin Teale’s 1 ) zum Vorbild gedient, der, 
von der richtigen Ansicht ausgehend, dass gerade die Kenntniss fehlerhafter 
Anlagen von sehr hohem Werthe sei, im Jahre 1883 die Mängel der Wohn¬ 
häuser an der Hand von 70 Federzeichnungen beschrieb. Dabei war 
seitens der Commission, wie ich hier besonders betone, zweckmässigerweise 
vermieden worden, die Fehler zu häufen oder zu übertreiben. n No attempt 
has becn made , to exaggerate defects , but the object was , to represent a state 
of things only too common w , so heisst es in dem Vorworte zu dem eben er¬ 
wähnten Guide , und so verhielt es sich in der That. 

Das Haus hatte einen kleinen Vorraum, einen basement floor t einen 
ground floor , einen bedroom floor und einen attic floor , welcher letztere den 
Bodenraum vorstellte. Aussen an dem Hause und unter einem Fenster be¬ 
fand sich als erster Fehler ein sehr geräumiger Kehrichtraum, welcher, 
lediglich aus Brettern hergerichtet, mit der einen Wand unmittelbar an die 
Hauswand stiess. Dieser Stelle gegenüber zeigte sich im Innern des base¬ 
ment floor ein missfarbiger Fleck, der eben in Folge jener Berührung des 
von organischen, feuchten Massen reichlich erfüllten Behälters mit der 
Mauer entstanden sein sollte. Zwischen dem Fundament und dem Oberbau 
lag nur dünner Asphaltfllz; die Innenwände erschienen desshalb ringsum 
bis zu wechselnder Höhe feucht, weil eine solche Isolirschicht nicht genügt, 
um das Empordringen der Feuchtigkeit von unten in das Mauerwerk zu 
hindern. Die Hygiene verlangt eine ungleich bessere Isolirung, für welche 
die geeigneten Materialien beim gesunden Hause zu Anden waren. Ferner 
fehlte unter dem Souterrain des insanitary house im ganzen Bereiche des¬ 
selben eine luft- und wasserdichte Schicht, wie sie zur Fernhaltung der 
Bodengase und der Bodenfeuchtigkeit mit Recht für nöthig erachtet wird. 
Auf dem Boden lagen vielmehr die Dielenbalken frei auf und waren aus 
diesem Grunde der Durchfeuchtung, sowie der Wucherung von Hausschwamm 
ausgesetzt, zumal man keinerlei Vorkehrung zur Ventilation des jene Dielen¬ 
balken enthaltenden Raumes getroffen hatte. 

Die Wände der Corridore und der Zimmer trugen graue und 
gelbliche Tapeten mit Arsenikfarbe. Es waren absichtlich keine grüne ge¬ 
wählt, um den Besuchern zu zeigen, dass auch nicht grüne Tapeten mit 
giftigen Farben hergestellt werden. Der Beleuchtung dienten zu spar¬ 
sam angebrachte Fenster, am Abend aber Gasflammen, über welchen sich 
keinerlei Vorrichtungen zur Fortleitung der Verbrennungsproducte befanden, 
so dass die letzteren fortdauernd der Zimmerluft sich beimengten. Als 
einzigen Heizapparat hatte man einen Gasofen aufgestellt, und zwar 
gleichfalls ohne irgend welche Vorkehrung zur Ableitung der Verbrennungs¬ 
producte. Oefen dieser Art sind in England seit einiger Zeit recht häufig 
anzutreffen, und desshalb war es sehr zweckmässig, auf das Fehlerhafte 
derselben aufmerksam zu machen. Besondere Ventilationseinrich¬ 
tungen fehlten im insanitary house vollständig; die vorhandenen Fenster 


9 Pridgin Teale, Dangers to heultb, 1883. 


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Prof. Dr. J. Uffelmann, 

zeigten den alten schwierig za handhabenden Oeffnongs- and Schliessungs¬ 
mechanismus, der die englischen Schiebefenster so unbequem macht. 

Mangelhaft war ferner die Wasserversorgung. Eine Hauptwasser- 
cisterne hatte ihre Lage im attic floor unter dem Dache, war ohne Be¬ 
deckung und desshalb der Verunreinigung in hohem Grade ausgesetzt. 
Ueberdies stand diese Cisterne durch ein Rohr in Verbindung mit dem 
Wassercloset der nächst unteren Etage, so dass schlechte Gase von dem¬ 
selben in das Wasser gelangen konnten. Eine andere offene Cisterne in 
der untersten Etage diente zur Versorgung der Küche und als Trinkwasser¬ 
behälter, war aber sehr schwer zugänglich und lag genau unter dem Wasser¬ 
closet der oberen Etage, welches noch dazu keinen wasserdichten Boden 
hatte, so dass es sehr leicht eine Verunreinigung des Wassers durch hinab¬ 
sickernde Schmutzflüssigkeit bedingen konnte. Die nämliche Cisterne ver¬ 
sorgte das Dienstbotenwassercloset, und endlich lief das Ueberlaufrohr direct 
zum house drain , was Beides als hygienisch durchaus unzulässig betrachtet 
werden muss. Der Guide geht allerdings ein wenig zu weit, wenn er es 
als feststehende Thatsache ausspricht, dass der Uebergang von 
schlechten Gasen aus Closet und Drain ins Trinkwasser eine yjertile cause 
of typhoid fever and diphtheria* sei. Aber es war gut, das Publicum zu 
warnen. 

Die Aborte des ungesunden Hauses lagen ausnahmslos dunkel, was 
mit Rücksicht auf die Erkennung von Defecten und Besudelungen zu ver¬ 
werfen ist, und entbehrten einer angemessenen Ventilation. Zwei Aborte 
waren sogar unter der Treppe hergerichtet — ein in England gar nicht 
seltener Uebelstand der Häuser. Ueberall fanden sich Wasserclosets, doch 
nirgends tadellose. Das „ servants water closet u war ein sogenanntes n long 
hopper closet* i das ungemein schwer rein zu halten ist; das Wasser floss aus 
der allzu niedrig angebrachten Cisterne mit sehr schwacher Spülkraft und 
lief ausserdem lediglich von einer Seite hinzu. Endlich traf der Ablauf¬ 
canal unter rechtem Winkel auf den house drain . Ein anderes Wasser¬ 
closet war ein sogenanntes „ pan closet u , welches jetzt in England ebenfalls 
perhorrescirt wird, weil der Container unter der pan stets beschmutzt ist 
und unreine Luft enthält, die bei jeder Abwärtsbewegung der pan in die 
Höhe steigt. Ein drittes Closet, gleichfalls ein pan closet , hatte den soge¬ 
nannten D-Verschluss unter dem Container , einen Verschluss, der in Eng¬ 
land stark verpönt ist, weil er zur Anhäufung von Schmutz Veranlassung 
giebt, wenn er auch die Canalgase am sichersten abhält. Hier war der 
Boden unter dem Closet nicht wasserdicht hergestellt. Der Guide sagt in 
Bezug auf diesen letzteren Uebelstand: n This is a very common defect\ 
leakage from doset would saturate the floor and wdlls below* 

Eine mangelhafte Einrichtung zeigte auch das Bad. Das reine Wasser 
floss durch die nämliche Oeffnung am Boden ein, durchweiche das schmutzige 
abgeleitet wurde. (Der Guide bemerkt dazu, dass diese Einrichtung eine 
sehr gewöhnliche ist; und doch muss es Jedem einleuchten, dass sie eine 
Verunreinigung des zufliessenden Wassers mit sich bringt.) Ferner war 
das Ueberlaufrohr der Wanne mit dem Abflussrohr verbunden, letzteres 
aber in den D-Verschluss eines Wasserclosets eingeführt. Endlich hatte 


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Das ungesunde und das gesunde Haus. 

der Fa8sboden des Baderaumes kein Gefalle nach irgend einem Punkte 
hin; auch stand das hier angebrachte Ablaufrohr, wie das der Wanne selbst, 
in Verbindung mit dem Closetrohr, so dass schlechte Gase emporsteigen 
konnten, zumal sie durch>die grössere Wärme des Badezimmers angesogen 
wurden. — Zum Wasserclosetrohr lief auch das Rohr des Abwasser- 
eingusses, der überdies an einer fast dunkelen Stelle angebracht war. 
Der Kücheneinguss hatte Glocken Verschluss. 

Ich komme nunmehr zu dem Haus-und dem Unrathrohr, auf deren 
richtige Anlage die englische Gesundheitstechnik einen so besonders hohen 
Werth legt, und deren häufige Mängel gerade der vorhin erwähnte Pridgiu 
Teale so ungemein eingehend beleuchtet hat. Das ungesunde Haus hatte 
zunächst die soil pipe , d. i. das Unrathrohr, welches die Ablaufcanäle der 
Wasserclosets aufnimmt, im Innern, während sie ausserhalb der Wände ver¬ 
laufen soll; dies Rohr war ausserdem undicht, weil an den Vereinigungs¬ 
stellen nur mit Kitt versehen, und lief in den Hauscanal unter rechtem 
Winkel ein, was unter allen Umständen zu vermeiden ist, hatte auch keine 
VentilationsVorrichtung, die speciell für dies Rohr als unerlässlich betrach¬ 
tet wird. 

Der Hauscanal, in den die soü pipe einmündete, war aus irdenen 
Röhren hergestellt, die aber an den Vereinigungsstellen Defecte zeigten. 
Hier hatte man nämlich die Cementirung nur im oberen, nicht auch im 
unteren Umfange der Vereinigungsstellen ausgeführt und dadurch eine 
Fahrlässigkeit nachgeahmt, wie sie von den Arbeitern sehr oft begangen 
wird. Ausserdem war das Gefälle des Hauscanals ein durchaus ungenügen¬ 
des, und endlich fehlte der disconnecting trap zwischen ihm und dem 
Strassencanal, so dass die Gase des letzteren ohne Weiteres in ersteren ein- 
treten konnten. 

Das Regenwasserrohr des ungesunden Hauses lag nahe den Fen¬ 
stern und hatte directe Verbindung mit dem Unrathrohr; ein ungemein 
häufiger Uebelstand, auf den der Guide (unter Nr. 34) besonders aufmerk¬ 
sam macht. 

Alle in diesem Hause befindlichen Rohrverschlüsse waren als 
mangelhaft bezeichnet. Dies dürften sie in der That gewesen sein. Denn 
es waren entweder D ~traps % deren bauchiger Theil, wie schon oben gesagt, 
sehr leicht zur Ansammlung von Schmutzstoffen Veranlassung giebt, oder 
belltraps , Glockenverschlüsse, die durch leichten Druck überwunden werden, 
ebenfalls Schmutz in sich behalten, desshalb in England mit Recht verpönt 
und durch die neuen Byelaws des Local Government Board völlig in Miss- 
credit gekommen sind 1 ). 

Im Vorplatze des gesunden Hauses, dessen Beschreibung jetzt folgt, 
stand ein kleiner, aus verzinktem Eisenblech hergestellter Kehricht¬ 
behälter, der den Kehricht von nur einem bis zwei Tagen aufzunehmen 


*) Der Guide sagt von dem belltrap: This trap should uever be used under any cir- 
cumstances. It is bad, because its form is such, that it readily collect» filth, because the 
small quantity of water, which forros the trap, soon evaporates, and because the opening 
to the drain is no longer trapped, when the grating is removed or the bell broken. 


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Prof. Dr. J. Uffelmann, 

vermochte. Das Hans hatte die nfimliche Zahl der Etagen, wie das un¬ 
gesunde. Zur Abhaltung der Bodenfeuchtigkeit vom Oberbau waren überall 
gute und sicher wirkende Isolirschichten, damp proof courses, eingeschaltet. 
Man hatte dazu an einer Stelle eine 3 /« Zoll hohe Asphaltlage, an einer 
anderen Schieferplatten in Portlandcement, an einer dritten aber glasirte 
Lüftersteine ( perforated sioneware ) verwandt. Der Guide empfiehlt besonders 
die zuerst und zuletzt bezeichneten Materialien und bemerkt dabei, dass es 
aus hygienischen Rücksichten nöthig sei, die Isolirschicht noch ein wenig 
höher, als das Niveau des angrenzenden freien Terrains anzubringen; wenn 
dies aber nicht erreicht werden könne, sei die Erde von der Mauer ab¬ 
zugraben, oder aussen an letzterer eine verticale Lage impermeablen 
Materiales aufzuführen. Es sind dies sehr beherzigenswerte Winke. — 
Das gesunde Haus hatte unter seinem ganzen basement floor eine den Erd¬ 
boden bedeckende und hermetisch abschliessende Concretschicht von 6 Zoll 
Höhe, die jedes Aufsteigen von Bodengasen verhindern musste. Auf dieser 
Schicht lagen die Dielenbalken auf, zwischen denen die Luft frei circuliren 
konnte, weil zahlreiche n air bricks u eingesetzt worden waren. Die Tapeten 
hatten keine Arsenikfärbe, und ebenso war das gesammte Holzwerk mit 
giftfreien Farben — statt mit Bleiweiss, mit Charlton White — angestrichen; 
der Fussboden aber parquettirt, also leicht rein zu halten. 

Zur Beleuchtung dienten zahlreiche, breite Schiebefenster, die mit be¬ 
sonderen Vorrichtungen zur zugfreien Ventilation versehen waren. Abends 
spendeten in einzelnen Räumen elektrische Glühlampen, in anderen aber 
Gasflammen reichliches Licht. Diese letzteren hatten über sich die Oeff- 
nungen von Canälen, welche die Verbrennungsproducte direct aus dem 
Hause hinausleiteten. Solche Einrichtungen sind in Deutschland noch 
ausserordentlich selten, aber sie müssten im Interesse der Gesundheit zumal 
da angebracht werden, wo ohnehin die Luft starker Verunreinigung aus¬ 
gesetzt ist, z. B. in Restaurationen, Concertsälen u.s. w. Ein Ventilations¬ 
ofen aus glasirten Kacheln und mit Chamottesteinen ausgekleidet sollte 
dem Publicum eine zweckmässige Methode der Heizung vorführen. Im 
Uebrigen hatte man hier, wie im fehlerhaften Hause, keine weiteren Heiz¬ 
apparate aufgestellt, weil der sparsam vorhandene Platz dazu nicht aus¬ 
gereicht hätte. Zahlreiche Ventilationen dienten der Reinhaltung der Luft 
im Innern. So fand« ich in der obersten Etage ein vertical an der Wand 
aufsteigendes Einlassrohr, in der mittleren Etage einen SherringhamVentilator 
zum Einlass von Luft, sowie einen Arnott’schen Klappenventilator zum 
Auslass der Luft in den Rauchfang, in der untersten Etage endlich einen 
Einlasscanal mit Luftfilter, sowie einen Auslasscanal mit Schliessklappe. 

Die Wassercisternen waren aus verzinktem Eisenblech construirt 
uud in einem kleinen, aber gut erhellten und leicht zugänglichen Raume 
aufgestellt, so dass sie ohne Mühe revidirt werden konnten, was in dem 
fehlerhaften Hause nicht der Fall war. Eine der Cisternen versorgte die 
Spülcisternen der Wasserclosets, nicht letztere direct, eine zweite lieferte 
lediglich Trinkwasser; beide aber waren mit gut schliessendem Deckel ver¬ 
sehen und ihre Ueberlaufrohre mündeten frei nach aussen. Es bestand 
hier also keine gemeinsame Cisterne für Wasserclosets und Trinkwasser. 


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Das ungesunde und das gesunde Haus. 

Auffallend bleibt aber, wesshalb man bei der Herstellung des sanitary house 
nicht kurzweg von der Anbringung der Trinkwassercisterne absah und das 
System der constanten Wasserzufuhr einführte, das doch aus hygienischen 
Rücksichten entschieden vorznziehen ist. Ich habe keine Erklärung dafür 
und finde eine solche auch nicht im Guide . Es ist doch kaum anzunehmeu, 
dass die Commission das System der intermittirenden Zufuhr für besser ge¬ 
halten habe! 

Den Aborten war überall ein guter Platz angewiesen. Sie lagen 
nach der Nordseite in einem kleinen Ausbau über einander, hatten reichlich 
Licht und ausreichende Ventilation durch Fenster. Das Hauptwassercloset 
war ein verbessertes Trichtercloset, dem das Wasser von der ganzen Peri¬ 
pherie her zufloss und das in Folge dessen stets vollständig gereinigt wurde. 
Das irdene Syphonrohr unter dem Bassin hatte man an das bleierne Unrath¬ 
rohr durch Spence’s Metall iunig und fest angeschlossen. Unter dem 
Closet befand sich eine bleierne Platte, die das Hinabsickern vorbeifliessen- 
der Massen verhüten sollte. Ein zweites Wassercloset war ein sogenanntes 
rcdve closet , d. h. es hatte unter dem Bassin eine durch Aufziehen des 
Griffes sich bewegende Klappe. Jenseits der letzteren zeigte sich der 
Syphonverschluss, von dem ein enges Ventilationsrohr ausging, um ausser¬ 
halb des Hauses in der Mauerwand frei zu enden. Diese vcdve closets , die 
auch noch ein Ueberlaufrohr haben, sind neben den sogenannten flushing 
closets zur Zeit die beliebtesten in England und gelten dort für die hygienisch 
besten. Auch das Dienstbotencloset dieses gesunden Hauses war ein rohe 
closet mit Syphonrohr und nicht mit D-Verschluss. Die Spülvorrichtung 
lieferte einen ungemein kräftigen Strahl reichlichen Wassers aus einer be¬ 
sonderen Closeteisterne. 

Das Badezimmer hatte Ein- und Auslassklappen für den Luft¬ 
wechsel. An der Badewanne selbst sah man ausser den hier völlig separat 
verlaufenden Zu- und Abflussrohren noch ein Ueberlaufröhr. Das letztere, 
sowie das relativ weite Abflussrohr waren mit Syphonverschluss gearbeitet 
und vereinigten sich beide mit dem Regen Wasserrohr. Unter der Wanne 
aber befand sich eine Platte von gewalztem Blei, die ein Gefälle zu einer 
frei in der Hausmauer mündenden Auslaufröhre hatte. 

Der Schmutzwassereinguss war an einer hellen und leicht zu 
lüftenden Stelle (nahe dem Fenster) angebracht, aus Porcellan, nicht aus 
Metall, hergestellt und zeigte abgerundete Ecken, so dass eine Ansammlung 
von Schmutz nicht statt haben konnte. Das Abflussrohr hatte Syphon¬ 
verschluss mit einer abschraubbaren Kappe und lief zu dem Regen Wasser¬ 
rohr. Der Kücheneinguss war ähnlich dem Schmutzwassereinguss ein¬ 
gerichtet. 

Das grösste Interesse bot endlich die Canalisirung des Hauses. Man 
hatte sie genau nach den Principien hergestellt, welche über diesen Punkt 
in der Gesundheitstechnik zur Zeit gelten und welche im Wesentlichen aus 
Nordamerika herübergekommen sind. Es ist bekannt, dass in vielen Städten 
der Union schon seit einer Reihe von Jahren das Rohrlegen mit grosser 
Sorgsamkeit gehandhabt wird, und dass ebendort sehr exacte Ortsstatute 
über den in Rede stehenden Theil der Gesundheitstechnik erlassen worden 


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Prof. Dr. J. Uffelmann, 

sind. Als vornehmster Grundsatz gilt, das Unrathrohr ausgiebig durch 
einen von unten nach oben streichenden Zug zu ventiliren, so dass die Luft 
in demselben niemals stagnirt und stets den Auftrieb nach der höchsten 
Stelle jenes Rohres hin bekommt. Man sucht dies dadurch zu erreichen, 
dass man den house drain frei enden lässt und oberhalb der betreffenden 
Stelle einen auf ebener Erde ausmündenden Lufteinlasscanal herrichtet, das 
Unrathrohr aber bis über das Dach fortfahrt und hier mit einem Luftsauger 
krönt. Auf solche Weise wird in der That eine Stagnation schlechter Gase 
verhindert, welche dann die etwaigen Syphonverschlüsse nicht mehr forciren 
können. Ein zweiter Grundsatz ist der, das Unrathrohr, wenn irgend mög¬ 
lich, ausserhalb des Hauses und zwar fin der Nordseite anzulegen, weil es 
an dieser den directen Sonnenstrahlen nicht ausgesetzt ist. Sollte es jedoch 
aus irgend einem Grunde im Innern angelegt werden müssen, so wird ge¬ 
fordert, dass man lediglich gusseiserne Rohre mit Bleiverbindung anwendet. 
Als dritten Grundsatz stellt man den auf, dass der Hauscanal stets vom 
Strassencanal durch einen möglichst sicher wirkenden Syphon abgeschlossen 
ist. Der Hauscanal und das Unrathrohr sollen ein continuirliches Rohr 
bilden, ersterer sanft ansteigend, letzteres vertical ohne Curven und Winkel 
verlaufen. In den verticalen Theil hat man lediglich Unrathstoffe, in den 
horizontalen das Schmutzwasser aus den Souterrains und das Regenwasser 
mit dem Schmutzwasser der oberen Etagen einzuleiten, die Ueberlaufrohre 
aber frei in der Aussenmauer münden zu lassen, damit sie als „f oaming 
pipes u dienen können. 

In dem gesunden Hause war nun der Hauscanal aus eisernen Röhren 
hergestellt, deren Vereinigungsstellen man mit Blei geschlossen hatte. Sein 
Gefälle betrug weit mehr, als das Minimum, welches gefordert wird (1:50), 
Das Unrathrohr war aus Blei, lag ausserhalb des Hauses und lief ohne 
Curven aufwärts bis über das Dach, wo es mit einem Luftsauger gekrönt 
war. Es nahm in seinem ganzen Verlaufe nur die Abläufe der Wasser- 
closets auf. Das Regenwasserrohr öffnete sich nicht direct in den 
Hauscanal, sondern in einen irdenen Gully , der mit Syphonverschluss ver¬ 
sehen war; es empfing auch das Schmutzwasser vom Bade und vom Ab¬ 
wassereinguss, diese aber ifl Röhren, welche sich mit ihm, dem Regenrohr, 
in einem v open head u vereinigten, so dass also die directe Luftcirculation 
von Rohr zu Rohr unterbrochen war und ausserdem jedes einzelne Rohr 
leicht gereinigt werden konnte. 

Hinter dem Hause, doch ganz nahe demselben, war eine sogenannte 
„impecting chamber u eingerichtet, eine cementirte, etwa Vs m lange, w ^ e 
breite und I m tiefe Grube, die mit dickem Glase Überdacht auf ihrem Boden 
vier Canäle zeigte. Letztere, in ihrem oberen Umfange völlig frei gelegt, 
liefen unter spitzem Winkel zusammen und zu dem house drain hin. Sie 
waren a) der Zulauf vom Gully des Oberflächen wassere, b) derjenige des 
Unrathrohres, c) derjenige vom Gully des Regenwasser-SchmutzWasserrohres 
und d) derjenige von dem Wassercloset im Souterrain. Diese Kammer, die 
unter anderen Verhältnissen mit einer eisernen Platte fest zugedeckt sein 
würde, gestattete leichten Zugang zu den Röhren zum Zwecke einer Revi¬ 
sion und Reinigung. 


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125 


Das ungesunde und das gesunde Haus. 

Vor dem Hause befand sich ein zweiter Einlass, der „ mankole u . Auf 
seinem Grunde erblickte man den „ disconneding trap u , d. i. den Syphonver- 
schluss zwischen Haus- und Strassencanal. Luft gelangte von aussen in den 
manhöle , von da in den Hauscanal, der gerade unterhalb der äusseren Oeffnung 
des manhöle in den absteigenden Theil des Sy phonroh res überging. Diesem 
Inlet entsprach als Outlet die Dachöffnung des Unrathrohres, so dass also 
atmosphärische Luft von der Oeffnung des manhöle durch den Hauscanal 
und jenseits desselben durch das Unrathrohr strich, um oberhalb des Daches 
zu entweichen. 

Es geht hieraus hervor, dass Alles gethan war, um dem Hause gute 
Luft zu sichern. Die Furcht vor dem „ setoer gas u ist bekanntlich in Eng¬ 
land und Nordamerika sehr gross, so dass man sich wohl erklären kann, 
wesshalb der Rohrlegung dort eine so besondere Aufmerksamkeit zugewandt 
wird. In Deutschland achtet man die Gefahr weniger hoch, ist insbesondere 
der Meinung, dass die Ganalluft nicht direct und für sich allein bestimmte 
Krankheiten, beispielsweise Diphtherie und Typhus zu erzeugen vermöge. 
Wer Recht hat, ist meiner Ansicht nach durch die bisherigen Untersuchun¬ 
gen noch nicht endgültig entschieden, da die Ergebnisse des Experiments 
keineswegs voll mit den Beobachtungen in der Praxis übereinstimmen. 
Immerhin wird Jedermann anerkennen müssen, dass reine Luft die Grund¬ 
bedingung der Gesundheit ist, und dass diese reine Luft in den an Canäle 
angeschlossenen Wohnungen ohne richtige Anlage der Rohre sich nicht 
erreichen lässt. In Bezug auf eine solche Anlage aber konnte das gesunde 
Haus der Londoner internationalen Hygieneausstellung thatsächlich als 
Muster dienen. 


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12G 


Oberstabsarzt Dr. Frölich, 


Beitrag zur Wiederimpfung. 

Von Oberstabsarzt Dr. Frölich (Möckern)* 


Die Beobachtung, dass die Pockenimpfang nicht für immer, sondern 
nur auf Jahre den Menschen gegen die Pockenkrankheit schützt, hat das 
Bedürfnis der Wiederimpfung erzeugt. Der Zeitpunkt, wann sich dieses 
Bedürfnis für den Einzelnen geltend macht, ist zwar individuell verschieden, 
allein die Erfahrung hat eine Anzahl von Jahren erkannt, nach deren Ab¬ 
lauf ein grosser Theil der einmal Geimpften durch die erste Impfung nicht 
mehr vor Ansteckung geschützt erscheint. Man hat festgestellt, dass etwa 
14 Jahre nach der erstmaligen erfolgreichen Impfung Empfänglichkeit für 
den Impfstoff wieder eiutritt, dass die Empfänglichkeit für die Wieder¬ 
impfung zwischen 14. und 22. Lebensjahr ihren Höhepunkt erreicht und 
dass zumal vom 20. Lebensjahre an wieder erhöhte Pockensterblichkeit der 
einmal Geimpften sich bemerkbar macht. 

UebereinBtimmend mit diesen Erfahrungen pflegen nur einmal Geimpfte, 
besonders zu Zeiten, wo Pocken herrschen, aus freiem Antriebe sich wieder¬ 
impfen zu lassen und die Gemeinden und Staaten ihrerseits unterstützen 
diesen Selbstschutz oder zwingen wohl auoh zu letzterem. Unter Umständen, 
wo Menschen gehäuft Zusammenleben, wo also die Pockenansteckung 
erleichtert wird und verheerend wirken kann, z. B. in Waisenhäusern, 
Schulen, Casernen etc., da war es besonders, wo Aerzte sich um regelmässige 
Wiederimpfungen bemühten *), oder wo Staat und Gemeinde dieselben zu 
fordern sich veranlasst sahen. 

Was das Heerwesen anlangt, so ist hier, wie in vielen anderen sanitären 
Dingen, auch in Bezug auf den Werth der Wiederimpfung das Richtige 
nicht nur frühzeitig erkannt, sondern auch der Erkenntnis» die That, d. h. die 
Einführung regelmässiger Wiederimpfungen alsbald gefolgt, und die Ergeb¬ 
nisse der letzteren waren der Art, dass man diese Wiederimpfungen sowohl 
für das Militär endgültig beibehielt, als auch hier und da auf die Civil- 
bevölkerungen zwangsweise übertrug. 

In England werden erst seit dem 1. Januar 1872 die bereits mit 
Blatternarben versehenen Recruten geimpft (vergl. Blaubuch für 1870, 


, ) Vergl. die regelmässige Sei» ul Wiederimpfung des Kreismedicinalrathes Dr. Frölich 
im Jaxtkreise nach Dr. Cless: „Impfung und Pocken in Württemberg“. Stuttgart 1871. 


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127 


Beitrag zur Wiederimpfung. 

S. 556); auch sind alle Soldatenkinder 10 Jahre nach der ersten Impfang — 
und zwar mindestens mit 2 Stichen — wiederznimpfen. Zar Beleuchtung 
des Erfolges weist man auf die Epidemie 1881 in Indien hin, bei welcher 
von 58 728 Mann nur 17 an Pocken erkrankten und bloss 1 Mann starb. 

In Frankreich ist nach Mora che die Wiederimpfung zwangsweise 
durch KriegsministerialVerordnung vom 31. December 1857 seit 1858 für 
alle Recruten eingeführt. Bis 1857 hatte das französische Heer unter 
je 1000 Todesfällen durchschnittlich 30 Pockentodesfalle; diese Ziffer fiel seit 
1864 auf 13 und später (1872 u. ff.) auf 7 bis 8 *). Der Krieg 1870/71 
fand eine seit 1869 wüthende Epidemie bereits vor, welche Nahrung fand 
durch viele Tausende junger Leute, die aus Zeitmangel nicht mehr geimpft 
werden konnten. Yallin behauptet in der Revue d'hygihne von 1882, dass 
sich die Verhältnisse seit 1871 bedeutend gebessert haben, dass sich aber 
noch immer bei einem Effectivbestande von 500000 Mann rund 2000 Pocken¬ 
erkrankungen mit 200 Todesfällen ereignen. Neuerdings beschäftigt man 
sich im französischen Heere mit der Impffrage sehr eingehend. Nach einem 
amtlichen Bericht in den Archivcs de medecine et de pharmacie militaires 
(Juni bis September 1884) hat man Recruten, um über den Werth der ver¬ 
schiedenen Lymphen ins Klare zu kommen, mit 7 bis 10 Impfstichen wieder¬ 
geimpft und dabei Erfolg gehabt mit Kälberlymphe in 65*04 Proc. Fällen, 
mit Kinderlymphe in 56*66 Proc., mit Lymphe einmal geimpfter Erwachsener 
in 54Proc., mit Lymphe niemals geimpfter Erwachsener in 54Proc. und 
mit Lymphe wiedergeimpfter Erwachsener in 44*84 Proc. Der Verfasser, 
M. Longet, empfiehlt hiernach für die militärische Wiederimpfung in 
erster Linie die Kälberlymphe. 

In Belgien bezieht man neuerdings zur Wiederimpfungnöthige Lymphe 
aus der Militärschlachtanstalt, wo die Kälber und Kühe vor dem Schlachten 
geimpft werden. Im Jahre 1882 hatte man bei den schon einmal Geimpften 
in 37 Proc. der Fälle Erfolge. Das belgische Heer hat noch immer jährlich 
110 bis 200 Pockenerkrankungen mit durchschnittlich 22 Todesfällen zu 
verzeichnen. 

Ueber Wiederimpfungen in Italien und zwar bei den im Venetianisehen 
stehenden Truppen im Jahre 1867 berichtet Manayra (vergl. Feldarzt 
Nr. 1, 1869). Es wurden 51 Vit Proc. mit vollkommenem oder unechtem 
Erfolg geimpft und wiedergeimpft. Ebenda kamen 69 Pockenfalle vor, 
von denen 49 auf nicht Wiedergeimpfte und 20 auf Wiedergeimpfte kamen; 
nur von jenen starben 4. 

Sehr wissenswerthe Aufschlüsse über die Wiederimpfungen und die 
Zahl der Pockenkrankheitsfälle und -Todesfälle im österreichischen Heere 
liefern die lehrreichen militärstatistischen Jahrbücher. Nach letzteren 
schwankte der Verpfiegungsstand dieses Heeres in den 11 Jahren von 1869 
bis 1879 meist zwischen 240 000 und 270 000 Mann, nur im Jahre 1878 


*) Vergl. auch Baudoin’s Bericht über die Wiederimpfung der Soldaten im Rec. 
de mem. de m6d. etc., 3. s6r., XXX, p. 591, Nov. et Dec. 1874. 

Betreffs Hollands vergl. „Wiederimpfung im holländischen Heere im Jahre 1877“, dar¬ 
gestellt von van Hasselt im Weekbl. van het Nederl. Tijdschr. 10. 


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128 


Oberstabsarzt Dr. Frölich, 

erhob er sich auf 324 000 und fiel 1879 auf 282 000. Die einschlagenden 
Feststellungen sind folgende: 

Zugang an 







Wieder- 

Blatternkranken 

Blattern- 

Jahr 




Impfungen 

Impfungen 

in Heilanstalten 

todesf&lle 

1869 

. • 



. 1568 

2 648 

1717 

59 

1870 




. 3 645 

8 548 

1750 

44 

1871 




. 6 870 

10519 

1907 

97 

1872 




. 11015 

47 790 

3948 

247 

1873 




. 11035 

46 790 

4003 

266 

1874 




. 5 357 

25 439 

2371 

163 

1875 




. 4 267 

14 834 

841 

54 

1876 




. 3 967 

11 544 

689 

27 

1877 




. 3 380 

16 588 

1043 

65 

1878 




2 664 

13 585 

1070 

50 

1879 




. 2 764 

13 612 

832 

61 


Die Wiederimpfungen des gedachten Zeitraumes haben der Zahl nach 
ganz beträchtlich geschwankt. Die HöchstzifFer fallt in das Jahr 1872, wo 
bei Hinzunahme der Impfungen etwa % aller eingetretenen Recruten 
geimpft und wiedergeimpft worden sind. Die Wiederimpfungen nehmen 
von 1874 wieder erheblich ab und erstrecken sich im Jahre 1878 nur auf 
etwa die Hälfte der Recruten. Der Erfolg der Wiederimpfungen war in 
nahezu 30Proc. der letzteren zu beobachten. Die meisten Blatternerkran¬ 
kungen kamen in den Jahren 1872 und 1873 vor; ihre Zahl wurde in den 
nächsten Jahren viel geringer (1876 nur noch den sechsten Theil des frühe¬ 
ren Höchststandes betragend) und hielt sich schliesslich annähernd in der 
jährlichen Höhe von 1000. Die Summe der an Pocken in Heilanstalten 
Behandelten beträgt für die elf Jahre 20 171 und die Sterblichkeit 1133 = 
5*6Proc. der Erkrankten. 

Die auffällig hohe absolute Blatternsterblichkeit im österreichischen 
Heere legt die Empfehlung nahe, dass das Impfgeschäft grössere Aus¬ 
breitung im Heere finde und mit denjenigen Mitteln ausgestattet werde, 
welche die bisherigen Wiederimpfungserfolge zu verdoppeln geeignet sind. 
Der Erfolg der Wiederimpfung hängt von Ursprung und Art der Lymphe, 
von der Impfmethode und von der Beschaffenheit des Wiederzuimpfen¬ 
den ab. 

Was das deutsche Heer anlangt, so zeigt sich zunächst in der Zeit, 
wo die einzelnen Landesheere noch selbständig organische Heeresfragen 
erledigten, folgendes Verhalten: 

Im württembergischen Armeecorps sind die Wiederimpfungen 
seit 1825 eingeführt. Das Ergebniss war beispielsweise im Jahre 1836, 
dass 34Proc. mit Erfolg wiedergeimpft wurden, während bei 25Proc. 
der Erfolg unvollkommen war und bei 41 Proc. Erfolg ausblieb. 

Im badenschen Armeecorpa wurde die Wiederimpfung 1 ) durch 
Allerhöchsten Befehl vom 7. April 1840 reglementarisch geordnet. In dem 
30jährigen Zeiträume von 1840 bis 1869 wurden 106 837 Mann wieder- 


*) Vergl. „Medicinische Statistik“ etc., von J. Kaiser, Karlsruhe 1871. 


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129 


Beitrag zur Wiederimpfung. 

geimpft und zwar mit steigenden Erfolgen, so dass der echte Erfolg in den 
ersten fünf Jahren 32*9 Proc., in den letzten fünf Jahren aber 45 Proc. betrug. 
Bei den mit Erfolg Geimpften sind 35, bei den nicht oder ohne Erfolg 
Wiedergeimpften 334 Pockenerkrankungen vorgekommen. Seit der Ein¬ 
führung der Wiederimpfung hat sich nur ein Pockentodesfall ereignet und 
zwar betraf derselbe einen bei der Mobilmachung 1859 nicht wieder¬ 
geimpften Recruten in Freiburg. 

Im bayerischen Heere wurde die Wiederimpfung 1843 eingeführt. 
Bei den 63 171 Bayern, welche in den Jahren 1856 bis 1860 wiedergeimpft 
worden sind, war der Erfolg in 45 Proc. der F&lle gut, in 18Proc. unvoll¬ 
kommen und in 37 Proc. = 0. In den militärischen Etatjahren vom 1. April 
1874 bis 31. März 1879 1 ) sind nur 23 Erkrankungen an echten und 56 
an modificirten Pocken, und zwar ohne Todesfall vorgekommen. 

Im sächsischen Armeecorps fand der Wiederimpfungszwang durch 
Kriegsministerialverfügung vom 22. Juli 1868 Aufnahme. In dem Jahre 
1872 wurden hier 25 Fälle von echten Pocken und 181 Varioloiden behan¬ 
delt, dazu kamen die Rückstände des Seuchejahres 1871 von 4 echten und 
40 modificirten Pocken; von allen starben nur 4 Varioloidenfalle. 1873 aber 
starb von 9 echten Pocken (einschliesslich 1 Rückstand) und 61 Varioloiden 
(einschliesslich 9 Rückstände vom Jahre 1872) überhaupt kein Kranker. 
Die Erfolge der Wiederimpfung sind besonders zahlreich: im Jahre 1874 
65 Proc., 1875 62*5Proc., 1876 71 Proc., 1877 70'5Proc., 1878 69 Proc., 
1879 73 Proc., 1880 83 Proc. und 1881 79 Proc. der Geimpften. 

Im preussischen Heere ist die Wiederimpfung durch den Aller¬ 
höchsten Erlass vom 16. Juni 1834 zwangsweise durchweg zur Einführung 
gelangt. Hier wird, wie nunmehr überhaupt im deutschen Reichsheere, jeder 
Soldat, auch der freiwillige, innerhalb der ersten 6 Monate nach seinem 
Eintritte in das Heer geimpft, und nur diejenigen sind von diesem Zwange 
befreit, welche schon vorher Pocken überstanden haben, oder bei welchen 
eine Impfung innerhalb der letzten 2 Jahre vor ihrem Eintritte mit Erfolg 
vollzogen worden ist. 

Preussen hat mit dieser Einrichtung seit 1833 bis jetzt und nament¬ 
lich noch im letzten grossen (deutsch - französischen) Kriege so zahlreiche 2 ) 
und werthvolle Erfahrungen gesammelt, dass dieselben allgemein als maass- 
geblich für die einschlagende Gesetzgebung erachtet werden und in die 
Erinnerung zurückgerufen zu werden verdienen. 

Zur Zeit vor der Wiederimpfung starben im preussischen Heere an den 
Pocken und zwar im Jahre 


1825 . . 

12 Mann, 

1830 . 

. . 27 Mann, 

1826 . . 

16 

n 

1831 . 

. .108 „ 

1827 . . 

23 

n 

1832 . 

. . 96 „ 

1828 . . 

35 

n 

1833 . 

. .108 „ 

1829 . . 

. 33 

T) 

1834 . 

• • 38 „ 


in 10 Jahren zusammen 496. 


1 ) Vergl. „Statistischer Sanitätsbericht“ etc. München 1881. 

2 ) Das preussische Heer hat allein in den Jahren 1833 bis 1860 1 288 471 Mann, 
and zwar 48 Proc. derselben mit Erfolg, wiederimpfen lassen. 

Vierteljahrsschrift für Gesundheitspflege, 1886. 9 


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130 


Oberstabsarzt Dr. Frölich, 

Seit Einführung der Wiederimpfung gestaltet sich das Verhältnis 
wie folgt: 



Mit Erfolg 

•An 

Pocken Von 

100 Erkrankten 

Jahr 

wiedergeimpit 

erkrankt 

gestorben 

gestorben 

1834 

.39-5 

Proc. 

619 

38 

61 

1835 

.42-8 

n 

259 

5 

1-93 

1836 

.46-8 

n 

130 

9 

6*9 

1837 

.49*9 

n 

94 

3 

3*2 

1838 

.50*9 

77 

111 

7 

6.3 

1839 

.51*5 

77 

89 

2 

2*25 

1840 

.54’6 

71 

74 

2 

2-7 

1841 

.57*07 

77 

59 

3 

5*1 

1842 


77 

99 

2 

2-02 

1843 

.56*98 

77 

167 

3 

1-8 

1844 

.573 

77 

69 

3 

4*4 

1845 

.58-5 

77 

30 

1 

3*33 

1846 

.60-6 

77 

30 

1 

3*33 

1847 


77 

5 

0 

0 

1848 


77 

22 

1 

4*5 

1849 

.64-5 

77 

62 

1 

1-6 

1850 

.615 

77 

176 

1 

0*6 

1851 

.64*5 

77 

246 

3 

1-2 

1852 

.69-3 

77 

87 . 

1 

115 

1853 

.69-6 

77 

138 

1 

0*7 

1854 


77 

121 

3 

2-48 

1855 

.69*7 

77 

12 

0 

0 

1856 

.70*9 

77 

21 

0 

0 

1857 


77 

35 

1 

29 

1858 

.69,8 

77 

64 

0 

0 

1859 

.691 

77 

58 

2 

3*45 

1860 

. 7203 

77 

44 

3 

6*8 

1861 

.726 

77 

56 

4 

714 

1862 

.69-6 

77 

25 

1 

4*00 

1863 

.72-6 

77 

90 

0 

0 

1864 

.69-7 

77 

120 

1 

0*83 

1865 

.71*2 

77 

69 

1 

1*4 

1866 (Kriegsjahr) . 6775 

77 

156 

8 

5*13 

1867 

.71-84 

77 

188 

2 

1-06 

1868 

. — 

77 

3 

1 

— 

1869 


77 

5 

1 

_ 

1870/71 (Kriegsjahr) — 

77 

— 

316 0 

— 

1872 

((einschliesslich 

(Württemberg) 

77 

205 

16 

— 


1 ) ^ ergl. Lotz „Pocken und Vaccination“ Basel 1880. Das französische Heer hat 
1870/71 23469 Mann an Pocken verloren. Endgültig feststehende Zahlen wird der dem¬ 
nächst erscheinende deutsche Kriegssanitätsbericht bringen. 


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131 


Beitrag zur Wiederimpfung. 

Nachdem im 1. Quartal 1873 noch 5 Pockenerkrankungen mit 2 Todes¬ 
fällen vorgekommen waren und nunmehr (seit 1. April 1873) sich die 
Krankheits- und Sterblichkeitsstatistik auf Etatjahre und zwar (seit 1870) 
auf Württemberg mit erstreckt, sind dem statistischen Sanitätsberichte 
(Berlin 1882) folgende Zahlen zu entnehmen: 


Kalender-Jahr 

Es wurden 
überhaupt 
wiedergeimpft 

Es wurden 
mit Erfolg 
wiedergeimpft. 

Etatjahr 
vom 1. April 
bis 31. März 

An Pocken 
erkrankt starben 

1873 . . 

. 120326 

93 685 

1873/74 

4 

1 

1874 . . 

. 122 573 

98252 

1874/75 

0 

0 

1875 . . 

. 120264 

96 756 

1875/76 

4 

0 

1876 . . 

. 121244 

99 642 

1876/77 

0 

0 

1877 . . 

. 120673 

101243 

1877/78 

1 

0 

1878 . . 

. 120707 

104 648 

1878/79 

0 

0 

1879 . . 

. 119840 

104129 

1879/80 

• 0 

0 

1880 . . 

. 122100 

106264 

1880/81 

2 

0 

Danach ist 

von Haus aus 

der Erfolg der Wiederimpfungen 

grösser als 


im österreichischen Heere gewesen, und hat sich derselbe im Laufe der 
Jahre mehr als verdoppelt, indem er sich von 33*1 Proc. im Jahre 1833 bis 
über 70Proc. erhoben hat. Die Pockenerkrankungen, namentlich aber die 
Pockensterblichkeit, hat sich seit Einführung der Wiederimpfung ganz 
beträchtlich vermindert. In den 9 Jahren vor Einführung der Wieder¬ 
impfung 1825 bis 1833 kamen 458 Pockentodesfälle vor; in den 9 Etatjahren 
1873 bis 1881 dagegen ist in dem inzwischen die Grösse des österreichischen 
Heeres erreichenden preussischen (einschliesslich seiner Contingente) nur 
1 Todesfall von 11 an echten Pocken Erkrankten zu beobachten gewesen. 
Kaum auf irgend einem anderen Blatte weist die Geschichte der Medicin 
einen ähnlichen Sieg der ärztlichen Wissenschaft gegen eine der gefürch- 
tetsten Seuchen auf! 

Es kann nicht Wunder nehmen, dass nicht nur das deutsche Heer trotz 
aller theoretischen Ein wände an der Ueberzeugung von den Segnungen der 
Wiederimpfung festhielt, sondern dass auch die deutsche Regierung 
bemüht war, diese offenbaren Wohlthaten der deutschen Civilbevölkerung 
zugute kommen zu lassen. Die Frucht dieser fürsorgenden Bemühung ist 
das deutsche Reichsimpfgesetz vom 8. April 1874, mit welchem die Zwangs- 
impfung und Wiederimpfung seit 1. April 1875 in Kraft getreten ist. §. 1 
dieses Gesetzes lautet: „Der Impfung mit Schutzpocken soll unterzogen 
werden: 1) jedes Kind vor dem Ablauf des auf sein Geburtsjahr folgenden 
Kalenderjahres, sofern es nicht nach ärztlichem Zeugniss die natürlichen 
Blattern überstanden hat; 2) jeder Zögling einer öffentlichen Lehranstalt 
oder einer Privatschule, mit Ausnahme der Sonntags- und Abendschulen, 
innerhalb des Jahres, in welchem der Zögling das 12. Lebensjahr znrück- 
gelegt, sofern er nicht nach ärztlichem Zeugniss in den letzten 5 Jahren 
die natürlichen Blattern überstanden hat oder mit Erfolg geimpft worden 
ist.“ Es rückt demnach die Zeit heran, von welcher an auch die Wieder¬ 
impfungen gemäss Reichsgesetz Geimpfter ihren Anfang nehmen werden, 
und möchte ich im Hinblick darauf einen Umstand zum Schlüsse besprechen, 
welcher gegenüber dem §. 5 des Impfgesetzes in Betracht zu ziehen sein 

9* 


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132 Oberstabsarzt Dr. Frölich, Beitrag zur Wiederimpfung. 

dürfte. Dieser Paragraph lautet: „ Jeder Impfling muss frühestens am sechsten, 
spätestens am achten Tage nach der Impfung dem impfenden Arzte vorgestellt 
werden.“ Es ist nun die Wiederimpfung ein Eingriff, welcher, sofern er 
Erfolg hat, von Fieberbewegungen, ja selbst von geringem oder sogar 
mittelgradigem Fieber gefolgt ist. Die Eigenwfirmeerhöhung nimmt man 
häufig erst dann wahr, nachdem unmittelbar nach der Wiederimpfung eine 
wenige Zehntel, höchstens V 2 Proc. betragende Erniedrigung der bisherigen 
Eigenwärme eingetreten ist. Die entschiedene Temperaturerhöhung nimmt 
erst 3 Tage nach der Wiederimpfung ihren Anfang und zwar gestaltet sie 
sich beim ersten Anlaufe ziemlich beträchtlich, indem sie nicht selten 
ununterbrochen in dem Umfange von nahezu 1° sich erhebt. Der Höchst¬ 
stand der Eigenwärme tritt am Ende der ersten, oder am Anfänge der zweiten 
Woche ein und habe ich einmal 39*4° C. als Höchststand beobachtet. Das 
Höhestadium dauert nur Stunden; es fallt dann die Eigenwärme 6 Tage lang 
oft unter einmaligem Wegfalle der gewöhnlichen Abendsteigung und erreicht 
nun erst ihren früheren Normalstand. Diese Eigenwärme- oder Fieber¬ 
erscheinungen, wie ich sie bei 20jährigen Männern wahrgenommen habe, 
sind voraussetzlich bei einem 12 jährigen Kinde weit mehr zu beträchtlichen 
Schwankungen und Ausschreitungen geneigt, so dass die vorgeschriebene 
Vorstellung des Impflings gerade im Höhestadium der Fieberbewegung 
nicht ganz unbedenklich erscheint. Da es nnn meist sich nicht darum 
handeln wird, bei dieser Vorstellung von Wiedergeimpften abzuimpfen 
(indem nur einmal Geimpfte sicherer Lymphe in Aussicht stellen), sondern 
hauptsächlich darum, den Erfolg der Wiederimpfung festzustellen, und da 
ferner die örtlichen Zeichen der erfolgreichen Wiederimpfung schon am 
vierten Tage mit punktförmigen Stippchen beginnen, so möchte ich zum 
grösseren Schutze der Impflinge folgende Maassregeln für die Wieder¬ 
impfung empfehlen: 

1. Die Vorstellung des wiedergeimpften Impflings hat am fünften Tage 
nach der Wiederimpfung stattzufinden. 

2. Der mit Erfolg wiedergeimpfte Impfling ist vom fünften bis incl. 
elften Tage nach der Wiederimpfung vom Schulbesuche zu befreien. 

3. Ausnahmliche Abimpfungen vom wiedergeimpften Impfling (meist 
am siebenten Tage) sind in der Wohnung desselben vorzunehmen. 


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Mittheilungen aus dem kaiserlichen Gesundheitsamte. 


133 


Kritiken und Besprechungen. 


Mittheilungen aus dem kaiserlichen Gesundheitsamte. 

Herausgegeben von Dr. Struck, Geh.-Oberregierungsrathe, Director 
des kaiserl. Gesundheitsamtes. II. Band. Berlin 1884. A. Hirsch¬ 
wald, 499 Seiten. Mit dreizehn chromolithographischen Tafeln und 
dreizehn Holzschnitten (Schluss 1 ). 


Y. 

Dr.R.Koch, Dr. Gaffky und Dr.Löffler: Experimentelle Studien 
über die künstliche Abschwächung der Milzbrand¬ 
bacillen und Milzbrandinfection durch Fütterung. 

Diese Studien bilden die Fortsetzung und den vorläufigen Abschluss 
der Untersuchungen, welche über die Schutzimpfung gegen den Milzbrand 
mit künstlich abgeschwächtem Milzbrandmaterial im kaiserl. Gesundheits¬ 
amte angestellt wurden. Die Resultate, zu welchen die bereits im 1. Bande 
der Mittheilungen veröffentlichten Versuche geführt hatten, werden kurz 
wiedergegeben. 

Toussaint und nach ihm Pasteur hatten verschiedene Methoden 
zur Abschwächung des Milzbrandvirus angegeben. Mit dem nach Tous¬ 
saint zubereiteten Impfmaterial — das Blut eines an Milzbrand verende¬ 
ten Thieres wurde 10 Minuten hindurch auf 55° C. erwärmt, oder dasselbe 
erhielt einen Zusatz von einer bestimmten Menge Carbolsäure — konnte 
bei Mäusen, Meerschweinchen und Kaninchen eine Immunität nicht erzielt 
werden. Die früheren Versuche waren an grösseren Thieren, insbesondere 
an Hammeln, nicht angestellt. Das Pas teur’sehe Verfahren der Milzbrand- 
abschwächung, Cultiviren der Milzbrandbacillen in neutraler Hühnerbouillon 
zwischen 42° und 43° C., war einer experimentellen Nachprüfung noch nicht 
unterzogen worden. Die ersten Mittheilungen Pasteur’s mussten beson¬ 
ders desshalb mit Vorsicht aufgenommen werden, weil der von ihm ganz 
allgemein ausgesprochene Satz: Ein einmaliges Ueberstehen des Milzbran¬ 
des schützt gegen jede fernere Infection, durch die Erfahrung widerlegt 
wird, dass bei dem Menschen, bei dem Pferde und bei der Ratte nicht ein¬ 
mal durch die glücklich überstandene Einimpfung virulenter Milzbrand¬ 
bacillen Immunität erlangt wurde. 

Pasteur’s erfolgreiche Versuche, durch Impfung mit den nach seiner 
Methode abgeschwächten Milzbrandculturen Hammel gegen die Einimpfung 


*) Anfang siehe Bd. XVI, S. 589 dieser Vierteljahrsschrift. 


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134 


Kritiken und Besprechungen. 

virulenten Milzbrandes immun zu machen, veranlasste das Gesundheitsamt, 
diese Versuche an Schafen zu wiederholen. 

Es musste zunächst durch mühsame Vorversuche festgestellt werden, 
welches die Erkennungszeichen des abgeschwächten Milzbrandes sind, da 
Pasteur 1 s Angaben darüber als ungenau sich herausstellten. Zunächst 
ergaben diese Vorversuche die fundamentale Thatsache, dass ein virulenter 
Milzbrand durch ein Wachsthum zwischen 42° und 43° C. physiologisch 
unwirksam wird, ohne jedoch seine Wachsthumsfähigkeit einzubüssen; eine 
Rückkehr zur Virulenz findet nicht statt. Durch diesen ganz abgeschwächten 
Milzbrand konnten die Thiere indess nicht immun gemacht werden. Da¬ 
gegen gelang es, Milzbrand unvollkommen bis zu dem Grade abzu- 
schwächen, dass durch die Impfung Mäuse starben, Meerschweinchen ge¬ 
sund blieben. Aber so wenig Meerschweinchen wie Hammel konnten durch 
„Mäusemilzbrand“ (er entspricht dem ersten Vaccin Fastenr’s) immun ge¬ 
macht werden gegen virulenten Milzbrand. Inzwischen war es durch Mit¬ 
theilungen Thuillieris bekannt geworden, dass von Pasteur als zweiter 
Vaccin ein Milzbrand verwandt wurde, welcher zwölf Tage zwischen 42° 
und 43° C. gehalten war. Von den Impfversuchen mit diesem zweiten Vaccin 
sei nur kurz angeführt, dass von drei geimpften Hammeln einer an Milzbrand 
starb, ebenso vier Meerschweinchen von dreissig geimpften. 

Zwei Hammel überstanden die Impfung, blieben auch gesund nach 
Injectionen von Culturen eines sechstägigen Milzbrandes, welche bei drei von 
den restirenden sechsundzwanzig Meerschweinchen Tod an Milzbrand ver¬ 
ursachten. Nach einiger Zeit Probeimpfung der beiden Hammel und der 
übrig gebliebenen Meerschweinchen mit echtem Milzbrand: es starben 
sämmtliche Meerschweinchen und einer der vorgeimpften Hammel an typi¬ 
schem Milzbrand. 

Das gleiche Resultat ergaben die Impfungen mit von Pasteur be¬ 
zogenen Impfstoffen: Von sechs bereits dreimal vorgeimpften Hammeln starb 
einer nach Impfung mit virulentem Milzbrand. 

Auch durch die sorgfältigste Schutzimpfung lässt sich somit eine un¬ 
bedingte Immunität gegen den Impfmilzbrand nicht bei allen Hammeln 
erzielen. Welches ist nun die Ursache der Abschwächung? Nach der An¬ 
sicht Pasteur’s ist es der Sauerstoff der Luft, welcher die Abschwächung 
bewirkt, nach Ansicht der Verfasser ist es die Temperatur, welche als das 
hauptsächlichste abschwächende Moment angesehen werden muss. Geringe 
Temperaturschwankungen sind im Stande, erhebliche Differenzen hervor¬ 
zurufen in dem Verlaufe der Abschwächung. Je höher man geht in der 
Temperatur, um so schneller vollzieht sich die Abschwächung. Daher ist 
Toussaint's Verfahren im Grunde von dem Pasteur’schen Verfahren 
principiell nicht verschieden. Dennoch besteht eine Differenz. Die nach dem 
Toussaint 1 sehen Verfahren abgeschwächten Milzbrandbacillen erlangen 
in den Culturen ihre ursprüngliche Virulenz wieder, die nach Pasteur 
abgeschwächten bewahren jedoch die nach und nach erlangte Virulenz auch 
in späteren Generationen, ja sogar in ihren Dauerformen der Sporen. Je 
langsamer, also bei je niedrigerer Temperatur die Abschwächung stattge¬ 
funden hat, um so sicherer scheinen die physiologischen Varietäten ihre 
Eigenschaften zu bewahren. 


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Mittheilungen aus dem kaiserlichen Gesundheitsamte. 135 

Die Bedingungen, unter welchen eine Rückkehr zur Virulenz eintritt, 
bedürfen noch eines genaueren Studiums. Das wissenschaftliche Factum, 
dass Hammel durch Einimpfung von Culturen abgeschwächten Milzbrandes 
immun gemacht werden können gegen den Impfmilzbrand, war durch die 
Versuche der Verfasser bestätigt. Wie verhalten sich nun aber die geimpf¬ 
ten Thiere gegenüber der natürlichen Infection? Diese Frage ist für die 
praktische Verwertbbarkeit der Schutzimpfungen von der grössten Wichtig¬ 
keit. Pasteur hatte die Ansicht ausgesprochen, dass die natürliche In¬ 
fection der künstlichen, was die tödtliche Wirkung anlangt, nachstehe. Zur 
Entscheidung dieser Frage war es nothwendig, den Modus der natürlichen 
Infection zu studiren. Infection durch Stiche von lnsecten, welche auf 
Milzbrandcadavern Nahrung zu sich genommen haben, tritt ganz in den 
Hintergrund gegen die Infection vom Digestionstractus aus. Pasteur 
nahm an, dass auch der Futtermilzbrand (stachliges Material) eine Art 
Impfmilzbrand darstelle, dass die Infection erfolge von kleinen, durch das 
Futter erzeugten Verletzungen der ersten Wege. Viele Thatsachen sprachen 
inde8s dafür, dass der Darm die Eingangspforte des Milzbrandes darstelle. 

Erster Versuch: Ausgehöhlte Stücke frischer Kartoffeln mit sporenfreien 
Milzbrandbacterien gefüllt und mit Deckelscheibchen geschlossen wurden 
Hammeln auf die hintere Partie der Zunge geschoben und von den Thieren 
verschluckt. Die Thiere blieben trotz dreimaliger Fütterung gesund. Die 
Milzbrandbacillen gehen im Magen des Hammels zu Grunde, sind daher 
nicht im Stande, Darmmilzbrand zu erzeugen. 

Zweiter Versuch: Einführung erbsengrosser Dosen von Milzbrandsporen 
in der beschriebenen Weise. Fünf Hammel starben innerhalb zwei Tagen 
an Darmmilzbrand (ausführliche Sectionsberichte). Sporen passiren die 
Sphäre des sauren Magensaftes und wachsen in den alkalisch reagirenden 
Darmabschnitten zu Bacillen aus, dringen durch die unverletzte Schleim¬ 
haut des Darmtractus in die Gewebe ein und vermögen auf diese Weise 
eine schnell tödtliche Infection herbeizuführen. 

Es war nach diesem Versuche in höchstem Grade wahrscheinlich, dass 
bei dem natürlichen Milzbrände die Infection von Sporen mit dem Futter 
zu Stande kommt. 

Um den Modus der natürlichen Infection möglichst getreu nachzuahmen, 
wurde die Dosis der Sporen immer mehr verringert und auch alte Sporen 
zum Versuche verwendet. Auch nach Fütterung mit sehr geringen Sporen¬ 
mengenverendeten sämmtliche Hammel an unzweifelhaftem Darmmilzbrand; 
unter ihnen auch die früher mit Bacillen gefütterten. 

Das Facit der Fütterungsversuche ist noch einmal kurz zusammen- 
gefasst folgendes: Der natürliche Milzbrand entsteht durch eine Infection 
vom Darm aus durch kleine mit dem Futter aufgenommene Sporenmengen. 
Je grösser die Dosis der aufgenommenen Sporen, um so sicherer ist im ein¬ 
zelnen Falle die Wirkung. Grosse Dosen von Sporen inficiren nach Ein¬ 
führung per os vom Darm aus eben so sicher und schnell, wie Bacillen resp. 
Sporen nach Impfung in oder unter die Haut. Die Fütterung grosser Dosen 
von Milzbrandsporen ist somit das geeignete Mittel, um Thiere, welche 
gegen den Impftnilzbrand immun gemacht sind, auf ihre Immunität dem 
natürlichen Milzbrand gegenüber zu prüfen. 


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136 


Kritiken und Besprechungen. 

Thiere mit einfachem Magen (Hühner, Tauben, Meerschweinchen, Kanin¬ 
chen, Mäuse) wurden mit grossen Sporenmengen vielfach ohne Erfolg ge¬ 
füttert, in einigen wenigen Fällen konnte jedoch Infection constatirt wer¬ 
den. Zehn durch Schutzimpfung immun gemachte Hammel wurden endlich 
zur Prüfung auf ihr Verhalten gegenüber der Fütterung mit frischem Sporen¬ 
material verwandt. Dieselben hatten schon sämmtlich die Probeimpfung 
mit virulentem Milzbrand überstanden, also jedenfalls das Maximum der 
durch Schutzimpfung erreichbaren Immunität erreicht. Es starben zwei 
von den mit Pasteur*schein Impfstoff geimpften an Darmmilzbrand. 

Bei den Hammeln, welche die erste Fütterung überstanden hatten, 
wurde nach neun Monaten ein Fortbestehen der erlangten Immunität gegen 
den Fütterungsmilzbrand constatirt. 

Aus diesen Versuchen geht hervor, dass bei einer Anzahl von Thieren 
absolute Immunität erreicht werden kann: ob aber die Immunität schon 
nach der Impfung mit dem zweiten Vaccin eine derartige ist, dass die Thiere 
der Sporenfütterung widerstehen, muss mit Recht bezweifelt werden, da 
von fünf mit Pasteur’schein zweiten Impfstoff und später mit virulentem 
Milzbrand geimpften Hammeln zwei an typischem Darmmilzbrand erkrankt 
und gefallen sind. 

Die natürliche Infection steht, wie Pasteur annahm, der Impfung an 
Bösartigkeit nicht nur nicht nach, sondern übertrifft sie vielmehr nicht un¬ 
erheblich. Die Widerstandsfähigkeit der immunen Thiere gegen den Impf¬ 
milzbrand gestattet mithin durchaus noch keine bindenden Schlüsse auf die 
Widerstandsfähigkeit dieser Thiere gegenüber der natürlichen Infection. 

Das Ergebniss aller Versuche wird dahin zusammengefasst: Eine sichere 
Immunität gegen den Impfmilzbrand kann ohne erhebliche Verluste durch 
die Schutzimpfung nach dem Pasteur’sehen Verfahren nicht erreicht wer¬ 
den, auch hält diese mit Verlusten erkaufte Immunität dem natürlichen 
Milzbrand gegenüber nur unvollkommen Stand. Es ist somit die bisher 
geübte Schutzimpfungsmethode für die Praxis nur als ein höchst zweifel¬ 
hafter Gewinn zu bezeichnen, besonders wenn man erwägt, dass die der 
zweiten Schutzimpfung mit einem immerhin noch starken Virus erliegen¬ 
den Thiere Quellen neuer Infection und somit Ursache der Verbreitung der 
Krankheit zu werden, sehr wohl geeignet sind. 


VI. 

Ueber quantitative Bestimmungen der in der Luft ent¬ 
haltenen Mikroorganismen. Im kaiserlichen Gesundheitsamte 
bearbeitet vom Bezirksarzte Dr. Hesse in Schwarzenberg (Sachsen). 

Während die bisher verfolgten Methoden der Luftuntersuchungen hin¬ 
sichtlich des Gehaltes an Mikroorganismen als unvollkommen bezeichnet 
werden müssen, beschrieb Koch in den Mittheilungen aus dem kaiserlichen 
Gesundheitsamte Bd. I, S. 32 ff., eine Methode der Untersuchung der Luft 
mit Hülfe von Nährgelatine, welche frei von den Mängeln, die jenen an¬ 
haften, als grundlegend für alle späteren zu erachten ist. Indess lässt eine 
quantitative Bestimmung auch der von ihm benutzte Apparat nicht zu. Es 


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Mittheilungen aus dem kaiserlichen Gesundheitsamte. 137 

ist das Verdienst des Verfassers vorliegender Arbeit durch ein sehr sinn¬ 
reiches Verfahren diese Aufgabe gelöst zu haben. 

Seine Untersuchungsmethode besteht im Wesentlichen in der Durch¬ 
leitung von abgemessenen Luftmengen durch lange Glasröhren, deren Wan¬ 
dungen mit erstarrter Nährgalatine ausgekleidet sind. Der Luftstrom wird 
vermittelst eines Aspirators geregelt und zugleich gemessen. Aus der Zahl 
der auf der Gelatine auftretenden Kolonien und der Menge der angewandten 
Luft ergiebt sich ein genauer ziffernmässiger Ausdruck für den Gehalt der 
Luft an entwickelungsfähigen Keimen, natürlich nur solchen, welche mit 
dem Nährboden in Berührung kommen und unter den gegebenen Bedin¬ 
gungen gedeihen. Bezüglich der Beschreibung des Apparates (durch Zeich¬ 
nungen illu8trirt) und der Art seiner Anwendung verweise ich auf das 
Original und beschränke mich darauf, die Untersuchungsergebnisse mitzu- 
theilen, so weit sie hygienisches Interesse beanspruchen. 

Die im Freien angestellten Versuche ergaben, dass bei feuchter 
Witterung die Zahl der Keime ganz auffallend abnahm, und dass die zur 
Entwickelung gekommenen Kolonien überwiegend Pilze waren. 

In bewohnten Räumen wurde der «Keimgehalt der Luft grösser ge¬ 
funden als im Freien und diese Vermehrung war wesentlich durch Bac- 
terienkeime bedingt. Es tritt dieser Unterschied aber nur dann hervor, 
wenn die Luft im Untersuchungsraume in Bewegung gebracht wird. Lehr¬ 
reich waren in dieser Hinsicht die in einer Schule angestellten Versuche, 
um den Keimgehalt der Schulluft vor und während des Unterrichtes, sowie 
beim Weggange der Schüler zur Anschauung zu bringen. Hier war das 
Ergebniss, dass im ersten Versuche 6, im zweiten 40 und im dritten über 
80 Kolonien in je 2 Liter Luft zur Entwickelung gelangten. In einem Kuh- 
und Pferdestalle ergab die Luft einen grossen Keimgehalt (circa 120 Kolo¬ 
nien in 1 Liter Luft), in einem Hadersortirsaale beobachtete Verfasser eine so 
massenhafte Entwickelung von Bacterienkolonien auf der Gelatine, dass ihre 
Zahl (Tausende aus 1 Liter Luft) auch nicht annähernd festzustellen war. Die 
Versuche mit Bodenluft zeigen, dass es bei der gewählten Luftgeschwindig¬ 
keit und -menge nicht sicher gelungen ist, einem feuchten und einiger- 
maassen festen Boden Reime zu entreissen. Vergleichende Versuche in 
trockenem Boden wurden nicht angestellt; doch fühlt sich Verfasser zu dem 
Ausspruch berechtigt, dass, wenn Keime von dem Boden in die Luft ge¬ 
langen, diese nur von trockenem und lockerem Boden und von dessen Ober¬ 
fläche, höchstens aus geringer Tiefe, stammen können. 

Nach Durchleitung eines Luftstromes durch eine keimreiche Flüssigkeit 
gelangten auffallend wenige Keime in die Röhre. 

Aus den mit Baumaterialien angestellten Versuchen geht hervor, dass 
schon verhältnissmässig dünne Schichten derselben, selbst der durchlässig¬ 
sten, den Bacterien bei der angewandten Stärke des Luftstromes den Durch¬ 
tritt verwehren, woraus der Schluss zu ziehen ist, dass unsere Wände auf 
dem Wege dor Porenventilation Bacterien nicht zu durchdringen vermögen. 
Erklärt wird jene Erscheinung durch die bereits früher von Koch gemachte 
Beobachtung, dass die Bacterienkeime im Gegensatz zu den Keimen der 
Schimmelpilze nicht isolirt in der Luft enthalten sind, sondern an anderen 
Partikeln haftend oder zu grösseren Massen von Individuen vereinigt. 


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138 


Kritiken und Besprechungen. 

Iiifeciionsversuche wurden vom Verfasser mit den aus seinen Luft¬ 
untersuchungen gewonnenen Bacterienkolonien nicht ausgeführt, dennoch 
werden wir nicht zweifeln können, dass ein grösserer und mannigfaltigerer 
Keimgehalt grössere Gefahren für die Gesundheit birgt, weil erfahrungs- und 
naturgemäss die Erwerbung gewisser wohlbekannter Infectionskrankheiten, 
wie Tuberculose, mit dem Reichthum der Athemluft an Menschen und 
Thieren entstammenden Mikroorganismen gleichen Schritt hält (Dichtigkeit 
der Bevölkerung). 

Die vorstehenden Mittheilungen beruhen auf rund 200 Einzel¬ 
beobachtungen. Wir schulden dem Herrn Verfasser grösste Anerkennung 
für diese höchst mühsamen Arbeiten, die zweifellos, wie es sein im Schluss¬ 
wort ausgesprochener Wunsch ist, Erweiterung und Ergänzung finden, viel¬ 
leicht auch mit Erfolg auf bisher unberücksichtigt gebliebene Punkte 
(Malariagegenden, See, andere Zonen und Klimate) ausgedehnt werden 
können. 


VII. 

Dr. F. Hueppe: Untersuchungen über die Zersetzung der 
Milch durch Mikroorganismen. 

Ist die Gährung ein biologischer oder ist sie ein rein chemischer Pro- 
cess? Betheiligen sich bei dem Fermentvorgange Organismen, und welche 
sind es? Verhalten sie sich constant nach Art und Wirkung? 

Diese viel umstrittenen Fragen sind durch vorliegende Arbeit ihrer 
Lösung sehr wesentlich näher gebracht. Wir erhalten in derselben zunächst 
eine kritische Geschichte der Milchsäuregährung, werden darauf mit den vom 
Verfasser angewandten Untersuchungsmethoden und mit seinen Erfahrun¬ 
gen über das Sterilisiren der Milch bekannt gemacht, und finden in einem 
dritten Theile die Resultate zusammengestellt, welche die Untersuchungen 
des Verfassers über die wichtigsten der die Zersetzung der Milch veran¬ 
lassenden Mikroorganismen ergeben haben. 

Es ist die Untersuchungsmethode Koch’s (Nachweis der in Frage 
stehenden Organismen als constante Begleiter der Processe, ihre Isolirung, 
Reinzüchtung ausserhalb der ursprünglichen Medien und Erzeugung der 
fraglichen Umsetzungen durch Uebertragung dieser rein gezüchteten Orga¬ 
nismen auf passend zusammengesetzte Medien), welche auch für die Er¬ 
forschung der Gährungsvorgänge hier Anwendung fand, und die, wie be¬ 
kannt, als wichtigsten Vortheil die Benutzung des festen und zugleich 
durchsichtigen Nährbodens bietet. 

Wie die Reincultur in morphologischer Hinsicht als der einzig zu¬ 
lässige Ausgangspunkt gelten muss, so sind sicher sterilisirte Medien 
die unumgängliche Grundlage in chemischer Hinsicht. 

Die Lösung dieser Aufgabe ist zugleich eine Lösung der Frage nach 
einer praktischen Milchconservirung. Als das einzig sichere und den Ge¬ 
schmack nicht wesentlich alterirende Mittel zum Conserviren der Milch 
können allein die hohen Temperaturen gelten. Es fragt sich indess, ob die 
Milch beim Erwärmen chemische Veränderungen erleidet. 


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Mittheilungen aus dem kaiserlichen Gesundheitsamte. 139 

In dieser Richtung Angestellte Versuche ergaben, dass beim Erhitzen 
der Milch über 75° C. eine Ausscheidung ihres Serumeiweiss und eine Ver¬ 
zögerung der Labwirkung eintritt. Auch erfährt der Milchzucker durch 
hohe Temperaturen Zersetzungen. Weil man gefunden hatte, dass gekochte 
Kuhmilch durch Säuren und künstlichen Magensaft feinflockiger gefällt 
wird, so wurde daraus geschlossen, dass Kuhmilch durch das Kochen der 
an sich feiner gerinnenden Frauenmilch ähnlicher und dadurch zur Kinder- 
nahrung tauglicher wird. Indess ist die feinere Gerinnung der gekochten 
Kuhmilch nur scheinbar eine Annäherung derselben an die Frauenmilch. 
In Wirklichkeit machen die hohen Temperaturen die Kuhmilch der Frauen¬ 
milch noch unähnlicher, als sie schon an und für sich ist, und noch schwerer 
verdaulich. Demnach hält Verfasser eine Sterilisirung der Milch bei Temper 
raturen unter 7Ö°C. vom chemischen und physiologischen Standpunkte für 
die richtigste, kann Temperaturen bis zu 100° G. als zulässig erklären, muss 
sich jedoch (wegen zunehmender Unlöslichkeit des Gasems) gegen noch 
höhere Steigerung der Temperatur aussprechen. 

Die vollständige Sterilisirung unter 75° gelingt nur durch discontinuir- 
liches Erwärmen. Dies Verfahren dürfte für die praktische Milchconservirung 
indess kaum Anwendung Anden. 

Weil hei der Temperatur von circa 100° C. die chemischen Umsetzungen 
der Milch noch innerhalb der physiologisch zulässigen Grenzen liegen, und 
bei dieser Temperatur eine sichere Sterilisirung in relativ kurzer Zeit mög¬ 
lich ist, so wird sich für die Milchconservirung ein Verfahren empfehlen, 
bei welchem 100° nicht überschritten werden. 

Durch strömende Dämpfe von circa 100° C. kann die Milch sicherer und 
in erheblich kürzerer Zeit sterilisirt werden als hei derselben Temperatur 
im Wasserbade. 

Ich gehe zur Besprechung desTheiles der Untersuchungen über, welcher 
sich mit den in Frage stehenden Mikroorganismen beschäftigt. 

Untersucht wurden: die Organismen der Milchsäuregährung, die Bacillen 
der Buttersäuregährung, die Organismen der blauen Milch, einige andere 
pigmentbildende Bacterien, schleimige Milch aus Oidium lactis. 

In einer durch Reinculturen zur Säurebildung gebrachten Milch 
(wirkliche Milchsäuregährung) sieht man kurze dicke Zellen, ohne Bewegung 
resp. nur mit Molecularbewegung versehen und mit der Eigenschaft, Sporen 
zu bilden. Ihre Entwickelungsfähigkeit hört auf bei Temperaturen unter 
10°C. und über 45*5°C. DieseMilchsäurebacterien bilden aus Milch¬ 
zucker, Rohrzucker, Mannit und Dextrose Milchsäure und Kohlensäure; 
peptonisirende Eigenschaften entfalten sie nicht. 

Die Versuche, ein chemisches, milchsäurebildendes Ferment von den 
Bacterien zu isoliren, blieben resultatlos. Indess wird die Existenz von 
Enzymen in der Milch überhaupt nicht geleugnet. ImGegentheil sprechen 
für das Vorhandensein in derselben, welche als wirkliche Drüsenproducte 
aufgefasst werden müssen, besonders Angaben von Meissner, welcher ge¬ 
funden hatte, dass Ziegenmilch, auch wenn sie gegen Milchsäuregährung 
geschützt und ganz frei von Organismen ist, doch allmälig eine Ausscheidung 
des Caseins erfahrt, wie bei Zusatz von Lab, und dass diese Wirkung eines 
rein chemischen Ferments durch 70° aufgehoben wird. 


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140 


Kritiken und Besprechungen. 

Zum Zustandekommen der Milchsäuregährung ist Luftsauerstoff un¬ 
bedingt erforderlich. Aber schon eine geringe Menge des Gases reicht 
aus, um so viel Säurebildung hervorzurufen, dass es zur Gerinnung des 
Caseins kommt; jedoch wächst die Menge der gebildeten Säure proportional 
der Sauerstoffzufuhr. 

Ob die Buttersäurebacillen bei absoluter Abwesenheit von freiem 
resp. absorbirtem Sauerstoff überhaupt zu leben oder zu gähren vermögen 
(wie Pasteur annimmt), will Verfasser nicht a priori verneinen; sicher 
ist indess andererseits, dass sie bei einem ganz ausserordentlichen Minimum 
von Sauerstoff die Gährung ausüben resp. einleiten können. Sie bringen 
das Casein der Milch erst labähnlich zur Gerinnung, lösen das geronnene 
Albuminat und überführen es in Pepton und einige weitere Spaltungsproducte. 
Unter diesen tritt Ammoniak auf und ein mehr oder weniger ausgesprochener 
bitterer Geschmack macht sich bemerkbar. Die Milchsänrebacillen rufen 
in der Milch also alle die Erscheinungen hervor, welche nach Naegeli die 
durch Hitze alterirten, variirten Säurebacterien bewirken sollen. 

Untersuchungen über die Organismen der blauen Milch wurden mit 
Bterilisirten Medien bisher nicht angestellt, weil scheinbar der Umstand 
hinderlich war, dass länger als eine halbe Stunde gekochte Milch in der 
Regel nicht mehr blau wurde. Ausserdem arbeiteten die früheren Unter¬ 
sucher nicht mit Reinculturen. Die Organismen sind ausgesprochene Ba¬ 
cillen, die sich durch Theilung und Sporenbildung vermehren resp. erhalten. 
Impft man mit den reingezüchteten Bacillen rohe oder gekochte Milch, so 
treten ausnahmslos zunächst im Rahm, aber geknüpft an die Casein- 
bestandtheile blaue Flecken auf, um so intensiver und ausgedehnter, je lang¬ 
samer die Säurebildung vor sich geht. Aber die Säurebildung und die 
Bildung des blauen Farbstoffes sind Lebensäusserungen von zwei ver¬ 
schiedenen Organismen; die das blaue Pigment in der Milch bildendenBac- 
terien machen diese nicht sauer und bringen sie nicht zur Gerinnung. 
Fütterung8- und Impfversuche mit blauer Milch resp. mit Reinculturen 
Hessen keine Gesundheitsschädlichkeit erkennen. 

Geringeres allgemeines Interesse beanspruchen einige andere kurz be¬ 
handelte pigmentbildende Bacterien und die schleimige Milch. Aus den 
Untersuchungen über Oidium lactis hebe ich hervor, dass sterilisirte Milch 
mit Reinculturen dieses Pilzes geimpft flüssig bleibt, nicht sauer wird, son¬ 
dern allmälig eine schwach alkalische Reaction annimmt. Es darf daher 
Oidium lactis, wie es bisher vielfach geschehen, nicht als Milchsäureferment 
angesehen werden. Krankhafte Erscheinungen konnten auch durch Oidium 
lactis nicht hervorgerufen werden. 

Zum Schluss hebe ich wiederholt das Verdienst des Verfassers hervor, 
die Methode Koch’s auf Untersuchungen über Gährungsvorgänge zum 
ersten Male in Anwendung, gezogen und damit den exacten Beweis eines 
ursächlichen Zusammenhanges zwischen Zersetzung und Vorkommen der 
Mikroorganismen durch deren Reinzüchtung auf festem und durchsichtigem 
Nährboden erbracht zu haben. 

Dr. Libbertz (Frankfurt a. M.). 


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Sanitätsdienst b. d. deutschen Heeren im Kriege gegen Frankreich. 141 

Der Sanitätsdienst bei den deutschen Heeren im Kriege 
gegen Frankreich 1870 — 1871. Bd. I. Der Sanitätsbericht 
über die deutschen Heere im Kriege gegen Frankreich 1870—1871. 
Berlin, Mittler. 

Fast anderthalb Jahrzehnte hinter uns liegt die denkwürdige Zeit des 
grossen Krieges; die Wunden, welche er schlug, sind vernarbt; die Opfer 
desselben, wenn nicht vergessen, so doch in fernere Erinnerung gerückt. 
Auf den blutigen Wahlstätten wogen friedliche Kornfelder, nur hochragende 
Denkmäler erzählen uns noch von den hartnäckigen Ringkämpfen, von dem 
Stöhnen der Verwundeten, von den letzten Athemzügen der Sterbenden, 
welche dort im Kampfe für das Vaterland ihr Blut vergossen. 

Ein nicht minder hochragendes Denkmal ist das Werk, welches nach 
langer Bauzeit sich nun vor den Blicken der Ueberlebenden erhebt, auf¬ 
gerichtet zum Gedächtniss der Gebliebenen, zur Betrachtung und Belehrung 
für die Mit- und Nachwelt. Wenn auch das Vaterland in reichem Maasse 
die Früchte jener Opfer geerntet hat, so hat doch die wissenschaftliche 
Verwerthung der dadurch gewonnenen reichlichen Erfahrungen bisher 
nicht in ausgiebiger Weise stattfinden können, da den bezüglichen Ver¬ 
öffentlichungen nur ein beschränktes Material zu Grunde liegen konnte. 
Mit Spannung wurde daher das Werk erwartet, dessen erste Bände jetzt 
vorliegen. Es handelt sich um die officielle Veröffentlichung und Verwerthung 
des ungeheuren Materials, welches über den Sanitätsdienst und die medi- 
cinisch-chirurgischen Erfahrungen im Feldzuge 1870—1871 den deutschen 
Kriegsministerien zu Gebote stand. Die Bearbeitung desselben war wesent¬ 
lich dadurch verzögert worden, dass das betreffende Material zunächst zu 
organisatorischen Arbeiten benutzt werden musste, und die disponibeln 
Kräfte diesen wichtigen Aufgaben nicht entzogen werden durften; ferner 
dass den Bearbeitern der einzelnen Abschnitte das Actenmaterial nicht gleich¬ 
zeitig zur Verfügung gestellt werden konnte. Wie wir hören, wird nun¬ 
mehr der Veröffentlichung der ersten Bände in kurzen Zwischenräumen die 
der anderen nachfolgen. 

Das ganze Werk führt den bescheidenen Titel: 

Sanitätsbericht über die deutschen Heere im Kriege 
gegen Frankreich 1870—1871. Herausgegeben von der 
Militärmedizinalabtheilung des königl. preussischen Kriegsmini¬ 
steriums unter Mitwirkung der Militärmedizinalabtheilung des 
königl. bayerischen Kriegsministeriums, der königl. sächsischen 
Sanitätsdirection und der Militärmedizinalabtheilung des königl. 
württembergischen Kriegsministeriums, 
und ist auf fünf Theile in acht Bänden berechnet, welche sich folgender- 
maassen gliedern: 

I. Administrativer Theil: 

Sanitätsdienst bei den deutschen Heeren (Bd. 1). 

II. Statistischer Theil: 

Morbidität und Mortalität bei den deutschen Heeren nebst einer 
summarischen Uebersicht über die in deutschen Sanitätsanstal¬ 
ten behandelten Franzosen (Bd. II). 


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142 


Kritiken und Besprechungen. 


III. Chirurgischer Theil: 

A. Die Verwundungen durch Kriegs Waffen bei den deutschen 
Heeren unter Berücksichtigung der in deutschen Sanitätsanstal- 
ten behandelten verwundeten Franzosen (Bd. HI). 

B. Die physikalische Wirkung der Geschosse (mit besonderer 
Beziehung auf die im Kriege 1870 —1871 verwendeten Pro- 
jeetile), erläutert an den Präparaten der kriegschirurgischen 
Sammlung des medicinisch - chirurgischen Friedrich-Wilhelms- 
Instituts zu Berlin, nebst dem Katalog der Sammlung (Bd. IV). 

C. Casuistik der nach Verwundung durch Kriegswaffen auf Ver¬ 
bandplätzen oder in Lazarethen der deutschen Heere ausge¬ 
führten grösseren Operationen (Bd. V). 

IV. Medicinischer Theil: 

A. Die Seuchen bei den deutschen Heeren unter Berücksichtigung 
der entsprechenden Verhältnisse bei den französischen Armeen, 
bei den kriegsgefangenen Franzosen und bei der Civilbevölke- 
rung der kriegführenden Staaten (Bd. VI). 

B. Traumatische, idiopathische und nach Infectionskrankheiten beob¬ 
achtete Erkrankungen des Nervensystems bei den deutschen 
Heeren (Bd. VII). 

V. Bibliographie und Register (Bd. VIII). 

Bis jetzt sind erschienen der erste Theil (Bd. I) und B. des dritten 
Theiles (Bd. IV). Der uns hier in erster Linie interessirende erste Theil 
führt den Specialtitel: Der Sanitätsdienst bei den deutschen 
Heeren im Kriege gegen Frankreich 1870— 1871, und bildet 
einen voluminösen Band in Grossquart von XX und 432 Seiten Text, 
282 Seiten Beilagen nebst 64 lithographischen Tafeln, 18 Holzschnitten im 
Text, 13 Karten und 16 Kartenskizzen. Der Band besteht aus acht Capiteln. 

Das erste Capitel betrifft „Sanitätspersonal und Sanitäts¬ 
ausrüstung der deutschen Heere“ und bespricht in drei Abschnitten 
die Mobilmachung des Sanitätswesens und das Sanitätspersonal, das Sanitäts¬ 
material der Truppen und die mobilen Sanitätsformationen. 

Die Mobilmachung ging den Plänen entsprechend in der vorschrifts- 
mässigen Zeit ohne Schwierigkeit vor sich. Das Sanitätspersonal ressor- 
tirte von der Militärmedizinalabtheilung des Kriegsministenums, an deren 
Spitze der Generalstabsarzt der Armee Dr. Grimm stand. Jede Armee 
hatte einen Armeegeneralarzt (die DDr. Löffler, Böger und Schiele), 
jedes mobile Armeecorps einen Feldcorpsgeneralarzt, jede Division einen 
Divisionsarzt u. s. w. Bei der Generaletappeninspection jeder Armee fun- 
girte ein Etappcngeneralarzt mit der der Zahl der betreffenden Armeecorps 
entsprechenden Anzahl von Feldlazarethdirectoren. Die Zahl der bei den 
Armeen und Etappeninspectionen beschäftigten consultirenden Chirurgen 
war nicht etatsmässig festgestellt (sie betrug in Wirklichkeit 12, lauter 
hervorragende Capacitäten). 

An die Spitze des Sanitätswesens in den heimathlichen Corpsbezirken 
traten stellvertretende Generalärzte; für Berlin wurde eine specielle General- 
lazarethdirection eingesetzt. 


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Sanitätsdienst b. d. deutschen Heeren im Kriege gegen Frankreich. 143 

Der etatsmässige Gesammtbedarf an Aerzten belief sich bei der Armee 
des norddeutschen Bundes (excl. XII. [sächsisches] Armeecorps und 25. 
[hessische] Division) auf 3851. Von diesen Stellen wurden 3679 besetzt, 
und zwar 1156 durch active Militärärzte, 1363 durch Aerzte des Beurlaub¬ 
tenstandes, ausser Dienst, und der Ersatzreserve, der Rest durch Civilärzte 
und (347) Aerzte des Auslandes. Bei der mobilen Armee blieben 33, bei 
den anfangs immobilen Truppentheilen 139 Stellen vacant. Ausserdem 
wurden im Inland noch 1779 Civilärzte contractlich an Lazarethen etc. be¬ 
schäftigt. Die Chefarzte der Feldlazarethe und die ersten Stabsärzte der 
Sanitätsdetachements wurden grundsätzlich den activen Militärärzten ent¬ 
nommen. Bei den sächsischen, bayerischen, württembergischen, badischen 
und hessischen Contingenten wurde der Bedarf an Aerzten, soweit derselbe 
nicht durch die vorhandenen activen und beurlaubten Militärärzte gedeckt 
war, durch Engagement von Civilärzten auf Kriegsdauer sicher gestellt. 

Im zweiten Abschnitt: „Sanitätsmaterial der Truppen“ finden 
wir Beschreibung und Abbildung der Arznei- und Bandagentaschen, der Me- 
dicin- und Bandagenkasten, der älteren und neueren Medicinkarren und 
-Wagen und der Trag- und Fahrbahren, Ausrüstungsgegenstände, welche 
von den Truppen selbst mit ins Feld genommen wurden, und zwar der 
verschiedenen preussischen, sächsischen, bayerischen, württembergischen 
nnd badischen Modelle. 

Der dritte Abschnitt: „Mobile Sanitätsformationen“, schildert 
als „Formationen zur ersten Hülfe“ die Sanitätsdetachements vonPreus- 
sen, Sachsen und Baden, die bayerischen Sanitätscompagnieen und die würt¬ 
tembergischen Sanitätszüge, mit Abbildungen der entsprechenden Sanitäts¬ 
und Krankentransportwagen, ferner als „Formationen zur Behandlung und 
Pflege der Verwundeten und Kranken“ die Feldlazarethe (bayerische 
Aufhahmsspitäler) und das Lazarethreservepersonal (bayerische 
Hauptfeldspitäler), ebenfalls mit den entsprechenden Abbildungen. 

Jedes Armeecorps besass drei Sanitätsdetachements, von welchen jeder 
Division eines zngetheilt ist, während das dritte zur Disposition des com- 
mandirenden Generals bleibt. Feldlazarethe, jedes unter dem Commando 
eines Chefarztes stehend, kamen 12 auf jedes Armeecorps. 

Das Lazarethreservepersonal, ohne etatsmässige Ausrüstung, war zur 
Errichtung der stehenden Kriegs- und der Etappenlazarethe, resp. zur Ab¬ 
lösung der etablirt gewesenen Feldlazarethe bestimmt, und bezog sein Ma¬ 
terial theils von den abrückenden Feldlazarethen, grösstentheils aus dem 
Lazarethreservedepot (1 pro Armeecorps). 

Mit den Formationen der süddeutschen Staaten standen im Ganzen 52 
Sanitätsdetachements, 193 Feldlazarethe, 51 Sectionen Lazarethreserve¬ 
personal und 18 Lazarethreservedepots zur Verfügung. 

Ein Anhang berichtet über die Verluste des Sanitätspersonals. Wir 
entnehmen daraus, dass bei der mobilen Armee 11 Aerzte gefallen und 55 
an Krankheiten gestorben sind. 

Das zweite Capitel handelt vom Sanitätsdienst und hygie¬ 
nischen Maassnahmen bei den Truppen. 

1. Der Marschhygiene ward von Anfang an grosse Sorgfalt gewidmet, 
Wassertrinken auf dem Marsche gestattet und gefördert. Die namentlich 


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144 


Kritiken und Besprechungen. 

im Beginne des Feldzuges sehr zahlreichen Fusskranken yeranlassten die 
Errichtung von Sammelstationen und Marodencompagnieen, welche hie nnd 
da selbständige Verwendung fanden. In länger belegten Cantonnements wur¬ 
den durchweg Krankendepots für Leichtkranke (Revierstuben) eingerichtet, 
welche sich vielfach, namentlich bei Belagerungen und Cernirungen zu förm¬ 
lichen Cantonnementslazarethen ausbildeten und sehr wesentliche Dienste 
leisteten. Am schwierigsten war deren Aufgabe vor Metz wegen der dort 
herrschenden ungünstigen hygienischen Verhältnisse. 

Im Gefecht lag der Sanitätsdienst, soweit nicht bei grösseren Actionen 
Sanitätsdetachements und Feldlazarethe in Wirksamkeit traten, den Truppen¬ 
ärzten mit dem vorhandenen Personal (Lazarethgehülfen und Hülfskranken- 
träger, ein resp. vier per Compagnie) und Material ob. Demselben wurde 
theils durch Begleitung in die Gefechtslinie mit Besorgung des Verwundeten¬ 
transports auf Tragen, theils durch Errichtung von Nothverbandplätzen, 
auf welchen erste Verbände angelegt und unaufschiebbare Operationen ge¬ 
macht wurden, genügt. Auch die Weiterschaffung der Verwundeten in 
Feldlazarethe geschah, wo Sanitätsdetachements fehlten, durch die Truppen 
mittelst-requirirt er Wagen. 

2. Die Bekleidung und Ausrüstung der Truppen, welche durch Flanell¬ 
leibbinden und wollene Decken vermehrt wurde, hat sich im Allgemeinen 
gut bewährt. Nur die Fussbekleidung litt vielfach durch die starke Ab¬ 
nutzung ; langschäftige Stiefel erwiesen sich praktischer als kurze oder Schuhe. 

3. Die Ernährung der Truppen geschah theils auf dem Wege der Re¬ 
quisition, theils durch Magazine. Frisches Fleisch und Wein fehlten auf 
den Märschen selten; an Brot und Wasser trat manchmal Mangel ein; viel¬ 
fach wurde von den Truppen selbst Brot gebacken. Vor Metz und Paris er¬ 
folgte die Verpflegung meist aus Magazinen; dieselben lieferten neben frischem 
Rind- und Hammelfleisch, Speck, Brot und Zwieback auch Conserven, und 
zwar „Dauerfleisch“ (bis zur Coagulirung der oberflächlichen Schicht ge¬ 
dämpftes, getrocknetes und mit Salz und Pfeffer eingeriebenes Fleisch), 
Fleischextract, amerikanisches Büchsenfleisch und ungarischen Gulasch, 
ferner Erbswurst, von welcher 500 g nebst einer bis zwei Portionen Kaffee 
als Tagesportion galt. Diese Conserven bewährten sich im Ganzen gut und 
wurden gern gegessen; nur zu lange Darreichung einzelner ohne Abwechse¬ 
lung erzeugte Widerwillen und Magen-Darmkatarrhe. Reis, Hülsen fruchte, 
Mehl und Kaffee wurden gleichfalls geliefert, Kartoffeln undRothwein meist 
vorgefunden resp. requirirt. Wenn auch gelegentlich Störungen in der 
Verpflegung vorkamen und die Portionen verringert werden mussten, so ist 
doch eigentlicher Mangel kaum je eingetreten. 

4. Als direct gegen die Verbreitung von Krankheiten gerichtete Maass¬ 
nahmen sind die ausgedehnten Desinficirungen der Wohnungen, Höfe, Ab¬ 
orte, Kleider etc. anzusehen, welche namentlich in länger benutzten Can¬ 
tonnements (Metz, Paris) streng durchgeführt wurden. Ferner wurde der 
Prophylaxe gegen Infectionskrankheiten, Syphilis und Krätze besondere 
Aufmerksamkeit gewidmet. 

5. Eine grosse und wichtige Aufgabe zeigte sich in der Desinfection 
der Schlachtfelder. Konnte nach Lage der Verhältnisse die Beerdigung 
der Leichen und Verscharrung der Thierkadaver nur eine oberflächliche 


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Sanitätsdienst b. d. deutschen Heeren im Kriege gegen Frankreich. 145 

und flüchtige sein, so erwiesen sich auch die im Herbst 1870 theils officiell, 
theils von Vereinen und Privaten angestellten Versuche zur Desinfection 
gegenüber der Grösse der Aufgabe (bei Metz allein gegen 30 000 Menschen¬ 
leichen) als ungenügend. Erst im Frühling und Sommer 1871 konnten unter 
Mitwirkung der französischen und belgischen (Sedan) Regierung endgültige 
Arbeiten unternommen werden. Ort und Art der Bestattung sowohl, als 
die mitunter sehr grosse Zahl der gemeinsam Begrabenen, erschien vielfach 
gesundheitswidrig; so beherbergte z. B. ein Kolossalgrab bei Ste. Marie aux 
Chenes 2500 Leichen. Um Metz wurde vom April bis Ende Juli mit über 
1000 Mann (Pionniere und Arbeiter) täglich gearbeitet. Die Hauptarbeiten 
bestanden in Trockenlegung feuchter Gräber durch Ziehen von Gräben und 
Drainirungen, und in Errichtung von Erdhügeln, meist nach vorhergehen¬ 
der Desinfection. Die Hügel (Einzel- und Massengräber) erhielten eine 
Höhe von fünf Fuss, entsprechende Verbreiterung der Basis, wurden mit 
Rasen belegt und nächst der Umgebung besäet und bepflanzt. Exhumi- 
rungen wurden nur im Notlifalle (zum Zweck von Tieferlegung und in näch¬ 
ster Nähe von Wohnungen) und mit grosser Sorgfalt vorgenommen; die 
blossgelegten Leichentheile wurden mit Chlorkalk oder Desinfectionspulver 
(Mischung von Torferde, Gyps, Kohlenpulver und Carbolsäure) bedeckt, 
jede Leiche einzeln blossgelegt, auf ein Brett umgedreht und transhumirt. 
Auf dem Schlachtfelde von Sedan wurden seitens des Chemikers Creteur 
Leichenverbrennungen mittelst Steinkohlentheer und Petroleum vorgenom¬ 
men, angeblich mit günstigem Erfolge, welcher aber durch deutscherseits 
vorgenommene Versuche nicht bestätigt werden konnte. Der Erfolg der 
erwähnten Arbeiten war der, dass die befürchteten Epidemieen ausblieben. 

Das dritte Capitel ist der Thätigkeit der Sanitätsdetache¬ 
ments, der Feld-, Kriegs- und Etappenlazarethe gewidmet. 

Dieser umfangreiche und interessante Abschnitt bespricht an der Hand 
des Generalstabswerkes die in 11 grösseren Schlachten resp. Feldzugsperio¬ 
den stattgehabte Thätigkeit der genannten Sanitätsformationen im Einzel¬ 
nen. Wir müssen hier leider auf Detailschilderungen verzichten und den 
Leser auf das Original verweisen, und erwähnen nur als Beispiel, dass in 
der Schlacht bei Gravelotte bei einem Gesammtverlust von 20 173 Mann 
20 Sanitätsdetachements und 24 Feldlazarethe im Wirksamkeit traten, und 
auf jeden Arzt dieser Formationen 78 deutsche Verwundete kamen. Als 
werthvolle Beilagen (59 bis 63) finden wir zeitlich und nach Armeecorps 
geordnete Uebersichten der Thätigkeit sämmtlicher Sanitätsdetachements, 
Feldlazarethe und des Lazarethreservepersonals, sowie eine nach Etabli- 
rungsorten (alphabetisch) geordnete Uebersicht der beiden letzteren Forma¬ 
tionen. Dieses Capitel ist mit acht grösseren Karten und 16 Kartenskizzen 
ausgestattet, aus welchen die Truppenstellungen und die Thätigkeit der 
Sanitätseinrichtungen ersehen werden kann. 

Viertes Capitel: Krankenzerstreuung. 

Das Princip der Kranken Zerstreuung ist noch nie in so grossartiger 
und planvoller Weise durchgeführt worden, als in diesem Feldzuge. Schon 
während des Aufmarsches der Armeen dienten neben den anderen, vielfach 
anderweit occupirten Verbindungen die Wasserstrassen des Rheins und der 
Mosel diesem Zweck. Auf dem Rheine wurden auf 16 Dampfschiffen, meist 

Vierteljahnschrift für Gesundheitspflege, 1885. IQ 


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146 


Kritiken und Besprechungen. 

von Mainz oder Bingen aus, und grösstentheils nach Düsseldorf in der 
Zeit vom 27. Juli bis 28. September 1870 in 94 Fahrten 8262 Verwundete 
und 2421 Kranke befördert. Die Wasserfahrt wurde sehr gut ertragen; 
für genügende Ventilation auch der inneren Schiffsräume war Sorge ge¬ 
tragen worden. 

Im Beginne des Feldzuges brachte die Ueberlastung des Hauptetappen¬ 
ortes Mannheim nach den ersten Schlachten mancherlei Stockung und Un¬ 
ordnung in den geregelten Gang der Evacuation; späterhin traten geord¬ 
netere Verhältnisse ein. Ebenso fand an der Verladestation Remilly nach 
den Schlachten bei Metz starke Ueberfüllung mit Kranken und Verwunde¬ 
ten statt, da die eine vorhandene Bahnlinie den Transport kaum bewältigen 
konnte. Es resultirten daraus erhebliche Missstände, welche aber bei der 
enormen Anzahl der Verwundeten aus drei grossen Schlachten (über 33 000 
Mann) schwer vermieden werden konnten, da die disponibeln Ortschaften 
absolut nicht die genügenden Unterkunftsräume boten, und desshalb, sowie 
aus Rücksicht auf die Gesundheitsverhältnisse der Truppen, grössere Eva- 
cuationen unbedingt nothwendig erschienen; mit Freiwerden der Bahn 
Pont-ä-Mousson-Weissenburg wurde die Lage günstiger. 

Weiterhin gestaltete sich Nancy durch Beine günstige hygienische Lage 
und als Eisenbahnknotenpunkt zu einem Hauptsammelplatz für Kranke und 
Verwundete aus Norden, Westen und Süden. Es passirten dort vom 23. August 
1870 bis 5. Mai 1871 144 896 Mann, exclusive der in die Lazarethe der 
Stadt aufgenommenen. Am Bahnhofe und bei Bonsecours in der Nähe von 
Nancy entstanden grosse Barackenlazarethe, in der Stadt selbst waren 13 
Kriegslazarethe etablirt. Das Bahnhofbaracken-Etappenlazareth nahm von 
August 1870 bis Juli 1871 theils zu längerem Aufenthalt, theils als Pas¬ 
santen 152 797 Mann auf. 

Vom September an traten zur besseren Bewältigung der schweren Auf¬ 
gabe eigene Evacuationscommissionen in Thätigkeit, und zwar in 
Weissenburg, Saarbrücken, Aachen, und später in Epernay; gleichzeitig 
functionirten nun eigene Lazareth- und Sanitätszüge, so dass von da an die 
Evacuation in geordneterWeise vor sich ging. Die Commission in Weissen¬ 
burg beförderte bis April rund 147 000, die in Saarbrücken-Forbach 54 000 
Kranke und Verwundete. Die Commission in Aachen nahm die von Sedan 
über Belgien beförderten Verwundeten und Kranken in Empfang und be¬ 
sorgte deren Weiterbeförderung (circa 6500 Mann). 

Beim Vormarsch auf Paris vermehrte sich die Zahl der Bahn- und 
Landetappenlinien, längs deren sich überall zahlreiche Etappenlazarethe 
befanden. Epernay-Rheims und Chateau-Thierry wurden nun die Haupt- 
evacuationscentren; als der Front näher gelegene Sammelpunkte dienten 
Meaux und Lagny. 

Die Gesammtzahl der vom Kriegsschauplätze nach der Heimath Beför¬ 
derten beläuft sich auf etwa 250 000 Mann. Im Ganzen sind vom 1. August 
1870 bis 30. Juni 1871 von der mobilen Armee 468 687 Kranke und 
92 164 Verwundete, zusammen 560 851 Mann, in Lazarethe aufgenommen 
worden; mithin wurden 44*6 Proc. derselben in Lazarethe des Inlandes 
transportirt. Es wurde so die Anhäufung von Kranken und Verwundeten auf 
dem Kriegsschauplätze vermieden, dem Ausbruch von Epidemieen dadurch 


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Sanitätsdienst b. d. deutschen Heeren im Kriege gegen Frankreich. 147 

vorgebeugt, und namentlich wurden durch die Entlastung der Feldlazarethe 
diese wieder befähigt, bei erneuten Actionen einzugreifen, so dass es im 
Augenblicke des Bedarfs nie an der nöthigen Hülfe gefehlt hat. 

Durch vier Karten werden die Wege dargelegt, welche die Kranken¬ 
zerstreuung genommen hat. 

Das Hauptmittel zur Ermöglichung dieser umfangreichen Evacuation 
bildeten die im 

Fünften Capitel speciell besprochenen Sanitätszüge. Vor¬ 
bereitet waren Waggons zur Krankenbeförderung nur in Preussen und 
Württemberg; es waren dies durchgängig Güterwagen mit Stirnperrons, in 
welchen Tragen an Gummiringen aufgehängt werden konnten. Drei der¬ 
artige Züge, in Hannover ausgerüstet, gingen im August nach dem Kriegs¬ 
schauplätze ab, wurden aber dort zerstreut; aus diesen Wagen wurden 
dann später in Weissenburg drei LazarethzQge zusammengestellt. Sodann 
wurden in Saarbrücken zwei Güterzüge durch auf Federn gestellte Tragen 
zu Lazarethzügen eingerichtet; diese Züge fanden aber nicht geschlossen 
Verwendung. Ebenso traten noch im August vier bayerische und dreiwürt- 
tembergische Spitalzüge in Wirksamkeit. Vom November ab wurden zehn 
preussische „Sanitätszüge“, mit fester geschlossener Organisation, in Dienst 
gestellt. Ausserdem kamen noch ein badischer, ein sächsischer und neun 
Sanitätszüge der freiwilligen Krankenpflege (aus Frankfurt, Köln , Berlin, 
Mainz, Hamburg, Hattingen, der Rheinpfalz und zwei des Herrn v. Hö- 
nika) zur Verwendung; im Ganzen sind somit 36 derartige Züge auf¬ 
gestellt worden. Dieselben bildeten durchweg selbständige, mit dem nöthi¬ 
gen Personal und Material ausgestattete fahrende Lazarethe, unterschieden 
sich aber mehrfach in Zusammenstellung und Ausrüstung. So waren die 
bayerischen, württembergischen, der badische und der Kölner Zug zugleich 
mit Wagen für sitzende Leichtkranke und -Verwundete versehen, während 
die übrigen nur zum Transport Liegender bestimmt waren. Die meisten 
Züge bestanden aus 20 Krankenwagen, wozu Küchen-, Depot-, Verwaltungs-, 
Arzt-, Brennmaterial- und Gepäckwagen kamen. Die prenssischen Sanitäts¬ 
züge bestanden aus 28 Wagen mit 200 Lagerstellen; ein bayerischer Zug 
konnte 224 sitzende und 60 liegende Kranke befördern, ein württembergi- 
scher 128 liegende und 120 sitzende. Bei 19 Zügen bestand durchgängige 
Communication der Wagen, neun waren nach dem Einzelwagensystem, und 
sieben mit gemischtem System eingerichtet. 

Die Rangirung der Wagen war fast durchweg derartig, dass sich die 
Verwaltungs-, Arzt- etc. Wagen in der Mitte des Zuges befanden, je eine 
Hälfte der Krankenwagen davor und dahinter, und ein Gepäck - oder Vor¬ 
rathswagen den Zug eröffn ete und schloss. 

Verschieden gestaltete sich die innere Einrichtung; in den Kranken¬ 
wagen der prenssischen Sanitätszüge I bis IX wurden Feldtragen verwen¬ 
det; über deren Enden gezogene Lederschlaufen ruhten in starken, an Haken 
der Wagenstiele aufgehängten Gummiringen, welche später durch Evoluten¬ 
federn ersetzt wurden. Die Heizung geschah durch Oefen, die Ventilation 
durch Schieber und laternartige Dunstabzüge. Die Tragen des zehnten (han¬ 
noverschen) Sanitätszuges hingen in Tauen, welche an stählernen Federn an 
der Decke befestigt waren, ein System, welches sich wenig bewährte. 

10 * 


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148 Kritiken und Besprechungen. 

In den bayerischen Wagen standen fünf Feldbetten auf am Boden be¬ 
festigten (Grund’sehen) Blattfedern; die Heizung erfolgte anfangs durch 
Meidinger’sche Füllöfen, später durch Dampf. 

In dem Pfälzer Zuge hingen die vier oberen Tragen in Hanfgurten, 
während die vier unteren auf Polsterkissen auf dem Boden ruhten; ähnlich 
waren die württembergischen Wagen eingerichtet, nur enthielten sie 16 Tragen. 

In dem sächsischen Zuge hingen die oberen Tragen in Gummiringen 
an der Decke, die unteren lagen auf in Gummiringen hängenden Quer¬ 
bäumen; Aus - und Einladung war durch letztere erschwert. Der badische 
Zug war theils mit Tragen, theils mit Betten versehen. 

Für den Hamburger Zug wurde das Material in Güterwagen auf den 
Kiegsschauplatz gebracht, und der Zug erst dort zusammen gestellt. Bei 
demselben war eine neue, seitdem als „Hamburger System 44 bekannt ge¬ 
wordene Befestigungsart der Tragen in Anwendung gebracht, indem je zwei 
über einander hängende Tragen mittelst „Teufelsklauen 44 (schmiedeeiserne 
Zangen, deren untere Schenkel Ringe tragen, in welche ein in einen Haken 
endender Federapparat eingefügt ist) an den Deckbalken befestigt sind. 
Durch die Belastung der Tragen schliessen sich die Zangen um so fester; 
gegen Seitenschwankungen schützen seitliche Befestigungen der Tragen an 
den Wänden durch Gummiringe. Dies System hat sich vorzüglich bewährt 
und hat desshalb auch in die Kriegssanitätsordnung vom 10. Januar 1878 
Aufnahme gefunden. — Die anderen Züge schlossen sich mit geringen Ab¬ 
weichungen meist den Einrichtungen der preussischen Sanitätszüge an. 

Auf die Einrichtungen der anderen Wagen, das Personal, den Dienst¬ 
betrieb, die Beköstigung u. s. w. gehen wir hier nicht näher ein, und müs¬ 
sen auch Betreffs der Thätigkeit der einzelnen Züge auf das Original und 
die betreffenden Beilagen (73 bis 87) verweisen. 

Im Ganzen sind von 30 Zügen in 176 Fahrten 38 725 Mann befördert 
worden (von den fünf ersten preussischen und dem Hattinger Zuge lie¬ 
gen keine Zahlenangaben vor). Die meisten (21), aber auch kürzesten 
Fahrten, machte der badische Sanitätszug. 

Alle einschlägigen Constrnctionen etc. sind durch zehn Tafeln und sechs 
Abbildungen im Text genauer erläutert. 

Sechstes Capitel: Lazarethe des Inlandes. In Preussen 
waren dieselben theils staatliche immobile Lazarethanstalten — Reserve- 
lazarethe zur Aufnahme von Kranken der mobilen Armee — Garaisonlaza- 
rethe, für Kranke der immobilen Heerestheile — Belagerungslazarethe, in 
Festungen — und Kriegsgefangenenlazarethe, Hülfslazarethe der letzt¬ 
genannten oder „Depotlazarethe 44 in Gefangenendepots — theils Lazareth- 
und Pflegeanstalten der freiwilligen Krankenpflege — Vereins- und 
Privatlazarethe. 

Behufs Errichtung von Lazarethen wurde auf gesunde Lage und gute 
Eisenbahn- oder Wasserverbindung gesehen, als Gebäude Krankenhäuser, 
Casernen, Exercierhäuser, Reitbahnen u. dergl., ferner Schützenhäuser, Turn¬ 
hallen, grössere Privatgebäude bevorzugt, Kirchen und Schulen nur im Noth- 
falle benutzt; ausserdem wurden Barackenlazarethe errichtet. 

In den süddeutschen Staaten waren die beiden Kategorieen nicht durch¬ 
weg streng getrennt, da vielfach der Staat die Gebäude und die Verpflegungs- 


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Sanitätsdienst b. d. deutschen Heeren im Kriege gegen Frankreich. 149 

kosten lieferte, während Behandlung, Pflege und Verköstigung von der frei¬ 
willigen Krankenpflege gestellt wurden. 

Von staatlichen Lazarethen standen in Preussen am 12. August 1870 
schon an 74 Orten 22 408, zur Zeit des grössten Bedarfs an 204 Orten 
60 731 Lagerstellen zur Verfügung. Die Zahl erhöht sich durch die Garnison- 
und Festungslazarethe etc. auf 96 805, und mit Sachsen (6645), Bayern 
(13 345), Württemberg (3611) und Baden (5086) auf die stattliche Gesammt- 
summe von 125 542 Betten in den staatlichen Lazarethen Deutschlands. 
Dazu kommen noch 23 088 Lagerstellen in Kriegsgefangenenlazarethen an 
70 Orten. In denselben sind 425 810 Deutsche (circa 250 000 der mobilen 
und 175 810 der immobilen Armee) und 176 472 Franzosen, zusammen 
602 282 Mann verpflegt worden. 

Siebentes Capitel. Eine besonders umfangreiche und detaillirte 
Schilderung findet die in diesem Feldzuge zum ersten Mal in grossem Maass¬ 
stabe durchgeführte Behandlung in Zelten und Baracken. Die einzelnen 
Etablissements sind nach Situation und Construction genau geschildert und 
durch Abbildungen erläutert. Wir entnehmen diesem Abschnitt, dass bei 
Feld-, Kriegs- und Etappenlazarethen, sowie bei Lazarethen der freiwilligen 
Krankenpflege, auf dem Kriegsschauplatz im Ganzen 88 Zelte mit 681 Lager¬ 
stellen und 94 Baracken mit 4122 Lagerstellen Verwendung fanden. 

Im Inlande kamen bei Reservelazarethen 175 Zelte mit circa 2000, bei 
Vereinslazarethen 93 Zelte mit 855 Lagerstellen in Gebrauch. Ausschliess¬ 
liche Zeltlazarethe bestanden 3, 1 bei Bingen, 2 in Köln. 

Die Verwendung von Baracken im Inlandewareine weit umfangreichere. 
Es sind im Ganzen an 84 Orten bei 114 Garnison-, Reserve-, Vereins- und 
Privatlazarethen 459 eigentliche Krankenbaracken mit 12 722 Lagerstellen 
errichtet worden; ausserdem bei 10 Etappenlazarethen 17 Krankenbaracken 
mit circa 1100 Lagerstellen; ferner bei Kriegsgefangenenlazarethen 130 
Baracken mit 7073 Lagerstellen; zusammen also 646 Baracken mit 20 895 
Betten. Dazu kommen noch die administrativen Zwecken dienenden Laza- 
rethbaracken, sowie eine grosse Anzahl barackenartiger oder barackenartig 
aptirter Unterkunftsräume, wie Schiess-, Turn- und Industriehallen, Reit- 
bahifen, Exercierschuppen, Kegelbahnen, Trainremisen, Mannschaftsbaracken 
n. dergl. Grössere Barackenlazarethe bestanden in Berlin (50 Baracken), in 
Frankfurt a.M. (30, 14 u. 7 Baracken), in Gmünd (25 Baracken), in Hamburg- 
Altona (29 Baracken), in Hannover (20 Baracken), in Wesel (15 Baracken), 
in Leipzig und Ludwigsburg (je 12 Baracken), in Darmstadt (11 und 9 
Baracken), in Mannheim und Saarbrücken (je 10 Baracken), in Kassel 
(8 Baracken) und in Karlsruhe (6 Baracken); ferner bei Gefangenendepots 
in Ulm (18 Baracken), in Koblenz (15 und 14 Baracken), in Wesel (15 und 
7 Baracken), in Minden (13 Baracken), bei Glogau (12 Baracken). 

Dieser Abschnitt erscheint sehr reich illustrirt durch 1 Karte, 31 Tafeln 
mit zusammen 142 Abbildungen und 6 Abbildungen im Text. Die Tafeln sind 
zum grossen Theil einem Manuscript des verstorbenen Dr. med. Friedleben 
in Frankfurt a. M. entnommen. 

Das achte und letzte Capitel dieses Bandes handelt von der frei¬ 
willigen Krankenpflege, deren Leistungen in den vorigen Capiteln schon 
vielfach berührt worden sind. 


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150 


Kritiken und Besprechungen. 

Der erste Abschnitt bespricht die Entstehung, Berechtigung und histo¬ 
rische Entwickelung der freiwilligen Krankenpflege überhaupt und speciell 
in Deutschland, und gipfelt im Hinweis auf die nun mehr auch allgemein 
anerkannte Nothwendigkeit der Centralisation und Einfügung derselben in 
den staatlichen Rahmen. 

Der zweite Abschnitt schildert die Thätigkeit der deutschen frei¬ 
willigen Krankenpflege im Kriege 1870— 1871. Bei Ausbruch desselben 
trat in Berlin das Centralcomite der deutschen Hülfsvereine, 
bestehend aus Delegirten der Landesvereine, zusammen und verblieb dort 
in Permanenz; demselben ordneten sich allmälig fast alle einzelnen Vereine 
unter, so dass es zur Zeit des Friedensschlusses 25 Landes- , 25 Provinzial- 
und 1987 Zweigvereine mit zusammen etwa 255 000 Mitgliedern vertrat. 
Zum königlichen Commissar und Militär in spe cteur der frei¬ 
willigen Krankenpflege wurde der Fürst von Pless ernannt. Ihm 
unterstanden die Delegirten im Inlande, welche zugleich als Delegirte 
des Centralcomites fungirten und die Thätigkeit der Vereine leiteten; ferner 
die den Hauptquartieren der Höchsteommandirenden attachirten Armee- 
delegirten (meist Johanniterritter), welche die Bedürfnisse auf dem Kriegs¬ 
schauplatz festzustellen, und ihre Requisitionen an die, den Generaletappen- 
inspectionen beigegebenen Generaletappendelegirten, eventuell an 
die Provinzial- und Landesdelegirten, zu richten hatten. 

In Aussicht genommen war einerseits Bereitstellung von Personal, 
Pfleger und Pflegerinnen, wozu namentlich die Diakonenanstalten, die evan¬ 
gelischen und katholischen Krankenpflegeorden, die Frauen vereine, ferner 
in grossem Umfange die studentischen Kreise, Turner, Schützen, Feuerwehr 
und sonstige Verbindungen beitrugen; andererseits Lieferung von Material, 
und zwar Lagerungs-, Bekleidungs- und Verbandgegenstände, Instrumente 
und Arzneien, Nahrungs- und Genussmittel, und sonstige Lazarethbedürf- 
nisse und Utensilien. Dieselben waren in Vereinshauptdepots (für die 
I. Armee Koblenz, für die II. Mainz, für die III. Mannheim) zu sammeln, 
welchen zur Completirung der Bestände je eine Anzahl Vereinsreserve¬ 
depots, eventuell das deutsche Centraldepot in Berlin zur Verfügung 
standen. Beim Vorrücken der Armeen schoben die Hauptdepots auf den Eisen¬ 
bahnlinien Zweigdepots vor, und rückten später selbst auf den Kriegs¬ 
schauplatz, wo allmälig 8 Hauptdepots und 64 Reservedepots errichtet wurden. 

Diese Organisation entfaltete denn auch eine entsprechend bedeutende 
Wirksamkeit. Dieselbe gliederte sich folgendermaassen: 

A. Auf dem Kriegsschauplatz. Zu Hülfsleistungen auf den Schlacht¬ 
feldern kam nur ein Theil der zu diesem Zweck ausgerüsteten, als „Sani¬ 
tätscorps, Hülfscorps, Krankenträger, Nothhelfer“ bezeichneten Corporationen. 
Dieselben leisteten beim Verwundetentransport aus dem Gefecht, Absuchung 
der Schlachtfelder, und erste Hülfsleistung durch Labung, Verband und ärzt¬ 
lichen Beistand wesentliche Dienste. Andere etablirten sich als eine Art 
freiwilliger Feldlazarethe, so das Breslauer Corps unter Prof. Fischer in 
Forbach und Neunkirchen, die Grolman’sche Colonne in Donchery, ein 
Frankfurter Corps in Etampes; das grösste Lazareth der freiwilligen Kranken¬ 
pflege auf dem Kriegsschauplatz bestand in Weissenburg unter Prof. Bill- 
roth. 


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Sanitätsdienst b. d. deutschen Heeren im Kriege gegen Frankreich. 151 

Die Feld- und Kriegslazarethe wurden in reichem Maasse mit Personal 
und Material versorgt. Für Erquickungs- und Genussmittel ausschliesslich, 
vielfach aber auch für Verbandmaterial, Arzneien u. dergl. waren die Laza- 
rethe auf die Depots der freiwilligen Pflege angewiesen. 

Eine sehr wichtige Rolle spielte die freiwillige Krankenpflege bei dem 
Evacuationsdienst, sowohl durch Einrichtung und Begleitung von Sanitäts¬ 
zügen, als durch Errichtung von Erfrischungs- und Verbandstationen an 
den Linien. Ebenso wirkte sie durch Desinfection der Schlachtfelder an 
der Prophylaxe mit. Die vielfach stattgehabte, oft eigenmächtig durch¬ 
geführte Versorgung der Truppen mit Kleidung, Nahrungs- und Genuss¬ 
mitteln lag eigentlich ausserhalb ihrer Aufgabe. Dagegen wirkte sie 
vielfach segensreich durch Führung der Correspondenz der Kranken und 
Unterstützung der Seelsorge. 

B. Im Inlande erstreckte sich die Wirksamkeit der freiwilligen 
Krankenpflege auf Errichtung von Bahnhofstationen zur Verabreichung von 
Speisen und Getränk, Decken und Kleidung, Erneuerung der Verbände 
u. dergl. für die durchpassirenden Kranken und Verwundeten; ferner auf 
Unterstützung der Reservelazarethe, theils durch Uebernahme von Ver¬ 
waltungszweigen in staatlichen Lazarethen, theils durch Errichtung eigener 
Vereins- oder Privatlazarethe, theils durch Uebernahme von Reconvale- 
scenten in Privatpflege. So waren z. B. allein in Berlin 26 wohleingerich¬ 
tete Vereins- und Privatlazarethe mit über 2000 Betten. 

Gegen Ende des Krieges bestanden in Deutschland gegen 1500 Vereins¬ 
und Privatlazarethe mit circa 33 000 Lagerstellen, in welchen etwa 70 000 
Deutsche und 1200 Franzosen Aufnahme und Verpflegung gefunden haben. 
Der für dieselben seitens der Vereine gemachte Aufwand an Baarmitteln 
wird auf über 6 Millionen Mark angegeben. 

Eine weitere Thätigkeit der freiwilligen Pflege bestand in der Nach¬ 
richtenvermittelung, besonders durch das Centralnachweisebureau in Berlin, 
welches namentlich auch Nachrichten über in Feindesland gebliebene Ver¬ 
wundete und Gefangene lieferte; endlich in Beihülfen an Reconvalescenten, 
Invalide, Hinterbliebene u. s. w., besonders durch Ermöglichung von Bade- 
und klimatischen Curen und durch Beschaffung künstlicher Glieder. 

Der Schlussbetrachtung entnehmen wir, dass bei dem Centralcomite 
und den mit ihm verbundenen Vereinen über 30 Millionen Mark aus 
Deutschland und 8 Millionen Mark aus dem Auslande eingelaufen sind. 
Verausgabt wurden über 34 Millionen Mark. Der Werth der eingegangenen 
und verausgabten Naturalgaben wird auf über 15 Millionen Mark veran¬ 
schlagt; die Stärke des zur Verwendung gekommenen freiwilligen Personals 
betrug über 30 000 Köpfe. 

Der dritte Abschnitt handelt zunächst von der Entwickelung der inter¬ 
nationalen freiwilligen Krankenpflege, welche, auf dem Gedanken fassend, dass 
der verwundete Feind kein Feind mehr sei, zwar schon früher vielfach ange¬ 
regt und auch angewandt wurde, aber erst durch die Genfer Convention einen 
festen, auf völkerrechtlicher Grundlage ruhenden Ausdruck fand; neu erschien 
in derselben namentlich die Idee der allgemeinen Neutralisation des Sanitäts¬ 
personals und -Materials im Kriege. Die freiwillige Krankenpflege ist im 
Wortlaut der Convention nicht mit inbegriffen, wurde aber als durch Ein- 


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152 


Kritiken und Besprechungen. 

fügung in den staatlichen Organismus mit unter deren Schutz stehend all¬ 
seitig stillschweigend anerkannt. 

Von deutscher Seite wurde der internationalen Krankenpflege durch 
Fürsorge für die französischen Kranken und Verwundeten und Vermittelung 
der Communication derselben mit ihrer Heimath, durch Gaben an die noth- 
leidende französische Bevölkerung auf dem Kriegsschauplatz, durch Fürsorge 
für die Kriegsgefangenen, wofür neben zahlreichen Localvereinen ein eigenes 
„Preussisches Commite zur Unterstützung der Kriegsgefangenen“ thätig 
war, und Uebermittelung der aus Frankreich und dem Auslande denselben 
zugedachten Gaben, Genüge geleistet. 

In ähnlicher Weise hat sich die französische Hülfsgesellschaft (Societe 
de secours) der deutschen Kriegsgefangenen angenommen. 

Die Beihülfe neutraler Völker bestand einerseits in Uebersendung von 
sehr reichen Gaben an Geld und Naturalien (darunter über 3 Millionen Mark 
aus Nordamerika, allerdings meist von dort lebenden Deutschen), andererseits 
in directen Hülfsleistungen. In der Schweiz leistete die internationale 
Agentur in Basel theils durch Annahme und Vertheilung von Gaben, theils 
durch ihr Informationsbureau, wesentliche Dienste; ausserdem wirkte eine 
grosse Anzahl Schweizer Aerzte und Studenten in Lazarethen, besonders 
auf dem südöstlichen Kriegsschauplatz. Der Niederländische Verein 
hat eigene Lazarethe in Trier, Saarbrücken, Düsseldorf, Wesel, Neuwied und 
Mannheim errichtet. Belgisches Personal und Material kam in Saar¬ 
brücken, Trier und Falkenberg zur Verwendung. Oesterreich sandte 
hervorragende Operateure und barmherzige Schwestern. Von englischer 
Seite wurden, nebst reichen Gaben an Geld und Material, namentlich Zelten, 
Lazarethe in Darmstadt und Saarbrücken errichtet, ferner eine anglo-ameri- 
kanische Ambulanz in Sedan und Balan. Ausserdem wirkte eine grosse 
Anzahl englischer Aerzte, Damen und Pfleger in Lazarethen. 

In einem Anhang, die Genfer Convention im Kriege 1870 — 1871 be¬ 
treffend, wird deren im Ganzen, wenigstens deutscherseits, möglichst voll¬ 
ständig stattgehabte Durchführung hervorgehoben, aber über mangelnde 
Veröffentlichung und Verständniss auf französischer Seite geklagt, wodurch 
vielfach Uebelstände und Missverständnisse hervortraten. Mit Recht wird 
betont, dass derartige geschriebene Verträge nur dann praktischen Werth 
erlangen, wenn deren leitende Ideen schon ira Frieden in das Bewusstsein 
nicht nur der Gebildeten, sondern auch der Massen übergegangen sind. 

Hiermit schliesBt dieser Band, welcher sowohl für das allgemeine Publi¬ 
cum, als auch speciell den Leserkreis dieser Zeitschrift der interessanteste 
des grossartigen Werkes sein dürfte. Das Werk selbst ist seitens des Kriegs¬ 
ministeriums in liberalster Weise an alle Commandobehörden, Truppentheile 
und grösseren Lazarethe vertheilt und dadurch weiten Kreisen zugänglich 
gemacht worden. Wir haben hier selbstverständlich nur die Umrisse an¬ 
gedeutet, der Inhalt bietet des Interessanten und Bemerkenswerthen so viel, 
dass es sicher Niemanden reuen wird, wenn er sich durch die Stärke des 
Bandes von dessen eingehendem Studium nicht hat abhalten lassen. 

Stabsarzt Dr. Zimmern (Frankfurt a. M.). 


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Dr. Wernich, Lehrbuch für Heildiener. 


153 


Dr. Wernich, königl. Kreisphysicus und Universitätsdocent in Berlin: 
Lehrbuch für Heildiener. Mit Berücksichtigung der Wunden¬ 
pflege, Krankenaufsicht und Desinfection. Berlin 1884, Hirschwald. 
152 S. mit 30 Holzschnitten. 

Durch Erlass vom 27. Deceraber 1869 hatte der Cultusminister ver¬ 
fügt, dass das „nützliche“ Institut der Heildiener oder Chirurgengehülfen 
(Heilgehülfe, Assistenzchirurg, Lazarethgehülfe beim Heere) auch nach dem 
Inkrafttreten der Gewerbeordnung für den norddeutschen Bund, welche „die 
Ausübung der kleinen Chirurgie Niemandem verwehrt“, nicht fallen zu lassen 
sei. Vom Jahre 1853 an war als Unterrichtsbuch vorzugsweise das Hand¬ 
buch für Heilgehülfen von Ravoth im Gebrauch gewesen, während für die 
Lazarethgehülfen ein Leitfaden zum Unterrichte, herausgegeben vom Chef 
des Militärmedicinalwesens (1868 in fünfter und letzter Auflage) vorhanden 
war. Beide Bücher galten als längst veraltet, als Dr. Siegmund Marcuse 
sein Lehrbuch für Heilgehülfen 1881 erscheinen liess, auf dessen Titel 
bemerkt ist: mit besonderer Berücksichtigung der neueren antiseptischen 
Wundbehandlung. Aber auch diese Arbeit kann modernen Anforderungen 
nicht mehr genügen, abgesehen davon, dass die hochwichtige Desinfection 
nur ganz kurz behandelt und die sicherlich berücksichtigenswerthe Kranken¬ 
wartung völlig unbesprochen geblieben ist. Gewiss war Herr Dr. Wernich 
wie wenige berufen, durch seine hervorragende Stellung in der Desinfections- 
frage, sowie durch seine Thätigkeit als Gefängnissarzt, welch letztere die 
Heranbildung von „Gefängnisaufsehern und Hülfsaufsehern zu brauchbaren 
Lazarethgehülfen“ zur Aufgabe machte, ein gutes Lehrbuch abzufassen, und 
er hat solches in dem Sinne gethan, dass er sich es angelegen sein liess, für 
alle wichtigen Punkte die Ansicht der maassgebenden Persönlichkeiten der 
Reichshauptstadt einzuholen. 

Der Inhalt des Lehrbuches zerfällt in acht Capitel. 

Das erste handelt von dem Bau des Körpers, seinen Theilen und deren 
Verrichtungen. In kurzen Zügen und mit wenig Wortaufwand wird eine 
Darstellung des für den Heilgehülfen Wissenswerthen geboten. Gute Ab¬ 
bildungen, deren Buchstaben nicht immer die nöthige Erklärung Anden, 
vermitteln das Verständniss. 

An die Spitze des zweiten Capitels, das die plötzliche Unterbrechung 
der Lebensthätigkeiten und die Körperbeschädigungen durch Unglücksfälle 
erörtert, hat Verfasser den wichtigen Satz gestellt: der Heilgehülfe solle 
sich nicht als halber Arzt und vorgreifender Pfuscher benehmen, sondern 
als ein gemeinnütziger Helfer. Der erste Abschnitt bespricht Bewusstlosig¬ 
keit, Scheintod, Vergiftung, Verbrennung, Blutung aus den natürlichen 
Oeffnungen. Referent kann nicht umhin, die Schilderung der aus Gruben-, 
Cloaken- und Brunnengasen entstehenden Gefahren und der zu leistenden 
Hülfe als Vorzüglich und originell zu bezeichnen, ebenso diejenige der Be¬ 
handlung von Thierbissen, wenn auch bei Bissen wuthverdächtiger Hunde 
die Aetzung mittelst 90proc. Carbolsäure (Esmarch) als leicht ausführbar, 
hätte Erwähnung Anden können. Vergessen wurde die Vorschrift, erfrorene 
Glieder hochzulegen, ferner eine kurze Angabe der Symptome, welche Ver* 


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154 


Kritiken und Besprechungen. 

giftungen mit Säuren hervorrufen, sowie ein Hinweis, was mit einem Indi¬ 
viduum, dessen Kleider in Brand gerathcn sind, sofort zu geschehen habe* 
Des zweiten Abschnittes erster Theil behandelt die Verletzungen ohne Haut¬ 
trennung, der zweite Theil die Wunden. An die vortreffliche Schilderung 
der Fractur und deren Heilung reiht sich die ebenso tüchtige Anleitung zur 
antiseptischen Behandlung der Wunden, die mit fetter Schrift die goldene 
Regel bringt: niemals einer Wunde schaden. Vermisst hat Referent nur 
die stricte Vorschrift, wie ein provisorischer Wundverband zu machen sei. 

Das sich mit dem Transporte Verletzter und Schwerkranker befassende 
dritte Capitel empfiehlt erfreulicherweise nur das Aufheben von einer Seite. 
Die präcisen Vorschriften dürften nur nach der Richtung hin ergänzt werden, 
dass beim Aufheben des Verletzten die Träger sich auf je ein Knie nieder¬ 
lassen, und dass zum Unterfassen des Gesässes der stärkste zu bestellen ist. 

Das vierte Capitel enthält die Hülfeleistung bei den vom Arzte aus- 
zuführenden Operationen. Mit Recht wird dem Heildiener die Desinfection 
seiner Person zur Pflicht gemacht, welche Vorschrift leider in der Praxis 
recht oft nicht zur Ausführung kommt. Referent möchte den sonst vor¬ 
trefflichen Ausführungen noch hinzufügen, es solle der Heildiener angewiesen 
werden, die antiseptischen Verbandstücke zur Anlegung des Verbandes auf 
einem frisch entfalteten reinen Tuche auszubreiten (nicht auf Tischplatten, 
Bettdecken u. s. w.) und etwa auf den Boden gefallene Verbandstücke von 
der directen Berührung mit der Wunde unbedingt ausschliessen. Bei den 
Gypsbinden wäre die Vorschrift , nur bis zum vollständigen Austreiben der 
Luft dieselben im Wasser zu belassen und alsdann gelinde auszupressen, 
sowie die Erwähnung des Alaunzusatzes zum Wasser wohl am Platze gewesen. 

Die Darstellung der selbständigen Thätigkeit des Heildieners im Be¬ 
reiche der kleinen Chirurgie — fünftes Capitel — ist nach jeder Richtung 
hin zweckentsprechend. 

Das sechste Capitel, Krankenaufsicht und Krankenpflege, veranlasst 
den Referenten einige Auslassungen anzuführen, z. B. dass gewisse Mixturen 
nicht geschüttelt werden dürfen, dass das Arzneiglas stets wieder gehörig 
zu verkorken sei, dass man den Patienten, falls Zweifel vorliegt, ob er die 
Arznei geschluckt hat, sprechen lässt. Auch erscheint Referent die an¬ 
gegebene Methode der subcutanen Injection nicht als die allgemein ange¬ 
nommene. Beim Ausspritzen der Ohren wäre, wenn Eiterung vorhanden, 
sehr vorsichtiges Injiciren zu empfehlen gewesen. Ferner hätten die 
gelegentlich zu beobachtenden Schwierigkeiten bei Einführung der Clystier- 
canüle und was dagegen zu thun sei, Erwähnung finden dürfen. Die Vor¬ 
schrift des Catheterisraus der Blase lässt die Empfehlung des stricten Ein¬ 
haltens der Mittellinie des Körpers vermissen. Dagegen wäre die Vorschrift, 
den Metallcatheter in 3proc. Carbollösung aufzubewahren, zu streichen, da 
dessen Verbleiben in solchem Desinficiens starke Oxydirung zur Folge haben 
müsste. Bei den Bädern ist nicht angeführt, dass auf ärztliche Anordnung 
hin deren Wärme zu steigern oder zu vermindern ist, durch Zugiessen ent¬ 
sprechend temperirten Wassers. Ferner fand die Wichtigkeit der Ver¬ 
hütung des Decubitus durch häufigen Lagerwechsel keine Erwähnung. Ganz 
vorzüglich ist der kleine Abschnitt über die Abwartung ansteckender Krank¬ 
heiten. 


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Alfred Duraud-Claye, L’ßpideraie de tievre typhoide ä Paris. 155 

Das siebente Capitel giebt die Anweisungen zur Desinfection; dieselben 
sind in jeder Hinsicht mustergültig. 

Im achten Capitel werden die gesetzlichen Verfügungen und Straf¬ 
bestimmungen, sowie die Taxen für den Heilgehülfen angeführt und die 
nöthigen Instrumente und Verbandmittel verzeichnet. 

Das vorliegende Lehrbuch ist in seiner knappen Fassung, in seiner 
Beschränkung der Thätigkeit des Heildieners auf ein richtig abgegrenztes 
Gebiet und in der Verständlichkeit der Darstellung ein ausgezeichnetes zu 
nennen. Wenn Referent eine Anzahl rein sachlicher Ausstellungen gemacht 
hat, so geschah das aus dem Grunde, weil bei technischen Vorschriften auch 
kleine Einzelheiten nicht unberücksichtigt bleiben dürfen. Nicht nur für 
Heilgehülfen, sondern auch für die Collegen ist das Buch von grossem 
Werthe, da es über den Wirkungskreis ersterer genaue Auskunft ertheilt 
und dem Arzte es leicht möglich macht, in allen Fällen eine richtige Des¬ 
infection nach bestimmten Regeln anzuordnen. 

Dr. Heinrich Schmidt (Frankfurt a. M.). 


M. Alfred Durand-Claye, Ingenieur en chef des ponts et chaussSes , 
Professeur aux öcöles nationales des beaux - arts et des ponts et cliaus - 
sees■. L’fJpidemie de flövre typhoide ä Paris en 1882. 
titudes statistiques. Paris. Imprimn ic et librairie centrales des chemins 
de fer. 1883. Klein-Folio. 

Seit einer Reihe von Jahren zeigt der Typhus in der französischen 
Hauptstadt eine ganz besondere Sterblichkeit, zeitweise das Drei- und Vier¬ 
fache der Sterblichkeit in London, Brüssel und Berlin. Nimmt man das 
Kriegsjahr 1871 aus, so zeichnet sich namentlich das Jahr 1882 vor den 
vorausgehenden 14 Jahren aus: es starben 3298 Personen oder es kamen 
14*7 Typhustodesfalle auf 10000 Einwohner gegenüber dem 14jährigen 
Mittel von 8*3 pro 10000 Einwohner. Der Verfasser versucht es nun, in 
seiner überaus fleissigen und mustergültigen; ja grossartigen Arbeit den 
Ursachen nachzugehen, die auf Entstehung, Verbreitung und Charakter 
jener Krankheit eingewirkt haben. Er will sich — als Nichtmediciner — 
nicht in die rein ärztlichen Fragen einmischen, sondern nur eine Anzahl 
statistischer Thatsachen sammeln, die als Grundlagen einer vollständigen 
medicinischen Bearbeitung benutzt werden können. 

Die Resultate seiner Forschung gibt Verfasser in drei Capiteln. 

Capitel 1 enthält Statistik der Epidemie, chronologisch und topo¬ 
graphisch. Capitel 2 enthält Statistik der natürlichen Einflüsse: Meteoro¬ 
logie, Geologie, Hydrologie. Capitel 3 enthält Statistik der künstlichen 
Einflüsse: Wohnungen, Wasser, Entwässerung. 

Ein dicker Folioband mit Tafeln und Curven, die von besonderer 
Schönheit und Uebersichtlichkeit sind, dient zur Erläuterung aller Verhält¬ 
nisse. Aus den topographischen Curven ersieht man auf den ersten 
Blick, dass der Hauptherd der Epidemie in den niedrig gelegenen, schlecht 
drainirten, den Ueberschwemmungen der Seine ausgesetzten, überhaupt in 


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156 Kritiken und Besprechungen. 

den vernachlässigsten Theilen der Stadt, in den Kreisen der Casernen 
Spitäler, Schlachthäuser etc. gewesen ist. 

Die graphischen Darstellungen der natürlichen Einflüsse betreffen 
Barometerstand, Temperatur, Regenmengen, Sonnenlicht, Verdunstung, 
Hydrometrie, Winde etc. Hier sei nur erwähnt, dass die Typhustodesfalle 
im Juli und August rapid stiegen, als auf den seit Beginn des Jahres 
abnorm trockenen Boden reichliche Regenmengen fielen, während das 
Maximum der Epidemie mit der Abnahme der Regenmenge co'incidirt. 
Grundwasserbeobachtungen fehlen leider. In geologischer Hinsicht sei be¬ 
merkt, dass Paris fast ganz auf permeablem Terrain erbaut ist. Alle 
niederen Quartiere, die von der Epidemie wenig zu leiden hatten, stehen 
auf sandigem und permeablem Alluvium, das von der Seine durchflossen 
wird. Andererseits hat das Quartier de VÜcole Militaire , das von der 
Epidemie so heimgesucht wurde, ebenso wie das besonders ergriffene zwölfte 
Arrondissement gleiche Bodenbeschaffenheit. Diese Differenzen scheinen 
von der grösseren oder geringeren Durchlässigkeit und Leichtigkeit, Wasser 
zu absorbiren oder zurückzuhalten, herzurühren. 

Wenden wir uns zu den künstlichen Einflüssen, bo sei zuerst 
der Dichtigkeit der Bevölkerung als einer wichtigen Ursache der 
Typhusmortalität Erwähnung gethan, mag man nun die Bewohnerzahl eines 
Hectars oder die Bewohnerzahl der einzelnen Häuser rechnen. Allerdings 
können die fraglichen Zahlen nicht in absoluten Zusammenhang mit der 
Ausbreitung und dem Verlaufe der Epidemie gebracht werden, denn die 
Häuser der Arbeiter und Armen, die bekanntermaassen aller hygienischen 
Einrichtungen entbehren, sind in der Regel klein und beherbergen nicht 
sehr viele Bewohner, während die grossen Prachtbauten, die mit allen 
gesundheitlichen Einrichtungen versehen sind, eine sehr starke Bewohner¬ 
zahl haben; namentlich gilt dies bei einem Vergleiche der Bewohner auf 
einem Hectare, welche in dem zweiten Falle viel beträchtlicher sein kann, 
als in dem ersten. Aber — sagt der Verfasser — betrachtet man die eng 
bei einander liegenden Quartiere mit den einzelnstehenden, so lassen sich 
mit Gewissheit die schuldigen Einflüsse in jedem einzelnen Falle nach- 
weisen. Der Umfang der diesbezüglichen tabellarischen und graphischen 
Darstellungen ist zu gross, um hier weiter beleuchtet werden zu können, 
es muss desshalb auf sie verwiesen werden und es sei daher hier nur noch 
mitgetheilt, was der Verfasser unter oben angegebenen Vorbehalten sagt: 
Die HöchBtzahl der Einwohner eines Hauses trifft fast ohne Ausnahme mit 
der Höchstzahl der typhösen Sterbefalle zusammen. So finden sich bei¬ 
spielsweise in dem Quartier SaintGervais , wo die Bewohner eines Hauses 
die absolute Höchstzahl (mehr als 48 Einwohner auf ein Haus) darstellen, 
15*19 typhöse Todesfälle auf 10000 Einwohner, während in dem Quartier 
iVAtdeuü , wo ein wenig mehr als elf Bewohner auf ein Haus entfallen, nur 
5*64 typhöse Todesfälle auf 10000 Einwohner kommen. 

Bei der Vergleichung der Bewohner möblirter Wohnungen ein¬ 
schliesslich der Gasthausfremden mit den übrigen ergiebt sich ein besonders 
auffallendes Resultat. Das Quartier des Invalides beherbergt eine beträcht¬ 
liche Anzahl Bewohner möblirter Wohnungen (4072 auf 10000 Einwohner). 
Die typhöse Sterblichkeit daselbst war nicht sehr bedeutend: 9*87 auf 


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Alfred Durand-Claye, L’fipidemie de fievre typhoide ä Paris. 157 

10000 Einwohner; das nahe daran gelegene Quartier dfl&cole Müüaire da¬ 
gegen weist die Höchstzahl (32*63) der Sterbefölle auf. Das Quartier Bel - 
Air zahlt vier Fünftel seiner Einwohner als Miether möblirter Räume; das 
hatte aber einen nur schwachen Einfluss auf die Sterblichkeit, denn sie 
erreichte nur 4‘13 auf 10000 Einwohner; der Grund ist darin gegeben, dass 
die Bevölkerung daselbst zerstreut und dünn wohnt. 

Der WasserversorgungBfrage ist ebenfalls grosse Sorgfalt ge¬ 
widmet. Uebereinstimmend mit allen Hygienikern erklärt der Verfasser das 
Wasser als einen grossen Factor für die öffentliche Gesundheit. Es muss 
leicht alle Wohnungen versorgen und alle Abgänge, welche das Leben 
liefert, in dem Maasse, als sie erzeugt werden, mit grösster Geschwindigkeit 
aus der Stadt schaffen. Die verfügbare Menge, die Güte des Wassers, die 
Verwendung für öffentliche und Privatzwecke etc. beeinflussen offenkundig 
die allgemeinen Gesundheitsverhältnisse einer grossen Stadt. Paris empfing 
im Jahre 1882: 366 096 cbm Wasser innerhalb 24 Stunden (im monatlichen 
Durchschnitt) und zwar 106 517 cbm Quellwasser, 127 407 aus der Ourcq, 
125 256 aus Flüssen, 6916 aus Brunnen. Bei einer Bevölkerung von 
2 239 928 Einwohnern kamen täglich auf den Kopf 0*048 cbm Quellwasser, 
0*056 cbm aus der Ourcq, 0*056 Flusswasser, 0*003 Brunnenwasser, zusam¬ 
men 0*163 cbm. 

Nach Abzug des Wasserverbrauchs für den öffentlichen Dienst ver¬ 
blieben dem Pariser nur noch 0*040 cbm, welche er im Abonnement bezieht. 
Rechnet man hierzu noch 0*019 cbm, welche ausser Abonnement bezogen 
werden, so beträgt die Gesammtmenge 0*059 cbm täglich auf den 
Kopf der Einwohnerzahl; darunter ist jedoch der Verbrauch für 
gewerbliche Zwecke, Reinigen der Höfe, Begiessen der Gärten etc. mit in¬ 
begriffen. Die Versorgung der öffentlichen Anstalten und Springbrunnen 
der Strasse zeigt die geringe Menge von 0*014 cbm auf den Kopf. 

In welchem Verhältnisse das für den Service public verwendete Wasser 
zu der Zahl der typhösen Todesfälle steht, wird durch Tafeln erläutert. Der 
Wasserverbrauch ist in allen Arrondissements ziemlich gleich und erlaubt 
eigentlich keinen Zusammenhang mit der Entwickelung der Epidemie. 
Indessen finden sich doch zwei grosse Ausnahmen, und zwar in den Arron¬ 
dissements 8 und 16; ersteres hat bei 143*8 cbm Wasser 8*31, letzteres bei 
252*5 cbm 6*92 Todesfälle auf 10000 Einwohner. 

Auch bei dem Privatwasserverbrauche, der curvenmässig dargestellt ist, 
zeichnen sich diese beiden Arrondissements durch bedeutenden Wasser- 
consum und geringe Sterblichkeitsziffer aus: Nr. 8 mit 772 cbm und 
8*31 Todesfällen, Nr. 16 mit 464cbm und 6*92 Todesfällen pro 10000 Ein¬ 
wohner. Der geringe Wasserverbrauch in den Arrondissements 4, 5 und 6 
entspricht einer starken Sterblichkeit: 


Nr. 4 Nr. 5 Nr. 6 

Wasserconsum. 275 309 368 

Mortalität. 11*66 10*05 10*84 


Das Arrondissement 19 mit seinen zahlreichen industriellen Etablisse¬ 
ments verbraucht die ziemlich grosse Wasser menge von 460 cbm und hat 
die höchste Sterblichkeit mit 17*64. 


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158 


Kritiken und Besprechungen. 

Bezüglich der Güte des Wassers ist nachgewiesen, dass die Verwen¬ 
dung des stets sehr verunreinigten Wassers der Oorcq fast gleichlaufend 
mit der Sterblichkeit«Ziffer ist, so ungleich auch die betreffenden Zahlen 
sind. Und dennoch beweisen sie nicht viel, weil andere Quartiere, wo kein 
Tropfen Wasser der Ourcq getrunken wird, stärkere Sterblichkeit auf¬ 
weisen. In einzelnen Arrondissements war der Verbrauch aus der Ourcq: 

Arrondissement: 3 7 12 15 9 14 16 

Liter pro Tag und Kopf 27 30 16 14 8 0 0*8 

Todesfälle. 997 1596 12*89 10*13 5*70 5*56 6*92 

Die Verwendung des Quellwassers zeigt ein Obigem entgegen¬ 
gesetztes Verhältniss. Die Höchstziffer (24 bis 46 Liter pro Kopf) des ver¬ 
brauchten Wassers trifft überein mit der geringsten Mortalität, während in 
den Arrondissements, in denen der Verbrauch nur 4 bis 10 Liter beträgt, 
sehr stark von der Epidemie betroffen sind. Hinsichtlich der Verwendung 
des Flusswassers lassen sich wegen der vielfachen Schwankungen keine 
allgemeinen Schlüsse ziehen. 

Bezüglich der Bäder ergiebt sich in ihrer Vertheilung auf die ein¬ 
zelnen Arrondissements und auf 10000 Einwohner, dass die Höchstzahl 
derselben ohne Ausnahme mit der geringsten Sterblichkeit übereinstimmt, 
Während mit der geringeren Zahl der Bäder die Sterblichkeit ihr Maximum 
erreicht. Die Curven der Waschanstalten sind fast gleichlaufend mit 
der typhösen Sterblichkeit. Sollte nicht die Ursache dieser übereinstim¬ 
menden Curven in dem Zusammensein der Wäscherinnen und in dem 
Waschen der typhösen, nicht desinficirten Wäsche zu finden sein? 

Ein günstiger Einfluss der gut gebauten Canäle auf die Typhus¬ 
mortalität scheint in verschiedenen Quartieren stattgehabt zu haben, jedoch 
war er im Ganzen geringer als der des Wassers, der Wohnungen, der Be¬ 
völkerungsdichtigkeit etc. Eine Infection durch die Canäle selbst zeigte sich 
nirgends und zwischen dem Zuge der Saramelcanäle und der Entwickelung 
des Maximums der Epidemie bestand durchaus kein Zusammenhang. Die 
Erbauung neuer Canäle im Jahre 1882 bildete eine hygienische Verbesserung 
der damit versehenen Quartiere, nur war das Aufwühlen der Erde nicht 
selten von ungünstigem, wenn auch rasch vorübergehendem Einflüsse auf 
den Gesundheitszustand der Bewohner. 

Sehr nachtheilig wirken die im Allgemeinen noch sehr häufigen „fosses 
fixes u mit ihren Infiltrationen und Emanationen; wo dagegen ein Abfluss 
nach den Canälen stattfindet, in Coincidenz mit reichlichem Wasserver¬ 
brauch, scheint ein Sinken der Typhusmortalität einzutreten. 

Am Schlüsse seiner mühevollen, mit seltener Bescheidenheit publicirten 
Arbeit kommt Durand-Claye zu dem Ergebnisse, dass man nicht eine 
einzelne Ursache herausgreifen könne, um die Entstehung der Epidemie und 
ihren Verlauf zu erklären, sondern dass eine Gesammtheit von Ursachen 
und Bedingungen eingewirkt habe: Lage, Wasserverbrauch, Entwässerung, 
Dichtigkeit der Bewohner und andere Umstände mehr; er ist weit davon 
entfernt, dem Urtheile der Aerzte vorzugreifen, und bescheidet sich, ihnen 
sein Material zu weiterer Forschung vorzulegen. 

Dr. E. Marcus (Frankfurt a. M.). 


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Dr. R. Blasius, Die Verwendung der Torfstreu. 


159 


Dr. R. Blasius: Die Verwendung der Torfstreu. Vortrag. 

Braunschweig, 1884. 32 S. 

Torfstreu hat in den letzten Jahren durch seine mannigfache Verwen¬ 
dung ein so hohes hygienisches Interesse gewonnen, dass es dankbar an¬ 
zuerkennen ist, dass der um die Hygiene, speciell seines engeren Heimath- 
landes, so hoch verdiente Docent am Polytechnicum zu Braunschweig in 
kurzer, anschaulicher Weise uns in vorliegendem Schriftchen die ganze 
Torfindustrie, die Gewinnung des Torfes, wie seine verschiedene Verwen¬ 
dung, speciell auch zur Reinhaltung des Bodens der Städte geschildert hat. 

Unter Torf versteht man ein verfilztes Gemenge abgestorbener Pflan¬ 
zen, welche durch langsame Oxydation mehr oder weniger ihres Wasserstoffs 
beraubt und in Kohlenstoff übergeführt sind. An solchen Torflagern ist 
bekanntlich der Westen der norddeutschen Ebene sehr reich. Bisher ver¬ 
wandte man den Torf fast ausschliesslich als Brenn- und Feuerungsmaterial, 
wozu sich aber nur die tieferen, fester zusammengepressten Schichten 
eignen, während die höheren, trockeneren Schichten, der eigentliche Moos¬ 
torf (gegenüber dem tieferen Bagger- oder Brenntorf), bisher die unbequeme 
Zugabe für die Brenntorflieferanten, nutzlos abgebrannt wurde und meilen¬ 
weit durch seinen Höhen- oder Moorrauch die Luft verpestete. 

Diese oberen Schichten nun, dieser Moostorf ist es, der in den letzten 
Jahren mehr und mehr Verwendung findet und mit Recht auch die Auf¬ 
merksamkeit der Hygieniker auf sich gezogen hat. Es würde zu weit 
führen, hier auf die von Blasius genau geschilderte Verwendung des 
Moostorfs als Streumittel für Pferde- und Viehställe, für die es durch seine 
stark absorbirende Eigenschaft bereits eine grosse Bedeutung gewonnen 
hat, auf seine Verwendung als Verbandmittel, als Schutz- und Isolirmittel 
gegen Frost und Wärme, als Conservirungsmittel für Früchte und Fleisch, 
zur Fabrikation von Papier, Stricken, Watte u. dergl. näher einzugehen, 
wir müssen uns begnügen, über das kurz zu referiren, was Blasius in 
Betreff der Verwendung des Moostorfes zur Desinficirung und Desodorisirung 
der menschlichen Excremente und damit zur Reinhaltung des Bodens mit- 
getheilt hat, wobei ihm zahlreiche Versuche in und um Braunschweig herum, 
in öffentlichen und Privathäusern, auf dem Lande und zum landwirtschaft¬ 
lichen Betrieb als Unterlage dienen. 

Bei der Fabrikation des Moostorfes wird derselbe, nachdem er getrock¬ 
net und mit Maschinen zerrissen und zu wallnussgrossen Stücken zer¬ 
kleinert ist, gesiebt, wobei sich der sogenannte Torfmull als eine feine, 
braune, pulverige Masse von dem auf dem Siebe zurückbleibenden Torf¬ 
streu, einer hellbräunlich gefärbten, faserigen Masse trennt. Während 
letztere vorzugsweise als Streumaterial in Viehställen u. s. w. verwandt wird, 
ist es der Torfmull, der zur Desinficirung der Aborte gebraucht wird. 

Dieser Torfmull, ebenso wie die Torfstreu, hat eine ganz ausserordent¬ 
lich grosse Aufsaugungsfähigkeit für Flüssigkeiten, von denen er mindestens 
das Achtfache seines Gewichts aufnehmen kann; ausserdem aber hat der 
Torfmull auch noch eine grosse Absorptionskraft für Ammoniak und die 
eigentümlichen Stinkstoffe der menschlichen Excremente. Wird eine Ab- 


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160 


Kritiken und Besprechungen. 

ortgrube mit Torfmull genügend versehen, so verschwindet der Fäcal- 
geruch vollständig, nur ein eigenthümlicher süsser Geruch bleibt in gerin¬ 
gem Maasse zurück, und Urin etc. wird aufgesogen, so dass in der Grube 
eine feuchte, pulverige, nicht riechende und nicht stäubende Masse ver¬ 
bleibt. Ausser in Abortgruben sind, namentlich auf Eisenbahnen, auch 
Versuche mit Torfstreu zur Desodorisirung von Pissoirs, die keine Spülung 
haben, gemacht worden, indem man die unteren Rinnen mit Torfmull aus- 
streute; die Resultate sollen sehr günstige gewesen sein. 

Scheint somit die Einbringung von Torfmull in die Aborte grosse 
Vortheile zu gewähren und bietet die Räumung der Closets und Gruben 
keinerlei Schwierigkeiten, so bleibt noch weiter der Kostenpunkt zu berück¬ 
sichtigen, der zum grossen Theil bestimmt wird durch den gewonnenen 
Torfstreudünger und dessen praktische Verwerthbarkeit durch die Land¬ 
wirtschaft. Die Versuche, die hierüber bis jetzt angestellt sind und die 
Blasius im Einzelnen mittheilt, sind sehr günstig ausgefallen, die dün¬ 
gende Eigenschaft des Torfmistes ist eine sehr bedeutende. Da nun der 
Preis der Torfstreu, wenigstens in Nordwestdeutschland, ein sehr geringer 
ist, 1*50 Mk. per Centner, und der Centner Torfstreu acht Centner Dün¬ 
ger liefert, der nach dem bisherigen durchschnittlichen Verkaufspreis von 
0*35 Mk. pro Centner somit 2*80 Mk. einbringt, so scheint auch von 
Seiten der Rentabilität dem neuen Desiufections- oder Desodorisationsmittel 
ein günstiges Prognostikon gestellt werden zu können. 

Ob die Torfstreu, deren Nutzen für einzelne Gebäude wohl nicht zu 
bestreiten sein dürfte, im Grossen zur Städtereinigung angewandt werden 
könne, auch diese Frage bespricht Blasius eingehend. Dabei verdienen 
besonderes Interesse die von ihm angestellten Versuche zur Erledigung der 
Frage, ob die Vermengung von Torfmull mit Excrementen in einer Abtritt¬ 
grube im Stande sei, die Verunreinigung des Bodens zu vermeiden. Die 
Versuche wurden an einer cementirten Grube in dem massig verunreinigten 
Boden des Polytechnicums angestellt, in welche nach jeder Defecation Torf¬ 
mull eingestreut wurde und ergaben das hygienisch sehr wichtige Resultat, 
dass der Kohlensäuregehalt der Bodenluft in unmittelbarer Nähe der Abort¬ 
grube in den sieben Versuchsmonaten von 3*1 pro mille zurückgegangen 
ist auf l'l pro mille, also fast auf ein Drittel, dass also der Boden in der 
Nähe der Abortgruben sich sehr bedeutend in seiner Reinheit verbessert 
hat. Blasius ist weit davon entfernt, dieser kurzen Versuchsreihe irgend 
welche Beweiskraft beizulegen und erst weitere Versuche mit undichten 
Gruben werden zeigen, ob zu hoffen ist, dass bei der Vermengung mit Torf¬ 
mull jede Verunreinigung des umgebenden Bodens vermieden werden könne 
und der Boden dann durch seine selbstreinigende Kraft wieder rein wird. 
Dies bezeichnet Blasius als eine der wichtigsten Vorfragen für die Ver¬ 
wendbarkeit von Torfmull zur Städtereinigung im Grossen, denen er noch 
eine Reihe anderer Fragen anschliesst, die erst auf experimentellem Wege 
gelöst werden müssen, ehe man sich zu dem Torfsystem entschlösse. 

Jedenfalls wird man den weiteren Versuchen und Untersuchungen in 
Betreff der Verwendbarkeit des Moostorfes zur Städtereinigung mit lebhaftem 
Interesse entgegensehen. A. S. 


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Post, Ueber Morbiditätsstatistik. 161 

Dr. Post, Oberstabsarzt: Ueber Morbiditätsstatistik. München, 
Rieger. 

Das vorliegende Schriftchen liefert einen werthvollen Beitrag zu der 
schwierigen Frage, wie weit es möglich sein werde, mit Zuhülfenahine der 
freiwilligen Thätigkeit der Aerzte eine einigermaassen erschöpfende Krank¬ 
heitsstatistik zu Stande zu bringen. Verfasser meint, wenn vielfach auch 
schon anerkannt werde, dass die Morbiditätsstatistik sich an der Aufführung 
des erforderlichen Unterbaues für die bisher noch in der Luft schwebenden 
Prophylaxen betbeiligen müsse, dass zu einem so grossen Zwecke das Zu¬ 
sammenwirken Aller unentbehrlich sei, und dass neben den Laboratorium¬ 
versuchen auch die epidemiologischen Beobachtungen von Wichtigkeit seien, 
doch der Ansicht, dass, wenn Alle dieser Schuldigkeit nachkämen, die epi¬ 
demiologischen und prophylaktischen Kenntnisse so in der wirksamsten 
Weise gefördert werden müssten, entgegenzuhalten sei, dass man nicht 
Allen eine solche extreme Opfer Willigkeit zumuthen könne und dass auch 
die fleissigsten Beobachtungen der einzelnen Praktiker epidemiologisch doch 
nur geringen Werth haben, indem die Epidemieen im Ganzen und nicht an 
berau8gerissenen kleinen Fragmenten studirt werden müssen. Desshalb sei 
erforderlich, dass neben den praktischen Aerzten, die nur die Krankheits¬ 
anzeigen zu liefern haben, ein Corps von Berufsstatistikern auf¬ 
gestellt werde, welches die Krankheitsbeobachtungen nach einheitlichem 
Plane zusammen stellt und dabei auch noch die übrigen epidemiologisch 
wichtigen Gesichtspunkte (meteorologische, Trinkwasser-, Grundwasser- 
Verhältnisse etc.) verfolgt. Die Irrthümer, in die vielfach statistische 
Dilettanten, die die Kunst der möglichsten Vermeidung von Fehlerquellen 
nicht genügend erlernt haben, verfallen seien, haben ebenso dazu beigetragen, 
die Statistik, eines der wichtigsten Forschungsmittel, in Misscredit zu brin¬ 
gen, wie die früher oft zu weit gehenden Anforderungen an die Aerzte, 
von denen der Staat neben Anzeigepflicht auch noch meteorologische Beob¬ 
achtungen und statistische Zusammenstellung verlangt habe, bei diesen eine 
Abneigung gegen die Anzeige von Erkrankungsfallen erzeugt haben, die 
schwinden werde, wenn die unüberschreitbare Grenze der Forderungen klar 
und deutlich bezeichnet werde, gerade wie der Besorgniss, dass die geliefer¬ 
ten Krankheitsanzeigen als todtes Actenmaterial liegen bleiben, durch die 
Anstellung von Specialstatistikern der Boden entzogen werde. In der An¬ 
stellung von Statistikern und ständigen epidemiologischen Beobachtern sieht 
Post den Schwerpunkt der Neuorganisation des Sanitätswesens, indem 
durch sie die Sanitätsverwaltungen die erforderliche Fühlung mit den Prak¬ 
tikern erhalten und durch die Einfügung dieses bis jetzt fehlenden Gliedes 
in den Sanitätsorganismus derselbe zu ganz neuen und mächtigen Leistun¬ 
gen befähigt werde. 

Dem lesenswerthen Schriftchen ist die Beachtung und Beherzigung des 
ärztlichen Standes sehr zu wünschen, dann wird es wesentlich dazu bei¬ 
tragen, die so schwierige und doch nicht abzuweisende Frage der Mor¬ 
biditätsstatistik ihrer Lösung einen Schritt näher zu bringen. 

A. S. 


VierteljahrMchrift für Gesundheitspflege, 1886 . 


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Kritiken und Besprechungen. 


J. Christinger: Mens Sana ln corpore sano. Pädagogische 
Vorträge und Stadien. Frauenfeld, Huber. 217 S. 

Diese Schrift des Schweizer Pfarrers und Schulinspectors Christinger 
hat sich weitere Ziele gesteckt, als lediglich die Schulhygiene, sie behandelt 
in erster Linie die ethischen Aufgaben der Schule, widmet aber auch eines 
der wichtigsten Capitel der „Gesundheitspflege in der Schule und durch 
die Schule“. Es ist erfreulich zu sehen, wie auch hier der Nichtarzt ledig¬ 
lich vom Standpunkte des für das körperliche ebenso sehr wie für das 
geistige Wohl der Jugend besorgten Mannes genau zu denselben Forderun¬ 
gen gelangt wie sie die Aerzte übereinstimmend seit Jahren aufstellen. 
Als ersten Satz stellt er obenan, dass die Schule von der einseitigen Geistes¬ 
bildung zurückkommend lernen solle, die körperliche Entwickelung des 
Kindes nach ihrer ganzen Bedeutung zu berücksichtigen. Zu dem Zwecke 
verlangte er vor Allem, dass die Kinder nicht zu jung in die Schule kom¬ 
men und dass eine ärztliche Untersuchung aller neu aufzunehmenden 
Schulkinder jeweilen feststellen solle, welche die nöthige körperliche Reife 
erlangt haben und die unreifen für ein Jahr zurückweise. Seine Forde¬ 
rungen betreffs Dauer des Unterrichts, reichlicher Pausen zwischen dem¬ 
selben und dergleichen stimmen genau mit den von ärztlicher Seite auf¬ 
gestellten Forderungen. In Bezug auf den Turnunterricht, für den er ganz 
besondere Berücksichtigung verlangt und zwar obligatorisch für beide 
Geschlechter, fordert er, dass er nicht militärisch eingerichtet sei, zur Vor¬ 
bildung für den Dienst im Heere etc., sondern wesentlich dem sanitari- 
schen Zwecke, der Ausbildung des Körpers und Verhütung von Schäd¬ 
lichkeiten desSchullebens dienen soll; der Hauptzweck des Turnens 
sei nicht ausserhalb des Individuums (Heer, Gesellschaft, Kunst), son¬ 
dern in dasselbe zu verlegen, er solle die möglichst grosse körperliche Tüch¬ 
tigkeit für die Erfüllung aller Lebensaufgaben sein. In Bezug auf die 
Ge8undheit81 e h r e als wissenschaftliches Fach mit besonderer Rücksicht 
auf Schuldiätetik verlangt Christinger in gewiss vollkommen richtiger 
Weise, dass sie in den Unterricht der Lehrerseminare aufzunehmen sei, 
während in den obersten Classen der höheren Schulen im Anschluss an die 
Lehre von dem Bau des menschlichen Körpers ein Abriss der Hygiene, 
enthaltend das Wissenswertheste über Ernährung, Athmung, Wohnung, 
Arbeit, Ruhe, Schutz gegen Erkrankung und Krankenpflege behandelt wer¬ 
den solle. Von den Lehrern verlangt Christinger, dass sie von sani- 
tarischen Uebelständen ihrer Classen und von epidemischen Schulkrank¬ 
heiten den Schulvorstehern unverzüglich Mittheilung machen sollen, damit 
diese dann eine ärztliche Untersuchung darüber veranlassen, eventuell von 
sich aus die geeigneten Maassregeln treffen. — Sind alle diese hygienischen 
Forderungen und Vorschläge auch nicht neu, so ist es, da ihre Anerken¬ 
nung und Erfüllung doch noch lange keine allgemeine ist, erfreulich, sie 
immer wieder aufgestellt zu finden, besonders wenn dies, wie hier, von einem 
Schulmanne und nicht von einem Arzte geschieht. A. S. 


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Hygienische Gesetze und Verordnungen. 


163 


Hygienische 

Gesetze, Verordnungen nnd Entscheidungen. 


L Gesetze und Verordnungen. 

Erlass königl. wttrttembergischen Miuisterinms vom 2. August 1884, 
betreffend Maassregeln wider die Cholera« 

Zur Verhütung der Einschleppung und Verbreitung der Cholera wird hier¬ 
mit mit höchster Genehmigung Seiner Majestät des Königs vom 1. August 
d. J. unter Aufhebung der Verfügung vom 29. August 1873 Nachstehendes an¬ 
geordnet : 


I« Allgemeine Bestimmungen. 

§. 1. Zum Behufe der obersten Leitung sämmtlicher wegen der Cholera 
zu treffender Maassregeln ist als Abtheilung des Ministeriums des Innern eine 
besondere mit dem Minister in unmittelbarem, vorzugsweise mündlichem Verkehr 
stehende Commission niedergesetzt. 

§. 2. Innerhalb der Bezirke werden die gegen die Einschleppung und Ver¬ 
breitung der Cholera zu treffenden Maassregeln durch die aus dem Oberamt 
und dem Oberamtsarzt bestehende Bezirkscommission geleitet. 

§. 3. In Orten, welche von der Cholera unmittelbar bedroht sind (vergl. 
§. 10), oder in welchen dieselbe ausbricht, werden die bürgerlichen Collegien 
im Einvernehmen mit der Bezirkscommission sogleich aus den hierzu besonders 
geeigneten Ortseinwohnern und den in dem Ort ansässigen hierzu verpflichteten 
oder geneigten Aerzten eine Ortscommission zur Anordnung der nöthigen Maass¬ 
regeln berufen, welche von den bürgerlichen Collegien den nöthigen Credit zur 
Bestreitung der Ausgaben erhält. Vorstand der Ortscommission ist der Orts¬ 
vorsteher oder sein Stellvertreter. 

Die Ortscommission wird in grösseren Orten in verschiedene Abtheilungen 
getheilt, welchen je die Besorgung bestimmter Arten der zu treffenden Vorkeh¬ 
rungen zugewiesen wird. Wo es das Bedürfniss erfordert, hat die Ortscommission 
für die Thätigkeit in einzelnen Districten Deputationen aufzustellen. 

§. 4. Die Thätigkeit der Bezirks- und der Ortscommissionen regelt sich 
nach den Bestimmungen dieser Verfügung (vergl. auch §§. 12 und 32). 

Da den Commissionen als solchen eine Straf- oder Zwangsbefugniss nicht 
zukommt, so sind, wo die Anwendung eines Zwanges sich als nothwendig heraus¬ 
stellt, die Anordnungen vom Oberamt beziehungsweise Orts Vorsteher zu erlassen, 
welche die Ansicht der Comissionen nach Thunlichkeit zu berücksichtigen haben. 
Ebenso sind orts- oder bezirkspolizeiliche Vorschriften durch die Polizeibehör¬ 
den (vergl. Art. 51 des Polizeistrafgesetzes vom 27. December 1871) zu erlassen. 
Maassregeln, welche einen grösseren Kostenaufwand erfordern, sind unbeschadet 
dringlicher vorläufiger Vorkehrungen von den Ortscommissionen bei dem Ge¬ 
meinderath in Antrag zu bringen. 

11 * 


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Hygienische Gesetze und Verordnungen. 

§. 5. Die Ortscommissionen unterstehen der Aufsicht der Bezirkscommis¬ 
sion, welche ihre Thätigkeit zu überwachen, ihnen erforderlichenfalls die nöthigen 
Directiven zu ertheilen und im Falle ungenügender Durchführung der Vor¬ 
schriften dieser Verfügung, oder wenn einheitliche Maassregeln für den ganzen 
Bezirk angezeigt sind, das Geeignete vorzukehren hat 

Auch hat die Bezirkscommission für die rechtzeitige Aufstellung der Orts- 
commissionen Sorge zu tragen. 

§. 6. Die Bezirkscommission berichtet an die Choleracommission: 

1. Telegraphisch über den erstmaligen oder wiederholten Ausbruch der 
Krankheit in jedem Orte, sobald derselbe durch den Oberamtsarzt festgestellt 
worden ist, ebenso in allen dringenden Angelegenheiten, 

2. zugleich mit dem telegraphischen Bericht über den erstmaligen oder 
wiederholten Ausbruch der Seuche schriftlich unter näherer Darlegung der 
Sachlage, 

3. unter Benutzung des in Beilage I. enthaltenen Formulars je für den 

Zeitraum vom 1. bis 7., 8. bis 15., 16 bis 22. und 23. bis 30./31. jeden 

Monats über den Fortgang der Seuche, wobei etwaige Nachträge und Be¬ 
richtigungen je in der nächsten Nachweisung abgesondert zu verzeichnen 
sind, 

4. über die erforderliche Vermehrung des ärztlichen Personals im Bezirk, 

5. über etwaige Anstände und Zweifel sowie über ausserordentliche in 
dieser Verfügung nicht vorgesehene Schutzmaassregeln und Vorkommnisse, wie 
z. B. vorübergehende Unmöglichkeit der Beschaffung der vorgeschriebenen 
Desinfectionsmittel, wobei sie jedoch dringende Vorkehrungen vorsorglich 
trifft. 

Die Berichterstattung ist stets möglichst zu beschleunigen. 

Eine Berichtserstattung an die Kreisregierungen findet nicht statt. 

§. 7. Für die Kosten findet die Ministerialverfügung vom 14. October 1830, 
betreffend die medicinal - polizeilichen Maassregeln bei den der unmittelbaren 
Fürsorge des Staates unterliegenden Krankheiten, Anwendung, ferner die Be¬ 
stimmungen der Medicinaltaxe vom 4. November 1875, und des Diätenregulativs 
vom 23. Juni 1873. 

Für Zahlungsunfähige werden die Kosten für besondere chirurgische Ver¬ 
richtungen, für Abgabe von Arzneien, Nahrungsmitteln und Getränken auch 
dann auf die öffentlichen Cassen übernommen, wenn sie auf Verordnung anderer 
als der aufgestellten Armenärzte sich gründen (§. 37 der Verfügung vom 14. October 
1830). Nötigenfalls werden den Gemeinden von der Staatskasse ausserordent¬ 
liche Beiträge geleistet. 

Die Kosten, welche die Aufstellung eines besonderen Hülfsarztes verursacht, 
trägt die Staatskasse allein. Derselbe erhält neben der regulativmässigen Ver¬ 
gütung der Reisekosten und der Diäten der achten Rangstufe noch eine besondere 
Zulage von täglich 9 Mark. Eine besondere Verrechnung von Krankenbesuchen 
findet nicht statt. 

Die Belohnung des mit der Verwaltung des Notharzneimittelvorraths beauf¬ 
tragten Arztes oder Wundarztes wird von der Ortscommission nach den Ver¬ 
hältnissen des einzelnen Falles bemessen. 


II. M&assregeln, welche im Falle der Gefahr eines Ausbruches der 
Cholera zu treffen sind. 

§. 8. Wenn im Falle des Ausbruches der Cholera in Deutschland oder 
einem ausserdeutschen europäischen Staat die Gefahr einer Verbreitung der 
Cholera nach dem Inlande näher gerückt ist, sind folgende vorbereitende M&ass¬ 
regeln zu treffen. 


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Hygienische Gesetze und Verordnungen. 

1. Seitens der Oberämter und der Oberamtspbysicate sowie der Gemeinde¬ 
behörden ist ein besonderes Augenmerk zu richten, dass die Strassen und Canäle 
gehörig gereinigt, die Abtritte und Düngerstätten in geordnetem Stand erhalten 
und die Brunnen gegen Verunreinigungen hinreichend geschützt werden. 

In allen denjenigen Ortschaften, in welchen die Cholera in früheren Jahren 
epidemisch aufgetreten ist, ist von den Gemeindebehörden, wenn die Ortschaft 
Sitz eines Oberamtes ist, von dem Oberamte und Oberamtsphysicat und den 
Gemeindebehörden, der Verkehr mit Nahrungs- und Genussmitteln einer besonders 
sorgfältigen und scharfen Controle zu unterwerfen, und die Versorgung mit 
Trinkwasser, die Abführung der Schmutzwässer, das Abtrittswesen und der 
Zustand der Düngerstätten einer genauen Untersuchung zu unterziehen. Auf 
die Beseitigung der hierbei Vorgefundenen Uebelstände ist unter besonderer 
Berücksichtigung der früher schon von der Cholera betroffenen Gebäude 
und Quartiere, welche zu diesem Behuf festzustellen sind, allen Ernstes hinzu¬ 
wirken. 

2. Auf Personen, welche aus von der Cholera befallenen oder von ihr 
unmittelbar bedrohten Gegenden zureisen, ist während der ersten Woche ihres 
Aufenthaltes bezüglich ihres Gesundheitszustandes ein besonderes Auge zu 
haben. In grösseren Städten sowie in sonstigen Orten mit erheblichem Fremden¬ 
verkehr ist von der Ortspolizeibehörde den Gastwirthen die Auflage zu machen, 
sobald aus solchen Gegenden zugereiste Gäste von einer Krankheit befallen 
werden, bei der nicht sofort der Verdacht der Cholera ausgeschlossen ist, hier¬ 
von unverzüglich der Polizeibehörde Anzeige zu machen. 

3. Die Gemeindebehörden der Oberamtsstädte sowie der Orte mit einer 
Einwohnerschaft von mehr als 5000 Seelen und des Grenzortes Friedrichshafen 
haben in Erwägung zu ziehen, in welcher Weise für den Falle der Einschleppung 
der Cholera die zur Isolirung der Kranken erforderlichen Räume, sowie die 
alsdann nothwendig werdenden Desinfectionsanstalten beschafft werden sollen. 

4. In den grösseren Städten und in sonstigen Orten mit erheblichem 
Fremdenverkehr sind die Gastwirthe durch die Ortspolizeibehörde aufzufordern, 
sowohl ihre Abtritte als auch diejenige Bettwäsche, welche durch Dejectionen 
von Gästen (Erbrechen oder Stuhlgang) verunreinigt sind, nach Vorschrift der 
§§. 27 und 29 zu desinficiren. 

§. 9. Bezüglich der Beaufsichtigung des Grenzverkehrs mit der Schweiz 
wird seitens des Ministeriums des Innern im einzelnen Falle die erforderliche 
Anordnung getroffen werden. 

§. 10. Sind infolge der Annäherung der Seuche an die Landesgrenze oder 
des Ausbruchs derselben innerhalb des Landes einzelne Orte von ihr unmittelbar 
bedroht, so hat in diesen Orten weiter Folgendes zu geschehen: 

1. Die in §. 8 Ziff. 1, Abs. 2 für Ortschaften, in welchen schon früher die 
Cholera ausgebrochen ist, vorgeschriebenen Maassregeln sind, auch ohne dass 
diese Voraussetzung zutrifft, ohne Verzug vorzunehmen, auch ist die in §. 8 
Ziff. 4 vorgesehene Desinfection in allen diesen Orten den Gastwirthen und 
Herbergsbesitzern aufzuerlegen. 

2. Es sind, ohne den Ausbruch der Cholera abzuwarten, alle diejenigen 
Schutzvorkehrungen zu treffen, welche zu ihrer Ausführung einiger Zeit bedürfen. 
Insbesondere sind 

a) passende Isolirräume bereit zu stellen. Wo keine hierzu geeigneten 
Krankenhäuser vorhanden sind, und es sich nicht empfiehlt, zu diesem Zweck 
eigene rasch erstellbare Nothbaracken zu errichten, ist bei der Ausmittelung der 
Locale, welche als Isolirräume verwendet werden sollen, darauf zu sehen, dass 
dieselben frei und hoch gelegen sind, und dass ihr Untergrund nicht feucht 
ist. Jedenfalls darf das die Räume enthaltende Gebäude nicht schon bei 
früheren Epidemieen von der Seuche heimgesucht gewesen sein, oder an einen 
mit andern Wohngebäuden in Verbindung stehenden zur Abführung von 


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Hygienische Gesetze und Verordnungen. 

fixcrementen dienenden Canal angeschlossen sein. Die Krankenzimmer müssen 
leicht gelüftet werden können und einen gehörigen Luftraum haben, auch 
müssen im Gebäude oder in dessen unmittelbarer Nähe die nöthigsten Einrich¬ 
tungen und Geräthe zur Desinfection der Kranken (Badewannen), Kleider, Leib¬ 
und Bettwäsche sowie der Dejectionen vorhanden sein. 

b) Für genügenden Vorrath an Desinfectionsmitteln sowie in grösseren Städten 
für die Errichtung öffentlicher Desinfectionsanstalten ist Bofort Sorge zu tragen. 
Es empfiehlt sich, Desinfectionsmittel mit entsprechender Belehrung an Minder¬ 
bemittelte nach Bedarf unentgeltlich abzugeben. 

c) Die Controle des Fremdenverkehrs in den Gasthäusern und Herbergen 
sowie die Aufsicht auf Bettler und Landstreicher muss mit besonderer Auf¬ 
merksamkeit gehandhabt werden. 

d) Den Aerzten und dem Publicum ist die für den Fall des Ausbruchs der 
Cholera bestehende Anzeigepflicht (vergl. §. 34) aufs eindringlichste durch 
wiederholte öffentliche Bekanntmachung einzuschärfen. 

e) In Orten mit Eisenbahnstationen ist sich mit dem Stationsvorstand wegen 
der Controle der Desinfection auf dem Bahnhofe sowie der Controle der auf 
der Station aussteigenden, nicht weiter reisenden Choleraverdächtigen, soweit 
die Conducteure auf solche aufmerksam machen, ins Benehmen zu setzen. 
Diese Verdächtigen sind, sofern der Verdacht sich nicht sofort als grundlos 
erweist, sogleich ärztlicher Behandlung zu übergeben und zutreffendenfalls in 
geeigneten Isolirräumen unterzubringen. 

§. 11. Schulkinder, welche ausserhalb des Schulortes wohnen, dürfen, 
solange in letzterem die Cholera herrscht, die Schule nicht besuchen, ebenso 
sind Schulkinder, in deren Wohnort die Cholera herrscht, vom Besuch der 
Schule in einem noch cholerafreien Ort ausgeschlossen. 

Gleiches gilt für den Besuch des Confirmandenunterrichts. 

§. 12. Die nach §. 10 erforderlichen Maassregeln sind unter steter Aufsicht 
der Bezirkscommission von den Ortscommissionen anzuordnen, beziehungsweise 
(vergl. §. 4) zu beantragen. Den Ortscommissionen liegt es ob, die Maassregeln 
durchzuführen, sowie deren Einhaltung zu überwachen. 

§. 13. Ist die Krankheit in der Nähe eines Bezirks oder in demselben selbst 
ausgebrochen, so hat die Bezirkscommission es zu verhindern, dass im Bezirk 
Messen, Jahrmärkte oder andere Veranstaltungen, welche ein ähnliches gefähr¬ 
liches Zusammenströmen von Menschen zur Folge haben, stattfinden. 

UL Maassregeln, welche in Orten, in welchen die Cholera 
ausgebrochen ist, zu treffen sind. 

a. Feststellung der Krankheitsfälle. 

§. 14. Sobald in einem Orte ein erstmaliger Cholerafall vorkommt oder die 
bereits erloschene Seuche wieder ausbricht, ist von dem Ortsvorstand hiervon 
der Bezirkscommission telegraphisch oder, soweit dies nicht möglich, durch 
besondere Boten Anzeige zu machen. 

Zugleich hat der Ortsvorstand wegen unverzüglicher Aufstellung der Orts¬ 
commission, wenn dies nicht bereits geschehen, Einleitung zu treffen. 

Sofort nach dem Eintreffen der Anzeige vom Ausbruch der Cholera begiebt 
sich der Oberamtsarzt behufs Feststellung der Krankheit an Ort und Stelle. 
Bestätigt sich hierbei der Ausbruch der Cholera, so sind von ihm sofort die 
nächsten Weisungen behufs Bekämpfung der Seuche zu ertheilen. 

§. 15. Der Ortsvorstand hat auf Grund der eingehenden Anmeldungen 
nach dem in Beilage II. enthaltenen Schema ein fortlaufendes Register über 
die angemeldeten Krankheitsfälle zu führen, auch nach diesem Schema der 


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Hygienische Gesetze und Verordnungen. 167 

Bezirkscommission für deren Berichterstattungen (vergl. §. 6 Ziff. 3) das erforder¬ 
liche Material zu liefern. 

In grösseren Städten sind im Falle erheblicheren Umsichgreifens der Krankheit 
tägliche Uebersichten über den Stand derselben nach dem Formular Beilage III. 
in den Tagesblättern zu veröffentlichen. 

Wenn in rascher Folge mehrere Fälle von Cholera in einem Garnisonsort 
oder in Orten, welche in nächster Nähe einer Garnison liegen und von den 
Angehörigen der letzteren häufig besucht werden, auftreten, so ist hiervon, 
wenn der Ort Sitz eines Oberamtes ist, durch dieses, anderenfalls durch den 
Ortsvorstand der Militärbehörde des Garnisonorts sofort unter Bezeichnung der 
von der Krankheit heimgesuchten Ortstheile Mittheilung zu machen. 

Einer Garnison gleichzuachten sind Orte, in welchen Truppen einquartiert 
sind, oder in deren nächster Nähe solche im Lager stehen. 

b. Isolirung der Erkrankten. 

§. 16. Sobald ein Ort von der Cholera ergriffen wird, sind die ersten 
Cholerakranken in die hierfür bestimmten oder sofort zu bestimmenden Isolir- 
räume (vergl. §. 10 Ziff. 2 a) zu verbringen. Ist dies nicht möglich, so soll 
wenigstens der Verkehr dieser Kranken und ihrer Umgebung mit der übrigen 
Einwohnerschaft möglichst beschränkt werden. Soweit nicht eine ständige 
polizeiliche Ueberwachung durchführbar ist, sind zu diesem Zwecke wenigstens 
Warnungsplacate an den Häusern und Wohnungen, in welchen Cholerakranke 
liegen, anzuschlagen, auch ist geeignetenfalls in grösseren Städten das Vor¬ 
handensein von Cholerakranken in bestimmten Häusern durch die Tagesblätter 
öffentlich bekannt zu geben. 

§. 17. Auch im weiteren Verlauf einer Epidemie sind die Cholerakranken 
in thunlichst umfassender Weise, namentlich aber arme und schlecht unter¬ 
gebrachte Kranke in Hospitäler oder zu diesem Zweck besonders hergestellte 
Räumlichkeiten (§. 10 Ziff. 2 a) unterzubringen und zu verpflegen. Unter 
Umständen ist es vorzuziehen, den Kranken in der Wohnung zu belassen und 
die Gesunden aus derselben fortzuschaffen. Eine derartige Evacuation ist 
namentlich angezeigt betreffs derjenigen Häuser, welche früher von der Cholera 
gelitten haben und ungünstige sanitäre Zustände (Ueberfüllung, Unreinlichkeit 
und dergl.) aufweisen. 

§. 18. Sobald die Krankheit in einem Orte eine grössere Verbreitung findet, 
ist die Schliessung sämmtlicher Schulen sowie des Confirmandenunterrichts 
durch die Bezirkscommission herbeizuführen. Auch wenn nur einzelne Fälle 
der Krankheit Vorkommen, soll Eltern, welche ihre Kinder vom Schulbesuch 
befreit wünschen, die Erlaubnis hierzu nicht erschwert werden. 

c. Sorge für die einzelnen Erkrankten. 

§. 19. Für Aufstellung und angemessene Instruirung von Krankenwärtern 
und insbesondere, wenn immer möglich, von ständigen Krankenträgern, deren 
Namen und Wohnung zu veröffentlichen ist, für Nothlocale in den grösseren 
Städten des Landes zur ersten augeublicklichen Unterbringung von Kranken 
bei plötzlichen Anfallen, endlich für die nöthigen Transportmittel wird die Orts¬ 
commission im Einvernehmen mit den betreffenden Behörden und Privatvereinen 
schleunige Sorge tragen. Für den Transport der Kranken sind dem öffentlichen 
Verkehr dienende Fuhrwerke (Droschken etc.) nicht zu benutzen. Hat eine solche 
Benutzung trotzdem stattgefunden, so ist das Gefährt zu desinficiren (vergl. §. 28). 

§. 20. In grösseren Orten wird die Ortscommission für Stationen sorgen, 
in welchen jederzeit, vor Allem aber Nachts, ein Arzt zu treffen ist. 

In Orten, welche keinen Arzt haben, ist erforderlichenfalls für die Dauer 
der Krankheit ein solcher mit dem Wohnsitz im Orte aufzustellen, jedenfalls 


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168 Hygienische Gesetze und Verordnungen. 

aber für augenblickliche Hülfe, Berichterstattung etc. (§. 21 der Verfügung vom 
14. October 1830, betreffend die medicinisch - polizeilichen Maassregeln bei den 
der unmittelbaren Fürsorge des Staates unterliegenden Krankheiten) ein Wund¬ 
arzt anwesend zu halten und angemessen zu instruiren. 

Ist in einem Bezirke Mangel an den nöthigen Aerzten, so wird der Cholera¬ 
commission schleunig Anzeige erstattet, vorsorglich aber der nächste verfügbare 
Arzt berufen. 

§. 21. Die ärztliche Behandlung aller Kranken, welche sich nicht auf ihre 
Kosten ärztliche Hülfe verschaffen wollen, und nicht in Anstalten mit eigenen 
Aerzten untergebracht sind, liegt den Oberamtsärzten (Districtsärzten, Ortsarmen¬ 
ärzten) und den ihnen nöthigenfalls von der Choleracommission beizugebenden 
Hülfsärzten ob. 

In Orten, welche keine Apotheke besitzen, wird die Ortscommission erforder¬ 
lichenfalls für die Einrichtung eines Notharzneimittelvorrathes und Gebrauchs¬ 
anweisung Sorge tragen, welcher unter dem Verschluss des im Orte stets an¬ 
wesenden Arztes oder Wundarztes (§. 20) steht. 

Die Medicamente aus demselben werden unentgeltlich abgegeben. 

Die Aerzte haben ihre Aufmerksamkeit neben den Kranken mit aus¬ 
gesprochener Cholera auch den an Diarrhoe Leidenden zuzuwenden und dafür 
zu sorgen, dass Einrichtungen getroffen werden, welche die ärmere Volksclasse 
für ärztliche Behandlung dieses Unwohlseins geneigter macht. Wenn es möglich 
ist, so sollen auch diese Kranken in ein besonderes Local aufgenommen, ver¬ 
pflegt und von der Ortscommission unterstützt werden. 

Die Räume, in denen sich Cholerakranke befinden, sind täglich dreimal ge¬ 
hörig zu lüften. Gegen Erkältungen beim Auslüften sind die Kranken durch 
warme Bedeckung, sowie unter Umständen durch Heizung zu schützen. 

Für Herbeischaffung von Eis in genügendem Vorrath ist bei Zeiten zu 
sorgen. 


d. Beerdigung der Gestorbenen. 

§. 22. Die Beerdigung von an Cholera gestorbenen Personen ist möglichst 
einfach, ohne auffallende Abweichung von den bestehenden Gebräuchen, Morgens 
früh oder Abends spät vorzunehmen. Dieselbe ist unter Abkürzung der für 
gewöhnliche Zeiten vorgeschriebenen Fristen thunlichst zu beschleunigen (ver¬ 
gleiche Abs. 1, Ziff. 4 und Abs. 2 und 3 des §. 13 der kaiserlichen Verordnung, 
betreffend die Leichenschau, die Leichenöffnung und das Begräbniss, vom 
24. Januar 1882). 

§. 23. Leichen der an Cholera Gestorbenen sind da, wo Leichenhäuser 
bestehen, sobald als möglich in dieselben zu verbringen, namentlich dann, wenn 
für die Aufstellung der Leiche ein gesonderter Raum nicht vorhanden ist. In 
Orten, welche keine Leichenhäuser besitzen, sollen bei starker Vermehrung der 
Todesfälle provisorische Baracken auf den Kirchhöfen zur Unterbringung und 
Bewachung der Leichen bis zur Beerdigung errichtet werden. 

§. 24. Die Ausstellung von Choleraleichen vor dem Begräbniss ist zu unter¬ 
sagen, das Leichengefolge möglichst zu beschränken und dessen Eintritt in 
die Sterbewohnung zu verbieten, auch anzuordnen, dass diejenigen Personen, 
welche die Leichen besorgen, nicht auch zugleich die Leichenbegängnisse an- 
sagen. 

§. 25. Leichen auch von Personen, welche nicht an der Cholera gestorben 
sind, dürfen aus einem Orte, in welchem die Cholera herrscht, während der Dauer 
der Epidemie sowie während eines Monats nach dem Erlöschen derselben nur 
auf den ordnungsmässigen Begräbnissplatz des Ortes, nicht aber sonst wohin 
nach auswärts verbracht werden. 


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Hygienische Gesetze und Verordnungen. 

e. Vorsichtsmaassr egeln für das mit Cholerakranken und 
Choleraleichen beschäftigte Personal. 

§. 26. Alle Personen, welche mit Cholerakranken oder Effecten von solchen 
oder mit Choleraleichen in Berührung gekommen, namentlich von den Auslee¬ 
rungen, welche den Ansteckungsstoff enthalten (Stuhlgänge oder Erbrochenes), 
beschmutzt sind, haben sich jedesmal, bevor sie wieder mit Menschen in Verkehr 
treten oder etwas gemessen, zu reinigen und die Hände mit der in Beilage IV 
Ziff. 2 bezeichneten Carbollösung zu waschen. Ganz besonders ist auch dahin 
zu wirken, dass in den von Cholerakranken benutzten Räumen nicht gegessen 
und getrunken wird. 

Hierüber müssen, abgesehen von den Angehörigen der Cholerakranken, die 
Krankenwärter, Krankenträger, sowie diejenigen Personen, welche die Wäsche 
der Kranken, und diejenigen, welche die Leichen besorgen, durch die Orts¬ 
commissionen eingehend belehrt werden. Die Wäscherinnen sind ausserdem 
anzuweisen, dass sie Wäsche von Cholerakranken sowie von Fremden während 
der Cholerazeit benutzte Wäsche der Gasthöfe niemals ohne vorhergehende 
gründliche Desinfection zum Waschen annehmen dürfen. Dies ist namentlich 
auch den in grösseren Städten bestehenden grösseren Waschanstalten aufzugeben 
und sind dieselben bezüglich der Durchführung dieser Vorschrift polizeilich zu 
überwachen. 

f. Desinfection. 

§. 27. Die Desinfection ist im Allgemeinen unter Anwendung der in Bei¬ 
lage IV angegebenen Mittel zu besorgen, jedoch ist dabei noch besonders zu 
bemerken: Ganz besondere Aufmerksamkeit ist der Desinfection der Betten und 
der Leibwäsche des Kranken oder Gestorbenen zu widmen, geringwerthige 
Gegenstände sind durch Verbrennen zu vernichten. Die Ausleerungen der 
Cholerakranken sind womöglich sofort in einem Gefass aufzufangen, welches 
eine Carbolsäurelösung von der in der Beilage IV Ziff. 2 bezeichneten Stärke 
enthält Mit den Ausleerungen beschmutzte Leib- und Bettwäsche ist sofort 
in eine gleiche Lösung hineinzulegen. Kleidungsstücke, für welche diese Be¬ 
handlung nicht angängig ist, sind vor erfolgter Desinfection, abgesehen vom 
etwaigen Transport in eine öffentliche Desinfectionsanstalt, nicht aus dem 
Krankenzimmer zu entfernen. Mit den Ausleerungen verunreinigte Möbel, 
Fussböden u. s. w. sind mit trockenen Lappen abzureiben, letztere zu verbrennen 
oder sofort in die vorerwähnte Carbollösung zu legen. Die Menge der zu ver¬ 
wendenden Carbollösung musB mindestens den fünften Theil der zu desinficirenden 
Masse ansmachen. 

§. 28. Wo eine anderweitig genügende Desinfection nicht ausführbar ist, 
wie z. B. bei Polstermöbeln, Bettfedern, Matratzen, Wagenpolstern, ganzen 
Wagen ist eine Aussergebrauchsetzung derselben und dauernde Lüftung an 
einem trockenen, vor Regen geschützten Orte durch mindestens 6 Tage in 
Anwendung zu bringen. Ebenso sind Wohnräume, in denen Cholerakranke 
gelegen sind, wenn möglich zu räumen und gleichfalls 6 Tage hindurch zu 
lüften, damit sie vollständig austrocknen. Das Austrocknen ist besonders bei 
nasser und kühler Witterung noch durch Heizen zu unterstützen. 

§. 29. Die Aborte und Pissoirs auf Eisenbahnstationen, in Gasthäusern und 
Herbergen sind während der Dauer der Epidemie nach der in Beilage IV ent¬ 
haltenen Anweisung auf Kosten der Eigenthümer zu desinficiren. Auch bei 
anderen Gebäuden, welche dem öffentlichen Verkehr zugänglich sind oder einer 
grösseren Personenmenge zum Aufenthalt dienen, ist, falls dies nach Lage des 
Falles erforderlich ist, eine solche Desinfection der Abtritte anzuordnen. 

In denjenigen Häusern, in welchen Cholerafalle aufgetreten sind, oder deren 
Abtritte von Cholerakranken benützt worden sind, hat eine einmalige Desinfection 
der Abtritte durch die Besitzer stattzufinden. 

Im Uebrigen kann in der Regel die Desinfection der Abtritte «unterbleiben. 


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Hygienische Gesetze und Verordnungen. 


g. Allgemeine sanitätspolizeiliche Maassnahmen. 

§. 80. Sofort nach dem Ausbruche der Cholera wird der Ortscommission 
seitens der Choleracommission eine genügende Anzahl gedruckter Belehrungen 
über das Verhalten während der Dauer einer Choleraepidemie zugesandt werden, 
für deren Verbreitung unter der Einwohnerschaft seitens der Ortscommission 
Sorge zu tragen ist. 

§. 31. Den in §. 8 Ziff. 1 dieser Verfügung angeordneten Maassregeln ist 
während der Dauer der Cholera erneute und verdoppelte Aufmerksamkeit zu¬ 
zuwenden und dabei besonders Folgendes zu beobachten: 

Für die rasche Abführung der Schmutzwässer aus der Nähe der Häuser 
ist Sorge zu tragen und deren Einleitung in etwa vorhandene Senkgruben am 
Hause zu vermeiden. Es soll zu diesem Zweck die Reinhaltung der Strassen, 
Abzugscanäle, Hofräume u. s. f. regelmässig betrieben werden, und wenn es an¬ 
geht, durch Abschwemmung geschehen. Pfützen und stehendes Wasser müssen 
ohne Verzug abgeleitet werden. 

Münden Abtrittsschläuche auf den blossen Boden oder in nicht wasserdichte 
Gruben, so sind unverweilt Fässer, Kübel oder andere Behälter unter dieselben 
zu stellen. 

Nicht wasserdichte hölzerne Behälter werden in ihren Fugen ausgepicht 
und wie die zuerst genannten auf Steinplatten oder zusammengelegte Steine 
gestellt und Stroh dazwischen gelegt. 

Vorhandene Abtrittsgruben sind, so lange die Epidemie noch nicht am Orte 
ausgebrochen ist, zu entleeren, während der Herrschaft der Epidemie ist die 
Räumung auf das Nothwendigste zu beschränken. 

Muss aber wegen Gefahr des Ueberlaufens, welch letzteres auf alle Fälle 
absolut zu vermeiden ist, eine Räumung stattfinden, so soll der Inhalt der 
Abtritte auf Felder gebracht werden, welche in beträchtlicher Entfernung von 
Wohngebäuden und namentlich nicht in der Nähe von Brunnen, Brunnenstuben 
oder Brunnenleitungeu liegen. 

Die Fäcalmasßen werden dort in eine Grube von höchstens 0*5 m Tiefe und 
möglichst grosser Grundfläche gebracht und mit Erde bedeckt. 

Unter keinen Umständen ist es zu dulden, dass Fäcalmassen in Bäche, 
Flüsse oder stehende Wasser oder auf Düngerstätten geworfen werden. 

Für ein reines Trink- und Gebrauchswasser ist Sorge zu tragen; als solches 
ist das Wasser, welches aus dem Untergrund des Choleraortes geschöpft wird, 
in der Regel nicht anzusehen und nicht zu benutzen, wenn vorwurfsfreies 
Leitungswasser zur Verfügung steht. Brunnen mit gesundheitsgefährlichem 
Wasser, wozu jedenfalls alle Pumpbrunnen in den Strassen, in der Nähe von 
Abtritten und von Häusern mit Cholerakranken gehören, sind sofort zu 
schliessen. 

Jede Verunreinigung der Stellen, von welchen Wasser zum Trink- oder 
Hausgebrauch entnommen wird, und ihrer nächsten Umgebung, namentlich 
durch die Abfalle der menschlichen Haushaltungen ist zu verhindern. Ins¬ 
besondere ist das Spülen von Gefässen und Wäsche, welche mit Cholerakranken 
in Berührung gekommen sind, an den Wasserentnahmestellen oder in deren 
Nähe strengstens zu untersagen. Endlich ist auch für Reinlichkeit der Wohn- 
gelasse selbst sowie der Kleidung, für warme Bekleidung und gesunde Kost, 
sowie für das nöthige Brennholz minder Bemittelter Sorge zu tragen. 

Was denVerkehr mit Nahrungs- und Genussmitteln betrifft, welcher sowohl 
betreffs der Beschaffenheit der Waaren, als auch der Verkaufslocale zu contro- 
liren ist, so kann es nach Umständen nöthig werden, Verkaufslocale wegen der 
Gefahr der Verbreitung der Krankheit zu schliessen. 

Die Bestimmungen der §§. 8 und 10 haben in Orten, in welchen die Cholera 
ausgebrochen ist, auch soweit sie in Vorstehendem nicht wiederholt sind, An¬ 
wendung zu -finden. 


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Hygienische Gesetze und Verordnungen. 


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h. Von der Thätigkeit der Ortscommissionen insbesondere. 

§. 32. Die Aufgabe der Ortscommission ist es, die gemäss §§. 14 bis 31 
nothwendig werdenden Maassregeln anzuordnen, dieselben durchzuführen und 
ihre Durchführung zu überwachen. 

Zu diesem Zwecke wird die Commission beziehungsweise ihre Abtheilungen 
oder Deputationen sich beständig durch fortgesetzte Besuche in allen einzelnen 
Häusern der Ortschaft über den Gesundheitszustand der Bewohner in Kenntniss 
erhalten, für Ernährung, Kleidung und anderweitige Unterstützung der Armen, 
soweit ein Bedürfnis hierfür durch Erkrankungsfälle veranlasst ist, Sorge tragen, 
in solchen Häusern, wo Cholerafälle Vorkommen, die erforderlichen Anordnungen 
und Belehrungen bezüglich der Isolirung und Behandlung der Kranken, Be¬ 
handlung der Todten, Vorsichtsmaassregeln des Wartepersonals und der Des- 
infection geben und den sanitären Zuständen sämmtlicher Häuser im Allgemeinen 
ihre besondere Aufmerksamkeit zuwenden, auch auf Abstellung Vorgefundener 
Missstände hinwirken. Bei diesen Geschäften wird sich die Ortscommission 
stets der Mithülfe der Aerzte versichern und bedienen. 

In Garnisonorten hat sich die Ortscommission geeignetenfalls auch mit der 
Militärbehörde behufs gleichmässiger Durchführung der Schutzmaassregeln ins 
Benehmen zu setzen. 

IV. Anzeigepflicht. Schlussbestimmung. 

§. 33. Bezüglich der Verpflichtung zur Anzeige vom Ausbruch der Cholera 
wird auf die Minißterialverfügung vom 5. Februar 1872 hingewiesen. Die An¬ 
gehörigen von Cholerakranken beziehungsweise diejenigen Personen, wrelche die 
Pflege eines Kranken übernommen haben, werden neben der hiernach ihnen 
obliegenden Verpflichtung zur Anzeige von jedem einzelnen Choleraerkrankungs¬ 
falle unter Hinweisung auf Art. 25 Ziff. 4 des Gesetzes vom 27. December 1871, 
betreffend Aenderung des Polizeistrafrechtes bei Einführung des Strafgesetz¬ 
buches für das Deutsche Reich, für verpflichtet erklärt, auch von jedem Todes¬ 
fall bei Cholerakranken unverweilt der Ortspolizeibehörde Anzeige zu machen. 
Diese Anzeige, welche durch die Anzeige des Todesfalles beim Standesamt nicht 
ersetzt wird, geht im Falle der Behandlung des Kranken durch einen approbirten 
Arzt auf diesen über. 

Bei Cholerafällen, beziehungsweise Choleratodesfällen, welche sich auf 
Schiffen ereignen, liegt die Verpflichtung zur Anzeige bei der Ortspolizeibehörde 
des nächsten Landungsplatzes dem Führer des Schiffes ob. 

§. 34. Der Choleracommission bleibt es Vorbehalten, jederzeit nach Maass¬ 
gabe der Verbreitung der Krankheit im Lande oder des einzelnen Falls noth¬ 
wendig werdende weitere allgemeine oder örtliche Maassregeln anzuordnen. 
Dieselbe erkennt insbesondere über die etwaige Entsendung von Hülfsärzten 
wie auch von Aerzten, welchen die Ueberwachung des Verkehrs an Eisenbahn¬ 
stationen oder Grenzorten übertragen werden soll. 

Stuttgart, den 2. August 1884. 

Königl. Ministerium des Innern: Holder. 


Anhang. 

Instruction zur Vornahme der Desinfection. 

1. Inficirte oder verdächtige Kleider, Wäsche, Betten und sonstige Effecten 
sind, soweit nicht ihre Vernichtung durch Feuer angezeigt ist, mit heissen 
Wasserdämpfen zu behandeln. 

Als hierfür geeignete Apparate können nur diejenigen angesehen werden, 
in welchen ein fortwährendes Durchströmen von heissen Wasserdämpfen durch 


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Hygienische Gesetze und Verordnungen. 

den Desinfectionsraam etattfindet und bei welchen die Temperatur der Wasser¬ 
dämpfe überall mindestens 100° C. beträgt. 

Diese Bedingung wird erfüllt, wenn ein in die Oeffnung, durch welche der 
Dampf den Apparat wieder verlässt, gebrachtes Thermometer die Temperatur 
von 100° C. erreicht. 

Die Zeit, während welcher die zu desinficirenden Gegenstände den heissen 
Wasserdämpfen ausgesetzt werden, darf bei leicht zu durchdringenden Gegen¬ 
ständen, z. B. Kleidern, nicht weniger als eine Stunde, bei schwer zu durch¬ 
dringenden Gegenständen, z. B. Matratzen, nicht weniger als zwei Stunden 
betragen. Hierbei ist die Zeit nicht mitgerechnet, welche vergeht, bis der 
Dampf, welcher aus dem Desinfectionsraume ausströmt, die Temperatur von 
100° C. erreicht hat. 

Der Wasserdampf wird am besten in einem Dampfkessel (z. B. einer Fabri^ 
Heizungsanlage, Locomotive etc.) entwickelt und mittelst einer Röhre in den 
DesinfectionBraum eingeleitet. 

Der Desinfectionsraum wird zweckmässig in Form eines Kastens aus Dielen 
hergestellt und muss mindestens so geräumig sein, dass in demselben zusammen¬ 
gerollte Matratzen oder andere grössere Bettstücke eingebracht werden können. 
Der Deckel muss fest aufsitzen und mit Haken oder Riegeln verschliessbar 
sein. Das Dampfrohr soll hart am Boden einmünden, während an dem Deckel 
eine ebenso weite etwa 1 m hohe Ausströmungsrölire angebracht ist. Zur Ver¬ 
meidung einer Durchnässung der Gegenstände wird etwa 10 cm über dem Boden 
ein Rost aus Latten, Gurten u. dergl. eingesetzt. 

Wo ein Dampfkessel fehlt, kann ein grösserer Waschkessel dienen, über 
den man ein Holzfass als Desinfectionsraum stürzt, dessen unterer Boden heraus¬ 
genommen ist, und dessen oberer Boden zum Ausströmen des Dampfes eine 
runde Oeffnung hat, in welche ein Thermometer eingesetzt werden kann. Die 
zu desinficirenden Gegenstände sind in das Fass zu legen und deren Herabfallen 
in den Kessel durch Schnüre oder Horden oder auf eine andere Weise zu ver¬ 
hindern. Ein solches Fass muss auf dem Waschkessel nötigenfalls unter 
Verstreichen des unteren Randes mit Häfnerlehm möglichst dicht aufgesetzt 
werden. 

2. Falls genügende Apparate zur Desinfection mit heissen Wasserdämpfen 
nicht zur Verfügung stehen, sind die bezeichneten Gegenstände, wenn nicht ihre 
Vernichtung durch Feuer vorgezogen wird, während der Dauer von 48 Stunden 
in Carbolsäurelösung einzuweichen und darauf mit Wasser zu spülen. Zur 
Bereitung der Lösung ist die sogenannte lOOprocentige Carbolsäure (Acidum 
carbolicum der Pharmakopoe) zu benützen und zwar ist zu jedesmaligem Ge¬ 
brauche ein Theil derselben in 18 Theilen Wasser unter häufigem Um¬ 
rühren zu lösen. 

3. Zur Desinfection der dem öffentlichen Verkehr zugänglichen Aborts¬ 
anlagen sowie derjenigen in Cholerahäusern (vergl. §. 29) ist rohe Carbolsäure 
zu verwenden. Die Abtrittsbehälter (wasserdicht gemachte hölzerne Behälter, 
ausgemauerte Gruben oder steinerne Tröge) werden zum ersten Mal sowie jedes¬ 
mal nach ihrer Leerung zum fünften Theil mit einer Flüssigkeit gefüllt, welche 
aus Wasser und roher Carbolsäure in dem Verhältnis gemischt ist, dass sie in 
10 Theilen 5 Theile wirklicher Carbolsäure enthält. 

Sollte im Falle der Ausbruches der Cholera in einem Hause der Abtritts¬ 
behälter fast oder ganz gefüllt sein, so ist er sofort nach vorheriger möglichster 
Desinficirung des Inhaltes und der Umgebung mit roher Carbolsäure zu leeren. 


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Hygienische Gesetze und Verordnungen. 


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Erlass königl. preussfschen Kriegsministeriums Tom 26« August 1884, 
betreffend Choleramaassregeln in der Armee« 

Bei der noch immer vorhandenen Gefahr des Eindringens der Cholera in 
Deutschland und in die Armee erscheint es unerlässlich, frühzeitig Vorsorge zu 
treffen, dass beim ersten der Cholera verdächtigen Krankheitsfalle sofort wissen¬ 
schaftlich constatirt werden kann, ob es sich um wirkliche asiatische Cholera 
handelt, da nur unter dieser Bedingung die Möglichkeit vorhanden ist, durch 
Vernichtung des Krankheitskeimes in der Umgebung des Kranken diesen Fall 
unschädlich zu machen und so der Weiter Verbreitung der Seuche mit Erfolg 
entgegen zu wirken. Vorbedingung für die Sicherung der Diagnose bei einer 
vereinzelt auftretenden Erkrankung ist die Fähigkeit, durch mikroskopische 
Untersuchung und vermittelst methodischer Reinculturen den Cholerabacillus 
in den Ausleerungen, der Wäsche oder anderen mit dem Kranken in Berührung 
gekommenen Gegenständen nachzuweisen, eine Fertigkeit, welche zur Zeit 
nur im Reichsgesundheitsamte mit Hülfe der vom Geheimen Regierungsrath 
Dr. Koch dargestellten Präparate und Culturen zu erlangen ist. 

Im Hinblick auf die hohe Bedeutung dieser Angelegenheit sowohl für die 
gesammte Bevölkerung, als auch ganz besonders für die Armee hat Se. Excellenz 
der Herr Kriegsminister genehmigt, dass aus den von einer eventuellen Cholera¬ 
invasion muthmaasslich zunächst bedrohten Armeecorps je ein Sanitätsofficier 
nach Berlin commandirt werde, um im Reichsgesundheitsamte die dort gebräuch¬ 
lichen Methoden zur Untersuchung auf Cholerabacillen zu erlernen. 

Das königliche Generalcommando beehrt sich desshalb die Unterzeichnete 
Abtheilung ganz ergebenst zu ersuchen, nach Anhörung des Corpsarztes, welcher 
Abschrift hiervon erhält, einen besonders hierfür geeigneten Sanitätsofficier — 
wenn angängig, ags der Zahl der jüngeren Stabsärzte — sehr gefälligst so recht¬ 
zeitig hierher namhaft zu machen, dass dessen Commandirung zum 15. September 
d. J. erfolgen kann. Das Commando wird voraussichtlich auf acht Tage bemessen 
werden können, doch bleibt die endgültige Festsetzung der Dauer noch von 
weiteren Verhandlungen mit dem Reichsgesundheitsamte abhängig und würde 
dem königlichen Generalcommando die Abtheilung später noch das Nähere mit- 
zutheilen sich erlauben. 

Erwünscht wäre es, dass, wo nicht besondere Hindernisse entgegenstehen, 
derjenige Sanitätsofficier für die Commandirung ausersehen wird, welcher etwa 
bereits längere Zeit mit den mikroskopischen Untersuchungen beim dortigen 
Garnisonlazareth betraut gewesen ist. Dem Betreffenden würde das dem dortigen 
Gamisonlazareth überwiesene grössere Mikroskop von Seibert und Kraft mit 
homogener Immersion und Abbe’scher Beleuchtung hierher mitzugeben sein, 
damit er sich mit diesem auf die Bacterienuntersuchung besonders einübe. 
Nach seiner Rückkehr in die Garnison wird derselbe sich jederzeit bereit zu 
halten haben, um nach Meldung eines choleraverdächtigen Krankheitsfalles auf 
Befehl des königl. Generalcommandos sich unverzüglich an den Ort der Erkran¬ 
kung zu begeben. 

Den zu commandirenden Sanitätsofficier sehr gefälligst anweisen lassen zu 
wollen, dass derselbe sich am 15. September d. J. Vormittags 10 Uhr auf der 
Unterzeichneten Abtheilung und demnächst im kaiserl. Reichsgesundheitsamte 
beim Geheimen Regierungsrathe, Oberstabsarzt 1. CI. und k la suite des Sanitäts¬ 
corps Dr. Koch melde, darf die Unterzeichnete Abtheilung noch ebenmässig 
anheimstellen. 

Berlin, den 26. August 1884. 

Kriegsministerium. 


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Hygienische Gesetze und Verordnungen. 


Erlass königl* preußischen Kriegsministeriums rom 12. September 1884, 
betreffend Choleramaassregeln in der Armee. 

Aue den bis jetzt hier eingegangenen Mittheilungen verschiedener königl. 
Generalcommandos hat das Kriegsministerium ersehen, welche vorbereitenden 
Maassnahmen seitens der betreffenden Behörden infolge der diesseitigen Ver¬ 
fügung vom 25. v. M. hinsichts der zur Abwehr der Cholera erforderlichen 
sanitären Anordnungen bereits getroffen beziehungsweise in Aussicht genom¬ 
men sind. 

Unter Bezugnahme auf die §§. 13 bis 17 des Friedenslazarethreglements 
bemerkt das Kriegsministerium zunächst ergebenst, dass die eventuell erforder¬ 
lich werdenden Einrichtungen beziehungsweise Beschaffungen etc. im Allgemeinen 
dem dortseitigen Ermessen nach Anhörung des Corpsgeneralarztes bezie¬ 
hungsweise der Corpsintendantur anheimgestellt bleiben. 

Im Speciellen gestattet sich hierbei das Kriegsministerium noch um Berück¬ 
sichtigung nachbezeichneter Punkte ergebenst zu ersuchen: 

1. Beim Ausbruch der Cholera in der Garnison würde darauf Bedacht zu 
nehmen sein, Bürgerquartiere, welche durch Insalubrität der Grundstücke, zu 
dichte Belegung, die Art der Wasserversorgung, der Latrinenverhältnisse etc. zu 
besonderen hygienischen Bedenken Veranlassung geben, zu räumen. Dies trifft 
auch zu für Quartiere, in denen die Cholera aufgetreten ist, oder welche sich in 
besonders von dieser Krankheit bedrohten beziehungsweise heimgesuchten Stadt¬ 
gegenden befinden. Es dürfte sich empfehlen, die anderweitige Unterbringung 
der aus diesem Grunde zu dislocirenden Mannschaften rechtzeitig ins Auge zu 
fassen und bei der diesfalligen Disposition auch die zu diesem Zwecke mit in 
Frage kommenden Exercierhäuser etc. zu berücksichtigen. 

2. Die Unterbringung der Cholerakranken in Zelten ist pur für den ersten 
Zugang dieser Kranken in Aussicht zu nehmen, sofern bis zum Ausbruche der 
Krankheit die Beschaffung geeigneterer Unterkunftsräume sich nicht hat ermög¬ 
lichen lassen. 

3. Die Verwendung von Exercierhäusern, Baracken u. s. w. als Cholera- 
lazarethe kann diesseits nur als angängig erachtet werden, wenn durch ihre 
Lage zu bewohnten Grundstücken, Truppenübungsplätzen etc. eine Gefahr der 
Uebertragung der Krankheit ausgeschlossen erscheint. 

Für etwa geplante Errichtung von Baracken würde die Kriegsbaracke mit 
Heizeinrichtung (§. 66 der Anlage zur Kriegssanitätsordnung) ein zweck¬ 
entsprechendes Modell gewähren. 

4. Die Unterbringung von Cholerakranken in den Garnisonlazarethen ist 
nach der Verfügung vom 25. October 1866 unzulässig. Wenn zwingende Noth- 
wendigkeit ein Abweichen von diesem Grundsätze erheischt, so sind die Cholera¬ 
kranken jedenfalls in Isolir- oder solchen Bäumen unterzubringen, die eine voll¬ 
ständige dauernde Trennung dieser Kranken eventuell unter Zuhülfenahme 
besonderer Abschliessungsvorrichtungen (Vorschläge etc.) zulassen. In gleicher 
Weise ist das mit der Pflege und Wartung der Betreffenden beauftragte Per¬ 
sonal von der Berührung mit anderen Kranken etc. auszuschliessen. 

5. Beim Auftreten der Cholera in Casernements und Massenquartieren 
werden — ausser den bereits vorgeschriebenen prophylaktischen Maassregeln — 
noch folgende besonders zu beachten sein: 

a) Als Theil der vorschriftsmässigen Latrinendesinfection hat sich täglich 
mehrmals eine gründliche Reinigung der Latrinensitzbretter durch Abscheuern 
mit desinficirenden Lösungen stattzufinden. 

b) Für die sofortige Unschädlichmachung der in der Caserne, Quartier etc. 
gebrauchten Bett- und Leibwäsche (soweit letztere im Casernement etc. verbleibt), 
und der sonstigen Effecten der an Cholera erkrankten Mannschaften ist Sorge 
zu tragen. Zu dem Zwecke sind die Wäschestücke sofort am Bette- beziehungs- 


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Hygienische Gesetze und Verordnungen 175 

weise auf dem Zimmer des Erkrankten in ausschliesslich dazu bestimmte, mit 
hinreichend starken desinficirenden Flüssigkeiten gefüllte Gefasse einzulegen 
und mehrere Stunden lang einzuweichen, sofern die Wäsche nicht sogleich an 
Ort und Stelle der Desinfection durch hohe Hitzegrade unterzogen werden kann. 
Die weitere Reinigung der Wäsche Cholerakranker ist besonders zu regeln. Die 
näheren Modalitäten, unter welchen letzteres zu erfolgen hat, müssen von den 
localen Verhältnissen abhängig bleiben. Die sonstigen Effecten der Erkrankten, 
sowie derjenigen Mannschaften, welche dieselbe Stube mit jenen bewohnten, 
werden sobald als möglich der Desinfectionsanstalt — wohl verschlossen — zu 
überweisen, bis dahin aber auf dem zu räumenden und unter Verschluss zu 
haltenden Zimmer der Erkrankten zu isoliren sein. 

c) Mannschaften und sonstige Personen, welche mit Cholerakranken (durch 
Handreichungen, Transporte etc.) in Berührung kommen, sind zur sofortigen 
gründlichen Reinigung, besonders der Hände mit desinficirenden Flüssigkeiten 
anzuhalten. 

Einer besonderen Sorgfalt wird bedürfen die Bereitstellung der erforder¬ 
lichen DesinfectionBmittel und Utensilien auf einen hierfür einzuräumenden, 
ausser der Gebrauchszeit unter Verschluss zu haltenden Zimmer, ferner die 
Anweisung eines Lazarethgehülfen, unter dessen Leitung die ad a) bis c) 
erwähnten Desinfectionsmaassregeln vorzunehmen sind. Für die Zwecke ad 5. 
a) bis c) ist die Benutzung von Sublimatlösungen zulässig in den Fällen, in 
welchen die Gefahr missbräuchlicher oder unvorsichtiger Anwendung dieses 
Desinfectionsmittels durch entsprechende Vorkehrungen ausgeschlossen werden 
kann. 

d) Was die Familienmitglieder casernirter Unterofficiere etc. betrifft, so wird 
bei etwa vorkommenden Choleraerkrankungsfallen die sofortige Räumung der¬ 
jenigen Casernenlocale, in welchen die Seuche auftritt, zu veranlassen sein. Das¬ 
selbe gilt für die Familienmitglieder der in den Casernen wohnenden Beamten. 

Es erscheint daher nothwendig, das vorsorgliche Vereinbarungen getroffen 
werden, durch welche für den eintretenden Bedarfsfall die sofortige Unterkunft 
der betreffenden Patienten in öffentlichen Heilanstalten gesichert wird. 

6. Die während der Behandlung im Lazarethe gebrauchte Leib- und Bett¬ 
wäsche der Cholerakranken ist in gewöhnlicher Weise, wie bei 5 b angegeben, 
sofort nach der Abnahme im Krankenzimmer selbst in eine desinficirende 
Flüssigkeit von genügender Concentration zu tauchen und nur in dieser aus 
dem Zimmer zu entfernen. Werden nach dem Ermessen des Corpsgeneralarztes 
ausser zur Desinfection auch zur eigentlichen Wäschereinigung besondere 
Wa8chgefä88e erforderlich, so können solche zu diesem ausschliesslichen Zweck 
in der erforderlichen Anzahl über den Etat beschafft werden. 

7. Für diejenigen Garnisonen, in welchen eine Sicherstellung der erforder¬ 
lichen Transportmittel (bedeckter, federnder Wagen) zur Ueberführung cholera¬ 
kranker Mannschaften in die betreffende Krankenanstalt im Vertragswege nicht 
gelingt, können eintretenden Falls Krankenfahrbahnen (nach dem Beck’sehen 
System) in der dortseits für nothwendig erachteten Anzahl beschafft werden. 
Ueber die Construction etc. der erwähnten Fahrbahnen wird auf desfallsige 
Requisition die Intendantur des 14. Armeecorps Auskunft ertheilen. 

Wegen rechtzeitiger Erlangung der erforderlichen Fahrbahren für den Fall 
des eintretenden wirklichen Bedürfnisses wird die Corpsintendantur das Erfor¬ 
derliche in die Wege zu leiten haben. 

Es möchte angezeigt sein, bei der Desinficirung der von Cholerakranken 
benutzten Fahrbahren, mit Rücksicht darauf, dass dieselbe sehr schwierig ist, 
in ganz besonders sorgsamer Weise zu verfahren. 

Ausserdem erscheint es zulässig, im Bedarfsfälle auch die Krankentragen 
und Krankentransportwagen der Sanitätsdetachements zur Beförderung der 
Cholerakranken in der erforderlichen Zahl heranzuziehen. Die Bespannung der 
Wagen würde wenn angängig, durch die Truppen zu stellen sein. 


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Hygienische Gesetze und Verordnungen. 

Das königl. Generalcommando wird ergebenst ersucht, gefälligst besondere 
Anordnung zu treffen, dass eventuell auch die Desinficirung dieser Wagen und 
Tragen mit der erforderlichen Gründlichkeit ausgeführt wird. 

Der Transport von Cholerakranken auf offenen, unbedeckten Wagen oder 
Karren ist nicht für zulässig zu erachten. 

8. Die Vereinbarung angemessener Verpflegungskostensätze für die Auf¬ 
nahme cholerakranker Mannschaften etc. in Civilkrankenanstalten bleibt den 
Corpsintendanturen überlassen. 

9. Von besonderer Wichtigkeit erscheint als vorsorgliche Maassregel eine 
sorgfältige Ueberwachung der Wäsche des Soldaten, wie schon vorstehend bei 
5 b und 6 speciell erwähnt. 

Bezüglich der Casernenwäsche, deren Reinigung in den Garnisonwasch¬ 
anstalten erfolgt, werden die Garnisonverwaltungen mit entsprechender Anwei¬ 
sung zu versehen sein. 

Hinsichts der Reinigung der Leibwäsche empfiehlt es sich, auf eine möglichst 
einheitliche Regelung hinzuwirken, soweit dieserhalb seitens der Truppen nicht 
schon Fürsorge getroffen ist. Eventuell würde die Reinigung den Garnison¬ 
waschanstalten gegen Erstattung der Selbstkosten zu übertragen sein, wenn die 
Einrichtungen derselben eine derartige Betriebserweiterung gestatten. 

Auch die Privatwäsche der Mannschaften ist in Cholerazeiten zu controliren 
und die vielfach gebräuchliche Absendung der schmutzigen Wäsche in die 
Heimath gänzlich zu untersagen. 

10. Bezüglich der Beerdigung der an der Cholera Gestorbenen greifen die 
Bestimmungen des §. 365 des Friedenslazarethreglements beziehungsweise die 
Vorschriften im §. 22 des Regulativs, enthaltend die sanitätspolizeilichen Vor¬ 
schriften bei den am häufigsten vorkommenden ansteckenden Krankheiten, vom 
8. August 1835 Platz. 

11. Sämmtliche durch die bezüglichen Einrichtungen, Beschaffungen etc. 
im Bedarfsfälle entstehenden Kosten sind von der Corpsintendantur hierher 
anzumelden. 

Berlin, den 12. September 1884. 

Kriegsministerium. 


Erlass königl* Regierung zu Minden vom 25. Juli 1884, betreffend Cholera- 
maassregeln im Regierungsbezirk Minden* 

Nachdem den Behörden mitgetheilt, was an vorbeugenden Maassnahmen zur 
Verhütung der Einschleppung und Verbreitung der Cholera zu geschehen, richten 
wir unsere Aufforderung an die Bevölkerung, durch ebenso willige wie pünkt¬ 
liche Ausführung der Anordnungen der Behörde zur Hebung des öffentlichen 
Gesundheitszustandes möglichst beizutragen. Indem ein jeder für sich und das 
Wohl der Seinen umsichtig sorgt, unterstützt er zugleich die Behörde in ihrem 
Bemühen zur Abwehr der Seuche und fördert so mit dem eigenen auch das 
Allgemeinwohl. 

Die Furcht vor der Cholera ist schädlich, wenn sie lähmend wirkt auf die 
gebotene Thatkraft; sie ist dagegen Nutzen schaffend, wenn sie hilft, alle Vor¬ 
beugungsmaassregeln auf das Sorgfältigste auszuführen. Die Angst vor der 
Seuche muss verschwinden, sobald die Ueberzeugung sich Bahn bricht, dass wir 
diesem Feinde keineswegs machtlos gegenüberstehen, sondern im Besitze der 
kräftigsten Mittel, ihn abzuwehren, uns befinden. 


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Hygienische Gesetze und Verordnungen. 

Die Cholera ist eine in Indien einheimische Krankheit, welche erst seit dem 
Jahre 1830 nach Europa eingeschleppt ist und seit dieser Zeit auch wiederholt 
unser Vaterland heimgesucht hat. Es muss hervorgehoben werden, dass in 
Europa zu keiner Zeit und an keinem Orte diese Seuche selbständig sich ent¬ 
wickelt hat. Bis auf den heutigen Tag ist sie immer den Verkehrsstrassen 
gefolgt, welche aus dem Orient nach Europa sie leiteten. Ihr Vermittler ist 
stets der Mensch selbst gewesen. Nur dort hat sie festen Fuss auf fremdem 
Boden gefasst, wo sie zur Entwickelung und Ausbreitung ihrer Keime geeignete 
Verhältnisse vorfand. Die Geschichte der Cholera weist deutlich nach, dass die¬ 
selbe überall dort am mörderischsten wirkt, wo zu ihrer Abwehr die geeigneten 
Vorsichtsmaassregeln am wenigsten beobachtet und ausgeführt waren. 

Es ist der Wissenschaft bei der Mehrzahl der ansteckenden Krankheiten 
nachzuweisen gelungen, dass das eigentliche Krankheitsgift, die Krankheitsträger, 
höchst kleine, nur mit stärkster Vergrösserung des Mikroskopes wahrnehmbare 
Pilze sind. Geheimrath Koch hat das grosse Verdienst, zuerst den Pilz des 
Milzbrandes, dann den Pilz der Lungenschwindsucht und in neuester Zeit den 
Cholerapilz aufgefunden zu haben. 

Die Erfahrung hatte bereits festgestellt, das9 die Cholera niemals anders, 
als durch Ansteckung entsteht. Ferner ist constatirt, dass die Ansteckung bei 
Cholera nicht wie bei den ansteckenden Ausschlagskrankheiten (Scharlach, Masern, 
Flecktyphus) durch Berührung oder durch die Ausathmung oder Ausdünstung 
des Kranken, sondern ganz allein durch die Ausleerungen derselben erfolgt. 

Wie die Trichine die Hauptbedingungen zu ihrer Fortentwickelung im 
Dünndarm, wie der Pilz der Diphtherie seinen Lieblingssitz auf der Schleim¬ 
haut des Rachens und der Luftröhre des Menschen findet, so entwickelt sich 
auch der Cholerapilz nur auf der Schleimhaut des Darmcanals, vorzugsweise des 
Dünndarms, im Menschen. Von hier aus gelangt er in die Blutmasse und übt 
dann in Folge des ihm innewohnenden Giftes seine zerstörende Wirkung auf 
Blut- und Nervensystem. Durch die Anhäufung der Pilze auf der Darmschleim¬ 
haut und in Folge des durch dieselben ausgeübten Reizes werden Veränderungen 
des Gewebes, lebhafte Bewegungen des Darmes und heftige Diarrhöen hervor¬ 
gerufen. Mit den Ausleerungen des Kranken gelangen die entwickelten Cholera¬ 
pilze dann in die Aussenwelt. 

Aus dem Angeführten geht hervor, wessbalb die Ansteckung bei der Cholera 
von Individuum zu Individuum viel geringer ist und sein muss, als bei den an¬ 
steckenden AusBchlagskrankheiten (Scharlach, Masern etc.) und warum die An¬ 
steckung nur durch die Ausleerungen des Kranken stattfinden kann. 

Die Personen, welche die Cholera von einem Orte zum anderen schleppen, 
sind nicht immer schwer Erkrankte, sondern auch solche, welche an Cholera- 
Diarrhoe nur in so geringem Grade leiden, dass sie selbst sich für gesund halten 
und daher trotz ihrer Diarrhoe mehr oder weniger weite Reisen unternehmen. 
Ueberall aber, wo sie ihre Ausleerungen zurückgelassen, werden sobald daselbst 
die Bedingungen zur Entwickelung der Pilze günstig waren, die Aborte zu Krank¬ 
heitsherden für das betreffende Haus, ja für die betreffende Stadt. Zunächst erkran¬ 
ken alle die, welche jene Aborte benutzen und es treten sehr bald mehr oder weni¬ 
ger mörderische Hausepidemieen ein, die dann alsbald durch Vervielfältigung 
und Verbreitung der Krankheitskeime zu Stadtepidemieen führen. 

Abortsgruben und Misthaufen scheinen die beste Brut- und Keimstätte der 
Cholerapilze zu sein. Ist die Senkgrube nicht dicht oder fliesst dieselbe über, 
dann gelangen die Pilze mit der Jauche in den Erdboden oder in die Rinn¬ 
steine, Canäle und Brunnen. Auf diese Weise wird, wo nicht geradezu die Aus¬ 
leerungen Cholerakranker in den Rinnstein geschüttet wurden, Brunnen und 
Trinkwasser mit Cholerapilzen geschwängert und vergiftet. Der Boden nimmt 

Vierteljahnschrift für Gesundheitspflege, 1886. 22 


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178 Hygienische Gesetze und Verordnungen. 

natürlich von dem Schmutzwasser, der Jauche und den Auswurfsstoffen um so 
mehr auf, je durchlässiger und poröser er ist. Prof. Petttenkofer hat nach¬ 
gewiesen, dass ein Platz für eine ausgedehnte Verbreitung der Cholera um so 
geeigneter ist, je mehr die den Boden durchtränkenden Auswurfsstoffe sich 
unter Bedingungen befinden, welche günstig oder ungünstig für eine faulige 
Zersetzung sind. Je feuchter der Boden, um so schneller erfolgt aber die Ver¬ 
wesung der in ihm enthaltenen organischen Stoffe. Schmutzige Stadtviertel, 
Häuser mit feuchtem Keller, mit nassem Untergrund weisen fast immer die 
höchste Zahl Choleraerkrankungen und die meisten Sterbefalle nach. Wo also 
die durch die Ausleerungen eines Cholerakranken deponirten Pilze einen zu 
ihrer weiteren Entwickelung und Vermehrung günstigen Boden finden — und 
das ist jeder mit Schmutzwasser, Jauche, mit in Verwesung befindlichen Stoffen 
durchträukte Boden — da gedeihen, vermehren und verbreiten sich die Krank¬ 
heitsträger und die Epidemie hält so lange an, bis die für den Cholerakeim 
empfänglichen Menschen durchseucht sind. 

Wie die Ausleerungen der Cholerakranken sind auch die mit denselben 
beschmutzten Kleider, die Wäsche, die Möbel und der Fussboden ansteckend. 
Dass die Wäsche des Kranken daher die Ansteckung besonders verbreitet, ist 
natürlich. Dieselbe brachte, wie die Erfahrung vielfach nachweist, Wäscherinnen, 
die in ganz gesunden Orten, fern von der durch Cholera heimgesuchten Gegend 
sich befanden, allein durch das Reinigen derselben die Seuche und den Tod. 

Haben Personen, welche Cholerakranke pflegen, irgend wie ihre Hände mit 
den Ausleerungen des Kranken verunreinigt, so können bei nicht sehr sorg¬ 
fältiger Reinigung und Desinficirung derselben beim Ergreifen der Nahrung 
letzterer die Pilze mitgetheilt und auf diese Weise die Krankheitsträger in den 
Magen des Krankenpflegers gelangen. Auch das mit den Pilzen verunreinigte 
Getränk, Trinkwasser und auch Milch, führt dieselben in den Magen und ver¬ 
mittelt so die Ansteckung. Von der Menge der eingeführten Pilze, von dem 
Entwickelungsstadium, in welchem sich dieselben befinden, aber auch von der 
Beschaffenheit des menschlichen Organismus, in welchen sie als Parasiten ein- 
treten, hängt es ab, ob und bis zu welchem Grade sie sich entwickeln und ver¬ 
mehren. Ist der Angesteckte kräftig, leidet er namentlich nicht an Magen- und 
Darmkatarrh, neigt er nicht zu Diarrhöen, sondern erfreut sich gesunder und 
kräftiger Verdauungsorgane, dann fehlen die zur Entwickelung der Cholera¬ 
keime günstigen, ja nothwendigen Bedingungen und vielfach werden die ver¬ 
schluckten Pilze unentwickelt und ohne weitere Störung hervorgerufen zu haben, 
wieder abgehen, ebenso wie die Pilze der Diphtherie und anderer anstecken¬ 
der Krankheiten nicht überall haften, sich entwickeln und Krankheit erzeugen. 

Bei weniger starken Naturen zeigt sich die Wirkung der Pilze durch das 
Auftreten leichter, bald vorübergehender Diarrhöen. Ist aber der Schleimhaut¬ 
boden des Dünndarms der Entwickelung der Pilze günstig, dann entstehen recht 
bald stärkere Diarrhöen, denen in wenigen Tagen ein Choleraanfall folgt. Ist 
die betreffende Schleimhaut durch lange vorausgegangene Catarrhe geschwächt 
und so geeigneter Nährboden für die Pilze geworden, dann bildet sich rech- 
bald Brechdurchfall (Cholerine) aus und Cholera. 

Das Wesen der Krankheit, die angegebene Art und Weise ihrer Entwicke¬ 
lung und Verbreitung lehrt uns, welche Mittel wir gegen dieselbe zu gebrauchen 
und wie wir gegen diesen andringenden Feind uns in Vertheidigungszustand zu 
setzen haben. Zunächst wird der Verkehr mit Choleragegenden zu vermeiden 
sein. Von dort zugereiste Personen und zugesandte Sachen werden genau über¬ 
wacht und Kleider und Wäsche sorgfältig desinficirt werden müssen. Dass die 
vor dem Eintritt der Seuche vollzogene Reinigung des Bodens, der Häuser, der 
Gassen, der Aborte, Senkgruben und Rinnsteine einen unendlich grösseren Nutzen 
hat, wie die nach dem Auftreten der ersten Fälle versuchte Beseitigung der 
Missstände, bedarf keiner weiteren Auseinandersetzung. 


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Hygienische Gesetze und Verordnungen. 

Die von udb erlassene Verfügung giebt den Sanitätscommissionen und Polizei¬ 
behörden genau die Missstände an, welche beseitigt werden müssen, um den 
Boden und die Luft rein zu halten. Es suche diesen Anordnungen ein Jeder 
auch in seinem Hause auf das Gewissenhafteste nachzukommen. 

Es ist daher nothwendig: 

I. Sorge für Reinhaltung von Haus und Hot 

1. Misthaufen sind aus der Nähe der Häuser ganz zu entfernen. Stagniren- 
des Wasser ist abzulassen. Bei Entleerung der Senkgrube überzeuge sich 
ein jeder, ob das Mauerwerk derselben auch undurchlässig ist und ob 
keine Verbindung mit dem Brunnen besteht. Die Aborte müssen rein 
gehalten und fleissig desinficirt werden. 

2. Unter den Gewerbetreibenden sind namentlich die Metzger zur grössten 
Reinlichkeit im Hause und in den Schlachträumen verpflichtet. Sie haben 
besonders darauf zu sehen, dass alle Abfälle sofort entfernt, dass Blut und 
Schmutzwasser nie in den Rinnstein fliesst, und dass täglich desinficirt 
wird. 

3. Wohn- und Schlafräume dürfen nicht mit Personen überfüllt sein. Eine 
frische, reine Luft sei stets in Stube und Kammer anzutreffen. Die Rei¬ 
nigung und Entfernung dumpfer Luft oder gar schlechten Geruches wird 
besser durch Zugluft, als durch Räucherung mit wohlriechenden Sachen 
besorgt. 

II. Ein jeder hat ferner, wie Haus und Hof, wie seine ganze Umgebung 
auch den eigenen Körper in vorbeugende Obhut zu nehmen und, damit er 
nicht zum Nährboden werde für die gefürchteten Cholerapilze, ihn rein zu 
halten. 

1. Es sehe daher ein jeder Hausvater bei sich und den Seinigen auf grösste 
Reinlichkeit in Kleidung und Wäsche. 

2. Jede Erkältung ist zu vermeiden. Es ist daher der alte Rath, zur Cholera¬ 
zeit eine Leibbinde von Flanell zu tragen und für warme Füsse zu sorgen, 
nicht zu unterschätzen. 

3. Alles ist zu vermeiden, was den Körper schwächt, denn die Gefahr der 
Ansteckung steigt mit der Abnahme der Widerstandskraft dos Körpers. 
Verstimmende Gemüthsbewegung etc., namentlich Aerger und Furcht, sind 
in ihrer störenden Einwirkung auch auf den Magen bekannt. 

4. Alle Excesse in Speise und Trank, Ueberladungen des Magens, können zur 
Cholerazeit die schlimmsten Folgen haben. Eine ängstliche Auswahl der 
Speisen ist dagegen nicht nothwendig, aber wohl ist es geboten, schwer- 
verdauliche Sachen und alles zu vermeiden, was auch sonst nicht gut ver¬ 
tragen wurde, besonders aber, was nach allgemeiner oder individueller 
Erfahrung Verdauungsstörung und Diarrhoe hervorruft. Man geniesse 
daher nicht zähe Mehlspeisen, frisches, noch warmes Brot, sehr fett zu¬ 
bereitete Gerichte, sehr fettes Fleisch, alten oder fetten Käse. 

Obst. Nur reifes Obst und Gemüse darf genossen werden, aber auch 
solches ist zu untersagen, welches wegen seines Wasserreichthums zum 
Durchfall führen kann, wie Melonen und Gurken. 

Getränke. Von besonderer Wichtigkeit ist das Trinkwasser. Man 
trinke desshalb nur dann, wenn es nach Geschmack, Geruch und Aus¬ 
sehen durchaus rein ist. Ist die Seuche am Orte ausgebrochen, dann 
trinke man nur gekochtes Wasser, ebenso nur gekochte Milch, dem ge¬ 
kochten Wasser kann Rothwein, Rum, Kaffee oder guter Branntwein zu- 
gesetzt werden. Dass dieser Zusatz das erlaubte Maass nicht überschreiten 
darf, ist selbstverständlich. Unter allen Getränken hat sich bei der Cho- 

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180 Hygienische Gesetze und Verordnungen. 

lera keines stets so schädlich gezeigt, wie der Branntwein, mochte er nun 
ungewohnt oder unmässig genossen werden. Auch ein gutes Bier darf 
getrunken werden, wogegen junges oder gar sauer gewordenes ebenso 
schädlich ist wie Most und junger und saurer Wein. 

Kost. Fleichkost sagt im Ganzen am besten zu, jedoch muss das 
Fleisch immer recht gut sein. 

5. Ist die gewohnte Lebensweise den Anforderungen der Gesundheit ent¬ 
sprechend, so hat man keinen Grund sie zu ändern und es gilt als Vor¬ 
schrift, die Nahrungsweise, bei welcher man sich bis dahin stets wohl 
befunden hat, nicht der Cholera wegen mit einer ungewohnten zu ver¬ 
tauschen. 

6. Von grösster Wichtigkeit ist es, sofort den Arzt zu Rathe zu ziehen, so¬ 
bald Diarrhoe, wenn auch leichten Grades, sich eingestellt hat. Bei ein¬ 
tretendem Unwohlsein suche man sofort das Bett auf, trinke heissen Pfeffer- 
minzthee und suche in Transpiration zu kommeu. Der Arzt wird dann 
das Weitere bestimmen. Nicht genug ist zu warnen vor jenen Geheim¬ 
mittelkrämern, die auch hier aus der Noth ihrer Mitmenschen ein Ge¬ 
schäft zu machen suchen. Schaden ihre „unfehlbar wirkenden Cholera¬ 
tropfen und Elixire“ nicht direct, so schaden sie doch gewiss dadurch, 
dass die zur Heilung geeignetste Zeit unbenutzt vorüber geht und dass 
der Arzt dann häufig zu spät kommen wird. 

III. Fine sehr wichtige Rolle spielen in der Cholerazeit schliesslich auch 
die DesinfectionBmittel. Nicht alle Mittel, welche übelriechende Massen 
geruchlos machen, sind Desinfectionsmittel. 

Eisenvitriol z. B. beseitigt den üblen Geruch, zerstört aber in keiner Weise 
die Pilzkeime und Entwickelung. Unter allen Desinfectionsmitteln ist das bewähr¬ 
teste Carbol- (Phenyl-) säure. 

Ist die Cholera an einem Orte ausgebrochen, so ist 

1. der Kranke sofort zu isoiiren oder in ein Krankenhaus zu bringen. 

2. Es sind aus seinem Zimmer all die Möbel, Kleider und sonstigen Sachen, 
welche zu seiner Wartung und Pflege nicht unbedingt noth wendig sind, 
zu entfernen. 

8. Da Gläser, Schusseln, Küchengeschirre, wenn sie mit verunreinigtem Wasser 
gespült werden, gleichfalls die Ansteckung vermitteln können, so empfiehlt 
es sich, auch zum Spülen derselben nur gekochtes Wasser zu gebrauchen. 
Das Spülen und Reinigen von Gefässen oder Wäsche, welche mit Cholera¬ 
kranken in Berührung gekommen, darf weder an Brunnen noch sonstigen 
Wasserentnahmestellen geschehen. 

4. Die Ausleerungen des Kranken, sowohl die Stühle als das Erbrochene, 
sind sofort in einem Gefass aufzufangen, welches mit öproc. Carbolsäure- 
lösung bis zu einem Drittel angefüllt ist. 

5. Mit den Ausleerungen des Kranken beschmutzte Leib- oder Bettwäsche ist 
sofort in eine gleiche Carbolsäurelösung hineinzulegen und 48 Stunden 
darin zu lassen, sodann mit heissem Wasser zu spülen. 

6. Weder die Ausleerungen des Kranken noch irgend welche mit denselben 
beschmutzten Gegenstände dürfen aus dem Krankenzimmer vor erfolgter 
Desinfection entfernt werden. 

7. Mit den Ausleerungen des Kranken verunreinigte Möbel, Fussböden etc. 
sind mit trockenen Lappen gründlich abzureiben und letztere sofort zu 
verbrennen. 


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Hygienische Gesetze und Verordnungen. 181 

8. Alle Personen, welche im Zimmer des Kranken verkehren, dürfen daselbst 
weder essen noch trinken. Bevor sie das Zimmer verlassen, haben sie 
die Hände mit 5proc. Carboisäurelösung zu waschen. 

9. Kleidungsstücke, Betten und andere, mit der Carbolsäure nicht zu desinfi- 
cirende Sachen, sind in einem Apparat mit heissen Wasserdämpfen von 
100° C. zu behandeln. 

10. Wo eine anderweitige genügende Desinfection nicht ausführbar, wie z. B. 
bei Polstermöbeln, Matratzen etc. sind dieselben einer Zugluft an einem 
vor Regen geschützten Orte durch mindestens 6 Tage auszusetzen. Ebenso 
sind Wohnräume, in denen Cholerakranke gelegen, zu räumen und gleich¬ 
falls 6 Tage lang zu lüften, damit sie vollständig austrockuen. I)a9 Aus¬ 
trocknen kann durch Heizen unterstützt werden. 

11. Alle geringwerthigen Gegenstände, die mit dem Kranken in Berührung 
gekommen, wie Stroh etc. sind sofort zu verbrennen. 

Minden, den 25. Juli 1884. 

Königliche Regierung, Abtheilung des Innern. 


Erlass des schweizerischen Bnndesratlies vom 25. Juli 1884, betreffend 
Instruction für die schweizerischen Cholera-Experten. 

§. 1. Die Experten haben die Aufgabe, die cantonalen Gesundheitsbehörden 
in der Ausführung der vom Bundesrathe erlassenen Vorschriften über Cholera¬ 
polizei zu unterstützen, für deren gleichmässige Handhabung in den verschiede¬ 
nen Cantonen zu sorgen, und unnöthige oder schädliche Maassregeln zu ver¬ 
hüten. 

§. 2. Sie werden sich zunächst bei den cantonalen Sanitätsbehörden über 
die in Ausführung des Kreisschreibens getroffenen Vorkehren erkundigen und 
auf auffällige Unterlassungen aufmerksam machen j sie werden im weiteren durch 
persönliche Nachschau in wichtigeren Ortschaften sich überzeugen, ob nach den 
verschiedenen Richtungen von Titel I des Kreisschreibens das Nothwendige in 
zweckentsprechender Weise geschehen ist und namentlich auch genaue Kenntniss 
nehmen von der Ausführung der die Eingangsstationen betreffenden, in Titel II, 
Ziffer 4 enthaltenen* Vorschriften. 

Die Ausführung der die Eisenbahnen, Posten, Dampfschiffe betreffenden 
Vorschriften wird direct von dem Post- und Eisenbahndepartement durch seine 
eigenen Organe überwacht. 

§. 8. Bei mangelhaftem Befund wenden sich die Experten, nach genomme¬ 
ner Rücksprache mit den Gemeindebehörden, in erster Linie um Abhülfe an die 
verantwortliche Cantonsbehörde, und wenn diese Abhülfe nicht rechtzeitig er¬ 
folgt, an den Bundesrath beziehungsweise dessen Departement des Innern. In 
Dringlichkeitsfallen haben die Experten die Pflicht, auf Grundlage der Vorschriften 
des Bundesraths, das Nöthige unverzüglich anzuordnen und von den getroffenen 
Anordnungen der cantonalen Sanitätsbehörde sofort Mittheilung zu machen. 

§. 4. Sie ertheilen cantonalen und Gemeindegesundheitsbehörden über alles, 
was die Choleraschutzmaassregeln und deren zweckmässigste Ausführung betriflt, 
auf Begehren Aufschluss und Rath, wobei sie sich in Betreff der technischen 
Vorkehren, wie z. B. Desinfection, an die amtlich adoptirten Grundsätze und 
bezüglich der ökonomischen Fragen an die Ziffer 3 des Titels III des Kreis¬ 
schreibens halten. 


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Hygienische Gesetze und Verordnungen. 

§. 5. Bei Ausbruch der Cholera im Lande haben sie die Eingrenzung der 
ersten Fälle zu überwachen. Sie begeben sich, sobald sie vom eidgenössischen 
Departement des Innern oder von einer cantonalen oder communalen Behörde 
Anzeige erhalten, sofort an den betreffenden Ort, um sich von der Vollständig¬ 
keit und Genauigkeit der getroffenen Maassregeln zu überzeugen, beziehungsweise 
die Ergänzung derselben zu veranlassen. 

§. 6. Sie haben bei Privatnachrichten oder Gerüchten die Pflicht sofortiger 
Telegrammnachfrage bei den betreffenden Orts gesund hei tsbehörden oder Aerzten. 

§. 7. Nach Einrichtung der ersten Schutzmaassregeln werden sie den Gang 
aller Vorkehrungen: Absperrung, Nothspitäler, Auslocirung, Desinfection, Haus¬ 
besuche und Verpfleguug, vor Allem auch die Regelmässigkeit der Anmeldungen 
überwachen und sich in geeigneter Weise darum bemühen, dass nichts unter¬ 
lassen werde, was zur Eingrenzung der Seuche und zur Tilgung derselben 
geschehen kann. 

§. 8. Sie besuchen die einzelnen Choleraorte so oft, als sie es für nöthig 
finden, sowie auch nach Auftrag des eidgenössischen Departements des Innern 
oder auf Ansuchen cantonaler Sanitätsbehörden. 

§. 9. Sie berichten über ihre Thätigkeit an das eidgenössische Departement 
des Innern, bei Ausbruch und Dauer einer Epidemie täglich durch Telegramme 
und wöchentlich einmal schriftlich. 

Wo keine Epidemie in Frage kommt, genügt nach den ersten Berichten 
über Ziffer 2 und 3 der Instruction ein Schlussbericht. 

§. 10. Die Experten gemessen für ihre amtliche Correspondenz in Cholera¬ 
angelegenheiten Portofreiheit. 

§. 11. Die Normirung der Entschädigung der Experten wird einem beson¬ 
deren Beschlüsse Vorbehalten. 

Bern, den 25. Juli 1884. 

Im Namen des schweizerischen Bundesrathes. 

Der Bundespräsident Welti. Der Kanzler der Eidgenossenschaft Ringier. 

Anhang: 

Neue Anleitung zur Desinfection bei Cholera. 

Wir beehren uns, Ihnen in der Beilage eine neue Anleitung zur Desinfection 
bei Cholera, wie solche aus den Berathungen der Cholera-Experten hervorgegangen 
ist, mit dem Bemerken mitzutheilen, dass die in den Erlassen vom 4. Juli abhin 
bezeichneten Desinfectionsvorschriften durch die schweizerische Aerztecommission 
bereits vor einem Jahre aufgestellt worden sind, d. h. zu einer Zeit, wo man 
die seither in Egypten und Indien gemachten neuesten Erfahrungen über die 
Cholerakrankheit noch nicht gekannt hat. In Benutzung dieser Erfahrungen 
sind daher die unterm 4. d. mitgetheilten Desinfectionsvorschriften modificirt 
und auch wesentlich vereinfacht worden, und es treten nun diese neuen Be¬ 
stimmungen an die Stelle der früheren. 

1. Leibwäsche, Bettwäsche und Wolldecken, welche durch die Ent¬ 
leerungen Cholerakranker beschmutzt worden sind, werden am besten durch 
Verbrennen vollkommen beseitigt. Soweit dies nicht angeht, sind dieselben so¬ 
fort in Öproc. Carbollösung zu werfen und sollen in derselben 24 Stunden ver¬ 
weilen, bevor sie zur Wäsche gegeben werden. 

In derselben Weise durch öproc. Carbollösung zu desinficiren ist ferner 
Leib- und Bettwäsche Cholerakranker, auch wenn sie nicht in erkennbarer Weise 
durch Entleerungen verunreinigt ist. 

Die Herstellung der öproc. Carbollösung ist in dem Verhältniss auszuführen, 
dass 1 Liter flüssige Carbolsäure *) mit 18 Liter Wasser verdünnt wird. Ist eine 


*) Flüssige Carbolsäure gleich: 100 Gewichtstheilen Acidum carbolicum crystallisatum 
mit 10 Gewichtstheilen Wasser. 


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Hygienische Gesetze und Verordnungen. 

öproc. Carbollösung nicht vorhanden, so lässt sich diese Vorschrift dadurch 
ersetzen, dass die Cholerawäsche eine Stunde lang gekocht wird. Die Carbol- 
lösung und das Kochwasser, das von derartiger Wäsche abgegossen wird, ist in 
die Abtritte zu entleeren. 

Cholerawäsche soll nicht herumgeführt, sondern stets am Orte der Erkran¬ 
kung desinficirt werden. Sie darf niemals undesinficirt zur Wäsche 
gegeben werden. 

2. Federbetten, Matratzen und Kleider, welche obiges Verfahren 
nicht zulassen, können durch einstündiges Verweilen in einem von Wasserdampf 
durchströmten Kasten desinficirt werden. In diesem Falle ist darauf zu halten, 
dass die Temperatur des Dampfes an der Ausströmungsöffuung der Temperatur 
des siedenden Wassers entspricht. 

Wenn ein solcher Kasten nicht zur Verfügung steht, so lasse man diese 
Gegenstände, nachdem die Verunreinigungen in der sub Ziffer 4 zu beschreiben¬ 
den Weise abgewischt sind, sechs Tage lang an einem luftigen, trockenen, vor 
Regen geschützten Raume stehen. 

Wie die Effecten Cholerakranker, sind Wäsche und Kleidung des Warte¬ 
personals derselben zu behandeln. 

W r erthlose Gegenstände, wie Bettstroh, Laub, schlechte Kleider sind durch 
Verbrennen zu beseitigen. ' 

8. Die Entleerungen Cholerakranker und Choleraverdächtiger sind in 
Nachttöpfen und Becken aufzufangen, welche mit öproc. Carbollösung soweit 
gefüllt sind, dass die entleerten Massen vollständig in die Carbollösung hinein¬ 
fallen. Ist dies nicht geschehen, so sind die entleerten Massen mit dem gleichen 
Volumen Öproc. Carbollösung zu übergiessen. In jedem Cholerahause soll ein 
Kübel von Eisenblech mit Deckel, handhoch mit öproc. Carbollösung gefüllt, die 
desinficirten Ausleerungen aufnehmen und es sollen diese dann täglich einmal 
in einem Garten oder Acker, weit entfernt von Brunnenleitungen, Bächen und 
Canälen vergraben werden. Ist solches, z. B. in Städten, nicht möglich, so wird 
der Inhalt dieses Kübels alle 24 Stunden in den Abtritt entleert 1 ). 

4. .Werden Böden, Wände und Möbel durch Choleraentleerungen ver¬ 
unreinigt, so sind dieselben nicht zu waschen, sondern mit in Öproc. Carbollösung 
befeuchteten Lappen aufzuwischen. Diese Lappen sind zu verbrennen. 

6. Zimmer, in welchen Cholerakranke gelegen haben, sind zu räumen und 
müssen, bevor sie wieder bezogen werden dürfen, sechs Tage hindurch leer 
stehen, damit alle Infectionsstoffe austrocknen. Das Austrocknen ist durch Heizen 
zu unterstützen. 

6. Für den Transport von Cholerakranken zum Spital müssen eigene Fuhr¬ 
werke bereit gestellt werden. 

Werden zum gewöhnlichen Gebrauch dienende Fuhrwerke — Droschken, 
Postwagen, Omnibus, Eisenbahnwagen — von Cholerakranken benutzt, so sind 
die Verunreinigungen so wie unter Ziffer 4 angegeben, abzuwischen. Dann sind 
die betreffenden Fuhrwerke auszurangiren und haben sechs Tage an einem 
trockenen, luftigen, vor Regen geschützten Orte zu stehen. Erst dann können 
sie wieder in Gebrauch gestellt werden. 

7. Alle Personen, welche Cholerakranke und deren Entleerungen berührt 
haben, sollen sich unmittelbar darauf Hände und sonst verunreinigte Körper- 
theile mit Öproc. Carbollösung waschen. 

8. Leichen dürfen nicht gewaschen werden, sondern sind unmittelbar 
nach dem Tode in ein in Öproc. Carbollösung getränktes Leintuch einzuschlagen. 


2 ) Die gleiche desinficirende Wirkung wie durch Öproc. Carbollösung wird durch eine 
Lösung von Sublimat (1 Gewichtstheil auf 1000 Gewichtstheile destillirten Wassers) erzielt. 


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184 Hygienische Gesetze und Verordnungen. 

9. Abtritte sind vor Ausbruch der Epidemie gründlich zu reinigen. Wah¬ 
rend der Dauer der Epidemie dürfen sie nicht häufiger*geleert werden, als es die 
Anfüllung erforderlich macht. Es soll in die Abtritte der öffentlichen Gebäude 
und der Logishäuser täglich rohe Carbolsäure oder statt derselben Wiener¬ 
lösung, welche aus 1 kg roher Carbolsäure, 2 kg Eisenvitriol und 20 Liter 
heissem Wasser besteht, geschüttet werden, bis dieselben deutlichen Carbolgeruch 
annehmen. 

10. Oeffentliche Bedürfnisanstalten (Pissoirs), ebenso die entspre¬ 
chenden Abtheilungen der Schulhausabtritte sind täglich mit trockenem Chlor¬ 
kalk zu bestreuen. 

Bern, den 1. August 1884. 

Im Namen des schweizerischen Bundesrathes. 

Der Bundespräsident Welti. Der Kanzler der Eidgenossenschaft Ringier. 


Erlass des Medicinalamtes zu Bremen vom 18. Juli 1884, betreffend die 
öffentliche Reinlichkeit. 

Unter Aufhebung der die öffentliche Reinlichkeit betreffenden Verordnung 
vom 29. September 1871 wird hierdurch in Gemässheit des §. 13 der Medicinal- 
ordnung vom 2. August 1878 mit Genehmigung des Senats verordnet: 

§. 1. Die Beseitigung menschlicher Auswurfsstoffe und anderer leicht ver- 
weslicher Gegenstände durch Ablagern, Vergraben oder Ausgiessen in Hofen, 
Gärten, Gräben, Canalrosten oder Gossensteinen ist verboten. 

§. 2. Spül- und Abfallwasser darf durch Ausgiessen auf die Canalrosten 
der Strassencanäle und der mit denselben in Verbindung stehenden Hauscanäle 
nur unter der Bedingung beseitigt werden, dass sofort nach der Entleerung der 
Gefässe in den Canal mindestens ein Eimer reines Wasser nacligegossen wird. 

§. 3. Die Ablagerung und Ansammlung der in §. 1 und §. 2 bezeichnten 
Stoffe ist nur in wasserdichten Gefassen oder Latrinen gestattet. Die Gefässe 
müssen in den Monaten Mai bis September einschliesslich mindestens alle 
zwei Tage, in den übrigen Monaten mindestens alle drei Tage zur Entleerung 
durch die Nachtkarren von den Benutzern auf die Strasse gesetzt werden. 

§. 4. Die Aborte und Pissoirs in Gasthäusern, Restaurationen, Schenken, 
Schulen und anderen für eine grössere Anzahl Menschen bestimmten Anstalten 
und Häusern sind stets durch zweckmässige Desinfection nach der zu veröffent¬ 
lichenden Anweisung des Gesundheisrathes von den der Gesundheit nachtheiligen 
Ausdünstungen frei zu halten. 

Den vom Medicinalamte zu treffenden Anordnungen zur Reinigung und 
Desinficirung sämmtlicher Latrinen, Priveteimer, Pissoirs und Hauscanäle ist 
Folge zu leisten. 

§. 5. Das Halten von Schweinen und Ziegen in der Stadt ist in der Regel 
nicht gestattet. Wer Schweine oder Ziegen halten will, bedarf hierzu einer 
Erlaubnis des Medicinalamtes. Den in dieser Erlaubnis des Medicinalamtes 
festgesetzten besonderen Bedingungen ist Folge zu leisten. 

§. 6. Uebertretungen vorstehender Bestimmungen werden mit Geldstrafe 
bis zu sechzig Mark oder mit Haft bis zu vierzehn Tagen bestraft 

Familienväter, Dienstherren und selbständige Gewerbetreibende sind für 
die Uebertretungen ihrer Hausgenossen, Dienstboten und Geschäftsgehülfen 
verantwortlich. 

Bremen, den 18. Juli 1884. Das Medicinalamt. 


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Hygienische Gesetze und Verordnungen. 


185 


Erlass des Mediclnalamtes zu Bremen vom 19. Juli 1884, betreffend 
Reinigung und Desinfleirung der Latrinen und Hauseanäle. 

In Ausführung des §. 4 Absatz 2 der Verordnung des Medicinalamtes vom 
18. Juli 1884, betreffend die öffentliche Reinlichkeit, treten bis auf Weiteres 
folgende Vorschriften in Kraft: 

§. 1. Sämmtliche Latrinen, welche ein Jahr lang nicht gereinigt sind, 
müssen binnen sechs Wochen in der vorgeschriebenen Weise entleert und 
sofort nach der Entleerung ausgeschwefelt werden. Die Entleerung der Latrinen 
in anderer Weise als vermittelst Einsaugung in einen geschlossenen, verdünnte 
Luft enthaltenden Behälter (Kesselwagen) ist nur nach vorgängiger besonderer 
Erlaubniss der Polizeidirection gestattet. Gesuche um solche Erlaubnis sind 
an die Districtspolizeibüreaus schriftlich einzureichen. 

Verpflichtet zur Entleerung und Ausschwefelung der Latrinen sind die 
Hauseigenthümer. 

§. 2. Die Latrinen, Aborte und Pissoirs in Gasthäusern, Restaurationen, 
Schenken, Schulen und anderen für eine grössere Anzahl Menschen bestimmten 
Anstalten und Häusern müssen täglich und zwar Morgens desinficirt werden. 

§. 3. Die Ausschwefelung und Desinficirung (§§. 1 und 2) hat m der vom 
Gesundheitsrath empfohlenen, unten angegebenen Weise zu erfolgen. 

§. 4. Die Hauscanäle, die offenliegenden Canäle auf Höfen und zwischen 
Häusern, sowie die Abfallrohre der Spülsteine müssen täglich mit reinem 
Wasser gründlich ausgespült werden. 

Indem das Medicinalamt die im öffentlichen Gesundheitsinteresse unerläss¬ 
liche Beachtung der vorstehenden Vorschriften allen Hausbewohnern zur Pflicht 
macht, weist es namentlich darauf hin, dass möglichst rasche Abfuhr aller 
Unrathstoffe uud reichlichste Verwendung von Wasser für die in gegenwär¬ 
tigen Zeitverhältnissen ganz besonders nothwendige öffentliche Reinlichkeit von 
grösster Bedeutung sind. Dabei muss auch rücksichtlich der nicht unter §. 2 
fallenden Latrinen, Aborte und Priveteimer die Anwendung der vom Gesund¬ 
heitsrath empfohlenen, unten bezeiohneten Mittel zur Desinfection dringend 
empfohlen werden. Ebenso ist auf einen fortdauernd guten Zustand der vor¬ 
handenen, eventuell herzustellenden Wasserverschlüsse zur Verhütung des Aus¬ 
tritts der Canalgase das grösste Gewicht zu legen. 

In Betreff des Trinkwassers hat der Gesundheitsrath sich gutachtlich dahin 
geäussert, dass überall, wo das Brunnenwasser von mittelmässiger Qualität ist, 
das Leitungswasser als Getränk vorzuziehen ist, 

Bremen, den 19. Juli 1884. Das Medicinalamt. 


Anweisung des Gesnndheitsrathes von Bremen vom 19« Juli 1884, betreffend 
zweckmässige Desinfection. 

Unter Bezugnahme auf die vom Medicinalamte erlassene Verordnung vom 
18. Juli 1884, die öffentliche Reinlichkeit betreffend, giebt der Unterzeichnete 
nachstehende Anweisung zur Desinfection von Aborten, Pissoirs und anderen, 
schädliche Ausdünstungen veranlassenden Localitäten, sowie von Kranken¬ 
zimmern : 


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186 


Hygienische Gesetze und Verordnungen. 

1. Sammelgruben für thierische Abfälle, Pissoirs, übelriechende Abläufe 
oder Canäle werden, soweit sie zugänglich, mit trockenem Chlorkalk oder 
Carbolpulver gut bestreut, und zwar so reichlich, dass der faulige Geruch ver¬ 
schwindet nnd der des angewandten Mittels vorherrscht. Die Wände des Pissoirs 
sind mit Chlorkalklösung zu begiessen. 

2. Senkgruben und Abtritte werden, nachdem sie zuvor entleert worden, 
ansgeschwefelt. Es geschieht dies am besten durch Sachverständige in der¬ 
selben Weise, wie das Ansschwefeln der Weinfässer durch Verbrennen von 
Schwefelfaden oder von in geschmolzenen Schwefel getauchter grober Lein¬ 
wand. Für eine Grube mittlerer Grösse genügt ein Stück von % qm Grösse, 
oder die entsprechende Menge von Schwefelfäden. Man befestigt sie an einem 
Eisendraht und senkt sie brennend in die Grube, die sich mit Dampf von 
verbranntem Schwefel (schwefliger Säure) füllt. Das Erlöschen des brennenden 
Schwefellappens beweist, dass die Grube genügend mit Schwefeldampf (schwef¬ 
liger Säure) angefüllt ist. Nachdem dieser verschwunden, d. h. aufgesogen, 
giesst man in die Grube eine Auflösung von Eisenvitriol, mit Carbolsäure ver¬ 
setzt. Für die wöchentlichen Ausleerungen einer Familie von 12 Personen 
genügen 2 kg Eisenvitriol in heissem Wasser gelöst mit 200 g bis 300 g roher 
Carbolsäure versetzt. Bei Wasserclosets ist der Eisenvitriol und die Schwefelung 
wegen der metallenen Hähne und Röhren unzweckmässig, da Metalle von der 
schwefligen Säure und den Metallsalzen leiden; man beschränkt sich bei diesen 
auf Carboisäurelösung in grösserer Menge und häufige und reichliche Spülung. 

Werden statt der Gruben Eimer benutzt, so ist für die Beseitigung der 
üblen und schädlichen Ausdünstungen die Verwendung von Torfstreu in Pulver¬ 
form dringend zu empfehlen. Es geschieht dies in der Weise, dass nach 
jedesmaliger Benutzung eine Hand voll Torfstreu auf den Inhalt des Eimers 
geschüttet wird. Vor dem Ausstellen des Eimers auf die Strasse ist die Ober¬ 
fläche des Inhaltes noch mit einer fingerdicken Schicht Torfstreu zu bedecken. 

Räume, welche von an ansteckenden Krankheiten Leidenden bewohnt 
waren, oder in denen die Leichen solcher Kranken gestanden, sind sehr gründ¬ 
lich zu desinficiren. Entwickelung von Chlorgas durch Uebergiessen von Chlor¬ 
kalk mit verdünnter Schwefelsäure oder Salzsäure, Scheuern des Fussbodens 
mit Chlorkalklösung (1:50), Tünchen der Wände mit Kalkmilch, der man l / M 
Carbolsäure zusetzt, endlich Ausschwefelung, falls die Mobilien dieselbe ertragen, 
sind die wirksamsten Mittel. Eignen sich die Zimmer nicht zur Anwendung 
dieser Mittel, so verdampfe man wiederholt etwas reine Carbolsäure in ihnen 
durch Auftropfen von 20 bis 30 Tropfen auf ein heisses Eisen. Nach der An¬ 
wendung der Desinfektionsmittel, wobei die Räume während 12 Stunden 
geschlossen zu halten sind, muss immer reichliche Lüftung der Zimmer während 
einer Woche folgen. Letzteres ist dringend zn empfehlen. 

Bemerkung. Carbolsäure kommt von sehr verschiedenem Gehalt an 
wirksamen Bestandtheilen im Handel vor; man wähle nicht die billigste, min¬ 
destens eine solche mit einem Gehalt von 50Proc., nnd für weisse Wäsche 
sowie zum Räuchern der Zimmer nur reine. Carbolstreupulver oder Desinfections- 
pulver ist ein Gemenge von Carbolsäure mit erdigen Theilen von 8 bis 4 Proc. 
Säure. Diese Mischung eignet sich auch zur Verwendung für Wasserclosets. 

Bremen, den 19. Juli 1884. 

Der Gesundheitsrath. 


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Entscheidungen deutscher Gerichtshöfe. 


187 


n. Entscheidungen deutscher Gerichtshöfe. 

Kunstwein« 

Auflösung des Vertragsverhältnisses wegen Gesundheitsschädlich- 
keit verkauften Kunstweines. 

Aus den Entscheidungsgründen: „Wenn seitens des Klägers in der 
Berufungsinstanz besonders geltend gemacht wird, nach dem neuerdings von 
dem Kläger erhobenen chemischen Gutachten des Dr. F. sei der fragliche Wein 
nicht als Kaufmannsgut anzusehen, und als gesundheitsschädliches Getränk im 
Sinne des §. 12 des Reichsgesetzes vom 14. Mai 1879 zu betrachten, so dass aus 
diesem Grunde die Auflösung des Vertrages erfolgen müsse, so ist doch damit 
der rechtliche Standpunkt nicht verlassen; denn auch in diesen Fällen würde 
Kläger seines Rechts auf Vertragsauflösung verlustig sein, wenn er bei dem 
Vertragsabschlüsse wusste, dass der Wein mit Kartoffelzucker versetzt sei; weil 
^r damit wissentlich eine Waare gekauft hätte, die nicht Kaufmannsgut war 
und die, sofern die Versetzung des Weines mit Kartoffelzucker stets als gesund¬ 
heitsschädlich im Sinne des Reichsgesetzes zu betrachten ist, auch gesundheits¬ 
schädlich war. Kläger hätte also in diesem Falle nach dem civilrechtlich allge¬ 
mein geltenden Grundsätze: „dem Wollenden geschieht kein Unrecht“ (Volenti 
non fit injuria) keine Rechtsverletzung durch die Beklagten erlitten und es 
würde ihm also jedes Klagerecht abzusprechen sein. — Wollte man aber auch 
annehmen, dass eine Versetzung des Weines mit Kartoffelzucker im Sinne des 
Reichsgesetzes nicht unbedingt als gesundheitsschädlich zu betrachten sei, die 
Gesundheitsschädlichkeit vielmehr erst dann bestehe, wenn die verkaufte Waare 
nur ein aus Trestern, Wasser und Kartoffelzucker bereitetes Getränk sei, so 
dass also die Kenntniss des Klägers von dem Kartoffelzusatze keinen der auf 
das Reichsgesetz gestützten Auflösungsanspruch beseitigenden Einwand enthalte, 
so würde doch auch dieses im vorliegenden Falle nicht mehr releviren. Es 
würde nämlich diese klägerische Behauptung von der Qualität der Waare so¬ 
wohl mit dem Inhalte, als auch mit dem klägerischerseits selbst erhobenen und 
übergebenen auf dieselbe chemische Untersuchung basirten früheren Gutachten 
des Dr. F. im Widerspruche stehen, da in beiden nur von Wein die Rede ist, 
der nur einen sehr bedeutenden Kartoffelzusatz enthalte. Dazu kommt, dass 
die Richtigkeit dieser klägerischen Behauptung selbst durch die angebotene 
Beweisführung nicht mehr festgestellt werden könnte, weil der fragliche Wein 
bereits seit über anderthalb Jahren an den Kläger abgeliefert wurde und dessen 
Qualitätszustand unter allen Umständen in Folge davon, dass er, wie nothwen- 
dig, mit anderem Weine aufgefüllt wurde, dessen Qualität unter den vorliegen¬ 
den Verhältnissen jedenfalls eine zweifelhafte bleibt, oder dass dieses nothwen- 
dige Ausfüllen unterlassen wurde, nicht mehr derselbe wie zur Zeit des 
Vertragsabschlusses sein kann. Es ist aber auf die in dieser Beziehung bean¬ 
tragte weitere Beweisaufnahme um so weniger jetzt noch einzugehen, als der 
Umstand, dass Kläger 1277 Liter von den erkauften 4174 Litern weiter verkaufte 
und nicht erwähnte, dass diese, die doch auch als Wein, bezüglich Traubenwein, 
und nicht als ein im Sinne des Reichsgesetzes beanstandetes Getränk verkauft 
wurden, von den Käufern in irgend einer Weise beanstandet worden wäre, da¬ 
für spricht, dass das hier vom Beklagten verkaufte Getränk nur das war, was 
Kläger selbst in der Klage angegeben hat, also ein Wein, der mit Kartoffel¬ 
zucker versetzt war.“ (Erkenntniss des Oberlandesgerichts zu Darmstadt vom 
11. November 1883; Dr. Puch eit, Zeitschr. f. d. Franz. Civilrecht Bd. XV, 
8. 495 ff.) 


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188 


Entscheidungen deutscher Gerichtshöfe. 


Weinfälsch un g. 

Aus den Entscheidungsgründen: „Soweit es sich um die Anwendung des 
Strafgesetzes handelt, erscheint die Revision als nicht gerechtfertigt. In dem 
angefochtenen Urtheil ist festgestellt, dass die 108 Liter Flüssigkeit, welche am 
.15. April 188S aus dem Geschäfte des Angeklagten dem Wirth N. geschickt 
wurden, als gefälschter Wein im Sinne des §. 10 Nr. 1 und 2 des Reichsgesetzes 
vom 14. Mai 1879 anzusehen sind und dass die Annahme ausgeschlossen ist, 
diesem Wirth sei Naturwein zugeschickt worden, welchen er selbst verfälscht 
habe. Es wurde vielmehr als erwiesen angesehen, der Wein sei im Geschäft 
des Angeklagten verfälscht worden. Die Strafkammer hat zwar angenommen, 
der Angeklagte sei zur Zeit, als der Wein verschickt wurde, abwesend gewesen, 
hat aber weiter festgestellt, dass die Leute des Angeklagten den in zwei im Keller 
befindlichen Fässern enthaltenen sauren Wein mit dem in einem anderen Fasse 
Vorgefundenen halbfertigen Kunstwein verschnitten, und dass sie bei diesem 
Verfahren, insbesondere bei der Absendung des gefälschten Weines dem be¬ 
stehenden GeschäftBgebrauch gemäss, sohin mit Zustimmung des Angeklagten 
und auf dessen Geheiss und Anordnung handelten. Damit soll offenbar gesagt 
sein, der Angeklagte habe seine Leute beauftragt, wenn in seiner Abwesenheit 
Wein bestellt werde, eine solche Mischung vorzunehmen und dieselbe an den 
Besteller abzuschicken. Auf Grund dieser Feststellung konnte aber die Straf¬ 
kammer ohne Rechtsirrthum annehmen, dass der Angeklagte wissentlich ein 
verfälschtes Genussmittel verkauft habe. Ob ein Weinhändler, wenn bei ihm 
Wein bestellt wird, seine Leute beauftragt, diesen Wein aus einem bestimmten 
Fass zu entnehmen, das, wie ihm bekannt ist, Kunstwein enthält, oder, ob er, 
wenn er auf einige Zeit verreist, den Auftrag hinterlässt, für den Fall einer Be¬ 
stellung von bestimmtem Inhalt in dieser Weise zu verfahren, hat rechtlich die¬ 
selbe Bedeutung. Der Angeklagte macht zwar weiter noch geltend, es sei nicht 
festgestellt, dass er den in Frage stehenden Wein unter Verschweigung des Um¬ 
standes verkauft habe, dass derselbe verfälscht, bezw. Kunstwein sei. Aber auch 
diese Rüge kann die Revision nicht rechtfertigen. Es ist zwar in den Gründen 
nicht ausdrücklich festgestellt, dass der Angeklagte die Eigenschaft des Weines 
als Kunstwein verschwiegen habe; aber dieselben lassen doch deutlich erkennen, 
dass die Strafkammer es als erwiesen ansah, der Wein sei als Naturwein ver¬ 
kauft worden. Zudem wurde der Angeklagte ausdrücklich für überführt erklärt, 
„108 Liter Wein, welche verfälscht waren, wissentlich unter Ver¬ 
schweigung dieses Umstandes verkauft zu haben“. Unter diesen Um¬ 
ständen ist die Verschweigung der Fälschung in hinreichender Weise festgestellt 
und der Thatbestand des in Frage stehenden Vergehens erschöpft. Demgemäss 
war das Rechtsmittel zu verwerfen.“ (Erkenntniss des I. Strafsenats des Reichs¬ 
gerichts vom 19, Januar 1884; Dr. Puohelt und Duy, Juristische Zeitschrift f. 
Elsass-Lothr. Bd IX, S. 111 ff.) 


Getränkererfälschung. 

§. 367 Nr. 7 ist durch §. 10 Nr. 2 und §. 11 des Reichsgesetzes, betr. 
den Verkehr mit Nahrungsmitteln etc. vom 14. Mai 1879 nicht 

aufgehoben. 

Der Angeklagte ist in der Berufungsinstanz auf Grund der Feststellung, dass 
er am 2. November 1882 in einem Destillationsgeschäft sogenannten „Ver- 
schnittrum“, d. h. eine zu y 4 aus echtem Jamaicarum und zu a / 4 aus Wein- 
Bprit bestehende Flüssigkeit, welche als ein verfälschtes Getränk anzusehen sei, 
durch seine von ihm hierzu mit ausdrücklichem Aufträge versehene Ehefrau 


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Entscheidungen deutscher Gerichtshöfe. 189 

feilgehalten und verkauft habe, wegen Uebertretung des §. 367 Nr. 7 des Reichs’ 
Strafgesetzbuches mit Geldstrafe belegt worden. Die Anwendung der Straf¬ 
bestimmung in §. 10 Nr. 2 des Reichsgesetzes vom 14. Mai 1879 ist desshalb 
unterblieben, weil nicht für erwiesen angesehen worden ist, dass der Angeklagte 
bei dem Verkaufe des Schnittrums dessen Verfälschung verschwiegen oder den¬ 
selben unter einer zur Täuschung geeigneten Bezeichnung feil gehalten habe.— 
Die Revision des Angeklagten rügt nun unrichtige Anwendung des §. 367 Nr. 7 des 
Reichsstrafgesetzbuches, indem die Anwendbarkeit dieses Strafgesetzes durch die 
Bestimmungen des angezogenen Reichsgesetzes vom 14. Mai 1879 ausgeschlossen 
werde. Die vorige Instanz hat sich zur Rechtfertigung ihrer Ansicht, dass die 
gedachte Vorschrift des Reichsstrafgesetzbuches nicht durch §. 10 des genann¬ 
ten Reichsgesetzes für aufgehoben zu erachten sei, auf verschiedene Vorent¬ 
scheidungen des Reichsgerichts bezogen und das Oberlandesgericht ist nicht in 
der Lage, diesen Ausführungen des Reichsgerichts, insoweit dieselben auf die 
rechtliche Beurtheilung des vorliegenden Straffalles von Einfluss sind, entgegen¬ 
zutreten; denn Inhalt und Zweck des nur angezogenen Gesetzes setzen ausser 
Zweifel,, dass durch dasselbe die bei dessen Erlass bezüglich der Verfälschung 
von Nahrungs- und Genussmitteln bereits bestehenden strafrechtlichen Bestim¬ 
mungen keineswegs aufgehoben oder beschränkt, sondern ergänzt und verschärft 
worden sind. Die Bestimmungen im §. 10 Nr. 2 und §.11 des Reichsgesetzes 
vom 14. Mai 1879 unterscheiden sich von der Vorschrift im §. 367 Nr. 7 des Reichs¬ 
strafgesetzbuches hauptsächlich darin, dass sie a) das dolose Delict von dem 
fahrlässigen trennen und ein jedes mit besonderen Strafen bedrohen; sowie 
b) die nach §. 367 des Reichsstrafgesetzbuches gleich werthigen Thatbestandesmerk- 
male des Feilhaltens oder Verkaufe ns verdorbener oder verfälschter Nah¬ 
rungsmittel insofern einschränken, als einem jeden derselben ein besonderes 
Erschwerungsmoment hinzugefügt wird und zwar dem Verkaufe: die Ver¬ 
schweigung des Verderbnisses oder der Verfälschung und dem Feilhalten: 
eine zur Täuschung geeignete Bezeichnung. Mit Rücksicht auf die 
Verschiedenheit des Inhalts beider Gesetze kann aber nicht behauptet werden, 
dass der Thatbestand des §. 367 Nr. 7 des Reichsstrafgesetzbuches in dem That- 
bestande des §. 10 Nr. 2 verbunden mit §. 11 des Reichsgesetzes vom 
14. Mai 1879 aufgehe. Denn wie ein Feilhalten verdorbener oder verfälschter 
Nahrungsmittel auch ohne den Gebrauch einer zur Täuschung geeigneten 
Bezeichung Vorkommen kann, so ist auch dem Vertheidiger nicht darin bei¬ 
zupflichten, dass der Thatbestand des §. 367 Nr. 7 des Reichsstrafgesetzbuches, 
insoweit derselbe durch den Verkauf verfälschter Nahrungsmittel begründet, 
die Verschweigung der Verfälschung zur stillschweigenden Voraussetzung 
habe. Vielmehr enthält die Strafvorschrift in §. 367 Nr. 7 des Reichsstrafgesetz¬ 
buches ein präventives, zur Verhütung der Möglichkeit einer Täuschung 
gegebenes Polizeigesetz, wodurch überhaupt dem vorgebeugt werden soll, dass 
verdorbene oder verfälschte Nahrungsmittel in den öffentlichen Verkehr gelangen, 
weil dadurch die Gefahr vervielfältigt wird, dass Besitzer derselben Personen 
werden, welche derartige Nahrungsmittel aus Unkenntniss ihres verdorbenen 
oder verfälschten Zustandes erwerben und gemessen, wesshalb auch die An¬ 
wendung des §. 367 Nr. 7 dadurch, dass der Käufer den verdorbenen oder ver¬ 
fälschten Zustand der verdorbenen Waare gekannt und dennoch gewollt hat, 
nicht ausgeschlossen wird. Wollte man aber selbst dem §. 367 Nr. 7 eine so 
weitgehende Bedeutung nicht beilegen und insbesondere Straflosigkeit dann 
annehmen, wenn verdorbene oder verfälschte Nahrungsmittel unter der Eröff¬ 
nung, dass sie verdorben oder verfälscht seien, feilgehalten oder verkauft werden, 
so folgt doch daraus, dass eine Verschweigung der Verfälschung nicht statt¬ 
gefunden hat, noch nicht ohne Weiteres, dass die Verfälschung ausdrücklich 
kundgegeben worden ist. Im vorliegenden Falle wurde zwar für erwiesen 
angesehen, dass auf den im Verkaufslocale des Angeklagten aufgestellten 
Fässern und Flaschen, worin er den von ihm bereiteten Verschnittrum auf- 


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190 Kleinere Mittheilungen. 

bewahrte, eine Etikette mit dem Worte „Verschnittrum“ angebracht, auch in 
seinem Verkaufslocale ein allen daselbst Verkehrenden deutlich sichtbares 
Placat ausgehängt gewesen sei, auf welchem mit grossen Lettern die wesentlich 
verschiedenen Preise des echten und des billigen sogenannten Verschnittrums 
au lesen waren. Allein auf Grund dieser Feststellung hat die vorige Instanz 
nur angenommen, dass der Angeklagte die Verfälschung des Verschnittrums 
nicht verschwiegen, nicht aber, dass er dieselbe in deutlicher und allen Käufern 
erkennbarer Weise kundgegeben habe. Endlich kann auch dem Vertheidiger 
nicht zugegeben werden, dass dem Angeklagten das Feilhalten und Verkaufen 
des fraglichen Verschnittrums erlaubt gewesen sei, weil das gewerbsmässige 
Verkaufen und Feilhalten solchen Verschnittrums nicht gemäss §. 5 Nr. 2 des 
Reichsgesetzes vom 14. Mai 1879 verboten worden sei. Denn durch die letztere 
Vorschrift soll, wie aus den Worten: „zum Schutze der Gesundheit“ deut¬ 
lich hervorgeht, nur einem gesundheitswidrigen Gewerbebetriebe entgegen¬ 
getreten werden, während durch Feilhalten und Verkauf gefälschter Nahrungs¬ 
mittel, auch wenn sie nicht gerade gesundheitsschädlich sind, immer noch 
das wirtschaftliche Interesse des kaufenden Publicums geschädigt wird. 
Unrichtige Gesetzesanwendung kann daher dem angefochtenen Urtheile nicht 
zum Vorwurfe gemacht werden.“ (ErkenntnisB des königl. sächsischen Ober¬ 
landesgerichtes zu Dresden vom 25. April 1884; Klemm und Lamm, Annalen 
Bd. V, S. 419 ff.) 


Kleinere Mittheilungen. 


Von der Zeitschrift des königlich prenssischen statistischen BOreaus 

(Herausgegeben von dessen Director, Geheimen Regierungsrath E. Blenck) ist 
soeben der XXIV. Jahrgang (1884) abgeschlossen und in einem stattlichen Bande 
mit mehreren graphischen beziehungsweise kartographischen Darstellungen 
ausgegeben worden. Aus dem reichen Inhalt sei hier als von specieller 
hygienischem Interesse erwähnt: Die Lebens- und die Feuerversicherung in 
Preussen in den Jahren 1881 und 1882 und die Ergebnisse der deutschen Ver¬ 
sicherungsanstalten im Jahre 1882 mit Rückblicken auf frühere Jahre (von 
H. Brämer). — Die Geburten, Eheschliessungen und Sterbefalle bei der Civil- 
und Militärbevölkerung des prenssischen Staates im Jahre 1883. — Grösste 
Niederschlagsmengen in Deutschland, mit besonderer Berücksichtigung Nord¬ 
deutschlands (von Dr. G. Hellmann). — Die Entwickelung der communalen 
Wohnungsstatistik und ihre Ergebnisse (von M. Hovet). — Wirkliche und 
Mittelpreise der wichtigsten Lebensmittel für Menschen und Thiere in den 
bedeutendsten Marktorten der preussischen Monarchie während des Kalender¬ 
jahres 1883 beziehungsweise des Erntejahres 1882 — 83. Auf Grund der Markt¬ 
berichte von 165 preussischen Marktorten bearbeitet vom königlichen statisti¬ 
schen Büreau etc. 


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Kleinere Mittheilungen. 191 

Yerb altuiiggmaassregeln bei Kinderkrankheiten für MOtter und Kranken¬ 
pfleger betitelt sich ein auf Veranlassung des ärztlichen Leiters der Leipziger 
Poliklinik, Dr. Fürst, von Denicke’s Verlag in Leipzig herausgegebenes und in 
der dortigen Kinderpoliklinik eingeführtes Schriftchen, das aus sieben losen, 
auch einzeln erhältlichen Octavblättera ] ) besteht, die in allgemein verständlicher 
Form die wichtigsten Verhaltungsmaassregeln bei gewissen Krankheitsgruppen 
des Kindesalters enthalten und zur Vertheilung an die Mütter kranker Kinder 
auf der Leipziger Poliklinik bestimmt sind, um ihnen die sonst nur mündlich 
gegebenen Verhaltungsmaassregeln dauernder einzuprägen. 

Nr. 1 bespricht das Verhalten der Kinder bei Scrophulose, vor 
Allem die zweckmässigste Ernährung, wobei genau angegeben wird, was den 
Kindern zu essen und zu trinken erlaubt, was verboten wird, ferner den mög¬ 
lichst reichlichen Aufenthalt in frischer, reiner Luft, das Lüften der Zimmer, 
Bäder und Waschungen, für grössere Kinder Turnen und Körperübungen und 
dergleichen. 

Nr. 2 behandelt in ähnlicher Weise das Verhalten bei Rhachitis, wobei 
noch besonders auf die Beachtung der Knochen des Kindes hingewiesen und 
vor jedem zu frühen Sitzen, Stehen und Gehen der Kinder gewarnt wird. 

Nr. 8 handelt von dem Verhalten bei Krankheiten der Athmungs- 
organe, giebt hier alle erforderlichen Maassregeln bei Husten [in Bezug auf 
Zimmer- oder Bettaufenthalt, Ausgehen und die einfachsten Mittel, warnt vor 
allen sogenannten Hausmitteln und vor der weitverbreiteten Meinung, der 
Husten komme vom „Zahnen“ und bedürfe keiner ärztlichen Behandlung. 

In Nr. 4 wird das Verhalten bei Nervenkrankheiten besprochen, bei 
denen neben dem „Zahnen“ auch die „Würmer“ eine Rolle spielen und die 
Eltern abhalten bei Zeiten ärztliche Hülfe zu suchen, die hier gerade am 
Anfang der Erkrankung besonders wichtig sein kann; auch werden in Bezug 
auf kalte Umschläge, Eisblase, Uebergiessungen, Ableitungen etc. die zweck¬ 
mässigen Maassnahmen geschildert. 

Nr. 5 bespricht das Verhalten bei Brechen, Diarrhoe und sonstigen 
Verdauungsleiden und giebt hier eine grosse Reihe von diätetischen Vor¬ 
schriften, bei denen die Milch natürlich die wichtigste Rolle spielt. 

Nr. 6 handelt von dem Verhalten bei fieberhaften Krankheiten 
und giebt den Müttern sehr genaue und zweckentsprechende Belehrung über 
die Erkennung von Fieber bei einem Kinde, über die verschiedenen Arten der 
Anwendung des Thermometers (wobei besonders das Pa ulke* sehe Universal¬ 
thermometer, das Stuben-, Bad- und Krankenthermometer zugleich ist, empfohlen 
wird) und über die Bedeutung der gefundenen Wärmegrade; ferner werden die 
kühlen Waschungen und Einwickelungen, kalte Umschläge, abkühlende Bäder, 
das leichte Zudecken im Bett und manches andere Wissenswerthe genau 
geschildert. 

Nr. 7 endlich giebt Verhaltungsmaassregeln für die Impflinge und 
bezeichnet das Verhalten nach dem Impfen, wobei mit Recht das Hauptgewicht 
auf die Reinlichkeit gelegt wird. 

Die verschiedenen Blätter können in den Händen von Müttern und Kinder¬ 
pflegerinnen von grossem Nutzen sein, sie können viel Vorurtheil beseitigen 
und Vernünftiges und Zweckmässiges an dessen Stelle setzen und wäre es zu 
wünschen, dass diese oder ähnlich einfache, allgemein verständliche Verhaltungs¬ 
maassregeln in allen Kinderpolikliniken und überhaupt in der Kinderpraxis zur 
Verwendung kämen, da im Allgemeinen viel mehr durch Unwissenheit, als durch 
Mangel an gutem Willen geschadet wird. £. 

1 ) Der Preis der sieben Blätter beträgt 50 Pf. Die einzelnen Nummern werden auch 
apart abgegeben und zwar 10 Expl. für 40 Pf.; 25 Expl. für 80 Pf.; 50 Expl. für 1 M. 
30 Pf.; 100 Expl. für 2 M. (auch gemischt). 


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192 


Kleinere Mittheilungen. 


Noch einmal Cibils« In Band XVI, Seite 543 dieser Vierteljahrsschrift ist 
unter der Ueberschrift: Was ist Cibils? die Vermuthung ausgesprochen, 
dasselbe sei möglicherweise ans Pferdefleisch dargestellt, da die verschiedenen 
chemischen Reactionen von denen der bisher gebräuchlichen Fleischextracte 
nieht unwesentlich abweichen und manche Aehnlichkeiten mit Liebig’s 
Beschreibung der Pferdefleischbrühe ergaben; zudem war über Ursprung und 
Herstellung des Präparates auf den Flaschen und den Gebrauchsanweisungen 
nicht das Geringste erwähnt, namentlich nirgends gesagt, dass es von Ochsen¬ 
fleisch bereitet sei. 

Nach näheren Informationen hat sich diese Vermuthung unseres geschätzten 
Mitarbeiters nicht bestätigt. Es sind in Folge jenes Artikels der Redaction 
glaubwürdige Beweise vorgelegt worden, dass das Präparat in Uruguay (La Plata) 
aus dem Fleisch der dort in ungeheuren Herden wild weidenden Ochsen in 
der Weise dargestellt wird, dass das Fleisch zerkleinert und in kaltem Zustande mit 
reiner Salzsäure extrahirt und dann mit kohlensaurem Natron neutralisirt wird, 
wodurch das Präparat ganz frei von Leim und sehr reich an Eiweiss ist, welches 
durch das Neutralismen in zarter Form ausgeschieden wird, wesshalb es nöthig 
ist, den Extract vor dem Gebrauch leicht aufzuschütteln. 

Das Extract besteht nach der Analyse des Chemikers Herrn Dr. C. Rüger 
in Berlin 1) aus einer Lösung von Nährsalzen, Eiweiss und Creatin (60*96 Proc.), 
2) aus einer gelatinirten, resp. coagulirten Eiweissflüssigkeit, welche sich absetzt 
und mit Fett emulsirt ist (36*30 Proc.) und 3) aus fein zertheilten Fragmenten 
unter dem Mikroskop leicht erkennbarer Muskelfleischfasern (2*74 Proc.). 

Seine chemische Zusammensetzung ist nach den beiden übereinstimmenden 
Analysen des Herrn Professors Dr. A. Hilger in Erlangen und des Herrn 
Dr. C. Rüger in Berlin: 

Dr. Hilger Dr. Rüger 


Speciflsches Gewicht.1*21 Proc. 

Trockenrückstand. 36*04 „ 

Mineralische Bestandteile (Asche) . . . 19*44 „ 

Organische Bestandteile.16*00 „ 

Fett.0*37 „ 

Stickstoff als lösliche Eiweissstoffe . . . 210 „ 

Chlor als Kochsalz und Chlorkalium . . . 9*36 „ 


1*21 Proc. 
35*44 „ 

19*43 „ 

16*01 n 
0-38 „ 

2*10 „ 
9*36 w 


Redaction. 


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Der fünfte internationale Congress für Hygiene 
und Demographie 

Yom 21. bis 27. August 1884 
im Haag. 

Berichte von Dr. R. Blasius (Braunschweig), Dr. G. Custer (Rheineck) 
und Dr. R. Böckh (Berlin). 


Der fünfte internationale hygienische Congress hatte nach den beiden 
erschienenen Mitgliederlisten 324 Theilnehmer. Nach den verschiedenen 
Ländern vertheilten sich dieselben folgendermaassen: 


141 Holländer (85 aus 
dem Haag), 

70 Franzosen, 

30 Spanier, 

19 Belgier, 

14 Deutsche, 

10 Schweizer, 


9 Engländer, 

8 Nordamerikaner, 
5 Russen, 

4 Italiener, 

3 Portugiesen, 

2 Oesterreicher, 

2 Serben, 


2 Egypter, 

1 Rumäne, 

1 Bulgare, 

1 Türke, 

1 Japanese, 

1 Südamerikaner. 


Nächst den Holländern und speciell den Bewohnern des Haag waren 
die Franzosen, wie vor zwei Jahren in Genf, in überwiegender Anzahl ver¬ 
treten. Von unmittelbaren Nachbaren der Niederlande waren die Belgier 
verhältnissmässig zahlreich erschienen, während Deutschland noch schwächer 
der Zahl nach vertreten war, als auf dem letzten Congress in Genf, wo 
wenigstens 23 Theilnehmer aus deutschen Landen verzeichnet waren. Auf¬ 
fallend gering war auch die Zahl der Engländer, während die Vereinigten 
Staaten von Nordamerika ein verhältnissmässig grosses Contingent gestellt 
hatten. Spanien hatte eine auffallend grosse Zahl von Hygienikern gesandt, 
vielleicht in alter Erinnerung an den früheren politischen Zusammenhang 
beider Staaten. Italien war sehr schwach vertreten, wahrscheinlich, da die 
meisten Hygieniker durch die drohende Choleraepidemie in ihrer Heimath 
zurückgehalten waren. Egypten hatte ebenso viele Vertreter entsandt, als 
der mächtige Kaiserstaat Oesterreich-Ungarn. Die nordischen Staaten 
Europas waren nur durch Russland vertreten, Dänemark, Schweden und 
Norwegen fehlten gänzlich, offenbar in Folge des kurz vorher in Kopen¬ 
hagen stattgefundenen internationalen medicinischen Congresses, der ja auch 
seine Section für Hygiene hatte. 

Vierteljahnschrift für Gesundheitspflege, 1886 . 13 


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194 Fünfter internationaler Congress für Gesundheitspflege im Haag 

Wie vom Genfer Congreaae, kann man daher auch von dem Haager 
Congreaae sagen, dass er nicht vollkommen den wünachenawerthen inter¬ 
nationalen Charakter trug. Wenn wir wirklich wiaaenachaftlichen Vortheil 
von einem internationalen Congresae haben sollen, so darf nicht eine Nation 
in so auffallender Weise dominiren und fast nur in einer Sprache die 
Verhandlung geführt werden. Es war gewiss sehr anzuerkennen, dass 
die Holländer auf ihre eigene Sprache gänzlich verzichtet hatten und fast 
immer sich der französischen Sprache bedienten — immerhin bekam dadurch 
der Congress aber einen etwas einseitigen französischen Charakter, was 
gerade dem Gegenstände, mit dem er sich beschäftigte, in keiner Weise 
entsprach, da gerade im jetzigen Augenblicke die deutschen Hygieniker 
gewiss mit in den ersten Reiben der öffentlichen Gesundheitspflege hervor¬ 
treten. 

Im Artikel 8 des Reglements des fünften internationalen hygienischen 
Congresses heisst es: „Wenn auch die französische Sprache diejenige ist, 
in der die Verhandlungen geführt werden, so können die Mitglieder auch 
in jeder anderen Sprache sich ausdrücken; wenn es gewünscht wird, so 
können die Mittheilungen dann in französischer Sprache kurz wieder¬ 
gegeben werden.“ Derartige Bestimmungen dürften besser für einen 
folgenden Congress fortbleiben. Ein Nutzen internationaler Congresse wird 
erst dann vollkommen erreicht werden, wenn die Mitglieder, wie dies schon 
in dem Berichte über den vierten internationalen hygienischen Congress in 
dieser Zeitschrift (siehe Jahrgang 1883, S. 193) hervorgehoben ist, sich 
in französischer, englischer und deutscher Sprache aus¬ 
drücken und sich auch gegenseitig darin verstehen. Wenn 
ein Redner nicht seine eigene Sprache spricht, wird es ihm schwer werden, 
so, wie er möchte, seine innersten Gedanken wiederzugeben — Ueber- 
setzungen, und wenn Bie noch so gut gemacht werden, sind immer nur ein 
sehr ungenügender Ersatz und wenn sie nun gar, wie das wohl im Haag 
geschah, Satz für Satz gegeben werden und der Vortragende dadurch 
immer unterbrochen wird, so schaden sie dem ganzen Eindrücke der Rede 
auf das Entschiedenste. 

Die Wissenschaft ist international, von irgend welchen nationalen 
Eigentümlichkeiten muss daher auch bei einer derartigen wissenschaft¬ 
lichen Zusammenkunft abstrahirt werden. Jeder hat die Literatur und 
die Forschungen fremder Länder gebührend zu berücksichtigen und ein 
Ignoriren von wissenschaftlichen Resultaten, die von Forschern anderer, 
vielleicht nicht befreundeter, Nationen erlangt sind, ist nicht zu billigen. 

Dass die letzten internationalen hygienischen Congresse einen so ein¬ 
seitigen Charakter getragen haben, ist aber mit unsere eigene Schuld. Wenn 
nicht mehr als 14 Deutsche sich an einem Congresse eines benachbarten 
stammverwandten Landes betheiligen, so muss man sich nicht wundern, 
dass sie nicht im Stande sind, den französischen Anstrich der Versammlung 
irgendwie zu beeinflussen. Es ist daher dringend wünschenswerth, auf 
dem nächsten Congresse in grösserer Anzahl aufzutreten. 

Der Congress war von dem Organisationscomit4, speciell von dem 
Generalsecretär Dr. van Overbeek de Meijer, Professor der Hygiene in 
Utrecht, vortrefflich vorbereitet. Ein reiches Material lag den einzelnen 


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195 


vom 21. bis 27. August 1884. 

Sectionen vor, Referenten waren für viele Fragen vorher bestellt, manche 
Fragen mussten wegen Zeitmangel noch unerledigt bleiben und auf einen 
nächsten Congress verschoben werden. 

Die Leitung des Congresses, speciell der allgemeinen Versammlung, 
lag in den Händen eines Juristen, des Dr. jur. W. H. da Beaufort, der 
sich seines Amtes mit ausserordentlicher französischer Gewandtheit entledigte. 
Die allgemeinen Sitzungen fanden in einem grossen Saale in der „Diligentia“ 
statt, die Sectionssitzungen theils in demselben Raume, theils in dem 
prächtig eingerichteten Sitzungssaale der ersten Kammer der General Staaten. 
Beide Gebäude sind nur wenige Minuten von einander entfernt, so dass der 
Besuch der Versammlungen den Theilnehmern sehr bequem gemacht war. 

Von der Bevölkerung des Haags wurden die Congressmitglieder in der 
liebenswürdigsten Weise empfangen. In dem grossen Saale des Palais des 
arts et des Sciences fand am ersten Abend ein festlicher und herzlicher 
Empfang Seitens der städtischen Behörden statt. Der Bürgermeister der 
Stadt, Dr. jur. J. G. Patijn, gab den freudigen Gefühlen seiner Mitbürger, 
den Congress in ihren Mauern tagen zu sehen, in beredtester Weise Aus¬ 
druck. Die zoologisch - botanische Gesellschaft hatte den Congress zum 
Abendconcert im Jardin d } acclimatisation eingeladen, ebenso der Cercle litte - 
raire nach seinem Pavillon im „Bosch“. Das Organisations- und Receptions- 
comite hatte ein schönes Fest im Kurhause in Schevenin gen arrangirt und 
der Graf C. J. E. van Bylandt den ganzen Congress zu einem zauberhaft 
grossartigen Feste nach seinem Schlosse Arendsdorp eingeladen, das leider 
etwas durch die Ungunst der Witterung litt. Der in die Congresstage 
fallende Sonntag wurde durch eine überaus gelungene Fahrt nach Rot¬ 
terdam und Dordrecht ausgefüllt. Die Rheinische Eisenbahngesellschafb 
hatte die Extrazüge nach Rotterdam und zurück angeboten, in Rotter¬ 
dam selbst wurden die Congressmitglieder in der zuvorkommendsten 
Weise von den dortigen städtischen Behörden empfangen und dann zu den 
grossartigen Hafen- und Schiffbauanlagen geführt. Später nahm ein reich¬ 
geschmücktes Dampfschiff sie auf und führte sie, erfrischt durch würzige 
Speise und Trank, nach Dordrecht und der grossartigen Eisenbahnbrücke 
bei Moerdijk. Der ungezwungenste Verkehr von Männern der verschieden¬ 
sten Nationalitäten entwickelte sich am Bord des Schiffes und einer der 
Hauptvortheile internationaler Congresse, der persönliche Verkehr bis dahin 
sich fremd gegenüberstehender Forscher, wurde Jedem geboten, der ihn 
wünschte. 

Der Präsident und die Vicepräsidenten des Organisationscomites hatten 
die Delegirten der verschiedenen Staaten zu einer Soiräe und einem Diner 
vereinigt. Auch in Privatkreisen zeigte sich einzelnen Congressmitgliedern 
gegenüber die grösste Gastfreiheit. Manche Freundschaft wurde im ge¬ 
selligen Verkehr geschlossen, immer wieder hörte man aus dem Munde der 
holländischen Collegen die volle Anerkennung der grossartigen neueren 
Leistungen der deutschen Wissenschaft und gewiss den meisten unserer 
Landsleute ist der dringende Wunsch ins Herz eingeprägt, bald auch in 
unserem engeren Vaterlande die Hygieniker aller Länder gastlich zu gemein¬ 
samen Arbeiten begrüssen zu können. Blasius. 


13* 


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19G Fünfter internationaler Congress für Gesundheitspflege im Haag. 


Allgemeine Sitzungen. 

Berichterstatter: Br. R. Blasius. 


, Erste Sitzung. 

Donnerstag, den 2 1. August. 

Wie üblich, war die erste Sitzung der feierlichen Eröffnung und den 
Begrüssungsreden der Delegirten fremder Länder gewidmet. In Gegenwart 
der diplomatischen Vertreter von Spanien, Belgien, Italien, Nordamerika, 
Frankreich und Deutschland begrüsste der Präsident des Organisations- 
comites, Dr. de Beaufort, die ansehnliche Versammlung, indem er 
zunächst dem tiefen Bedauern Ausdruck gab, dass der ursprünglich zum Prä¬ 
sidenten deßignirte frühere Minister der Niederlande, Ritter G. J. G. Klerck, 
am 18. Januar dieses Jahres im Haag verstorben sei. Redner sprach dann 
vou der tiefen Trauer, die das ganze Land ergriffen habe durch den Tod 
des letzten Sohnes deB Königs und die grössere officielle Festlichkeiten 
verbiete. Der Haag, fuhr er fort, biete, wenn auch keine grosse Weltstadt, 
so doch viel des Schönen an Kunst und eigne sich vortrefflich zu wissen¬ 
schaftlichen Vereinigungen; die das öffentliche Wohl zum Gegenstaude 
ihrer Berathungen hätten, die Bevölkerung werde den Verhandlungen des 
Congresses mit grosser Aufmerksamkeit folgen und besonderen Werth auf 
die Beschlüsse und Resultate derselben legen. Was die speciellen Auf¬ 
gaben des Congresses anbetreffe, so habe er die wissenschaftlichen Resultate 
der hygienischen Forschungen festzustellen, damit der Staat auf deren 
Grundlage seine Gesetze zum Schutze seiner Bürger beschliesse. Während 
Bastiat früher auf die Frage, welche Dinge darf ein Mensch dem anderen 
mit Gewalt auferlegen, die Antwort gegeben habe: „je rien ccnmais qu’une: 
la justice u , vergass er, dass, was Recht ist in den Augen des Einen, Unrecht 
ist für den Anderen, dass über den Begriff von Recht nicht immer Ein¬ 
stimmigkeit herrscht. Das Streben unserer jetzigen Zeit gehe dahin, die 
Gesetzgebung auf die wissenschaftlichen Resultate der öffentlichen Gesund¬ 
heitspflege zu basiren, derartige Gesetze hätten die Förderung des Volkswohlea 
zur Folge. Wenn man auch die persönliche Freiheit möglichst schützen 
müsse, so dürfe man im Interesse des öffentlichen Wohles dem Einzelnen 
gewiss gesetzliche Beschränkungen auferlegen. Die Zeiten hätten sich 
geändert, während früher nach einem Dichterworte (Michael Montaigne) 
„kein Arzt sich freute, wenn seine Freunde gesund sind tf , kämpfe und 
arbeite der Arzt und Hygieniker jetzt für die Gesundheit des Einzelnen, 


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Allgemeine Sitzungen (Berichterstatter Dr. It. Blasius). 197 

der Völker und damit der ganzen Menschheit. Znm Schlüsse wies der 
Redner hin anf das den Plafond des Sitzungssaales der ersten Kammer 
zierende Bild, das die Republik der vereinigten Niederlande darstellt anf 
dem Gipfel ihrer Macht im 17. Jahrhundert, als die Bewohner aller Erd- 
theile, ans den niederländischen Kolonien, nahen, um ihre Gaben als Zeichen 
der Huldigung darzubringen. Jetzt sei diese sinnbildliche Darstellung zur 
vollendeten Thatsache geworden, die Männer der Wissenschaft aus allen 
Ländern seien hier versammelt, um zum Wohle der Gesamrotheit hier ihre 
Berathungen abzuhalten. Mit dem Wunsche, dass die Resultate des Congresses 
zum Wohle der Menschheit in hohem Grade gereichen möchten, erklärte 
der Präsident deji Congress für eröffnet. 

Der Generalsecretär des Organisationscomites, Prof, van Overbeek 
de Meijer (Utrecht), gab zunächst einen Ueberblick über das, was in 
Betreff des Congresses seit dem vierten internationalen Congresse in Genf 
vorgefallen war und besprach das Entgegenkommen, das das Organisations- 
coroite Seitens vieler Staaten, Comraunen und wissenschaftlichen Gesellschaf¬ 
ten gefunden habe, die traurigen Zwischenfälle durch den Tod des Prinzen 
von Oranien und Ritter G. J. G. Klerck. Ara gefährlichsten für das Zu¬ 
standekommen des Congresses war die herannahende Cholera, man wandte 
sich dieserhalb nach Paris und erhielt von dortigen Sanitätsbeamten den 
Rath, bei der langsamen Verbreitung der Seuche und der anscheinenden 
Localisirung in Toulon und Marseille, den Congress ruhig abzuhalten, auch 
mit zu dem Zwecke, die nothwendigen Maassregeln gegen die Werterver¬ 
breitung der Cholera hier einer allgemeinen Besprechung zu unterziehen. 

Auf Vorschlag von Rochard (Paris) wurde durch Acclamation das 
Organisationscomitä zum definitiven Vorstande des Congresses gewählt. 

Zu Ehrenpräsidenten wurden dann ernannt: Oakley und Billings 
(Nordamerika), Bradel (Bulgarien), Brouardel, Rochard (Frankreich), 
Caro (Spanien), Chaumont, Corfield (England), Corradi (Italien), Crocq 
(Belgien), Eulenberg, Emmerich (Deutschland), Felix (Rumänien), 
Haltenhof (Schweiz), Soyka (Oesterreich-Ungarn), Suzor (Russland), 
There8opoli8 (Brasilien), Zoeros-Bey (Türkei), Bonders (Holland). 

Zum Schlüsse sprachen Corradi von Pavia und Caro von Madrid 
den Dank aus für den gastfreien Empfang in den Niederlanden und über¬ 
brachten die Grüsse von Italien und Spanien. 


Zweite Sitzung. 

Freitag, den 2 2. August. 

Vorsitzender: Dr. de Beaufort (Haag). 

Da Professor Pasteur (Paris) durch Krankheit verhindert war, seinen 
angekündigten Vortrag über „die Abschwächung des Krankheitsgiftes u zu 
halten, war Professor J. Rochard, Generalinspector des Marinesanitäts- 


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198 Fünfter internationaler Congress für Gesundheitspflege im Haag. 

dienstes in Frankreich, als Stellvertreter eingetreten. Er hielt einen Vor¬ 
trag über den 

Geldwerth des mensoMiohen Lebens. 

Nachdem der Redner die Arbeiten von Chadwick, Farr, Douglas-Galton, 
James Paget (deutsche Arbeiten wurden nicht genannt 1) erwähnt, stellte 
er folgende Thesen auf: 

1. Jede Ausgabe für die öffentliche Gesundheitspflege ist eine Er¬ 
sparung. 

2. Nichts verursacht mehr Unkosten als die Krankheit und der Tod. 

3. Die Schädigung des menschlichen Lebens ist die schlimmste Beein¬ 
trächtigung der menschlichen Gesellschaft. 

Abgesehen von dem intellectuellen Werthe hat das menschliche Leben 
einen rein materiellen Werth, der z. B. speciell von den Versicherungs¬ 
gesellschaften berücksichtigt wird. Er variirt nach Alter, Geschlecht, Wohn¬ 
ort, socialer Stellung u. s. w. Der materielle Werth des menschlichen 
Lebens steigt von der Geburt bis zur vollkommenen Körperausbildung, 
erhält sich einige Zeit (35. bis 40. Jahr) und fällt dann bis zum Greisenalter 
wieder. Er ist geringer bei den Frauen als bei den Männern, geringer 
bei den Landbewohnern als bei den Städtern, geringer in den niederen 
Volksclassen als bei den gebildeteren. Wenn man nach diesen allgemeinen 
Grundsätzen die Bevölkerung Frankreichs eintheilt, so erhält man für den 
Werth 8ämmtlicher Einwohner Frankreichs 41 321 236 656 Frcs., was bei 
einer Einwohnerzahl von 37 672 048 pro Kopf einen Werth von 1097 Frcs. 
bringen würde, eine Zahl, die jedenfalls nicht zu hoch gegriffen ist, wenn 
man bedenkt, dass Chadwick 200 Pfd. St., Farr 159Pfd. St und die Ame¬ 
rikaner 3500 Dollars rechnen. 

Hiernach repräsentirten die 858 237 Todesfälle, die Frankreich 
1880 erlitt, wenn man die Beerdigungskosten mitrechnet, ca. 1 Million 
Francs. 

Um die Unkosten durch Krankheiten zu berechnen, erhält man 
nach den offlciellen Listen der französischen Hospitäler für das Jahr 1880 
462 257 Kranke, die mit 15 904 373 Krankheitstagen behandelt wurden. 
Rechnet man 2 Frcs. für den Tag, so kosteten diese Kranken 31 808 756 Frcs. 
Da 41 911 starben, so kann man auf 100 Kranke 9 Todesfälle im Durch¬ 
schnitt rechnen. Der Arbeitsverlust durch diese Kranken (2 Frcs. für den 
Mann, 1 Frc. für die Frau) würde 22 087 419 Frcs. betragen, derGesammt- 
verlust für die menschliche Gesellschaft 53 896 175 Frcs. Berechnet man 
nun aus der Gesammtzahl der Todten und mit Berücksichtigung des Um¬ 
standes, dass 9 Todesfälle auf 100 Kranke kommen, die Zahl derjenigen, 
die in ihren Wohnhäusern krank waren, und den Geldverlust, den sie der 
Gesammtheit brachten, so erhält man für diese die Summe von 654524408 Frcs. 
Nehmen wir den Geldverlust durch die Hospitalkranken hinzu, so verlor 
Frankreich im Jahre 1880 im Ganzen durch Krankheit 708 450 583 Frcs. 

Suramiren wir hierzu den Verlust durch Tod, so erhalten wir 
1 649107 027 Frcs., die Frankreich durch Tod und Krankheit verlor, die 
Hälfte seines Budgets. 


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Allgemeine Sitzungen (Berichterstatter Dr. R. Blasius). 199 

Gelänge es durch hygienische Maassregeln, die Sterblichkeitsziffer nur 
um Vio herabzusetzen, so würde Frankreich 165 Millionen jährlich sparen. 
Möglich ist dies, da hauptsächlich die contagiösen Krankheiten ihre Opfer 
fordern. Die Pest hat im 16. Jahrhundert in 53 Jahren 100 Millionen 
Sr.hlachtopfer gefordert, im 14. Jahrhundert raffte der schwarze Tod in 
4 Jahren 77 Millionen Menschen hin, in Genua 40 000, in Neapel 60 000, 
in Venedig 70 000. Aussatz kommt nicht mehr vor, vor wenigen Jahren 
gelang.es Loris Menzikoff durch einen dreifachen Cordon, den er um 
die Krankheitsstätten zog, die sibirische Pest zu beschränken. Das 
gelbe Fieber, das 1730 noch in Spanien wüthete, 1804 in Livorno und 
zuletzt 1823 in Lissabon, kann, wenn wir uns durch Quarantänen nur sorg¬ 
fältig schützen, von uns ferngehalten werden. So gut, wie es gelungen 
ist, die Pest, den Aussatz u. s. w. aus Europa zu beseitigen, müssen wir 
auch die jetzt noch Tausende hinraffenden Infectionskrankheiten bekämpfen. 
Die Cholera müssen wir uns durch gemeinsame Maassregeln nach einem 
internationalen Sanitätscodex fernhalten, die fünf Invasionen, die Frank¬ 
reich vor der jetzigen letzten durchgemacht hat, haben 346 478 Opfer hin¬ 
gerafft, ganz Europa hat die Cholera bereits einen Schaden von 3 Millionen 
Frcs. zugefügt. Die eruptiven Fieber kosten Europa jährlich mehr als 
300 Millionen, von denen man durch passende sanitäre Maassregeln die 
Hälfte sparen könnte. Die Pocken kosten Frankreich allein jährlich 
7 387 000 Frcs., zehnmal mehr als es kosten würde, ein regelmässiges Impf¬ 
system einzurichten. Der Typhus ist die Geissei der europäischen Armeen. 
Von 2 834 600 Soldaten, die 1884 in Europa unter den Waffen standen, 
starben jährlich an Typhus 5669 (in Frankreich 337 auf 100 000, in 
Italien 209, in Oesterreich 158, in Preussen 95, in England 31); rechnet 
man den Werth eines 21jährigen Menschen zu 6000 Frcs., so giebt dies 
einen Verlust von 34 014 000 Frcs. jährlich. 

Wir können durch rationelle hygienische Verbesserungen diese Krank¬ 
heit bekämpfen, wie es Brüssel, München und Frankfurt in den letzten 
Jahren bewiesen haben. 

Zur Verbreitung dieser Gedanken müssen wir Alles benutzen, das auf 
die öffentliche Meinung wirkt, das Buch, die Zeitschrift, die Gesetzgebung, 
den Lehrstuhl, die Congresse und die Gesellschaften für öffentliche Gesund¬ 
heitspflege. Vor allen Dingen müssen wir Geld dazu haben, das Kriegs¬ 
budget komme dem der Hygiene zu Hülfe. Europa gebraucht jetzt im 
vollen Frieden 2 903 000 000 FrcB. jährlich für seine Armeen. Hiervon 
nehme man Etwas, um den Grundstock für das Capital der Hygiene zu 
bilden. Die Aera der grossen Kriege nähert sich ihrem Ende, wenn wir 
das Friedenszeitalter nicht mehr durchmachen, so werden es unsere Gross¬ 
kinder vielleicht mit erleben. „Dies Zeitalter des Friedens wird erscheinen, 
und dieser Blick in die Zukunft tröstet mich ein wenig über die traurigen 
Verhältnisse der Gegenwart. Dies ist vielleicht eine Einbildung, die ich 
pflege, aber bis zu meinem letzten Athemzuge will ich sie für mich be¬ 
wahren/ So schloss der Redner seinen eleganten, mit lautem Beifall 
bejubelten Vortrag. 


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200 Fünfter internationaler Congress für Gesundheitspflege im Haag. 


Dritte Sitzung. 

Sonnabend, den 2 3. Augnst. 

Vorsitzender: Gelieimeratli Dr. Eulenberg (Berlin). 

Professor Dr. H. Cohn ans Breslau hielt einen Vortrag über 

Tageslichtmessungen in den Schulen 

mit Demonstration von Apparaten des Professors Leonhard Weber 
(Breslau). Schon seit langer Zeit ist es bekannt, dass man bei abnehmen¬ 
der Helligkeit eine Schrift znm Lesen dem Auge näher bringen muss, 
trotzdem hat man bei Schulbauten Behr häufig auf Lage, Grösse und Zahl 
der Fenster nicht die für das Auge erforderliche Rücksicht genommen. 
Alle Autoren sind einstimmig darin, dass durch Lesen und Schreiben bei 
schlechter Beleuchtung Kurzsichtigkeit hervorgerufen wird, ob durch die 
Anstrengung der Accommodation, oder die grössere Arbeit der inneren 
Augenmuskeln, ist für die Beurtheilung dieser Frage gleichgültig. In 
Breslau hat Cohn für jede der 133 untersuchten Classen eine Helligkeits¬ 
tabelle entworfen, nach der Anzahl der Fenster, der Lage derselben 
nach rechts, links, vorn oder hinten, nach Osten, Westen, Norden, Süden; 
nach der Höhe und Entfernung der gegenüberliegenden Häuser, der Höhe 
und Breite der Fenster, der Farbe der Wände u. s. w. Alle hiernach auf¬ 
gestellten Grundsätze sind aber nicht so maassgebend als das mensch¬ 
liche Auge. Dies ist das beste Photometer. Hof mann (Wiesbaden) 
schlug vor, den Unterricht zu schliessen, sobald man in einer Classe Snellen 
Nr. 6 nicht mehr auf sechs Schritte lesen könnte; die Strassburger Aerzte 
schlugen dem Statthalter in ihrem Gutachten vor, jeden Schulplatz so zu 
beleuchten, dass man Jäger’s Diamantschrift noch auf 30cm lesen könne. 
In Preussen ist als Minimum von der technischen Deputation angenommen: 
Verhältniss der Glasfläche zur Bodenfläche, wie 1 zu 5. 1879 wurden in 

Holland von einer königlichen Commission grosse breite zur Linken des 
Schülers befindliche Fenster anempfohlen, in Frankreich verlangte eine 
1882 für Schulbauten eingesetzte Commission, dass jeder Schüler so viel 
Himmel sehen müsse, als mindestens 30 cm vom oberen Ende der Glas¬ 
scheibe des oberen Fensters entspreche (= 1 Winkel von 3°). Javal 
fordert, dass die gegenüberliegenden Häuser nur halb so hoch sein dürfen 
als der Abstand derselben von der Schule. Förster verlangt, dass der 
Einfallwinkel (gebildet von der Ebene des Schultisches und der oberen 
Fensterkante) mindestens 25°, der Oeffnungswinkel (gebildet von der Dach¬ 
kante des gegenüberliegenden Hauses, der oberen Fensterkante und dem 
Schülerplatze) mindestens 5° beträgt. Bei diesen Anforderungen ist aber die 
Breite des Winkels, unter dem das Licht einfällt, immer vergessen und diese 
ist sehr wichtig. — Für die Menge des überhaupt einfallenden Tageslichtes 
hatten wir bisher immer kein bestimmtes Maass, keine Möglichkeit, dasselbe 
exact zu bestimmen. Elektrische chemische Photometer waren gänzlich un¬ 
brauchbar hierfür. Vor einem Jahre hat Professor Dr. Leonhard Weber 


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Allgemeine Sitzungen (Berichterstatter Dr. R. Blasius). 201 

in Breslau ein derartiges Instrument erfunden, das unseren Anforderungen 
entspricht (siehe Wied. Ann. 20, S. 326 und Central. - Zeitschr. f. Opt. u. 
Mech. 1883, Nr. 16 und 17!). Dieses Photometer beruht darauf, dass 
sämmtlicbes in die Oeffnung eines Cylinders einfallende Tageslicht durch 
eine Linse gesammelt und damit die eine Hälfte einer Glasplatte beleuchtet 
wird. Die andere Hälfte der Glasplatte wird durch ein Benzinlicht von 
bestimmter Lichtstärke erhellt. Man stellt das Instrument nun so ein, dass 
die beiden Hälften der Glasplatte genau gleich hell erleuchtet sind, und 
liest an einer Scala die augenblicklich herrschende Tageslichtstärke ab. 
Mit diesem Apparate (von Schmidt und Hänsch in Berlin für 300 Mark 
zu beziehen) untersuchte Cohn nun in den letzten sechs Monaten 70 Clas- 
sen in vier Schulen Breslaus, zwei sehr alten im Inneren der Stadt mit 
dunkeln Classen, dem Elisabeth-Gymnasium (E.) und Magdalenen - Gymna¬ 
sium (M.), und zwei neueren Schulen mit guter Beleuchtung, dem Johannes- 
Gymnasium (J.) und der katholischen höheren Bürgerschule (B.). Die Mes¬ 
sungen wurden Vormittags von 9 bis 11 Uhr an den hellsten (1 bis 1*25 m 
vom Fenster) und an den dunkelsten (5 bis 6 m vom Fenster) Plätzen vor¬ 
genommen, mehrere Male wiederholt, mit Abwechselung von möglichst hellen 
und möglichst gleichraässig trüben Tagen. Hiernach erhielt Cohn folgende 


Resultate: 

Hellster Platz 



Dunkelster Platz 

Schulen 

helle Tage 

dunkle Tage 

helle Tage 

dunkle Tage 

E. 

61 bis 

450 

4*7 bis 235 

1*7 

bis 

32 

< 1 bis 22 

M. 

c 

<N 

00 

482 

, 2*6 „ 182 

1*8 

» 

68 

< 1 „ 10 

J. 

189 „ 

1142 

121 „ 1050 

7*9 

n 

133 

3-4 „ 69 

B. 

320 „ 

1410 

79 „ 555 

21*6 

ff 

160 

4-6 „ 38 


so dass also in den verschiedenen Classen die Helligkeiten an dem hellsten 
Platze an hellen Tagen schwankten zwischen 61 und 1410 Kerzen, an den 
dunkelsten Plätzen an dunkeln Tagen zwischen < 1 und 69. 

Cohn untersuchte nun die einzelnen Plätze in den Classen auf ihre 
Helligkeit und fand das erschreckende Resultat, dass in den beiden alten 
Gymnasien in 13 Classen eine Anzahl Schüler Vormittags 11 Uhr bei weniger 
als 1 Kerze Helligkeit schreiben mussten. Dies geht aus folgender Tabelle 
hervor: 

Trübe Tage 



dunkelster Platz 


hellster Platz 



IJaI 1 i rrlr oi ^ 

Helligkeit 

Helligkeit 

Helligkeit 

Helligkeit 

Helligkeit 

Schulen 

ncmgKPii 

1 bis 10 

11 bis 25 

2 bis 100 

101 bis 235 

249 bis 1050 


< 1 Kerze 

Kerzen 

Kerzen 

Kerzen 

Kerzen 

Kerzen 

E. 

6 CI. 

10 Cl. 

1 Cl. 

13 Cl. 

5 Cl. 

0 Cl. 

M. 

7 n 

12 „ 

0 „ 

12 „ 

6 » 

0 „ 

J. 

0 „ 

5 „ 

10 „ 

0 „ 

3 „ 

H „ 

B. 

0 „ 

3 „ 

9 ff 

2 „ 

8 „ 

3 „ 


Auch die Himmelshelligkeit bestimmte Cohn und fand dabei ein 
Schwanken zwischen 305 und 11 430 Kerzen; um grosse Schwankungen in 
den Resultaten zu vermeiden, ist es richtiger, nur an ganz gleichmässig 
bedeckten oder ganz gleichmässig wolkenlosen Tagen zu messen. 


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202 Fünfter internationaler Congress für Gesundheitspflege im Haag. 

Bekanntlich blenden den Scbulfenstern gegenüberliegende Häuser wände 
häufig sehr stark. Um deren Helligkeit mit der des Himmels zu ver¬ 
gleichen, stellte Cohn auch eine Reihe von Messungen an und fand folgende 
Resultate: 


Himmel 

Haus gegenüber 

1018 Kerzen 

968 Kerzen 

1441 

n 

1866 „ 

1272 

n 

1668 „ 

906 

» 

968 . 

1090 


1818 „ 

2005 

» 

1212 „ 


meistens war also das gegenüberliegende Haus heller als der Himmel. 

Um vorläufig die Helligkeit einer Classe zu bestimmen, giebt es ein 
sehr einfaches Mittel, dass man von sämmtlichen Schülern notirt, ob sie den 
Himmel von ihrem Platze aus sehen können oder nicht. Von 2461 Schülern, 
die so gefragt wurden, konnten 459 kein Stückchen Himmel sehen, und 
zwar im Elisabeth-Gymnasium in 10 Classen 28 Proc., im Magdalenen-Gym¬ 
nasium in öClassen 24 Proc., im Johannes-Gymnasium in 8 Classen 15 Proc., 
in der katholischen höheren Bürgerschule in 1 Classe 0*9 Proc. 

Will man genauer das Stück Himmel messen, das der Schüler noch 
sehen kann, so müsste man Bich des Spiegelsextanten bedienen. Da dies 
Verfahren aber sehr zeitraubend ist, benutzte Cohn ein von Professor 
L. Weber erfundenes Instrument, den sogenannten „RaumWinkelmesser“ 
(beschrieben in der Zeitschrift für Instrumentenkunde, October 1884). Unter 
Raumwinkel versteht Weber den Inhalt der körperlichen Ecke, welche alle 
die Grenzstrahlen bilden, die die Fensterkanten oder den Rand der gegen¬ 
überliegenden Dächer streifen, und an den einen betreffenden beleuchteten 
Punkt gelangen, dessen Helligkeit wir bestimmen wollen. Nach den mit diesem 
Instrumente vorgenommenen Messungen dürfte der beste Platz nicht unter 
500°, der schlechteste nicht unter 50° Raumwinkel haben. Meistens ist der 
Raumwinkel in den Parterre-Etagen bedeutend kleiner als in den höheren 
Etagen, man lege daher die Classen in die oberen Stockwerke und Lehrer¬ 
wohnungen, Bibliothek, Aula etc. in die Parterre-Etagen. 

Möglichst zu beschränken sind die Fensterkreuze, sie nahmen 35 bis 
50 Proc. Raumwinkel in vielen Fällen fort, dünne eiserne Pfeiler können 
die dicken Holzkreuze ersetzen; die Zwischenpfeiler zwischen den Fenstern 
sind auch möglichst schmal zu wählen und architektonische Verzierungen 
an den Fenstern gänzlich wegzulassen. Die Fenster sind rein zu halten, 
Doppelfenster zu vermeiden und vor allen Dingen darf der Schule gegen¬ 
über kein Haus stehen. 

Sehr interessant sind die auffallenden Lichtverluste, die uns die 
Rouleaux bringen, die üblichen grauen Staubrouleaux nahmen 87 bis 
89 Proc. Licht, die weissen, seitwärts zu ziehenden, Chiffonvorhänge 
nur 75 bis 82 Proc., die verstellbaren Vorhänge von Weckmann in 
Hamburg, die unseren Holzjalousien ähnlich sind, nur statt der Holzleisten 
kleine mit grauem Zeuge überspannte Rahmen haben, bei verticaler Stellung 
91 Proc., bei schräger 70 Proc., bei horizontaler nur 57 Proc. 


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Allgemeine Sitzungen (Berichterstatter Dr. R. Blasius). 203 

Auch die Farbe der Wände ist von grosser Bedeutung, je heller die¬ 
selbe ist, desto mehr Licht wird auf die Plätze reflectirt; desshalb ist es 
auch falsch, die untere Partie der Wände dunkel anzustreichen. 

Die Himmelsrichtung ist auch für die Helligkeit von Bedeutung, in 
Nordzimmem wurde durchschnittlich ceteris paribus nur zwei Drittel so 
viel Licht gefunden als in Südzimraern. 

Von den künstlichen Versuchen, dunkele Schulzimmer besser zu be¬ 
leuchten, wie z. B. den von Förster vorgeschlagenen grossen Prismen vor 
den Fenstern, oder den in England gebräuchlichen verstellbaren Spiegeln 
zum Einwerfen des Lichtes an die dunkeln Plätze der Classen, sollte man ab- 
sehen und dafür lieber die finsteren alten Schulgebäude in Magazine verwan¬ 
deln und unseren Kindern neue Schulen mit reichlichster Beleuchtung geben. 

Allseitiger reicher Beifall und der Dank des Vorsitzenden belohnten 
den Redner. 


Vierte Sitzung. 

Montag, den 25. August. 

Vorsitzender: Professor Corfield (London). 

Nachdem der Minister des Inneren des Königreichs der Niederlande, 
Herr J. Heemskerk, einige anerkennende und die Bedeutung der Hygiene 
auch für den Staat klar legende Worte gesprochen hatte, hielt Professor 
Dr. Finkelnburg (Bonn) seinen angekündigten Vortrag über 

Die praktische Anwendung der neuesten Fortschritte 
der wissenschaftlichen Infeotionslehre auf die öffent¬ 
liche Gesundheitspflege. 

Nach einem kurzen Hinweise auf unsere neuesten wissenschaftlichen 
Entdeckungen auf dem Gebiete der Infectionslehre, die demonstrirt wurden 
durch Professor Flügge in zwei Koch’sehen Reinzüchtungspräparaten 
des Cholerabacillus, betrachtete der Redner die prophylaktischen Maass¬ 
regeln, die wir nach dem jetzigen Stande der Wissenschaft gegen die In- 
fectionskrankheiten zu nehmen hätten, von drei Gesichtspunkten aus: 

1. Was können wir direct thun zur Bekämpfung der Infectionsträger ? 

2. Was können wir thun zur Bekämpfung der örtlichen Disposition? 

3. Was kann der einzelne Mensch thun zu seinem Schutze, zur Kräfti¬ 
gung seiner Individualität. 

In Bezug auf den ersten Punkt haben unsere Ansichten die grössten 
Wandlungen erfahren. Die Fäulnisserreger sind die erbittertsten Feinde 
der Infectionserreger und begünstigen diese, wie man früher glaubte, in 
keiner Weise. Bei den Infectionserregern haben wir es mit ganz specifischen, 
theilweise exotischen Organismen zu thun, die nicht aus einer Umwandlung 
harmloser Keime, sondern ausnahmslos nur ans ihresgleichen hervorgehen. 


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204 Fünfter internationaler Congress für Gesundheitspflege im Haag. 

Diese müssen wir direct aufsuchen und bekämpfen, namentlich seitdem wir 
nicht mehr annehmen können, dass diese von bestimmten Veränderungen 
im Boden abhängen, sondern vom Cbolerakeim z. B. wissen, dass er sich, 
nachdem er den Körper verlassen hat, unendlich ausgiebig und rasch ver¬ 
breiten kann, ohne eine Dauerform anzunehmen, und unmittelbar im Stande 
ist, den Gesunden anzugreifen. 

Hiernach ist eine Revision der Gesetze gegen die Verschleppung der 
Contagien vorzunehmen. Theoretisch ist es richtig, dass man die Ver¬ 
schleppung des Krankheitserregers zu verhindern suchen muss. Diese geht 
von Mensch zu Mensch vor sich. Im Princip ist es daher zu billigen, diese 
exotischen Krankheitserreger durch Absperrungsmaassregeln fern zu halten. 
Das englische sogenannte Inspectionssystem ist völlig illusorisch, da der 
Cholerabacillus auch im Inneren scheinbar gesunder Menschen verschleppt 
werden kann. Durchführbar sind die Quarantänen nur bei Personen, die 
hinreichend lange beobachtet werden können, also meist nur bei Überseei¬ 
schem Verkehre. Bekannt ist es, dass in früheren Choleraepidemieen sich 
Sicilien. Sardinien, Griechenland z. B. erfolgreich gegen die Cholera geschützt 
haben. Auch auf dem Festlande sind erfolgreiche Quarantänen beobachtet, 
z. B. bei dem von Zoeros Bey für die Türkei mitgetheilten Falle und 
Zarskoje Selo bei St. Petersburg, das 1%34 durch einen dreifachen Militär- 
cordon gegen die Cholera geschützt wurde. 

Meistens ist aber eine derartige Quarantäne bei unseren jetzigen Ver¬ 
kehrsverhältnissen nicht möglich, daher muss eine sofortige Einsperrung 
jedes Infectionsheerdes, die Isolirung der Erkrankten und die 
Verhinderung der Verbreitung von den Ansteckungsheerden aus 
gefordert werden. Alle diese Maassregeln müssen sofort nach Ausbruch der 
Krankheit geschehen, eine rasche Diagnose ist daher unbedingt nöthig, und 
daher die Koch’sehe Entdeckung so ungeheuer wichtig. Man muss auf 
das Höchste erstaunen, dass Frankreich am 13. Juni 1884 die Koch’sche 
Entdeckung nicht kannte, dass man 14 Tage gebrauchte, ehe die Sachver¬ 
ständigen die Cholera in Toulon wirklich erkannten. Nach 10 Tagen liess 
man noch durch einen Schüler aus dem Lyceum die Seuche nach Marseille 
verschleppen. Ein rechtzeitiges Erkennen der Cholera, das sehr gut möglich 
gewesen wäre, wenn die Franzosen die Koch’sehen Entdeckungen gekannt 
hätten, konnte vielleicht die ganze furchtbare Ausbreitung der Seuche in 
Europa verhindern. 

Eine gesetzliche Anzeigepflicht ist daher bei den Infectionskrankheiten 
auf das Allerstrengste durchzuführen. 

Was die in den Sectionssitzungen mehrfach berührte Frage anbetrifft, 
ob auch gegen die Infectionskeime der Tuberculose Maassregeln zu ergreifen 
seien, so hat man schon im vorigen Jahrhundert obligatorische Isolirung 
der Tuberculösen in Spanien und Italien gehabt. Diese Maassregeln sind 
aber unberechtigt, da der Tuberkelbacillus nicht ausgerottet werden kann 
und zu allgemein unter der ganzen Bevölkerung verbreitet ist. Man muss 
sich darauf beschränken, 1) den Fleisch- und Milchverkauf streng zu contro- 
liren, damit keine perlsüchtigen Thiere Infectionsquellen für Menschen 
werden; 2) bei der Vaccination von Kind zu Kind die grösste Vorsicht zu 


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Allgemeine Sitzungen (Berichterstatter Dr. R. Blasius). 205 

beobachten, da jedenfalls die Ueberimpfung von Tubercnlose möglich ist, 
und womöglich die ausschliessliche Anwendung rein gezüchteter Vaccine 
anzastreben und, bis diese existirt, animale Lymphe der menschlischen vor* 
zuziehen; 3) in Bezug auf denVerkehr zwischen Gesunden undPhthisischen 
das Publicum zu belehren; 4) den phthisischen Auswurf in Schulen, Hospi¬ 
tälern u. 8. w. einer besonderen Desinfection zu unterziehen; 5) die Sana¬ 
torien für Brustkranke scharf zu überwachen. 

In Bezog auf die chemischen Desinfectionsmittel weist Redner 
auf die zahlreichen Enttäuschungen hin, die uns die neueren Untersuchungen, 
namentlich aus dem deutschen Reichsgesundheitsamte, in Bezug auf viele 
Mittel gebracht haben. Die Carbolsäure beim Li sterischen Verbände 
tödtet die Bacterien nicht, sondern hindert nur ihre Vermehrung und weiteren 
Zutritt. Chlorzink, das noch kürzlich vom Conseil (Thygiene publique in 
Paris anempfohlen wurde, ist gänzlich werthlos. Das einzig sichere Mittel 
ist feuchte Hitze von 110° und trockene Hitze von 130°. Um diese an¬ 
zuwenden, sind überall öffentliche Einrichtungen Seitens der Gesundheits¬ 
behörden zu treffen. 

Was die örtliche Disposition anbetriflft, so ist die Pettenkofer’sche 
Deutung der Bodenthätigkeit in Bezug auf die Infectionskrankheiten nicht 
mehr ganz festzuhalten. In Marseille kann z. B. unmöglich der Boden allein 
der Ueberträger des Infectionsstoflfes gewesen sein. In zwei Richtungen ist 
der Boden zu beachten, a) in Bezug auf den Gehalt an Nährstoffen (keine 
organischen Verunreinigungen desselben zu dulden!) und b) in Bezug auf 
den Wassergehalt (möglichst trocken halten!!!). Die Auswurfsstofife sind 
daher von den menschlichen Wohnungen ab möglichst rasch zu entfernen, 
das System, das dies am raschesten, am promptesten besorgt, ist überall 
vorzuziehen, keine Ansammlung in irgend welcher Weise ist zu dulden. 
Nägeli hat nachgewiesen, dass Pilze sich nicht von feuchten Flächen ab- 
lösen, er räth daher, Alles feucht zu halten. Koch erklärt, dass der Cholera¬ 
keim keinen grösseren Feind habe, als die Trockenheit, die Feuchtigkeit 
begünstige seine Vermehrung. Zur Reinhaltung der Wohnungen bediene 
man sich daher in metallenen oder steinernen Stoffen, die das Wasser nicht 
in sich aufnehmen, möglichst des Wassers im reichlichsten Maasse, aber bei 
dem Holz werke, das bei der Reinigung mit Wasser durchfeuchtet werden 
würde, vermeide man das Wasser und wende andere Reinigungsmethoden an. 

Das Trinkwasser hält Redner für den Hauptinfectionsverraittler nach 
den neueren Forschungen, nachdem Gaffky in der Panke den Bacterius der 
Septicäinie, Koch in Indien in den Wässern den Cholerabacillus nach¬ 
gewiesen hat, indem er durch den Mund in den Darmkanal gelangt. Hier 
erzeugen die betreffenden Bacterien ein Gift, das in das Blut eindringt und 
die Krankheitssymptome hervorbringt. Chemische Wasseruntersuchungen 
nützen hiernach gar nichts, es müssen mikroskopisch-bacteriologische vor¬ 
genommen werden, und dann alle nicht ganz zuverlässigen Trinkwässer 
filtrirt oder gekocht werden. 

Die Luft ist als ein wesentlicher Krankheitserreger mit anzusehen, 
namentlich nach den neueren Untersuchungen von Miquel in Paris, der 


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206 Fünfter internationaler Congress für Gesundheitspflege im Haag. 

fand, dass die Anzahl der in der Luft vorhandenen Mikroben örtlich und 
zeitlich im n&mlichen Verhältnisse zu den vorgekommenen Erkrankungen 
steht. Je feuchter die Luft war, desto mehr Mikroben fanden sich. Regen 
klärte die Luft, man fand nachher weniger Mikroben, es ist daher sehr 
richtig, tüchtig mit den Wasserleitungen zu Bprengen und die Strassen zu 
macadamisiren, dass das Wasser rasch in den Boden eindringt und nicht in 
Pfützen herumsteht und wieder in die Luft verdunstet. 

Was die persönliche Disposition anbetrifft, so wird davon nur in- 
direct die öffentliche Gesundheitspflege berührt. Für die Cholera ist der 
Mund, für die Tuberculose die Lunge die Eingangspforte. Gesunde Schleim¬ 
häute schützen, kranke Schleimhäute lassen die Bacterien eintreten. Flimmer¬ 
epithel in den Luftwegen entfernt die Bacillen, besteht Katarrh, so functionirt 
dasselbe nicht und die Bacterien können in die Lunge eintreten. Ein gesun¬ 
der Darmcanal kann den Cholerabacillus vertragen, ein kranker bietet ihm 
Brutstätten. Daher sorge Jeder, dass seine Athmungs- und Darmorgane mög¬ 
lichst gesund bleiben. Eine strenge Marktpolizei kann das Verkaufen gesund¬ 
heitsschädlicher Nahrungsmittel verhindern. Der Hauptwerth der Pasteur’- 
schen Schutzimpfungsversuche liegt bisher wesentlich darin, dass wir eine 
neue wissenschaftliche Stütze für die Berechtigung und den Werth der 
Schutzpockenimpfung bekommen haben, einen sicheren persönlichen Schutz 
haben dieselben in Bezug auf andere Krankheiten noch nicht mit Sicherheit 
erwiesen. 

Zum Schlüsse macht Redner darauf aufmerksam, dass die Consequenzen 
aus den Fortschritten der lnfectionslehren darin beständen, dass die öffent¬ 
lichen Einrichtungen zur Vornahme hygienischer Untersuchungen verbessert 
werden müssten — nicht nur an den Universitäten, sondern auch bei allen 
Gesundheitsbehörden. 

Der Vortrag wurde mit lautem, anhaltendem Beifall aufgenommen, der 
Präsident sprach dem Redner den Dank der Versammlung aus. Sehr zu 
bedauern war es, dass der Vortrag nicht schon einige Tage früher gehalten 
wurde, da er manche gänzlich unnütze Debatten in den Sectionen unnöthig 
machte und sich durch eine gleichmässige Kenntniss säramtlicher For¬ 
schungen in den verschiedenen Ländern auszeichnete und in keiner Weise 
einen specifischen nationalen Charakter annahm, sondern, wie es der Wissen¬ 
schaft zukommt, international gehalten war. 


Hierauf sprach Professor E. J. Marey (Physiolog am College de France 
zu Paris) über: 

Die nutzbaren Kräfte der Bewegung. 

Nachdem der Redner einen kurzen Rückblick gegeben hatte auf die mecha¬ 
nische Wärmetheorie, angewandt auf die Bewegung, stellte er den Satz auf, 
dass es die grösste Kunst des Lebens sei, die grösste Arbeit mit der 
geringsten Kraftaufwendung zu verrichten. Zurückgreifend auf die bahn- 


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Allgemeine Sitzungen (Berichterstatter Dr. R. Blasius). 207 

brechenden Arbeiten der Gebrüder Weber in Leipzig, zeigte er die neuesten 
Momentanphotographieen, wodurch es möglich ist, die Bewegung des mensch¬ 
lichen Körpers in seine einzelnen Theile zu zerlegen, indem photographische 
Aufnahmen von nur Vso Secunde Zeitintervall aufgenomroen wurden. Es ist 
dem Redner geglückt, wie es an den Photographieen demonstrirt wurde, die 
Bewegungen der verschiedenen Theile des menschlichen Körpers, wie sie 
beim Marsche in Betracht kommen, genau zu fixiren. 

Mit einem Dynamographen, der demonstrirt wurde, ist es dem Redner 
gelungen, genau die Zahlen zu bestimmen, die uns zeigen, wie man den 
längsten Weg mit dem geringsten Kraftaufwande zurücklegen kann. 

In einer sehr eleganten Weise demonstrirte der Redner die Umsetzung 
der Wärme in Kraft. Ein Gummischlauch, den man in die Länge zieht, 
kommt nur durch die in Folge der passiven Bewegung entwickelte Wärme 
wieder in seine frühere Form zurück. Wenn man dem Gummischlauch 
durch Eintauchen in kaltes Wasser, wie es Redner thut, die Wärme entzieht, 
so nimmt er seine frühere Form nicht wieder an, giebt man ihm die Wärme 
zurück, so geht er in seine ursprüngliche Form zurück. Aehnlich ist es 
mit den Sprüngen eines Menschen, der zweite Sprung ist immer kleiner als 
der erste, da bei dem ersten entwickelte Wärme in Arbeit umgesetzt und 
diese Wärme bis zu dem zweiten Sprunge noch nicht wieder vollständig 
ersetzt wurde. Mit mathematischer Genauigkeit wurde dies durch Moment- 
photographieen demonstrirt. 

Redner ging dann näher auf die Bewegung des Fusses beim Marsche 
ein, zeigte, dass die Länge desselben bis zu einem gewissen Grade den Marsch 
beschleunigt, die Höhe des Hackens ihn aber verlangsamt. Die flachen, so¬ 
genannten englischen Hacken sind für den Fussgäuger sehr vortheilhaft. 

Vom praktischen Standpunkte aus ist der Rhythmus des Marsches sehr 
wichtig. Je nachdem er beschleunigt wird, werden die Schritte grösser und 
die zurückgelegte Strecke vergrössert sich beträchtlich; wenn der Schritt 
aber zu sehr beschleunigt wird, wenn er 76 in der Minute überschreitet, so 
werden die Schritte kleiner und die zurückgelegte Strecke verringert sich. 
Wenn die Schritte 120 in der Minute betragen, so verliert der Marschirende 
Zeit, da er zu kleine Schritte macht. 

Diese Marschmessungen, die durch eine Reihe vorzüglicher Moment¬ 
photograph ieen demonstrirt wurden, haben einen grossen praktischen Werth 
für die Militärhygiene, z. B. für die Leistungsfähigkeit von Truppenkörpern 
auf grösseren Märschen. 

Der Vortrag wurde mit lebhaftem Beifall aufgenommen und verdiente 
dies im vollsten Maasse, da er ohne Schönrederei einen klaren Ueberblick 
über die ausserordentlich exacten wissenschaftlichen Forschungen des be¬ 
rühmten Physiologen gab und, wenn auch wesentlich physiologischer Natur, 
doch wichtige Rückschlüsse machen liess namentlich im Gebiete der Militär¬ 
hygiene. 


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208 Fünfter internationaler Congress für Gesundheitspflege im Haag. 


Fünfte Sitzung. 

Dienstag, den 26. August. 

Vorsitzender: Professor Corradi (Pavia). 

Professor W. H. Corfleld (London) sprach über das Thema: 

Die Wissenschaft ist der Feind der Krankheit 

Der Redner suchte diesen Satz durch eine Geschichte der Hygiene zu 
beweisen, er sprach von den hygienischen Maassregeln, die schon die alten 
Egypter ergriffen hatten, von den Vorschriften, die Moses für die Juden gab 
(z. 6. kein Schweinefleisch zu essen, das Verbot der Heirathen unter Nah¬ 
verwandten), von den griechischen Hygienikern, namentlich Hippokrates, 
der ein hochbedeutsames Buch schrieb über die Luft, das W&Bser und den 
Boden, von seinen Hauptschülern, namentlich dem Galen, von den hygieni¬ 
schen Einrichtungen der Römer, die noch jetzt unsere Bewunderung erregen, 
von den Canälen, von den Wasserleitungen des alten Roms, die damals 
schon zehnmal mehr reines Wasser in die Stadt brachten, als jetzt nach London 
gelangt. In der schwärzesten Weise wurden die Zustände im Mittelalter 
geschildert, wo die Wissenschaft nur in den Händen der Priester sich befand, 
wo Unwissenheit und krasser Aberglaube das Regiment führten. Die medi- 
cinische Wissenschaft wurde allein in den arabischen Schulen zu Bagdad, 
Cordova cultivirt, übrigens hatte die Bevölkerung allen Sinn für Gesund¬ 
heitspflege verloren, obgleich die furchtbarsten Seuchen, wie die Pest, der 
schwarze Tod u. s. w. wütheten. 

Erst seit dem 17. Jahrhundert hat man in England die Aufmerksam¬ 
keit auf die Ursachen der Krankheiten gelenkt und schöne Resultate gehabt: 
der Scorbut ist verschwunden, der Typhus im Abnehmen, die Pocken nach 
der Jen ne r’sehen Entdeckung der Kuhpockenimpfung nur noch eine Aus¬ 
nahme. Die Schutzimpfung ist von Pasteur entdeckt für den Milzbrand, 
den Rothlauf der Schweine, die Hundswuth und hoffentlich wird sie für 
andere Krankkeiten bald nachfolgen. 

Eine der mörderischsten Kinderkrankheiten ist die Rachitis, die nur 
auf einer ungenügenden Ernährung beruht. Eine bessere Methode, die 
Neugeborenen zu ernähren, wird auch diese Krankheit verschwinden lassen. 
Die Malariakrankheiten treten zurück durch die Drainage und Reinhaltung 
des Bodens. 

In England hat sich die Ansicht immer mehr Bahn gebrochen, dass es 
nothwendig sei, die Gesundheitspflege dem Volke zu lehren. Redner selbst 
unterrichtet die Lehrer; 2200 Personen haben in der Hygiene in diesem 
Jahre schon ihr Examen gemacht. Die grösstraögliche Verbreitung der 
Lehren der öffentlichen Gesundheitspflege im Volke ist das beste Mittel, 
die Epidemieen verschwinden zu lassen, die Zahl der Krankheiten zu ver¬ 
mindern und die mittlere Lebensdauer zu verlängern. In England scheint 
bereits die Tuberculose nachzulassen und in London ist in den letzten vier 
Jahren die mittlere Lebensdauer von 34 auf 37 V* Jahre gestiegen. 


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Allgemeine Sitzungen (Berichterstatter Dr. ß. Blasius). 209 

Diese Thatsachen beweisen, dass die Wissenschaft der Feind der Krank¬ 
heit ist, dass unter ihren Flügeln der allgemeine Gesundheitszustand sich 
bessert und die Lebensdauer sich yergrössert. (Allgemeiner Beifall!) 


Emile Trölat, Professor der Arcbitectur zu Paris sprach über den 

Richtigen Wärmegrad der Wohnung und die Athmungs- 
luft in derselben. 

Nachdem Redner die Wichtigkeit der menschlichen Wohnung für die Ge¬ 
sundheit hervorgehoben, ging er auf die früher in Frankreich übliche 
Heizung über, wobei die Wärme- und Rauchproducte in den Wohnungen 
nicht getrennt wurden. Seit 1844 hat man in Frankreich und später in 
ganz Europa die Calorifere eingeführt, die den Zweck haben, schon vorher 
erwärmte Luft in die Zimmer einzuführen. Redner verwirft diese vou 
seinen Lehrern, Peclet und Morin, vorgeschlagene Heizung vollständig, 
da die Einathmung erwärmter Luft unangenehm ist, ein Gefühl von Aengst- 
lichkeit hervorruft und leicht zu Asthma Veranlassung giebt. Abgesehen 
davon ist die Heizung mit Caloriferen auch unökonomisch, wie Redner 
experimentell nachgewiesen haben will, gewöhnliche Ofenheizung ist billiger. 

Man muss zu erreichen suchen, kalte Luft einzuathmen, ohne zu frieren, 
wie bei einem Spaziergange im Frühjahre oder Herbste draussen im Freien. 
Tyndall hat bewiesen, dass die Wärme eines Ofens sich viel weniger der 
Zimmerluft als den Gegenständen, die im Zimmer sich befinden, mittheilt. 
Man muss zu erreichen suchen, dass die Mauern und Möbeln eine Tempe¬ 
ratur erhalten, die sich möglichst unserer Körpertemperatur nähert, und 
dass diese dann ihre Wärme an die Kammer eelbst abgeben. Am besten 
erreicht man dies nach Ansicht des Redners durch ein gut ziehendes Kamin, 
das die Zimmerluft in continuirliche Communication mit der Aussenluft 
bringt, und die möglichst dicken Mauern an verschiedenen Stellen, nament¬ 
lich an den Fenstern und den Zwischenräumen zwischen diesen, erwärmt 
(Beifall!). 


Den letzten Vortrag in der Sitzung hielt Frau Bovell-Sturge, Dr. med. 
und praktische Aerztin in London und Nizza, über: 

Verlassene und vom Staate abhängige Kinder. 

Illegitime, verwaiste oder Findelkinder bedürfen einer besonderen Pflege, 
sowohl wegen ihrer meistens schwächlichen Constitution als auch wegen 
ihrer häufigen Anlage zum Laster. Es ist nun nicht richtig, nicht human, 
solche Kinder in ein einziges grosses Haus zusamroenzubringen, da dies der 
körperlichen und geistigen Entwickelung der Kinder nur schädlich sein muss, 
sondern man muss versuchen, den Kindern ein Familienleben zu ersetzen, 
dadurch, dass man sie in Familien unterbringt. Die Resultate aus den 
Cottage houses in der Nähe von London, über die in Arbeiterfamilien unter- 

Vierteijahrsschrift für Gesundheitspflege, 1886. 24 


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210 Fünfter internationaler Congress für Gesundheitspflege im Haag. 

gebrachten Kinder sind sowohl, was die geistigen, sittlichen, sanitären Ver¬ 
hältnisse an betrifft, als in ökonomisch-administrativer Hinsicht sehr günstig, 
da die Kinder dem Staate so viel weniger Geld kosten, als in den grossen 
casernenartigen Waisenhäusern. Nicht bloss in der Kindheit muss eine 
derartige Ueberwachung der Erziehung stattfinden, sondern auch in den 
ersten Jahren, wo die Jünglinge und Mädchen in die Welt hinaustreten und 
sich ihr Brod verdienen, da bei vielen Neigung zu Laster und Müssiggang 
besteht. Der Staat kann selbstverständlich diese Aufsicht nicht führen, 
dazu müssen sich barmherzige Menschen hergeben, die Lust haben, sich 
mit Kindern zu beschäftigen und ihnen mit Rath und That zur Seite zu 
stehen. Durch solche Thätigkeit wird man der Menschheit eine Wohlthat 
erweisen und zur Erhöhung der Moralität und des Wohlstandes der Nation 
beitragen. Einrichtungen nach dem Modelle der englischen „Cottage Homes* 
sollen möglichst in allen Ländern getroffen werden. 

Der Vortrag wurde sehr beifällig aufgenommen. Vielfach sind diese 
Gedanken ja bereits bei uns in Deutschland durchgeführt, so werden z. B. 
nach den Principien der Elberfelder Krankenpflege Kinder zu wohlbeleu¬ 
mundeten Familien bei uns in Braunschweig in Pflege gegeben, so haben 
manche Städte, wie Bremen z. B. das Princip, Kinder in den Ferien auf 
kürzere Zeit in geeignete Häuser auf dem Lande zu bringen, so haben 
wir endlich z. B. in Braunschweig ein ganz ähnliches Institut in dem von 
der letzthin verstorbenen Frau Amalie Löbbecke gestifteten Friedrichs¬ 
stifte, wo ein kleiner Kreis von Mädchen wie in einer Familie lebt und auch 
noch nach dem Verlassen der Anstalt mit den Leiterinnen der Anstalt in 
einer freundschaftlichen Verbindung bleibt. 


Sechste Sitzung. 

Mittwoch, den 27. August. 

Vorsitzender: Dr. de Beaufort (Haag). 

Professor A. Corradi (Pavia) hielt einen Vortrag über 

Sanitäre Gesetzgebung, 

indem er zunächst erwähnte, dass die ersten hygienischen Vorschriften zu 
gleicher Zeit religiöse Bestimmungen waren und dass erst später die öffent¬ 
liche Barmherzigkeit es sich zur Aufgabe gemacht habe, grosse stolze Ge¬ 
bäude zu errichten, die aber wenig geeignet gewesen wären, Kranke auf¬ 
zunehmen und die Verbreitung der Krankheiten zu verhindern. Indem 
der Redner in kurzen Umrissen die hygienischen Maassregeln schilderte, 
die die verschiedenen italienischen Staaten im Laufe der Jahrhunderte er¬ 
griffen, machte er darauf aufmerksam, dass die langwierigen Kämpfe zwischen 
Welfen und Gibellinen die mächtige Verbreitung der Epidemieen in gewisser 
Weise begünstigt hätten. Nur Venedig hat sich durch vorzügliche hygienische 
Maassregeln ausgezeichnet. Die Sanitätspolizei im 16. und Anfang des 


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Allgemeine Sitzungen (Berichterstatter Dr. R. Blasius). 211 

17. Jahrhunderts war dort vorzüglich, namentlich die Quarantäneraaass- 
regeln breiteten sich von dort über ganz Italien aus. Unserer Zeit war es 
vorbehaltep, den wahren Grund der Contagiosität in den Bacterien zu ent¬ 
decken, es genügt aber nicht allein, diese Organismen zu tödten, sondern 
wir müssen auch bestrebt sein, unseren Körper zu kräftigen, ihn wider¬ 
standsfähiger gegen äussere schädliche Einflüsse zu machen. Abgesehen 
von diesen gewissermaassen persönlichen Schutzmaassregeln, ist es aber 
nothwendig, dass nicht bloss der einzelne Staat für sich hygienische Maass¬ 
regeln ergreift, sondern, dass alle Länder bestrebt sind, bei Verordnungen, 
die die Gesundheitspflege betreffen, nach gleichen Grundsätzen vorzugehen. 


Dann sprach Professor J. Crocq (Brüssel) über 

Das Trinkwasser. 

Wir können als Grundlage für die Wasserfrage immer noch die vom Alt¬ 
vater derMedicin, dem grossen Hippokrates, in seinem Buche über „Luft, 
Wasser und Boden“ niedergelegten Grundsätze ansehen. Das Wasser ist 
unentbehrlich für den Menschen, schlechtes Wasser kann unsere Gesundheit 
schädigen, eine gute Wasserversorgung bewirkt ein Sinken der Sterblichkeits¬ 
ziffer. In der richtigen Erkenntniss der Wichtigkeit des Wassers liess die 
niederländische Regierung schon 1866 sämmtliche Trinkwässer des Landes 
untersuchen. Die Wasserfrage ist von verschiedenen Seiten aus zu beleuchten: 
1) die chemische Zusammensetzung, 2) die physikalischen, 3) die physiolo¬ 
gischen Eigenthümlichkeiten, 4) der Ursprung des Wassers, 5) die Einflüsse, 
denen es in seinem Laufe ausgesetzt ist, 6) die Menge Wasser, die jeder 
Einwohner nöthig hat. Gletscher- und Schneewasser kann man benutzen, 
Cisternenwasser nur gekocht, da es in der Atmosphäre suspendirte Partikel¬ 
chen enthält; Regenwasser, mit Sauerstoff gemischt, ist brauchbar, wenn es 
keine organische Substanzen enthält; Sumpfwasser ist sehr bedenklich, da 
es Mikroben enthält und contagiöse Krankheiten durch den Genuss erzeugen 
kann; ammoniakhaltiges Wasser an sich ist nicht schädlich, nur, wenn es 
in seinem Laufe Kupfer- und Arsensalze noch aufnimmt, kann es gefährlich 
werden. Die meisten Städte, deren Brunnenwasser verdächtig ist, hat man 
mit Wasserleitungen versehen, die aus artesischen Brunnen, Quellen, Seeen 
oder Flüssen ihr Wasser nehmen. Die beiden ersten Quellen liefern in der 
Regel ausgezeichnetes Wasser, Seeen meist auch, Flusswasser ist häufig 
durch Fabrikabflüsse verunreinigt. Wünschenswerth ist es, dass ein möglichst 
reines Wasser kostenlos oder wenigstens zu sehr geringem Preise an die 
Einwohner abgegeben wird. So vorzüglich das Trinkwasser ist, das der 
Haag durch seine Wasserleitung aus den Dünen bei Scheveningen bekommt, 
so traurig steht es mit der Trinkwasserversorgung von Brüssel. Längst 
schon hätte man eine Gebirgswasserleitung aus den Ardennen machen sollen, 
und wäre sie auch noch so theuer geworden, das Geld wäre besser dafür 
angewendet, als für Verschönerungen der Stadt, die ja sehr angenehm seien, 
aber hinter Anlagen, die der öffentlichen Gesundheitspflege dienten, immer 
zurückstehen müssten. 


14* 


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212 Fünfter internationaler Congress für Gesundheitspflege im Haag. 

Hierauf berichtete Dr. Haltenhoff (Genf) über die sieben Arbeiten 
(vier in deutscher, zwei in englischer und eine in französischer Sprache), die 
eingegangen waren „über die Ursachen der Blindheit und deren Verhütung“. 
Der von der Gesellschaft T for the prevention of blindness u in London aus¬ 
gesetzte erste Preis von 2000 Francs wurde beinahe einstimmig der unter 
dem Motto „ viribus unitis “ eingereichten Arbeit zuerkannt. Die Oeffnung 
des Couverts ergab als Autor Professor Fuchs, gegenwärtig in Lüttich, 
vom 1. October 1884 in Prag, einen geborenen Oesterreicher. Den zweiten 
Preis, ausgesetzt von der französischen Gesellschaft „de Voeuvre internationale 
pour Vamelioration du sort des aveugles w , 1000 Francs, erhielt ebenfalls eine 
deutsch geschriebene Arbeit mit dem Motto: „Wie viel bleibt unsere That 
unserer Hoffnung schuldig.“ Den dritten Preis, eine Medaille und das 
Diplom der Mitgliedschaft oben genannter Gesellschaft de Voeuvre inter - 
nationale etc. erhielt die englische Arbeit wegen ihres grossen klinischen 
Werthes. Die Verfasser beider Arbeiten wurden nicht bekannt gegeben, 
da bestimmungsgemäss die Couverte erst in Paris geöffnet werden sollten. 

Dr. Snellen, dem Präsidenten der Jury, wurde der Dank für die Leitung 
der Verhandlungen ausgesprochen. 

Es kamen nun nach einer kurzen Geschäftsordnungsdebatte die ver* 
schiedenen in den Sectionen beschlossenen Thesen zur Abstimmung: 

1. Es wird der Wunsch ausgedrückt, einen neuen internationalen Ge¬ 
sundheitsrath zusammeuzurufen und ihn zu beauftragen, eine inter¬ 
nationale Commission zu ernennen, die ein internationales Straf¬ 
gesetzbuch in Betreff der Befolgung internationaler hygienischer 
Maassregeln auszuarbeiten hat. 

2. Es wird der Wunsch den Regierungen gegenüber ausgesprochen, das 
Verbot der Leichenverbrennung aufzuheben. 

3. Es sind nationale und internationale Maasregeln zu ergreifen in 
Betreff des Transportes der Lumpen. 

4. Es ist eine Commission zu ernennen, die sich mit der Frage der 
Entwaldung zu befassen hat. 

Sämmtliche Thesen wurden angenommen, und beschlossen, die nieder¬ 
ländische Regierung zu bitten, dieselben auf diplomatischem Wege den 
übrigen Regierungen mitzutheilen. 

Auf Vorschlag des Grafen Suzor (Petersburg) votirte die Versammlung 
ihren Dank den Niederlanden, dem König der Niederlande und Allen, die 
zu dem Zustandekommen und glücklichen Ausgange des Congrosses bei¬ 
getragen haben. Wien wurde durch Acclamation zum Sitz des VI. inter¬ 
nationalen Congresses für Hygiene und Demographie gewählt für das Jahr 
1886 und dann der diesjährige Congress mit den üblichen Dankesreden 
Seitens des Präsidenten und Gegenreden einzelner Mitglieder geschlossen. 


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L Section (Berichterstatter Dr. R. Blasius). 


213 


I. Section. 

Allgemeine, 

internationale und öffentliche Gesundheitspflege. 

Berichterstatter: Br. R. Blasius. 


Erste Sitzung. 

Freitag, den 22. August. 

Vorsitzender: Dr. Eggeling (Haag). 

Der erste Gegenstand der Tagesordnung ist: Bericht der Commission, 
beauftragt mit der Prüfung der Anträge des Herrn Professor Dr. Van den 
Corput (Brüssel), einen internationalen Verein begründet zu sehen zur 
gegenseitigen Anzeige der epidemischen Entwickelung von Infectionskrank- 
heiten und zur Anwendung der besten prophylaktischen und bekämpfenden 
Maassregeln. 

Die Commission bestand aus: Professor Yan den Corput (Brüssel), 
Dr. Le Roy de Mericourt (Paris), Professor De Chaumont und Pro¬ 
fessor Lewis (Netley-Southampton) und Professor Da Silva Amado 
(Lissabon). 

Obgleich Professor Van den Corput verhindert war, den Bericht auf 
dem Congresse selbst zu erstatten, wird nach kurzer Debatte beschlossen, 
in die DiscnBsion des Gegenstandes einzutreten. 

Professor Crocq (Brüssel) verspricht sich mehr Nutzen, als man von 
einem derartigen Verein zu erwarten habe, von einem gemeinschaftlichen 
Vorgehen der Gesundheitsbehörden in den verschiedenen Ländern, die sich 
entweder direct oder durch Vermittelung ihrer Regierungen mit einander 
in Verbindung setzen könnten. Einstimmig von diesen anerapfohlene hygie¬ 
nische Maassregeln würden die meisten Chancen haben, von den Regierun¬ 
gen wirklich ausgeführt zu werden. 

Professor Proust (Paris), Generalinspector des Sanitätswesens in 
Frankreich, erwähnt, dass man schon 1875 auf der Wiener Conferenz und 
kürzlich ip Washington versucht habe, eine derartige permanente Commission 
für Epidemieen zu gründen, glaubt, dass man derselben aber keine Executive 
geben dürfe, sondern dass dieselbe einen rein wissenschaftlichen Charakter 
haben müsse und die Aetiologie und Phrophylaxe der Infectionskrankheiten 


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214 Fünfter internationaler Congress für Gesundheitspflege im Haag. 

studiren müsse. Um dies zu ermöglichen, sei ein gleichinässiges Programm 
aufzustellen, wonach die Untersuchungen gemacht werden müssten, und es 
seien, ähnlich wie vor einigen Jahren nach Vetljanka in Russland wegen 
der Pest, nach Havannah wegen des gelben Fiebers, nach Egypten und 
Indien wegen der Cholera wissenschaftlich raedicinisch gebildete Hygieniker 
nach den Hauptheerden der Infectionskrankheiten zu senden, um wissen¬ 
schaftliche Untersuchungen über die Krankheiten anzustellen und bei Weiter¬ 
verbreitung derselben schleunigst an die zunächst betheiligten oder gefähr¬ 
deten Länder zu berichten. 

Professor Al gl ave (Versailles), Lehrer der Nationalökonomie in der 
juristischen Facultät der Universität Paris, glaubt, dass nur Einstimmigkeit 
sämmtlicher Mächte etwas nützen könne und z. B. das Vorgehen Englands 
gegen die Seequarantänen die Maassregeln aller übrigen Mächte nutzlos 
mache. Die Delegirten würden immer mehr oder weniger gebunden sein 
durch die Instructionen ihrer Regierungen. Besser sei es, im Sinne einer 
Akademie ein internationales hygienisches Institut zu gründen, das einen 
internationalen hygienischen Codex vorzuschlagen habe, der dann einer inter¬ 
nationalen Conferenz von Diplomaten und Juristen zur Festsetzung der 
Strafen bei Vergehen gegen den internationalen Codex vorgelegt würde. 

Professor Felix (Bucharest) glaubt, dass in einzelnen Ländern schon 
genügend für Gesundheitsberichte geschähe, so in Paris mit dem Bureau de 
statistique mtdicale , in Belgien mit den Bulletins von Jansen, in Berlin 
mit den Veröffentlichungen und Berichten des Reichsgesundheits¬ 
amtes, aber es fehle noch das Zusammenwirken zwischen allen, er beantragt 
daher, die niederländische Regierung zu bitten, bei den übrigen Regierungen 
Schritte zu thun, dass eine internationale sanitäre Commission gebildet würde, 
die einen wesentlich consultativen Charakter habe und bei der die einzelnen 
Regierungen bei drohenden Epidemieen sich Rath holen könnten, nur müsse 
die Commission besser ihre Schuldigkeit thun, als die in Egypten und Con- 
stantinopel. 

Professor Zoeros-Bey (Lehrer in der medicinischen Facultät in Con- 
stantinopel) vertheidigt die internationalen Sanitätscommissionen in Con- 
stantinopel und Egypten und hält es für das grösste Hinderniss eines inter¬ 
nationalen Sanitätscodexes, dass gewisse Länder ihre Handelsinteressen höher 
stellen als die des menschlichen Lebens. 

Professor Rochard traut einer einfachen permanenten wissenschaft¬ 
lichen Commission nicht die genügende Autorität deu Regierungen gegen¬ 
über zu; mehr Resultate würde man haben, wenn die zeitweise Delegirten 
der einzelnen Länder einen internationalen Sanitätscodex zusammenstellten, 
der dann Gesetzeskraft erhielte. 

Professor Crocq hält einen derartigen Codex, der Gesetzeskraft habe, 
für den Stillstand der Wissenschaft, verwahrt sich energisch dagegen und 
findet seine früher ausgesprochenen Ansichten ziemlich identisch mit denen 
von Proust. 

Professor Brouardel (Paris) schliesst sich der Ansicht von Al- 
glave an. 


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215 


I. Section (Berichterstatter Dr. R. Blasius). 

Graf Suzor (Professor der Hygiene am Polytechnicum in Petersburg) 
ist nicht der Ansicht, dass, wie von Zoeros-Bey angedeutet, England aus 
eigennützigen Interessen geg$n Seequarantänen sei, sondern nur desshalb, 
weil es durch hygienische Maassregeln im eigenen Lande den Boden weniger 
empfänglich für Infectionskrankheiten gemacht habe. 

Zum Schlüsse wurden folgende von Proust vorgeBchlagene Thesen 
angenommen: 

1. eine neue internationale Conferenz zu bilden; 

2. eine wissenschaftliche permanente Commission zu ernennen, die sich 
stets mit den Gesundheitsämtern sämmtlicher Länder in Verbin¬ 
dung hält; 

3. ein internationales Gesundheitsgesetzbuch heranszugeben und 

(von Felix als Zusatzantrag gestellt) 

4. die Vermittelung der niederländischen Regierung bei den übrigen 
Mächten in Anspruch zu nehmen. 


Zweite Sitzung. 

Sonnabend, den 2 3. August. 

Vorsitzender: Professor Dr. Finkelnburg (Bonn). 

Dr. Dutrieux-Bey (Alexandrien) hielt einen Vortrag über den 

Prophylaktischen Werth der Quarantänen nach den 
über den Ursprung der asiatischen Cholera in 
Damiette, Toulon und Marseille erhaltenen Nach¬ 
richten. 

Die Cholera existirte schon lange vor dem ersten Damietter Erkrankungs¬ 
falle in Egypten, auch in Toulon war sie lange vor dem 14. Juni, der erste 
Fall ereignete sich am 18. Januar. Manche behaupten, dies seien Fälle von 
Cholera nostras gewesen, zwischen dieser und der asiatischen existirt kein 
Unterschied. Die Cholera verbreitet sich selten durch Ansteckung, sie 
hängt wesentlich von einer epidemischen Constitution der Gegend ab, ähn¬ 
lich wie der Typhus. Während man Quarantänen am Rothen Meere macht, 
versäumt man die Assanirungsmaassregeln im eigenen Lande. Wenn man 
überhaupt Quarantänen haben will, muss man sie länger ausdehnen, min¬ 
destens auf 45 Tage nach den Erfahrungen mit der Sarthe in Toulon. 
Cholera existirt immer in Europa; kommen nur vereinzelte Fälle, so nennen 
wir sie Cholera nostras, treten sie epidemieenartig auf, so sprechen wir von 
Cholera asiatica. Die Quarantänen haben gar keinen prophylaktischen 
Werth, ausser auf isolirten Inseln, für denContinent sollte man sieaufheben 


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216 Fünfter internationaler Congress für Gesundheitspflege im Haag. 

und nach den Beschlüssen der Wiener Conferenz durch eine strenge Sani- 
tätsinspection und Desinfection ersetzen. 

Proust bestreitet zunächst, dass^ie Wiener Conferenz sich gegen die 
Quarantänen ausgesprochen habe, dies sei nur von Herrn Semmola dort 
geschehen, sie habe im Gegentheil eine strenge Quarantäne für den See¬ 
weg im Rothen Meere, für den Landweg am Kaspischen Meere beschlossen 
und sich einstimmig dafür erklärt, dass die Cholera immer in Europa ein¬ 
geschleppt und nie dort autochthon entstanden sei. Redner wendet sich 
dann gegen die Behauptungen von Dutrieux-Bey, dass schon seit Januar 
dieses Jahres in Toulon Cholerafalle vorgekommen seien, die Untersuchung, 
die Dutrieux-Bey zu diesem Schlüsse geführt habe, sei nicht exact ge¬ 
macht, denn in einer Stunde könne man nicht 1500 Krankengeschichten 
genau durchsehen; sämmtliche Aerzte Toulons hätten der Pariser Commis¬ 
sion, ihm, Brouardel und Rochard erklärt, dass vor dem 18. Juni kein 
Cholerafall vorgekommen sei, diesen müsse man glauben. Was Egypten 
anbetrifft, so habe der von der französischen Regierung hingeschickte Mähe 
erklärt, dass vor dem Falle von Damiette kein Cholerafall in Egypten vor¬ 
gekommen sei. 

Dutrieux-Bey behauptet, seine Untersuchungen in Toulon genau 
gemacht zu haben und erklärt, dass Mähe nur Damiette und Port-Said, 
aber nicht das Nildelta besucht habe. Ferner läugnet er, dass irgend ein 
Fall von sicher eingeschleppter Cholera bekannt sei, dass die Quarantänen 
irgend welchen Nutzen hätten und stellt den Satz auf, dass noch Niemand 
den Unterschied zwischen asiatischer und europäischer Cholera angegeben 
habe (!!!). 

Brouardel giebt als Unterschied beider Choleraarten an, dass die 
asiatische Cholera sich verbreite und eine Menge Neuerkrankungen wie um 
eineu Heerd erzeuge, während die europäische an dem einen Orte bleibe, an dem 
sie einmal herrsche — übrigens existire weder pathologisch, anatomisch noch 
symptomatisch ein Unterschied. Die Hauptsache sei immer, ob die Cholera 
sich verbreite oder ob sie von localer Art sei. Alle, die mit ihm der An¬ 
sicht seien, dass die Cholera vom Auslande herkomrae, müssten für Quaran¬ 
tänen und Verbesserung derselben sein. 

Zoeros-Bey ist feBt der Ansicht, dasB die Cholera immer eingeschleppt 
werde. 1854 wurde sie nach der Krimm ein geschleppt, 1865 wusste man 
genau, durch welches Schiff sie hergebracht war. Als Ausläufer der Epi¬ 
demie von 1865 wurde sie nach einer Insel des Archipels gebracht, man 
legte dieser eine Behr strenge Quarantäne auf und die Cholera erlosch. 
1867 kamen plötzlich in einem Saale eines Hospitales in Constantinopel 
Cholerafälle vor, eine genaue Untersuchung ergab, dass hierin 1865 Cholera¬ 
kranke gelegen hatten und man den Saal ein Jahr leer liess, ohne ihn zu 
erneuern. Die Cholerakeime waren offenbar in dem Saale geblieben und 
hatten jetzt die Neuerkrankungen hervorgebracht. Natürlich wurde jetzt 
der Saal vollständig erneuert. In Constantinopel und der ganzen Türkei 
sei man fest überzeugt, dass die Cholera nur dort eingeschleppt werde. 


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217 


I. Section (Berichterstatter Dr. R. Blasius). 

Proust stellt nochmals das einstimmige Urtheil der Aerzte in Toulon 
dem von Dutrieux-Bey gegenüber, der drei Tage dort war und davon 
eine Stunde im Hospital St. Mondrier. 

Dutrieux-Bey läugnet die Einschleppung der Cholera 1854 und 
wiederholt, dass man keinen einzigen Fall von Einschleppung anführen 
könne, ausser wenn überhaupt ein epidemischer Einfluss bestanden habe. 

Crocq hält an der Uebertragbarkeit der Cholera fest und hält daher 
die Quarantänen für nothwendig, namentlich zur See, während sie zu 
Lande mehr Nachtheil als Vortheil bieten, aber auch, wie z. B. inVetljanka, 
Nutzen gebracht haben: Er und 

Rochard stellten zum Schlüsse folgende Resolution auf: „Die See- 
qnarantänen sind gesetzlich aufrecht zu erhalten und zu verbessern“, 
Dutrieux-Bey dagegen: „Die Quarantänen sind abzuschaffen und durch 
strenge Sanitätsinspection und Desinfection zu ersetzen.“ 

Die Resolution Rochard wurde mit allen Stimmen gegen Dutrieux 
und Smith (London) angenommen, der nachher erklärt, die Uebertragbar¬ 
keit der Cholera anzuerkennen, aber nicht den Nutzen der Seequarantänen. 

Diese Discussion hatte volle zwei Stunden gedauert. Die Resultate 
kann sich der Leser aus der gegebenen kurzen Skizze selbst entnehmen. 
Wunderbar war es, dass man, nachdem die Koch’sehen Untersuchungen 
über den Cholerabacillus alß diagnostisches Kriterium bereits seit dem Win¬ 
ter bekannt waren, seit Koch deu Herren Collegen, die zum Theil hier die 
Debatte führten, in Toulon selbst den Bacillus deraonstrirt hatte, von seinen 
ganzen Forschungsresultaten nichts erwähnte, dass ebenso die bahnbrechen¬ 
den Untersuchungen Pettenkofer’B über die Einwanderungen der Cho¬ 
lera aus Indien nach Europa nicht einmal genannt wurden. Da die ganze 
Debatte einen durchaus französischen Charakter trug (es wurde nur fran¬ 
zösisch gesprochen!) war es schwer, für einen Deutschen, in die Discussion 
einzugreifen und die fruchtlosen Debatten vielleicht durch einige kurze 
thatsächliche Bemerkungen zu verkürzen. Ein Deutscher, der deutsch sprach, 
wäre voraussichtlich gar nicht verstanden und in einer lebhaften Discussion, 
wie sie hier zum Theil mit nicht angenehmen persönlichen Angriffen geführt 
wurde, in französischer Sprache einzugreifen, ist schwierig. Ich stimme ganz 
mit Professor Val 1 in in seinem Berichte über den Haag ( Revue (Shygibie 
publique et de pölice sanitaire, Tom. VI, Nr. 9, p. 797) überein, dass jeder 
mindestens die drei Sprachen Englisch, Französisch und Deutsch versteht, 
und dass Jeder das Recht hat, in Beiner eigenen Sprache den Anderen die 
Wahrheit zu sagen. Erst dann ist vorauszusetzen, dass Jeder die wissen¬ 
schaftlichen Arbeiten anderer Länder kennt und versteht und es am 23.. 
August 1884 sich nicht ereignen kann, dass man stundenlang über Cholera 
discutirt, behauptet, Cholera nostras und asiatica wären nicht zu unter¬ 
scheiden, und weder der Name Pettenkofer noch Koch erwähnt. 


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218 Fünfter internationaler Congress für Gesundheitspflege im Haag. 


Dritte Sitzung. 

Montag, den 2 5. August. 

Vorsitzender: Dr. Rocliard (Paris). 

Professor Corradi (Pavia) sprach über die 

Resultate der Untersuchung in Betreff der Ueber- 
tragbarkeit der Lungensohwindsuoht. 

Der Redner giebt zunächst die Resultate der Untersuchung über die Ur¬ 
sachen und die Verhütung der Lungenschwindsucht, die ähnlich wie früher 
von der „medicinischen Gesellschaft in Berlin“ von der Societa iialiana 
d’hygiene jetzt ausgeführt ist. Diese Untersuchung ist noch nicht vollendet, 
man kann aber dennoch schon einige vorläufige Resultate daraus mittheilen. 
Bis jetzt sind 680 Antworten auf die Fragebogen von den italienischen 
Aerzten eingesandt, 59 (6’8 Proc.) bestätigen die Ansteckung, 497 (73Proc.) 
halten dieselbe weder für wahrscheinlich noch für nachgewiesen, 124 (18 Proc.) 
leugnen sie gänzlich, ln diesen letzten 124 Fällen handelte es sich 64 Mal 
um Ehegatten, 60 Mal um Verwandte, die zusammen lebten, kein einziges 
Mal wurde die Krankheit übertragen. In Rom wurden Experimente in den 
Instituten gemacht, die zeigten, dass die Uebertragung der Tuberculose sich 
bei schwächlichen Thieren viel leichter ausführen liess, als bei sehr kräf¬ 
tigen. Sormani hat gezeigt, dass die in der Luft sich findenden Tuberkel¬ 
bacillen nur von vertrockneten Sputis herrühren, und dass solche trockene 
Bacillen nur fünf bis sechs Monate lebensfähig bleiben. Aus diesen Unter¬ 
suchungen kann man folgende Schlüsse ziehen: 

1. Die Ansteckung der Lungenschwindsucht ist möglich. 

2. Um diese hervorzurufen, sind gewisse Bedingungen nothwendig 
namentlich ein längeres Zusammenwohnen. 

3. Schwäche und alle Momente, die die Widerstandsfähigkeit des Orga¬ 
nismus verringern, erleichtern die Ansteckung. 

4. Die Ansteckung durch Kleidungsstücke etc. ist noch nicht hinreichend 
erwiesen. 

5. Es ist zweifelhaft, ob Milch und Fleisch von tuberculösen Thieren, 
namentlich, nachdem sie gekocht sind, die Krankheit übertragen 
können. 

6. Prophylaktische Maassregeln können sich nach dem jetzigen Stande 
der Wissenschaft nur auf das Zusammenwohnen mit Tuberculösen 
beziehen. 

7. Die Untersuchung dieser Frage muss fortgesetzt werden in den ver¬ 
schiedenen Ländern auf Grundlage gleichmässiger Fragebogen. 

Professor Vallin (Paris) ist im Allgemeinen der Ansicht deB Vorredners, 
warnt aber davor, die Gefahr der tuberculösen Ansteckung zu sehr zu über¬ 
treiben. Die Frage der Uebertragbarkeit der Schwindsucht hat einen grossen 


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219 


I. Section (Berichterstatter Dr. R. Blasius), 

Schritt vorwärts gethan durch die Entdeckung des Tuberkelbacillus von Koch, 
und durch die Untersuchung der Tuberculose durch die British medical 
association 1883. Es wurden 260 Fälle genau beobachtet, die die An¬ 
steckung bewiesen bei Leuten, die zusammen gewohnt, zusammen in einem 
Bette geschlafen, oder die Kleider von an Schwindsucht Verstorbenen ohne 
Vorsicht getragen hatten. Diese Untersuchung hat ergeben, dass die An¬ 
steckung der Schwindsucht ebenso leicht und ebenso häufig ist, alB bei 
Pocken, Scharlach, Diphterie u. s. w. Zahlreiche Untersuchungen, wie 
z. B. von Landouzy, Debove etc., haben ergeben, dass Personen, die 
an Erkrankungen der Respirationsorgane leiden, bei denen das Epithelium 
der Bronchien nicht mehr intact ist, wie Bronohitis, Pneumonie etc., viel 
leichter der Ansteckung der Tuberculose ausgesetzt sind, als Leute mit 
gesundem Lungenepithel, man muss daher Kranke oder Reconvalescenten 
von Bronchitis, Laryngitis, Pneumonie etc., sowohl im Privathause als auch 
im Hospitale von Tuberculösen fern halten, ganz besonders bei Kindern. 
Grosse Vorsicht muss auch beobachtet werden gegen Kranke mit tubercu¬ 
lösen Mund- und .Zungengeschwüren, namentlich in Bezug auf Ess- und 
Trinkgeschirre, die nicht von Gesunden nachher benutzt werden dürfen. 
Am gefährlichsten sind die Sputa, die desinficirt werden müssen und nicht 
durch Austrocknung in die Luft fein vertheilt werden dürfen. Nach 
Koch ist das sicherste Mittel dagegen Kochen im Wasser, um aber die 
Sputa nicht verstäuben zu lassen, lasse man sie in Spucknäpfe speien, die 
mit Sand oder absorbirendem Pulver angefüllt sind, das leicht mit Glycerin 
befeuchtet wird, dem man eine Lösung von Chlorzink, Kupfervitriol oder 
Sublimat zusetzt. Das Spucken in die Taschentücher ist streng zu ver¬ 
meiden. 

Namentlich in klimatischen Curanstalten sind die Sputa auf das 
Strengste zu beachten, zu desinficiren, die Gardinen, Wäsche, Tapeten zu 
reinigen und die Fussböden auf das Gründlichste mit kochendem Wasser zu 
waschen. In allen solchen Curanstalten müssen Desinfectionsanstalten mit 
heissen Wasserdämpfen sein. Aehnlicbe Vorsichtsmaassregeln sind auch in, 
Privathäu8ern zu ergreifen, möglichst das Zusammenschlafen mit Phthisischen 
ist zu verbieten, die Zimmer permanent zu lüften und mit Carbolspray zu 
reinigen. 

Chauveau hat gezeigt, dass, obgleich die Möglichkeit, die Tuber¬ 
culose durch Impfung zu übertragen, nicht geleugnet werden kann, doch die 
Tuberkelimpfungen unter die Epidermis meistens ohne Erfolg sind, nichts 
desto weniger ist es richtiger, zur Vaccination kleine Kinder zu nehmen, bei 
denen die Tuberculose sehr selten ist, oder noch besser Kälber, die man 
nach der Impfung schlachtet und die Lymphe nur benutzt, wenn sie gesund 
befunden wurden. 

Zum Schlüsse schliesst sich Val 1 in ganz den Wünschen Corradi’s in 
Betreff einer gleichmässigen Enquete in allen Ländern an und stellt folgende 
Thesen auf: 

1. Es ist zu vermeiden, Zimmer und Bett eines Phthisischen im vor¬ 
geschrittenen Stadium zu theilen. Zimmer Phthisischer sind fort¬ 
während zu lüften. 


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220 Fünfter internationaler Congress für Gesundheitspflege im Haag. 

2. Die tuberculösen Sputa dürfen nicht auf den Boden oder die Wäsche 
gespieen werden. 

3. Zimmer, Wäsche, Kleider eines Phthisischen müssen vor dem Wieder¬ 
gebrauch desinficirt werden (am besten Wasserdämpfe von 100° und 
Waschen mit kochendem Wasser!). 

4. Reconyalescenten von Lungenkrankheiten und schwächliche Menschen 
müssen das längere Zusammensein mit Tuberculösen vermeiden. 

Dr. Jorissenne (Lüttich) glaubt an die Uebertragung der Tuber- 
culose durch die Milch und führt eine Reihe von Beispielen der Ansteckung 
aus Hospitälern an. 

Dr. Ruiz de Cerro (Madrid) hat Kali hypermanganicum mit gutem 
Erfolge zum Desinficiren der Sputa angewendet 

Dr. Teissier (Lyon) glaubt, dass man die Gefahr der Ansteckung 
nicht übertreiben dürfe. Die neueren Untersuchungen von Landouzy 
und Martin haben gezeigt, dass viele Kinder von tuberculösen Eltern 
geboren, vom Uterinleben her Tuberkelbacillen in sich haben, die in ihrer 
Entwickelung unendlich lange verzögert werden können durch eine gesunde 
Ernährung. Bei allen durch Erblichkeit für Tuberculose disponirten Indi¬ 
viduen kommt Alles'auf eine ganz gesunde Ernährung an. 

Corradi theilt die Ansichten von V all in und erwähnt noch, dass 
unzweifelhaft die Pflegeschwestern und Krankenwärter der Ansteckung sehr 
wenig unterliegen, wesshalb, ist unbekannt 

Rochard wünscht eine allgemeine Enquete, die Mittheilungen von 
130 000 Aerzten müssten Klarheit in die Frage bringen. 

Felix und Dr. Verstraeten (Gent) wünschen, dass man phthisische 
Kinder aus den öffentlichen Schulclassen entferne. 

Vallin warnt davor, das nichtängstliche Publicum durch solche 
MaaBsregeln zu alarmiren und glaubt, dass überhaupt sehr selten tubferculöse 
Kinder die Schule besuchten. 

Nach einigen kurzen Bemerkungen von Lubelski, Zoeros-Bey, 
Smith und L uni er, werden die Vorschläge V all in’s fast einstimmig 
angenommen. Zur Aufstellung des Fragebogens wird eine Commission er¬ 
nannt, bestehend aus Corradi, Emmerich, Jorissenne, Teissier 
und Vallin. 


Hierauf las Privatdocent Dr. Emmerich (München) im Aufträge des 
durch Krankheit am Erscheinen verhinderten Professors F o d o r (Pest), 
dessen Vortrag vor über: 

Die Nützlichkeit und Noth wendigkeit hygienischer 
Lehrstühle und Laboratorien an allen Universi¬ 
täten, 

dessen Resumö in folgenden Sätzen gipfelte: 


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I. Section (Berichterstatter Dr. R. Blasius). 221 

1. Es ist Aufgabe der Hygiene, die wichtigen Naturkräfte, welche auf 
die Gesundheit des Einzelnen ebenso wie auf die der Bevölkerung 
ein wirken, zu erforschen. 

2. Der erfolgreiche Schutz und die wirksame Entwickelung des privaten 
und öffentlichen Gesundheitswesens hängt von dem Fortschritt der 
Hygiene ab. 

3. Es ist folglich von höchster Wichtigkeit, sowohl in wissenschaftlicher, 
als auch in socialer Hinsicht, dass die Hygiene eine intensivere 
Pflege erfahre. 

4. Die Hygiene bedarf zu ihrer wissenschaftlichen Entwickelung aller 
Hülfsmittel der naturwissenschaftlichen Forschung: besonderer Lehr¬ 
stühle und entsprechend eingerichteter und dotirter Laboratorien an 
den Sammelpunkten wissenschaftlicher Thätigkeit, den Universitäten 
und medicinischen Schulen. 

5. Die Aufgabe der hygienischen Lehrstühle und Laboratorien * besteht 
ausser der wissenschaftlichen Forschung in der Unterweisung der 
Studirenden in den Lehren der Hygiene, wie es der hohen wissen¬ 
schaftlichen Ausbildung der Aerzte zukommt und wie es ihren 
praktischen Bedürfnissen entspricht. Ferner ist es ihre Aufgabe, der 
öffentlichen Gesundheitspflege die wissenschaftlichen Hülfsmittel und 
ausgebildete Fachkräfte zu liefern. 

6. Der Congress richtet an die Regierungen, sowie an die Vorstände 
der Universitäten und medicinischen Fachschulen eine Denkschrift, 
in welcher derselbe die Errichtung hygienischer Lehrstühle und 
Laboratorien, die Beförderung des Studiums der Hygiene dringend 
empfiehlt. 

7. Der Congress entsendet ein permanentes Comite, welches das Unter¬ 
richtswesen der Hygiene in allen Ländern aufmerksam verfolgt, und 
über die Fortschritte auf diesem Gebiete den Congressen Bericht 
erstattet. 

Graf Suzor unterstützt die Forderungen von Professor Fodor und 
stellt (zuerst französich, dann deutsch) das Amendement, dass ausser auf 
Universitäten und medicinischen Schulen auch anf allen höheren Schulen 
Lehrstühle für Hygiene eingerichtet würden. In Russland und Deutsch¬ 
land bestehen dieselben schon auf vielen technischen Hochschulen, es ist 
sehr wünschenswerth, dass diese Einrichtungen möglichst in allen Länderu 
eingeführt werden und dass, um dies zu fördern, ein internationales Comitö 
ernannt wird, das dem nächsten Congress darüber berichtet, wie die Er¬ 
richtung von hygienischen Lehrkanzeln Fortschritte gemacht hat. 

Dr. Blasius (Braunschweig) unterstützt (erst deutsch, dann französisch) 
dieses Amendement mit Hinweis darauf, wie wichtig es sei, wenn gerade 
an technischen Hochschulen Hygieniker mit Architekten, Ingenieuren und 
Maschinisten etc. zusammen wirkten, da viele hygienischen Fragen erst 
durch die Einführung in die Praxis duröh die Techniker zum Nutzen der 
öffentlichen Gesundheitspflege erledigt werden könnten, und derartige 
praktische Arbeiten ja durch gemeinschaftliches Arbeiten der genannten 


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222 Fünfter internationaler Congress für Gesundheitspflege im Haag. 

Docenten an ein und derselben Lehranstalt offenbar sehr gefordert werden 
könnten. 

Nach einigen Worten von Professor Alglave wird das Amendoment 
S u z o r angenommen. 


Vierte Sitzung. 

Dienstag, den 2 6. August. 

Vorsitzender : Professor C o r r a d i (Pavia). 

Dr. van Tienhofen (Haag) sprach über 

Die medicinisohen Maassregeln, die bei dem ersten 
Falle einer epidemischen ansteckenden Krankheit 
in einer grösseren Stadt zu ergreifen sind. 

So gut man bei einem Brande das Feuer auf seinen Herd zu beschranken 
sucht, muss man auch bei den ansteckenden Krankheiten den ersten Fall 
energisch angreifen, sofort der Behörde, sei es durch die Aerzte oder durch 
die Hausvorstände, anzeigen, und ihn isoliren. Zu diesem Zwecke hat der 
Redner einen Apparat erfunden, der an jedem Hospitale leicht angebracht 
werden kann. In diesem Apparate wird die Desinfection der Kleidungs¬ 
stücke, Wäschegegenstände etc. vorgenommen mit Hülfe von heissen VTasser- 
dämpfen. Der Kranke befindet sich in einem in dem Apparate vorhandenen 
Bette, die von ihm ausgeathmete Luft geht durch ein Rohr in den Ofen, der 
die heissen Wasserdämpfe hervorbringt. In den Ofen selbst werden alle 
zu zerstörenden Gegenstände, Abfälle etc., zur Verbrennung geworfen. Essen, 
Arznei etc. werden durch eine kleine fensterartige Oeffnung in den Apparat 
hineingebracht. Der den Kranken behandelnde Arzt hat ein zweites Bett 
in dem Apparate zu benutzen und so lange mit dem Kranken darin zu 
bleiben, bis die Incubationszeit der Ansteckung für ihn selbst vorüber ist. 
Redner wird selbst gern in einem solchen Falle mit dem Kranken ans¬ 
halten (Allgemeiner Beifall!) und bedauert, dass die gesetzlichen Be¬ 
stimmungen gerade für den ersten Fall einer ansteckenden Krankheit nicht 
Btrenger sind. 

Vallin wünscht die Krankheiten genau bezeichnet zu sehen, die so 
rigorös behandelt werden sollen, seiner Ansicht nach würden nur die Cholera 
dazu zu rechnen sein. 

Rochard ist der Ansicht, dass eine derartige Isolirung in den grösseren 
Städten nicht durchzuführen ist, da die Aerzte sich doch auch ihren übrigen 
Kranken widmen müssten, und die Ausserdienststellung eines Arztes z. B. 
bei Variola 40 Tage dauern würde. 

Dr. Lunier (Paris) bezweifelt, dass man das Recht habe, einen mit 
ansteckender Krankheit Behafteten sofort mit Gewalt aus seiner Privat¬ 
wohnung, aus seiner Familie herauszureissen. 


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I. Section (Berichterstatter Dr. R. Blasius), 223 

yan Tienhoven hat zunächst die Cholera im Auge gehabt, aber auch 
andere Krankheiten dürften so streng behandelt werden, allein im Haag 
würde sich ausser ihm wohl kein anderer Arzt finden, der sich mit dem 
Kranken isoliren Hesse. 

Dutrieux-Bey macht auf die Schwierigkeiten aufmerksam, den ersten 
Erkrankungsfall bei einer Epidemie rechtzeitig zu erkennen. 

Lunier glaubt, dass die Vorschläge Tienhoven’s nur bei obligato¬ 
rischer Anzeigepflicht der Aerzte durchzuführen sei, während z. B. in 
Frankreich die Aerzte gesetzlich zur Verschwiegenheit verpflichtet seien. 

yan Tienhoven erwidert, dass in Holland und den meisten nörd¬ 
lichen Staaten die Anzeigepflicht bei contagiösen Krankheiten gesetzlich 
vorgeschrieben sei. 

Al gl ave glaubt, dass z. B. bei Cholera die Aerzte in Frankreich von 
der Verschwiegenheit durch ein Gesetz entbunden werden könnten. 

Rochard erinnert daran, dass man 1884, sowie früher 1832 in Süd¬ 
frankreich bei den Choleraepidemieen, die Aerzte beschuldigt, die Kranken 
zu vergiften, und sie thätlich angegriffen habe; diese Zustände würden bei 
officieller Anzeigepflicht noch viel schlimmer werden bei dem krassen Aber¬ 
glauben der unteren VolksclaBsen, mit dem man rechnen müsste. 


Hierauf spricht Professor Dr. Stokvis (Amsterdam) über die 

Rolle, die die Mikroben bei den ansteckenden Krank¬ 
heiten spielen. 

Redner bekämpft die Hypothese, dass die Bacterien in den Körper ein- 
dringen, und darin das Bestreben hätten, den lebenden Körper zu zerstören. 
Panum und Selmi haben gezeigt, dass bei Infectionskranken sich eigen¬ 
tümliche chemische krystallisirbare Stoffe im Blute finden, Ptomaine, die 
den Alkaloiden ähnlich sind, und ausserordentlich giftig wirken, wie das 
Nicotin. Diese Stoffe werden von den Bacterien gebildet, ausserdem aber 
wirken diese noch dadurch schädlich auf den menschlichen Körper ein, dass 
sie seine chemischen Moleküle zersetzen, dadurch chemische Stoffe frei 
werden lassen, die auf die Eisen-, Kalk- und andere Salze des Körpers 
wirken. Die Zersetzungsproducte derselben üben dann einen schädlichen 
und lebensgefährlichen Einfluss aus auf das Blut, das Herz, das Gehirn u. s. w. 
Nicht die Bacterien als solche bringen dem Körper Gefahr, sondern die 
chemischen Processe, die sie veranlassen. 

Dr. M. E. Raymondaud (Limoges) schlägt die Bildung einer all¬ 
gemeinen Gesellschaft vor zur Verteidigung gegen die grossen 
Epidemieen, wie Pest, Cholera, Gelbes Fieber etc. Die Gebildeten 
aller Völker sollen sich zusammenthun, die Epidemieen an ihren Ursprungs¬ 
orten aufzusuchen und dort zu bekämpfen. 

Eine Discussion knöpfte sich an die beiden letzten Mittheilungen nicht. 


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224 Fünfter internationaler Congress für Gesundheitspflege im Haag. 


Fünfte Sitzung. 

Mittwoch, den 27. AngnBt. 

Vorsitzender: Dr. Eggeling (Haag). 

Zunächst kam es wieder za einer sehr heftigen, unerquicklichen Dis- 
cussion über die von Herrn Dutrieux-Bey am Schlüsse der zweiten Sitzung 
aufgestellte These in Betreff des Ersatzes der Quarantäne durch gründliche 
Sanitätsinspection, die seiner Zeit nicht zur Abstimmung gebracht wurde. 
Zoeros-Bey sprach wieder sehr energisch für Quarantänen, Corfield da¬ 
gegen, ebenso Smith, Rochard vertheidigte seinen damaligen Standpunkt, 
da er eine Gegenprobe (weiter sei die Dutrieux’sche These nichts gegen¬ 
über der seinigen, die mit allen gegen zwei Stimmen angenommen wurde) 
nicht für nöthig gehalten hätte; endlich kam es zur Abstimmung. Die 
Dntrieux’sche These wurde mit 25 Stimmen gegen 12 abgelehnt, 12 ent¬ 
hielten sich der Abstimmung. 

Darauf wurde der gestrige Vorschlag von Raymondand angenommen 
und dem nächsten internationalen hygienischen Congresse aufgetragen, eine 
Commission zu ernennen zur Einleitung der nöthigen Schritte. 

Professor Corfield (London) übernimmt das Präsidium und ertheilt 
das Wort, Herrn 

Dr. Emmerich (München) zu seinem Vortrage über die 

Ursache der Diphterie ,des Menschen und der Tauben. 

Bis jetzt war es nur gelungen, die Mikroorganismen des Milzbrandes, der 
Schwindsucht, des Rückfalltyphus als wirkliche Urheber dieser Krankheiten 
bei Menschen und Thieren festzuBtellen. Wenn auch die Diphterie eine 
der ältesten und mörderischsten Krankheiten ist, so war eB bisher nicht 
möglich gewesen, ihre Bacterien rein zu cultiviren. Diphterie ist so alt 
wie das Menschengeschlecht, bei Homer und Hippokrates finden wir sie 
erwähnt, im 9., 11., 14. und 16. Jahrhundert hat sie in Europa und Nord¬ 
amerika furchtbar gewüthet, z. B. 1517 in Basel in acht Monaten 2000, im 
Anfänge des 17. Jahrhunderts in Unteritalien 60 000 Menschen hingerafft. 
Mitte des 18. Jahrhunderts wanderte sie wieder durch Spanien, Portugal, 
Frankreich, Deutschland, England, die Niederlande und Schweden, wurde 
dann fast 50 Jahre lang nicht beobachtet und erschien 1820 von Neuem 
und verbreitete sich über den grössten Theil der Erde in der mörderischsten 
Weise. In Bayern starben daran jährlich über 10 000 Menscfien, in Paris 
nimmt sie in den Sterblichkeitstabellen nach Lungenschwindsucht und 
Lungenentzündung den dritten Platz ein. Die durchschnittliche Sterblich¬ 
keit ist 15 bis 20, zuweilen steigt sie auf 70 Proc., also höher als bei der 
Cholera. Manche Gelehrte halten es für richtiger, die Diphterie zu unter¬ 
suchen, als wissenschaftliche Expeditionen nach Egypten und Indien zu 
senden für die Cholera. Eine mörderische Hausepideraie in München ver- 
anlasste die vorliegende Diphterieuntersuchung. Zunächst wurden die 


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225 


L Section (Berichterstatter Dr. R. Blasius). 

Reinculturen vod Diphteriepilzen aus Diphteriemembranen ausgefuhrt bei 
Menschen und Tauben und dabei im Gegensatz zu Löffler constatirt, 
dass bei beiden derselbe Pilz yorkommt. Kleine Verschiedenheiten bei den 
pathologisch-anatomischen Vorgängen erklären sich aus der verschiedenen 
Beschaffenheit der Schleimhaut bei Menschen und Tauben. Dafür, dass die 
Dipbterie zu gleicher Zeit Thiere und Menschen befällt, liegen zahlreiche 
Beispiele vor. Solche Beispiele sind schon aus dem Anfänge des 16. Jahr¬ 
hunderts bekannt, wo die Dipbterie in den Kuhheerden wütbete und zu 
gleicher Zeit die Hirten davon befallen wurden; letzthin hat Professor 
Gerhardt in Würzburg Epidemieen beschrieben, die gleichzeitig unter 
Kälbern, Hunden und dem Geflügel wütheten. 

Die Irapfversucbe wurden angestellt an 10 Tauben, 12 Kaninchen und 
15 weissen Mäusen, sämmtliche Thiere erkrankten in typischer Weise. Die 
Sectionsberichte und Krankengeschichten wurden ausführlich mitgetbeilt, 
die mikroskopischen Präparate in Abbildungen und die Reinculturen in 
natura vorgezeigt. Bei sämmtlichen Versuchstieren ausser bei zwei Tauben 
konnten nach dem Tode nicht bloss in den Diphteriemembranen und den 
darunter befindlichen Schleimhäuten, sondern auch im Blute und den inneren 
Organen, namentlich in den Nieren die Diphteriebacterien nachgewiesen 
werden. 

Nachdem nun der Diphteriepilz sicher constatirt ist, gilt es ihn zu 
bekämpfen, das Terrain, auf dem er sich entwickelt, und seine Existenz¬ 
bedingungen zu erforschen. Die oft ventilirte Frage, ob die Diphterie sich 
durch die Milch weiter verbreitet, ist nun einfach experimentell dadurch zu 
lösen, dass wir versuchen, ob die Diphteriebacterien sich in der Milch 
weiter entwickeln können. 

Das Hauptaugenmerk müssen wir darauf richten, die Diphteriebacte¬ 
rien in ihrem ectogenen Nährboden aufzusuchen; wahrscheinlich ist ihr 
Keimboden der Erdboden, der Boden unter den Wohnungen und die 
Zwischendecken. Diese sind überhaupt oft der Sitz von Bacterien. So 
gelang es dem Redner in Amberg im Gefängnisse, wo seit 25 Jahren epide¬ 
mische Lungenentzündung vorkam, in der Zwischendeckenfüllung Pneumonie- 
coccen in grossen Mengen aufzufinden. Nach Entfernung der Zwischen¬ 
deckenfüllung kam kein Erkrankungsfall an Lungenentzündung mehr vor. 
In dem neuesten Sanitätsbericht für Bayern wird ein exquisiter Fall von 
Diphterie durch Ansteckung aus der Fussbodenfüllung mitgetheilt. In 
einem kleinen Zimmer unter dem Dache des Kirchthurms erkrankten drei 
Kinder an Diphterie und starben, die Eltern zogen aus, das Zimmer wurde 
auf das Gründlichste desinficirt, gereinigt etc., eine andere Familie zog ein 
und die sämmtlichen Mitglieder derselben erkrankten wieder an Diphterie. 
Da im Orte gar keine Diphterie sonst vorkam, da durch die gründliche 
Desinfection alle anderen Ansteckungsquellen ausgeschlossen waren, so bleibt 
nur als solche der unter den Fussbodenbrettern befindliche Schmutz und 
Boden übrig. Curven der Dipbteriemortalität in Städten über 15 000 
Einwohnern, gesammelt von Herrn Medicinalrath Fr. Hofmann in Regens¬ 
burg, wurden gezeigt, sie demonstriren deutlich in einem Zeiträume von 
acht Jahren, dass die Diphterie in den Monaten die grösste Sterblichkeit 

Vierteljahrsschrift für Gesundheitspflege, 1885. 25 


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226 Fünfter internationaler Congress für Gesundheitspflege im Haag. 

zeigt, wo die Menschen Tag und Nacht in geheizten Räumen znbringen. 
Auch dies spricht dafür, dass die Diphterie eine echte Qauskrankheit ist. 

Endlich müssen wir nun daran gehen, experimentell an Versuchsthieren 
eine geeignete medicamentöse Behandlung der Diphterie durch systema¬ 
tische Versuche nach wissenschaftlicher Methode zu finden. Anfangs tritt 
die Diphterie immer local auf, in diesem ersten Stadium müssen wir sie 
erfolgreich zu bekämpfen lernen. Vielleicht gelingt es, auch Mittel zu 
finden gegen das von den Diphteriebacterien erzeugte Gift, das die All- 
gemeininfection des Körpers hervorbringt. Um die einschlägigen Versuche 
zu machen, müssen Seitens des Staates grössere Mittel flüssig gemacht 
werden, ähnlich wie sie Frankreich an Pasteur, Deutschland an Koch 
bewilligte, nm den Kampf gegen diese furchtbare Seuche aufzunehmen. 

Auf die Aufstellung von Thesen verzichtet der Redner, da sich seiner 
Ansicht nach wissenschaftliche Fragen nicht durch Abstimmung erledigen 
lassen. 


Dr. F. Caro (Madrid) hielt einen Vortrag über: 

Das gelbe Fieber vor der internationalen Hygiene. 

Bei der vorgerückten Zeit beschränkte sich der Redner auf eine ganz kurze 
Begründung seiner Thesen. Das gelbe Fieber kommt endemisch nur am 
Golf von Mexico vor, von dort her wird es in die verschiedenen Länder 
der neuen und alten Welt eingeschleppt und kann gewiss in Europa, wenn 
es die nöthigen günstigen Bedingungen findet, ähnliche Verheerungen wie 
die Cholera hervorrufen. Als Maassregeln gegen das gelbe Fieber sind 
anzuratben: 1) die Seuche an ihrem Ursprungsorte zu bekämpfen, 2) die 
Einschleppung in andere Länder zu verhindern. Um dies auszuführen, 
müssen Sanitätscommissionen nach dem Hauptpunkte gesandt werden, wo 
die Seuche endemisch vorkommt, und nach den Handelshäfen Amerikas, die 
die meisten Handelsbeziehungen mit Europa haben, und es müssen die 
Schiffe in sehr strengen Quarantänen gehalten und Lazaretheinrichtungen 
nach dem neuesten Stande der Wissenschaft an den Quarantäneorten getroffen 
werden. Wie furchtbar die Epidemieen zuweilen wüthen, ersieht man daraus, 
dass in Cuba 85 Proc. aller Todesfälle auf gelbes Fieber kamen, dass in 
Cadix in einer Epidemie der letzten Jahre 10 000 Todesfälle beobachtet 
wurden, dass noch 1866 in Madrid, 600 Meter hoch und 60 Meilen von 
der Küste gelegen, zahlreiche Erkrankungen am gelben Fieber tödtlicb 
endigten. 

Nachdem Professor Lay et (Bordeaux) erwähnt hatte, dass man in Bor¬ 
deaux für die Schiffe, die aus Ländern kommen, in denen das gelbe Fieber 
herrschte, 14 Tage Quarantäne vorgeschrieben habe und daran erinnert 
hatte, dass er selbst bereits auf den Congressen in Turin und Genf die grosse 
Gefahr geschildert habe, mit der uns das gelbe Fieber bedrohe, wurden die 
von Dr. Caro aufgestellten Grundsätze von der Versammlung gebilligt. 


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227 


I. Section (Berichterstatter Dr. R. Blasius). 

Dr. Zoeros-Bey sprach über 

Die Türkei und die Hygiene 

und schildert hierbei die für die Muselmänner gültigen Vorschriften des 
Koran. Ausser der jüdischen Religion giebt es keine, die so viele vortreff¬ 
liche Vorschriften hygienischer Natur hat als der Islam. Reinlichkeit ist 
in der strengsten Weise im Koran vorgeschrieben. Fünfmal täglich ver¬ 
richtet der Muselmann sein Gebet und jedes Mal muss er vorher den ganzen 
Körper abwaschen. Ebenso erfolgt dies vor dem Essen, nach jeder Defä- 
cation (daher giebt es so wenig Hämorrhoidarier in der Türkei!) etc. Vers 
8 und 9 des fünften Buches des Koran geben hierüber die genauesten Vor¬ 
schriften. Das Rasiren der Haare trägt sehr zur Reinlichkeit bei, das 
Reinigen der Zähne nach den Mahlzeiten ist vorgeschrieben (geschieht mit 
einem Holze; das Holz, das der Prophet benutzte, wird noch in Constan- 
tinopel verwahrt). Die Unreinlichkeit, die ja vielfach in der Türkei vor¬ 
kommt, beruht auf der Indolenz des Volkes, nicht auf der Eigenthümlichkeit 
der Religion. Der Arzt nimmt eine hochgeehrte Stellung in der Türkei 
ein, unter der jetzigen Regierung des Sultans macht auch die Hygiene in 
der Gesetzgebung und Verwaltung Fortschritte. Der jetzige Sultan ist ein 
glühender Hygienist. 


J. Philippe, Departementsthierarzt aus Rouen, spricht über 

Die Kuhpooken. 

Er glaubt, dass die Kuhpocken nichts Anderes sind, als Pferdepocken auf 
die Kühe übertragen, und dass die Pferdepocken die ursprüngliche Krank¬ 
heit sind. Niemals hat man bei den Kühen Immunität gegen die Pferde¬ 
pocken gefunden. Die directe Einimpfung der Pferdepocken auf den 
Menschen bringt eine sehr heftige Erkrankung hervor, wie es Redner an 
sich selbst durch Zufall durchmachte. Die Jenner’sche Vaccine ist nichts 
als Pferdepockenlymphe, abgeschwächt durch Ueberimpfung auf die Kühe. 

Lay et glaubt, dass es zwei Arten von Kuhpocken gebe, die eine ent¬ 
standen durch Pferdepocken, die auf Kühe übertragen wurden, die andere 
durch direct von Kuh zu Kuh übertragene Kuhpocken. Leider degenerirt 
die Kuhpockenlymphe mit der Zeit, dies liegt daran, dass häufig die Pocken 
zu oft von Kalb zu Kalb übertragen werden; dann ist es sehr anzurathen, 
auf die Pferdepocken zurückzugreifen und damit Kühe oder Kälber zu impfen. 
Sehr günstig sind auch Pockenepidemieen unter den Kühen, sie liefern für 
längere Zeit auch durch Ueberimpfungen auf Kälber vorzügliche Lymphe. 
Bordeaux hat mit dem Impfen dem übrigen Frankreich ein sehr gutes Bei¬ 
spiel gegeben, zuerst hat es seit 1881 kostenfreie Impfungen eingerichtet. 

Hiermit wurden die Verhandlungen der ersten Section geschlossen, der 
Vortrag von Durand-Claye über den Typhus 18 82 in Paris fiel aus, 
und der Vortrag von Ruijsch über die „Lumpen“ war schon vorher der 
zweiten Section überwiesen. 


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228 Fünfter internationaler Congress für Gesundheitspflege im Haag. 


IL S e c t i o n. 

Oeffentliche Gesundheitspflege der Städte 
und des Landes. 

Berichterstatter: Dr. R. Blasius. 


Erste Sitzung. 

Freitag, den 2 2. August. 

Vorsitzender: Dr. Carsten (Haag). 

Prof. A. Schwappach (Giessen) hielt einen Vortrag über: 

Die Folgen und Gefahren der Entwaldung im ge¬ 
mässigten Klima Europas und der Nutzen der 
Bepflanzung der Dünen. 

Der Gedankengang war in kurzen Umrissen folgender: Die Bedeutung 
des Waldes im Haushalte der Natur und in jenem des Menschen in klima¬ 
tischer und wirtschaftlicher Natur ist schon seit langer Zeit Gegenstand 
der Untersuchungen; bereits Alexander von Humboldt hat sich mit 
dieser Frage beschäftigt. 

Die einzig richtige Methode der Untersuchung ist die nach strengen 
naturwissenschaftlichen Grundsätzen. Seit 20 Jahren ist in dieser Hinsicht 
so viel positives Material zusammengekommen, dass in fachwissenschaftlichen 
Kreisen über die Fnndamentalfragen Klarheit besteht. 

Um die Folgen der Entwaldung bemessen zu können, müssen wir die 
Einwirkung des Waldes auf das von ihm eingenommene Terrain, sowie 
dessen nähere und weitere Umgebung studiren. Dieser Einfluss zeigt sich 
in Bezug auf 

I. das Klima der bewaldeten Fläche selbst und seiner 
Umgebung, 

II. die ober- und unterirdische Abfuhr des Wassers, 

III. die Bindung des Bodens, 

IV. den Gesundheitszustand der menschlichen Gesellschaft. 

I. Klima. 

Die Vegetationsdecke mit Einschluss des Waldes ist einer der vielen 
Factoren des Klimas, aber einer der weniger bedeutenden, am bedeutend¬ 
sten ist derselbe noch in der gemässigten Zone, er äussert sich dabei in 

1. Erscheinungen der Wärme, 

2. Feuchtigkeitsgehalt der Luft und Art und Menge der Hydromoteore, 

3. Bewegungszuständen der Luft. 


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229 


IL Section (Berichterstatter Dr. R, Blasius). 

ad 1. Die mittlere Temperatur der Waldluft ist geringer als jene auf 
nicht bewaldeten Flächen derselben Höhenlage, und zwar beträgt diese 
Verminderung etwa 10 Proc. der Freilandstemperatur. Noch beträchtlicher 
ist die Abstumpfung der Temperaturextreme, im Sommer ist im Freilande 
das Maximum 4,5° höher, im Winter das Minimum 2,5° höher als im Walde. 
Die Temperatur des Waldbodens ist im Sommer etwa 21 Proc. niedriger 
als die des freien Bodens. Am grössten ist der Gegensatz zwischen weiten 
Wäldermassen und baumlosen Steppen. 

ad 2. Der Einfluss des Waldes auf die Menge der feuchten Nieder¬ 
schläge ist nahezu verschwindend. Auch auf die zeitliche Vertheilung der 
Regenmenge ist der Wald ohne Einfluss. Eine oft behauptete Verminde¬ 
rung der feuchten Niederschläge durch Entwaldung hat nicht nachgewiesen 
werden können. Für England liegt eine Beobachtungsreihe vor seit 1726 
in 17 Stationen, in Paris wurden nach Angaben von Marie Davy bereits 
seit 16S8 Beobachtungen angestellt. Die Waldluft, die Luft zwischen den 
Bäumen, ist allerdings feuchter, aber 20 Proc. allen Regens kommt gar 
nicht auf den Boden, sondern bleibt am Stamme und Blättern hängen und 
verdunstet von hier ab. Trotzdem ist der Wald von sehr grossem Einflüsse 
auf den Feuchtigkeitsgehalt der Luft, sowohl in seinem Innern, als auch in 
Bezug auf seine nähere Umgebung. Es wird nämlich durch die Blätterdecke 
die Verdunstung des Wassers sehr gehindert, bei einer freien Wasserfläche 
im Walde würde sie um 64 Proc. geringer sein als im Freien (im Sommer 
ist die Hinderung sieben Mal grösser als im Winter), die Einwirkung der 
Streudecke auf dem Waldboden vermindert um weitere 22 Proc., so dass 
die Verdunstung im Walde im Ganzen 86 Proc. geringer ist, als draussen 
im Freien. Die meist geringere Temperatur im Walde bewirkt eine Ver¬ 
mehrung der relativen Feuchtigkeit um durchschnittlich 6 Proc. Die Baum¬ 
kronen transpiriren sehr viel Wasser. Tissandier fand 1873 bei einer 
Luftballon fahrt beim Passiren eines grossen Waldes, dass das Hygrometer 
eine entschiedene Zunahme der Feuchtigkeit zeigte. 

Diese Feuchtigkeits- und Temperaturverhältnisse haben einen ent¬ 
schiedenen Einfluss auf das Klima. Trockene warme Luft, die hindurch- 
streicht, wird Feuchtigkeit aufnehmen; war sie schon vorher feucht, so 
wird sie der Condensation näher geführt. Daher beobachten wir eine 
grössere Niederschlagsmenge im Walde, als draussen im Freien, nach 
Matthieu 6 Proc., nach Fautrat 8 Proc. mehr. Die Umgegend eines 
Waldes wird daher nicht so ausgetrocknet. In Ungarn hat man beobach¬ 
tet, dass einfache Baumreihen, von Norden nach Süden streichend, die aus¬ 
trocknenden Folgen des Ostwindes gemildert haben. 

Die Wälder dienen zur Verminderung der Hagelbeschädigung. Die 
Bäume verhindern das Ansammeln starker elektrischer Gegensätze zwischen 
Erdboden und Wolken, daher zeigt sich weniger Hagelbildung. Becquerel 
hat hierüber sehr schöne Beobachtungen gemacht. 

ad 3. Wird durch grössere Waldmassen die Geschwindigkeit und 
mechanische Kraft des Windes bedeutend vermindert. Sehr wichtig ist 
dies bei Meeresufern, Hochrücken und Wasserscheiden der Gebirge. Auch 
geringere Höhen, wie Hecken von zwei Meter Höhe, schützen auf 22 m hin, 
wie man am Mistral im Rhonethale beobachtet hat. 


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230 Fünfter internationaler Congress für Gesundheitspflege im Haag. 

Wenn der Wald durch andere Vegetation ersetzt wird, wie z. B. Wie¬ 
sen, so haben wir ähnliche klimatische Einwirkungen, z. B. in der Lom¬ 
bardei mit der Bewässerung der Maisfelder etc. 

Entwaldung wird in Gegenden mit oceanischem Klima mit West- und 
Nordwestwinden nicht so wirkungsvoll sein, wie in Gegenden mit continen- 
talem Klima mit Ost- und Südostwinden. 

II. Ober- und unterirdische Abfuhr des Wassers. 

Das weitere Schicksal des Wassers im Boden ist wesentlich abhängig 
von der Structur des Bodens; bei senkrechter Spaltung und durchlässigem 
Boden kann das Wasser rasch eindringen, bei horizontaler Schichtung und 
undurchlässigem Boden sehr schwer. Hier bilden die Baumwnrzeln vor¬ 
treffliche Canäle. Bei Entwaldung solcher Partieen tritt dann Versumpfung 
ein. So sind z. B. in der Brenne zwischen der Indre und Creuse 80 000 ha 
versumpft, in der Sologne 450 000ha nach Becquerel. Einen gross¬ 
artigen Erfolg der Wiederbewaldung finden wir in der Gascogne; vor 
30 Jahren waren dort 800 000ha noch Wüste, mit kümmerlicher Hirten¬ 
bevölkerung, jetzt ist herrliches Land da mit Eichenwald, blühender In¬ 
dustrie und reicher Bevölkerung. In der Trockenlegung versumpf¬ 
ter Gegenden liegt der Schwerpunkt des Waldes in sanitärer Bezie¬ 
hung. Es ist nicht bloss constatirt, dass Gegenden durch Entwaldung 
ungesunder, sondern anch, dass versumpfte Gegenden durch Bewaldung ge¬ 
sunder wurden. Für die Landes hat Herr Chambrelent dies nachgewie¬ 
sen. Die mittlere Lebensdauer ist dort von 34 auf 39 Jahre gestiegen; 
während von 1856 bis 1859 die Zahl der Geburten die der Todesfälle nur 
um 10 Proc. übertraf, übertraf sie dieselben in der Zeit von 1873 bis 1875 
um 49 Proc. — Ebenso sind die Eucalyptusculturen in der Campagne bei 
Rom dafür beweisend, die Fieber sind seitdem verschwunden. Die Bahn¬ 
gesellschaften haben zur Conservirung ihres Aufsichtspersonals die Eisen¬ 
bahnen damit bepflanzt und 1 500 000 Frcs. dafür ausgegeben. 

Für Quellenbildung ist die architektonische Structur des Bodens wich-, 
tiger als der Wald. Der Wald wirkt aber erhaltend auf schon vorhandenen 
Quellenzufluss. Wird er weggenommen, so versiegen die Quellen. 

Eine Senkung des Wasserstandes durch Entwaldung wird von Man¬ 
chen behauptet, von Anderen geleugnet. Bei Ueberschwemmungen ist die 
Menge des vorbeigeflossenen Wassers viel wichtiger. Zur Erhaltung des 
Wasserstandes wirkt der Wald in dreifacher Beziehung wesentlich mit: 

1. Die Streu- und Moosdecke verlangsamt den Wasserabfluss. Ist die 
Decke aber voll Wasser, ist der Boden gesättigt, so fliesst das 
Wasser rasch ab; so kam die Hochfluth des Rheins 1882 wesentlich 
durch Schneeschmelze in Wäldern. 

2. Die rasche Verdampfung des Wassers in durch ihn hinfliessen den 
kleinen Wasserfäden und Bächen wird vermindert, da eine freie 
Wasserfläche im Walde 64 Proc. weniger verdunstet als im Freien. 

3. Die Schneeschmelze wird in den meisten Fällen durch die im Früh¬ 
jahre im Walde geringen Luft- und Bodentemperaturen sich in den 
Wäldern verlangsamen und daher das Wasser nur allmälig in den 


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231 


IL Section (Berichterstatter Dr. R. Blasius). 

Boden und in die Flüsse gelangen. So hat man sehr schlimme 
Folgen durch Entwaldung an der Sierra nevada beobachtet; früher 
war sie bewaldet, man hatte langsame Schneescbmelze und im gan¬ 
zen Sommer Wasser, jetzt ist sie kahl, man beobachtet grosse 
Fluthen Wassers im Frühjahr, nachher Trockenheit im Sommer. 

III. Bindung des Bodens. 

Von grösster Bedeutung ist der Wald für die Bindung des Bodens, 
namentlich hervorvortretend im Gebirge und auf den Dünen. 

In hohen Freilagen, auf den Kuppen und Rücken der Gebirge und 
an steilen Bergabhängen ist die Waldbedeckung das einzige Mittel, die 
Humusdecke vor Herabschwemmen zu bewahren dadurch, dass er 1) die 
mechanische Gewalt der Niederschläge mindert, 2) das oberflächliche Ab- 
fliessen des Wassers verlangsamt, 3) das Mitnehmen des Gesteinschuttes ver¬ 
hindert. 

Das Mittelgebirge zeigt die Gefahren der Entwaldung auch, am meisten 
aber das Hochgebirge, wo häufig innerhalb 20 Minuten 5 bis 6 cm Regen 
fallen, dann entstehen oben tiefe Runsen, die dann unten einen breiten 
herabgeschwemmten Schuttkegel vor sich haben. Oesterreich, Schweiz, 
Frankreich zeigen diese grossartigen Verwüstungen. Demontzey theilt 
den Fall mit, dasB am 13. August 1876 im Thale der Ubaye der Wildbach 
von Faucon im Canton Barcelonette bei einem Gewitter 169 000 cbm feste 
Masse und 65 000 cbm Wasser herabbrachte. Diese Gefahren der Entwal¬ 
dung sind schon lange anerkannt, praktisch ist man dagegen seit 1860 
namentlich in Frankreich vorgegangen. Mit einem Aufwande von 15 Mill. 
Francs hat man schon 74 000 ha Boden dort in den Gebirgen befestigt und 
hat noch eine weitere 758000 ha umfassende Fläche zur Aufforstung be¬ 
stimmt. 

Ebenso schlimm ist das stetige unaufhaltsame Fortschreiten des Sandes, 
wenn demselben die schützende Bodendecke fehlt. Besonders gefährlich ist 
die Bildung von Ortstein in derartigen Ländern, da dieser das Eindringen 
von Baum wurzeln und die Wasserbewegung im Boden bindert. In Nord¬ 
westdeutschland folgte der Entwaldung oft die Flugsandbildung, in man¬ 
chen Theilen der Lüneburger Haide sinkt die Bevölkerung auf 250 per 
Quadratmeile. Im Banat und den Landes Anden sieb ähnliche Stellen, die 
Aufforstung hat viel genutzt; früher kostete der Ilectar 9 Frcs., jetzt ist er 
358 Frcs. werth. 

Am schlimmsten ist es an den Dünen, am Ufer des Meeres. Der Sand 
schreitet rasch vom Meere nach dem Lande zu fort, in der Bretagne nach 
Elie de Beaumont jährlich circa 10 m. Diese Gefahren müssen beseitigt 
werden; die ersten Arbeiten dazu wurden schon 1738 durch einen deut¬ 
schen Inspector Roebl auf Seeland ausgeführt. Die Bewaldung ist ein 
sehr gutes Mittel, sie reicht aber allein nicht aus, sondern es ist: 

1. der Abbruch der Küste zu verhindern — durch Anlage von Vor¬ 
dünen; 

2. die ununterbrochen auf den Strand aufgetriebenen Sandmassen auf¬ 
zufangen — durch Anlage von Vordünen, indem man zwei Parallel- 


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232 Fünfter internationaler Congress für Gesundheitspflege im Haag. 

zäune in Entfernung von 2 m von einander and 1 m hoch anlegt 
und dahinter Arundo areraria and Elymus arenarias anpflanzt; 

3. am Strande Dünen mit Hnmusüberzug za schaffen — durch An¬ 
pflanzung von Wald, der keinen Ertrag liefern, sondern nur schützen 
soll. 

Nach allem diesem ist wohl mit Sicherheit nachgewiesen, dass durch 
Förderung und Hebung der Waldcultur und Waldpflege ein sehr wesent¬ 
licher Einfluss auf die Vermehrung des Volkswohlstandes und der sanitären 
Verhältnisse erzielt werden kann. 

Zum Schlüsse stellte Prof. Schwappach folgendes Resume seines 
Vortrages zusammen: 

1) Folgen der Entwaldung für das Klima. 

a) Für das Klima der bisher bewaldeten Fläche selbst. 

1. Die Extreme der Temperatur, sowohl jener der Luft als auch des 
Bodens, werden gemildert. 

2. Der Grad der relativen Luftfeuchtigkeit wird vermindert. 

3. Ob der Feuchtigkeitsgehalt des Bodens nach der Entwaldung 
grösser oder kleiner sein wird als vorher, hängt von der Beschaffen¬ 
heit desselben ab. 

4. Die Niederschlagsmenge wird in Folge der Entwaldung nicht oder 
nur ganz unwesentlich gemindert, die Quantität des auf die Boden¬ 
oberfläche gelangenden Antheiles an derselben dagegen bedeutend 
vermehrt. 

b) Für das Klima der Umgebung. 

1. Die in der Nähe des Waldes gelegenen Grundstücke verlieren ihren 
bisherigen Schutz gegen trockene Winde. 

2. Die Gewalt des Windes wird durch den Wald nicht mehr gebro¬ 
chen. Dieses Verhältniss wird um so fühlbarer, je weniger die 
Configuration des Terrains einen ähnlichen Einfluss auszuüben 
vermag, in ausgedehnten Ebenen also mehr wie im Hügellande und 
Gebirge, an den Küsten mehr als im Binnenlande. 

3. Die ungünstigen Folgen der Entwaldung werden um so stärker 
bemerkbar, je mehr das Klima der betreffenden Oertlichkeit den 
Charakter des Continentalklimas und um so weniger, je mehr es 
jenen des Küstenklimas trägt. 

2) Folgen der Entwaldung für die Wasser ab fuhr. 

1. Nach der Entwaldung werden dem Boden wesentlich geringere 
WaBserquantitäten entzogen, als dieses vorher. theils durch die 
Vegetationsthätigkeit der Bäume, theils mechanisch durch den Ein¬ 
fluss der Baum wurzeln der Fall war. 

2. Wo ein Ueberfluss an Bodenfeuchtigkeit nur durch die eben er¬ 
wähnten Einflüsse des Waldes entfernt werden konnte, wird nach 
der Entwaldung leicht Versumpfung eintreten und hierdurch öfters 
eine ungünstige Rückwirkung auf die sanitären Verhältnisse der 
Umgebung fühlbar werden. 


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233 


IL Section (Berichterstatter Dr. ß. Blasius). 

3. In Folge der Entwaldung wird die Verdampfung der auf die Boden¬ 
oberfläche gelangten und in die obersten Bodenschichten eingedrun¬ 
genen Hydrometeore vermehrt und beschleunigt, woraus sich ungün¬ 
stige Folgen für die Stärke und den Bestand der Quellen ergeben. 

4. Mit dem Verschwinden des Waldes hört auch der verlangsamende 
Einfluss der Bodendecke desselben sowie der Stämme auf den 
oberflächlichen Abfluss des Wassers auf. 

5. Dieser Umstand in Verbindung mit der vermehrten Verdunstung 
des bereits in kleinen Wasserfäden und Bächen vereinigten Tag¬ 
wassers veranlasst die schlimmen Wirkungen der Entwaldung für 
die Gleichmässigkeit des Wasserstandes in den Bächen und Flüssen. 

3) Folgen der Entwaldung für die Bindung des Bodens. 

1. Im Gebirge ist die Entwaldung die Veranlassung zur Bildung der 
auch für die weitere Umgebung so verheerenden Wildbäche, Run- 
sen, Erdabstürze. 

2. Auf leichtem Sandboden bildet die Entwaldung eine der wesent¬ 
lichen Ursachen für die Entstehung des Flugsandes. Diese Gefahr 
wächst mit der Stärke der herrschenden Winde, ist an den Küsten 
am bedeutendsten. 

4) Nutzen der Bepflanzung der Dünen. 

1. Ein rationeller, wesentlich auf Anpflanzung geeigneter Gewächse 
basirender Dünenbau verhindert den fortwährenden Abbruch des 
Festlandes, sowie das für die angrenzenden Gebiete so gefahrbrin¬ 
gende „Wandern“ der Dünen. 

2. Die Bewaldung der hohen Düne bietet ausser dem Schutz gegen 
die Windstürme auch noch die Möglichkeit, dem sonst ganz ertrag¬ 
losen Terrain eine Rente abzugewinnen. 

In der Discussion bemerkte zunächst Herr Durand-Claye, städti¬ 
scher Ingenieur aus Paris, dass nach der Entwaldung bei Montpellier dort 
mehr Regen gefallen sei als vorher, und erst nachdem man längs des Meeres 
bei Marseille wieder Anpflanzungen gemacht habe, eine Verminderung der 
Regenmenge gefolgt sei. 

Dr. R. Blasius stimmt den von Prof. Schwappach aufgestellten 
Sätzen vollkommen bei, schildert die häufigen furchtbaren Folgen der Ent¬ 
waldung auf den Nationalwohlstand und Gesundheit und macht auf die ge¬ 
setzlichen Bestimmungen aufmerksam, die in einigen Ländern, wie z. B. 
dem Herzogthum Braunschweig bestehen, wo kein Waldterrain ohne Ge¬ 
nehmigung der gesetzgebenden Factoren abgeholzt und in Ackerland um¬ 
gewandelt werden dürfe, selbst nicht, wo es im Privatbesitz sich befindet. 
In ganz Deutschland sei man übrigens jetzt bestrebt, den Waldbestand zu 
heben, auch in Preussen, wo die gesetzlichen Bestimmungen aber leider 
bei den Privatwaldungen noch ein rücksichtsloses Abholzen gestatten. Red¬ 
ner glaubt aber, dass es nichts nützen könnte, wenn nur einzelne Länder 
so waldconservirend vorgingen, es müsse darin über ganz Europa eine ge¬ 
wisse Gleichmässigkeit herrschen, und beantragt, die niederländische Re¬ 
gierung zu bitten, die übrigen Staaten zum Erlasse möglichst gleichmässiger 
den Wald conservirender Gesetze zu veranlassen. 


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234 Fünfter internationaler Congress für Gesundheitspflege im Haag. 

W. Conrad, Inspector der Wasserstaaten (Haag), bemerkt, dass das 
Abbröckeln von Land an den Seeküsten nicht allein durch Bepflanzen der 
Dünen verhindert werden könne, da man hier auch mit den Meeresströmun¬ 
gen zu rechnen habe, wogegen die Bepflanzung nichts nütze, hiergegen 
müsse man technische Schutzbauten machen. 

Prof. Dr. Soyka (Prag) glaubt, dass die Eucalyptusculturen in der 
Campagna bei Rom nicht allein die Malaria hätten verschwinden lassen, 
sondern dass die Trockenlegung des Bodens hierbei die Hauptrolle spiele. 
Die Bacterien lebten in dem Boden, wenn seine Feuchtigkeit von 80 Proc. 
bis zu 10 Proc. schwanke. Erst wenn der Boden nur 5 Proc. Wasser ent¬ 
hält, kann die Bacterie nicht weiter vegetiren, die Drainage des Bodens, 
die diese Trockenheit hervorgebracht hat, wird also das hygienische Resul¬ 
tat bewirkt haben, nicht der Eucalyptus allein. 

Dr. Emmerich erwähnt, dass Tomasi Crudeli ihm selbst erklärt 
habe, man übertreibe den Einfluss des Eucalyptus. In Australien, wo er 
viel wächst, herrschten furchtbare Malariaepidemieen, bei Rom sei die 
Campagna hauptsächlich durch die Canalisation assanirt. 

Graf de Suzor glaubt, dass man die Frage der Entwaldung nicht zu 
einer internationalen machen dürfe und der Staat dabei nicht gesetzlich 
eingreifen könne. 

Prof. Schwappach giebt Herrn Conrad Recht in Betreff der Dünen, 
glaubt nicht, dass man alle Wälder conserviren müsse, und ist der Ansicht, 
dass namentlich der sanitäre Einfluss deB Waldes, auf den er selbst ja als 
Forstmann weniger habe ein gehen wollen, noch eines gründlichen Studiums 
bedürfe. 

Man stimmt im Allgemeinen den Ansichten des Prof. Schwappach 
bei und beschliesst, denselben zu ersuchen, der Section in der morgenden 
Sitzung eine These vorzuschlagen, in der die heute in der Discussion ge- 
äusserten Wünsche zum Ausdruck kämen. 


Zweite Sitzung. 

Sonnabend, den 2 3. August. 

Vorsitzender: Prof. Dr. C r o c q (Brüssel). 

Prof. Schwappach schlägt in Folge der gestrigen Sectionsbeschlüsse 
folgenden Antrag vor, mit denen sich Dr. Blasius und die übrigen an 
der Discussion betheiligten Herren einverstanden erklärt hatten: 

Indem sich die zweite Section des fünften internationalen 
Hygienecongresses mit den Schlusssätzen des Dr. Schwappach 
einverstanden erklärt, beschliesst sie folgende Resolution: Mit 
Rücksicht auf den Umstand, dass die hygienischen Einflüsse des 
Waldes noch nicht genügend festgestellt sind, ernennt der fünfte 
internationale Hygienecongress eine Commission von Sachverstän¬ 
digen, welche diese Frage studiren und dem nächsten hygienischen 
Congresse die Resultate ihrer Arbeiten mittheilen soll. Zugleioh 


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235 


II. Section (Berichterstatter Dr. R. Blasius). 

richtet der Congress an die Regierung der Niederlande die Bitte, 
anf diplomatischem Wege bei den Regierungen der übrigen Staaten 
dahin zu wirken, dass die Arbeiten dieser Commission in ofücieller 
Weise möglichst gefördert werden. 

Der erste Satz wurde angenommen, der zweite hingegen abgelehnt. 


Dann hielt Herr Bergsma, städtischer Ingenieur aus Amsterdam, 
einen Vortrag über das 

Liemur- System, 

unter Vorzeigung von zahlreichen Plänen und Karten. Obgleich nicht 
Deutscher, sondern Holländer, sprach Berg sma deutsch, so dass man sich 
anfangs, wie in der gestrigen Sitzung, vollkommen in eine deutsche Hygie¬ 
nikerversammlung versetzt glaubte. Zunächst wurde die Entstehung des 
Systems erklärt. Die menschlichen Dejectionen müssen aus den Städten 
entfernt und zum Dünger auf die Felder gebracht werden. Dieser Trans¬ 
port muss möglichst rasch und sicher bewerkstelligt werden. Das Wasser 
dient hierzu in vorzüglicher Weise, man weiss nur, namentlich in bestimm¬ 
ten Jahreszeiten, nicht, wo man damit bleiben soll. Die Berieselungsmethode 
hat sich nicht überall bewährt, Li er nur hat sie deshalb verworfen und 
sein Differenzirsystem aufgestellt, bei dem die menschlichen Dejectionen 
ganz getrennt von den Haus- und Regenwässern entfernt werden. Redner 
schildert nun die Principien des Systems Liernur. Die Canäle, in denen 
die Excremente transportirt werden, sollen von den Häusern aus in einen 
luftdicht geschlossenen Raum zusammenlaufen, durch Dampf kraft wird in. 
diesem eine Luftleere erzeugt, dann werden die Ventile geöffnet, und nach 
einfachen physikalischen Gesetzen dann die Excremente nach dem Vacuum 
zu von den Closets aus befördert. Diese Reservoire communiciren wieder 
durch Röhren mit dem Centralreservoir und werden auf dieselbe Weise 
durch Herbeiführung eines luftleeren Raumes entleert. Hier in dem Cen¬ 
tralreservoir werden die Excremente als Dungmittel entweder direct ab¬ 
gegeben oder zu Poudrette verarbeitet, indem sie auf 100° erhitzt und, um 
den Ammoniak zu conserviren, mit Schwefelsäure versetzt werden. Augen¬ 
blicklich sind 3100 Häuser mit 50000 Einwohnern in Amsterdam mit diesem 
System versehen. Dordrecht hat ebenfalls das System Liernur angenommen. 

Redner führt dann noch die verschiedenen Gutachten an, die zu Gun¬ 
sten des Liernur’schen Systems abgegeben sind, wie sie letzthin vom 
Capitän Liernur veröffentlicht sind, so namentlich das von der preussi- 
schen Medicinaldeputation abgegebene. 

Das wissenschaftliche Resultat des Liernur’schen Systems würde die 
Reinhaltung der Flüsse von menschlichen Excrementen sein. Hygienische 
Resultate liegen zur Zeit noch nicht vor, nur kann man sagen, dass in 
Amsterdam in den mit dem System versorgten Häusern keine Klagen laut 
geworden sind. 

Redner bittet die Congressmitglieder, unter seiner Führung sich das 
System selbst in Amsterdam in Function anzusehen. 

Mit grossem Interesse waren alle Zuhörer den interessanten Ausfüh¬ 
rungen des Herrn Bergsma gefolgt. 


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236 Fünfter internationaler Congress für Gesundheitspflege im Haag. 

An den Vortrag schloss sich eine ausserordentlich lebhafte und hoch¬ 
interessante Discussion, die nur in französischer Sprache und hauptsächlich 
von Pariser Ingenieuren, Hygienikern und Gemeinderäthen geführt wurde, 
so dass man sich zuweilen in eine Sitzung des Pariser Gesundheitsrathes 
versetzt glaubte. 

Zuerst ergriff das Wort Prof. A. Durand-Claye, Chef-Ingenieur der 
Brücken- und Strassenbauten in Paris. Er vertheidigt auf das lebhafteste 
das Schwemmcanal- und Rieselsystem für Paris. Die Assanirung einer 
Stadt beruht seiner Ansicht nach auf drei Grundsätzen : 1) der Assanirung 
der Wohnung, 2) der Reinhaltung der öffentlichen Strassen und 3) dem 
Aeusseren der Stadt. Jedes System der Assanirung muss einfach und be¬ 
quem sein. — Die Wasserversorgungaverhältnisse in Paris sind zur Zeit 
sehr mangelhafte, bei Wohnungen von 50 bis 60 Frcs. erhält man 10 Liter 
Wasser pro Tag, bei Wohnungen von 500 bis 600 Frcs. 200 Liter pro Tag. 
Dies muss geändert werden, Wasser muss überall im Ueberflusse sein, zur 
Reinigung, zur Wegspülung der Excremente u. s. w. Siphons müssen die 
Leitung jeder einzelnen Wohnung, jedes einzelnen Hauses gegen das all¬ 
gemeine Canalnetz absperren. Das Siel wasser soll ausserhalb der Stadt 
nicht zu Poudrette verarbeitet, da das die Luft verpestet, es soll nicht 
direct in die Flüsse geleitet, da das den Fluss und die Anlieger inficirt, 
es soll auf Rieselfelder gebracht und dort zur Cultur von Getreide und Ge¬ 
müsen verwandt werden, wie es mit dem besten Erfolge bei Gennevilliers 
geschieht. 

Dr. C. Duverdy, Advocat aus Paris, bekämpft das Schwemm- 
canalsystem auf das heftigste. Die Rieselfelder von Gennevilliers reichen 
nicht aus, grosse Städte können das System nicht gebrauchen, augenblick¬ 
lich erhält Paris täglich 300 000 cbm Wasser pro Tag, binnen kurzer Zeit 
wird es 500 000 erhalten, demgemäss wächst auch das Canalwasser und kann 
auf den Rieselfeldern nicht mehr verarbeitet werden und muss direct in 
die Seine geleitet werden. Nach dem Verhältnisse von Berlin, wo ein 
Drittel jetzt mit 2237ha Rieselfeldern auskommt, müsse Paris 20 000 bis 
30 000 ha haben. Um im Winter das überflüssige Wasser aufzubewahren, 
hat Berlin grosse Staubassins eingerichtet, die sich aber technisch und 
hygienisch nicht bewährt haben. London hat die Berieselung nicht ein¬ 
geführt, ebenso hat Brüssel darauf verzichtet. Das für Paris vorgeschla¬ 
gene System (Und ä l’ögout ), alles durch Canäle zu entfernen, muss noth- 
wendiger Weise zu einer Infection der Flussufer führen. 

Der Redner kommt zu dem Schlüsse, dass die meisten grossen Städte 
auf das Schwemmsystem verzichtet hätten, da es zu grosser Rieselfelder 
bedürfe. Wenn das Rieseln facultativ, so laufen die FluBsufer Gefahr, infi¬ 
cirt zu werden, ist es obligatorisch, so kostet das System zu viel, da dann 
eine Cultur auf den Feldern unmöglich ist. Die Staubassins bilden eine 
wirkliche Gefahr für den öffentlichen Gesundheitszustand. Daher hat sich 
die vom Ackerbauminister zusammengerufene Commission gegen das 
Schwemmsystem ausgesprochen, im Gegensätze zu der von der Stadt Paris 
ernannten Commission. 

Die Discussion wird abgebrochen und bis zur nächsten Sitzung vertagt. 


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II. Section (Berichterstatter Dr. 1t. Blasius). 


237 


Dritte Sitzung. 

Montag, den 2 5. Angast. 

Vorsitzender: Dr. Karsten. 

Fortsetzung der Discussion über das Liernur-Systera. 

Prof. Tr61at (Paris) hält das Liernur-System für gut, aber nur in 
der Theorie, praktisch, glaubt er, sei dasselbe nicht durchzuführen. 

Dr. Kobinet, Mitglied des Pariser Gemeinderathes, schliesst sich 
den Bedenken Tr61at’s an. 

Duverdy macht dem vom Pariser Gemeinderathe vorgeschlagenen 
Systeme „tout ä Vegout u , wie am Sonnabend, wieder den Vorwurf, dass es 
wohl die Stadt von ihrem Unrathe rasch befreie, aber die der Stadt nahe 
wohnende Bevölkerung der Gefahr der Infection aussetze. 

Durand-Claye glaubt im Gegentheil, dass die Stadt Paris die An¬ 
wohner der Seine unterhalb der Stadt zu grossem Danke »verpflichte, da sie 
den Versuch mache, durch die Berieselung die Infection der Seine zu ver¬ 
hindern und wendet sich gegen die Poudrettefabrikation, die zu theuer sei 
und die Luft verpeste. 

Smith (London) bekämpft sowohl das Pariser System nach den letzt¬ 
hin in England gemachten Erfahrungen, als auch Liernur. Dies System 
sei ausserhalb der Wohnungen sehr gut, aber in den Häusern selbst habe es 
Nachtheile und Gefahren, namentlich könnten leicht Gase in die Wohn- 
räume aus den Canälen dabei ausströmen. 

Bergsma bestreitet dieses Ausströmen der Gase auf das entschiedenste 
und ladet die Congressmitglieder nochmals ein, sich das System in der 
Ausführung in Amsterdam selbst anzusehen. 


Besichtigung des Liernur-Systems in Amsterdam. 

Der Aufforderung des Herrn Bergsma kam ich am 30. August nach. 
Da Herr Bergsma durch Krankheit ans Bett gefesselt war und mich leider 
nicht begleiten konnte, verwies er mich an seinen Collegen, Herrn Ingenieur 
C. M. von Bruyn-Kops, der nun, nachdem er mir auf seinen Plänen im 
Bureau das Theoretische des Liernur-Systems demonstrirt, in der zuvor¬ 
kommendsten Weise meine weitere Führung übernahm. Wir wandten uns 
nach dem im Westen am Rande der Stadt gelegenen Arbeiterviertel an der 
Marnix Kade und hatten bald zwei städtische Handarbeiter erreicht, die im 
Begriff waren, die Excremente eines Häuserviertels zu sammeln. Von aussen 
war nichts weiter auf dem Pflaster zu sehen, als mehrere eiserne Deckel, 
vielleicht etwas grösser als diejenigen, welche wir zum Schutze der Hy¬ 
dranten bei uns auf den Strassen gewohnt sind zu sehen. Dieselben wur¬ 
den aufgeklappt und dann mit Schlüsseln die Ventile gestellt. Zunächst 
wurde das Ventil a, das von dem Reservoir nach den zu den Häusern füh¬ 
renden Canälen lag, zugestellt, dann das zu der Luftpumpe in der Central¬ 
station führende Ventil b geöffnet. Binnen einigen Secunden hatte sich in 
dem Reservoir ein luftleerer Raum gebildet, Ventil b wurde geschlossen, 


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238 Fünfter internationaler Congress für Gesundheitspflege im Haag. 


dann Ventil a geöffnet und momentan sah man an dem in dem Reservoire 
befindlichen Manometer das Ansteigen der Flüssigkeit, indem die Fäcal- 
massen von circa 50 Häusern, die zu dem Reservoire gehörten, angesogen 
wurden. Nach Füllung des Reservoirs wurde Ventil a wieder geschlossen. Nun 
folgte die Entleerung des Reservoirs nach der Centralstation, indem Ventil c, 
das den Abschluss bildet zum nach der Centralstation führenden Fäcalrohr, 
geöffnet wurde und binnen wenigen Minuten leerte sich das Reservoir 
nach der Centralstation zu, wie man am Manumeterfall beobachten konnte. 
Der ganze Vorgang spielte sich in sieben bis acht Minuten ab und hatte die 
Entleerung der Excremente von circa 50 Häusern und 1000 Einwohnern 
zur Folge und die Beförderung derselben zu der mehrere Kilometer entfernt 
vor der Stadt gelegenen Centralstation. Ehe wir diese aufsuchten, traten 
wir in eines der nahe gelegenen Arbeiterhäuser. Das Closet lag in der 
Küche, es herrschte darin die grösste Reinlichkeit und kein Geruch, wie 
man wohl schon daraus folgern kann, dass man es an der Küche anlegte. 

Nun besuchten wir die in der Nähe vor der Stadt liegende, erst vor 
wenigen Wochen eröffnete Centralstation. In einem grossen hallenartigen 
Gebäude befinden sich mehrere Dampfkessel so eingerichtet, dass die ganze 
von den Luftpumpen kommende Luft und die von den übrigen Apparaten 
eventuell entweichenden übelriechenden Gase mit verbrannt wurden. Dann 
finden sich dort zwei Luftpumpen, die im Dienste sich abwechseln. Die Luft 
wird aus einem Luftreservoir gepumpt, das einestheils mit dem Luftrohre in 
Verbindung steht, anderenteils mit den Reservoiren, die die Fäcalflüssigkeiten 
aufnehmen sollen. Von diesen Reservoiren sind zwei da, das eine functio- 
nirt, sobald das andere gefüllt ist. Ueber diesen Reservoiren liegen, eine 
Etage höher, zwei andere, in die die Fäcalmassen durch Luftdruck hinauf¬ 
befördert werden. In diesen werden die Massen durch rotirende Apparate 
durcheinander gemengt und dann in zwei grosse Reservoire gebracht, in 
denen sie mit 1- bis l^proc. Schwefelsäure vermischt werden. Von hier 
aus gelangen die Stoffe in Dampfapparate, in denen sie auf ca. 100 Grade 
erhitzt und zur Syrupsconsistenz gebracht werden. Ursprünglich sollten 
sie dann noch auf durch Wasserdämpfe erhitzten Kupfercylindern ausge¬ 
breitet und zu einem trockenen Pulver abgedampft werden, doch wurde dies 
durch einen Geroeinderathsbeschluss vom 31. December 1879 verboten und 
möglichst der Verkauf der nur zu Syrup eingedickten Flüssigkeit an die 
Landleute zu erstreben gesucht. Unmittelbar an dem Maschinenhanse führt 
ein Canal vorbei, hier legen die mit einem grossen eisernen Bassin gefüllten 
Kähne an, in die die Fäcalfiüssigkeit durch Röhren geleitet wird. Unter 
meinen Augen wurde dieses ausgeführt, binnen sehr kurzer Zeit würde sich 
ein derartiger Kahn füllen lassen und der Inhalt dann als Düngerjauche auf 
die Felder transportirt werden können. Es wird beabsichtigt, möglichst viel 
von dieser Jauche an die Landbewohner zu verkaufen, damit man nicht noch 
die Kosten der Eindickuug zu bezahlen hat. Der Ingenieur bedauerte auf das 
Lebhafteste, dass durch den oben erwähnten Gemeinderathsbeschluss das Ein¬ 
dicken zu pulverförmiger Poudrette vorläufig untersagt sei, da man dieselbe 
conserviren könne und damit den Preis für menschlichen Dünger mehr in 
Händen habe, während man jetzt, da man die flüssige Jauche nicht conser¬ 
viren könne, für sehr geringe Preise an die Ackerbauer abgeben müsse. 


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239 


IL Section (Berichterstatter Dr. R. Blasius). 

Vom hygienischen Standpunkte aus interessirte mich nun vor allen 
Bingen das endliche Schicksal der Excremente, da ja bei weitem nicht Alles 
so im directen Handverkauf weggeht. Herr von Bruyn-Kops hatte die 
grosse Liebenswürdigkeit, mich weiter zu führen. Zuvor will ich bemerken, 
dass in dem Gebäude der Centralstelle die grösste Reinlichkeit herrschte 
und nicht der mindeste Geruch nach Fäcalien wahrzunehmen war. 

Nach einer kleinen Canalfahrt gelangten wir nach einer Sammelstelle 
für Müll und Excreraente, auch westlich vor der Stadt gelegen. Bei Be¬ 
sichtigung derselben erfuhr ich, dass die Stadt Amsterdam folgende Arten 
der Entfernung ihrer Abfalle hat. 1) Die festen Hausabfälle (Müll etc.) 
werden per Pferd oder per Kahn aus den Häusern abgeholt und auf einigen 
Plätzen in der Umgebung der Stadt abgelagert und von Unternehmern 
weiter verwerthet; 2) die Hauswässer gehen a) direct oder b) durch Röhren in 
das Meer oder in die Canäle; 3) die menschlichen Excremente gehen a) durch 
Wasserclosets direct in die Canäle oder das Meer, b) werden in Geiassen in 
den Häusern aufbewahrt und täglich entweder durch Wagen oder durch 
Kähne abgeholt und sowohl direct an Landbewohner verkauft oder in ge¬ 
mauerten Behältern vor der Stadt abgeladen, c) sie werden durch das 
Liernur’8che System nach der Centralstation befördert. Bei der zunächst 
von uns besuchten Sammelstelle befand sich ausser dem Müllhaufen auch 
eine derartige ausgemauerte Grube, in der die Excremente aufbewahrt und 
aus der sie an Landbewohner zum Zwecke des Düngens verkauft wurden. 
Selbstverständlich war der Anblick dieses offenen Reservoirs ein ausser¬ 
ordentlich widerlicher und gewiss auch die Verpestung der Luft diych die¬ 
selben für die Nachbarschaft eine gesundheitsnachtheilige. 

Am Nachmittage besuchten wir eine andere Ablagerungsstelle im Nord¬ 
osten der Stadt, nicht weit von dem neuen Schlachtehause entfernt. Täg¬ 
lich wird hierher per Kahn (es sollen täglich 14 bis 15 gefüllte Kähne hier¬ 
her geschafft werden!) die in der Centralstation Liernur nicht käuflich 
abgegebene flüssige Excrementenjauche geführt. Durch eine Dampfpumpe 
werden die Kähne in einen sehr grossen ausgemauerten Behälter entleert 
und von diesem aus entweder wieder an Ackerbauer im Handverkauf ab¬ 
gegeben oder auf sehr grosse wohl 20 bis 25 Schritte im Quadrat und 1 bis 
lY*m hohe Müllhaufen geleitet, um diese in Compost umzuwandeln. Meh¬ 
rere Wochen lang wird auf diese Haufen Jauche gepumpt, können sie keine 
Jauche mehr fassen (ein grosser Theil lief unter unseren Augen nutzlos ab!), 
so werden sie je nach Bedarf an Ackerbauer als Dünger verkauft. Ich 
brauche wohl nicht besonders zu erwähnen, dass diese ganze Anlage eine 
im höchsten Grade unsaubere, unappetitliche und widerliche ist und dass 
sie jedenfalls für die Anlieger und Anwohner auch sehr gesundheitsgefähr- 
lich sein muss. Namentlich im Hochsommer müssen die Ausdünstungen dort 
wahrhaft pestilenzialische sein. 

Ueber die Kosten der Städtereinigung durch Liernur’sches System 
finden wir genaue Angaben in einem unter den 3. März 1883 veröffent¬ 
lichten Vortrage, den Herr Ingenieur C. M. von Bruyn-Kops im Stadthause 
zu Amsterdam am 28. Februar 1883 der Commission des Gemeinderathes 
von Paris gehalten hat. Es heisst darin, dass die städtischen Behörden von 
Amsterdam constatirt haben, dass in dem Quartier zwischen Wetering und 


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240 Fünfter internationaler Gongress für Gesundheitspflege im Haag. 


Utreohtsehe Porten die Kosten der Bedienung des Systems, inclusive der 
Zinsen von der Constructionanlage pro Person 70 Centimes betragen. Es 
wohnen dort 500 Menschen auf einem Hectare, rechnet man aber über die 
ganze Stadt vertheilt nur 300 Menschen auf einen Hectar, so muss man die 
Kosten im Verhältnis von 3:5 höher anschlagen, also 1*17 Frcs. annehmen. 
Hinzu kommen noch folgende Kosten, um die Excreraente zu verdampfen, 
für einen Menschen pro Jahr: 


Um 1750 Liter Wasser zu verdampfen 110 kg Steinkohlen 

6 1 /* kg Schwefelsäure (10 Frcs. = 100 kg). 

Handarbeit. 

Zinsen vom Constructionscapital der Verdampfungsapparate 
Unterhaltung und Erneuerung dieser Apparate . . . . 

Verschiedenes. 

Dazu die Anfangs erwähnten. 


2*20 Frcs. 
0*65 n 
0*50 „ 

0*40 „ 

0*80 „ 
0*25 n 
1*17 „ 


im Ganzen . . 5*97 Frcs. 

oder abgerundet 6 Frcs. für die Person und das Jahr. 


Nach den Dordrechter Erfahrungen enthält nun die dort producirte 
Poudrette 7 l /j bis 8 Proc. Stickstoff und 2 1 /» bis 3 Proc. Phosphorsäure, hat 
also mindestens einen Werth von 16 Frcs. auf 100 kg. Wenn man annimmt, 
dass eine Person jährlich 50 kg trockene Poudrette fabricirt, so würden sich 
die Einnahmen auf 8, die Ausgaben auf 6, die Reineinnahmen aus der 
Städtereinigung daher auf 2 Frcs. stellen. 

Verstopfungen kommen nach von Bruyn-Kops im Liernur’schen 
Systeme ebenso vor, wie in allen übrigen Systemen; es kamen dadurch, 
dass Sachen in die Closettrichter hinein geworfen wurden, die nicht hinein¬ 
gehörten, im Jahre 1882 für eine Bevölkerung von 46 362 Personen 

in den Trichtern .... 825, 

in den Canälen .... 28 Verstopfungen vor. 

Die Beseitigung derselben kostete 534 Frcs. 29 Cent., so dass die Kosten 
sich pro Person und Jahr auf 2 1 /* Centimes stellen würden. 

Treten Verstopfungen oder Störungen ein, so können diese, ohne irgend 
wie das ganze System zu stören, beseitigt werden, wenn sie nämlich in den 
Trichtern liegen, da jedes Haus durch ein Ventil abzuschliessen ist, ehe die 
Canäle die in der Strasse laufenden Hauptrohre erreichen. Liegt die Störung 
in den Canälen, so ist deren Beseitigung natürlich schwieriger und muss 
z. B. bei einem Hauptrohre sehr unangenehme Störungen für die ganzen 
Stadttheile im Gefolge haben, namentlich, wenn die Reparatur längere Tage 
in Anspruch nimmt. 

Wenn ich mir nach diesen Betrachtungen ein Gesammturtheil über das 
Liernur’sche System erlauben darf, so ist dasselbe theoretisch ausgedacht 
in hygienischer Beziehung sehr annehmbar, obgleich 1) nicht zu verkennen 
ist, dass ein Closet mit Kothverschluss immer weniger angenehm ist, als ein 
solches mit WasserverSchluss, wie beim Schwemmcanalsystem, 2) die Excre¬ 
mente sich beim Liernur’schen System immer noch länger in der Woh¬ 
nung auf halten (täglich nur eine Entleerung der Canäle!) als beim Schwemm¬ 
system, wo sie sofort nach jeder Defäcation möglichst rasch aus der Wohnung 


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241 


II. Section (Berichterstatter Dr. R. Blasius). 

fortgeführt werden, and wir ja vom jetzigen hygienischen Standpunkte aus 
gerade auf die möglichst sofortige Entfernung der Excremente den grössten 
Werth legen müssen. Was die praktische Durchführung anbetrifft, so er¬ 
scheint mir diese in Amsterdam, seit die Centralstelle eingerichtet ist, vorzüg¬ 
lich zu sein, bis zu dem Momente der Poudrettefabrikation. Diese findet 
nicht statt, und daher zeigen sich noch jetzt schreiende Uebelstände, 
wie ich sie oben geschildert habe. Die Bedenken, die gegen das Liernur’sche 
System in Betreff der Verstopfungen erhoben sind (siehe Mitgau: Bericht 
über die Systeme der Städtereinigung etc., Braunschweig 1880, S. 22), schei¬ 
nen mir nicht so erheblich zu sein, wenigstens kommen sie bei allen cen- 
tralisirenden Systemen mit Canälen vor. Häufig ist dem System auch der 
hohe Kostenpunkt vorgeworfen. Wie mir Herr von Bruyn-Kops sagte, 
beruhten frühere Amsterdamer Berechnungen eben darauf, dass man alle 
Abfuhrkosten auf das Liernur-System berechnet und danach eine viel höhere 
Summe erhalten, als er sie aus seinen Berechnungen gefunden hätte. Wenn 
ich nun auch glaube, dass 1750 Liter pro Person (4 Liter pro Tag) Wasser 
zur Verdampfung, wenn man nach Liernur’s neueren Vorschlägen auch 
Wasserclosets mit an bringt, zu wenig gerechnet sind und man gewiss das 
Doppelte, also 8 Liter pro Tag und Person, annebmen muss, so würden sich 
die Kosten doch nur auf ca. 3 Frcs. jährlich pro Person erhöhen, so dass 
inan statt eines Gewinnes von 2 Frcs., eine Ausgabe von 1 Frc. pro Person 
und Jahr erhalten würde; immer würde das für die Gemeinden im Vergleich 
zu den im oben genannten Berichte (S. 58) mitgetheilten Städten mit Pou- 
drettirung (Rochdale 2 Schilling 3 Pence, Manchester 2 Schilling 4 V 2 Pence 
pro Kopf der Bevölkerung) ein günstiges Resultat sein. 

Sehr zu bedauern ist es, dass die Poudrettefabrikation zur Zeit noch 
nicht in Amsterdam Seitens der Stadt ausgeführt wird, man würde erst, 
wenn diese auch stattfände und man mehrjährige Resultate vor sich hätte, 
sich ein vollständiges Bild über die praktischen Leistungen desLiernur- 
Systems uud seine Kosten machen können. 


Vierte Sitzung. 

Dienstag, den 2 6. August. 

Vorsitzender: Dr. Carsten (Haag). 

Herr Ingenieur Symons (Rotterdam), Vertreter der Firma Siemens, 
sprach über 

Verbrennung. 

Zunächst wurde die Verbrennung heisser Luft durch Regeneratoren be¬ 
sprochen und deren Nutzen in Betreff des Kostenpunktes und der Gesundheits¬ 
pflege hervorgehoben. In grossen industriellen Etablissements wird die 
Luft reiner sein und nicht mit Rauch gefüllt werden, so dass die Arbeiter 
für ihre Gesundheit durch Einathmung reiner Luft Nutzen haben werden. 
Bei der Beleuchtung wird durch das Siemens’sehe Regenerativsystem 
der Vortheil erreicht, dass keine Kohlensäure in die Räume gelangt und 

Vierteljahnschrift für Gesundheitspflege, 1886 . lß 


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242 Fünfter internationaler Congress für Gesundheitspflege im Haag. 

Ventilation stattfindet. Auch die Heizung durch Gasöfen mittelst heisser 
Luft ist die billigere und reinlichere und hygienisch besonders wichtig, da 
sie eine gl eich massigere Wärme erzeugt. Schliesslich besprach der Redner 
die Leicheny erbrenn ung, wünschte, dass man dafür einen populären, weniger 
abschreckenden Namen fände, dass ferner beim Bau der Oefen jede nur irgend 
mögliche ästhetische und architektonische Form gefunden würde und er¬ 
wähnte, dass man jetzt auch transportable Leichenverbrennungsöfen con- 
struire. Da in Holland die Erlaubnis zur Leichenverbrennung nicht 
besteht, bat Herr Symons um nochmalige Annahme des schon auf dem 
letzten Genfer Congresse gefassten Beschlusses, dass die Regierungen 
ersucht werden sollten, die Verbote aufzuheben, die der facultativen Leichen¬ 
verbrennung entgegenstehen, da namentlich bei grösseren Epidemieen die 
Leichen Verbrennung ja vom grössten hygienischen Nutzen ist. 

Nachdem Prof. Dr. C. A. Pekelharing (Utrecht), Delegirter des nieder¬ 
ländischen Vereins für Leichenverbrennung, den Vortragenden unterstützte, 
wurde die vor zwei Jahren in Genf gefasste Resolution in Betreff der Leichen¬ 
verbrennung angenommen, alle Regierungen zu bitten, die Hindernisse, die 
der facultativen Leichenverbrennung entgegenstehen, wegzunehmen und die¬ 
selben auf den grossen Nutzen aufmerksam zu machen, den die Leichen ver¬ 
brennung bei heftigen Epidemieen hat. (Siehe Comptes rendus et mtmoires 
du quatribme congres international (Thygüne et dömographi ä GeniUe, Tom II, 

p. 112.) 


Fünfte Sitzung. 

Mittwoch, den 2 7. August. 

Vorsitzender: Professor Dr. Sn eilen (Utrecht). 

Da für die zweite Section ' kein Material mehr vorlag, die erste aber 
mit den angekündigten Vorträgen nicht fertig werden konnte in der gege¬ 
benen Zeit, wurde der hochinteressante Vortrag von Dr. W. P. Ruijsch 
(Mastricht) über 

Die Lumpen, als Seuohenträger eine nationale und 
internationale Gefahr, 

in dieser Section gehalten. Schon seit langer Zeit hat man die Lumpen als 
Seuchenträger für höchst gefährlich erklärt. Aus der holländischen medi- 
cinischen Literatur sind eine Menge Fälle erwähnt, wo durch Einführung 
von Lumpen die Einschleppung von Cholera, Pocken, Typhus sicher consta- 
tirt ist. Auch in anderen Ländern sind wohl 50 derartige Fälle bekannt. 
Die Choleraepidemieen in den Niederlanden 1865 und 1866, die Pocken- 
epidemieen 1870 und 1873 sind auf Einschleppung durch Lumpen zurück¬ 
zuführen. Die Sanitätsconferenzen zu Wien und Konstantinopel haben diese 
Gefahr constatirt. Am wichtigsten sind die grossen Lumpenniederlagen, die 
sich oft in der Mitte grosser Städte befinden, sie sind die Brutstätten der 
Ansteckung, da die die Ansteckung bewirkenden Bacterien dort den besten 
Nährboden in der Feuchtigkeit, Dunkelheit und erhöhten Temperatur finden, 


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243 


II. Section (Berichterstatter Dr. R. Blasius). 

wie es die Untersuchungen von Tyndall, Pastenr und Roch ergeben 
haben. Ausserdem sind so grosse Lnmpenansammlungen im höchsten Grade 
feuergefährlich, wie es die letzthin in Amsterdam und Rotterdam entstande¬ 
nen Feuersbrünste bewiesen haben. 

Was soll man dagegen thun? Eine Desinfection der grossen Lumpen¬ 
ballen an der Grenze des Landes, in das sie gebracht werden sollen, ist sehr 
schwer ausführbar und sehr kostspielig und es ist kaum anzunehmen, dass 
dasselbe Desinfectionsverfahren gegen alle Krankheiten dieselbe Sicherheit 
gewährt. Richtiger ist es, die Lumpen einer strengen Aufsicht in dem 
Lande zu unterziehen, wo die Epidemie herrscht, und sie hier in besonderen 
Desinfectionsanstalten vor der Exportirung zu desinficiren. Dann können 
die Lumpen weder auf dem Transporte noch später in dem Lande, wo sie 
verkauft und verarbeitet werden, Infectionsherde bilden. Um die eventuell 
mit Infectionsstoffen versehenen Lumpen auf ihrem ganzen Wege vom Bette 
des Kranken bis in die Papiermühle za überwachen, schlägt Redner Fol¬ 
gendes vor: 

1. Errichtung von Desinfectionsstationen. 

2. Verbot von Lumpenniederlagen im Centrum der Städte und Verlegen 
derselben nach der Peripherie. 

3. Bestimmung, dass Lumpen nur in passend verschlossenen Geiassen, 
sei es in Ballen oder in Kisten, transportirt werden dürfen. 

4. Continuirliche Lüftung der Lumpenniederlagen. 

5. Schutz der beim Sortiren der Lumpen beschäftigten Arbeiter (Vacci- 
niren und Revacciniren derselben, Tragen besonderer Ueberkleider 
in der Fabrik, Waschen der Hände und des Gesichts nach der Arbeit). 

6. Desinfection der Arbeiter und ihrer Kleider nach der Arbeit. 

7. Verbot des Verkaufes von Bettzeug und Wäsche von mit Infections- 
krankheiten behafteten Personen. 

8. Internationales Gesetz über den Transport von Lumpen. 

Zum Schlüsse beantragt der Redner, die Versammlung möge beschlieBsen, 
das! trotz der von der Industrie erhobenen Einrede in Betreff der Gefähr¬ 
lichkeit der Lumpen, die augenblicklich über den Transport derselben in 
Kraft befindlichen gesetzlichen Bestimmungen nicht genügen und in den¬ 
selben eine nationale und internationale Gefahr bestehe. 

In der Discussion zeigte es sich, dass Dr. Smith (London), Dr. Mouton 
(Haag), Neujean (Lüttich) über die Hauptpunkte mit Dr. Ruijsch über¬ 
einstimmten, speciell erklärten die Engländer sich für eine zwangsweise sehr 
strenge Desinfection der Lumpen, die in ihrem Lande bereits von Privaten 
und von der Regierung ausgeübt werde. 

Der Antrag Ruijsch wurde hierauf angenommen, ebenso der Antrag 
des Redners, eine internationale Commission zu ernennen, die die Gefahren 
zu studiren habe, die die Lumpen in hygienischer Beziehung bieten, mit 
dem Amendement von Dr. Mouton, es der Commission zu überlassen, 
noch einige Industrielle zu cooptiren. Zu Mitgliedern der Commission wur¬ 
den ernannt: Finkelnburg (Bonn), Corfield (London), Vallin (Paris), 
Ruijsch (Mastricht) und Mouton (Haag). 


16 * 


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244 Fünfter internationaler Coügress für Gesundheitspflege im Haag. 


III. Section. 

Nahrungsmittelhygiene, Hygiene des Hindesalters, 

Privathygiene. 

Berichterstatter: Dr. G. Custer. 


Erste Sitzung. 

Freitag, den 2 2. August. 

Vorsitzender: L. Verspyck, Medicinalinspector von Geldern und Utrecht. 

Professor Brouardel (Paris) sprach 

Ueber Nahrungsmittelverfälschung. 

Dieses Thema war schon am letzten Congresse in Genf besprochen 
worden und hatte die Generalversammlung folgendes Votum des Redners 
angenommen: „Die Vertreter der verschiedenen Nationen sollen den Text 
der bei denselben gültigen Gesetze oder Polizeiverordnungen über Nahrungs¬ 
mittelVerfälschung mitbringen , damit der Congress untersuchen könne, 
welche internationalen Maassregeln dagegen zu ergreifen seien.* 1 

Brouardel begründet seinen Wunsch erneuerter Behandlung des 
Gegenstandes damit, dass die Nahrungsmittel immer mehr verfälscht würden, 
häufig kommen auch schädliche Substanzen zu denselben hinzu durch die 
verschiedenen Conservirungsmethoden. Die frühere Gesetzgebung kannte 
und übte sehr scharfe Strafen gegen Lebensmittelfälschung. Heute existiren 
Gesellschaften mit grossem Capital, welche besondere Chemiker besolden 
und auf verschiedene Weise Nahrungs- und Genussmittel zum Schaden der 
Consumenten verändern. Es entstehen auch immer neue Methoden der 
Verfälschung, welche häufig dadurch gefährlich sind, dass zwar auf einmal 
nur ganz kleine Dosen giftiger Stoffe in den menschlichen Organismus 
hineingerathen, durch täglichen Consum derselben aber eine verderbliche 
cumulative Wirkung hervorgebracht wird. Nothwendig ist zunächst die 
Festsetzung, was für Verfälschungen in verschiedenen Ländern hauptsächlich 
Vorkommen; es hat dies eine internationale Bedeutung, weil die in dem 
einen Lande gefälschte Waare in ein anderes importirt wird und hier auch 
Schaden anstiftet. Ferner soll alles gesetzliche Material über Nahrnngs- 
mittelfälschung in den einzelnen Staaten gesammelt und verglichen werden. 

Dr. Lnbelsky (Warschau) macht auf die Schwierigkeit internationalen 
Vorgehens aufmerksam, welche darin liegt, dass in verschiedenen Ländern 
auch verschiedene Ansichten herrschen über den Begriff „Fälschung“. 
Dieser wechsle auch mit der Zeit, wie man dies bei den Zusätzen zum 
Wein habe sehen können. Die Hauptfrage sei zunächst die, zu entscheiden, 


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245 


III. Section (Berichterstatter Dr. G. Custer). 

welche den Nahrungsmitteln beigefugten Substanzen als toxisch and desshalb 
als verwerflich betrachtet werden m&ssen und welche nicht. Erst nach 
erzielter Einigtmg hierüber könne international gegen das Uebel vorgegangen 
werden. 

Die Section giebt schliesslich folgenden Wünschen des Professor 
Brouardel ihre Zustimmung: 

1. Ist eine aus Vertretern aller Nationen bestehende Commission za 
ernennen, welche eine Sammlung der in den verschiedenen Ländern 
über Nahrangsmittelfälschung in Kraft befindlichen Gesetze und 
Verordnungen veranstaltet. Termin bis zur Einlieferung des 
Materials sechs Monate. 

2. Eines der Commissionsmitglieder macht an der Hand der ihm zu¬ 
gestellten Documente einen Bericht mit Anträgen für den nächsten 
Congress. Dieser sollte die Umrisse einer internationalen Convention 
zwischen den verschiedenen Staaten bezüglich Nahrungsmittelfäl¬ 
schung enthalten. 

Auf Wunsch des Vorsitzenden verfasste Brouardel für die zweite 
Sitzung ein Fragenschema, um möglichste Einheit in die Art des zu 
sammelnden Materiales zu bringen. In demselben wird die Aufmerksamkeit 
auf folgende Punkte gerichtet: 

1. Schädliche Folgen durch die Einfuhr der verschiedenen zur Fälschung 
verwendeten Substanzen. Angaben von Aerzten, welche die Arbeiter 
solcher Etablissemente behandeln, in denen jene Stoffe angefertigt 
werden. Bitte an die Aerzte, fortlaufende Beobachtungen über den 
Gesundheitszustand jener Arbeitergruppen anzustellen und mitzu- 
theilen. 

2. Publication der Methoden, welche von den mit Lebensmittelanalysen 
beschäftigten Chemikern zur Entdeckung von Fälschungen ange¬ 
wendet werden. 

3. Sammlung der Gesetze zur Bestrafung der Lebensmittelfälschung. 

Mit der Aufgabe der Bearbeitung des Materiales der Enquete und des 

darauf bezüglichen Rapportes wird Professor Brouardel betraut. 

Dr. Huizinga (Harlingen) hielt einen Vortrag 

Ueber die Gefahren der Unterrichtsmethoden fiir 
das Nervensystem der Schüler und die Mittel zur 
Abwehr. 

Wir erzeugen durch Ueberbürdung der Schulprogramme eine gewisse 
Irritabilität des Gehirns der Schüler in Folge congestiver Zustände des¬ 
selben, welche von schlimmem Einfluss auf deren Leistungsfähigkeit, auf 
Charakter und Willenskraft ist. Es wird die physische und psychische 
Widerstandsfähigkeit der Schüler beeinträchtigt. Ein Beweis der zu 
grossen Anstrengung der nervösen Centralorgane des Schulkindes ist der 
bei denselben nicht selten zu constatirende Kopfschmerz, welcher während 
der Ferien wieder verschwindet. Auch lassen sich bei den Schülern 
mancherlei Formen von Neurasthenie beobachten. Für genaue Umschreibung 
der hierher gehörigen Zustände und ihres Zusammenhanges mit dem Schul- 


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246 Fünfter internationaler Congress für Gesundheitspflege im Haag. 

leben fehlt es noch an einer umfassenden und exacten Statistik. Redner 
fasst seine Ansichten über die vorliegende schwierige Frage in folgende 
Sätze zusammen: 

Jede Unterrichtung8methode, welche mehr die Entwickelung des Wissens 
als jene des Könnens beabsichtigt, stellt eine Gefahr für die Gesundheit des 
Nervensystems der Schüler dar. 

In vielen Fällen von habituellem Kopfschmerz der Schulkinder ist der 
Unterricht als directe Ursache dafür oder als Hinderniss für Genesung auf¬ 
zufassen. 

Die zu den Studien und Examen erforderlichen Geistesanstrengungen 
führen bei geistig mittelmässigen Personen leicht zu einer Abschwächung 
der Energie. 

Durch die einseitige Geistesentwickelung und die Ueberreizung des 
Nacheifers wird das jugendliche Gemüth zu krankhaft verkehrten An¬ 
schauungen gebracht, welche sich nur zu oft den Psychosen nähern. 

Die Maassregeln zur Erhaltung der Gesundheit im Allgemeinen ausser 
Beachtung lassend, schlägt der Vortragende zur Vermeidung oben genannter 
Gefahren folgende Bestimmungen vor: 

Die Unterrichtspläne sollten für alle Stufen des Unterrichtes in einen 
obligatorischen und facultativen Theil zerfallen. Jener soll sich auf die 
Bedürfnisse der geistig Mittelmässigen beschränken, dieser die Gelegenheit 
zur Erwerbung ausgebreiteterer Kenntnisse nur denjenigen darbieten, deren 
Interesse und Widerstandsfähigkeit erprobt sind. 

Statt einer gleichmässigen, allgemeinen Entwickelung nachzujagen, 
begnüge man sich damit, dasjenige zu lehren, was Jedermann für seine 
spätere Thätigkeit brauchen wird und überlasse die Verbreitung der Wissen¬ 
schaft der persönlichen Initiative geistig höher Stehenden. 

Die Examen sind als ein nothwendiges Uebel zu betrachten. Man 
beschränke dieselben auf die Controle der zur Amtsfahigkeit nothwendigen 
Kenntnisse, von einer Prüfung des erreichten allgemeinen Entwickelungs- 
grades gänzlich absehend. 

Die Zeugnisse der Lehrer sind als Uebergang von einem Lehrgänge 
zum anderen den Examen vorzuziehen. 

Insbesondere sollten die Examen zur Erlangung des jus docendi so ein¬ 
gerichtet werden, dass der Unterricht in verschiedenen Fächern einer einzigen 
Person übertragen werden kann. 

Dr. Drouineau (Rochelle) bespricht die Nachtheile einer zu lange hinter 
einander ohne gehörige Pausen fortgesetzten Unterrichtszeit und die Noth- 
wendigkeit grösserer Ausspannung und Erholung der Schüler von den geisti¬ 
gen Anstrengungen durch sorgfältigere Rücksicht auf Anlage und Benutzung 
von Spielplätzen, auf gymnastische Uebungen. Die Forderungen der Schul¬ 
programme hinsichtlich der Zahl und Vertheilung der Unterrichtsstunden 
müssen mit den Forderungen der Hygiene in Einklang gebracht werden. 
Ein grosser hygienischer Uebelstand liegt darin, dass, wie dies z. B. in 
Frankreich geschieht, die gleiche Zahl von Schulstunden für junge wie 
für ältere Schüler in den Primarclassen verlangt wird und sollte eine an¬ 
gemessenere Vertheilung der Arbeit in den Schulen je\iach dem Alter der 
Kinder stattfinden. Auch ist eine Reduction der Schüler zahl in manchen 
Classen dringend nothwendig, indem aus der Ueberfüllung vieler Schul¬ 
locale mancherlei gesundheitliche Missstände entspringen. Das Maximum 
einer Classe sollte 50 nicht übersteigen; dem Mangel an genügenden 


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247 


III. Section (Berichterstatter Dr. G. Custer). 

Localen und Lehrkräften muss abgeholfen werden. Jede Schule sollte eine 
fortlaufende hygienische Ueberwachung besitzen und hätten die betreffenden 
Functionäre ein besonderes Augenmerk auf die physische Erziehung der 
Schulkinder zu richten. Es wäre sehr zu wünschen, dass über die Zustände 
in den einzelnen Ländern hinsichtlich der Schulprogramme eine besondere 
Enquete angestellt würde. Er proponirt zur Entlastung der Schüler Auf¬ 
hebung der Hausaufgaben für die Schule sowie Beseitigung der Prüfungen 
in den Primarschulen, auf Grund deren Abgangszeugnisse ausgefertigt zu 
werden pflegen. Dieselben wären durch einfache summarische Noten der 
Lehrer zu ersetzen. 

Dr. Zoeros-Bey (Konstantinopel) stellt folgende von der Section 
angenommene Wünsche: 

1. Die Programme der Primär- und Secundarschulen aller Länder sollten 
vom hygienischen Standpunkte aus geprüft und, da sie überladen 
sind, modiflcirt werden, damit die geistigen Anforderungen an die 
Kinder zu deren physischen Kräften in bessere Harmonie treten. 

2. Der Turnunterricht soll für beide Geschlechter obligatorisch gemacht 
und derselbe als ein ebenso wichtiges Schulfach behandelt werden 
wie die Grammatik. Die Körperübungen, besonders auch die Spiele, 
sind in viel ausgedehnterem Maasse zu betreiben als bisher. 


Zweite Sitzung. 

Sonnabend, den 23. August. 

Dr. Roth (London) spricht 

Ueber die Nothwendigkeit, die Lehramtscandidaten 
in den Seminarien und die Studenten der Medioin 
in Privathygiene und physisoher Erziehung zu 
unterrichten. 

Es ist eine dringende Forderung der Zeit, dass die praktischen Elemente 
der Gesundheitslehre von allen Leuten gekannt und angewendet werden. 
Zur möglichsten Verbreitung dieser Kenntnisse ist vor Allem eine gehörige 
Instruction der angehenden Lehrer und Aerzte nöthig, damit sie in Schule 
und Praxis Propaganda machen können für hygienische Grundsätze hin¬ 
sichtlich Luft, Ernährung etc. Auf eine nach richtigen Principien geleitete 
physische Erziehung, welche die harmonische Entwickelung aller Theile des 
menschlichen Körpers anstrebt, ist ein Hauptaugenmerk zu richten; die¬ 
selbe ist um so wichtiger und dringender, als eine fortschreitende Degene¬ 
ration der Bevölkerung namentlich in den grossen Städten — so z. B. in 
England — stattfindet. Eine rationelle physische Erziehung ist aber nur 
möglich, wenn der Lehrer in Anatomie, Physiologie und Hygiene des 
Menschen, in Theorie und Praxis der Gymnastik gehörig eingeweiht ist. 


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248 Fünfter internationaler Congress für Gesundheitspflege im Haag. 

Die Uebungen in der letzteren, für welche in den Schulen nach des Redners 
Standpunkte keinerlei Geräthe nothwendig sind, m&ssen auf anatomische 
und physiologische Kenntnisse basirt werden. Das rationelle System von 
Ling — Gymnastik ohne Apparate — ist das empfehlenswertheste. 

Um für seine Ansichten durch Anschauungsunterricht Propaganda zu 
machen, hatte Dr. Roth für die internationale Hygieneausstellung in London 
eine interessante Sammlung solcher Gegenstände veranstaltet, welche auf 
Popularisirung der elementarsten Begriffe über Hygiene und physische 
Erziehung Bezug haben. Dieselben erstrecken sich auf naturgemässe Er¬ 
nährung, Kleidung und gesamrote übrige Pflege des Kindes — schon von 
der Geburt an — auf hygienische Ausstattung der Schulen (Schulbänke 
nach Roth 1 8 System mit concaver Lehne für den Rücken und convexer 
für die Lenden, Einführung einfacher Ventilationsvorrichtungen in alten 
Schullocalen), auf rationelle Muskel Übungen ohne Apparate, auf Erziehung 
der Blinden. Der Hauptinhalt seiner nach dem Alter des Kindes stufen¬ 
förmig angeordneten Collection wird den Mitgliedern der Section durch 
herumgereichte grosse Photogramme illustrirt und äussert man den Wunsch, 
es möchten die sehr anschaulichen Bilder auf lithographischem Wege zu 
allgemeiner Verbreitung besonders auch in den Schulen gelangen. Dr. Roth 
wünscht, es sollten die Elemente der Hygiene in allen Schulen gelehrt 
werden. 

Dr. Guyo (Amsterdam), Chefredacteur des Recueü medical der Nieder¬ 
lande, spricht 

Ueber die Gefahren der Gewohnheit, durch den 
Mund zu athmen, sowohl für die Athmungswerk- 
zeuge als für das Gehörorgan. 

Er giebt zunächst eine Uebersicht über die seinen Gegenstand behan¬ 
delnde Literatur und führt das Beispiel des Philosophen Kant an, welcher 
sich durch Ablegung der Gewohnheit, mittelst des Mundes zu athmen, 
von einem hartnäckigen Husten befreite. Der Redner bezieht sich besonders 
auf das merkwürdige Büchlein des englischen Reisenden Georg Catlin, 
das den Titel führt „Geschlossener Mund erhält gesund“ (über¬ 
petzt von Dr. Flachs, Leipzig). In diesem originellen, mit Illustrationen 
versehenen Schriftchen werden in drastischer und vielfach stark über¬ 
triebener Weise sogar eine Menge schwerer Erkrankungen und Todesfälle 
beim Menschen auf die Gewohnheit zurückgeführt, mit offenem Munde zu 
schlafen. Die bekannten Unterschiede, Vor- oder Nachtheile hinsichtlich 
Reinigung, Erwärmung der Luft je nach der Athmung durch Nase oder Mund 
werden aus einander gesetzt. Von der Respiration durch den Mund lassen sich 
mancherlei Schädlichkeiten ableiten. Die zu trockene, im Winter zu kalte, 
auch oft durch Staub verunreinigte Luft übt beim directen Einströmen in 
die Mund- und Rachenhöhle einen nachtheiligen Einfluss auf Schleimhäute 
und Zähne. Im Schlafe werden bei jener üblen Angewohnheit die Schleim¬ 
häute ausgetrocknet, in Folge davon können besonders bei Kindern auf 
reflectorischem Wege mancherlei nervöse Störungen (z. B. Nachthuston) 


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249 


III. Section (Berichterstatter Dr. G. Custer). 

ein treten. Die schlimmen Folgen erstrecken sich bis auf die Schleimhaut 
des Gehörorgans (Eustachische Röhre und Mittelohr) und des Kehlkopfes. 

Die Mittel zur Verhütung der genannten schädlichen Gewohnheit— 
vorausgesetzt, dieselbe finde ihre Erklärung und Entschuldigung nicht in 
Erkrankungen und Missbildungen der Nase und deren Gängen — sind: 
Erziehung in der Familie, Belehrung, Reinhaltung der Luft, da verdorbene 
Athemluft zu supplementärem Athmen durch den geöffneten Mund führt, 
als mechanisches Hülfsmittel wird eine einfache Bandage zum Verschlüsse 
des Mundes empfohlen. 


Dritte Sitzung. 

Montag, den 2 5. August. 

Dr. Roth (London) spricht 

Ueber die Vorbeugung der Blindheit und die physische 
Erziehung der Blinden. 

Das vom hygienischen und socialen Standpunkte hochwichtige Thema 
der Verhütungsmaassregeln der Blindheit war schon am letzten internatio¬ 
nalen Hygienecongress in Genf zum Gegenstände einer Preisaufgabe gemacht 
worden. In England existirt seit dem Jahre 1880 eine Gesellschaft zur 
Prophylaxis jenes leider noch so verbreiteten Uebels und zur Verbesserung 
des physischen Wohles der Blinden (Society for the prevention of blindness 
and the improvement of the physic of the blind). Dieselbe entfaltet durch 
Massenverbreitung kleiner Broschüren und Flugblätter über die vermeid¬ 
baren Ursachen der Erblindung, durch Versammlungen etc. eine sehr rührige 
Thätigkeit, wie dies bei so vielen Associationen in England in rühmlicher 
Weise der Fall ist. 

In Europa leben mehr als 300 000 Blinde, in England allein über 
30 000. Das Verhältnis derselben zur Gesammtbevölkerung ist ungefähr 
1:1000. Sie verursachen, pro Kopf und Tag zu einem Franken gerechnet, 
eine jährliche Ausgabe von 116 Millionen. Der grösste Theil dieser Unglück¬ 
lichen— etwa 2 / s —haben ihr trauriges Gebrechen in Folge von Unwissen¬ 
heit und Vernachlässigung bekommen. Aus den statistischen Zusammen¬ 
stellungen von Magnus in Breslau ergiebt sich, dass unter 2528 Blinden 
nur 3*8 Proc. mit angeborener Blindheit sich befanden; 10*9Proc. erlangten 
das Uebel durch eiterige Augenlidentzündung der Neugeborenen, 9*5 Proc. 
durch granulöse Processe der Augenlidbindehaut. Die Untersuchungen 
junger Blinder in den Anstalten lehren überall, dass dieselben in überaus 
vielen Fällen um das Augenlicht kommen in Folge theils verhütbarer, theils 
nach dem Ausbruche bei rechtzeitiger und richtiger Behandlung heilbarer 
Krankheiten. In besonderem Grade gilt dies von der Augenentzündung 
kurze Zeit nach der Geburt, welche durch Geringschätzung von Seiten der 
Mütter, Hebammen und Pflegefrauen so verderbliche Consequenzen für das 
Sehorgan mit sich bringt. Eine andere Ursache der Erblindung liegt in 


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250 Fünfter internationaler Congress für Gesundheitspflege im Haag. 

der Unwissenheit vieler Personen, welche mit solchen Arbeiten beschäftigt 
sind, die eine Prädisposition zu Augenerkrankungen erzeugen. Ungeimpfte 
oder schlecht geimpfte Bevölkerungen weisen auch eine grössere Zahl von 
Blinden durch Betheiligung der Augen an dem Pockenausschlag auf als gut 
geimpfte. 

Zur Verhütung der Blindheit sind folgende Mittel nothwendig: Gründ¬ 
liches Studium und Bekanntmachung der Ursachen; Entfernung oder mög¬ 
lichste Abschwächnng der letzteren durch Belehrung über Hygiene im 
Allgemeinen und naturgemässe Pflege des Auges im Speciellen; Verbreitung 
kurz gehaltener Schriftchen und Flugblätter über Augenhygiene mit der 
dringenden Empfehlung rechtzeitiger Anrufung guter, ärztlicher Hülfe im 
Falle von Erkrankung des Auges, speciell bei den kleinsten Kindern; 
Belehrung der Hebammen und Kinderpflegefrauen — durch besondere 
gedruckte Instructionen — über die grosse Gefährlichkeit der eiterigen 
Augenentzündung Neugeborener; rationelle Schulhygiene (Vermeidung von 
Factoren, welche Kurzsichtigkeit erzeugen). 

Die physische Erziehung der Blinden wird in manchen Instituten ganz 
vernachlässigt, es ist nothwendig, derselben durch Einführung von Körper¬ 
übungen, Freiturnen aufzuhelfen. 

Dr. van Dooremaal (Haag) spricht 

Ueber die Vorurtheile als Ursache der Blindheit. 

Nach den statistischen Erhebungen von Majer in München fallen in 
Europa auf je 10 000 Bewohner 8 bis 9 Blinde. Dieses Verhältnis wird 
jedoch in Holland nicht erreicht; hier kommen auf 10000 Einwohner nur 
4 bis 5 Blinde. Trotzdem ist auch diese Ziffer noch zu gross und kann 
durch mannigfache Hülfsmittel reducirt werden. Es ist auch in den Nieder¬ 
landen ein verbreiteter Uebelstand, besonders unter den niederen VolkB- 
classen, dass man den Augenleiden häufig eine viel zu geringe Aufmerk¬ 
samkeit schenkt, oft gar nicht oder viel zu spät richtige ärztliche Hülfe 
dagegen anruft. Dadurch geht die Sehkraft manchen Auges verloren. 
Besonders schlimm ist diese Gleichgültigkeit bei den oft so verhängnis¬ 
vollen Augenentzündungen jugendlicher Individuen, zumal der Neugeborenen. 
Auch ist zu bedauern, dass die Aerzte selber nicht selten viel zu geringe 
Kenntnisse besitzen über die Augenleiden und deren rationelle Behandlung, 
bo dass durch Zuwarten in gefährlichen Fällen oder mangelhaftes Eingreifen 
unheilbare Blindheit nach sich ziehende Zustände entstehen. Unpassend 
wird besonders oft die eiterige Augenentzündung nach der Geburt von Seiten 
der Aerzte behandelt. 

Dr. Fieuzal (Paris) weist auf die günstigen Resultate hin, welche in 
der nationalen Augenklinik am Hospice des Quinze - Vingts und in den 
Gebäranstalten von Paris durch Auswaschungen der Augen bei den Neu¬ 
geborenen mittelst desinficirender Lösungen von Sublimat oder Carbolsäure 
erzielt werden. In Deutschland hat bekanntlich Credö in Leipzig zum 
gleichen Zwecke prophylactische Einträufelungen einer 2procentigen Lösung 
von Argentum nitricum empfohlen, welche von den Hebammen nach jeder 
Geburt auszuüben sind. Fieuzal zieht seine Methode derjenigen von 


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251 


III. Section (Berichterstatter Dr. G. Custer). 

Credö vor und fuhrt als Empfehlung dafür die glänzenden Resultate an, 
welche in Paris hinsichtlich Verminderung der Anzahl der Augeneiterungen 
bei Neugeborenen und deren Erblindungen erzielt worden seien. 

Dr. Haltenhoff (Genf) macht auf die dringende NothWendigkeit auf¬ 
merksam, an den Universitäten und medicinischen Schulen für ein gründ¬ 
licheres Studium der Augenkrankheiten von Seiten der Medicincandidaten 
zu sorgen, jeder der letzteren sollte bei seinem Doctorat auch in der Augen¬ 
heilkunde geprüft werden; die Betheiligung am Unterricht in dieser 
Specialität ist an jeder medicinischen Facultät obligatorisch zu erklären. 
Er hält es auch für wünschenswerth, die Zahl der humanitären Institute 
für Blinde nach dem Muster desjenigen in Paris zu vermehren. 


Vierte Sitzung. 

Dienstag, den 2 6. August. 

Dr. Vallin, Professor der Hygiene am Val-de- Oräce (Paris) hielt 
einen Vortrag 

Ueber die Gefahr der Einverleibung des Fleisches und 
der Milch tuberoulöser Thiere. 

Die Schlusssätze des Redners lauten: 

1. Die Tuberculose (Perlsucht) der Thiere ist eine mit der Tuberculose des 
Menschen identische specifische Krankheit. 

2. Es ist experimentell erwiesen, dass durch die Einfuhr tuberculöser Massen 
in rohem Zustande Tuberculose künstlich erzeugt werden kann. 

3. Einspritzung von Blut oder Muskelsaft schwindsüchtiger Thiere unter die 
Haut oder in das Bauchfell kann Tuberculose hervorbringen. 

4. Der Genuss rohen, von perlsüchtigen Rindern stammenden Fleisches führt 
in manchen Fällen zu Tuberculose, besonders der Unterleibsorgane. 

6. Die Uebertragbarkeit des tuberculösen Virus wird erst bei einer Tem¬ 
peratur aufgehoben, die beträchtlich höher ist als diejenige, welche die 
inneren Theile der Fleischstücke bei den modernen Methoden des Bratens 
annehmen. 

6. Die Milch perlsüchtiger Kühe ist verdächtig und kann zur Entstehung 
von Tuberculose Veranlassung geben. Besonders gefährlich ist ihr Genuss 
dann, wenn bei Kühen tuberculose Affectionen der Milchdrüsen existiren. 

7. In gekochtem Zustande ist Milch tuberculöser Thiere unschädlich. 

8. Zur Verhütung der Gefahr kann man sich vorläufig darauf beschränken, 
das von Thieren mit ausgesprochener, allgemeiner Tuberculose und 
beginnender Abmagerung herrührende Fleisch zu verbieten und zu con- 
fisciren. 

9. Man muss die Gewohnheit, noch blutendes, gebratenes Fleisch zu essen, 
bekämpfen. Zu noch grösserer Sicherheit sollte auch die Milch jedesmal 
vor dem Genüsse tüchtig abgekocht werden. 

10. Die Frequenz der Tuberculose unter dem Vieh sollte man möglichst zu 
reduciren streben durch sorgfältige Auswahl bei der Züchtung, durch 
Reformen in der Stallhygiene, Isolirung der erkrankten Thiere, Des- 
infection der Ställe, in welchen die Krankheit sich eingenistet hat. 


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252 Fünfter internationaler Congress für Gesundheitspflege im Haag. 

11. Die Tuberculose des Rindviehs sollte in die Classe der Epizootieen ein¬ 
gereiht und wie diese der Anzeigepflicht, Isolirung, Desinfection, Con- 
flscirung und in gewissen Fällen der Abschlachtung mit Vernichtung des 
Fleisches unterworfen werden. 

12. Es ist nöthig, die Gründung von Versicherungsgesellschaften gegenüber 
der Tuberculose des Rindviehs zu begünstigen, damit die Besitzer für 
die entstehenden Verluste durch Beschlagnahme der kranken Stücke 
entschädigt werden. 

M. Jorissenne (Lüttich) glanbt, es sollte den Thesen noch eine hin- 
zugefügt werden, welche die Errichtung von Freibanken in denjenigen 
Ländern verlangt, in welchen dieselben noch nicht eingeführt sind. Das 
Fleisch tuberculöser Tbiere dürfte nur an diesen speciellen Verkaufsstätten 
feil geboten werden. Die Käufer wären über die Gefahr aufzuklären, welche 
mit dem Genüsse des genannten Fleisches verbunden ist, wenn dasselbe 
vorher nicht genügend gekocht worden ist. So würde dem Verluste einer 
grossen Menge Fleisches vorgebeugt, das vollständig von der Ernährung 
auszuschliessen doch kein genügender Grund vorhanden sei. 

Vallin hält die Gefahr nicht für ausgeschlossen, dass bei bestehender 
Freibank das gesundheitsgefährliche Fleisch dennoch zu blutigen Beefsteaks 
verwendet werde. Die Frage über Zulässigkeit oder Abschaffung der Frei¬ 
bänke sei eine bei den Thierärzten noch sehr streitige und angesichts der 
Prophylaxis der Tuberculose durch verdächtiges Fleisch sollte man keine 
Bestimmungen dulden, welche gerade den Consum desselben begünstigen. 

Mouton (Haag) ist der Ansicht, dass die von besonderen Gesellschaften 
begründeten und regelmässig controlirten Milchwirthschaften eine grosse 
Garantie verleihen gegenüber der Gefahr durch Milch tuberculöser Kühe 

Vallin erwähnt, dass in der grossen Milchwirthschaft von Aylesbury 
in London beinahe täglich durch besondere Beamte der Gesellschaft eine 
sanitarische Inspection der Kühe stattflnde und jedes Thier, welches hustet, 
sofort beseitigt werde. Leider sei aber die Erkennung der Perlsucht 
schwierig und desshalb das Sieden der Milch stets anzurathen. 

Smith (London) meint, die Gefahr liesse sich abschwächen oder ganz 
beseitigen durch den Gebrauch der condensirten Milch, welche in der Regel 
aus Gegenden stammt, wo die Kühe frei sind von Tuberculosis (?). 

Die Thesen werden von der Section angenommen. 

Professor Armaingaud von Bordeaux hätte 

Ueber die Küstensanatorien für Schwache, Scrophulöse 
und für chronisch Kranke im Allgemeinen 

referiren sollen, da er dasselbe Tbema schon am letzten Congresse in Genf 
behandelt und darüber folgende von der Versammlung angenommene Vor¬ 
schläge gemacht hatte: „Die verschiedenen Staaten werden eingeladen, die 
Zahl der genannten sehr wohlthätigen Anstalten ztr vermehren; es soll das 
statistische Material aller bis jetzt in Europa bestehenden Seesanatorien 
gesammelt und dem folgenden Congress eine übersichtliche Arbeit darüber 
vorgelegt werden.“ Als Berichterstatter war Armaingaud erwählt 
worden. In seiner Abwesenheit gaben Ganitätsinspector Dr. Verspyk 
und Dr. van Mandele (Scheveningen) interessante Aufschlüsse über die 


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253 


III. Section (Berichterstatter Dr. G. Custer). 

in den Niederlanden gegründeten Seehospize und deren Resultate. Es 
existiren derartige Institute in Wyk-aan-Zee bei Amsterdam und in Scheve¬ 
ningen (Sophiastiftung). Dieselben sind hauptsächlich für scrophulöse und 
rachitische Kinder unbemittelter Classen bestimmt. Für den Unterhalt des 
Kinderhospizes in Scheveningen, in welchem im Jahre 1883 im Ganzen 92 
Kranke — darunter 44 mit scrophulösen Leiden — Aufnahme fanden, 
besteht ein besonderer Verein. 

Es wurde beschlossen, die genannte Frage auf die Tagesordnung auch 
noch des folgenden Congresses zu setzen. 


Fünfte Sitzung. 

Mittwoch, den 2 7. August. 

Professor Poincare (Nancy) spricht 

Ueber experimentelle Nachforschungen über den 
Nährwerth des Fleisohpulvers. 

Er hat Hunde mit pulverisirten Beefsteaks entweder für sich allein 
oder in Verbindung mit Brodsuppen gefüttert. Die Thiere wurden genau 
gewogen. Als Resultat ergab sich, dass dieses Pulver einen geringeren 
Nährwerth besitzt als ein gleiches Gewicht frischen Fleisches. Es scheint 
sogar nach Art der in Fäulniss übergegangenen Nahrungsmittel den Ver¬ 
dauungsapparat zu reizen und soll nur in Ausnahmefällen angewendet 
werden, wenn das gewöhnliche Fleisch nicht verdaut wird. 

Dr. Dutrieux-Bey (Alexandrien) spricht 

Ueber die Einfuhr alkoholischer Getränke in Central¬ 
afrika. 

Nach des Redners Ansicht ist die physische und moralische Degene¬ 
ration der einheimischen Volksstämme in Centralafrika zurückzuführen auf 
den übermässigen GenusB geistiger Getränke. Der Alkoholismus ist eine 
schwer wiegende Zukunftsfrage für die Existenz und das normale Befinden 
eines grossen Theiles der Bevölkerung Afrikas. Er hält dafür, dass es eine 
Pflicht des internationalen hygienischen Congresses wäre, gegen diese 
Ursache der Entartung und Sitten Verwilderung zahlreicher Bevölkerungs¬ 
gruppen Protest einzulegen und äuBsert den Wunsch, die Consuln möchten 
sich der Einfuhr von Spirituosen in die genannten Gegenden widersetzen. 
Diesem Wunsche wurde von der kleinen Zahl anwesender Mitglieder auch 
wirklich zugestimmt, dagegen in der letzten allgemeinen Sitzung die Ein¬ 
schränkung gemacht, noch zuerst eine Bestätigung der Behauptungen des 
Wunschstellers durch den am Congresse anwesenden Delegirten von Cen¬ 
tralafrika abzuwarten. 


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254 Fünfter internationaler Congress für Gesundheitspflege im Haag. 


IV. Section. 

Gewerbliche und sociale Hygiene. Kleinkinder¬ 
hygiene. 

Berichterstatter: Dr. G. Custer. 


Erste Sitzung. 

Freitag, den 22. August 
Vorsitzender: A. Fokker, Professor der Hygiene in Groningen. 

Dr. BTapi&s (Paris) spricht 

Ueber das Reoht und die Pflioht des Staates und der 
Fabrikanten, Maassregeln für die Gesundheit der 
Arbeiterbevölkerung zu ergreifen. 

Er giebt zuerst eine historische Uebersicht über die gewerbehygienischen 
Bestrebungen und Gesetzgebungen der verschiedenen civilisirten Länder 
Europas, unterzieht dieselben einer näheren Kritik, wobei er besonders die 
Sicherung der Arbeit, die Salubrität der Fabriken und die Regelung der 
Kinderarbeit ins Auge fasst. Ausführlicher verbreitet er sich über sein 
Vaterland Frankreich, in welchem gegenwärtig drei Regiemente über 
Arbeiterhygiene existiren. Das Maximum der Arbeitszeit ist daselbst auf 
12 Stunden angesetzt. Der Redner stellt folgende Thesen auf: / 

1. Man hat in allen Ländern die Nothwendigkeit erkannt, die Rechte des 
Staates für den Arbeiterschutz gesetzlich zu fixiren. Es ist aber zu 
wünschen, dass in sammtlichen Staaten die Bedingungen der Arbeiter¬ 
hygiene noch exacter definirt werden. 

2. Die Forderungen, welche an ein Gesetz über die Gesunderhaltung der 
Arbeiter zu stellen sind, beziehen sich auf die innere Salubrität der 
Arbeitslocale, die Sicherheit der Arbeit, Festsetzung einer untersten 
Altersgrenze für Zulassung jüngerer Individuen, Schutz der Frauen, auf 
die Mittel für den Schutz der Nachbarschaft industrieller Etablissemente, 
Wohlfahrtseinrichtungen für den Fall der Arbeitslosigkeit besonders in 
Folge von Krankheit und hohes Alter, auf Vorschriften hinsichtlich 
Salubrität der Wohnungen, Einrichtung billiger Arbeiterhäuser. 

8. Bezüglich des Gesundheitszustandes der Werkstätten oder Fabrikräume 
müssen die allgemeinen Bedingungen der Hygiene für ein salubres Wohn« 
local erfüllt werden; es sollen ganz besondere Maassregeln Platz greifen, 
um die Arbeiter gegen die Gefahren durch Gase oder explosive Stoffe zu 


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255 


IV. Section (Berichterstatter Dr. G. Custer). 

schützen. Diese gesetzlichen Mittel würden mit grossem Nutzen ergänzt 
durch Aufmunterungen, alle Vervollkommnungen oder neuen Fabrikations¬ 
methoden einzuführen, welche einen bestimmten Industriezweig gesunder 
gestalten können. 

4. Hinsichtlich der Sicherung der Arbeit soll der Fabrikant nur haftbar 
sein, wenn er jene Gesetzesartikel nicht beobachtet, welche vorbeugende 
Maassregeln zum Schutze von Gesundheit und Leben des Arbeiters 
enthalten. Die Gesetzgebung muss hauptsächlich auf die nachtheiligen 
Folgen Rücksicht nehmen, welche aus einer in zu frühem Alter begonnenen 
oder zu lange Zeit hinter einander betriebenen Beschäftigung der Arbeiter 
resultiren. Bezüglich der Frau muss sie die nothwendigen Vorkehrungen 
ins Auge fassen, welche vom socialen Standpunkte zum Schutze ihrer 
Stellung und Functionen als Mutter gefordert werden. Die Dauer der 
Arbeit für die Erwachsenen könnte nur durch freies Uebereinkommen 
geregelt werden (?). 

5. Ohne besondere gesetzliche Vorschriften sollten die Regierungen alle jene 
Mittel begünstigen, um den Arbeitern während Krankheiten die noth- 
wendige Hülfe angedeihen zu lassen. Namentlich ist die Gründung von 
Gesellschaften für gegenseitige Unterstützung und von Pensionscassen zu 
fördern. 

6. Der Staat muss auch durch das Gesetz einschreiten für die Assanirung 
der ungesunden Wohnungen und die vorgeschriebenen Verbesserungen 
zwangsweise ausführen lassen, da es nicht viel helfen würde, bloss die 
Salubrität der Arbeitslocale zu sichern, dagegen den Arbeiter zu Hause 
in den schlechten, unreinlichen und ungesunden Wohnräumen zu belassen, 
in welchen er sich heutzutage noch überall aufhalten muss. 

Die Thesen gaben zu einer lebhaften DiBcussion Veranlassung. 

Dr. Smith (London) kann sich mit den Lobeserhebungen des Redners 
über die Leistungen der englischen Gesetzgebung für Arbeiterhygiene nicht 
ganz einverstanden erklären. Diese Legislation ist von beschränktem Ein¬ 
flüsse, die Zahl der Fabrikinspectoren ungenügend. Er führt das Beispiel 
einer israelitischen Colonie in London an, in welcher 18 000 bis 20 000 
Mädchen beschäftigt werden. Die Arbeiterinnen befinden sich unter 
ungünstigsten hygienischen Bedingungen. Die Arbeit wird als eine Art 
Hausindustrie betrieben, doch dient der erste Stock der Häuser als Atelier. 
Wenn der Fabrikinspector kommt, werden die Arbeitslocale geleert und die 
Mädchen gehen aus einander. Die Arbeitsdauer ist meist eine viel zu 
lange — von 7 Uhr Morgens biB 2 Uhr in der Nacht (!) — bald ist Ebbe 
in der Beschäftigung, bald eine wahre Hochfluth. 

Bezüglich der Arbeiterwohnungen sind die Zustände in England noch 
weit von einer befriedigenden Lösung entfernt. Die Arbeitercites und 
die Arbeiterquartiere, welche von der Gemeinnützigkeit ins Leben gerufen 
wurden — z. B. die PeabodyhäuBer in London — sind sehr theuer und 
lassen nach mancher anderen Hinsicht zu wünschen übrig. 

Grosse Uebelstände hinsichtlich Fluss Verunreinigung durch die Fabrik- 
abWässer werden dadurch erzeugt, dass die Mehrzahl der Fabrikbesitzer Mit¬ 
glieder der Localgesundheitsbehörden sind und diejenigen, welche das Gesetz 
anwenden sollten, es vom Interessestandpunkte aus verletzen. 

Smith verlangt eine gesetzliche Beschränkung der Arbeitszeit für 
beide Geschlechter. Sowie mehrere Personen zu Hause mit .industrieller 
Arbeit beschäftigt sind, sollen die gesetzlichen Bestimmungen über Arbeiter- 


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256 Fünfter internationaler Congress für Gesundheitspflege im Haag. 

Bchutz ebenfalls in Anwendung kommen. Es müsste auch ein Lohnminimum 
festgesetzt werden, unter welches die Arbeitgeber nicht gehen dürften; die 
durch freie Concurrenz hervorgebrachte Fluctuation in der Besoldung der 
Arbeiter ist die wahre Ursache für das Elend der betreffenden Bevölkerungs- 
olassen in London. 

Napias will die Frage nicht aufs sociale Gebiet verpflanzen, sondern 
sie nur von rein hygienischen Gesichtspunkten behandelt sehen. Bei den 
billigen Arbeiterwohnungen sei ein Unterschied zu machen zwischen den¬ 
jenigen im Innern grosser Städte und solchen, welche mehr ausserhalb 
derselben gelegen sind. Die ersteren können sich den Ursachen der In- 
salubrität in Folge der Zusammendrängung der Bevölkerung nur schwierig 
entziehen. Die letztere Kategorie ist hygienisch viel besser bestellt und 
sie muss desshalb vor Allem angestrebt werden, um so mehr, als heutzutage 
die Verbindungen der Aussenquartiere mit den Stadtcentren durch Tram¬ 
ways etc. so ungemein erleichtert sind. 

Dr. Dooremaal (Haag) weist darauf hin, dass unter den Vorbeugungs¬ 
maassregeln in den Arbeitslocalen auch auf den Schutz der Augen vor 
traumatischen Schädlichkeiten bessere Rücksicht genommen werden sollte. 
Die Berufserkrankungen des Sehorgans sollten genauer studirt werden, um 
mit besserer Einsicht in deren Ursachen auch eine wirksame Prophylaxis 
treiben zu können. 

Dr. Roth (London) wünscht ausser gesetzlichen Eingriffen über Arbeiter- 
Bchutz mit Fabrikinspection eine Instruction des Personals, welche allein im 
Stande sei, dessen tiefwurzelnde Indifferenz gegenüber den Fragen der 
Arbeitergesundheitspflege zu beseitigen. 

Ingenieur Malherbe (Lüttich) macht aufmerksam auf die bedeuten¬ 
den Fortschritte in der Gewerbehygiene in Belgien, welche fast ansschliess- 
lich auf dem Wege der Privatinitiative errungen wurden. Auch die Arbeiter 
müssen in den Principien der Gesundheitspflege mit specieller Anwendung 
auf ihre Beschäftigung erzogen werden. 

Dr. Custer (Rheinek) hält es für sehr schwierig, ja geradezu für 
unausführbar, alles dasjenige, was Napias von der Legislation verlangt, 
auch wirklich auf diesem Wege zu erreichen. Wie kann man z. B. durch 
das Gesetz den Bau gesunder, billiger Arbeiterhäuser erzwingen! Gerade 
nach dieser Richtung kann die freiwillige Thätigkeit, sei es Einzelner, wie 
z. B. human gesinnter Fabrikeigenthümer, oder specieller Associationen am 
meisten leisten und die Erfahrung hat dies auch in manchen Ländern 
glänzend bewiesen. Auch für Wohlfahrtseinrichtungen der Arbeiter über¬ 
haupt hat die Privatopferwilligkeit bis jetzt die Hauptsache gethan und 
wird es auch sicher in Zukunft thun. Es gilt nur, den Wetteifer der Fabrik¬ 
besitzer in dieser philanthropischen Richtung immer mehr zu entfesseln und 
die Associationshülfe besser zu organisiren. Zur Unterstützung des 
Gesagten citirt er entsprechende Beispiele aus der gewerbehygienisch Vieles 
leistenden Schweiz sowie ans dem Lande des Congresses, aus Holland. Die 
in Delft, in der Nähe vom Haag befindliche grosse Hefen- und Spiritus¬ 
fabrik ist auf dem Associationswege gerade jetzt damit beschäftigt, eine 
v CiU ouvribre a in einem prächtigen Parke zu gründen, welchen er besich¬ 
tigte und zu dessen Besuch er die Mitglieder der Section lebhaft auffordert. 


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257 


IV. Section (Berichterstatter Dr. G. Custer). 

Es folgt die Vorlesung einer Arbeit von M. Blache (Paris) 

Ueber Hygiene der Säuglingskrippen (Oröches). 

In derselben werden die innere Einrichtung und Reglemente dieser 
Institute eingehend geschildert. Die Mütter kommen leider nicht so 
häufig als es nöthig und wünschenswerth wäre, um ihre Kinder zu stillen, 
die einen, weil sie sich diese Mühe nicht nehmen mögen, die Mehrzahl aber 
aus dem Grunde, weil die Tagesbeschäftigung dieses Zeitopfer ihnen nicht 
gestattet. Nichtsdestoweniger soll man deren Säuglinge in den Krippen 
behalten, um dadurch zu verhüten, dass die kleinen, oft genug schwächlichen 
Wesen in die Hände von Pflegerinnen gerathen, bei denen sie viel schlechter 
aufgehoben sind als in den geschilderten Anstalten. Jede Krippe sucht 
das Stillen möglichst zu fördern, sie soll für die Mütter eine Schule der 
Moral und der Hygiene sein und auch bei den Arbeitgebern die nöthigen 
Schritte thun, damit die Mütter die Erlaubniss bekommen, in bestimmten 
Zwischenräumen ihre Beschäftigung zu unterbrechen und in der Krippe die 
Kinder zu stillen. 

Die Möglichkeiten für Entstehung ansteckender Krankheiten sind in 
den Krippen nicht grösser als in Kinderasylen und Schulen. . Die Grund¬ 
sätze der Prophylaxis stimmen daselbst mit denjenigen an anderen Anstalten 
überein. Die Krippen, indem sie die widerstandslosen Säuglinge den viel¬ 
fach so ungünstigen hygienischen Bedingungen des mütterlichen Hauses 
entziehen, verhüten gerade die hier oft gegebenen Quellen ansteckender 
Krankheiten und erfüllen eine wichtige Aufgabe der Kinderhygiene. 


Zweite Sitzung. 

Sonnabend, den 23. August. 

Dr. Verstraeten (Gent) liest einen Aufsatz 

Ueber das Asthma der Fabrikanten von Roggenbrot. 

Er beobachtet seit mehreren Jahren eine aus fünf Individuen beste¬ 
hende Familie, welche Biscuits aus Roggenbrot verfertigt und in der er 
wiederholt eine besonders charakterisirte Form von Asthma behandelt hat. 
Die Kranken erwachen in der Nacht mit starker Athemnoth, werfen übel¬ 
riechende Massen aus, in denen sich mikroskopisch amorphe Körperchen 
nachweisen lassen. Diese finden sich auch im Staube des Locales, welches 
zur Fabrikation der Biscuits dient. Er giebt detaillirte Mittheilungen 
über die Art dieses Beschäftigungszweiges, bei welchem sich viel Staub 
entwickelt; die Locale sind meist ungesund eingerichtet. 

Als Mittel zur Verhütung der Einathmung der durch Reflexreizung 
das Asthma erzeugenden Staubpartikelchen empfiehlt er sanitätspolizeiliche 
Regiemente behufs Einführung künstlicher Ventilationsvorrichtungen in 
den betreffenden Werkstätten, sowie das Tragen einer Eisendrahtmaske, 
welche mit sehr engmaschiger Mousseline übersponnen ist. 

Vierteljahrsschrift für Gesundheitspflege, 1886. 27 


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258 Fünfter internationaler Congress für Gesundheitspflege im Haag. 

Dr. Donders, Professor der Physiologie in Utrecht, hält einen Vortrag 

Ueber functionelle Verschiedenheiten der Augen. 

Die Ausführungen des berühmten Forschers waren von originellen 
Experimenten begleitet und beschäftigten sich mit dem sowohl den Physio¬ 
logen als auch den Prophylaktiker interessirenden Thema der Farben- 
blindheit (Achromatopsie). 

Jedermann sieht Farben, aber nicht in gleichem Grade. Es giebt 
Individuen mit schwach entwickeltem Farben Wahrnehmungsvermögen und 
solche, welche gewisse Farben gar nicht erkennen können. Man hat nur 
eine kleine Zahl von Fundamentalfarben anzunehmen, nämlich Roth, Grün 
und Violett; die verschiedenen Farbennüancen erhält man, indem mehr oder 
weniger Weise zu den Hauptfarben hinzugefügt wird. Die verbreitetsten 
Formen der Farbenblindheit sind Roth- und Grünblindheit. 

Das schwache Farben Wahrnehmungsvermögen — nach des Vortragen¬ 
den reicher Erfahrung unter je 17 Individuen einmal vorkommend — kann 
entdeckt werden durch ein multiples Spektroskop. Für die gewöhnliche 
Praxis — genauere Untersuchungen sind an den Specialisten zu verweisen — 
empfiehlt sich eine Tafel mit vier einfachen, gesättigten Farben; auch die 
Tabellen von Stilling sind sehr brauchbar. 

Vom prophylaktischen Standpunkte muss ein vollkommen normaler 
Farbensinn — für Maschinisten auf Locomotiven etc. auch eine intacte 
Sehschärfe — von den Angestellten auf Eisenbahnen und auf der Marine 
verlangt werden und ist sämmtliches Personal derselben einer genauen 
bezüglichen Prüfung zu unterwerfen. 


Dritte Sitzung. 

Montag, den 25. August. 

Dr. Layet, Professor der Hygiene an der medicinischen Facultät in 
Bordeaux, spricht 

Ueber die absichtliche Beschränkung der Fortpflan¬ 
zung in ihren Folgen für das Individuum und die 
Gesellschaft. 

Dieses für Bevölkerungsstatistik, Nationalökonomie und sociale Hygiene 
wichtige Thema hat eine ganz besondere Bedeutung für Frankreich mit 
seinem geringen Geburtenreichthum in Folge des bekannten Grundsatzes 
des Zweikindersystems. Dies ist auch hauptsächlich der Grund, warum 
gerade ein französischer Referent darüber spricht. Man erblickte in Frank¬ 
reich in der langsamen Zunahme der dortigen Bevölkerung selbst eine 
nationale Gefahr. Leroy-Beaulieu, Chefredacteur des Economiste frangais 
fragte geradezu: „Was soll in ein oder zwei Jahrhunderten aus den Fran¬ 
zosen werden, wenn die Deutschen, Engländer, Russen und Chinesen fort- 


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259 


IV. Section (Berichterstatter Dr. G. Custer). 

fahren, rieh so rapid wie jetzt zu vermehren? Die durchschnittliche 
Kinderzahl pro Ehe ist in Frankreich Beit dem Beginn dieses Jahrhunderts 
progressiv gesunken/ 

Der Redner beleuchtet seinen delicaten Gegenstand sowohl vom 
individuellen als vom socialen Standpunkte. Die freiwillige Beschränkung 
der Fortpflanzung, wie sie bei einem ganzen Volke, z. B. beim französischen, 
üblich ist, hat eine Verminderung der Bevölkerung und eine Schwächung 
der nationalen Kraft zur Folge, welche für die Zukunft Bedenken erwecken 
muss. Dadurch wird namentlich auch der Einwanderung fremder Elemente 
Vorschub geleistet, welche in Frankreich bereits in bedeutendem Grade 
stattfindet. Von nationalökonomischen Gesichtspunkten aus bedeutet 
die absichtliche Beschränkung der Nachkommenschaft eine Verminderung 
der allgemeinen Productionskraft auf allen Gebieten menschlicher Thätigkeit. 
Das Malthus’sche Gesetz von der übermässigen Zunahme der Bevölkerung 
gegenüber dem damit nicht gleichen Schritt haltenden Anwachsen der 
Subsistenzmittel betrachtet Lay et bei den heutigen Verhältnissen ver¬ 
änderten Erwerbslebens besonders durch die Industrie gegenüber fast aus¬ 
schliesslicher Bodenbewirthung in früheren Zeiten als nicht mehr zutreffend; 
das Gegentheil davon sei als wahr anzunehmen: die Mittel des Unterhaltes 
entwickeln und vermehren sich mit den Mitteln der Ausnutzung zahlreicherer 
Arbeitskräfte. 

Vom Boden der Moral betrachtet, befördert die absichtliche Beschrän¬ 
kung der Fortpflanzung, welche hauptsächlich unter ehelichen Verhältnissen 
zur Anwendung kommt, die Vermehrung der unehelichen Geburten. In 
Frankreich haben die neun Departements mit der geringsten Ziffer legitimer 
Geburten den höchsten Coefficienten unehelicher Kinder, das Gegentheil lässt 
sich constatiren in neun Departements mit der beträchtlichsten Menge 
ehelicher Geburten. Da die Gewohnheit der willkürlichen Einschränkung des 
Nachwuchses laut erhobenen Untersuchungen in ländlichen Gegenden Wurzel 
fasst, so entsteht daraus eine der ernstesten Gefahren für das ganze Reich. 

Vom individuellen Standpunkte aus wird die Angst, Kinder zu 
bekommen und die in Folge davon geübte Verhinderung der Conception 
für die Eheleute eine Ursache nervöser Unruhe und Reizbarkeit. Unvoll¬ 
ständige Befriedigung der einschlägigen physiologischen Acte stört die 
Gesundheit der Verheiratheten und für die trotz möglichster Vorsicht 
dennoch erzeugten Kinder entsteht die Gefahr, als Wirkung der krankhaft 
gesteigerten Reizung des Nervensystems der Eltern während der Coaptation 
eine nervöse Anlage davon zu tragen. 

Redner will gefunden haben, dass in den neun Departements, wo die 
Familien am wenigsten Kinder besitzen, die Menge der Geisteskranken in 
Irrenanstalten im Verhältnis zur Zahl der Bevölkerung beträchtlicher sei, 
als in den übrigen mit grösserem Kinderreichthum. 

Als Mittel gegen die besprochene Calaroität werden genannt: Begün¬ 
stigung der Heirathen; Belohnungen für grössere Kinderzahl; Entwickelung 
und Beförderung der Bestrebungen für Kolonisation. 

Professor Felix (Bukarest) erwähnt neben der absichtlichen Verhütung 
der Conception die gewaltsame Unterbrechung der Schwangerschaft als ein 

17 * 


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260 Fünfter internationaler Congress für Gesundheitspflege im Haag. 

schon im Alterthum viel angewandtes Mittel, die Menge der Nachkommen 
willkürlich zu beschränken. Nach seiner Meinung giebt es für Ausrottung 
dieses auch heutzutage noch oft vorkommenden Uebels kein wirksames 
Mittel, weder durch Erziehung noch durch Gesetzgebung. 

Dr. Lunier, Inspector der Irrenanstalten in Frankreich, macht mit 
Recht auf die Unsicherheit der von Lay et als Beweismittel für seine 
Theorieen angeführten Statistik über die Zahl der Geisteskranken aufmerk¬ 
sam, indem er hervorhebt, dass aus der Menge der in Anstalten versorgten 
Irren kein Schluss auf den wirklich existirenden Coefficienten von Geistes¬ 
störung zur Gesammtbevölkerung eines Departements, in welchem eine 
solche öffentliche Anstalt sich befindet, gezogen werden dürfe. Trotzdem 
ist auch er überzeugt, dass zwischen der absichtlichen Beschränkung der 
Fortpflanzung und der Erzeugung eines nervösen Zustandes besonders bei 
Frauen ein ursächlicher Zusammenhang bestehe. Eine der Ursachen für 
jenes bedauerliche System, welches sich auch in den ländlichen Provinzen 
Frankreichs immer weiter ausbreitet, ist die Aufhebung des Erstgeburts¬ 
rechtes. Als Mittel zur Bekämpfung der in Frage stehenden misslichen 
Erscheinung im Volksleben könnte man auch — eine Steuer für Ledig¬ 
bleiben ins Auge fassen! Er würde jedoch vorziehen, solchen Eltern, welche 
mehr als drei oder vier Kinder haben, eine Prämie zu verabfolgen. 

Dr. Guye (Amsterdam) vertheidigt das Malthus’sche Gesetz, das so 
oft missverstanden werde, weil man es nicht recht studirt habe. Dieses 
Gesetz ist von zwingender Nothwendigkeit, und indem die Franzosen es 
anwenden, tliun sie gut daran. Nach schweren Epidemieen und grossen 
Kriegen füllt eine um so beträchtlichere Vermehrung der Nachkommenschaft 
die entstandenen Lücken bald wieder aus. 


Vierte Sitzung. 

Dienstag, den 26. August. 

Professor Poincard (Nancy) besprach seine 

Experimentellen Untersuchungen über die Wirkung 
der Anilinfarben. 

Es giebt Anilinfarben, z. B. Fuchsin, Chrysoi'din etc., welche toxische 
Wirkungen entfalten können, auch wenn sie vollständig rein sind, während 
andere, wie Anilinblau, Gelb und Orange, Eosin, Rocellin u. a., gar nicht 
giftig sind. Die ersteren sollten daher zum Färben von Kinderspielwaaren, 
von Nahrungsmitteln, Wein, Liqueuren etc. verboten werden, und dies mit 
um so grösserem Rechte, weil sie im Handel nie so rein Vorkommen, wie 
die Muster einer chemischen Sammlung sind. Sie können desshalb ausser 
ihrer besonderen toxischen Wirkung auch noch diejenigen ihrer Verunrei¬ 
nigungen, z. B. mit Arsenik, Quecksilber oder Blei, entfalten. Bezüglich 
der Färbung von Geweben und Papieren mit den genannten Farben braucht 
man nicht so strenge zu sein. Zu verlangen ist aber auch für diese Fälle, 


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261 


IV. Section (Berichterstatter Dr. G. Custer). 

dass die Anilinfarben immer vollkommen gut haften, damit sie durch Ab¬ 
farben nicht in den Köper derjenigen Personen gelangen, welche mit ihnen 
manipuliren müssen oder Stoffe tragen, die damit imprägnirt sind. 

Zum Schutze der Arbeiter in Anilinfabriken sollen besondere Verzeich¬ 
nisse aufgehängt werden, in denen die schädlichen Substanzen aufgeführt 
sind. Die Arbeitslocale müssen so ausgiebig als möglich ventiiirt uud 
gefährliche Dämpfe durch besondere Vorrichtungen behufs Verbrennung 
oder Condensation unschädlich gemacht werden. Strengstens ist auf pünkt¬ 
liche Beobachtung aller Vorschriften zu dringen, welche auf die Arbeits¬ 
kleider, Reinlichkeitspflege sich beziehen. Mahlzeiten dürfen in den Fabri¬ 
kationsräumen selber nicht gehalten werden. 

Dr. Napias (Paris) macht auf die Gefahren einzelner Anilinfarben, 
wie z. B. des Eosins, in staubförmigem Zustande aufmerksam. Er beobachtete, 
dass die Gesundheit der Arbeiter und besonders der Arbeiterinnen, z. B. der 
Blumenmacherinnen, welche mit in Lösungen von Eosin getauchten Gegen¬ 
ständen zu manipuliren hatten, Schaden litt. Die betreffenden Individuen 
magerten ab, verloren an Körperkräften; die Mehrzahl bekam Hautausschläge 
und Entzündungen der Schleimhäute. Die Farben, welche an sich nicht 
toxisch wirken, werden dadurch gefährlich, dass sie in der Form von blei¬ 
haltigen Firnissen industrielle Verwendung finden. 

Professor Clouet (Rouen) unterstützt die Angaben seiner Vorredner. 
Er hat seit mehreren Jahren die physiologischen Wirkungen gewisser Farb¬ 
stoffpräparate des Anilins studirt und gefunden, dass mehrere derselben 
wirkungslos sind wegen der äusserst geringen Menge des färbenden Bestand¬ 
teils, die sie gelöst enthalten. Dies ist z. B. der Fall beim Malachitgrün 
sowie bei mehreren anderen Grünnüancen, welche in Alkohol löslich sind 
und in der Fabrikation von Spirituosen (z. B. zur Färbung des Absynths) 
verwendet werden. Die nämlichen Präparate können aber Schaden stiften, 
wenn sie auf die* Haut oder auf die Schleimhäute geraten in Folge von 
Verstäubung aus Geweben, deren Imprägnation mit ihnen eine mangelhafte 
war. In Frankreich hat man eine Reihe von Gesundheitsstörungen beobach¬ 
tet in Folge der Verwendung von Stoffen, welche nach ihrer Fabrikation in 
Lösungen von Anilingrün getaucht worden waren. 

Hinsichtlich der giftig sein sollenden Wirkungen des Fuchsins, Granat- 
roths u. a. ist Clouet etwas anderer Meinung als Poincarö. Er hält das 
reine Fuchsin für vollständig unschädlich. Seine sowohl an Thieren als 
auch an Menschen gemachten physiologischen Versuche gestatten ihm den 
Schluss, dass man ohne irgend welche bedenkliche Folgen sehr grosse Dosen 
Fuchsin gemessen kann, vorausgesetzt, dasselbe sei rein und frei von 
Arsenik oder anderen toxischen Beimischungen. Veranlassung zu seinen 
einschlägigen Untersuchungen gaben die weitläufigen Gerichtsverhandlungen, 
welche vor einigen Jahren über die künstliche Färbung von Weinen mittelst 
Fuchsin gepflogen wurden. Im Gegensätze zu den widerstrebenden Resul¬ 
taten, zu welchen Ritter in Nancy gelangt war, nahmen er und einige 
seiner Schüler im Verlaufe von ein paar Tagen bis 40 g reinen Fuchsins zu 
sich, ohne den mindesten Nachtheil davon zu verspüren. Bei einem der¬ 
selben zeigte sich allerdings der Urin vier Tage lang nach begonnenem 
Experiment eiweisshaltig. 


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262 Fünfter internationaler Congress für Gesundheitspflege im Haag. 

Die Versuche mit arsenikfreiem Granatroth ergaben, dass noch grössere 
Dosen desselben als von Fuchsin keine weiteren Störungen hervorriefen, als 
Erbrechen in Folge Ekels gegenüber wiederholten, stets wachsenden Gaben 
des Präparats. — Das Aufgebeu der genannten Farbmittel für Wein hat 
auch weitere Experimente mit denselben unterbrochen. Gegenwärtig wird 
an deren Stelle das Roth von Bordeaux verwendet und wäre es wünschenB- 
werth, die physiologischen Wirkungen dieses Präparats näher kennen zu 
lernen, da es heutzutage in beträchtlichen Mengen genossen wird. 


Fünfte Sitzung. 

Mittwoch, den 27. August. 

Dr. Sn ijder8 (’s Gravesande) spricht 

Ueber den Einfluss der Versicherung^cassen oder 
„Begräbnissvereine“ auf die Kindersterblichkeit. 

Es handelt sich nicht um jene Begräbnissvereine, welche die Bestattung 
ihrer verstorbenen Mitglieder nach dem Tode selbst besorgen, sondern die 
Betrachtungen des Redners gelten nur jener speciellen Art von Begräbniss- 
cassen, die beim Tode jedes ihrer eingeschriebenen Mitglieder den recht¬ 
mässigen Erben des Verstorbenen eine bestimmte Geldsumme auszahlen. 
Der Betrag derselben wird zuvor fixirt und zwar geschieht dies im Ver¬ 
hältnis zu einem vom Verstorbenen bei Lebzeiten zu bezahlenden höheren 
oder geringeren Wochengelde. 

Zufolge einer eigentümlichen Bestimmung in den Statuten der Mehr¬ 
zahl dieser bloss auf Gewinn ausgehenden Vereine wird von den ver¬ 
heirateten, zumal aus den wenig bemittelten Volksclassen sich recrutirenden 
Mitgliedern für die Kinder bis zu einem bestimmten Alter keine Contribution 
gefordert. Trotzdem erhalten die Eltern beim Tode solcher Kinder eine 
der Höhe ihres eigenen Beitrages entsprechende Geldsumme, welche man 
mit dem Namen „freie oder freiwillige Rückzahlung" bezeichnet. 

Diese freiwillige Entrichtung einer oft ganz unbedeutenden Summe 
von Seiten der Gesellschaften erweckt leider öfter die kaum glaubliche, ver¬ 
ächtliche und fatale Begierde der Eltern, sich in wohl überlegter Weise bei 
mehreren — oft bei drei bis vier — dieser Versicherungscassen gleich¬ 
zeitig einschreiben zu lassen. Durch diesen Umstand wird manchmal der 
vorzeitige Tod eines Kindes herbeigeführt, besonders wenn dasselbe den 
jüngsten, schwächsten und am wenigsten widerstandsfähigen Altersclassen 
angehört. 

Der Einfluss der grösseren oder geringeren Betheiligung an den Ver¬ 
sicherungscassen auf die höhere oder niedrigere Sterblichkeitsziffer der 
Kinder, besonders im ersten Lebensalter ist aus den vergleichenden statisti¬ 
schen Tabellen des Verfassers ersichtlich, nur scheinen dieselben dem Refe¬ 
renten desshalb nicht ganz beweiskräftig zu sein, weil anderweitige, mögliche 


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IV. Section (Berichterstatter Dr. G. Custer). 263 

Localursachen für Vermehrung oder Verminderung der Kleinkindersterblich- 
keit in den betreffenden Gemeinden ganz ausser Acht gelassen worden sind 
(z. B. Höhe der GeburtszifFer, Art der Ernährung und gesammten Pflege 
der Säuglinge). In der Provinz Utrecht starben in den Jahren 1875 bis 
1879 in 6 Gemeinden, in denen die genannten Begräbnisscassen sehr beliebt 
sind, von je 100 Lebendgeborenen unterhalb des ersten Lebensjahres im 
Mittel 30*4; in 3 Gemeinden, in welchen jene Vereine nur wenige Mit¬ 
glieder zählen, dagegen nur 17*2. 

Es handelt sich bei der besprochenen Erscheinung nach des Redners 
Ansicht nicht um das Resultat einer mehr oder weniger unvorsichtigen 
oder grausamen That der Eltern, sondern unzweifelhaft um unedle Gleich¬ 
gültigkeit und cynische Sorglosigkeit gegenüber den oft langwierigen, 
heftigen und nicht gelinderten Leiden ihrer abgezehrten und misshandelten 
Kleinen. 

Obgleich anzunehmen ist, dass die gesetzliche und gewissenhafte 
Anwendung des einzig radicalen Mittels wider die genannten Ausschrei¬ 
tungen — den verschiedenen Lebensversicherungsvereinen absolut zu ver¬ 
bieten, beim Tode kleiner Kinder (z. B. bis zum Alter von zehn Jahren) 
eine Prämie auszuzahlen — kaum erwartet werden darf, so ist dennoch ein 
Gesetz zur Regelung der Missstände unerlässlich. 

Dasselbe sollte hauptsächlich folgende Bestimmungen enthalten: 

a) Die gleichzeitige Einschreibung als beitragleistendes Mitglied mehrerer 
Begräbnisscassen ist Jedermann untersagt. 

b) Die „freien“ oder „freiwilligen“ Rückzahlungen sind diesen Vereinen nicht 
gestattet. 

c) Beim Tode eines bei einer solchen Gesellschaft eingeschriebenen Mit¬ 
gliedes unter dem Alter von zehn Jahren findet die Auszahlung der über¬ 
eingekommenen Summe nicht statt, ohne dass ein legalisirtes und unzwei¬ 
deutiges Zeugniss darüber beigebracht wurde, dass der Verstorbene in 
seiner letzten Krankheit ärztliche Hülfe erhalten habe. Ausgenommen 
sind hierbei solche Fälle, in denen eine offenbare Unmöglichkeit, jene 
Bedingungen zu erfüllen, nachgewiesen werden kann. 

Prof. Poincarö und Dr. Vallois (Nancy) sprechen über ihre 

Experimentellen Untersuchungen liber die Wirkung 
der künstlichen Riechmittel, 

welche von Conditoren und Liqueurverkäufern verwendet werden. 

Es geht daraus hervor, dass die verschiedenen, zum genannten Zwecke 
benutzten Substanzen — Parfüms von Ananas, Erdbeeren, Himbeeren etc. — 
giftige Wirkungen entfalten, wenn sie Thieren in grösseren Dosen bei¬ 
gebracht werden (heftige Athemnoth, Krämpfe, Husten, Kräfteverfall, Be¬ 
wusstlosigkeit oder Delirien). Keines der Versuchsthiere ging aber zu 
Grunde. 

Da für den Zusatz der Riechmittel zu Bonbons, Liqueuren etc. nur 
sehr geringe Quantitäten gebraucht werden, so können dieselben auch für 
den Menschen keinen gesundheitlichen Nachtheil haben. 


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264 Fiiufter internationaler Congress für Gesundheitspflege im liaag. 


V. S e c t i o n. 

Demographie. 

Berichterstatter: Dr. Richard Böckh. 


Die fünfte Section des Congresses für Hygiene und Demographie, deren 
Anschluss an den Gesundheitspflege - Congress dem Namen desselben die 
Demographie oder — wie der Congress zu Genf sich verständlicher 
deutsch bezeichnete — die Bevölkerungsstatistik hinzugesellt hat, 
begreift den wenig zahlreichen Kreis von Statistikern, welcher, nachdem 
die statistischen Congresse eingegangen sind, die frühere internationale 
Verbindung aufrecht erhält. 

Ihr Zusammentritt knüpfte sich an den demographischen Congress, 
welcher 1878 zur Zeit der Weltausstellung in Paris gleichzeitig mit der 
Permanenzcommission des statistischen Congresses tagte und von dessen 
Mitgliedern verschiedene zugleich der letzteren angehörten. Von den Unter¬ 
nehmern des Pariser demographischen Congresses, den Herausgebern der 
Annalen der Demographie, Alf. Bertillon und Arth. Chervin, war später 
die Aufforderung ausgegangen, dass die Bevölkerungsstatistiker sich dem 
hygienischen Congresse zu Genf als besondere Section anschlieBsen möchten. 
Für den guten Fortgang dieses Unternehmens war entscheidend, dass 
L. Bodio, welcher im Jahre 1880 vergebens versucht hatte, die statistische 
Permanenzcommission in Rom zu versammeln — da seine Einladung an 
dem Machtworte scheiterte, welches den Directoren der deutschen Staaten¬ 
bureaus die Theilnahme untersagte —, selbst der Einladung nach Genf 
folgte. Als in Genf die Verhandlungen dieser in einer gewissen Selbständig¬ 
keit bestandenen Section geschlossen wurden, blieb es zweifelhaft, ob die¬ 
selbe vorziehen würde, die besonderen Congresse für Demographie wieder 
aufzunehmen, oder ob sie sich weiter dem hygienischen Congresse an- 
schliessen würde. Eine Commission sollte hierüber entscheiden, in welche 
A. Bertillon, an dessen Stelle dann sein Sohn und Nachfolger in der 
Direction der Statistik, J. Bertillon, trat, der Professor Director Böckh 
aus Berlin, derGeneraldirector der italienischen Statistik Professor Bodio, 
Dr. Arthur Chervin aus Paris, Professor Dunant in Genf, ferner der 
durch die vortrefflichen Jahrbücher der Brüsseler Mortalität zugleich als 
Statistiker bekannte Director des hygienischen Instituts Dr. Janssens, der 
Director der Pester Statistik J. Körösi und der Director der eidgenössi¬ 
schen Statistik Dr. Kummer. Die Entscheidung wurde nothwendig, als 
das Comite für den nach dem Haag berufenen hygienischen Congress die 
Demographie unter den von der ersten Section zu behandelnden Gegen¬ 
ständen genannt hatte. Nachdem sich sämmtliche Mitglieder mit dem 


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265 


V. Section (Berichterstatter Dr. R. Böckh). 

Anschlüsse an den hygienischen Congress einverstanden erklärt hatten, 
wurde ihnen durch den Generalsecretär des Congresses, Herrn van Over¬ 
beek de Meijer, die selbständige Bildung einer Section gestattet, deren 
Arbeiten vorzubereiten Herr Dr. Chervin in entgegenkommender Weise in 
die Hand nahm, ausser welchem sich noch mehrere Mitglieder (Bertilion, 
Böckh, Bodio, Kummer) zu Referaten bereit erklärten. 

Wie in der Regel der Zusammentritt eines statistischen Congresses von 
einem Aufschwünge in der Statistik des Landes begleitet wird, in welchem 
er stattfindet, so auch in Niederland, wo nach dem unglücklichen Ende des 
hochverdienten Begründers der niederländischen Statistik, M. M. v. Baum¬ 
hauer, das Bureau für allgemeine Statistik eingegangen war und es seit 
1878 an einer statistischen Centralstelle fehlte, wenngleich die Fach¬ 
ministerien die Arbeiten ihres Ressorts fortführten. Der Verein für nieder¬ 
ländische Statistik, anfangs zu Leyden, seit 1879 zu Amsterdam, hatte es 
versucht, die fehlende Centralstelle zu ersetzen, und von ihm wurde kurz 
vor dem Zusammentritte des Congresses das Institut für niederländische 
Statistik ins Leben gerufen, an dessen Spitze der Professor der Statistik 
A. Beaujon gestellt wurde. Durch diese Stellung, wie durch seine wissen¬ 
schaftliche Bedeutung, mit einem Worte durch seine ganze Persönlichkeit 
ward Beaujon der berufene Leiter der demographischen Section, als 
welcher er vor und während des Congresses fungirte und für welchen er 
zugleich ein Referat übernommen hatte, dem er ein zweites in Vertretung 
seines abwesenden Collegen Professor van Pesch hinzufügte. Neben 
Beaujon und Chervin wurden die anwesenden Mitglieder der Commission 
als Ehrenpräsidenten bezeichnet (Bertillon, Böckh und Kummer). 
Bodio — welcher heute die Seele der internationalen Statistik genannt 
werden kann — war durch den Ausbruch der Cholera in Italien (als Mit¬ 
glied der Choleracommission) verhindert, Rom zu verlassen; bei Dunant 
und Janssens mag gleichfalls die drohende Nähe der Krankheit der Grund 
des Ausbleibens gewesen sein, Körösi, der seit dem letzten Congresse 
sich durch neue vortreffliche Arbeiten auf dem Gebiete der Demographie 
verdient gemacht, fehlte zum ersten Male bei der internationalen Vereinigung 
der Statistiker. Zwei Beamte der königlich niederländischen Ministerien 
des Auswärtigen und der Marine, die Herren R. A. Klerck und Baron 
Welderen Beugers, hatten mit dankenswerther Hingebung die Secreta- 
riatsgeschäfte übernommen. 

Die Sitzungen der Section fanden in einem Saale des Binnenbofes statt. 
Sie wurden am Freitag Morgen durch den Professor Beaujon mit einer 
kurzen Darstellung der Lage der niederländischen Statistik und mit dem 
Nachrufe an den seit dem letzten Congresse verstorbenen ausgezeichneten 
Demographen Professor Alf. Bertillon eröffnet. 

Demnächst erstattete Dr. Kummer aus Bern seinen 

Bericht über die schweizerische Statistik. 

Die von ihm aufgestellten Thesen (welche dem Gegenstände nach theil- 
weise mit den von Böckh vorgelegten zusammentrafen) lauteten: 


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266 Fünfter internationaler Congress für Gesundheitspflege im Haag. 

1. Die statistischen Bureaus der verschiedenen Staaten werden ersucht, 
über die Mortalität ihrer Bevölkerung solche Mittheilungen zu 
machen, dass ans denselben nicht allein die Zahl der jährlich Ge¬ 
storbenen auf tausend Einwohner ersichtlich ist, sondern auch die 
Mortalität der einzelnen Altersclassen. Es soll mitgetheilt werden 
und aus den pnblicirten absoluten Zahlen besonders berechnet werden 
können: die Mortalität im ersten Lebensjahre; im zweiten bis fünften; 
von hier ab die Mortalität von je fünf Lebensjahren bis zum Alter 
von 20 oder 25 Jahren, und von einem international zu bestimmen¬ 
den Alter an die Mortalität von zehn Jahre umfassenden Alters¬ 
classen. 

2. Bei Angaben über die Mortalität in den verschiedenen Berufsarten 
oder in Folge der verschiedenen Todesursachen sind die angeführten 
Altersclassen stets mit zu berücksichtigen. 

3. Diejenigen Todesursachen, über welche internationale Vergleichungen 
besonders wünschenswerth sind, sollen in einer Liste aufgezählt und 
genau definirt werden. 

Die betreffenden Verhältnisse wurden durch eine Reihe von Tabellen 
beleuchtet, welche der Vortragende vertheilte: so die relative Sterblichkeit in 
den verschiedenen Theilen der Schweiz in den Jahren 1878 bis 1883, wobei 
Herr Kummer auf die hohe Sterblichkeit der erwachsenen Männer in den 
französisch sprechenden Cantonen aufmerksam machte (hauptsächlich in 
Neuenburg und Genf), dann die Sterblichkeit nach Todesursachen und Alters¬ 
classen , und nach dem Beruf und Altersclassen; in der letzteren Tabelle 
tritt namentlich hervor, wie sehr die der Arbeiter in Steinbrüchen, der 
Fleischer, Böttcher und Schenkwirthe über die allgemeine Sterblichkeit 
hinausgeht (sie betrug im Alter von 30 bis 40 Jahren 18, 18, 20, 17 pr. m. 
gegen eine allgemeine Sterblichkeit von 11 pr. m., und im Alter von 40 bis 
50 Jahren 26, 21, 23, 24 pr. m. gegen 15). Eine besondere Tabelle behan¬ 
delt die Sterblichkeit an der Lungenschwindsucht nach Berufsarten und 
Altersclassen, und hier speciell stellt sich die der genannten vier Berufs¬ 
arten im Alter von 30 bis 40 Jahren auf 8*6, 6*8, 8*7, 6*9 pr. m. gegen 
eine allgemeine Sterblichkeitsziffer dieses Alters von 3*9; ferner im Alter von 
40 bis 50 Jahren auf 9*9, 5*8, 7*1, 6*1 gegen eine allgemeine von 3*5 pr. m. 
In einer weiteren Tabelle ist die Sterblichkeit der Kinder im ersten Lebeus- 
jahre nach dem Beruf der Eltern unterschieden; das Maximum findet sich 
bei den Handarbeitern ohne nähere Angabe und bei der Textilindustrie. 

In der sich hieran knüpfenden Debatte brachte Professor Albrecht aus 
Bern den Einfluss der Ernährungsweise der Kinder und die hierbei in Berlin 
stattgefundenen Ermittelungen zur Sprache, über deren Erfolg einerseits 
und deren Mängel andererseits Professor Böckh Auskunft gab. In einem 
besonderen Vortrage, welcher die Sterblichkeit an den Pocken behandelt, 
zeigt Dr. Kummer an englischen Materialien aus den Jahren 1847 bis 
1880, dass zwar die Sterblichkeit der Kinder herabgegangen ist, seit die 
Pockenimpfung obligatorisch geworden ist, namentlich die der jüngsten. 


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V. Section (Berichterstatter Dr. R. Böckh). 267 

Altersclasse, dass jedoch die Sterblichkeit der Erwachsenen zugenommen 
hat; dies sei die Folge der Unterlassung der Revaccination, welche ebenso 
unentbehrlich sei, wie die erste Impfung. 

Schliesslich theilt Herr Kummer die Resultate einer Untersuchung 
mit, welche er in Betreff des Einflusses der Menge der Schankstellen auf 
den Alkoholismus angestellt hat, welcher letzterer in der Schweiz verhält- 
nissmässig am häufigsten in den Cantonen Neuenburg, Solothurn, Genf und 
Bern vorkommt. Dieselbe hat zu einem negativen Resultat geführt, indem 
eine Uebcreinstimmung nirgends constatirt worden ist. 

Der Bericht des Professor Böckh: 

Ueber die methodische Berechnung der Sterblichkeit 
nach den Todesursachen 

war in französischer Sprache vertheilt worden unter Beifügung zweier 
Tabellen und zweier graphischer Darstellungen. Er schloss mit folgender 
Resolution: 

„Für die statistische Feststellung der Sterblichkeit nach Todes¬ 
ursachen ist es von Wichtigkeit, dass die Verschiedenheit des Alters der 
Gestorbenen berücksichtigt wird, und zwar in folgender Weise: 

1. indem die Sterblichkeitsziffer (der Mortalitätscoefficient) jeder Alters¬ 
classe auf die einzelnen Todesursachen vertheilt, und so die Sterb¬ 
lichkeitsziffer jeder einzelnen Todesursache nachgewiesen wird; 

2. indem die Ziffer der Gestorbenen jeder Altersclasse, wie sie aus einer 
nach richtiger Methode berechneten Sterblichkeitstafel hervorgeht, 
gleichfalls auf die einzelnen Todesursachen vertheilt, und so durch 
die Summirung der Antheile jeder Todesursache an den Gestorbenen 
aller Altersclassen der Gesammtantheil an der Gesammtsterblichkeit 
gewonnen wird; 

3. indem aus einer nach richtiger Methode berechneten Sterblichkeits¬ 
tafel die Ziffer der von den Gestorbenen jeder Altersclasse nicht 
erlebten Jahre abgeleitet und diese gleichfalls auf die einzelnen 
Todesursachen vertheilt wird; die Summirung dieser Antheile ergiebt 
den Gesammtantheil jeder Todesursache an der Wirkung der ge- 
sammten Sterblichkeit und bietet damit den Maassstab zur Beurthei- 
lung des verderblichen Einflusses derselben/ 

Im Wesentlichen handelt es sich hierbei darum, dass die richtige 
Erkenntniss der SterblichkeitsVerhältnisse, wie solche durch Construction 
einer correcten Sterblichkeitstafel erlangt wird, ausgedehnt wird auf die 
Erkenntniss der Sterblichkeit an den verschiedenen Todesursachen, mit 
anderen Worten, dass die Regeln für die Berechnubg von Sterbetafeln auf 
die Sterblichkeit nach Todesursachen angewandt werden. Richtig construirt 
ist eine Sterblichkeitstafel, welche auf dem Vergleiche der Zahl der Gestor¬ 
benen mit der Zahl derjenigen Lebenden beruht, unter welchen die betref¬ 
fenden Fälle eintreten können, mithin nach der directen Methode berechnet ist. 
Diese letztere erscheint am vollkommensten ausgebildet in der Methode des 
Berichterstatters, welche derselbe in den Veröffentlichungen des statistischen 


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268 Fünfter internationaler Congress für Gesundheitspflege im Haag. 

Amtes, sowie in den statistischen Jahrbüchern der Stadt Berlin, am aus¬ 
führlichsten aber in der vor Kurzem erschienenen zehnjährigen Bewegung 
der Bevölkerung der Stadt Berlin auf S. 47 ff. dargelegt hat; eine fran¬ 
zösische Ueber8etzung des betreffenden Abschnittes hat der Verfasser vor 
zwei Jahren gemäss einer Aufforderung der Redaction der Annales de 
dömographie dieser übersandt, so dass das Erscbeineu derselben demnächst 
erwartet werden darf. 

Eine richtig berechnete Sterblichkeitstafel ergiebt: 1) die relative 
Sterblichkeit jedes Alters (die Mortalitätscoefficienten); 2) die Zahl der 
Ueberlebenden in jedem bestimmten Altersraonat (nach Monaten, Quartalen, 
Jahren); 3) die Zahl der von den Gestorbenen jeder Altersclasse durch¬ 
lebten Jahre (nach der Böckh’sehen Methode ausgedrückt durch die Zahl 
der Lebenden der Geburtszeitclasse), und 4) ergiebt hiermit zugleich 
die Zahl der von denselben nicht mehr durchlebten Jahre (bis zum Schlüsse 
der Tafel). Alle diese drei Arten von Ziffern müssen also auf die betheilig¬ 
ten Todesursachen repartirt werden und zeigen dann: 1) die Sterblichkeit 
an der bestimmten Todesursache für jede unterschiedene Altersclasse; 2) die 
auf die Gesamratheit reducirten Zahlen der Gestorbenen an jeder Todes¬ 
ursache innerhalb jeder Altersclasse und damit die richtigen Hauptsummen 
für jede einzelne Todesursache aus allen Altersclassen zusammengenommen, 
und 3) die Zahl der auf jede einzelne Todesursache kommenden nicht durch¬ 
lebten Jahre. 

Die erstbezeichneten Ziffern, also besondere Mortalitätsziffern für be¬ 
stimmte Todesursachen, sind schon an einzelnen Stellen berechnet worden; sie 
finden sich seit einer Reihe von Jahren in dem von Böckh herausgegebenen 
statistischen Jahrbuche, sie sind in der zehnjährigen Bewegung der Bevölke¬ 
rung für 27 Gruppen von Todesursachen mitgetheilt. Also z. B. der Sterb- 
lichkeitscoöfficient des männlichen Geschlechts ist im ersten Lebensmonate 
84 pr. m.; hiervon kommen 32 pr. m. auf die Sterblichkeit an Lebens¬ 
schwäche, 24 an Tetanus und sonstigen Krämpfen, 11 auf Durchfall, Brech¬ 
durchfall und ähnliche Krankheiten. — Die zweite Art der Rechnung ist 
neu; sie ist in dem genannten Werke, sowie in den vorgelegten Tabellen 
für 45 Gruppen von Todesursachen ausgeführt. Vergleicht man die Ergeb¬ 
nisse derselben, also die Summen der Gestorbenen aller Altersclassen für die 
einzelne Todesursache, mit denjenigen Ziffern, welche sich bei der gewöhn¬ 
lichen einfachen Reduction für die gleichen Todesursachen herausstellten, so 
sieht man, wie falsche Resultate die bisher übliche Art der Rechnung ge¬ 
geben hatte: z. B. an Lebensschwäche starben in Berlin (richtig) 37*0 pr. ra. 
des männlichen Geschlechts, nach der gewöhnlichen Reduction dagegen 
51*0 pr. m.; an Tetanus 10*7 (nach der gewöhnlichen Reduction 14*4); an 
Diarrhoe, Brechdurchfall u. s. w. 123*5 (nach der gewöhnlichen Reduction 
164’5 p. m.); andererseits starben an Herzkrankheiten 33*8 (gewöhnliche 
Reduction 22*3), an Krebsleiden 22*5 (gewöhnliche Reduction 12*1), an 
Altersschwäche 47*5 p. m. des männlichen Geschlechts (nach der gewöhn¬ 
lichen Reduction nur 12*6 pr. m.) u. s. w. 

Die Zahl der nicht erlebten Jahre ist bis zum Alter 100 Jahre gerech¬ 
net und ergiebt sich durch den Abzug der erlebten Jahre der Sterblich- 


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2G9 


V. Section (Berichterstatter Dr. R. Böckh). 

keitstafel. Ihre Vertheilung auf 32 Gruppen von Todesursachen ist durch 
eine graphische Darstellung deutlich gemacht, in welcher die bekannte 
Mortalitätscurve die erlebten Jahre ausscheidet, also z. B. beim männlichen 
Geschlechte 28227 erlebte von 71773 nicht erlebten Jahren trennt, in 
deren Fläche dann die Todtgeburten und die in der frühesten Kindheit 
auftretenden Todesursachen die obersten Streifen einnehmen, den untersten 
die Alterschwäche; jeder Streifen erweitert sich vom ersten Auftreten der 
Todesursache an um die Breite der im folgenden Altersabschnitte Gestor¬ 
benen. Die Höhe der Zahl der nicht erlebten Jahre wird also wesentlich 
mit bestimmt durch das Alter, in welchem die Sterbefälle eintreten; so hat 
z. B. Diarrhoe, Brechdurchfall etc. bei 123*3 Gestorbenen 12 012 nicht 
erlebte Jahre, die Lungenschwindsucht bei 121*3 Gestorbenen nur 7259 
nicht erlebte Jahre, die Altersschwäche bei 47*5 Gestorbenen nur 1011*5 
nicht erlebte Jahre. 

Um Missdeutungen zu verhüten, führt der Berichterstatter ferner aus, 
dass man aus diesen Ziffern nicht schliessen darf, es werde durch die Unter¬ 
drückung einer Todesart in einem bestimmten Alter die angegebene Zahl 
von Jahren dem Leben der Bevölkerung Zuwachsen: denn an Stelle der 
unterdrückten Todesursache trete, sofern nicht die besonderen Verhältnisse 
hiervon eine Abweichung bedingen, die Gesammtheit der sonstigen Lebens¬ 
und Sterbechancen; es werde also im Zweifel nur derjenige Theil der¬ 
selben den Lebensjahren der Bevölkerung hinzutreten, welcher der durch¬ 
schnittlichen Lebenserwartung zur Zeit des nicht eingetretenen Todes 
entspricht. Auch dies lässt sich ziffernmässig nachweisen und graphisch 
erklären; würde z. B. die Sterblichkeit der Knaben im ersten Lebensjahre an 
Diarrhoe, Brechdurchfall etc. auf die Hälfte reducirt, so dass sich in diesem 
Alter 5349 nicht erlebte Jahre weniger für diese Todesursache heraus¬ 
stellten, so würden die Lebensjahre der Bevölkerung doch nur um 1928 
wachsen, indem 3421 nicht erlebte Jahre den verschiedenen von da ab ein¬ 
tretenden Todesursachen Zuwachsen würden; immerhin würde in dem 
bezeichnten Falle die Lebensdauer des männlichen Geschlechts von 28*227 
auf 30*155 Jahre steigen, es würde also durch die Verhütung der einzel¬ 
nen Todesursache eine bedeutende Verbesserung des Gesammtverhältnisses 
erreicht worden sein. 

Die drei Böckh’sehen Propositionen wurden, .nachdem Kummer 
dieselben unterstützt hatte, und nachdem von Chervin’s Seite weitere 
Aufklärungen über die Tragweite derselben gewünscht und von dem Refe¬ 
renten gegeben waren, sämmtlich angenommen. Es kamen dann die 
übrigen Punkte der Kumm er’sehen Vorlagen zur Berathung, also die 
Feststellung der zu unterscheidenden Altersclassen und die Bestimmung der 
Todesursachen, deren internationale Unterscheidung wünschenswerth sei. 
In ersterer Beziehung wurden verschiedene Ansichten ausgesprochen, je 
nach den Zwecken, zu welchen die einzelnen Mitglieder von der Alters¬ 
classification Gebrauch machen wollten. Im Ganzen neigte man sich der 
von Böckh vertretenen Ansicht zn, dass sich die Eintheilung dem Decimal- 
system anschliessen müsse, und dass der Bildung der Gruppen die Classi¬ 
fication des englischen Registeramtes zu Grunde zu legen sei, welche das 


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270 Fünfter internationaler Congress für Gesundheitspflege im Haag. 

menschliche Leben in fünf Scores theilt (Entwickelungs-, kräftiges, intelli¬ 
gentes, reifes, monumentales Alter), dann weiter in Jahrzehnte, Jahrfünfte, 
einzelne Jahre und den früheren Congressbeschlüssen entsprechend Quartale 
und Monate; wie weit diese Unterabtheilungen anzuwenden seien, müsse 
der Zweck der Untersuchung entscheiden. Dies wurde namentlich von dem 
Director des hygienischen Bureaus zu Reims, Dr. L an gl et, unterstützt, 
welcher jedoch verlangte, dass unter allen Umständen die nächstgrösseren 
Gruppen resumirt werden müssten. Da über den zweiten Punkt, die Aus¬ 
wahl der Todesursachen, eine Vereinigung nicht ohne Weiteres durch die 
Debatte herbeigeführt werden konnte, so wurde derselbe an eine Commission 
verwiesen; dieselbe wurde zusammengesetzt aus den Herren Bertilion, 
Böckh, Dr. Egeling, Medicinalinspector für Südholland, Kummer, 
L an gl et und Dr. Teissier, Delegirten der medicinischen Gesellschaft zu 
Lyon. Dieselbe sollte sich zugleich über die Altersclassification schlüssig 
machen, ist jedoch hierzu in den drei von ihr abgehaltenen Sitzungen nicht 
mehr gelangt. 


In der Montags - Sitzung referirte J. Bertilion 

Ueber die Sterblichkeit an Epidemieen in der Stadt 
Paris in den Jahren 180B bis 1883. 

Er wies nach, dass die Sterbefalle an Masern, Keuchhusten und Diphtherie in 
dieser Zeit zugenommen hatten, und dass der Typhus seit dem Jahre 1880 
die doppelte Sterblichkeit gegen früher gezeigt hat, während das Scharlach¬ 
fieber überhaupt nur in geringem Umfange als Todesursache vorgekommen, 
die Pocken ganz unregelmässig aufgetreten seien; er zeigt dann die Regel¬ 
mässigkeit der Maxima und Minima nach der Jahreszeit. Interessant war 
die Vergleichung der Pariser Arrondissements, unter welchen namentlich 
die in der Peripherie belegenen in der Höhe der Sterblichkeit voranstehen; 
die Folge der Arrondissements in der Sterblichkeit an epidemischen Krank¬ 
heiten entspricht nicht derjenigen nach der allgemeinen Sterblichkeitsziffer. 

Wir führen gleich hier an, dass am folgenden Tage auch Herr Durand- 
Claye, Delegirter der Stadt Paris, über die dortige Mortalität Mittheilungen 
machte; er zeigte hierbei Diagramme, welche den Beweis gaben, in wie 
hohem Maasse ihr Verfasser mit den Grundsätzen statistischer Graphik Ver¬ 
traut ist; es ist zu bedauern, dass er dieselben nicht vervielfältigt hat, so 
dass sie nicht in die Hände der Mitglieder der Section gelangt sind. 

Demnächst folgte Chervin’fl Vortrag 

Ueber die Methode rationeller Gruppirung relativer 
Mittelzahlen. 

Sein Vorschlag geht dahin, dass die Differenz zwischen dem vorkommenden 
Maximum und Minimum nach der Zahl der zu bildenden Gruppen in arith¬ 
metisch gleiche Abstände zerlegt wird, ein Vorschlag, der unter bestimmten 
Voraussetzungen, namentlich bei annähernd gleicher Entfernung des Maxi¬ 
mums und Minimums von dem Gesammtdurchschnitte — aber keineswegs 


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271 


V. Scction (Berichterstatter Dr. R. Böckh). 

generell — zu empfehlen ist. Dieses Verfahren wird indess auch von 
Chervin selbst in dem Falle verworfen, wo zwei sich zunächst stehende 
Proportionalzahlen weiter von einander entfernt sind, als der durchschnitt¬ 
liche Umfang der einzelnen Gruppe. Die hieran sich knüpfende Debatte, in 
welcher seine Auffassungen von mehreren Seiten angefochten wurden, blieb 
ohne bestimmtes Ergebniss. 

Für den abwesenden Professor van Pesch hatte Herr Beaujon die 
Berichterstattung 

Ueber die Veröffentlichung der statistischen Angaben 
und Berechnung von Sterblichkeitstafeln 

Übernommen. Er legte Arbeiten desselben vor, welche in Fortführung der 
früheren niederländischen Sterblichkeitstafeln die Data der zehnjährigen 
Periode zwischen den beiden letzten Volkszählungen behandelten. Hier¬ 
hin gehörte eine Vergleichung des Zählungsergebnisses vom Jahresschlüsse 
1879 mit der Bevölkerung nach Altersjahren, wie sie sich aus der Zählung 
von 1869 bei Zurechnung der seitdem Geborenen und Abrechnung der 
seitdem Gestorbenen berechnet. Die Differenzen, welche in den einzelnen 
AltersclasBen hervortreten, gehen beim männlichen Geachlechte bis auf ein 
Plus von 858, ein Minus von 1799, im Ganzen betragen sie beim männ¬ 
lichen Geachlechte an Plus 7844, an Minus 21 283. Mit Recht verlangt 
daher van Pesch, dass durch fortlaufende Notirung des Geburtsjahres der 
Ab- und Zuziehenden von und nach Niederland die Möglichkeit gegeben 
werde, die Bevölkerung für den Anfang jedes Jahres nach Altersjahren zu 
ermitteln; eine Feststellung, welche bis jetzt nur in Berlin stattfindet, wo 
sie seit 1876 zur Construction der oben erwähnten Sterblichkeitstafeln ver¬ 
wendet wird. Hiermit zusammenhängend liegt ein weiterer Fortschritt in 
van Pesch’8 Arbeit darin, dass er ira Gegensätze zu den früheren nieder¬ 
ländischen Sterblichkeitsberechnungen, welche die Fälle der ganzen zehn¬ 
jährigen Periode zusammenfussten, die Mortalitätscoefficienten für die ein¬ 
zelnen Altersjahre berechnet und aus diesen dann den Durchschnitt zieht; so 
theilt er die Ergebnisse für das 32., 33., 34., 35. Altersjahr mit (oder, wie er 
es bezeichnet, für das Alter 31 1 / % etc.). Hieran knüpft er die Angabe des 
mittleren Fehlers (Erreur woyenne , ein nicht ganz zutreffender Ausdruck 
für die reducirte Abweichung der einzelnen Jahre vom Durchschnitt). Wenn 
wir auch auf diesen letzteren Punkt nicht viel Werth legen möchten, so wird 
doch jedenfalls nach den beiden vorbezeichneten Richtungen durch die 
van Pesch’Bche Arbeit eine willkommene Anregung gegeben, deren gün¬ 
stige Einwirkung auf die Verbesserung der Sterblichkeitsberechnungen für 
ganze Staaten sicher nicht ausbleiben wird. 

Der zweite Vortrag, welchen Herr Beaujon in der Donnerstags-Sitzung 
hielt, betraf die 

Beziehungen zwischen den Lebensmittelpreisen und 
der Bewegung der Bevölkerung. 

Sie werden an Diagrammen klar gemacht, in welchen die jährlichen Durch¬ 
schnittspreise des Roggens, sowie die Heirathsziffern, Geburtenziffern, Sterb- 


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272 Fünfter internationaler Congress für Gesundheitspflege im Haag. 

lichkeitsziffern (ein Fall auf ... Einwohner) und das Verhältniss zwischen 
Geburten und Sterbefällen für die Jahre 1815 bis 1879 zusammen gestellt 
sind. Professor Beaujon zeigt, wie die Lebensmittelpreise einen wesent¬ 
lichen Einfluss auf die Zahl der Eheschliessungen (nach dem Diagramm auch 
auf die Geburtenziffer) ausüben. Auf die Sterblichkeitsziffer ist ein solcher Ein¬ 
fluss gleichfalls vorhanden, doch wird er so sehr durch den anderer Ursachen 
verdeckt, dass er sich nicht bestimmt nach weisen lässt Referent betont 
dass dieser Gegenstand noch nicht genügend durchgearbeitet sei; um rich¬ 
tige Schlüsse zu ziehen, müsse nicht nur eine brauchbare Statistik der Preise, 
sondern auch eine solche der Arbeitslöhne vorhanden sein; der Lebensmittel¬ 
preis müsse durch den Arbeitslohn dividirt werden. Referent nahm auf die 
betreffenden Arbeiten von B. Weiss (oder wie heisst er jetzt, seit er sich 
eines deutschen Namens nicht mehr werth hält?), von Juraschek und 
Evers Bezug, deren Verfahren er kritisch beleuchtete. Der Vortrag erfreute 
besonders durch die streng wissenschaftliche Methode, welche Beaujon in 
seinen Betrachtungen zur Anwendung bringt. 

Dr. Emilio Coni,. Director der Statistik zu Buenos Ayres, gab dem¬ 
nächst Auskunft über die Leistungen seines Bureaus, welches in der kurzen 
Zeit seines Bestehens namentlich in der Bearbeitung der Volkszählung und 
der Bewegung der Bevölkerung den europäischen Mustern gleich zu kommen 
gesucht hat; die umfangreichen Werke, welche von der Thätigkeit desselben 
rühmliches Zeugniss geben, lagen den Mitgliedern vor. 

Der zweite Vortrag J* Bertillon’fl 

Ueber die unehelichen Kinder 

fand in der Schlusssitzung am Mittwoch statt. Der Referent gab die Ziffern 
derselben im Verbältniss zur Zahl der unverheiratheten Frauen für mehrere 
Staaten; er zeigte, dass das Verbot der Feststellung der Vaterschaft ohne 
Einfluss auf die Zahl der unehelichen Kinder ist, dagegen wird dieselbe 
durch gesetzliche Ehehindernisse erheblich gesteigert, durch den Fortfall 
derselben vermindert. Er geht dann auf die grosse Sterblichkeit der unehe¬ 
lich Geborenen im ersten Lebensjahre über und auf die grosse Zahl der 
Todtgeborenen unter denselben, welche letztere seit der Aufhebung der 
Findelhäuser in Frankreich noch zugenommen hat. — In der darauf folgen¬ 
den Debatte bestätigt Böckh die Behauptung Bertillon’s hinsichtlich 
der Einflusslosigkeit der Bestimmungen des Code civil durch Hiuweis auf 
die Verhältnisse der westlichen preussischen Provinzen und führt an, dass 
der Rückgang der unehelichen Geburten in Bayern sich ungefähr auf das 
Doppelte der Zahl derjenigen Kinder gestellt habe, welche sonst durch 
nachträgliche Eheschliessung legitimirt worden waren. 


Schliesslich kamen die Verhandlungen der Subcommission zur 
Sprache, welcher die Bezeichnung deijenigen Todesursachen übertragen war, 
deren internationale Vergleichung von Wichtigkeit sei; der betreffende 
Bericht wurde von Herrn L an gl et erstattet. Die Mitglieder der Cora- 


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273 


V. Section (Berichterstatter Dr. R. Böckh). 

mission stimmten darin überein, dass das seiner Zeit in Pest aufgestellte 
Verzeichnis^ einzelner Todesursachen nicht aasreiche, dass es vielmehr noth- 
wendig sei, dieselben an eine vollständige Classification anzuschliessen, in 
der Weise, dass grosse Gruppen nach den leidenden Organen etc. gebildet 
und innerhalb derselben die wichtigsten Todesursachen besonders hervor¬ 
gehoben würden. Der specielleren Berathang wurde die schweizerische 
Classification za Grande gelegt, weil diese über 200 Ursachen, die Berliner 
dagegen nur 160 unterscheidet. Bei der Auswahl selbst kam es darauf an, 
dass sich die neuen Listen mit den Distinctionen der Schweizer, Berliner 
und anderer Nomenclaturen vereinigen Hessen. Es traten indess in Folge 
der abweichenden Abgrenzung der gebrauchten Bezeichnungen so weit¬ 
gehende Verschiedenheiten der Auffassung zu Tage, dass die Zeit zur defini¬ 
tiven Redaction des Verzeichnisses nicht mehr ausreichte; es musste daher 
Herrn Bertillon überlassen werden, die Redaction nach Maassgabe der 
gepflogenen Verhandlungen zu bewirken und das Verzeichniss alsdann den 
Mitgliedern zuzustellen. 

Da es in der letzten Sitzung bereits bekannt war, dass als nächster 
Versammlungsort Wien in Vorschlag gebracht werden würde, so beschloss 
die demographische Section, dass der nächste demographische Congress dort 
stattfinden und unter der Voraussetzung der entsprechenden Beschlussfassung 
des Plenums die Vereinigung mit dem hygienischen Congresse aufrecht 
erhalten werden solle. Die für den diesmaligen Congress niedergesetzte 
Commission wurde unter dem Vorsitze des Herrn Beaujon bestätigt, und 
der Director der administrativen Statistik Oesterreichs, Hofrath Dr. v. Inama 
Sternegg, in dieselbe cooptirt. Herr v. Inama Stern egg hat der von 
Herrn Beaujon an ihn gerichteten Aufforderung zum Eintritt in die vor¬ 
bereitende Commission für den nächsten Congress in entgegenkommendster 
Weise entsprochen. 

Im Ganzen sind trotz der geringen Zahl der Theilnehmer der demo- 
graphischen Section die Verhandlungen derselben als ein weiterer Fort¬ 
schritt in dem Streben nach einem erfolgreichen internationalen Zusammen¬ 
wirken der Bevölkerungsstatistiker an zu sehen. Die Haager Vereinigung 
hat an die beste Tradition der statistischen Congresse angeküpft, die echte 
Wissenschaftlichkeit, welche M. M. v. Baum hau er im Jahre 1869 dem 
statistischen Congresse im Haag zu verleihen wusste, und welche diesen vor 
allen anderen statistischen Congressen ausgezeichnet hat, ist trotz der Auf¬ 
lösung des statistischen Bureaus im Niederland nicht erloschen; sein Nach¬ 
folger Beaujon, der die Verhandlungen der Demographen leitete, hat in 
dem gleichen Geiste weiter gearbeitet und bat es verstanden, denselben zur 
Geltung zu bringen. So darf denn auf Grund dieser Zusammenkunft wohl 
behauptet werden, dass in der demographischen Section des Gesundheits¬ 
pflege -Congresses der gute Geist der vormaligen statistischen Congresse 
lebendig fort wirkt. 


Vierteljahrsachrift fttr OosundhHtspflcRe, 1885. 


18 


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274 


F. Schüler, 


Ueber Bleivergiftung von Jacquardwebern. 

Yon F. Schiller, schweizerischer Fabrikinspector in Mollis. 


Schon längst sind Fälle von Bleiintoxication, bald nur vereinzelte, bald 
in grösserer Zahl mit einander auftretende, bekannt gemacht worden, welche 
dem Weben an Jacquardstühlen ihren Ursprung verdankten. Dies geschah 
namentlich in Frankreich, wo schon Anfangs der dreissiger Jahre die Zahl 
der Jacquardstühle eine sehr grosse war. 1842 berichtete Dalmanesche 
in den Annales d? Hygiene publique (XVII, pag. 205: Observalions sur les 
causes de Ja colique de plomb chez les tisserands ä la Jacquard; moyens d'y 
remedier\ dass in Lyon Bleivergiftungen der Jacquardweber zwar selten zu 
sein scheinen und nicht beachtet werden, vermuthlich weil die meisten 
Arbeiter einzeln oder nur zu drei oder vier arbeiten, dass aber nach seinen 
Erkundigungen bei Arbeitern auf ein grosses Atelier, z. B. mit 40 Personen, 
beständig sechs bis acht Bleikranke zu rechnen seien. 1850, den 6. Juli, 
erhielt nach Tardieu ( Didion . d'hyg. pubh et de salübritS , 2. ed. y 1862 , 
t. III , p. 354 , art. plomb) der Gesundheitsrath von Rouen einen Rapport 
sur les accidents obscurs chez 1c ouvriers travaUlant aux metiers ä la Jacquard . 
Es wurde darin mitgetheilt, dass ein Arzt im Hotel Dieu eine Anzahl blei¬ 
kranker Jacquardweber behandelt habe und auf die Verbannung der Blei¬ 
gewichte an den Jacquardstühlen dringe. Diese Beobachtung sei übrigens 
schon vor mehr als 20 Jahren auch gemacht worden und zwar habe ein 
Arzt unter 150 Arbeitern 20 Kranke gefunden; heutzutage kommen der¬ 
artige Fälle nur selten vor, seien aber noch nicht verschwunden. In Lyon 
wurde constatirt, dass dort die Bleikolik „selten“ sei und wenig beachtet 
werde, theils weil die Arbeiter dort sorgfältiger seien, theils weil sie in 
weniger ausgedehnten und weniger ventilirten Localen arbeiten. 

Auffallender Weise berichtete dagegen im folgenden Jahre eine Special¬ 
commission dem Conseil d'hygime von Lyon, dass sechsmonatliche Nach¬ 
forschungen ergeben haben, dass die dortigen jAcquardweber durchaus 
keinen Bleikrankheiten unterworfen seien; dass auch nicht die Feuchtigkeit 
der Werkstätten an den eigenthümlichen Erkrankungsformen der Jacquard¬ 
arbeiter in Rouen Schuld sein könne, wie vermnthet worden, denn dieselbe 
finde sich auch iii Lyon, Tarare, Villefranche etc.; dass es im Gegentheil 
am rationellsten wäre, die Ursachen in Speise und Trank der Arbeiter von 
Rouen zu suchen. 

Zwanzig Jahre später schildert Pouillet im Journal de pharmacie et 
de chimie 170 , p. 153 eine Colique de plomb chez un ouvrier travaUlant au 
mttier Jacquard , für welche der Verfasser den von den Bleigewichten eines 


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Ueber Bleivergiftung von Jacquardwebern. 275 

Jacquardstuhles sich ablösenden Bleistaub als Ursache nachweisen konnte. 
Wo dieser Fall vorgekommen, wird nicht gesagt. 

Auch in der neuesten französischen Literatur über Gewerbepathologie 
findet sich diese Art von Bleiintoxicationen bald angeführt, bald nicht. 
Während Napias in seinem Manuel (Fhygiene industrielle 1882 in einer 
Uebersicht der Vergiftungen ausgesetzten Berufsarten die Jacquardweber 
aufzählt, erwähnt sie A. Gautier in seinem unlängst erschienenen Buche 
Le cuivre et le plomb mit keiner Silbe. 

In Deutschland machte Pappenheim in seiner Sanitätspolizei auf 
Vergiftungsfalle aufmerksam, welche durch das Abstäuben des Oxyds von 
den oxydirten Bleistäbchen herbeigeführt seien; Hirt in seinen „Krank¬ 
heiten der Arbeiter“ begnügt sich mit blossen Literaturangaben, wogegen 
Enlenberg in seiner Gewerbehygiene den Gegenstand einlässlicher be¬ 
spricht. 

Die Vierteljahrsschrift für gerichtliche Medicin berichtet Mitte der 
fünfziger Jahre über die Untersuchungen einer von den Behörden auf¬ 
gestellten Commission in Berlin, welche nach den Ursachen der mehrfachen 
Fälle von Bleikolik zu forschen hatte, welche sich bei Jacquardwebern 
gezeigt hatten. Sie gelangte zur Gewissheit, dass der beim Weben erzeugte 
Bleistaub die Krankheitsursache darstellt, war aber ganz erstaunt, in Cre- 
feld, Elberfeld, Brandenburg, Gladbach das Vorkommen ähnlicher Erkran¬ 
kungen in Abrede gestellt zu sehen, obschon Jacquardstühle dort längst im 
Gebrauche standen. Ob auch andere einschlägige Beobachtungen in der 
deutschen Literatur sich finden, war ich nicht in der Lage zu ermitteln. 

Auch aus der Schweiz ist mir keine einschlägige Publication bekannt 
geworden, obwohl hier die Zahl der im Gebrauche befindlichen Jacquard- 
stühle eine recht bedeutende ist. Selbst die oft wiederholten Anfragen der 
Fabrikinspectoren, ob Bleikrankheiten bei Jacquardwebern schon vorgekom¬ 
men, wurden von Fabrikanten und Arbeitern stets verneinend beantwortet. 

Um so unerwarteter kam eine Anzeige von Aerzten in Stäfa am Zürichsee 
an die Sanitätsbehörden, dass daselbst in letzter Zeit, d. h. vom November 
1883 bis Januar 1884 mehrere Fälle intensiver Bleivergiftung bei Jacquard¬ 
webern vorgekommen seien und eine amtliche Untersuchung bezüglich der 
Ursachen und allfällig zu ergreifenden Vorsichtsmaassregeln gewünscht 
werde. Es wurde entsprochen und der Bezirksarzt in Verbindung mit der 
localen Gesundheitsbehörde stellte fest, einerseits dass man es wirklich mit 
Bleivergiftungen zu thun habe, andererseits dass diese ausschliesslich bei 
Arbeitern in Jacquard Webereien vorgekommen seien und zwar zumeist in 
solchen Etablissements, wo viele Arbeiter in einem engen, niedrigen Raume 
zusammengedrängt seien, der zugleich schlecht gelüftet und wenig reinlich 
gehalten sei. Ebenso kam der die Jacquard Webereien eingehend besich¬ 
tigende Fabrikinspector zu dem Resultat, dass der Bleistaub, der von den 
überall im Gebrauche befindlichen Bleigewichtchen sich ablöst, die Erkran¬ 
kungen hervorgerufen haben müsse. 

Bei den Jacquardstühlen sind nämlich die Fäden der Ketten, welche 
zur Bildung der Muster beitragen, in besondere Litzen eingezogen, die man 

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276 F. Schüler, 

in ihrer Gesammtheit Harnisch nennt. Diese Harnischlitzen sind einzeln 
freihängend angebracht und an ihrem unteren Ende mit Gewichten be* 
schwert. Die Zahl derselben ist sehr ungleich gross und schwankt etwa 
zwischen 3000 und noch weniger bis 12000; durchschnittlich kann sie zu 
5000 angeschlagen werden. Auf einen sehr geringen Flächenraum beschränkt, 
müssen dieselben von thunlichst langgestreckter Cylinderform und von mög¬ 
lichst grossem specifischen Gewichte sein. Letzteres ist ein Hauptgrund, 
warum man mit Vorliebe das auch sonst leicht zu verarbeitende Blei zur 
Erstellung dieser Gewichtchen wählt. Länge und Gewicht derselben schwan¬ 
ken bedeutend; 20cm für erstere und 10g für letzteres dürften wohl als 
Durchschnittszahlen gelten. Beim Weben werden nun die einen dieser 
Kettenfäden und mithin auch der Gewichte gehoben, während andere liegen 
bleiben. Es findet ein stetes Auf- und Niedersteigen und somit eine Reibung 
der dicht neben einander aufgehängten Gewichte statt. Allerdings ist die¬ 
selbe anfänglich nicht bedeutend, namentlich wenn die Bleidrähte recht 
glatt und allfällig noch mit einem Firniss überzogen sind. Aber allmälig 
löst sich letzterer ab, um so leichter, wenn einige Bleistäbchen verbogen 
werden und sich in Folge dessen mehr reiben, oder wenn der Weber bei seiner 
Arbeit unruhige, stossweise Bewegungen macht, so dass die Stäbchen ins 
Schlenkern gerathen, oder endlich, wenn der Stuhl auf einem unebenen oder 
vibrirenden Boden, z. B. auf einem wenig soliden Bretterboden, steht und 
so unregelmässige Bewegungen der Gewichte begünstigt. Ist einmal ein 
Theil der Stäbchen rauh, so schreitet der Abnutzungsprocess der Oberfläche 
immer rascher vor, oft so, dass die Stäbchen in wenigen Jahren einen sehr 
erheblichen Bruchtheil ihres Gewichtes verlieren. Das Abgeriebene ist bald 
Bleioxyd, von dem sich eine dünne Schicht auf den Gewichten nicht selten 
bildet, bald sind es ganz deutlich wahrnehmbare Partikeln von metalli¬ 
schem Blei. 

In manchen Etablissements bildet sich auf diese Weise Bleistaub in 
solchen Mengen, dass er einen breiten, grauen, quer unter dem ganzen 
Webstuhle, dem Harnisch entsprechend, verlaufenden Streifen bildet. Auf 
der Hand verrieben färbt er stark ab. Diese Streifen lassen sich nament¬ 
lich leicht wahrnehmen in trockenen Localen mit Bretterboden, während in 
den bei uns seltenen mit Böden aus gestampfter Erde, die meist sehr feucht 
sind, der Staub anklebt und weniger leicht zu bemerken ist Herr Prof. 
G. Lunge am Polytechnicum in Zürich hatte die Güte, eine chemische 
Untersuchung einer von mir selbst unter einem Webstuhle gesammelten 
Staubprobe vorzunehmen. Dieselbe enthielt 56*86 Proc. metallisches Blei!! 
Schon früher hatte die Untersuchung eines im ganzen Websaale zusammen¬ 
gewischten Staubes einen Bleigehalt von 37 Proc. nachgewiesen. Trotz 
diesen Ergebnissen wurde von den Fabrikbesitzern bestritten, dass Blei¬ 
staub in irgend welcher Weise in die Luftwege oder in den Magen der 
Arbeiter gelangen könne. Dass Beschmutzung der Hände mit Bleistaub zu 
einer Einverleibung zugleich mit eingeführten Nahrungsmitteln führen 
könnte, war nicht anzunehmen, da die Seidenweber durch ihren Beruf schon 
zur Reinhaltung der Hände genöthigt und daran gewöhnt sind. Eine Ab¬ 
lagerung von Staub auf die Esswaaren oder gar ein Einathraen von Blei¬ 
staub erklärte man als ausgeschlossen schon vermöge des grossen specifischen 


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lieber Bleivergiftung von Jacquardwebern. 277 

Gewichts des Bleies. Ich bat desshalh einen Fabrikinhaber, von den Heiz¬ 
rohren seines recht sauber gehaltenen Weblocals, die circa 4 m über dem 
Fussboden ob den hohen Jacquardstühlen angebracht waren, den dort an¬ 
gehäuften Staub herunterzuholen. Vom gleichen Gewährsmanne untersucht, 
enthielt er 9*84 Proc. Blei. 

Lag auch nach diesem Allem die Möglichkeit der Bleivergiftung durch 
die Gewichte der Jacquardstühle klar zu Tage, wurde doch die Richtigkeit 
der gestellten Diagnose in den als Bleierkrankungen erklärten Fällen an- 
gezweifelt. 

Dem gegenüber wurde der denkbar directeste Beweis zu leisten ver¬ 
sucht, indem man Blei in den Secreten, speciell im Urin, nachzuweisen 
trachtete. Nach den Angaben verschiedener Autoren hätte man auf Erfolg 
rechnen sollen, zumal bei einem von heftiger Bleikolik Befallenen, dem Jod¬ 
kali gereicht worden war. Trotz des eingeschlagenen möglichst sorgfältigen 
Verfahrens gelang es nicht, mehr als eine minime Spur von Blei in den 
untersuchten 120 g Harn nachzuweisen, so dass hierauf gestützt keine 
bestimmten Behauptungen aufgestellt werden konnten. Aehnliche Erfahrun¬ 
gen machte auch A. Gautier nach seinem oben erwähnten Buche. Auch 
er vermochte nie erhebliche Mengen von Blei, trotz vorhergehender Jod¬ 
kaliverabreichung, im Harn Bleikranker nachzuweisen. Dies ist ganz im 
Einklänge mit den Bestimmungen des Bleigehaltes der Organe eines an 
einem saturinen Hirnleiden Verstorbenen, wonach der Gehalt der Niere ein 
ganz minimer, reichlich aber derjenige des Darmes war. Wie ich nach¬ 
träglich erfahr, hat auch Herr Prof. Hermann seiner Zeit bei Fällen in 
der Berliner Charite vergeblich Blei im Harne gesucht, und nimmt an, es 
werde mit den Fäces ausgeschieden. Leider wurde auch in einem tödtlich 
abgelaufenen Stäfner Falle keine chemische Untersuchung vorgenommen, 
welche den directen Beweis hätte schaffen können. 

Die Zahl der ausgesprochensten Bleierkrankungen — und zwar aus¬ 
schliesslich bei Jacquardwebern — mehrte sich übrigens derart, dass auch 
die letzten Zweifel schwanden. Nicht nur die behandelnden Hausärzte 
waren ihrer Diagnose durchaus sicher, sondern auch die Vorstände der 
medicinischen und der psychiatrischen Klinik der Universität Zürich, die 
Herren Professoren Eichhorst und Forel, erklärten jeden Zweifel am 
Vorhandensein einer Bleiintoxication als ausgeschlossen. 

Dafür sprach schon der charakteristische Bleisaum des Zahnfleisches, 
der sich nicht nur bei den eigentlichen Bleikranken, sondern auch bei vielen 
anderen Jacquardwebern vorfand, die aus anderen Gründen zur ärztlichen 
Untersuchung gelangten. Dieser zeigte sich nicht nur in Stäfa, sondern 
auch in benachbarten, mit der Jacquardweberei sich beschäftigenden Ort¬ 
schaften nach der Aussage zuverlässiger Aerzte nicht selten. Er wurde 
sogar bei Fabrikbesitzern gefunden, die sich doch nur einen verhältniss- 
mässig kleinen Theil des Tages in den Weblocalen aufhalten. 

Ein Fall, der als typisch für die anderen beobachteten nach Aussage 
des Herrn Dr. Dolder in Stäfa gelten könnte, wurde mir von demselben 
folgendemaassen geschildert: E. G., 22 Jahre alt, Jacquardweber seit einem 


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278 


F. Schüler, 

Jahre, immer etwas schwächlich, sonst aber früher gesund, hatte in den 
letzten Monaten blässere Gesichtsfarbe, blasse Hautfarbe im Allgemeinen, 
magerte sichtlich ab, hatte schlechten Appetit. Am Zahnfleische zeigte sich 
ein deutlicher Bleisaum. Abdomen nirgends aufgetrieben, in der Magen- 
Nabelgegend und besonders auf der linken Seite des Bauches eiu reissender, 
zerrender Schmerz, der beständig vorhanden ist, sich aber oft derart stei¬ 
gert, dass Patient jammert und stöhnt. Der Schmerz wird durch Druck 
nicht vermehrt. In der Magengegend ist ein Gefühl von Vollsein vorhanden, 
als ob nichts mehr Platz hätte; Erbrechen und Würgen, bis Galle erscheint. 
Spontane Schmerzhaftigkeit in der Lendenrausculatur, Mattigkeit in den 
Armen und Beinen. Der Kopf ist frei; Zunge schwach belegt, starker 
Durst, Stuhlverstopfung, Harndrang circa alle zwei Stunden. Der Puls ist 
verlangsamt, 60 bis 62 per Minute, Temperatur ganz normal. 

In ähnlicherWeise verlief eine ziemliche Zahl von Fällen. Bemerkens¬ 
werth ist, dass bei mehreren Kranken nach einiger Zeit — sogar erst nach 
vier Wochen — reichliche Schweisse auftraten, die ohne alle prognostische 
Bedeutung waren. In einem dieser Fälle erfolgte einige Zeit später der 
Tod, nachdem zuvor halbseitige Lähmung eingetreten. 

Auch andere schwere Erscheinungen traten ein. So litt ein Kranker 
in Verbindung mit anderen saturinen Leiden an eclamptischen Anfällen 
und wurde in die Irrenheilanstalt im Burghölzli gebracht, wo er zuerst 
mit ganz umnebeltem Bewusstsein eintrat, was Bich bald verlor. Dagegen 
blieb nach dem Berichte von Herrn Prof. Forel an den behandelnden Arzt 
noch lange eine auffällige Gedächtnissschwäche, ein stumpfes apathisches 
Wesen. Der Kranke zeigte einen leichten Tremor der Zunge und der 
Hände, träge reagirende Pupillen, dabei unzweideutige Spuren chronischer 
Bleivergiftung, grosse Blässe, Schwäche und Abmagerung, lividen schiefer- 
farbenen Bleisaum am Zahnfleischrande, Verdauungsstörungen, Cardialgie, 
Dysurie, langsamen harten gespannten Puls; keine Extensorenlähmung, 
keine sonstigen Mobilitätsstörungen oder Sensibilitätsanomalien. Die im 
Anfänge gestörte, anstossende Sprache war bedeutend besser geworden. 
Beim Mangel jedes anderen ätiologischen Moments (Erblichkeit, Alkohol etc.) 
musste Prof. Forel annehmen, dass die chronische Bleivergiftung Ursache 
der früher erlittenen häufigen epileptischen Insulte, sowie der gegenwär¬ 
tigen der Paralyse am nächsten stehenden Psychose sei. Der Kranke wurde 
schliesslich geheilt. 

Die Gesammtzahl der aus Stäfa und dem benachbarten Mänedorf zu 
meiner Kenntuiss gelangten Fälle von erheblichen Bleivergiftungen belief 
sich vom November 1883 bis Ende Mai 1884 auf 16, worunter einer tödt- 
lich endete. 

Unter den übrigen 15 befand sich der oben erwähnte mit progressiver 
Bleiparalyse, 5 schwere Kolikfälle und der Rest setzte sich theils aus 
leichten Kolikfällen, theils aus solchen von Bleianämie und Cachexie zu¬ 
sammen. Diese 16 Fälle vertheilen sich auf die Bedienung von circa 
180 Jacquardstühlen, d. h. auf wenig mehr als 200 Personen. 


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279 


Ueber Bleivergiftung von Jacquardwebern. 

Nebenher liefen, nach den Mittheilungen von zwei Aerzten, leichtere 
Unpässlichkeiten von Jacquard Webern, z. B. leichte Gelenkschmerzen mit 
Heissen und Ziehen im Bauche und Verstopfung, welche mindestens muth- 
maasslich im Zusammenhänge mit der Bleieinwirkung standen. 

Es musste dem fremden Beobachter zuerst auffallend erscheinen, dass 
in einem so kurzen Zeiträume so viele Bleierkrankungen durch die Jacquard¬ 
weberei sollten veranlasst worden sein, während früber nichts von der¬ 
artigen Erscheinungen bekannt geworden. Genauere Nachfrage ergab aber, 
dass die Erscheinung keine neue, noch nie dagewesene sei. Ich erfuhr in 
den Fabriken selbst von einem Kranken, der schon wiederholt an Bleikolik 
gelitten, und man gab mir in einzelnen sehr geringen und unrein gehalte¬ 
nen Localen zu, dass schon vor Jahren vereinzelte Fälle von Bleierkrau- 
kungen vorgekommen. Namentlich Schwächliche sollen hier und da 
erkrankt sein. 

Ein Arzt erklärte ausdrücklich, schon im Jahre 1881 mehrere Fälle 
von Bleikolik bei Jacquard Webern in Behandlung gehabt zu haben, ein 
anderer erwähnt zwei Fälle aus den Monaten August und December 1882, 
über deren Aetiologie er, mit dem Technischen der Jacquardweberei nicht 
vertraut, erst jetzt ins Klare gekommen sei. Ebenso dürfte es Anderen 
gegangen sein; ja es wurde von ihnen selbst diese Vermuthung aus¬ 
gesprochen. 

Auch aus den Aussagen von Laien ergiebt sich Aehnliches. Eine 
erfahrene Jacquardweberin aus ganz anderer Gegend erzählte mir auf meine 
Frage, ob sie nie gehört, dass die Arbeiter ihres Industriezweiges an 
besonderen Krankheiten leiden: Fast alle Arbeiterinnen leiden nach einigen 
Monaten an Müdigkeit, Ziehen in den Gliedern, Magendrücken und Appetit¬ 
losigkeit, was sie zum Aussetzen der Arbeit zwinge. Man schreibe dies der 
Ermüdung durch die anstrengende Arbeit zu; sie aber habe gehört, das 
komme von den Bleigewichten her. Es scheint auch diese Aeusserung für 
die Annahme zu sprechen, dass Bleiintoxication früher ebenfalls, aber rela¬ 
tiv seltener und weniger heftig vorgekommen und theils verkannt, theils 
wenig beachtet und vergessen worden sei. 

Man richtete seih Augenmerk um so weniger darauf, als die Zahl der 
Jacquardstühle — wenigstens in den Gegenden, welche die angeführten 
Krankheitsfälle lieferten — früher eine geringere war und die Stühle mehr 
vereinzelt, nicht so fabrikmässig zusammengedrängt standen. Von den 
Arbeitern selbst hört man als weitere Ursache anführen, dass früher der 
Erwerb ein weit reichlicherer gewesen sei und dass die Weber heutzutage 
an den keinem Gesetze unterstellten, nur in kleiner Zahl beisammen befind¬ 
lichen Stühlen sehr lange ihrer anstrengenden Beschäftigung obzuliegen 
genöthigt gewesen seien, während das früher übliche Blaumachen an ein 
bis zwei Wochentagen oder das Vertauschen der industriellen mit der land¬ 
wirtschaftlichen Arbeit für kürzere Zeit, das früher oft vorgekommen, auf¬ 
gehört habe, dass sie also heutzutage länger und anhaltender den krank¬ 
machenden Einflüssen ausgesetzt seien. 


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280 


F. Schüler, 

Weit befremdlicher ist die Thatsache, dass nur einzelne Ortschaften 
oder Gegenden bleikranke Jacquardweber aufzuweisen haben; auffallend 
auch ist die Verschiedenheit der Erkrankungen in den Etablissements des¬ 
selben Ortes, sowie in den verschiedenen Jahreszeiten. Die überwiegende 
Mehrzahl der Fälle entfallt, im Gegensätze zu den sonstigen Beobachtungen 
bezüglich des Auftretens der Bleivergiftungen, auf den Winter, die Zeit, wo 
die Arbeitslocale stets geschlossen gehalten werden, die Arbeiter in den 
Arbeitspausen nicht ins Freie sich begeben. Sie finden sich ferner mit 
Vorliebe in niedrigen, mit Webstühlen vollgepfropften und vor Allem auch 
in unreinlich gehaltenen Localen. Es scheint auch ein bedeutender Unter¬ 
schied zwischen schlecht gebauten, bei jedem Schlage des Webstuhles in 
allen Fugen erzitternden, mit schlecht gefügten Fussböden und Holzget&feln 
versehenen und den geräumigen, solid gebauten Localitäten zu bestehen. 

Einen interessanten Beweis für die Bedeutung dieser Beschaffenheit bietet 
der Krankheitsfall einer Arbeiterin, die in einem der luftigeren und rein 
gehaltenen Etablissements an leichter Bleikolik erkrankte, und zwar nicht 
etwa im Websaale, soudern in einem Raume unter demselben, wo sie mit 
dem Rangiren der Carden beschäftigt war. Sie hatte durchaus mit keinen 
bleiernen oder bleihaltigen Gegenständen zu tbun und es konnte uur Blei 
in Staubform durch die Fugen des stets in Erschütterung befindlichen 
undichten Fussbodens an ihren Aufenthaltsort gelangen, um dort vermuth- 
lich von ihr eiugeathmet zu werden. 

Grosse Unterschiede scheinen auch zu bestehen je nach der Art der 
Fabrikate. 

So z. B. werden Webstühle, welche sehr breit oder sonst mit sehr 
viel Gewicht belastet sind, in der Regel in weniger rasche Bewegung 
gesetzt, so dass auch die gegenseitige Reibung weit geringer ausfallt. Aus 
Gegenden, wo solche Stühle vorherrschend verwendet werden, kommen in 
Folge dessen auch selten oder nie Berichte über Bleivergiftungen in die 
Oeffentlichkeit. 

Unendlich mehr als die Construction der Locale fallt deren Reinhaltung 
ins Gewicht. Dieselbe ist ungemein verschieden. Während es an manchen 
Orten keine Mühe kostet, ganze Hände voll Staub zusammenzuwischen, hält 
es an anderen schwer, auch nur zu einer kleinen Probe zu gelangen; aber 
dort wird vielleicht wöchentlich einmal nachlässig gekehrt, während dies 
hier mit aller Sorgfalt geschieht und zudem zweimal wöchentlich das 
Gerüste des Webstuhles, Fenstergesimse, Fensterrahmen und alle anderen 
Partieen, auf denen sich Staub ablagern könnte, sowie der Fussböden feucht 
abgerieben werden. Doch darf man sich nicht vorstellen, dass an solchen 
Stellen gar kein Bleistaub in der Luft suspendirt sich vorfinde. Der von 
sehr hoch oben angebrachten Heizrohren entnommene Staub im reinlichsten 
Weberlocale, das ich je gesehen, enthielt doch noch 0‘02 Proc. Blei, freilich 
einen sehr winzigen Gehalt. Solche Differenzen in der Reinlichkeit genügen, 
um grosse Ungleichheiten im Vorkommen der Bleierkrankungen in Ort¬ 
schaften und Gegenden mit ganz gleicher Beschaffenheit und Betriebsweise 
ihrer Jacquardstühle zu erklären. 


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281 


Ueber Bleivergiftung von Jacquardwebern. 

Ich habe mich bemüht, sowohl aus anderen Gegenden der Schweiz als 
auch von auswärts Aufschlüsse über das Vorhandensein ähnlicher Beobach¬ 
tungen zu erlangen, aber, wie schon Eingangs gesagt wurde, mit geringem 
Erfolge. 

So sind im Canton Basel, Stadt und Land, mit seiner ausgedehn¬ 
ten Jacquard Weberei, nach Ausweis der Baseler Spitallisten, wie nach den 
Angaben von Privatärzten, bei Seidenbandwebern nie Bleivergiftungen 
beobachtet worden, aber, fügt ein Berichterstatter hinzu, die Gewichte sind 
dort von Eisen. 

Der Aufseher einer sehr gut gehaltenen Jacquard Weberei im Aargau 
berichtet ebenfalls, er habe in derselben keine Fälle von Bleierkrankungen 
beobachtet, obwohl ihm derartige anderswo vorgekommene Fälle nicht 
unbekannt seien. 

Aus Deutschland, dessen Literatur schon so Weniges über diese 
Art von Intoxication aufweist, erhielt ich auf schriftliche Anfragen nur 
negative An Worten. So berichtete der Gewerbeinspector von Chemnitz, 
dass die Bleigewichte schon längst durch eiserne ersetzt seien, so dass 
keine allfällig vorgekommenen Bleierkrankungen mehr ermittelt werden 
konnten. Uebrigens spricht er die Vermuthung aus, dass die Verwendung 
von Eisengewichten wohl mehr auf den geringeren Kostenaufwand, den die¬ 
selben verursachen, als auf sanitäre Bedenken zurückzuführen sei. 

Von Lyon, wo die von Hand betriebenen Jacquardstühle noch fast 
durchweg mit Bleigewichten versehen sind, vermochte ich keine Beobach¬ 
tungen von ärztlicher Seite aufzutreiben. Hingegen erzählten mir schweize¬ 
rische Arbeiter, die dort in Arbeit gestanden: in der Stadt existiren wenige 
grosse Etablissements; meist halten kleine Unternehmer fünf bis sechs 
Gesellen, um die sie sich weiter nicht kümmern und die im Wirthshause 
leben. Die Arbeitsräume, in denen hier und da auch geschlafen werde, seien 
eng, dunkel und schmutzig; gearbeitet werde darin 13 bis 14 Stunden; die 
älteren Weber haben ein trauriges Aussehen, bestimmte Bleikrankheiten 
kenne man nicht, „aber man sei stets halb krank u . 

Trotz all diesen theils unbestimmten, theils negativen Angaben dürfte 
es aber, besonders Angesichts ganz bestimmter, in der medicinischen Litera¬ 
tur verzeichneten Beobachtungen, gewagt sein, auf ein ausserordentlich 
seltenes Vorkommen derartiger Bleikrankheiten bei den Jacquardwebern 
schliessen zu wollen. Lehrt doch die Geschichte der Medicin, wie gewisse 
gewerbliche Krankheiten Jahrhunderte lang zwar bekannt, nicht aber in 
ihren Ursachen erkannt waren! Zudem war die Gewerbepathologie bis vor 
wenigen Jahren ein den meisten Aerzten fern liegendes Gebiet, vor dem 
um so grössere Scheu herrschte, je geringerer Kenntnisse in der Technologie 
die Aerzte sich bewusst waren. Aber auch da, wo ein Fabrikarzt z. B. 
genauer mit den Lebensbedingungen der Arbeiter und den Formen ihrer 
Erkrankungen vertraut ist, sind es oft allerlei Rücksichten und Schwierig¬ 
keiten, die ihn abhalten, die von ihm gemachten Erfahrungen über Gefahren 
und sanitärische Uebelstände, welche den betreffenden Betrieben anhaften, 
zu publiciren und so auch weitere Kreise zur Beobachtung anzuregen. 


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282 F. Schüler, 

Noch, bedauerlicher wäre es, wollte man aus der geringen Zahl, nicht 
der vorgekommenen, sondern der bekannt gewordeuen Fälle, den. Schluss 
ziehen, dass einige wohl gemeinte Ermahnungen zu Vorsicht und Reinlich¬ 
keit genügen, um die Pflicht gegenüber den gefährdeten Arbeitern zu 
erfüllen. Man darf sich um so weniger damit begnügen, als die Jacquard¬ 
weberei bei dem immer allgemeineren Streben, jeden Gegenstand unseres 
Gebrauches möglichst zu verzieren und zu verschönern, voraussichtlich 
weitere Ausdehnung auch auf Gebieten gewinnen wird, die früher den 
Jacquardstuhl nicht verwendeten. Diese Wahrnehmung drängt sich gerade 
speciell in der Schweiz auf, wo die Baum Wollindustrie wieder Jacquard- 
stühle in grosser Zahl zu Ehreu zieht, die Jahrzehnte hindurch im Staube 
der Rumpelkammer gelegen und die noch gutentheils mit den alten Blei¬ 
gewichten versehen sind. 

Welcher Weg zur Beseitigung der Gefahren von Seiten der Bleigewichte 
eingeschlagen werden sollte, ist unschwer zu entscheiden. Das Vorgehen 
ausgedehnter Gebiete mit Jacquard Weberei, die Mahnungen vieler Fabri¬ 
kanten weisen darauf hin. Er besteht ganz einfach in der Beseitigung 
aller Bleigewichte und deren Ersatz durch solche aus unschäd¬ 
lichem Material. 

Es kann allerdings nicht in Abrede gestellt werden, dass schon scrupu- 
löse Reinlichkeit hinreicht, mit fast absoluter Sicherheit eine Bleiintoxication 
zu verhindern. Ich setze voraus, dass dies in der oben erwähnten überaus 
reinlichen Fabrik der Fall ist. Aber eine solche Reinlichkeit setzt auch 
Localitäten voraus, die gut beschaffen sind, deren Fussboden leicht zu reinigen 
ist, in welchen der Staub nicht in Hunderten von Schlupfwinkeln sich ein¬ 
nisten kann, um daraus immer aufs Neue emporzuwirbeln. Aber eine hin¬ 
reichende Reinlichkeit zu handhaben, gelingt nur, wo der Fabrikbesitzer 
mit eiserner Strenge darauf hält, der Aufseher seine Ehre darin setzt und 
das Arbeiterpersonal von Hause aus zu strenger Reinlichkeit geneigt ist; 
sehr häufig wird jeder Versuch, sie zu erzwingen, fehlschlagen. 

Wenn auch reichliche Ventilation als Vorbeugungsmittel angerathen 
wird, so wird dadurch in der Regel das Gegentheil erzielt. Allerdings 
bringt der immerwährende starke Luftstrom eine Menge Bleipartikeln ausser 
den Bereich des Arbeiters, indem er sie wegführt, aber eben so sehr wird 
er solche, die sich sonst absetzen würden, in der Luft schwebend erhalten. 
Mit allem Rechte haben daher die oben citirten französischen Autoren von 
starker Ventilation abgerathen. 

Die angedeuteten Schwierigkeiten einsehend, beseitigen viele Fabri¬ 
kanten der Seiden- und Baumwollbranche die bisher benutzten Bleigewichte. 
Andere versuchen schützende Maassregeln an den Bleigewichten und um 
dieselben. 

In welch verkehrter Weise dies oft geschieht, beweist der Brauch 
der Arbeiter von Lyon, der sich bei Dalmanesche erwähnt findet. Die¬ 
selben pflegen ihre Bleigewichte von Zeit zu Zeit in verdünnten Essig zu 
tauchen und dann trocknen zu lassen. Auch die Bildung eines Ueberzugs 
von Schwefelblei hat man empfohlen, allein die dünne Schicht desselben ist 
bald abgerieben. 


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283 


Ueber Bleivergiftung von Jacquardwebern. 

Weit zweckmässiger werden die Stäbchen mit einer Schicht von Lack 
überzogen, was an Unkosten etwa 3 Francs per Webstuhl verursacht. 
Aber die Zeitdauer, während welcher ein solcher dünner Ueberzug sichert, 
wird von den Franzosen nach ihren Erfahrungen nur auf V 4 bis 1 Jahr 
geschätzt, und es wäre alsdann die nämliche Procedur wieder vorzu¬ 
nehmen. In einem Falle sah ich eine besonders dicke, harte Schiebt 
von Lack aufgetragen, die an einzelnen Stühlen ungewöhnlich lange der 
Zerstörung widerstand; an anderen aber, wo das Schlenkern der Gewichte 
heftiger war oder wo durch irgend welche Unvorsichtigkeit rauhe Stellen 
veranlasst worden waren, blieb die schützende Decke nicht lange bestehen. 
Die Präparation hatte zudem so viel Mühe erfordert, dass der Preis der 
Gewichte dadurch sehr erheblich gesteigert wurde. 

Man hat endlich den Versuch gemacht, eine Art Trog anzubringen, 
welcher die Gewichte von fünf Seiten her umschliesst und dessen eine Seiten¬ 
wand nach Art einer Thür geöffnet werden kann. Diese Einrichtung ver¬ 
mochte sich aber keinen allgemeineren Eingang zu verschaffen, da sie 
einerseits doch etwas unbequem ist, andererseits nicht vollständig vor der 
Verbreitung des Bleistaubes in der Luft des Arbeitslocals schützt. 

Diejenigen, welche auf völlige Beseitigung des Bleies ausgingen, 
machten Versuche mit verschiedenartigem Material. Man wandte das Glas in 
Form von Kugeln an, was sich als unpraktisch erwies; man versuchte es 
ferner mit Glasstäbchen, denen aber ihre grosse Brüchigkeit vorgeworfen 
wird, und mehr noch der Umstand, dass sie bei zufälliger Benetzung oder 
wenn sich aus irgend einem Grunde die Feuchtigkeit der Luft auf sie 
niedergeschlagen hat, nicht mehr ungehemmt an einander vorbeigleiten. 
Ara häufigsten wird zum Eisen gegriffen, und zwar bald zu gegossenem, 
bald zu Drabtstäbchen, an die ein Oehr gestanzt wird. Letztere sind vor¬ 
nehmlich im Gebrauche. Erhebliche Gründe gegen dieselben werden nicht 
angeführt und es scheint wohl fast ausschliesslich der Kostenpunkt dieser 
Umänderung im Wege zu stehen. Und in der That belaufen sich die Aus¬ 
lagen und die Einbussen aus versäumter Arbeit auf eine ganz beträchtliche 
Summe, denn einzig die Noth Wendigkeit, die neu anzubringenden Gewichte 
wieder an die Harnischfäden aufzuhängen, sie „vorzurichten“, erfordert die 
circa sechstägige Arbeit einer Arbeiterin. Aber es ist nicht ausser Acht 
zu lassen, dass diese Procedur je nach der Art der Fabrikation an den einen 
Stühlen alle Jahre, an anderen alle zwei Jahre und nur an der grossen 
Minderzahl erst nach drei- und mehrjährigen Intervallen vorgenommen 
werden muss; die daherigen Kosten dürfen somit nicht auf Rechnung der 
sanitarischen Sicherheitsmaassregeln gesetzt werden, wenn für die Umände¬ 
rung der Ablauf des eben erwähnten Termins abgewartet wird. So blieben 
denn nur noch die Kosten für die anzuschaffenden Gewichte, abzüglich des 
Erlöses aus dem zu beseitigenden Blei zu berücksichtigen. Fataler Weise 
werden nun bis anhin für die Eisengewichte übermässig hohe Preise von 
den Lieferanten gefordert, was sich zum Theil aus dem geringen Consum 
erklären mag. Würde die Herstellung in grossen Quantitäten erfolgen, so 
würde sich der Preis ausserordentlich ermässigen, wie aus mir vorliegenden 
Offerten hervorgeht. (Statt einem Preise von 28 Frcs. per Tausend, wie 


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284 F. Schüler, Ueber Bleivergiftung von Jacquardwebern. 

ich schon bezahlen sah, besitze ich Angebote zu 7 Frcs. 20 Cent bei einem 
Gewichte von 7 bis 10 g, zu 7 Frcs. 60 Cent bei 11 g mit einer Preis- 
reduction von mindestens 40 Cent, wenn dieselben nicht l&ckirt sein 
müssen.) 

In Gegenden, wo die Bleigewichte noch sehr verbreitet sind, wird 
aber die erforderliche rasche Consumsvermehrung nur dadurch geschaffen, 
dass durch eine gesetzliche Vorschrift, ein Gebot der Umänderung, inner¬ 
halb bestimmter Frist ein bestimmter Bedarf herbeigeführt wird. Die gleiche 
Maassregel, welche dem Webstuhlbesitzer gewisse Lasten aufladet, wurde 
somit auch zur Folge haben, dass die Kosten der Ausführung in ganz be¬ 
deutendem Maasse vermindert werden. Sie würden nach den Berechnungen 
competenter Fachleute kaum höher als 20 bis 25 Frcs. per Webstuhl anzu¬ 
schlagen sein, wenn eine zwei-, höchstens dreijährige Frist für die Um¬ 
änderung gewährt würde. Dieser Betrag kommt kaum in Betracht gegenüber 
dem Risico, das der Fabrikant da über sich nimmt, wo Haftpflichtgesetze 
ihn für die Gesundheitsschädigungen verantwortlich machen, welche seine 
Arbeiter durch die Einwirkung des Bleies erleiden. 

Noch bleibt ein Punkt zu erwähnen, der zwar von minderem Belange 
ist. Die Seidenindustrie benutzt auch Webstühle mit Trittvorrichtungen 
mit bleiernen Geschirrgewichten. Dass auch hier ziemlich viel Blei sich 
abreiben und im ganzen Arbeitslocale herum bleihaltiger Staub sich absetzen 
kann, beobachtete ein Fabrikbesitzer, der sich dadurch zur Beseitigung des 
Bleies veranlasst sah. — Es Anden sich ferner Bleigewichtchen — mehr als 
1000 an der Zahl — an den Lisirmaschinen, wo sie freilich geringer Rei¬ 
bung ausgesetzt sind. Dessen ungeachtet dürfte auch hier die Möglichkeit 
einer Bleierkrankung wohl ins Auge zu fassen und noch besser auf das 
gefährliche Metall zu verzichten sein. Zeigt sich doch immer mehr, je 
allgemeiner das Studium der Gewerbehygiene betrieben wird, wie in allen 
denkbaren Formen und unter den mannigfaltigsten Verhältnissen das Blei 
die Quelle schwerer Gesundheitsschädigungen werden kann. Nur zu leicht 
wird dies unbeachtet gelassen, gemachte Erfahrungen, wie unter Anderem 
auch vorliegender Bericht ßie anführt, vergessen. Es dürfte wohl nicht 
überflüssig gewesen sein, auch diese wieder, vereint mit neuen Beobach¬ 
tungen, in Erinnerung zu rufen. 


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Dr. A. Spiess, Zur praktischen Lösung der Subsellienfrage. 285 


Zur praktischen Lösung der Subsellienfrage. 

Von Stadtarzt Dr. A. Spiess (Frankfurt a. M.). 


Es ist in den letzten beiden Decennien über die zweckmässigste Art 
der Subsellien für öffentliche Schulen so viel geschrieben worden, es sind 
so zahlreiche Modelle l ) erfunden und die vorhandenen stets verbessert wor¬ 
den, dass es vielleicht scheinen dürfte, als wären über diese Frage der 
Worte genug gewechselt, als sei jetzt jeder Schulbehörde genügend bekannt, 
was das Richtige sei, und als sei es nunmehr lediglich Sache der Schul¬ 
behörden, die vorhandenen Resultate zahlreicher Untersuchungen und Vor¬ 
schläge praktisch durchzuführen, vorausgesetzt natürlich, dass sie — was 
aber heutzutage kaum mehr fehlen dürfte — Verständnis und Würdigung 
habe für die hohe Bedeutung richtiger Subsellien für die Gesundheit des 
heranwachsenden Geschlechtes. 

So ähnlich habe ich wenigstens gedacht, als ich vor nunmehr etwa 
l l /i Jahren die Stelle eines Stadtarztes in Frankfurt a. M. antrat, in wel¬ 
cher ja gerade die Schulhygiene einer der wesentlichsten Theile meiner 
Thätigkeit bildete. Aber schon sehr bald musste ich bei einer vom hygie¬ 
nischen Standpunkte vorgenommenen genauen Besichtigung aller hiesigen 
öffentlichen Schulen die Erfahrung machen, dass für die Grössen Verhältnisse 
und Aufstellung der Subsellien in den einzelnen Classen nirgends bestimmte 
Normen oder auch nur bestimmte Principien vorhanden waren. Und so wie in 
Frankfurt wird es zweifelsohne in vielen anderen Städten der Fall sein. Die 
Meinung, dass es vielleicht für Manchen nicht ohne Interesse sein könnte 
zu erfahren, in welcher Weise ich versucht habe, Ordnung in die Subsellien¬ 
frage für unsere Stadt zu bringen, und welche Beobachtungen und Erfah¬ 
rungen ich dabei gemacht habe, ist die Veranlassung zu der Veröffent¬ 
lichung der nachstehenden Mittheilungen. 

Frankfurt besitzt zur Zeit, abgesehen von den Schulen der israeli¬ 
tischen Gemeinden, von einigen katholischen Privatschulen und einer Anzahl 
Privatinstitute, 28 öffentliche städtische Schulen (8 höhere Schulen, 5 so¬ 
genannte gehobene Bürgerschulen, 12 Bürgerschulen und 3 Volksschulen), 
mit circa 16 000 Schülern. Von diesen Schulen resp. den von ihnen als 
Schulen benutzten Räumen sind zwei in nicht für Schulzwecke gebauten, 
neueren Häusern untergebracht, fünf haben schon in der ersten Hälfte dieses 
Jahrhunderts bestanden oder sind in dieser Zeit gebaut worden, fünf stammen 


*) In Berlin befindet sieh eine Sammlung von Schulsubsellien, als Rest der hygieni¬ 
schen Ausstellung und als Anfang des Hygienemuseums, die, ohne schon vollständig zu 
sein, bereits circa 70 Modelle enthält. 


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286 


Dr. A. Spiess, 

aus den Jahren 1850 bis 1866, die meisten aber, 16, sind seit dem Jahre 
1870 gebaut, meist grosse Doppelschulen. Die beiden in Privathäusern 
untergebrachten, sowie die fünf aus der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts 
oder von noch früher stammenden Schulen entsprechen selbstverständlich 
nur in sehr geringem Maasse den heutigen hygienischen Anforderungen, 
wenn auch durch Umbau zweier derselben in den siebenziger Jahren und 
durch möglichste Verbesserungen Vieles geschehen ist, um sie diesen An¬ 
forderungen soweit thunlich anzupassen. Schon weit mehr Rücksicht auf 
die hygienische Seite findet sich in den fünf in den Jahren 1850 bis 1866 
neu gebauten Schulen: ausschliesslich Längsclassen, helle, breite Corridors 
und feuersichere Treppen und manches Andere bekunden schon einen wesent¬ 
lichen Fortschritt im Schulbauwesen in unserer Stadt. 

Einen bedeutenden Umschwung, wie in dem ganzen städtischen Schul¬ 
wesen, so auch im Schulbau brachten aber erst die siebenziger Jahre, in 
denen neun grosse neue Schulen entstanden, denen sieben weitere in den 
letzten fünf Jahren folgten. Diese 16 Schulen wurden gebaut unter dem 
, sehr, wesentlichen Einfluss der in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre 
zuerst auf dem Kampfplatz erscheinenden „öffentlichen Gesundheitspflege“. 
Unter ihrem in Frankfurt bekanntlich wesentlich durch Geh.-Rath. Varren- 
trapp getragenen Einfluss Hess der Aerztliche Verein im Jahre 1869 dem 
Magistrat ein „Gutachten über Schulbauten von dem Standpunkte der öffent¬ 
lichen Gesundheitspflege“ und zwei Jahre später einen „Bericht über die 
zweckmassigste Einrichtung der Schulbänke und Schultische“ zugehen, 
denen beiden der Magistrat sich anschloss, und die bei allen seit jener Zeit 
errichteten Schulbauten volle Berücksichtigung gefunden haben. Hierdurch 
besitzen wir in Frankfurt neben einer kleinen Zahl den heutigen Anforde¬ 
rungen nicht entsprechender Schulbauten eine sehr grosse Anzahl pracht¬ 
voller, zweckmässiger und den hygienischen Forderungen in weitem Maasse 
entsprechender Schulbauten, von denen einzelne als Muster bauten angesehen 
werden können. So kam es, dass, alB im vorigen Frühjahre unsere Behör¬ 
den, in dem Bestreben, noch Besseres und Vollkommeneres zu erreichen, eine 
allgemeine Concurrenz für eine grosse „Doppelschule ausschrieben, auf 
welche hin 54 vielfach treffliche Pläne eingingen, mit Ausnahme gering- 
fügiger Nebendinge kein Plan etwas Neues und Besseres brachte, als wir 
in unseren neusten Schulbauten schon besitzen, und desshalb auch keiner der 
prämirten Pläne zur Ausführung kommen wird. Besseres und Vollkom¬ 
meneres lässt sich nur bei vermehrten Ausgaben erreichen und unsere städti¬ 
schen Behörden, die seit lange für die hygienischen Verhältnisse unserer 
Schulen warmes Interesse und einen offenen Beutel haben, werden mit der 
Zeit wohl auch noch einige weitere, vom sanitären Standpunkte berechtigte 
Forderungen, denen gegenüber sie Bich bis jetzt noch ablehnend verhalten — 
ich erwähne nur die gedeckten Hallen zum Aufenthalt in den Pausen bei 
schlechtem Wetter — ihre Zustimmung nicht versagen. 

In allen diesen neueren Schulen sind zweisitzige eiserne Sub¬ 
sellien (mit Ausnahme einer Volksschule, in der der Raumverhältnisse der 
Classenzimmer halber viersitzige Subsellien sind), in den Schulen au9 den fünf¬ 
ziger Jahren sind ebenfalls meist zweisitzige, mehrfach aber hölzerne 
Subsellien und von den sieben älteren Schulen sind einige in den letzten 


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Zur praktischen Lösung 4er Subsellienfrage. 287 

Jahren mit neuen zweisitzigen eisernen Subsellien versehen worden, während 
einige wenige allerdings noch lediglich alte, unnumejrirte und unnumerirbare 
hölzerne Subsellien aller Grössen und Gestalten haben. Wir könnten also 
mit der Möblirung weitaus der grössten Zahl aller unserer Schulen, der 
neuen wie auch älterer, wohl zufrieden sein, wenn in der Auswahl und Auf¬ 
stellung dieser Subsellien seitens der Baubehörden und in ihrer Benutzung 
seitens der Lehrer stets einheitlich und sachkundig vorgegangen worden wäre. 
Dies ist aber keineswegs geschehen, die bedeutenden Summen, die in den 
letzten 15 Jahren für die neuesten und besten Subsellien ausgegeben worden 
sind, haben vom hygienischen Standpunkte nicht rentirt, es ist vielleicht 
nicht zu viel gesagt, wenn ich behaupte, dass wenigstens die Hälfte der 
Schüler auch bei den neuen Subsellien nicht an den für ihre Grössen Ver¬ 
hältnisse passenden Tischen gesessen haben. Zum Tbeil hat dies in der 
Art und Aufstellung der Subsellien, zum weitaus grösseren Theil aber in 
der Indifferenz der Lehrer der hygienischen Wichtigkeit passender Subsel¬ 
lien gegenüber gelegen. Hier ist ein recht eigentliches Feld für den von 
vielen Seiten noch immer so gefürchteten „Schularzt“; nicht die Aufstellung 
bestimmter schulhygienischer Normen allein, zu denen Manche sich wohl 
verstehen wollen, genügt, sondern die stete Ueberwachung von deren Durch¬ 
führung, mehr aber noch die Anregung und Belehrung durch den Schularzt 
über tausenderlei hygienische Details ist erforderlich. 

Nachdem der Frankfurter Aerztliche Verein zuerst im Jahre 1869 die 
Forderungen der Hygiene an Schulbauten den städtischen Behörden zum 
Ausdrucke gebracht hatte, liess er diesem ersten Bericht zwei Jahre später 
einen zweiten folgen, der gestützt auf die bis dahin gemachten Vorschläge 
betreffend zweckmässiger Subsellien und auf eigene auf nahezu 6000 Schul¬ 
kinder sich erstreckende Messungen bestimmte Anträge stellte, in welcher 
Art in Zukunft die neu anzuschaffenden Subsellien construirt und wie sie 
vertheilt werden sollten. Diese Sätze, die die Behörden bereitwilligst an- 
nahmen, sind seitdem die Grundlage für die sehr zahlreichen Subsellien- 
anSchaffungen geworden und geblieben, in einzelnen Punkten unverändert, 
in anderen mit mannigfachen und nicht immer glücklichen Veränderungen. 

Zur ersten Classe, den unverändert gebliebenen Punkten, gehören: 

a) Die zweisitzigen Subsellien, die von dem Aerztlichen Verein 
vorgeschlagen wurden, die Bich hier wie überall trefflich bewährten und 
von denen abzugehen sich nie ein anderer Grund bot, als etwa die räum¬ 
lichen Verhältnisse der Gassenzimmer. Dieser Grund trat allerdings in 
Frankfurt einige Male ein. Einmal da, wo in alten Schulräumen, die mit 
neuen Subsellien möblirt wurden, die Zimraerbreite die Aufstellung von 
drei Reihen zweisitziger Subsellien in vier Gängen nicht erlaubte und 
ferner in einer neuen grossen Doppelvolksschule mit 16 Gassen für je 
80 Schüler, in denen bei nur sechs Schülern in einer Reihe die Gassen eine 
allzu grosse Länge hätten erhalten müssen und dem dadurch begegnet wurde, 
dass man je acht Kinder auf zwei viersitzige Subsellien setzte; vier Reihen 
zweisitziger Subsellien und fünf Gänge hätte hier eine allzu grosse Breite 
der Gassenzimmer bedingt. Diese Verhältnisse, die vom sanitären wie vom 
pädagogischen Standpunkte nicht zu vertheidigen sind, haben in eigen¬ 
tümlichen, ausserhalb dos Gebietes der Hygiene liegenden Verhältnissen 


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288 


Dr. A. Spiess, 

ihren Grand and Bollen gewiss nicht als nachahmenswerth empfohlen werden, 
obgleich ein Nachtheil aus der Viersitzigkeit der Sabsellien, wie unten noch 
näher besprochen werden soll, durchaus nicht entsteht. — In den erwähnten 
alten, für drei Subsellienreihen zu schmalen Classen, von beispielsweise 
nur 5*5 m Breite, in denen Inan bei Neumöblirung durch Aneinanderstellen 
von zwei Subsellienreihen (wodurch in der That viersitzige Subsellien 
entstehen) den vierten Gang Bparte, habe ich bei nicht zu breiten Sub- 
sellien durch das bekannte staffelweise Stellen der zweisitzigen Subsellien 
doch vier Gänge erhalten, die zwar etwas schmal waren, aber genügten, da 
bei dieser Aufstellung auch bei gleichzeitigem Aufstehen aller Schüler nie 
zwei Schüler neben einander in einen Gang zu stehen kommen, sondern 
alle in einer Reihe hinter einander stehen. 

b) Als Abstand von Tisch und Bank hatte der Aerztliche Verein seiner 
Zeit die Null di stanz empfohlen und hat man nie Grund gehabt, darüber 
zu klagen oder davon abzugehen. Es ist gewiss überflüssig, die zahlreichen 
Vortheile und Nachtheile der Null- wie der Plus- oder Minusdistanz, die 
von den verschiedenen Autoren für jeden dieser Abstände vorgebracht sind, 
nochmals zu berühren, zweifellos hat jede Stellung ihre Vorzüge und Nach¬ 
theile und es wird jeder Schulbehörde überlassen bleiben müssen, sich die 
Stellung zu wählen, die für ihre besonderen Verhältnisse passt. I)a wir in 
Frankfurt mehrsitzige Subsellien mit festen Bänken nirgends haben, konnte 
die gewiss unzweckmässige Plusdistanz, deren einziger Vorth eil ist, dass die 
Schüler bei fester Bank aufstehen können ohne herauszntreten, nicht in 
Frage kommen. Der Minusdistanz gegenüber, die eigentlich die rationellste 
ist, hat die etwas zu grosse Beengung des Schülers und das etwas er¬ 
schwerte Austreten aus der Bank zu Gunsten der Nulldistanz entschieden t 
die jetzt ausschliesslich in unseren Schulen in Gebrauch ist. 

In einigen anderen Punkten dagegen hat man im Laufe der Jahre an 
den Vorschlägen der Commission mannigfache Aenderungen vorgenommen, 
so namentlich in der Art und Form der Subsellien und in ihren 
Grössenverhältnissen. 

Art und Form der Subsellien. 

Nachdem es den unermüdlichen Kämpfen von Dr. Varrentrapp end¬ 
lich gelungen war, die städtischen und Schulbehörden von der Zweckmässig¬ 
keit zweisitziger Bänke und Tische mit fester gegenseitiger Verbindung 
ohne wagerechten Abstand und mit passender Rückenlehne zu überzeugen, 
wurden seit 1870 solche in allen seitdem neu erbauten oder umgebauten 
Schulen eingeführt. In den ersten drei Jahren kamen zweisitzige hölzerne 
Subsellien zur Verwendung, und obwohl man mit dieser Neuerung wohl zu¬ 
frieden war, wurden sie doch vom Jahre 1873 an durch die eisernen Sub¬ 
sellien verdrängt. 

Eiserne Subsellien waren zuerst in Amerika, dann in der Schweiz 
versucht worden, konnten aber in Deutschland keinen rechten Eingang fin¬ 
den, bis im Jahre 1873 die Firma Spohr & Krämer in Frankfurt a. M. 
eiserne Subsellien „nach amerikanischem System“ herstellte 1 ), mit denen 

*) S. diese Vicrteljahrsschrift Bd. VII, S. 386, woselbst auch Abbildungen. 


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Zur praktischen Losung der Subsellienfrage. 28Ö 

die in diesem Jahre eröffnet« Bürgerschule „Ostendschule“ zuerst möblirt 
wurde und die dann eine Reihe von Jahren hindurch bei allen Neuanschaf¬ 
fungen von Subsellien verwandt wurden. Das Princip dieser sogenannten 
amerikanischen Subsellien besteht bekanntlich darin, dass mit Ausnahme 
des Tisch- und Bankbretts, des Bücherbretts und der Rückenlehne alle Theile 
des Subsells aus Eisen sind und ferner darin, dass auf demselben eisernen 
Untergestell nach hinten gehend die Tischplatte, nach vorn gehend die 
Bankplatte zu dem davorstehenden Subselliura angebracht wird. Die Vor¬ 
theile, die man diesem neuen System zusprechen müsste, waren so bedeu¬ 
tend und so in die Augen springend, dass es rasch die hölzernen Subsellien 
verdrängte und in den nächsten Jahren ausschliesslich diese eisernen Sub¬ 
sellien zur Verwendung kamen. 

Ihre Vortheile sind folgende: 1) Mit Recht sagte man, dass, wenn man 
für alle einzelnen Dimensionen eines Subsells genaue dem kindlichen Kör¬ 
per angepasste Maasse aufstelle, man auch eine genaue Einhaltung der 
vorgeschriebenen Maasse sich sichern müsse und dies nicht möglich sei, 
wenn man die Anfertigung jeden Schnlpultes in allen seinen Theilen einzel¬ 
nen Handwerkern übertrage. Diesem Missstande hoffte man sicher dadurch 
abzuhelfen, dass man die maassgebendsten Theile des Subselliuro in Guss¬ 
eisen, also in ganz gleichen, bestimmten Grössenverhältnissen herstellte. 
2) Das ganze Subsellium wird